Sommer-Kulturgeschichte: Tjerk Ridder und Esel Lodewijk wandeln weiter auf den Spuren von St. Martin – #BonneRoute

Tjerk Ridder ist einmal mehr unterwegs. Meinen LeserInnen dürfte der Musiker und Theaterkünstler aus der Domstadt Utrecht kein Unbekannter sein. Abermals hat nun er seine geliebte Heimatstadt zu Fuß verlassen. Das Projekt in diesen Sommer trägt den Titel „Bonne Route“ – das kann man mit „Glückliche Straße“ übersetzen. Sie erinnern sich: im Jahr 2017 liefen Tjerk Ridder und sein Esel Lodewijk die neue europäische Kulturroute „Het Martinus-Weg“ von Paris nach Utrecht. Unter dem Titel „In Het Licht Van Martinus“ wandelten beide auf den Spuren keines geringeren als Sankt Martin. Und in Folge dessen interessierte sich Tjerk Ridder natürlich für das Thema „Teilen“ und dafür, was den Menschen heute Solidarität bedeutet. (Mein Bericht dazu hier.)

Seit dem 1. Juli 2018 nun setzen Tjerk und Lodewijk die Wanderung auf dem Martinus-Weg von Utrecht über Noord-Holland in die Provinz Friesland im Rahmen des Programms Leeuwarden 2018, Kulturhauptstadt Europas, fort. Der Spaziergang wird beide inzwischen gut aufeinander eingespielte Wanderer zu den Martinitoren in Groningen führen, wo Tjerk Ridder seine neue Aufführung „Bonne Route“ spielt. Vom 23. bis 27. August wird er sie ebenfalls beim Theaterfestival Noorderzon und dann an anderen Orten in den Niederlanden und Belgiens darbringen.

Informationen zum Ansinnen des Projektes (via Tjerk Ridder)

Sint Maarten (Sankt Martin)

Vor 1700 Jahren teilte Martinus von Tours, oder St. Martin, seinen Mantel mit einem Bettler am Tor der französischen Stadt Amiens. Bis heute gilt das als ein Symbol für Barmherzigkeit und Solidarität und, das viele Menschen in Europa und anderswo in der Welt seit Jahrhunderten inspirierte und inspiriert.

Rückblick: Martinus-Pfad 2017

Von Paris über Amiens und Ypern nach Utrecht

Die neue europäische Kulturroute „Der Martinusweg“ ist eine Route entlang des historischen Erbes von Krieg und Frieden. Im Jahr 2017 haben Tjerk und sein Eselchen Lodewijk diese 800 Kilometer lange Strecke von Paris nach Utrecht zurücklegt. Tjerk erlebte tagtäglich, was es bedeutet, auf sich alleine gestellt zu sein auf den Chausseen zu wandeln und stets von anderen abhängig zu sein. Er sah sich konfrontiert mit fortschreitender Zeit, einer ziemlichen Distanz des Weges und Grenzen, die ihm gesetzt waren, aber auch mit seinen Wünschen, sowie dem Druck diese zu kontrollieren.

Aktuell: Martinus-Weg 2018: von Utrecht über Leeuwarden nach Groningen

In diesem Sommer durchquert Tjerk mit seinem Kameraden Lodewijk den Martinusweg in den Norden der Niederlande, von Domtoren nach Martinitoren. Zusammen mit Esel Lodewijk geht er von Nord-Holland, über den Damm in die Provinz Friesland – im Rahmen des Programms Leeuwarden 2018 (Kulturhauptstadt 2018). Des Thema Ulme Mienskip (Westfriesisch für „offene Gemeinschaft“) hat eine direkte Verbindung mit dem Thema „Teilen“. Unterwegs besuchen Tjerk und Lodewijk alle möglichen Projekte und Programmteile der europäischen Kulturhauptstadt. Dann werden sie im August ihr endgültiges Ziel, den Martini-Turm in Groningen erreichen.

Inspiriert von der Lebensgeschichte St. Martins tauscht sich Tjerk über das Thema des Teilens mit Menschen aus, denen er auf dem Weg begegnet. Wie teilen sie Zeit, Geschichten, Liebe, Trauer und Besitz? An den Reiseerfahrungen können Sie über Tjerks Blog sowie dessen YouTube-Kanal und über seine anderen sozialen Medien (Twitter; Hashtag #BonneRoute und Facebook) Anteil nehmen.

Crowdfunding-Kampagne 2018 und teilen

Da Martinus die Hälfte seines Umhangs teilte, teilt Tjerk die Hälfte der Summe, die er durch die Crowdfunding-Kampagne sammelt, mit speziellen persönlichen Initiativen, denen er auf dem Weg begegnet. Möchten Sie mehr darüber lesen und die Reise und das Projekt unterstützen? Das ist sehr willkommen: Klicken Sie hier für die Crowdfunding-Kampagne.

Bonne Route! – die Aufführungen

Dieser gewiss auch Sie, liebe Leserinnen und Leser, inspirierende Spaziergang – nimmt man die Reise vom letzten und von diesem Sommer zusammen – vom Eiffelturm zu den Martinitoren voller sicherlich besonderer Geschichten führt geradewegs zur dritten Theaterproduktion des Utrechters Tjerk Ridder. Er wird diese vom 23. bis 27. August auf dem Theaterfestival Noorderzon in Groningen und an anderen Orten in den Niederlanden und Belgien spielen. Alle Aufführungstermine sind hier zu finden.

Die vorangegangenen Projekte Tjerk Ridders, die ebenfalls in Multimedia-Show und Theateraufführungen, sowie ein Buch übersetzt wurden

Tjerk Ridder (rechts), musikalisch begleitet von Mattijs Spek (links). Aufführung „Anhängerkupplung gesucht!“ auf Zeche Zollverein in Essen. Foto: C. Stille

Sie werden sich da womöglich an das Projekt „Anhängerkupplung gesucht!“ erinnern, wo Tjerk Ridder auch Erfahrungen auf deutschem Boden sammelte bzw. später seine Multimedia-Show auch erstmals auf Deutsch spielte.

Oder auch an seine zweite Reise A Slow Ride – Spuren der Freiheit“ .

Und hier nochmals nachzulesen der Bericht über denn ersten Teil seiner Reise im Sommer 2017 auf den Wegen von St. Martin „In Het Licht Van Martinus“ zu welcher nun die gegenwärtige Wanderung unter dem Titel „Bonne Route“ als Pendant im wahrsten Sinne des Wortes im Gange ist. Alle Beiträge zu Tjerk Ridders künstlerischen

Tjerk Ridder zurück auf Zollverein auf der Bühne des Salzlagers; Fotos: Stille

Projekten auf meinem Blog finden Sie hier.

Tjerk Ridder erfährt auch diesmal Unterstützung

Die Universitätstierklinik, Fachgebiet „Pferde“, der Universität Utrecht unterstützt die Bonne Route ein weiteres Mal durch Beratung und tierärztliche Versorgung für den kleinen Esel Lodewijk. Die Firmen Anemone – Pferde, Trucks und Triorep“ sorgen für einen guten und sicheren Transport.

Video: via Tjerk Ridder/You Tube)

Es ist am Afsluitdijk (Abschlussdeich) aufgenommen.

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Tjerk Ridder unterwegs im Licht von Martinus: Was bedeutet den Menschen das Teilen und Solidarität heute?

Tjerk Ridder dürfte meinen Leserinnen und Lesern bekannt sein. Der niederländische Theatermacher und Musiker aus der Domstadt Utrecht hat bereits mit zwei interessanten Projekten auf sich Reden gemacht. Sie waren stets mit einer Reise verbunden. In „Trekaak Gezocht!“ („Anhängerkupplung gesucht!“) im Jahre 2010 ging es darum mit einem Campingwagen (ohne Zugfahrzeug) von Utrecht nach Istanbul zu gelangen. Der Grundgedanke dabei: Man braucht andere, um voranzukommen.

Erlebnisse und Eindrücke von unterwegs flossen in Videos, ein Buch und Bühnenprogramme ein

Ridders fünf Jahre später unternommenes zweites Projekt trug den Titel „A Slow Ride – Sporen van Vrijheid“ („Langsame Reise – Spuren der Freiheit“). „A Slow Ride – Spuren der Freiheit“ wurde eine symbolische und poetische Reise über Freiheit und Befreiung. Aber spürte auch Gefühlen der Unfreiheit nach. Tjerk Ridders Ziel: „Dich und alle unterwegs Beteiligten auf der Suche nach ihrer persönlichen Bedeutung von Freiheit zu

Tjerk Ridder mit Esel Lodewijk. Foto via Tjerk Ridder

befragen, um anschließend das eigene Erleben von Freiheit weiter zu entwickeln.“

Auf jeweils beiden Reisen entstanden Videos und Songs, welche von den Begegnungen mit Land und Leuten erzählen. Zu „Anhängerkupplung – gesucht!“ kam ein Buch heraus. Songs fanden Eingang in die jeweiligen Bühnenprogramme. Welche der Utrechter in den Niederlanden, Deutschland und im niederländischen Konsulat in Istanbul aufführte und welche auch jetzt weiter gezeigt (hier) werden.

Begleitet wurde Ridder auf der Anhängerkupplung-gesucht-Tour von einem Freund, dem Journalisten Peter Bijl, sowie seinem Hund Dachs. In „Slow Ride – Sporen van Vrijheid“ war eine kleine Kutsche ein wichtiges Transportmittel, das vom belgischen Arbeitspferd Elfie gezogen wurde.

Tjerk Ridder – In het Licht van Martinus“ mit „ezeltje Lodewijk“

Nun wirft ein weiteres Reiseprojekt von Tjerk Ridder seine Schatten voraus.

Logo der Grande Parade Saint-Martin Tours. Grafik via Stadt Tours.

Ridder wird am 1. Juli 2017 mit dem Esel Lodewijk (Ludwig) anlässlich der Internationalen Martinus-Parade in Tours in Frankreich sein.

Die Geschichte von Sankt Martin (Martinus) wird den meisten von uns gewiss geläufig sein. Sankt Martin teilte am Stadttor der französischen Stadt Amiens seinen Mantel mit einem Bettler. Seither symbolisiert die Mantel-Teilung Mitgefühl und Solidarität für viele Menschen in Europa und andernorts auf der Welt.

Eine soziokulturelle Wallfahrt entlang Martins europäischer Kulturroute möchte Tjerk Ridder unternehmen. Der Pilgerweg soll am 4. Juli 2017 von Paris aus beschritten werden. Die Reise führt über Arras, Ieper, Gent, Brüssel, Antwerpen, Bergen op Zoom und Breda nach Utrecht. Es ist geplant, dass Tjerk Ridder mit Lodewijk am 2. September 2017 auf dem Domplein ankommt. Dort soll die Heimkehr gefeiert werden.

Was bedeutet Teilen für uns?

Tjerk Ridder erforscht wiederum wie wir in unserer Gesellschaft miteinander umgehen. Was bedeutet Teilen für die Menschen in Zeiten der Veränderung? Wie ist es mit der Solidarität mit unseren Mitmenschen bestellt? Wie teilen wir gemeinsame Zeit, Wissen, Trauer, Liebe, Essen und vielleicht Eigentum? Wie sind wir sind in der Lage, miteinander in unserem täglichen Leben wirklich zu kommunizieren, wenn es um unsere eigene Nachbarschaft geht – in Europa und auf unseren Planeten? Inspiriert ist die Reise von der Tat, der Mantel-Teilung, des barmherzigen Martins. Tjerk ist einmal mehr an einem Erfahrungsaustausch über das Thema des Teilens mit Menschen, welche er auf dem Weg wird, interessiert.

Unterstützt werden kann das Projekt via Crowdfunding. Informationen auf YouTube und in den sozialen Medien

Verfolgt werden kann die Reise via eines wöchentlichen Blogs (ab dem 15. Juni jeden Donnerstag um 17:00 Uhr online auf dem YouTube-Kanal Tjerk Ridder) und auf dessen Socia-Media-Kanälen (Facebook und Twitter). Ridder wird die unterwegs gemachten Erfahrungen mit uns teilen.

Unterstützer

Die Pferdeklinik der Universität Utrecht kümmert sich tierärztliche Versorgung für „ezeltje Lodewijk“. Die Firma „Anemone – Pferde, Trucks und Triorep“ sorgt für einen guten und sicheren Transport.

Es wird gewiss wieder ein Projekt, von dem wir auf die eine oder andere Weise profitieren werden

Wir können uns also abermals auf ein interessantes Projekt – über das auch an dieser Stelle berichtet werden wird – des Künstlers Tjerk Ridder aus Utrecht freuen. Es läuft unter dem Titel „Tjerk Ridder – In het Licht van Martinus“ und kann über Crowdfunding unterstützt werden. Wer Lust hat, schreibt Ridder, kann Tjerk Ridder auf der letzten Strecke vor Utrecht begleiten.

Update vom 14. Juli 2017 Tjerk Ridders Reiseblog

Ruhrtriennale: Tjerk Ridder gastierte mit „Spuren der Freiheit“ im Refektorium

Musizierten brillant: Konrad Koselleck, Tjerk Ridder und Jochem Braat (v.ln.r). Fotos: C.-D. Stille

Musizierten brillant: Konrad Koselleck, Tjerk Ridder und Jochem Braat (v.ln.r). Fotos: C.-D. Stille

Das Ende des Zweiten Weltkrieges liegt 71 Jahre zurück. Die Unterzeichnung des Schengener Abkommens ist 31 Jahre her. Im Jahre 2015 beginnen der niederländische Theatermacher und Musiker Tjerk Ridder und sein Pferd Elvi eine Reise durch Europa, die sie zu den verschiedensten Europäern führt. Auch durch das kleine Schengen ritt Ridder damals.

Tjerk Ridders Reise ist ein Prozess. Nun führte sie ihn erstmals nach Bochum

Vergangenen Freitag gastierte der Künstler aus Utrecht bei der Ruhrtriennale in Bochum. Und zwar im Refektorium auf dem Vorplatz der Jahrhunderthalle. Tjerk Ridders „Reise ist ein Prozess’“, so stand es in der Ankündigung zu seiner Performance, „der sich immer weiter fortsetzt, 20160923_183742unterwegs und auf der Bühne. Inzwischen hat Ridder mit vielen unterschiedlichen Menschen aus diversen Ländern über ihre persönliche Freiheit gesprochen. In dieser theatralen Begegnung erzählt und singt Tjerk Ridder über diese berührenden wie inspirierenden Erfahrungen auf den Spuren des vereinten Europa und mit den Menschen, die es bevölkern.“ Ridder konnte aus einer Vielzahl an Begegnungen mit den unterschiedlichsten Menschen in den Niederlanden und Nachbarländern interessante Meinungen gewinnen und mithin interessante persönliche Lebensweisheiten aufzeichnen. Aus dem unterwegs Erlebten konzipierte er eine reflektierende theatrale Performance.

Erfolgreich schon mit „Anhängerkupplung gesucht!“

Dem deutschen Publikum, besonders dem im Ruhrgebiet – das er, samt seines Menschenschlages ins Herz geschlossen hat – ist Tjerk Ridder kein Unbekannter. Hier fand er vor zwei Jahren auf der Zeche Zollverein begeisterte Aufnahme mit seinem Multimediaprojekt „Anhängerkupplung gesucht!“.

Mit einer leicht umgebauten Fassung mit „Spuren der Freiheit“ im Refektorium an der Jahrhunderthalle Bochum

Die aktuelle Performance lebt von einer behutsam zusammengestellten und in der Umsetzung (von mir am 2. Dezember 2015 im Theater in der Paardenkathedraal Utrecht gesehenen Voraufführung „Sporen van Vrijheid“) weitgehend überzeugen könnenden Kombination aus Erzählungen und Liedern, die mit dem on the road im wahrsten Sinne des Wortes auf dem Kutschbock im Gespräch mit Mitfahrerinnen und Mitfahrern Erfahrenem – gezogen vom Arbeitspferd Elvi – bestens korrespondieren.

Letzten Freitag nun ist Tjerk Ridder mit „Spuren der Freiheit“ in Deutschland angekommen. Mit einer von Ablauf und Inhalt leicht umgebauten Show. Er kommunizierte mit seinem Publikum in deutscher Sprache. Auch wurden einige Lieder auf Deutsch vorgetragen. Ein Lied war eigens

Einfühlsames Zusammenspiel.

Einfühlsames Zusammenspiel.

kurzfristig in der Sprache des Gastlandes geschrieben worden. Hingegen waren einige Videos in den denen Niederländisch gesprochen wird mit englischen Untertiteln versehen. Was der Sache keinen Abbruch tat: Das Wesentliche dürfte vom Publikum gut verstanden worden sein. Selbiges gilt gewiss auch für den Inhalt des Gespräches, das Tjerk Ridder während einer Kutschfahrt durch Utrecht mit dem Nobelpreisträger Muhammad Yunus auf Englisch geführt und in einem Video aufgezeichnet hat. Einem Mann, so Tjerk Ridder, der „von einer Welt ohne Armut träumte“ und sich für Mikrokredite stark gemacht habe.

Ebenfalls wich die Besetzung der Instrumentalisten in Bochum von der in Utrecht erlebten ab. Neben Tjerk Ridder (Gesang und Gitarre) brillierten auf dem Akkordeon und der Klarinette Jochem Braat und Konrad Koselleck (Bass) in der intimen Atmosphäre, die das Refektorium bietet: Die Zuschauer – mit Getränk oder ohne – hatten an Tischen in unmittelbarer Nähe der kleinen Bühne des aus Holz gebauten Gebäudes Platz genommen.

Was ist Freiheit, was Unfreiheit?

Ridders Lieder rankten sich alle ums Thema Freiheit. Er berichtete von seine Reise durch Europa im Jahr 2015. Und darüber, wie ihm dabei die im vergangenen Jahr nach Europa gekommenen Flüchtlinge immer wieder in den Sinn gekommen waren. Für jeden Menschen bedeutet Freiheit etwas anderes. Das gilt für die Menschen, die Ridder auf seiner Reise traf. Wie für die Geflüchteten, die ihr Leben retten konnten.

Immer wieder gab es zwischen den Liedern kleine Einschübe, um mit dem Publikum zum Thema Freiheit respektive Unfreiheit ins Gespräch zu kommen. Freiheit bedeutet für die Eine ungestört oder einsam zu sein. Vielleicht am Meer. Unfreiheit bedeutet für eine andere Besucherin Bewertungen (bei Prüfungen oder vom Chef) zu unterliegen. Ein Herr benennt das Fehlen von Freiheit in Zeiten von Arbeitslosigkeit. Auch Perspektivlosigkeit und Angst schränke Freiheit sein, wirft jemand anderes ein. Ridder: „Ja, Angst blockiert.“ Eine Dame sinnierte: „Vielleicht muss man erst mal die Unfreiheit erleben, um Freiheit schätzen zu können?“ Und es war zu hören: „Freiheit ist nicht selbstverständlich. Freiheit hat auch Grenzen.“ Zum Beispiel wenn die Freiheit des Anderen eingeschränkt werde. Und ja, auch das liegt auf der Hand: „Soziale Unsicherheit macht unfrei.“

Spring!

Freiheit zu erlangen bedeutet gewiss auch ein Selbstbewusstsein zu entwickeln. Jeder, daran erinnerte Ridder, kenne wohl das Gefühl sich zu überwinden. Und wisse wie schwer das ist. Habe Niederlagen erlitten, weil man sich nicht traute. Das kann der Sprung vom Zehnmeterbrett im Schwimmbad, das Erklettern eines Baumes oder etwas anderes sein vor dem man sich ängstigt es zu tun. Seine eigene Erfahrungen damit verarbeitet haben schrieb er bereits für „Anhängerkupplung gesucht!“ den Titel „Spring“, welcher nun – passenderweise – auch Eingang in dieses Programm gefunden hat.

In einem anderen Part fragte sich Ridder: Was macht mich groß? Was macht mich groß? Was macht mich froh?

Ein besinnlicher Abend

„Tjerk Ridder – Spuren der Freiheit“, einmal mehr ein besonderer, warmer, herzlicher, aber auch nachdenklich stimmender Theaterabend, konzipiert von dem sympathischen Theatermacher und Sänger aus den Niederlanden. Eine theatrale Performance, welche womöglich den einen oder anderen

Dreh dich nach der Sonne!

Dreh dich nach der Sonne!

im Publikum auch Mut machen konnte, dem nicht selten mit Fallstricken durchzogenem Leben aufs Neue zu trotzen. Nach dem Motto: Spring – ins Leben hinein. Wieder hatte Tjerk Ridder Tütchen Sonnenblumensamen (siehe Foto) dabei. Schließlich dreht sich die Sonnenblume immer nach dem Licht. Das sollten wir auch versuchen, meint der Theaterkünstler aus Utrecht. Wenn uns die Freiheit dazu gegeben ist.

Hommage an Utrecht: „Domstad“

Als Zugabe besang Tjerk Ridder, begleitet von seinen hervorragenden Musikerkollegen, dann mit „Domstad“ noch seine geliebte Heimatstadt Utrecht. Und als Zuschauer hätte man sich danach am liebsten gleich dorthin aufgemacht. Um am nächstem Morgen den hoch in den Himmel über der Stadt ragenden Dom zu besuchen. Und hernach eine Fahrt durch die Grachten der niederländischen Stadt zu unternehmen …

Ein Bild gelebten Europas in Bochum

Von Herzen kommender Applaus belohnte die niederländische Künstler. Mit einigen Zuschauerinnen und Zuschauern kam Tjerk Ridder dann noch

Wohl verdienter Applaus.

Wohl verdienter Applaus.

ins persönliche Gespräch. Besinnlich war dieser Abend und auch hier und da von Melancholie durchströmt. Auch wurde gelacht. Ein Abend – da bin ich sicher, der nachwirkt. Man kam aus unterschiedlichen Ländern zusammen, sprach über ein so wichtiges Thema wie Freiheit und verstand sich. Da hat sich für gute sechzig Minuten ein Bild von einem gelebten Europa der Menschen gezeigt. Das Gegenteil von dem aber auch, wie sich gegenwärtig das politische Europa – sinnentleert und im Niedergang begriffen? – jammervoll präsentiert.

Tjerk Ridder – Voraufführung in Utrecht: „A Slow Ride – Sporen van Vrijheid“

Tjerk Ridder aus Utrecht ist Theaterkünstler und Musiker. Mit seinem Projekt „Anhängerkupplung gesucht!“ wurde er auch in Deutschland bekannt. Die Metapher dazu lautete: Man braucht andere, um voranzukommen. Neben einer multimedialen Theatervorstellung entstand auch ein Buch zur Reise. Während einer Aufführung von „Anhängerkupplung gesucht!“ im November 2014 auf der Zeche Zollverein in Essen stellte Ridder bereits ein neues Projekt in Aussicht. Der seinerzeitige Arbeitstitel: „Slow Ride With Short Stories For Freedom“. Tjerk Ridder ging es darum, siebzig Jahre nach dem Ende des schrecklichen Zweiten Weltkriegs, Menschen in Europa zu befragen – herauszubekommen, was ihnen Freiheit bedeutet.

In diesem Sommer nun startete der sympathische Utrechter – nun unter dem Motto „A Slow Ride – Sporen van Vrijheid“ (A Slow Ride – Spuren der Freiheit“) vom Theaterfestival Oerol auf Terschelling aus zu seiner neuen Reise. Hinein nach Europa. Mit dem belgischen Arbeitspferd Elvi und Dachs, einen Dackel, seinem langjährigen Begleiter – nunmehr neun Jahre alt geworden. Elvi zog einen Wagen, der nicht nur zu langsamen Fortbewegung durch Europa gedacht war, sondern auch die nötige Technik transportierte und auf welchem zuweilen auch unterwegs Interviewgäste Platz nehmen würden. Finanziert wurde die Reise via Crowdfunding auf dem Portal Voordekunst. Seine der Reise zugrundeliegende Motivation erklärte der niederländische Künstler so:

A Slow Ride – Spuren der Freiheit“

Was bedeutet Freiheit und Befreiung für Dich? Was kannst Du tun, um etwas von Dir zu befreien? Was ist die Bedeutung von Freiheit im Jahr 2015 und wie können wir unsere Erfahrung von Freiheit weiterentwickeln?“ Mit diesen Fragen mache ich mich auf den Weg. Im kommenden Sommer mache ich eine Reise durch Europa. „A Slow Ride – Spuren der Freiheit“ ist eine symbolische und poetische Reise über Freiheit und Befreiung. Mein Ziel ist es, Dich und alle unterwegs Beteiligten auf der Suche nach ihrer persönlichen Bedeutung von Freiheit zu befragen, um anschließend das eigene Erleben von Freiheit weiter zu entwickeln.

Warum diese Reise und warum jetzt?

Reisen ist ein Symbol für Neugier und das Versetzen von Grenzen. Und ist eine Metapher für Freiheit und Entwicklung. Wir leben in einer freien Gesellschaft, glücklicherweise. Unsere Freiheit wird allerdings auf vielen Gebieten beeinflusst: enormen Medien-Input, Datenschutz, internationale Spannungen, Leistungsdruck, eine größer werdende Kluft zwischen Arm und Reich. Auch existieren viele Missverständnisse bezüglich Freiheit. Ich möchte untersuchen wie Menschen hiermit umgehen und möchte nah heranzoomen an persönliche Geschichten über das Erleben von Freiheit. Auf diese Weise hoffe ich, mich selbst und Menschen um mich herum zu inspirieren, persönliche Freiheit zu entdecken und Talent zu entfalten.

Wie gehe ich auf die Reise?

Ich mache mich auf den Weg mit meinem belgischen Zugpferd Elvi. Am 19. Juni breche ich mit Elvi und meinem Dackel Dachs vom Theaterfestival Oerol auf Terschelling auf. Drei Monate lang geht es durch die ersten fünf Schengen-Staaten, in Richtung der Kulturhauptstadt Europas 2015, Mons in Belgien. Unterwegs suche ich das Gespräch mit Menschen über ihre Erfahrungen mit Freiheit und Befreiung und besuche Stätten der Freiheit und Unfreiheit, wie zum Beispiel Kulturfestivals und –Veranstaltungen, Asylbewerberzentren, Schulen, eine psychiatrische Klinik und relevante historische Orte. Der „Slow Ride“ geht langsam in Elvis Tempo, wodurch wir die Ruhe haben um uns in Gespräche zu vertiefen, etwas, was in der heutigen Welt stets seltsamer zu werden scheint. Die Gespräche werden gefilmt und fließen in eine neue multimediale Theatervorstellung ein. Selbstverständlich ist die Reise auch über die Website, Facebook und Twitter zu verfolgen.

Dreh Dich zur Sonne hin

Sonnenblumen besitzen die Fähigkeit, sich zur Sonne hin zu drehen. Diese Gegebenheit inspiriert dazu, dasselbe zu tun und sich zu dem Ort auszurichten, an dem Energie ist. Die sprichwörtlichen Blumen, die bei meinen Gästen blühen werden, bekommen physische Form in einer Spur von Sonnenblumen, die während der Reise gepflanzt werden. Und auch Du kannst Teil dieser stets breiter werdenden, durch fünf europäische Länder führenden Spur sein. Bei fast jeder Spende bekommst Du eine spezielle „Dreh Dich zur Sonne“-Box: eine Box mit Sonnenblumensamen, Erde und einem bisschen Mist von Elvi, um diese in Deinen Garten zu pflanzen.

Multimediale Theatervorstellung

Nach der „Slow Ride“-Reise mache ich aus den Erfahrungen von unterwegs eine multimediale Theatervorstellung: eine Kombination aus Film, Songs und Erzählungen. Die Premierenwoche findet vom 2. bis 6. Dezember 2015 in der Paardenkathedraal in Utrecht statt. Bei einer Reihe von Spenden bekommst Du hierfür Tickets und sogar ein Spezial-Slow Ride & Slow Food-Dinner im Restaurant Goesting, das neben dem Theater liegt! Nach der Premiere wird die Vorstellung auf nationalen und internationalen Kulturfestivals zu sehen sein und auch bei Veranstaltungen von Organisationen, Schulen und Universitäten.

Voraufführung im Theater De Paardenkathedraal Utrecht

Der Eingang zum Theater De Paardenkathedraal in Utrecht; Photos: Claus Stille.

Der Eingang zum Theater De Paardenkathedraal in Utrecht; Photos: Claus Stille.

Inzwischen ist die aktuelle Reise des Tjerk Ridder längst beendet. Auch wenn die Unternehmung letztlich nicht im vollen, geplanten Umfange (eine in jeder Beziehung ja insgesamt doch riesige Anstrengung für ein kleines Team) stattfand, konnte aus einer Vielzahl an Begegnungen Tjerk Ridders mit unterschiedlichsten Menschen in den Niederlanden und Nachbarländern interessante Meinungen gewonnen und mithin interessante persönliche Lebensweisheiten aufgezeichnet werden. Aus den unterwegs Erlebten wurde eine multimediale Theatervorstellung komponiert. Von der Konzeption (Tjerk Ridder) ähnlich angegangen wie schon zuvor bei der erfolgreich realisierten Show „Anhängerkupplung gesucht!“. Die aktuelle multimediale Theateraufführung lebt von einer behutsam zusammengestellten und in der Umsetzung (Premiere am 2. Dezember im Theater in der Paardenkathedraal Utrecht) weitgehend überzeugenkönnenden Kombination aus Erzählungen und Liedern, die mit dem on the road Erfahrenem bestens korrespondieren.

Die Voraufführung von „Slow Ride – Sporen van Vrijheid“ fand einem historischen Gebäude der Stadt Utrecht statt, der so genannten Paardenkathedraal (Paarde bedeutet zu Deutsch Pferde). Das Theater in der Paardenkathedraal wird u.a. auch vom Theater Utrecht als Spielstätte benutzt.

Die Paardenkathedraal

Das Theater befindet sich einem Stadtteil nahe des Zentrum von Utrecht auf der Veeartsenijstraat (Tiermedizinstraße).
Die ehemalige Manege des Tierärztliche Hochschule beherbergt heute das Theater De Paardenkathedraal.
Der authentische Charakter des historischen Gebäudes ist erhalten geblieben. Es besteht aus einem großen Raum.
Vom architektonischen Charakter unterscheidet sich dieses Theater stark von anderen Theatern. Im Wesentlichen jedoch nicht viel von anderen alternativen Spielstätten. Dafür wartet es mit einer ganz besonderen Atmosphäre auf. Allein die Holzkonstruktionen und samt der alten Balken an der Decke versprühen ein ganz besonderen Charme.
Allein schon die markante Fassade und mit ihren neugotischen Fenstern – auf den ersten Blick meint wirklich vor einer kleinen Kirche zu stehen – zieht den ankommenden Besucher in ihren Bann. Das Gebäude diente in früheren Zeiten als Manege der Tierärztlichen Hochschule Utrecht. Weshalb sie im Volksmund „de Paardenkathedraal“ – die Pferdekathedrale – genannt wurde. (Quelle: theagenda.nl).

Historischer Einstieg

Eingangs des Theaterabends hielt Prof. Dr. Lagerweij einen hochinteressanten, detailreichen und ausgeprochen humorvollen Vortrag – begleitet mit Bildprojektionen – über das Viertel in welchem sich die Paardenkathedraal befindet, sowie die Historie der Tierärztlichen Hochschule Utrecht.

Mit auf die Reise genommen, dem Begriff Freiheit auf die Spur(en) zu kommen

Sodann wurden die gespannten Zuschauerinnen und Zuschauer mit auf die filmische Reise genommen, um den von Tjerk Ridder verfolgten Spuren der Freiheit zu folgen. Zunächst ging es ans Meer an Start der Reise zum Theaterfestival Oerol auf Terschelling. Und schon warteten, gebannt auf Video (Film- und Bildregie Tobias Mathijsen) dortige Besucher sowie der Festivaldirektor mit persönlichen ihren Vorstellungen von Freiheit auf.

Zwischendurch immer wieder musikalische Einsprengsel der an diesem Theaterabend bestens aufgelegten Band, sich zusammensetzend aus Jochem Braat (Piano), Matthias Konrad (Posaune) sowie einfühlsam reagierenden Wieke Garcia (Gesang und Perkussion).

Filme und Musik verbindet tritt Tjerk Ridder an verschiedenen Punkte der Manege. Er berichtet von seiner Kindheit. Vom ersten Zusammentreffen mit Pferden. Und seiner Beziehung zum eignen Bruder. Kommentiert die Aussagen der für den Film über ihre Ansichten zum Begriff Freiheit befragten Menschen. Fast inspirieren Ridders hier und da ins Philosophische driftenden, vorgetragenen, auch von Erinnerungen und Erlebnisse in der Vergangenheit gespeisten Gedanken eine Art von Diskurs. Zwar antwortet man als Zuschauer freilich nicht, aber durch Kopf gehen einem aber doch ähnliche Gedanken und Erinnerungen. Auch und gerade, wenn man darüber sinniert, wie es denn gegenwärtig wohl um unsere, die eigne Freiheit stehen mag. Wenn die Zuschauer an den Zweiten Weltkrieg, der 70 Jahren zu Ende ging, denken – haben sie den nun erlebt oder nur aus der Geschichte Kenntnis von ihm und über die im Zuge dessen angerichteten Verheerungen erhalten. Von dieser historischen Zeitmarke ist ja auch Tjerk Ridder betreffs seines aktuellen Projektes ausgegangen.

Tjerk Ridder hat über Freiheit mit Studentinnen, einer Zirkusdame (die ungewohnt in die Mühlen der Bürokratie geriet), und einer Polizeibeamtin (die über die auf den Kutschbock sitzend über die Entwicklung von Kriminalität und ihre persönlichen Gefühle Auskunft erteilte) geredet. Und darüber Kenntnis erhalten, welchen Begriff sich vom Staat Eingesperrte von Freiheit machen. Und wir sahen Tjerk Ridder im Film, brav im gemächlichen Tempo von Elvi gezogen, in die kleine, aber sehr bekannte Ortschaft des luxemburgischen Moselortes Schengen einfahren. Den Ort, welcher dem Schengener Abkommen zu seinem Namen verhalf. Sogleich musste der Zuschauer an die Flüchtlingskrise denken und wie es heute nicht nur um dieses Abkommen sondern um das Europäische Projekt überhaupt steht.

Sehr zu Herzen dürfte den meisten Zuschauern gewiss der emotionale Moment im Verlaufe des Theaterabends gegangen sein, da Tjerk Ridder von einem Besuch bei Zugpferd Elvi im Tiermedizinischen Institut der Universität Utrecht – wo es, wie Ridder sagte „wohnt“ – berichtete. Dabei kam er an einem Raum vorbei, wo tote Pferde abgelegt waren. Ridder erzählte, wie er den toten Pferden die Köpfe streichelte. Und es war an der Stelle tatsächlich totenstill in dieser „Pferdekathedrale“ und ebenfalls fast körperlich zu spüren wie Ridder selbst diese Erinnerung, das Bild von den toten Pferden nachging.

Fazit

Die Band mit Tjerk Ridder. Verdienter Premierenapplaus.

Die Band mit Tjerk Ridder. Verdienter Premierenapplaus.

Ein ganz besonderer, warmer, herzlicher, aber auch nachdenklich stimmender Theaterabend (Produktionsleitung: Johan van der Kooij, Tontechnik: Peter van Kalleveen und Lichttechnik: Joep Hendrix) im Utrechter Theater Paardenkathedraal war das! Verdienter Applaus.

Und die Moral von der Geschicht‘? – Ein persönlicher Nachklapp

Jeder Mensch hat wohl ganz spezielle Vorstellungen vom Freiheit. Aber deutlich wurde: Ohne Frieden nimmt auch der Wert von Freiheit ab. Siebzig Jahre ist das Ende des Zweiten Weltkriegs her. Seit 1945 sind viele Freiheiten erkämpft, erarbeitet und ins Werk gesetzt worden. Nun anscheinend sind unverantwortliche Politiker dabei, einiges davon wieder zu zertrümmern. Und offenbar merken sie das nicht einmal. Denn sie wissen nicht was sie tun? Papst Franziskus spricht von einer Art dritten Weltkrieg, der im Gange sei. Wie dem auch sei: In vielerlei Hinsicht ist es bereits wieder einmal fünf nach zwölf! Im Jahr 2014 jährte sich der Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Der australische Historiker Christopher Clark schreibt in seinem Buch „Die Schlafwandler“, dass damals keiner so richtig diesen Krieg (die Urkatastrophe, die den Grundstein für den Zweiten Weltkrieg ins sich trug) gewollt habe, jedoch man quasi schlafwandelnd in den Ersten Weltkrieg hineingeraten sein. Zusätzlich hätten wichtige Institutionen versagt und auch Regierende verkehrt gehandelt. Auch heute wieder sind Schlafwandler und augenscheinlich geschichtsvergessene und auch in anderer Hinsicht unfähige Regierungspolitiker unterwegs in Europa. In der Welt. Europa droht zu zerfallen. Droht gar ein großer Krieg? Freiheit, das sagt uns auch die multimediale Theatervorstellung „Slow Ride – Sporen van Vrijheid“, ist etwas ganz elementares. Mögen wir alle miteinander unterschiedliche Vorstellungen von Freiheit haben – nutzen wir sie, um den Frieden zu bewahren. Diese Freiheit sollten wir uns nehmen! Im Kleinen, der Familie und im Großen im Zusammenleben der Völker mit einander. Friede zuhause, sagte einst Mustafa Atatürk, Friede in der Welt. Mit Freiheit verhält es sich nicht anders. Ein wichtiger Anstoß aus Utrecht. Jedenfalls, was meine spezielle Sicht auf die Dinge anbelangt.

 

Tjerk Ridder geht 5 Jahre nach „Anhängerkupplung gesucht!“ mit dem Projekt „Slow Ride – Spuren der Freiheit“ auf Tour

Tjerk Ridder aus Utrecht ist Theaterkünstler und Musiker. Sein Projekt „Anhängerkupplung gesucht!“ machte ihn auch in Deutschland bekannt. Die Metapher dazu lautete: Man braucht andere, um voranzukommen. Mit seinem Teckel Dachs und einem Wohnwagen (das Holländer-Klischee hierzulande!) brach er – ohne Zugfahrzeug – in Anfang 2010 in Utrecht auf, um in der Kulturhauptstadt Istanbul anzukommen. Notwendigerweise war Tjerk auf „Anhaaker“ (Leute, die seinen Wohnwagen an ihren Wagen hakten und ein Stück des Weges zogen) angewiesen. Und diese Menschen fanden sich tatsächlich! Wenn es auch manchmal einige Zeit dauerte. Tjerk Ridder – später begleitet vom Journalisten Peter Bijl – kam an den Bosporus und auch wieder zurück.

Und was er unterwegs nicht alles erlebte! Man sagt: Wenn einer  eine Reise tut, dann kann er was erzählen. Und ob Ridder etwas zu erzählen hatte!  Was Tjerk Ridder und Co-Autor Bijldann auch  taten: Sie schrieben gemeinsam ein Buch zur Reise. Dazu erschien eine DVD, die ihm beigelegt ist. Die Erlebnisse on the road, die zahlreichen kleinen und große Abenteuer, die vielen – überwiegend herzlichen – Begegnungen mit den unterschiedlichsten Menschen in den Transitländern wurden darin verarbeitet. Tjerk Ridder schrieb eine Reihe Lieder dazu. All dies  floss nicht nur in das Buch ein, sondern wurde auch Bestandteil einer begeisternden multimedialen Theatervorstellung. Diese erlebte gefeierte Premieren in Holland (Utrecht) und Deutschland (Zeche Zollverein in Essen). Zu all dem hier, hier und hier mehr.

Auf dem Weg zu sich selbst

Fünf Jahre nach dem Start von „Anhängerkupplung gesucht!“ ist sich Tjerk Ridder treu geblieben. Weiter spürt er – so könnte man es vielleicht sehen – dem Sinn des Lebens nach. Und versucht sich auf diese Weise ein Bild von Alltagssorgen, Vorstellungen von Leuten zu machen, sowie Kunde über deren ganz persönliche Lebenserfahrungen zu erlangen. Tjerks Herangehensweise ist in gewisser Weise auch eine journalistische. Ridder kommt damit sozusagen sicher auch auf einem langen Weg Schritt für Schritt weiter voran: nämlich auch zu sich selbst. Eine – dass ist so sicher wie das Amen in der Kirche – für uns alle nie endende, weil lebenslängliche Aufgabe. Vielleicht nach Pindar: „Lerne zu werden, der du bist, und sei danach.“

Der Theaterkünstler und Musiker Tjerk Ridder mit seinen Tourbegleitern Hund Dachs und und Zugpferd Elvi; Foto via Tjerk Ridder

Der Theaterkünstler und Musiker Tjerk Ridder mit seinen Tourbegleitern Hund Dachs und und Zugpferd Elvi; Foto via Tjerk Ridder

Nun tritt Tjerk Ridder, der sympathisch-bescheidene Künstlers aus Utrecht ein weiteres Mal mit einem interessanten Projekt auf den Plan. Es trägt den Titel: „A Slow Ride – Spuren der Freiheit“. Man darf sehr darauf gespannt sein. Ridder arbeitet bereits eine Zeitlang daran. Im Verlaufe des Jahres gesellte sich zum treuen Begleiter, Hundchen Dachs, Elvi, ein Zugpferd aus Belgien. Alle drei haben sich offenbar schon ein wenig aneinander gewöhnt. Das Ross ist es, was der Künstler diesmal braucht, um voranzukommen. Elvi soll auch Rhythmus Tempo der Reise bestimmen.

Um was geht es genau? Tjerk Ridder beschreibt es:

A Slow Ride – Spuren der Freiheit“

Was bedeutet Freiheit und Befreiung für Dich? Was kannst Du tun, um etwas von Dir zu befreien? Was ist die Bedeutung von Freiheit im Jahr 2015 und wie können wir unsere Erfahrung von Freiheit weiterentwickeln?“

 

Mit diesen Fragen mache ich mich auf den Weg. Im kommenden Sommer mache ich eine Reise durch Europa. „A Slow Ride – Spuren der Freiheit“ ist eine symbolische und poetische Reise über Freiheit und Befreiung. Mein Ziel ist es, Dich und alle unterwegs Beteiligten auf die Suche nach ihrer persönlichen Bedeutung von Freiheit zu befragen, um anschließend das eigene Erleben von Freiheit weiter zu entwickeln.

Warum diese Reise und warum jetzt?

Reisen ist ein Symbol für Neugier und das Versetzen von Grenzen. Und ist eine Metapher für Freiheit und Entwicklung. Wir leben in einer freien Gesellschaft, glücklicherweise. Unsere Freiheit wird allerdings auf vielen Gebieten beeinflusst: enormen Medien-Input, Datenschutz, internationale Spannungen, Leistungsdruck, eine größer werdende Kluft zwischen Arm und Reich. Auch existieren viele Missverständnisse bezüglich Freiheit.

 

Ich möchte untersuchen wie Menschen hiermit umgehen und möchte nah heranzoomen an persönliche Geschichten über das Erleben von Freiheit. Auf diese Weise hoffe ich, mich selbst und Menschen um mich herum zu inspirieren, persönliche Freiheit zu entdecken und Talent zu entfalten.

Wie gehe ich auf die Reise?

Ich mache mich auf den Weg mit meinem belgischen Zugpferd Elvi. Am 19. Juni breche ich mit Elvi und meinem Dackel Dachs vom Theaterfestival Oerol auf Terschelling auf. Drei Monate lang geht es durch die ersten fünf Schengen-Staaten, in Richtung der Kulturhauptstadt Europas 2015, Mons in Belgien. Unterwegs suche ich das Gespräch mit Menschen über ihre Erfahrungen mit Freiheit und Befreiung und besuche Stätten der Freiheit und Unfreiheit, wie zum Beispiel Kulturfestivals und –Veranstaltungen, Asylbewerberzentren, Schulen, eine psychiatrische Klinik und relevante historische Orte.

 

Der „Slow Ride“ geht langsam in Elvis Tempo, wodurch wir die Ruhe haben um uns in Gespräche zu vertiefen, etwas, was in der heutigen Welt stets seltsamer zu werden scheint. Die Gespräche werden gefilmt und fließen in eine neue multimediale Theatervorstellung ein. Selbstverständlich ist die Reise auch über die Website, Facebook und Twitter zu verfolgen.

Dreh Dich zur Sonne hin

Sonnenblumen besitzen die Fähigkeit, sich zur Sonne hin zu drehen. Diese Gegebenheit inspiriert dazu, dasselbe zu tun und sich zu dem Ort auszurichten, an dem Energie ist. Die sprichwörtlichen Blumen, die bei meinen Gäste blühen werden, bekommen physische Form in einer Spur von Sonnenblumen, die während der Reise gepflanzt werden.

 

Und auch Du kannst Teil dieser stets breiter werdenden, durch fünf europäische Länder führenden Spur sein. Bei fast jeder Spende bekommst Du eine spezielle „Dreh Dich zur Sonne“-Box: eine Box mit Sonnenblumensamen, Erde und einem bisschen Mist von Elvi, um diese in Deinen Garten zu pflanzen.

Multimediale Theatervorstellung

Nach der „Slow Ride“-Reise mache ich aus den Erfahrungen von unterwegs eine multimediale Theatervorstellung: eine Kombination aus Film, Songs und Erzählungen. Die Premierenwoche findet vom 2. bis 6. Dezember 2015 in der Paardenkathedraal in Utrecht statt. Bei einer Reihe von Spenden bekommst Du hierfür Tickets und sogar ein Spezial-Slow Ride & Slow Food-Dinner im Restaurant Goesting, das neben dem Theater liegt!

 

Nach der Premiere wird die Vorstellung auf nationalen und internationalen Kulturfestivals zu sehen sein und auch bei Veranstaltungen von Organisationen, Schulen und Universitäten.

Erfolgreiches Crowdfunding

Um „A Slow Ride“ zu ermöglichen, hatte Tjerk Ridder eine Crowdfunding-Kampagne auf der niederländischen Plattform voordekunst gestartet. Sie war zu hunderprozentig erfolgreich. 19 092 Euro sind zusammengekommen!

Am 19. Juni 2015 geht Tjerk Ridder von Terschelling aus auf die Reise

Die Reiseroute; Grafik via Tjerk Ridder

Die Reiseroute; Grafik via Tjerk Ridder

Bleibt abzuwarten, ob das neue Projekt des holländischen Künstlers Tjerk Ridder aus Utrecht,  „A Slow Ride – Sporen van Vrijheid“  an den Erfolg von  „Anhängerkupplung gesucht!“ quasi wird ankoppeln können.  Am Freitag, den 19 Juni 2015 geht Tjerk Ridder jedenfalls  mit Elvi und Dachs von Terschelling aus auf Tour – viel Glück und Erfolg dafür! Ich werde weiter darüber informieren.

Tjerk Ridder zurück auf Zollverein. Ein Erlebnis! – 2015 neues Projekt: „Slow Ride with short Stories for Freedom“

Tjerk Ridder zurück auf Zollverein auf der Bühne des Salzlagers; Fotos: Stille

Tjerk Ridder zurück auf Zollverein auf der Bühne des Salzlagers; Fotos: Stille

Mehr solche Täter wünscht man sich. Der Niederländer Tjerk Ridder ist einer dieser Exemplare. Besser: Macher. Auf Holländisch So steht es auch auf seiner Website: „muzikant en theatermaker“. Angelehnt an Erwin Strittmatters Romantrilogie möchte ich ihn beinahe als „Wundertäter“ bezeichnen. Theatermacher. Und was Ridder für ein Theater macht! Mehr als Theater sogar. Die Bretter, die bekanntlich die Welt bedeuten, allein langten ihm nicht. Ihn zog es hinaus. Auf die Straße. Hinaus aus seiner Heimatstadt Utrecht. Bis hin ins ferne Istanbul.

Zurück auf Zollverein

Für den 21. und 22. November zog es Täter Tjerk Ridder wieder hin zum Tatort. „Täter“ führt in diesem Falle möglicherweise auf die falsche Spur. Obwohl der niederländische Liedermacher, Theaterkünstler und Schriftsteller eine nicht gerade unbedeutende Tat vollbracht hat. Mit einem Eriba-Campingwagen trampte der Utrechter sage und schreibe 3.700 Kilometer von seiner Heimatstadt bis ins ferne Istanbul! Kein Pappenstiel. Vor allem, wenn man bedenkt, dass Ridder ohne Zugfahrzeug trampte. Drei Monate lang trampte er durch Europa. (Dazu mein Artikel für die Istanbul Post vom Februar 2010) Ridders Projekt folgte der Philosophie „Man braucht andere, um voranzukommen“. Tjerk Ridder trampte 2010 von Utrecht aus durch insgesamt acht Länder, unter anderem durch die drei damaligen Kulturhauptstädte Europas: Essen, Pécs und Istanbul. Es sollte eine außergewöhnliche Tour werden.

Ein Sprung ins Ungewisse war das. Eine Begegnung mit eigenen Ängsten und davor fremde Grenzen zu überschreiten. Auch eine Suche nach Gastfreundschaft und Vertrauen im heutigen Europa. 53 Fahrer hakten den Niederländer an. Dank ihnen konnte er sein Ziel Istanbul erreichen.

Erstes Etappenziel dieser außergewöhnlichen Reise im Jahr 2010 war das UNESCO-Welterbe Zollverein. Auf dem Rückweg war es für Tjerk Ridder selbstverständlich damals im Sommer selben Jahres wieder auf Zollverein Station zu machen. Überhaupt hat Ridder das Ruhrgebiet und den dort lebenden  herzlich-warmen, auch robust-ehrlichen Menschenschlag selbst  tief  ins Herz geschlossen. Das drückt er im für das Erzählprojekt „Mein Zollverein“ verfassten Text zum Ruhrpott unter dem Titel „Tief be-Ruhr-t“ aus. Darüber hinaus im Stück „Befrei mich“. Noch heute spricht Tjerk Ridder von „purer Magie“, wenn er an die Menschen denkt, die er im Revier kennenlernte.
Seither war Tjerk Ridder, Hundchen Dachs – er wurde dieses acht Jahre alt, darf dabei nicht fehlen, öfters auf der ehedem modernsten Kohlenzeche der Welt: auf Zollverein.

Riesenerfolg mit Deutschland-Premiere auf der ExtraSchicht

Anlässlich der ExtraSchicht 2014 spielte Ridder, begleitet vom hervorragenden Musiker Matthijs Spek, das multimediale Bühnenprogramm „Anhängerkupplung gesucht!“ an einem Abend gleich dreimal auf Zeche Zollverein in Essen. Auf Deutsch. Ein Riesenerfolg: Insgesamt erlebten es fast 1000 Menschen.

Nun, da das Jahr 2014 allmählich ausläuft, kam Tjerk Ridder abermals mit „Anhängerkupplung gesucht! – Ein Roadtrip durch Europa“ auf die Zeche Zollverein. Nach großem Erfolg (im Herman-van-Veen-Artscenter und anderswo in den Niederlanden) sowie nach Gastspielen in Brüssel und im Konsulat der Niederlande in Istanbul sowie in seinem Heimatland wurde die Produktion von der Initiative „Welterbe Zollverein – Mittendrin“, vergangenen Freitag und Samstag wieder auf dem UNESCO-Welterbe Zollverein in Essen präsentiert.

„Anhängerkupplung gesucht!“ ist ein europäisches Kunstprojekt, das Menschen, Kulturen und Welten verbinden möchte. Angeregt durch seine Reiseerfahrungen entwickelte der Künstler das multimediale Bühnenprogramm „Anhängerkupplung gesucht! Man braucht andere, um voranzukommen”. Neben dem Bühnenprogramm in englischer, holländischer und deutscher Sprache entstand ein zusammen mit dem Journalisten Peter Bijl von Ridder verfasstes Buch über die außergewöhnliche Reise von Utrecht nach Istanbul. Die deutsche Ausgabe ist unter dem Titel „Anhängerkupplung gesucht!“ im Patmos Verlag (meine Buchvorstellung im „Freitag“) erschienen.

„Anhängerkupplung gesucht!“ am 21. November im Salzlager auf dem Gelände der Kokerei Zollverein

Auf dem Gelände des UNESCO-Welterbe Zollverein in Essen gilt es immer etwas interessantes zu
entdecken. Diesmal ist es ein weiterer Ort auf dem riesigen Gelände. Es ist eines der Relikte der zum Betrieb der Kokerei auf Zollverein gehört: das Salzlager. Eine große, hohe Halle. Darin ist im hinteren Teil die Ausstellung „Ein Palast der Ideen und Träume“, „The Palace of Projects“, des Künstlerpaares Ilya und Emilia Kabakow untergebracht.
Im vorderen Teil des Salzlagers steht die Bestuhlung für die Aufführung Tjerk Ridders. Davor Bühnenaufbau und Projektionswand.

Stolpernd über Zollverein

Das Wahrzeichen von Zollverein bei Nacht.

Das Wahrzeichen von Zollverein bei Nacht.

Angelangt im Salzlager war ich nach einem ziemlichen Marsch und einer kurzen Verirrung bei spärlicher Beleuchtung über holperiges Pflaster und Gleise stolpernde, kommend von der Straßenbahnhaltestelle auf der Gelsenkirchener Straße über die „schlafende“, menschenleere minimal erleuchtete Zechenanlage Zollverein  mit dem sie überragenden  Förderturm („Doppelbock“), vorbei an der bei Dunkelheit unheimlich anmutenden Industriekulisse der Kokerei.

Küchen- und Espressomobil des HUkultur-Projektes Boch.

Küchen- und Espressomobil des HUkultur-Projektes Boch.

Erleichtert treffe ich auf einen Posten in orangener Warnweste: „Da hinten rechts“, sagt der Mann, „Wo sie das Licht sehen.“
Besagtes Licht strahlen zwei Buchstaben ab. Sie sind auf einen mobilen Verkaufswagen montiert. Ein „H“ und ein „U“. Es handelt sich um ein Küchenmobil, wie ich erfahre. Daneben parkt das Espressomobil. Beide Mobile sind Teil und Ergebnis des gemeinsamen Kunstprojektes von ESTU NO ES UN SOLAR (Zaragoza) und HUkultur (BocHUm) im Rahmen des THIS IS NOT DETROIT-Projektes. Das Küchenmobil bot kulinarische Köstlichkeiten und das Espressomobil nicht nur Kaffee, Tee, sondern auch alkoholfreie Getränke sowie Bier und Weine an.

Korrespondierende Mobile

20141121_193802Diese beiden Mobile korrespondieren sozusagen mit dem rechts in der Halle abgestellten Wohnwagen mit welchem Tjerk Ridder von Utrecht nach Istanbul trampte. Er ist von außen von LED-Scheinwerfers angestrahlt. Im Innern vom bordeigener Beleuchtung mit warmen Licht erhellt. Am Fenster eine Lichterkette. Die auf das nahenden Weihnachtsfest verweist? Rechts gleich neben der Tür ein

Tisch mit Straßenkarte.

Tisch mit Straßenkarte.

Tisch, dessen Platte eine Straßenkarte bedeckt. Gemütlich. Einladend. Hundedame Dachs streunt um den Campinghänger herum. Wedelt mit dem Schwanz, schnuppert an der Deichsel und wackelt dann an den Stuhlreihen vorbei, hin zum Licht- und Tonpult an der anderen seitlichen Hallenwand vis-á-vis der Bühne.

Die Show läuft nun runder

Tjerk Ridder (links), musikalisch begleitet von Mattijs Spek (links)

Tjerk Ridder (rechts), musikalisch begleitet von Mattijs Spek (links)

Zur Show selbst kann weitgehend gelten, was ich schon anlässlich der Deutschland-Premiere während der ExtraSchicht 2014 an dieser Stelle schrieb. Nur ist nun im November alles wesentlich runder, noch stimmiger. Einige Songs, wie etwa „Spring“, sind jetzt an anderer Stelle. Auch die Video- und Fotoeinblendungen fügen sich besser in den Ablauf der Show.  Ab- und Überblendungen sind nun weicher, gefühlvoller. Ohnehin schon berührend gewesen „brennt“ sich an einer Stelle nach der Überarbeitung der Show erst recht die Hoffnungslosigkeit bis tief in die Seele des Publikums ein. Man kann förmlich mitfühlen, was Tjerk Ridder an einer Stelle auf dem Balkan fühlte, erlitt, als sich dort vielen, vielen Stunden niemand fand, der ihn an sein Auto hakte. Die durch die einfühlsamen musikalische Untermalung dieser langen Videosequenz durch Matthijs Spek atmet Melancholie und Hoffnungslosigkeit: Soll man die Tour vielleicht abbrechen? Tjerk Ridder bearbeitet an dieser Stelle Schlagzeug. Seine Augen sind geschlossen: In diesem Moment ist er wieder an diesen warmen Sommertag an der kleinen Tankstelle, wo es lange, zu lange nicht weitergeht. Bedrohlich rauschen schwere Lastwagen nahe an Tjerk Ridder vorbei. Das Schlagzeug verstärkt diese Bedrohung noch einmal. Der Zuschauer meint direkt dabei zu sein an dieser Tankstelle. In dieser Nacht der Hoffnungslosigkeit, der Ängste, des sich einschleichenden Zweifels …

 

Tjerk Ridders Auftritt zu Beginn von hoch droben.

Tjerk Ridders Auftritt zu Beginn von hoch droben.

Eingangs der Show hätte sich freilich für Tjerk Ridder angeboten aus dem rechts neben der Bühne stehenden Campingwagen aufzutreten. Dann aber hatte man sich, wie wir von der begrüßenden Moderatorin Hella Sinnhuber erfahren, dazu entschlossen die sagenhaften örtlichen Gegebenheiten des Salzlagers zu nutzen. Eine grandiose Entscheidung! Plötzlich taucht Tjerk Ridder hoch droben mittig über der Bühne, fast unterm Dach der Location im scharfen Spot eines Scheinwerfers am Geländer eines dort verlaufenden seitlichen Stegs auf und begrüßt die Leute.

Hätte man wohl selbst den Mut  solch Reise anzutreten?

Was soll man schreiben? Es war wieder eine einfach tolle Show! Warm. Herzlich. Zum Nachdenken anregend. Informativ. Auch Melancholie hervorrufend. Ein Rädchen griff ins andere. Rund und stimmig in der Aussage, der dem Projekt zugrunde liegenden Metapher: Du brauchst andere, um voranzukommen. Nicht nur einmal kommt bei mir der Gedanke auf: Wie hättest du da und da selbst gehandelt? Hättest du den Mut aufgebracht, diese Reise ins quasi Ungewisse anzutreten? Das Sympathische und vor allem Ehrliche an Tjerk Ridder ist, dass er zutiefst menschlich nachvollziehbar zugibt, selbst Bammel vor der Reise gehabt zu haben. In der Nacht bevor es losging hatte er so gut wie nicht geschlafen. Sollte er es lassen? War es denn nicht eigentlich verrückt was er vorhatte: Mit einem Wohnwagen trampen?! Wo er doch zuvor im Leben gerade einmal ein Strecke von fünf Minuten getrampt war?
Gut, dass Ridder es getan hat. Für ihn. Wie für uns, die wir nun ob via der Show oder über das Buch dessen erlebnisreiche Tour nach-, ja beinahe miterleben können. So, als seien wir selbst mit on the road gewesen.

Nach der Vorstellung und dem langem, warmherzigen Applaus des Essener Publikums stellte sich Tjerk Ridder dessen Fragen. Er erzählt, dass nun auch die Menschen und den bereisten Teil Europas besser kennt. Zuvor war es eben nur die Straßenkarte. Aber auch die Ängste, die man ihm gemacht habe, betreffs des vermeintlich so „gefährlichen Balkan“. Die Reise sie etwas ganz Besonderes gewesen. Daraus habe sich sozusagen eine ganz „andere Spur“ ergeben. Und was ist mit den Wünschen der von Ridder unterwegs nach deren Träumen befragten Menschen, die er – wie die Moderatorin sagt – „eingetopft“ (in Konservendosen verschlossen und mit Haltbarkeitsdatum versehen) habe? Ja, sagt Tjerk Ridder, das kommt öfters vor. Er hatte mit den Menschen die Kontaktdaten ausgetauscht. Ein Mann etwa in Serbien, wo er damals auf der Reise 2010 gegessen hatte, schicke ihm jedes Jahr Weihnachtsgrüße per SMS. Auch „Hans-Jürgen, ein Mann aus Dortmund“ meldete sich. Der hatte eingedost, dass er beim „Iron Man“ dabei sein möchte. Der Mann schickte Ridder eine Mail mit einem Bild, dass Hans-Jürgen „sehr stolz mit seiner Medaille“ zeigte.

Was macht Guy aus Paris?

Etwas betrübt ist Tjerk Ridder darüber, dass er mit einem Franzosen, Guy, einem Pensionisten, aus Paris, welchen er unterwegs mit seinem Fahrrad getroffen hatte – der von Paris aus ebenfalls  nach Istanbul unterwegs gewesen war, die Kontaktdaten nicht ausgetauscht hat. Was wohl aus dem geworden ist?

Ein „Zelt auf Rädern“ in China und Gewehre auf den „illegalen“ Niederländer auf Zollverein 2010

Wie hören, dass Ridder auch auf der Weltausstellung in Shanghai spielte. Auf Mandarin aber gibt es kein Wort für Wohnwagen, man sagt einfach „tent on wheels“ (Zelt auf Rädern).
Ridder erzählt, dass er inzwischen viel für Firmen, an Unversitäten und sogar bei der Nationalpolizei, Schulen und Einrichtungen des Gesundheitswesens spiele – eben auf ganz „verschiedenen Levels“ der Gesellschaft. Die Moderatorin zum Projekt: „Es ist ein sozusagen eine Expedition, eine angewandte Forschung.“

Zur Eröffnung des Kulturhauptstadtjahres 2010 auf Zollverein Essen, gibt Ridder zu, sei er „illegal“ gewesen. Eingeladen war ja keineswegs. Am Freitagabend – Eröffnung durch den damaligen Bundespräsident Köhler sollte am darauffolgenden Tag sein – sei er bei bitterkaltem Wetter auf Zollverein angekommen. Ein „Schlagbaum und Personen mit Gewehren“ hätten ihn erwartet. Ridder stellte sich vor: „Ich bin ein Künstler aus Utrecht. Wo ist mein Platz?“ Gewehre habe man auf ihn gerichtet. Er solle das Weite suchen, befahlen die Sicherheitsleute. Nun stand der in der kalten Nacht. Zwei Uhr sei es dann sehr still gewesen. Die Probe für die Eröffnung war vorbei. Mit Beleuchtung habe Zollverein im „Rauch“ wie ein „Wunderland“ oder „Märchenwald“ gewirkt. Ein Wintermärchenwald ohne Leute.

Ruhrgebietsherzlichkeit bei Tom

Am nächsten Tag war später alles für alle offen. Früh war er mit seinem Fahrrad nach Essen-Stoppenberg gefahren. Von „Toms Kiosk“, wo er klopfte, wurde er ruhrgebietsherzlich empfangen. „Ein Wohnwagentramper, was?“ Der Mann lud ihn für die nächsten Tag wie selbstverständlich ein, dessen Küche und das WLAN zu benutzen. Er bekam Bratwurst mit Kartoffelsalat und Tee. Eine Frau, die dort arbeitete, sagte: „Du könnest die Dusche gebrauchen.“ Heiterkeit im Publikum. All das habe Tjerk Ridder sehr beeindruckt: „Das ist richtig meine zweite Heimat geworden.“ Und wer war „so richtig doof?“, fragt die Moderatorin Sinnuber. Sehr wenig schlechte Erfahrungen habe er  gemacht. Vielleicht fünf Prozent der Menschen waren abweisend. Dagegen jedoch 95 Prozent von ihnen verhielten sich kooperativ.

Hymne auf Zollverein gewünscht

Nun Fragen ans Publikum. Jörg Schmitz merkt an, Ridder habe „so eine schöne Hymne geschrieben“ ans Ruhrgebiet. Schmitz: „Ich habe ein Wunsch an dich.“  Tjerk  solle doch einmal eine Hymne über Zollverein schreiben. „Dann führen wir die in zwei Jahren hier auf“, verspricht Schmitz. Und Ridder: „Das machen wir!“
Und was hat Tjerk Ridder für neue Ideen?
Natürlich! Ein neues Projekt ist angepeilt. Das aber mache er freilich nicht alleine, so Ridder.

Neues Projekt: Mit dem Pferd durch Europa zur Weltausstellung in Milano 2015

Siebzig Jahre werden nächstes Jahr nach dem Zweiten  Weltkrieg vergangen sein. Tjerk Ridder informiert, er werde 2015 mit dem „größten Briefkasten der Welt auf Rädern mit einem großen Arbeitspferd davor“  auf Tour gehen. Der Titel des neuen Projektes: „Slow Ride with short Stories for Freedom“  Ridder will von Holland aus durch Deutschland , Belgien, Luxemburg und Frankreich zur Weltausstellung in Mailand unterwegs sein. Auf der Strecke möchte er die persönlichen Geschichten der Leute „von Befreiung und Freiheit anno 2015“ sammeln. Aber es gehe grundlegend um die brennende Frage: „Brauchen wir immer in der Welt Freiheit und Krieg, Freiheit und Krieg, Freiheit und Krieg? Was eigentlich brauchen wir Menschen?“ Tjerk Ridder möchte im Juni von einem Theaterfestival in Holland aus seine Tour nach Mailand beginnen.

Im Oktober jedenfalls, so hofft Ridder, in Milano zu sein.
Tjerks Wunsch: „Vielleicht könnte ich hier auf Zollverein singen, wenn ich mit meinem Pferd aus Milano zurückkomme?“
Der aufbrandende, herzlich tönender Beifall des Publikums ist die Antwort: Sicher freut man  sich auf den niederländischen Künstler.

Ein erfüllter Abend

Verdienter Applaus.

Verdienter Applaus.

Die Veranstaltung beschließen  einige Zuschauer, indem sie von ihren ganz besonderen, persönlichen Träumen erzählten. Dann geht  es zum gemütlichen über. Tjerk Ridder gibt  Autogramme. Sein Buch wird  verkauft. Rührig von der engagierten Inhaberin der Buchhandlung „Katzenprung“, Frau Zepig,  aus der Stoppenberger  Hanielstraße. Und draußen vor der Tür des Salzlagers kommt man sich noch einmal bei  orientalischen Speisen und einem Bier  näher.   Angeboten von den netten Leuten des Hukultur-Projektes, das ein  Bürgerprojekt aus der Hustadt in Bochum finanzieren soll. Gespräche zwischen Zuschauern und mit den Künstlern kommen in Gang. Welch erfüllter Abend! Rauschender Applaus.

Hier via  PRO ein kurzer Video-Beitrag von der Veranstaltung.

 

„Anhängerkupplung gesucht!“ – Die Multimediashow im November zurück auf Zeche Zollverein in Essen

Tjerk Ridder 2010 auf dem Balkan; Foto: Peter Bijl

Tjerk Ridder 2010 auf dem Balkan. Auto Kuka heißt Anhängerkupplung in der Landessprache; Foto: Peter Bijl

Den Täter, heißt es,zieht es immer zum Tatort zurück. „Täter“ führt in diesem Falle möglicherweise auf die falsche Spur. Obwohl der niederländische Liedermacher, Theaterkünstler und Schriftsteller eine nicht gerade unbedeutende Tat vollbracht hat. Mit einem Eriba-Campingwagen trampte der Utrechter sage und schreibe 3.700 Kilometer von seiner Heimatstadt bis ins ferne Istanbul! Wahrlich kein Pappenstiel. Vor allem, wenn man bedenkt, dass Ridder ohne Zugfahrzeug trampte. Drei Monate lang trampte er durch Europa. (Dazu mein Artikel für die Istanbul Post vom Februar 2010) Ridders Projekt folgte der Philosophie „Man braucht andere, um voranzukommen“. Tjerk Ridder trmpte 2010 von Utrecht aus durch insgesamt acht Länder, unter anderem durch die drei damaligen Kulturhauptstädte Europas: Essen, Pécs und Istanbul. Es sollte eine außergewöhnliche Tour werden.

53 Fahrer brachten den Niederländer voran

Es war ein Sprung ins Ungewisse, eine Begegnung mit eigenen und fremden Grenzen, eine Suche nach Gastfreundschaft und Vertrauen im heutigen Europa. 53 Fahrer hakten den Niederländer an. Dank ihnen konnte er sein Ziel am Bosporus erreichen.

Für Tjerk Ridder spricht von „purer Magie“, wenn er an die Menschen aus dem Revier denkt

Erstes Etappenziel dieser außergewöhnlichen Reise im Jahr 2010 war das UNESCO-Welterbe Zollverein. Auf dem Rückweg war es für Tjerk Ridder damals im Sommer selben Jahres selbstverständlich wieder auf Zollverein Station zu machen. Überhaupt hat Ridder das Ruhrgebiet und seine herzlichen Menschen ins Herz geschlossen. Für das Erzählprojekt „Mein Zollverein“ goss er seine Erfahrungen, die er im Pott gemacht hat in einen Text: „Tief be-Ruhr-t“ – eine persönliche Hommage an das Ruhrgebiet. Sowie das Stück „Befrei mich“. Noch heute spricht Tjerk Ridder von „purer Magie“, wenn er an die Menschen denkt, die er im Revier kennenlernte.
Seither war Tjerk Ridder, Hundchen Dachs darf dabei nicht fehlen, öfters auf der einst modernsten Kohlenzeche der Welt auf Zollverein. Kürzlich kam er wieder zu einem Pressetermin nach Essen.

Zur ExtraSchicht 2014 „Anhängerkupplung gescht! erstmalig in deutscher Sprache

Anlässlich der ExtraSchicht 2014 stellte Ridder, begleitet vom hervorragenden Musiker Matthis Spek, das multimediale Bühnenprogramm „Anhängerkupplung gesucht!“ auf dem ehemaligen Industriegelände in Essen erstmalig in deutscher Sprache vor. Dreimal wurde das Programm an diesem Abend aufgeführt. Ein Riesenerfolg: Insgesamt haben es fast 1000 Menschen erlebt.

Nach Gastspielen in Istanbul kommt die Multimediashow abermals nach Essen auf Zeche Zollverein zurück

Nun, da das Jahr 2014 allmählich ausläuft, kommt Tjerk Ridder mit „Anhängerkupplung gesucht!“ – Ein Roadtrip durch Europa ein weiteres Mal auf die Zeche Zollverein. Nach großem Erfolg (auch im Herman-van-Veen-Artscenter und anderswo in den Niederlanden) und nach zwei Gastspielen in Istanbul wird die Produktion, präsentiert von der Initiative „Welterbe Zollverein – Mittendrin“, am Freitag, 21. und Samstag, 22. November 2014, jeweils 20 Uhr, auf das UNESCO-Welterbe Zollverein in Essen zu erleben sein.

Tjerk Ridder mit Hund Dachs auf dem UNESCO-Weltkulturerbe Zeche Zollverein in Essen; Foto via Zollverein

Tjerk Ridder mit Hund Dachs auf dem UNESCO-Weltkulturerbe Zeche Zollverein in Essen; Foto via Zollverein

„Anhängerkupplung gesucht!“ ist ein europäisches Kunstprojekt, das Menschen, Kulturen und Welten verbindet. Angeregt durch seine Reiseerfahrungen entwickelte der Künstler das multimediale Bühnenprogramm „Anhängerkupplung gesucht! Man braucht andere, um voranzukommen”. Das Bühnenprogramm schließt sich dem in Zusammenarbeit mit dem Journalisten Peter Bijl von Ridder verfassten Buch über seine Reise an. Die deutsche Ausgabe ist unter dem Titel „Anhängerkupplung gesucht!“ im Patmos Verlag (lesen Sie meine Buchvorstellung im „Freitag“) erschienen.

Veranstaltung: Tjerk Ridder: „Anhängerkupplung gesucht! Man braucht andere, um voranzukommen“ – Eine außergewöhnliche Reise durch Europa mit Bildern, Liedern und Geschichten Termin: Fr 21. und Sa 22.11.2014, 20.00 Uhr [Einlass 19.00 Uhr]

Publikumsgespräch im Anschluß

Hinweis: Im Anschluss an die Vorstellung am Freitag, 21. November, gibt es ein Publikumsgespräch, bei dem die Zuschauer eingeladen sind, ihre eigenen Erfahrungen zum Thema „Man braucht andere, um voran zukommen“ einzubringen. Die Vorstellung beginnen an beiden Tagen um 20.00 Uhr.

Karten gibt es hier:

Die Tickets kosten 12, ermäßigt 8 Euro, zuzüglich Systemgebühr und sind im Ticket-Center der Theater und Philharmonie Essen sowie in allen Ticketshops der WAZ Mediengruppe erhältlich.
Die Veranstaltungen werden präsentiert von der Initiative „Welterbe Zollverein – Mittendrin“, die seit 2012, angesiedelt bei der Stiftung Zollverein und gefördert von der RAG-Stiftung, unter der Leitung von Claudia Wagner aktiv daran arbeitet, die Brücken zwischen dem Welterbe und seinen Nachbarn auszubauen.

Kartenvorverkauf: Ticket-Center der Theater und Philharmonie Essen, Fon +49 201 812 22 00, Fax +49 201 812 22 01, tickets@theater-essen.de sowie in allen Ticketshops der WAZ Mediengruppe über CTS, Ticket-Hotline: Fon +49 209 147 79 99, ticket@mbee.de, im Internet hier Moderation des Publikumsgesprächs: Hella Sinnhuber. Weitere Informationen unter: „Anhängerkupplung gesucht!“ und Zeche Zollverein.
Biografien der Künstler

Tjerk Ridder wurde 1973 in Utrecht geboren. Im Alter von zwölf Jahren begann er afrikanische Trommel zu spielen. Als Drummer und Gitarrist wirkte er in verschiedenen Bands mit und schrieb erste Lieder. Nach dem Studium an den Hochschulen für Theater in Amsterdam und Utrecht arbeitete er in verschiedenen Theatergruppen und Fernsehproduktionen. Eine Reise nach Japan im Jahr 2001 regte Tjerk Ridder an, eine eigene Form von Theater und Musik zu entwickeln, die sich auf Lebensgeschichten und menschliches Wachstum gründet. Die Motive, Sehnsüchte und Ideen von Menschen sind wichtige Quellen der Inspiration für Ridders Arbeit.

Matthijs Spek wurde 1974 in Nieuwerkerk aan de IJssel geboren. Er studierte an der Hochschule für Musik in Utrecht den Studiengang Jazz/Pop mit dem Hauptfach Gitarre und dem Nebenfach Klavier. Nach dem Studium arbeitete er als professioneller Gitarrenspieler, als Musiker, Komponist, Arrangeur, Musikproduzent und Gitarrenlehrer. Er arbeitete u.a. zusammen mit Theo Mackaay, Niet Schieten und Braak. 2005 und 2008 gab er zwei Soloalben im Eigenverlag heraus. Für das Bühnenprogramm „Anhängerkupplung gesucht!“ spielt Matthijs Spek die Sologitarre. Er produzierte die dem Buch beiliegende DVD „Anhängerkupplung gesucht!“.

Deutschlandpremiere von „Anhängerkupplung gesucht!“ : Tjerk Ridder traf in die Herzen der ExtraSchicht-Besucher

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Tjerk Ridder (rechts vor einer projizierten Aufnahme seiner Heimatstadt Utrecht) zu Beginn der Deutschlandpremiere von „Anhängerkupplung gesucht!“ Begleitet wurde er von Matthijs Spek (links mit Bild); Fotos (2) C.-D. Stille

Der niederländische Theaterkünstler Tjerk Ridder hat Mut bewiesen. Und zwar, indem er sich zunächst und dann stets immer wieder aufs Neue Mut machte. Nach einem Brainstorming mit Freunden wurde  einst in seiner Heimatstadt Utrecht eine Idee geboren: Mit einem Wohnwagen wollte Ridder nach Istanbul gelangen. Nicht einfach so aus Jux. Tjerk Ridder wollte u.a. die Kulturhauptstädte von 2010, Essen, Pécs und Istanbul, besuchen und so eine Verbindung zwischen ihnen herstellen. Ein wenig sollte wohl auch ein bisschen mit der Vorstellung „Holländer mit ihren Wohnwagen“ gespielt werden. Die Sache hatte aber zunächst einmal einen Haken. Einen, nicht vorhandenen nämlich. Ridder verfügte nur über einen Eriba-Campingwagen. Ohne  Zugfahrzeug! Wie also nach Istanbul kommen?

Trekhaak gezocht!

Ganz einfach: Man braucht andere, um voranzukommen. Im vorliegendem Falle Leute mit einem motorisierten Fahrzeug, das über eine Anhängerkupplung verfügt. Und darüberhinaus Fahrer, die gewillt sind einen in ihren Augen offenbar verrückten Holländer ein Stück des Weges zu ziehen. Auf Niederländisch heißt Anhängerkupplung Trekhaak. Der Titel des in Angriff genommenen Projektes stand fest: „Trekhaak gezocht!“ Zu deutsch: „Anhängerkupplung gesucht!“ Die Metapher über all dem: „Man braucht andere, um voranzukommen“. Wer wollte das bestreiten? Nur ist uns das sehr oft überhaupt nicht (mehr) bewußt. Ganz einfach eigentlich. Ganz einfach?

Erste Station auf deutschem Boden: Zeche Zollverein

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Der Eriba-Campinganhänger von Tjerk Ridder auf Zeche Zollverein in Essen.

Von Utrechter Bürgerinnen und Bürgern sowie vom Stadtoberhaupt der Domstadt verabschiedet machte sich Tjerk Ridder im eiskalten Januar des Jahres 2010 zu seiner Tour auf. Erster Etappenort war die Kulturhauptstadt Essen. Das Gelände der Zeche Zollverein. Ein Zeche, die dereinst als „schönste und modernste Zeche“ galt. Im bitterkalten Januar 2010 eröffnete dort der damalige Bundespräsident Horst Köhler das Kulturhauptstadtjahr. Tjerk Ridder campte auf dem Gelände von Zollverein. Illegal, aber geduldet.

Vorweg: Tjerk Ridder erreichte – zwar nicht wie geplant in einem Rutsch, so aber doch in zwei Etappen und später begleitet vom Journalisten und Kulturproduzenten Peter Bijl – Istanbul. Auf der Tour entstanden Lieder, Texte Fotos und Videoaufnahmen. Daraus wiederum ein Buch (mit DVD). In englischer, niederländischer und seit vergangenem Jahr auch in deutscher Sprache „Anhängerkupplung gesucht“, erschienen bei Patmos. Das Projekt ist längst ein multimediales. So nimmt es nicht wunder, das selbiges auch als Bühnenprogramm gleichen Namens Reden von sich macht.

Programmpunkt der Extraschicht

Ich sah es im Februar 2014 auf Niederländisch bei Utrecht. Letzten Sonnabend war es nun soweit: Die Zeit wurde als reif für die Deutschlandpremiere dieser Show befunden.  Diese fand sozusagen eingebettet in den Rahmen des Programms der Extraschicht am 28. Juni 2014 statt. Auf dem Gelände des UNESCO-Welterbes Zollverein in Essen. Im großem Saal von Areal A [Schacht XII], Halle 12, der einstigen Lesebandhalle. „Anhängerkupplung gesucht!“ lief gleich dreimal hintereinander: 20, 22, und 24 Uhr. Ich besuchte die erste Aufführung.

Sogar  auf dem Boden sitzen Zuschauer

Die Sitzgelegenheiten im  großen Saal sind kurz vor Beginn alle besetzt. Es haben Gäste sogar auf dem Parkettfußboden platzgenommen. Jemand meint später, es könnten um die 350 Zuschauergewesen sein.

Auf der Bühne ein Schlagzeug, Gitarren und ein Garderobenständer mit Kleidungsgegenständen, welche Tjerk Ridder auf seiner Tour 2010 trug. Auf einer Leinwand im Hintergrund das Coverbild vom Buch projiziert. Es zeigt links den Eriba-Campingwagen (der stand  übrigens am Sonnabend draußen vor der Halle 12) und Tjerk Ridder mit ausgestrecktem Daumen an einer Chaussee stehend. Auf der Suche nach einem Auto mit Anhängerkupplung.

Selbst nur einmal fünf Minuten lang getrampt 

Eingangs der Show und vor dem dann eingeblendeten Bild des winterlichen Utrecht bei Nacht. Tjerk Ridder erzählt wie die Idee zum Projekt geboren wurde. Und ein Geständnis Tjerk Ridders mochte die Zuschauergemeinde zumindest erahnen lassen können, wie dessen Gefühle vor der Tour wohl gewesen sein mussten: Nämlich verdammt mulmig. Der Utrechter selbst war bis dato höchstens einmal fünf Minuten lang getrampt. Und nun sollte er über 3700 Kilometer weit durch acht Länder nach Istanbul trampen? Noch dazu mit einem Campinganhänger ohne Trekhaak, sprich Auto mit Anhängerkupplung! Und wie hatten ihn alle möglichen Leute gewarnt! Auf dem Balkan könnte er bestohlen werden oder ihm noch Schlimmeres drohen. Sich selber Mut machen war also angesagt. Selber mutig empfand sich Tjerk gewiss nicht. Wer wagt gewinnt, sagt der Volksmund. Hier stimmt dies wirklich!

„Eis“ gebrochen

Tjerk Ridder greift zur Gitarre und in die Saiten. Wieder musste sich der Utrechter Mut machen. Wagen und hoffentlich gewinnen. Da ist das Lampenfieber, das immer da ist, wie die meisten Bühnenkünstler sagen: da sein muss. Aber da ist auch die ganz besondere Anspannung. Eine leichte, verständliche Nervosität ist ihm anzumerken. Die Show das erste Mal auf Deutsch! Augenscheinlich liest Ridder ab und an von einem Manuskript auf einem Notenständer ab.  Die Stütze sei ihm gegönnt. Manches Mal geht ihm doch ein Wort in Niederländisch besser von den Lippen als in deutscher Sprache. Besser als zu stocken.  Das Publikum nimmt ihm  das nicht übel.  Bald ist ein „Eis“ gebrochen, das garnicht da gewesen war. Man versteht, staunt und lacht, wenn es heiter oder skurril auf der Tour zugeht.

Matthijs Spek begleitet musikalisch einfühlsam

Die Reise von Utrecht nach Istanbul hat ihren Lauf genommen. Äußerst einfühlsam wird Ridder vom Gitarristen Matthijs Spek begleitet. Wenn Tjerk Ridder von einer Situation auf der Reise berichtet, wenn eine Videosequenz auf der Leinwand zu sehen ist, illustriert Spek das musikalisch sanft aber wo nötig dennoch ausdrucksvoll akzentuiert auf seinem Instrument. Es ist wie bei einer guten Filmmusik, die den jeweiligen Szenen ein ganz bestimmtes Fluidum verleiht. Eine Musik, die gar nicht da zu sein scheint, aber dennoch eine unverzichtbare Rolle spielt, ohne die der Film die Wirkung, die er mit ihr hat eben nicht hätte. Die jeweilige Stimmung am Ort der Tour wird musikalisch koloriert. Und die Stimmung des Wohnwagentrampers in der einen oder anderen erzählten Situation umso nachfühlbarer für die Zuschauer. Vorsichtig vergleichbar vielleicht mit einem vorsichtig eingesetzem Gewürz in einer Speise, das nicht vordergründig herauszuschmecken ist, das Gericht aber erst zu einer ganz besonderen Gaumenfreude werden läßt.

Rundum positive Erfahrungen gemacht

Tjerk Ridder, zusammen mit Peter Bijl, erlebten eine Menge kleinerer und größerer Abenteuer auf dem Weg von Utrecht nach Istanbul und zurück. Die Erfahrungen waren im Nachinein betrachtet rundum positiv. Natürlich gab es hier und da auch mal Schwierigkeiten. Manchmal schien es nicht weiter zu gehen. Dennoch trafen die beiden Niederländer – nicht zu vergessen Hundchen Dachs; auch in Essen natürlich wieder hinten auf der Bühne zugegen – viele interessante und hilfsbereite Menschen. Sie lernten gleich mehrere Länder sowie viele Städte, Landschaften und Dörfer kennen.

Unterwegs kann zu Hause sein

“Unterwegs”, singt Ridder auch an diesem Abend auf Deutsch. Fast mochte ich mitsingen. Weil es so stimmig ist. Der Inhalt in Kürze auf einen Nenner gebracht: Unterwegs kann zu Hause sein. Unterwegs ins Leben hinein. (“Unterwegs”, gesungen von Tjerk Ridder; via Youtube/Peter Bijl) Wie einfach. Wie passend zugleich. Auf die Anhängerkupplung-Gesucht!-Tour, wie aufs Leben eines Menschen im Speziellen.

Träume in Dosen

Orte der Reise erscheinen in bewegten und und unbewegten Bildern auf der Leinwand. Tjerk erzählt die erlebten Geschichten dazu. Menschengesichter tauchen auf. Leute sind zu sehen, die von Ridder während der Tour aufgefordert werden ihre Träume aufschreiben. Ridder doste sie ein, versah die Konserven mit einem Haltbarkeitsdatum. Dieses signalisiert den Tag an welchem die Menschen hoffen, ihr Traum würde bis dahin in Erfüllung gegangen sein. Dann sollen sie die Dose öffnen und ein Fazit ziehen. Ingesamt 73 Traumdosen verschloss Tjerk Ridder mit einer manuellen Konservendosenmaschine.

Ungeschälte Nüsse und der gefährliche  „Papageienmann“

Immer wieder gibt Tjerk Erlebnisse zum Besten, die das Publikum zum Schmunzeln, Stutzen aber auch zum Lachen bringen. Wie das mit dem „Papageienmann“. Wieder einmal warteten sie da an einer Straße und niemand hielt an. Da kam plötzlich ein Mercedes Benz! Mit deutschem Nummernschild. Doch der Mann ist Kroate. Und Tjerk kam der Mann suspekt vor. Selbst Begleiter Peter Bijl, erzählt Tjerk Ridder gestern auf  Zollverein, der sonst immer sofort mit Leuten ins Gespräch kommt, habe sich stumm ans Seitenfenster des Mercedes mit nun angehängtem Wohnwagen gepresst. Und Ridder hinten mit Hund Dachs auf dem Schoss malt sich (Balkan!) aus, was womöglich alles passieren könnte.

Der suspekte Typ lud sie nun auch noch zu sich nach Hause ein! Ridder aber wollte eigentlich lieber weiter. Man blieb. Ridder: „Ein typischer Junggesellenhaushalt. Mit abwaschbarer Tischdecke auf dem Küchentisch. Es wurde Wasser kredenzt. Dazu gab es ungeschälte(?!) Nüsse“ Schließlich schält Ridder Nüsse und weitere düstere Befürchtungen drängen sich ihm auf. Plötzlich, so Ridder, bittet sie der Mann: „Jetzt wollen wir bisschen Spaß machen! In einen, wie der Mann auf Deutsch sagte Schuppen“. In Ridders Hirn ratterte es: „Der Mann ist immerhin Junggeselle!“ Der Mann, erfährt das Publikum, führte sie durch diesen „Schuppen“ hindurch.  Am anderem Ausgang befand  sich eine große Voliere. Mit Papageien darin! Achtundreißig an der Zahl.

Woher kommen nur unsere Ängste und Vorurteile?

Ridder: „Jetzt wurde mir klar wozu der Mann ungeschälte Nüsse in rauen Mengen vorrätig hielt!“ Lachen im Publikum. Ridder dann: „Woher kommen nur unsere Ängste vor anderen Leuten? Woher die Vorurteile?“ Der eben noch „suspekte“ Kroate entpuppte sich als „Papageienmann“ mit einer Tochter in Deutschland. „Also musste der Mann mal eine Frau gehabt haben.“ Und Tjerk sinniert: „Welche Menschen sind denn nun eher gefährlich? Welche mit Kindern oder die ohne?“ Die Moral aus der Geschichte: Weg mit unseren Vorurteilen! Offen sein, zugehen auf Menschen!

Per Hand rüber nach Kroatien

Köstlich auch das Erlebnis von Tjerk und Peter an der ungarisch-kroatischen Grenze. Kroation war dazumal noch kein EU-Mitgliedsland. Da standen noch Grenzer mit Gewehren. Ein Ungar hatte sie mit seinem Wagen an diese Grenze gezogen. Tjerk: „Doch auf die Grenzbürokratie hatte der keine Lust. Da standen wir nun mit unserem Campinganhänger ohne Auto mit Trekhaak!“ Schließlich entschlossen sie sich den Wagen per  Hand über die Grenze zu schieben. Lachen im Saal. Und sie taten es. „Was würden die Grenzer wohl denken?“ Zwei Holländer, bekannt für Drogen und andere ungesetzliche Sachen mit einem Campingwagen ohne Auto. Drei Grenzer kamen heran. In ihren Händen Handys. Einer erklärt: „Das müssen wir festhalten. Uns glaubt das ja keiner, wenn wir das zuhause erzählen!“ Der Saal brüllt vor Lachen. Ridder: „Die ließen uns dann durch. Nicht einmal die Pässe wollten sie noch sehen.“

Stumme Zeugen des Bürgerkrieges

Dann wieder wird es still und die Menschen machen nachdenkliche Gesichter. Da, etwa, wenn in einem von Tjerk und Peter besuchten Ort auf dem Balkan die Spuren von Einschüssen in Fassaden einst so schöner Häuser, wenn Ruinen, zu sehen sind aus Zeiten des ( wie wir inzwischen wissen: sinnlosen) jugoslawischen Bürgerkrieges (“Zerschossene Stadt”) zu sehen sind. An den wir uns erinnern. Natürlich fragten sich Tjerk und Peter: Was hat dieser Krieg mit den Menschen in diesen Orten, in diesen Häusern gemacht? Häuser sind kaputt oder renoviert. Die Menschen leben – müssen mit ihrem schlimmen Erlebnissen weiter leben. Wie sang doch einst Udo Lindenberg: Ein Herz kann man nicht reparieren. Erst recht nicht eine verwundete Seele! Waren die Menschen aus diesen Städten und Dörfern Täter oder Opfer? Oder sogar beides?

Man braucht andere, um voranzukommen. Auch auf der Straße des Lebens

Ein Filmstück – die Szene da Tjerk Ridder des Abends oder nachts an einer Tankstelle auf dem Balkan steht und sich offensichtlich niemanden findet, der sie an sein Auto haken will – ist lang. Denn lange wurden Tjerk und Peter da nicht mitgenommen. In der deutschen Version von „Anhängerkupplung gesucht!“ drückt Matthijs Spek die nervenzehrende Warterei zirka 500 Kilometer von Istanbul entfernt fast körperlich nachlebbar aus, in dem der die anscheinend aussichtslose (Tjerk: sollten wir umkehren?) Lage mit schrillen E-Gitarrentönen (aus-)malt. Die Bühne ist in tintenblaues Licht getaucht. Tjerk Ridder illustriert die  damalige Misere am Schlagzeug. Matthijs Speks „Erzählung“ dieser traurigen Nacht auf dem Balkan und der filmisch konservierte Gesichtsausdruck Tjerk Ridders sagen zusammen mehr als tausend Worte. Schließlich ist es ein schrecklicher Gedanke womöglich irgendwo fern der Heimat zu stehen und nicht mitgenommen zu werden. Im Bauch ein rumorendes Gefühl der Entmutigung. Da ist es wieder: Man braucht andere, um voranzukommen. Wie sehr stimmt das erst auf der Straße des Lebens!

Wofür die „Wohnwagenmetapher“ steht

Das multimediale Bühnenprogramm macht die dem Projekt zugrunde liegende Idee förmlich erfahrbar. Auch weil man selbst gar nicht dabei, unterwegs, mit Tjerk Ridder, Peter Bijl und Dachs war. Die Hauptfrage der Protagonisten während ihrer Reise: “Entschuldigen Sie, haben sie vielleicht eine Anhängerkupplung?” Hinter der “Wohnwagenmetapher” steht ja immer auch die Frage: “Bist du offen dafür, deinen Weg zu ändern?”

Mit dem Herzen sehen

Nur die jeweilige Landessprache hält – das Teil betreffend, worauf es ankommt, um weiter zu kommen – immer andere Worte bereit. Der Gedanke dahinter bleibt der gleiche. Trekhaak. Anhängerkupplung. Kuka. Das sind ja nur technische Begriffe jeweils anderer Zunge. Der springende Punkt ist jedoch: Man braucht andere, um voranzukommen. Wichtig ist das Menschliche. Es gilt das eigene Herz und andere Herzen für Neues zu öffnen. Wie schrieb doch Antoine de Saint-Exupéry in “Der kleine Prinz” so einfach wie richtig: “Man sieht nur mit dem Herzen gut” und beklagte damit das einseitige Denken der “Großen Leute”.

Vorurteile abbauen und Grenzen überwinden

Das großartige Projekt “Anhängerkupplung Gesucht!” führt uns vor – auch wenn wir selbst nicht dabei waren: Mögliche Vorurteile abbauen, Grenzen überwinden (nicht nur im geografischem Sinne) ist machbar. Etwas lernen von anderen und über andere – letztlich über einen selbst – ist eine unbezahlbare Bereicherung. Seine Träume zu leben bedeutet zunächst, sie zu formulieren. Tjerk Ridder erinnert in seiner Show auch an   einen Franzosen, dessen Foto auf der Leinwand eingeblendet wird, welchen sie auf der Tour trafen. Der hatte sich nach der Pensionierung als Erstes ein Fahrrad gekauft. In ihrem Buch nennen  ihn Ridder und Bijl “Seelenverwandter Zweiradfahrer”. Guy, so der Name des Franzosen, wollte von der Quelle der Donau bis zur deren Mündung ins Schwarze Meer strampeln.

„Istanbul!“

Dann endlich: Der Sultanahmet-Platz in Istanbul ist erreicht. Im Bild zu sehen. Der befreiende Ruf Tjerks und Peters: „Istanbul!“ Der dazugehörige Film zeigt wie sie in einem Transporter auf einer Istanbuler Schnellstraße dahinrauschen und Tjerk ruft einem Fahrer in einem anderen Auto durchs offene Fenster zu: „We are from Holland. Wir hitchhiking with a caravan without hook …“ Dann fällt das andere Auto zurück …

Fazit:  So verschieden sind die Menschen in unterschiedlichen Ländern gar nicht

Gemeinsam friedlich leben. Und den Frieden bewahren. Und Tjerk Ridder hat es selbst erlebt: So verschieden sind die Menschen in unterschiedlichen Ländern gar nicht. Wie konnten ihm andere vor der Reise nur Angst machen? Vor dem Balkan. Und den schlimmen Sachen, die ihm da geschehen könnten. Heute hatte Ridder dafür nur ein Kopfschütteln übrig. Diese Leute die das taten, waren gewiss nie selbst auf dem Balkan. Hatten alle Vorurteilen offenbar von den Medien übernommen. Es geschah ja gerade das Gegenteil, des von ihnen an die Wand gemalten. Viele herzliche, warme Begegnungen wurden den Protagonisten des Projektes auf der Reise zuteil. Und Tjerks Augen strahlen dabei. Die Anspannung fällt endlich von ihm ab.

Ridders Programm machte Tour und dahinter stehenden Gedanken nacherlebbar

Die Wärme, die Tjerk Ridder und Matthijs Spek während der Extraschicht auf Zollverein ausstrahlten, aber auch die vermittelte Nachdenklichkeit, hat das Publikum nun auch auf Deutsch ergriffen. Welches seinerseits Wärme zurück zu den  Protagonisten auf die Bühne in Halle 12  auf Zollverein zurücksendete. Die Geschichten von der Reise erwärmten die Herzen, atmeten Melancholie, ließen aber auch den Spass nicht zu kurz kommen.

Lebendig nacherleb- und nachvollziehbar

Das Bühnenprogramm macht auf sympathische Weise unaufdringlich deutlich und vor allem die dem Projekt zugrundeliegende Methapher „Man braucht andere, um voranzukommen“ lebendig nacherleb- und nachvollziehbar. Und die Geschichte funktioniert auch in deutscher Sprache. An der muss Tjerk Ridder freilich noch etwas arbeiten. Dann wird die Show (noch) runder. Wenngleich Ridder seine leichten Unsicherheiten bei der Deutschlandpremiere überbrückte, indem er deutsche kurz durch niederländische Worte ersetzte, der Aufführung beileibe keinen Schaden zufügten. Allesfalls winige Kratzer. Der Verständlichkeit insgesamt tat das keinen Abbruch.

In die Herzen tief  hineingetroffen

Die Herzen hat „Anhängerkupplung gesucht!“ jedenfalls nicht nur erreicht und erobert. Sondern tief in sie hineingetroffen. Davon zeugt nicht nur der öfter ertönende Zwischenapplaus sondern auch der begeisterte Beifallssturm am Schluss. Sowie die Gespräche vieler Menschen hinterher im Foyer beim Signieren der Bücher und beim Entgegennehmen von Autogrammen mit Tjerk Ridder und dem eigens aus Berlin angereisten Buchmitautor Peter Bijl, der am Projekt keinen unerheblichen Anteil hatte.

Matthijs Spek, ein wirklich hervorragender Instrumentalist und damit eine unverzichtbare Bereicherung der Show, ist offenbar zu bescheiden, um sich nach der Aufführung zu zeigen. Bescheidenheit ist zwar eine Zier, doch war sie fehl am Platze hier. Lob dem virtuosen  Spieler! Gewiss hätte mancher auch gern ein Autogramm von ihm  gehabt. Dafür zeigte sich der Tour- wie medienerfahrene Dachs und schwarzwenzelte ein wenig zwischen den Gästebeinen hin und her. Und erhielt prompt  seine Streicheleinheiten.

Mehr davon! Tot zienst in Duitsland!

Manche Leute dürften sich vielleicht nun auch mit Gedanken tragen, mal aus den eingefahrenen Bahnen etwas auszubrechen. Mehr davon! „Anhängerkupplung gesucht!“ auf weitere deutsche, österreichische und deutschschweizerische Bühnen, möchte ich rufen!

Tjerk Ridder ist bestimmt nicht mutiger wie wir selbst. Ein Mensch wie wir. Ein sympathischer Zeitgenosse zumal. Der Utrechter hat nur Mut bewiesen, indem er sich immer wieder Mut machte. Und so weiter kam.Mulmig war ihm vorher und auch unterwegs nach Istanbul. Es wird auf weiterer Lebensbahn auch ab und zu wieder so sein. Doch Ridder hat immerhin schon einmal gewagt und – seien wir ehrlich: ziemlich viel gewonnen. Ach, würden wir uns doch auch mal etwas Ähnliches trauen!

Eine tolle Deutschlandpremiere auf Zollverein war das gestern. Dort wo 2010 alles begann. Tjerk Ridder bekannte, das Ruhrgebiet längst als „zweite Heimat“ zu empfinden. „Anhängerkupplung gesucht!“ war als einer von vielen Programmpunkten auch ein Glücksfall für die Extraschicht 2014. Wie es ein absoluter Treffer für Tjerk Ridder und Matthijs Spek war die Deutschlandpremiere auf Zollverein gleich dreimal zu spielen. Wie man neudeutsch sagt, eine Win-win-Situation. Ein gelungener Einstand allemal, wie ich finde. Glückwunsch! Tot ziens in Duitsland, Tjerk, Matthijs und Dachs!  Peter Bijls Bemerkung vor der Show hat sich doch tatsächlich erfüllt: „Das ist Zollverein, Tollverein und Vollverein ..“

Zu seinem Aufenthalt im Ruhrgebiet im Kulturhauptstadtjahr 2010 und auf der Essener Zeche Zollverein schrieb Tjerk Ridder den Text “Tief-be-Ruhr-t”.

„Anhängerkupplung Gesucht!“ bei der ExtraSchicht 2014 erstmalig in deutscher Sprache

BildTjerk Ridder im Sommer 2010 auf dem Balkan; Foto: Peter Bijl

Ein bisschen verrückt oder zumindest tollkühn muss schon jemand sein, der mit einem Wohnwagen zu trampen beschließt. Einen Campinganhänger wohlbemerkt, ohne eigenes Zugfahrzeug! Ein Niederländer besaß diese Tollkühnheit. Ach so!, werden nun bestimmt einige unter den Leserinnen und Lesern denken und gelangweilt abwinken: Ein Holländer? Die sind doch berüchtigt wegen ihrer Wohnwägen! Gemach. Berüchtigt zu recht oder nicht, das sei mal dahingestellt: Was schon ist ein Holländer mit Wohnwagen, der ohne Zugmaschine wohin will? Nach Istanbul auch noch? Von Utrecht aus? Da sieht die Sache schon ganz anders aus.

Der Utrechter Theaterkünstler und Liedermacher Tjerk Ridder gebar die Idee zum Projekt „Trekhaak Gezocht!“ („Anhängerkupplung Gesucht!“) in einer Kneipe. Und gewiss spielte er bei dem ins Auge gefassten Projekt am Rande ein ein Stück weit damit, dass Niederländer und Wohnwagen für manche Menschen so eine Art Schreckgespenst darstellen, dem man auf den Straßen am liebsten nicht begegnen möchte. Beispielsweise als Deutscher (Ausnahmen bestätigen die Regel) auf deutschen Autobahnen. Weil ihnen die Wohnwagen hinter sich her schleppenden Holländer vermeintlich die so geliebte „Freie Fahrt für freie Bürger“ (es gibt sogar eine Facebook-Gruppe unter diesem Titel!)  nähmen. Wobei Behinderungen deutscher Autolenker und der von ihnen geforderten und fest für sich und auf ewig reklamierten „Freien Fahrt“ zwar in der Tat stattfinden, jedoch vielfältige Ursachen haben. Die allerwenigsten davon dürften bei Lichte betrachtet holländischen Campern ankzukreiden sein.

Ein Mann und sein Wohnwagen – Per Anhalter durch Europa

Wie dem auch sei, Tjerk Ridder ging es um etwas ganz anderes. Nämlich wollte er das Projekt „Anhängerkupplung Gesucht!“ als eine Metapher verstanden wissen, welche praktisch auf das Leben verweist: „Man braucht andere, um voranzukommen.“ Eine Schnapsidee? Allerdings mit dem Unterschied, das es bei selbiger nicht blieb.

Denn Tjerk Ridder trampte schlussendlich drei Monate lang durch Europa. Mit einem Wohnwagen der Marke „Eriba“. Ausgestattet mit einer Solaranlage zum Erzeugen von an Bord benötigter Elektroenergie. Jedoch ohne Auto. Ridders erstes Etappenziel dieser ungewöhnlichen Reise im Jahr 2010 war das UNESCO-Welterbe Zollverein in Essen. Die Eröffnungsfeier für die Kulturhauptstadt Europas RUHR.2010 erlebte Ridder bei bitterer Kälte. Dachs, der Hund des Niederländers und treuer Begleiter auf der Reise Utrecht – Istanbul war ebenso dabei.

Am Ende der Reise via eines Stopps in der zweiten europäischen Kulturhauptstadt, dem ungarischen Pécs und quer durch den Balkan stand wie geplant die Kulturhauptstadt Numero drei Istanbul. Dazwischen lagen etliche Abenteuer.

Mehr darüber erfahren sie in meinen Beiträgen dazu hier und hier.

Zurück im Pott

Im Juli 2010 kehrten Tjerk Ridder, Hundchen Dachs und Begleiter Peter Bijl glücklich zurück in den Ruhrpott, der ersten Station Anfang des Jahres 2010 nach dem Start in der Heimat Utrecht. Diesmal herrschte brütende Hitze. Mein Bericht darüber können Sie hier lesen.

Die Reise künstlerisch reflektiert

Während der Reise entstanden Videos, Notizen und Lieder, in denen Tjerk Ridder das Erlebte verarbeitete und reflektierte. Inzwischen gibt es auch ein zusammen mit dem Journalisten Peter Bijl verfasstes Buch, das über das große Abenteuer Auskunft gibt. Auf Englisch und Niederländisch. Und auch eine deutsche Ausgabe des Buches „Anhängerkupplung Gesucht!“ (darin eine DVD mit Liedern und Videos) ist bei Patmos erschienen. Auf Neopresse  wurde es u.a. vorgestellt.

Niederländische Aufführung von "Trekhaak Gezocht!". Rechts im Bild Tjerk Ridder im Herman-van-Veen-artscenter auf De Paltz; Foto: Claus-D.Stille

Niederländische Aufführung von „Trekhaak Gezocht!“. Rechts im Bild Tjerk Ridder im Herman-van-Veen-artscenter auf De Paltz; Foto: Claus-D.Stille

Mit Fug und Recht firmiert „Anhängerkupplung Gesucht!“ längst als Multimedia-Projekt. Auch eine überzeugende Bühnenversion hat Tjerk Ridder auf die Beine gestellt. Begleitet wird der Utrechter auch da von Hundchen Dachs. Ridders hervorragender musikalischer Begleiter ist Matthijs Spek. Für die freitag-community-Leserinnen und Leser besuchte ich im Februar die niederländische Aufführung im Herman-van-Veen-Artscenter auf De Paltz in der Nähe von Utrecht. Mit diesen hier beschriebenen Eindrücken kehrte ich zurück nach Deutschland.

Deutschland-Premiere

Nun endlich hat das Warten für uns Deutsche ein Ende: Tjerk Ridder kommt mit seinem Theater-Multimediaprojekt nach Deutschland! Spielen wird er es erstmalig in deutscher Sprache am 28. Juni 2014 anlässlich der „ExtraSchicht 2014 – Die Nacht der Industriekultur“ auf Zeche Zollverein in Essen. Dieser Ort der Industriekultur hat sich Tjerk Ridder fest eingeschrieben. Wie und warum das so ist, davon erzählt Ridder in seiner für das Erzählprojekt verfassten „Mein Zollverein“-Geschichte „Tief be-ruhrt“.

„Vier Jahre später“, vermelden die Organisatoren,  „am 28. Juni 2014, kehrt der niederländische Theaterkünstler und Liedermacher Tjerk Ridder anlässlich der ExtraSchicht mit einem multimedialen Bühnenprogramm voller Reiseerfahrungen auf das ehemalige Industriegelände in Essen zurück. Erstmalig präsentiert er dort in Zusammenarbeit mit der Initiative „Welterbe Zollverein – Mittendrin“ das theatrale Roadmovie „Anhängerkupplung gesucht!“ auch in deutscher Sprache.“

Das Thema der diesjährigen ExtraSchicht ist „Europa“. Ridders „Anhängerkupplung Gesucht!“ passt bestens ins Programm. Und die Zeit! Europas Politiker sollten sich die damit transportierte Metapher zu Herzen nehmen und leben: Du brauchst andere, um voranzukommen. Zweifelsohne ist gerade „Anhängerkupplung gesucht!“ ein europäisches Kunstprojekt, das Menschen unterschiedlicher Herkunft zu verbinden imstande ist.

Mit mehr als 40 einzelnen Programmpunkten wird ein bunter Mix aus Ausstellungen, Musikbeiträgen, Licht- und Kunstinstallationen, Walk Acts und internationalen Straßentheater-Inszenierungen präsentiert. „Anhängerkupplung Gesucht!“ ist einer dieser Programmschwerpunkte.

In der Pressemitteilung zu seinem Aufritt heißt es: Tjerk Ridder erzählt in Liedern, Bildern und Videos von „seiner Reise von Utrecht aus durch acht Länder, unter anderem über die drei europäischen Kulturhauptstädte Essen, Pécs und Istanbul. 3700 Kilometer lang war seine außergewöhnliche Reise – ein Sprung ins Ungewisse, eine Begegnung mit eigenen und fremden Grenzen, eine einzigartige Suche nach Gastfreundschaft und Vertrauen im heutigen Europa. Insgesamt 53 Fahrer halfen dem Niederländer, sein Ziel am Bosporus zu erreichen.“ Und weiter: „Der Zuschauer erlebt, was möglich ist, wenn Menschen es wagen, sich für Unbekanntes zu öffnen.“

Tjerk Ridder, einfühlsam musikalisch begleitet von Matthis Spek, nimmt das Publikum mit „auf eine Reise durch Themen wie Heimat, Träume, Tatkraft, Einsamkeit, Gastfreundschaft, Vorurteile und Vertrauen.“

Wir dürfen gespannt auf die Begegnung mit Tjerk Ridder und seinem erstmalig am 28. Juni gleich dreimal auf Deutsch präsentierten Programm sein.

Informationen

Mehrsprachiger Trekhaak-Schutz; Foto: C.-D.Stille

Mehrsprachiger Trekhaak-Schutz; Foto: C.-D.Stille

Veranstaltung: Tjerk Ridder. Anhängerkupplung gesucht! Man braucht andere, um voranzukommen. Eine außergewöhnliche Reise durch Europa mit Bildern, Liedern und Geschichten

Termin: 28.6.2014, 20.00 | 22.00 | 24.00 Uhr

Veranstalter: „Welterbe Zollverein – Mittendrin“ im Rahmen der ExtraSchicht | Die Veranstaltung wird durch die RAG-Stiftung und das Königreich der Niederlande gefördert.

Ort: Areal A [Schacht XII], Halle 12, großer Saal

Eintritt: Für den Besuch des Programms ist ein ExtraSchicht-Ticket erforderlich, Tickets unter: http://www.extraschicht.de

Informationen unter: Anhängerkupplung Gesucht! und Zollverein.

Tjerk Ridder mit „Anhängerkupplung Gesucht!“ im Herman-van-Veen-Artscenter

BildTjerk Ridder am Schluss seines multimedialen Bühnenprogramms „Trekhaak Gezocht!“ am vergangenen Sonnabend auf der Bühne des Herman-van-Veen-Artscenter; Foto: Stille

De Paltz. Mitten im Wald. In einem Park, mit einer alten Villa aus dem Jahre 1867 darin. Zu welcher durchs Grüne ein langer Weg führt, der  auf einer aus knirschendem Kies bestehenden Hausvorfahrt vor einem herrschaftlichen Treppenaufgang ausläuft, taucht im Dunkel des Abends gleich linker Hand ein kleiner Kulturtempel – transparent mit seitlichen großen Glascheiben – auf. Dass das Gebäude früher eine Scheune war, ist höchstens noch zu erahnen. Das hundertfünzig Jahre alte einstige Landgut liegt in Soestduinen, unweit von Soest (Niederlande). Etwa 25 Kilometer von Utrecht entfernt beherbergt es seit Kurzem erst das „Herman van Veen Arts Center“. Kein Schild weist daraufhin. Weder am zweiflügeligen Haupttor, noch am hinteren. Selbst der Taxifahrer ist zunächst ahnungslos. Was dem Rezensenten etwas kostet: Taxen sind nicht gerade billig in Holland. Nach einem Anruf öffnet sich das gusseiserne Haupttor von unsichtbarer Hand gesteuert lautlos und geheimnisvoll. Fast wie im Film …

Betreffs der Kultureinrichtung und dessen einstiger Funktion, kommt mir der Begriff „Kunstscheune“ in den Sinn. Der Vorgängerbau des Stadttheaters meiner Heimatstadt Halle trug einmal diesen Namen.

Das Herman-van-Veen-Artscenter möchte Talente fördern

Nette, ehrenamtlich tätige Frauen und Männer – die guten Geister des Abenddienstes auf De Paltz – erkären mir in der Küche im Keller der früheren hochherrschaftlichen Villa bei Kaffee und Spekulatius die Idee, die hinter dem Herman-van-Veen-Artscenter steckt. Der großartige, vielseitige und auch in Deutschland seit Jahrzehnten bekannte und beliebte niederländische Künstler Herman van Veen hat gemeinsam mit der Gitarristin Edith Leerkes, die Villa, umliegende kleinere Gebäude und ein großes Arreal Land von der Provinz gekauft. Das Landgut De Paltz soll jungen Künstlerinnen und Künstlern als Podium dienen. Herman van Veen möchte Talente fördern. Einen freien Verkauf für Veranstaltungen im Kunstzentrum gib es indes nicht. Interessierte können sich einen Stuhl für drei Jahre und zum Preis von 1200 Euro kaufen. Womit das Recht erworben wird, alle Vorstellungen oder Ausstellungen welche dort veranstaltet werden, zu besuchen. Stuhlbesitzer können aber ihren Platz auch an andere verschenken. Stück für Stück soll das Herman-van-Veen-Artscenter weiter renoviert und ausgebaut werden.

„Anhängerkupplung Gesucht!“ und die damit verbundene Metapher

Letzten Sonnabend spielte der Niederländer Tjerk Ridder im Herman-van-Veen-Artscenter. Im Jahre 2010 ging Ridder mit dem Projekt „Trekhaak Gezocht!“ („Anhängerkupplung Gesucht!“) von Utrecht aus auf eine ganz besondere Tour. Mit einem Campinganhänger. Ohne Zugmaschine. Die musste er sich jeweils unterwegs suchen. Und somit Leute finden, die ihn und seinen Eriba-Campingwagen anhaken und ein Stück des Wegs ziehen. Dem Ziel, Istanbul, entgegen. Dieses Projekt sollte die Metapher „Man braucht andere, um voranzukommen.“, transportieren. Ich schrieb damals darüber (hier).

Tjerk Ridder, zusammen mit seinem Freund Peter Bijl, erlebten eine Menge kleinerer und größerer Abenteuer auf dem Weg von Utrecht nach Istanbul und zurück. Die Erfahrungen waren im Nachinein betrachtet rundum positiv. Natürlich gab es hier und da auch mal Schwierigkeiten. Manchmal schien es nicht weiter zu gehen. Dennoch trafen die beiden Niederländer – nicht zu vergessen Hundchen Dachs! – viele interessante und hilfsbereite Menschen und lernten gleich mehrere Länder sowie viele Städte und Dörfer kennen. Musiker und Theatermacher Tjerk Ridder verarbeitete das Abenteuer in Liedern und Texten. Auch ein Buch entstand zum und übers Projekt. Vergangenes Jahr kam es auch auf Deutsch heraus (hier).Herman van Veen schrieb das Vorwort dazu. Wer eine Reise tut, kann etwas erzählen, sagt der Volksmund.

Multimediales Bühnenprogramm „Trekhaak Gezocht!“

Tjerk Ridder tut das seit einiger Zeit auch mittels eines multimedialen Bühnenprogramms. Nun stand es auf dem Programm vom Herman-van-Veen-Artscenter. Warmes Licht empfängt die Zuschauer, die auf transparenten Plastiksesseln im Innern der „Kunstscheune“ platzgenommen haben. Alle Plätze sind besetzt. Auf die Leinwand ist das Coverfoto des Buches „Trekhaak Gezocht!“ projiziert. Es zeigt den Wohnwagen und Tjerk Ridder, welcher an einer Chaussee die Hand trampen ausgestreckt hat.

Matthijs Spek begleitet einfühlsam auf der Gitarre

Dann betritt Tjerk Ridder mit Dackel Dachs auf dem Arm von hinten durch eine Gasse neben den Stuhlreihen den Theaterraum. Dachs wird in ein Körbchen im hinteren Bereich der Bühne gesetzt. Ridder ergreift die Gitarre. Die Reise von Utrecht nach Istanbul kann losgehen. Einfühlsam wird Ridder vom Gitarristen Matthijs Spek begleitet. Wenn Tjerk Ridder von einer Situation auf der Reise berichtet, wenn eine Videosequenz auf der Leinwand zu sehen ist, illustriert dies Spek musikalisch sanft aber dennoch ausdrucksvoll akzentuiert auf seinem Instrument. Es ist wie bei einer guten Filmmusik, die den jeweiligen Szenen ein ganz bestimmtes Fluidum verleiht. Eine Musik, die gar nicht da zu sein scheint, aber dennoch eine unverzichtbare Rolle spielt, ohne die der Film die Wirkung, die er mit ihr hat eben nicht hätte. Vergleichbar vielleicht mit einem vorsichtig eingesetzem Gewürz in einer Speise, das nicht vordergründig herauszuschmecken ist, das Gericht aber erst zu einer ganz besonderen Gaumenfreude werden läßt.

Unterwegs kann zu Hause sein

Das Bühnenprogramm an diesem 22. Februar 2014 inmitten von Herman van Veens Kunst- und Gartenreich ist auf Niederländisch. Ihm zu folgen fällt mir dennoch nicht schwer. Zumal ich viel über dieses Projekt weiß und die Lieder auch auf Deutsch kenne. „Unterwegs“, singt Ridder als einziges Lied an diesem Abend auf Deutsch. Fast mochte ich mitsingen. Weil es so stimmig ist. Der Inhalt in Kürze auf einen Nenner gebracht: Unterwegs kann zu Hause sein. Unterwegs ins Leben hinein. („Unterwegs“, gesungen von Tjerk Ridder; via Youtube/Peter Bijl) Wie einfach. Wie passend zugleich. Auf die Anhängerkupplung-Gesucht!-Tour, wie aufs Leben eines Menschen im Speziellen.

Träume in Dosen und die „Zerschossene Stadt“

Orte der Reise scheinen in bewegten und und unbewegten Bildern auf. Tjerk erzählt die erlebten Geschichten dazu. Menschengesichter tauchen auf. Leute sind zu sehen, die von Ridder während der Tour aufgefordert werden ihre Träume aufschreiben. Ridder dost sie ein, versieht die Konserven mit einem Haltbarkeitsdatum. Dieses signalisiert den Tag an welchem die Menschen hoffen, ihr Traum könnte in Erfüllung gegangen sein. Dann sollen sie die Dose öffnen und ein Fazit ziehen. Immer wieder gibt Tjerk Erlebnisse zum Besten, die das Publikum zum Schmunzeln aber auch zum Lachen bringen. Dann wieder wird es still und die Menschen machen nachdenkliche Gesichter. Da, etwa, wenn in einem von Tjerk und Peter besuchten Ort auf dem Balkan die Spuren von Einschüssen in Fassaden einst so schöner Häuser, wenn Ruinen, zu sehen sind aus Zeiten des jugoslawischen Bürgerkrieges („Zerschossene Stadt“) zu sehen sind. An den wir uns erinnern. Natürlich fragten sich Tjerk und Peter: Was hat dieser Krieg mit den Menschen in diesen Orten, in diesen Häusern gemacht? Häuser sind kaputt oder renoviert. Die Menschen leben – müssen mit ihrem schlimmen Erlebnissen weiter leben. Wie sang doch einst Udo Lindenberg: Ein Herz kann man nicht reparieren. Erst recht nicht eine verwundete Seele! Waren die Menschen aus diesen Städten und Dörfern Täter oder Opfer? Oder sogar beides?

Man braucht andere, um voranzukommen. Auch auf der Straße des Lebens

Ein Filmstück – die Szene da Tjerk Ridder des Abends oder nachts an einer Tankstelle auf dem Balkan steht und sich offensichtlich niemanden findet, der sie an sein Auto haken will – bekommt man momentan das Gefühl, das sei zu lang geraten. Aber schon bald – und wieder ist es auch die untermalende, die Situation skizzierende, musikalische Begleitung des Matthijs Spek, die einen nur Minuten später zu einer wieder ganz anderen Bewertung kommen läßt. Hierin und im abgefilmten Gesichtsausdruck Tjerk Ridders bekommt der Betrachter nämlich einen gewissen Begriff davon, wie sich dieser in jener Situation wohl gefühlt haben muss. Schließlich ist es ein schrecklicher Gedanke womöglich nicht mitgenommen zu werden. Dass sich da vielleicht im Bauch ein Gefühl der Entmutigung breitzumachen versucht. Da ist es wieder: Man braucht andere, um voranzukommen. Wie sehr stimmt das erst auf der Straße des Lebens!

Das multimediale Bühnenprogramm macht die dem Projekt zugrunde liegende Idee förmlich erfahrbar. Auch weil man selbst gar nicht dabei, unterwegs, mit Tjerk Ridder, Peter Bijl und Dachs war. Die Hauptfrage der Protagonisten während ihrer Reise: „Entschuldigen Sie, haben sie vielleicht eine Anhängerkupplung?“ Hinter der „Wohnwagenmetapher“ steht ja immer auch die Frage: „Bist du offen dafür, deinen Weg zu ändern?“

Mit dem Herzen sehen

Nur die jeweilige Landessprache hält – das Teil betreffend, worauf es ankommt, um weiter zu kommen – immer andere Worte bereit. Der Gedanke dahinter bleibt der gleiche. Trekhaak. Anhängerkupplung. Kuka. Das sind ja nur technische Begriffe jeweils anderer Zunge. Der springende Punkt ist jedoch: Man braucht andere, um voranzukommen. Wichtig ist das Menschliche. Es gilt das eigene Herz und andere Herzen für Neues zu öffnen. Wie schrieb doch Antoine de Saint-Exupéry in „Der kleine Prinz“ so einfach wie richtig: „Man sieht nur mit dem Herzen gut“ und beklagte damit das einseitige Denken der „Großen Leute“.

Das großartige Projekt „Anhängerkupplung Gesucht!“ führt uns vor – auch wenn wir selbst nicht dabei „on the road“ waren: Mögliche Vorurteile abbauen, Grenzen überwinden (nicht nur im geografischem Sinne) ist machbar. Etwas lernen von anderen und über andere, ist bereichernd. Seine Träume zu leben beginnt damit, sie zu formulieren. Tjerk Ridder spricht am vergangenen Sonnabend auf De Paltz von einen Franzosen, dessen Foto in dem Moment auf der Leinwand eingeblendet wird, welchen sie auf der Tour trafen. Der hat sich nach der Pensionierung als Erstes ein Fahrrad gekauft. In ihrem Buch bezeichnen ihn Ridder und Bijl als „Seelenverwandter Zweiradfahrer“. Guy, so der Name des Franzosen, wollte von der Quelle der Donau bis zur deren Mündung ins Schwarze Meer strampeln.

Der europäische Gedanke wohnt in „Anhängerkupplung Gesucht!“

Man muss überhaupt nicht bescheiden sein: Was das Projekt „Anhängerkupplung Gesucht!“ in praxi lebte, dürfte sehr in Übereinstimmung stehen mit dem eigentlichen europäischen Gedanken. Dieser Grundgedanke wohnt quasi in Ridders Idee. Dem wir uns wieder oder endlich einmal wirklich zu eigen machen sollten. Jetzt wo die Finanzmärkte die EU beuteln, Austeritäspolitik Armut verursacht und Demokratieabbau zu befürchten ist. Gerade da sollte doch mehr denn je gelten: Zusammenstehen, den Nachbarn mitnehmen: Einander an- und unterhaken! Jeder braucht andere, um im Leben voranzukommen. Simpel und doch so wahr! Das zu leben, heißt nicht zuletzt Verständnis für die Verhältnisse des jeweilig anderen Mitmenschen aufbringen. Gemeinsam friedlich leben. Und den Frieden bewahren. Und Tjerk Ridder hat es selbst erlebt: So verschieden sind die Menschen in unterschiedlichen Ländern gar nicht. Auf der Bühne vom Herman van Veen Artscenter musste er abermals daran denken, wie Manche ihm vor der Reise hatten Ängste einreden wollen. Vor dem Balkan. Und den schlimmen Sachen, die ihm da geschehen könnten. Heute kann er darüber nur noch schmunzeln. Es geschah ja gerade das Gegenteil. Viele herzliche, warme Begegnungen wurden den Protagonisten des Projektes auf der Reise zuteil, erzählt der Utrechter seinem Publikum. Und Tjerks Augen strahlen dabei.

Ridders Programm machte Tour und dahinter stehendem Gedanken nacherlebbar

Eine schöne Erfahrung, dieses mulitmediale Bühnenprogramm im gemütlichen Herman-van-Veen-Artscenter unweit des niederländischen Soest. Die Wärme, die Tjerk Ridder und Matthijs Spek von der Szene ausstrahlten, hatte das Publikum ergriffen. Ab und an las man in deren Gesichtern aber auch ein Anflug von Nachdenklichkeit, wenn Ridder Geschichten von der Reise vortrug, die zu Herzen gingen oder in denen Melancholie mitschwang.

Um zu Herzen zu gehen, meine ich, ist dieses einzigartige Projekt – das es in Buchform (mit beilegter DVD) und multimedial als Bühnenprogramm (auch auf Deutsch) gibt – geradezu geeignet. „Man braucht andere, um voranzukommen“ – das macht auch das Bühnenprogramm auf sympathische Weise unaufdringlich deutlich und vor allem: Im Nachhinein nacherlebbar.

Die Zeit vergeht während der Aufführung wie im Fluge. Die Reise mit Tjerk Ridder und Matthijs Spek von Utrecht bis nach Istanbul und wieder zurück, wird fesselnd erzählt. Tausende Kilometer im Nu zurückgelegt. Zum Schluss meldet sich dann Hundchen Dachs mit lautem Gebell aus seinem Körbchen in der Ecke hinten auf der Bühne zu Wort: Er musste wohl eine „Wurst“ machen. Matthijs Spek tauscht seine Gitarre, die er virtuos beherrscht, gegen den Dackel und trägt ihn hinaus aus Herman van Veens „Kunstscheune“ ins Dunkel der Nacht und dessen Naturreich. Das Multitalent Van Veen, so war zu hören, konnte zur Aufführung leider nicht da sein. Er weilte zu einem Gastspiel in Belgien. Van Veen will einen Besuch des Programms aber wohl bald nachholen. Tjerk Ridder beschließt den unterhaltsamen wie nachdenklich machenden Abend, indem er sich den Fragen der Zuschauerinnen und Zuschauer stellt.

Gastspiele in Deutschland, Österreich und der Schweiz wären dem Programm zu wünschen

Übrigens soll es bereits auch in Deutschland Interesse am von mir in den Niederlanden gesehenem Bühnenprogramm geben. Freilich müsste sich hierzulande erst einmal eine Agentur finden, die das organisierte. Dem potentiellen Publikum wie auch den Akteuren von „Anhängerkupplung Gesucht!“ wären Gastspiele hierzulande oder auch in Österreich und der Schweiz zu wünschen.

Zu seinem Aufenthalt im Ruhrgebiet im Kulturhauptstadtjahr 2010 und auf der Essener Zeche Zollverein schrieb Tjerk Ridder kürzlich den Text „Tief-be-Ruhr-t“.

Kontakt zum Management von „Trekhaak Gezocht!“ in den Niederlanden: boekingen@trekhaakgezocht.com