Lutz Jäkel mit der Multimedia-Präsentation „Syrien – Ein Land ohne Krieg“ beim „Talk im DKH“ in Dortmund

Moderator Aladin El-Mafaalani (links) und Gast des Abends Lutz Jäkel (rechts). Fotos: Claus Stille

Ein ganz besonderer Abend erwartete die ZuhörerInnen beim jüngsten „Talk im DKH“. Viele Menschen waren dann auch dem Ruf ins Dortmunder Dietrich-Keuning-Haus (DKH) gefolgt. Moderator Aladin-El-Mafaalani kündigte eine zeitlich und stofflich umfangreiche Veranstaltung an, die „Sitzfleisch“ erfordere. Was sich bestätigte. Aber: Das lange Ausharren auf den harten DKH-Stühlen lohnte. Das Publikum erlebte eine bestechende, 90 Minuten lange Multimedia-Präsentation, welcher sich eine nicht weniger interessante Diskussion anschloss.

Der Bildband „Syrien – Ein Land ohne Krieg“ enthält neben 200 ausdrucksstarken Bildern Beiträge namhafter deutsch-syrischer und deutscher Autoren

Der Islamwissenschaftler, Historiker und Fotojournalist Lutz Jäkel hat gemeinsam mit der Religionspädagogin Lamya Kaddor den Bildband „Syrien – Ein Land ohne Krieg“ herausgegeben (erschienen im Oktober 2017). Das Buch versammelt neben 200 ausdrucksstarken Bildern Beiträge namhafter syrischer, deutsch-syrischer und deutscher Autoren.

Es enthält auch einen Text des Moderators El-Mafaalani, der einen syrischen Familienhintergrund hat.

Der Grund diesen Bildband zu machen war, Syrien – ein Land, welches Viele hierzulande vielleicht erst durch den seit Jahren dort wütenden Krieg kennengelernt haben – vorzustellen wie es bis 2011 war.

Lutz Jäkel studierte und arbeitete in Damaskus

Gast Lutz Jäkel hat in Damaskus studiert und gearbeitet. Eine Zeitlang lebte er auch in der Türkei. Und erfuhr, wie Aladin El-Mafaalani zu erzählen wusste, danach hier in Deutschland Ausgrenzung am eignen Leib. Wo er von Gleichaltrigen schon mal „Kümmeltürke“ geheißen wurde. Da sei es auch einmal zu einer Schlägerei gekommen. Jäkel hatte das nicht hinnehmen wollen.

Ob seiner Sprachkenntnis des Türkischen und des Arabischen werde Lutz Jäkel, so der Moderator, manchmal als Araber oder Türke – gar als Muslim – wahrgenommen. Doch der Deutsche Jäkel sei Atheist.

Lutz Jäkel hat dem Buch eine wissenschaftsbasierte Basis gegeben und es emotional, mittels eingeflossener persönliche Eindrücken, perfekt angereichert.

Ein Syrien ohne Krieg

Der Vortrag des Gastes beginnt mit einem der Bilder eines Spiegel-Fotografs von Syrien, wie wir sie zu Genüge aus den Fernsehnachrichten kennen: vom zerstörten Aleppo.

Doch an diesem Abend sollte es um ein Syrien ohne Krieg jenseits dieser schrecklichen Bilder gehen.

Die ZuschauerInnen erlebten via der Multimedia-Präsentation geballt – was im Klappentext des Buches versprochen wird: „Eindrucksvoll dokumentiert der Band den Alltag vor 2011, zeigt, wie man in Syrien lacht und einkauft, arbeitet und isst, betet, raucht, diskutiert, feiert. Ein gleichermaßen persönliches wie breites Bild – und ein Brückenschlag voller Hoffnung und Empathie.“

Rundreise von Damaskus nach Damaskus

Lutz Jäkel ist ein eloquenter Erzähler.

Die Reise beginnt in Damaskus (UNESCO-Weltkulturerbe), führt in den Süden Syriens, nach Palmyra und Aleppo, dann in den Westen nach Antakya, um dann nach einige Stopps u.a. in Pamyra wieder in Damaskus (übrigens neben Aleppo die älteste Stadt der Welt) zu enden.

Im Damaszener Viertel wo Jäkel einst eine Weile lebte, konnten die ZuschauerInnen auf einem der Fotos Kinder sehen, die mit Murmeln spielen. „Wo gibt es das noch hierzulande?“, fragte Lutz Jäkel ins Publikum hinein. Aber man konnte während dieser bunt gefächert dargestellten Tour auch den letzten – inzwischen verstorbenen – großen Märchenvorleser Syriens kennenlernen. Zu welchem Jäkel eine Anekdote erzählte: Der alte Herr habe immer ein Schwert unter seinem Schemel liegen gehabt. Welches er knallend auf einen Metallschemel hieb, wenn jemand im Publikum weggenickt war. Im Publikum erkannten einige Menschen, zumeist Syrer, Orte, welche Jäkel ansprach und im Foto zeigte. Etwa die berühmte Eisdiele Bakdash in Damaskus oder den bekannten Souk dort.

So vielfältig die Landschaft Syriens, so vielfältig dessen Menschen

Eloquent und kurzweilig führte Lutz Jäkel durch ein äußerst vielfältiges Syrien, das Uneingeweihte gewiss Staunen machen musste. Denn ebenso vielfältig wie die Landschaft sind auch die Menschen in Syrien – Aleviten, Christen, Sunniten oder Drusen.

Der Referent richtete dazu auch das Augenmerk darauf, dass in Syrien (wie in angrenzenden arabischen Ländern) auch weiterhin Stämme existieren. Schließlich seien andere arabische Länder wie ebenfalls Syrien aus der „Konkursmasse des Osmanischen Reiches“ heraus entstanden. Westliche Mächte wie etwa Frankreich und Großbritannien zogen Ländergrenzen quasi am Reißbrett, ihren Interessen folgend.

Was in Syrien beachtet werden will

Die ZuschauerInnen lernten, was dereinst auch Jäkel in Syrien lernen musste: Wird man in Syrien in ein Haus eingeladen, muss gewartet werden bis die Einladung zum dritten Male ausgesprochen wird – alles andere ist einfach nur Höflichkeit. Ebenfalls hatte Jäkel erfahren müssen, dass man mit dem in Deutschland zwei Semester akribisch studierten Hocharabisch, das sehr blumig ist, im arabischen Alltag allenfalls Heiterkeit auszulösen vermag.

Immer wieder gab Jäkel zu den auf der Leinwand erschienenen Fotos eigene Erlebnisse zum Besten, welche das Publikum erheiterten oder emotional tief zu bewegen vermochten.

Bilder von typisch syrischen kulinarischen Speisen dürften nicht wenigen Besuchern Appetit gemacht haben. Der in der Pause zu schon fortgeschrittener Stunde allenfalls mit dem zum Kauf angebotenen Frikadellchen nach syrischem Rezept immerhin einigermaßen gestillt werden konnte …

Lutz Jäkel hat sich nie wieder woanders so wohl gefühlt wie in Syrien

Einigen im Publikum hat diese mit Informationen prall gestopfter Multimedia-Präsentation gewiss Lust gemacht, sich das Buch zu verschaffen.

Der Kopf der ZuhörerInnen war nach diesem Vortrag mit Sicherheit übervoll und das Herz weit für ein so facettenreiches Syrien mit seinen so unterschiedlichen, nicht weniger begeisternden Menschen. Jäkel, der als Fotojournalist viel in der Welt herumkommt, gab zu, nie habe er sich anderswo so wohl wie in Syrien und sich so verbunden wie mit diesem so besonderen Menschenschlag dort gefühlt.

Am Ende wurde es doch noch politisch

Zum Ende der Präsentation, merkte Moderator El-Mafaalani richtig an, war Lutz Jäkel dann doch noch „politisch geworden“. Für Jäkel, dabei wollte er dann auch in der Diskussion im Anschluss nicht ablassen, kann es nämlich keine Zukunft – wie immer die auch aussehen mag – mit Präsident Assad geben. Denn dieser habe Krieg gegen sein eigenes Volk geführt. Achtzig Prozent der der Zerstörungen in Syrien habe dessen Regime zu verantworten. Jäkel räumte aber auch ein, dass in Syrien ein – wie manche sagten – ein „kleiner dritter Weltkrieg“ geführt würde, an dem nicht nur von deren Interessen gesteuerte Großmächte sondern eben auch viele andere Kombattanten – mit dem Begriff „Rebellen“ (Assad nennt sie Terroristen) sicher nicht immer zutreffend beschrieben mit unterschiedlichen Interessen und unterstützt von anderen Mächten beteiligt seien. Es wird also schwierig bleiben.

Alles Sehen ist Perspektivisches Sehen

Gruppenbild in der Pause. Die Zuhörer Khalid Chergui, Fatih Cevikollu, Özcan Coşar Lutz Jäkel (v.l.n.r).

El-Mafaalani hatte in der Pause mit Syrern gesprochen, die ihr Land in der Präsentation von Jäkel nicht so recht wiedergefunden hätten.

Aber das war ja schon eingangs gewissermaßen angekündigt worden, wo es geheißen hatte, Lutz Jäkel habe mit dem Buch einen „deutschen Blick“ auf Syrien geworfen und zugleich einen „inneren Blick“ auf das Land ins Werk gesetzt. Alles Sehen ist eben perspektivisches Sehen.

Lutz Jäkel: „Deutschland ist eben 2017 bunt und vielfältig – auch wenn es nicht jeder mag.“

Die Diskussion machte auch verschiedene soziale und Länderhintergründe deutlich. Und sie streifte auch das Thema Flüchtlinge und Migration. Man dürfe, so spielte Jäkel auf die Verhaftung eines mutmaßlichen Terroristen in Schwerin anspielend, nur weil es auch unter Syriern gewiss „ein paar Idioten gibt“ Flüchtlingen den Schutz verwehren. Man müsse mehr auf Flüchtlinge zugehen, meinte Lutz Jäkel. „Deutschland ist eben 2017 bunt und vielfältig – auch wenn es nicht jeder mag.“

Vielfältiges Syrien mit friedlichem Nebeneinander und funktionierendem Miteinander im Alltag

Jäkel zeigte mit „seinem“ Syrien ein Land in den es ein friedliches Nebeneinander verschiedener Religionen gab aber durchaus auch ein funktionierendes Miteinander im Alltag. Auch die präsenierten Fotos zeigen das: Das sitzen in einem Café Frauen mit Kopftuch und ohne mit nackten Armen friedlich beieinander. Junge und Alte rauchen Nargile (Wasserpfeife).

Jäkel kann sich ein künftiges Syrien nur ohne Assad vorstellen

Während der Diskussion: Aladin El-Mafaalani, Lutz Jäkel und Özcan Coşar (v.l.n.r).

Bei diesem ganz besonderen „Talk im DKH“ vor vollem Hause konnte man fraglos viel über Syrien erfahren. Ein sich zu Wort meldender Zuhörer fand den Abend sehr „informativ“, Er fragte jedoch auch, warum westliche Staaten denn jahrelang Giftgas an Syrien geliefert hätten. Eine Antwort bekam er indes nicht. Stattdessen forderte Lutz Jäkel Baschar Al Assad als Kriegsverbrecher vor den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag zu stellen.

Syrien, da sprang Jäkel ein junger Syrer in nach zwei Jahren in Deutschland ziemlich gutem Deutsch bei, hätte unbedingt eine Zukunft ohne Assad.

Syrien künftig vielleicht mit anderen Augen sehen

Dieser superlange „Talk im DKH“ war nicht nur reich an Informationen, sondern auch keine Sekunde langweilig. Geistig verarbeiten müssen diese Informationen und vielfältigen Eindrücke sicher Stück für Stück von den ZuhörerInnen selbst. Manche von ihnen dürften Syrien nun womöglich mit etwas anderen Augen sehen.

Kluge und witzige Comedy-Beiträge Özcan Coşar strapazierten das Bauchfell mancher BesucherInnen

Mit klugen, witzigen, zuweilen das Bauchfell der BesucherInnen arg strapazierenden Comedy-Beiträgen verstand Özcan Coşar das Publikum im Rahmen dieses außergewöhnlichen „Talk im DKH“ köstlich zu unterhalten. Angekündigt ward der Mann treffend als „schwäbisches Kraftwerk“.

Der Bildband

Cover des Bildbands via Thalia.

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Mehmet Daimagüler und Fatih Cevikkollu beim „Talk im DKH“ in Dortmund: Solidarisch sein mit denen, die Hilfe brauchen und tagtäglich gegen Rassismus einschreiten

Rechtsanwalt Mehmet Daimagüler berichtet emotional und hoch engagiert über den NSU-Prozess. Fotos: C. Stille

Rechtsanwalt Mehmet Daimagüler berichtet emotional und hoch engagiert über den NSU-Prozess. Fotos: C. Stille

Über zehn Jahre konnten die Protagonisten des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) durch Deutschland ziehen. Sie ermordeten aus rassistischen Motiven mindestens zehn Menschen, begingen 14 Banküberfälle und verübten mindestens zwei Bombenanschläge. Unfassbar: Bis zum Tod der beiden NSU-Terroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt am 4. November 2011 kamen die Behörden nicht auf den Trichter, dass die Morde einen rechtsradikalen Hintergrund gehabt haben könnten. Zehn Menschen, neun türkischstämmige und ein griechischstämmiger Mann – allesamt Geschäftsinhaber und eine Polizistin wurden ermordet. Seit dem 6. Mai 2013 läuft in München vor dem 6. Strafsenat des Oberlandesgerichts München der „NSU-Prozess“.

Talk im DKH“ vor vollem Haus

Am 20. Januar sprach Aladin El-Mafaalani unter dem Titel „4 Jahre NSU-Prozess“ mit Mehmet Daimagüler (Anwalt und Vertreter der Nebenklage im NSU-Prozess) und Fatih Cevikkollu (Kabarettist, Autor, Schauspieler) auf einer weiteren Veranstaltung der Reihe Talk im DKH“ im Dietrich-Keunighaus über den NSU-Prozess, rechten Terrorismus und den (drohenden) Rechtsruck in Deutschland. Volles Haus. Es herrschte eine gespannte Aufmerksamkeit.

Moderator El-Mafaalani ging seinerzeit der Mord an Mehmet Kubasik sehr nahe. Er wohnte 2006 in unmittelbarer Nähe zum Tatort.

Moderator El-Mafaalani ging seinerzeit der Mord an Mehmet Kubasik sehr nahe. Er wohnte 2006 in unmittelbarer Nähe zum Tatort.

Auch die Witwe des auf der Dortmunder Mallinckrodtstraße von NSU-Terroristen am 4. April 2006 getöteten Kioskbesitzers Mehmet Kubasik nebst Tochter Gamze waren erschienen, um der Veranstaltung beizuwohnen.

Neu: Schüler-Talk am Helmholtz-Gymnasium

Stunden zuvor hatte ein Schüler-Talk zum Thema am Helmholtz-Gymnasium seine Premiere erlebt. Wie Aladin El-Mafaalani mitteilte, soll dieser der auch künftig vor den Abendveranstaltungen vom „Talk im DKH“ stattfinden.

Mehmet Daimagüler zum Prozess: Am Ende des Prozesses werden Verurteilungen stehen

Was das NSU-Verfahren gegen fünf Angeklagte (Beate Zschäpe ist die bekannteste unter ihnen) angehe, so Rechtsanwalt Mehmet Daimagüler, sei

Der Veranstaltung stieß auf großes Interesse.

Der Veranstaltung stieß auf großes Interesse.

man sehr weit. Zugleich habe man im Verfahren mehr Fragen als Antworten. Sogar „mehr Fragen als vor vier Jahren“. Daimagüler: „Angeklagt sind zehn vollendete Morde, über zwanzig Mordversuche, zwei Bombenanschläge, die Bildung beziehungsweise die Unterstützung einer terroristischen Vereinigung.“ Auch wenn die Beweislage nicht immer einfach sei, glaubt der Anwalt, dass es am Ende für alle Angeklagten für eine Verurteilung (wahrscheinlich im Sommer 2017) zu einer Verurteilung reichen werde.

Hanebüchene Einlassungen von Beate Zschäpe

Allein im Falle des NSU-Trios deute Vieles auf Terrorismus hin. In dem damals verkauften Haus, wo es zusammen wohnte, sei früher einmal eine mit Metall verkleidete Kellertür entdeckt worden. Als man daran gerüttelt habe, sei schon kurz danach Beate Zschäpe aufgetaucht und „hat Rabatz“ gemacht. Später habe sich herausgestellt: an der Tür war ein Kontakt angebracht, der oben in der Küche des NSU-Trios Alarm auslöste. Im Keller fand sich eine Art Schießvorrichtung mit Patronenhülsen darin. In der Wohnung lagen Zeitungsausschnitte mit Berichten über den Bombenanschlag in Köln und die Morde. Alles nur Details, gab Mehmet Daimagüler zu bedenken, die nicht für eine Verurteilung gereicht hätten. Für ihn war die „hanebüchene“ Einlassung von Frau Zschäpe selbst am aussagekräftigsten. Sie gab zu, dabei gewesen als Carsten S. die Schusswaffe, eine Ceska 83, überbrachte, woran sich ein Schalldämpfer befand. Zschäpe habe gedacht, die beiden Jungs bräuchten die Waffe für einen Suizid, den sie für den Fall in Aussicht stellten, wenn ihnen eine Verhaftung drohe. Daimagüler: „Was hat sie denn dabei gedacht? Dass die sich beiden erschießen wollten ohne die Nachbarn aufzuwecken?!“

Nach dem Tod der beiden Uwes funktionierte Zschäpe wie ein Uhrwerk

Einmal, habe Zschäpe weiter ausgesagt, seien die beiden nachhause gekommen und hätten berichtet, „Kanaken erschossen“ zu haben. Zschäpe dazu: Sie sei so sauer darüber gewesen, dass es in diesem Jahr keine Weihnachtsgeschenke für zwei Uwes gegeben habe. Verlassen habe sie sie aber nicht, weil sie deren Selbstmord gefürchtet habe. Aber, so erinnerte Daimagüler, am 4. April 2011, „da haben sie sich was angetan“. Und daraufhin habe Zschäpe „wie ein Uhrwerk“ funktioniert. Sie hat die Wohnung angezündet, um Beweise zu vernichten (obwohl oben eine 83-jährige bettlägerigen Frau wohnte und sich Handwerker im Haus befanden), fünfzehn Bekennervideos auf den Postweg gebracht und die Eltern von Mundlos und Böhnhardt angerufen.

Anwalt Daimagüler: „Was eigentlich wäre die Neonaziszene ohne Staatsknete?“

Die Angeklagten zu verurteilen oder freizusprechen, meinte der Anwalt, könne jedoch nicht alles sein. Es gehe vielmehr darum Rechtsfrieden herzustellen. Allerdings müsse verstanden werden, was warum passiert ist, „warum die Polizei ihren Job nicht getan hat, welche Rolle Verfassungsschutzbehörden gespielt haben“ – zentrale Fragen seien unbeantwortet. Es müsse geklärt werden wie groß der NSU gewesen ist. Die Bundesanwaltschaft habe „eine ganz klare Antwort“: Der NSU bestand aus drei Leuten. Zwei sind tot. Beate Zschäpe lebt. Mehmet Daimagüler bezeichnet das als „ganz praktisch“, denn laut Gesetz braucht es für eine terroristische Vereinigung drei Leute. „Zwei sind tot.“ Der NSU also erledigt? Daimagüler ist sich da nicht so sicher. Im Prozess hätten allein 20 Leute zugeben dem NSU geholfen zu haben. Die Bundesanwaltschaft sage, das war eine „isolierte Zelle“. Der Anwalt informierte über viele Ungereimtheiten in dem Fall. Von Zeugenaussagen, die nicht genügend oder gar nicht gewürdigt wurden, von geschredderten Akten, von sogenannten Vertrauensleuten des Verfassungsschutzes, die in der rechten Szene unterwegs waren und nicht wenig Geld vom Staat dafür erhielten, sowie einem Zeugen, welcher einen Anwalt zur Seite bekam, der vom Bundeskriminalamt bezahlt wurde. Daimagüler empört: „Ein Nazizeuge mit einem staatlichen Anwalt?!“

Zeugen können sich nicht erinnern. V-Leute lügen: „Keiner weiß gar nichts.“ Und weiter: „Der NSU ist entstanden aus dem Thüringer Heimatschutz. In der Spitze 163 Mitglieder. Von denen – man halte sich fest – über 40 V-Leute waren!“ Und Rechtsanwalt Daimagüler wirft eine provokante Frage ein: „Was wäre eigentlich diese Neonaziszene ohne Staatsknete?“

Der Jurist Daimagüler erwartet sich von den Ermittlungsbehörden mehr Demut

Es sei doch klar, dass man nicht alles herausbekommen konnte. Wie käme aber die Bundesanwaltschaft darauf zu sagen, alles zum NSU sei ausermittelt? Und überhaupt: Noch immer fänden rechtsextreme Anschläge statt. Könne man sicher sein, dass der NSU tot sei? Daimagüler skandalisierte, dass die Polizei betreffs der NSU-Morde zunächst überhaupt nicht in Richtung Neonazi-Millieu ermittelte, sondern die Täter im Umfeld der Opfer (türkische Mafia, PKK, „Ehrenmorde“, Organisierte Kriminalität) vermutete. Unerträglich für die Hinterbliebenen, sei das gewesen.

Mehmet Daimagüler plädierte dafür Demokratie und Freiheit unbedingt zu verteidigen.

Mehmet Daimagüler plädierte dafür Demokratie und Freiheit unbedingt zu verteidigen.

Die Opfer habe man so zu Tätern gemacht.

Selbst nachdem nun durch den NSU-Prozess herausbrachte, dass als Mordmotiv wohl nur Rassismus infrage kommt, sei Daimagüler wieder ein Fall untergekommen, wo nicht ordentlich ermittelt worden ist. Es sei eine Unverschämtheit von „Polizeipannen“ zu sprechen: „Das war System!“

Und es geht weiter: Die Kriminalpolizei sei selbst nach Ende der NSU-Morde nach einem Überfall mit Schusswaffe auf einen Türkischstämmigen – den Daimagüler als Anwalt vertrat – überhaupt nicht auf die Idee gekommen, in Richtung Rechtsterror zu ermitteln! Man hätte angeblich keine Indizien dafür gefunden. Dabei wisse man doch, so Daimagüler, dass bei Mordanschlägen von Neonazis in der BRD: niemals sind Bekennerschreiben gefunden worden. In Feldhandbüchern aus der rechten Szene werde immer schon propagiert wird: „Bildet Kleinstzellen. Schlagt zu.“

Neben Polizisten, die ordentlich ihren Job machen, gibt es auch einen institutionellen Rassimus

Daimagüler räumt ein, die meisten Polizisten hierzulande dürften einen ordentlich Job machen. Aber es gebe eben auch institutionellen Rassismus. Und Racial Profiling (nach dem Äußeren durchgeführte Personenkontrollen) – obwohl ein Gerichtsurteil dies verbiete (siehe letzten Silvester in Köln) finde zuweilen statt.

Kritisch reagierende Bürger schützen das Ansehen Deutschlands

Es sei fahrlässig, wenn der Staat Sicherheit suggeriere, wo keine ist. Daimagüler bescheinigte dem von der Bundeskanzlerin auf einer Veranstaltung mit den Hinterbliebenen der NSU-Toten gegebene Versprechen, der Staat werde alles tun, um aufzuklären, Aufrichtigkeit. Nur was sei vier Jahre nach dieser Rede Angela Merkels aus diesem Versprechen geworden? Die wichtigste Aufklärung werde durch den NSU-Prozess geleistet. Nur blocke die dort vertretene Generalbundesanwaltschaft gerade immer dann ab, wenn Verfassungsschutzbehörden ins Spiel kommen. Man glaube damit offenbar, so der Rechtsanwalt, das Ansehen der BRD zu schützen. Mehmet Daimagüler rückte das gerade: Genau, indem man abblocke, vertusche und rassistisch motivierte Straftaten nicht rückhaltlos aufkläre, schädige man doch den Ruf unseres Landes. Vielmehr schützten kritisch reagierende Bürger das Ansehen Deutschlands.

Wenn das kein Rassismus ist!“

Die „Denke“, die hinter den Ermittlungen mancher Behörden stehe, las Rechtsanwalt Daimagüler aus einem Bericht einer operativen Fallanalyse heraus:

„Da in unserem Kulturkreis die Tötung eines Menschen mit einem hohen Tabu belegt ist, ist daher davon auszugehen, dass hinsichtlich ihrer Werte und Normen die Täter von weit außerhalb stammen.“

Der Siegener Jurist rief aus: „Wenn das kein Rassismus ist!“ Las niemand diesen Bericht? Fand keiner etwas auszusetzen daran? Daimagüler ist sich sicher: wenn diese „Denke“ nicht herrschte, könnten die meisten der vom NSU getöteten Menschen noch am Leben sein. Wir müssten unbedingt, meinte der Anwalt frei nach Friedrich Nietzsche, „in den Abgrund schauen, auf die Gefahr hin, dass der Abgrund zurückschaut.“

Mehmet Daimagüler erinnert sich genau daran, wie er von den ersten Morden erfuhr. Mit seinen türkischstämmigen Freunden sei er sich sicher gewesen: „Das waren Nazis.“ Heute bereut er damals zu zurückhaltend und opportunistisch („Ich wollte nicht anecken“) gewesen zu sein: „Ich hab das Maul gehalten. Es hätte ja doch so sein können, wie die Polizei erklärte.“ Fürs ein damaliges Versagen sagte der Anwalt – und das war sehr berührend – schäme er sich. Und der Advokat wandte sich direkt an die vor ihm in der ersten Reihe sitzenden Kubasiks: „Gamze, bitte, ich bitte euch um Vergebung für meine Ignoranz, für meine Feigheit.“

Eine Lehre für ihn. Das bedeute für ihn heute, dass er nie wieder unsolidarisch sein will. Solidarisch sein mit Leuten wolle er, die Hilfe brauchen – etwa die, die auf dem Weg zu uns im Mittelmeer verrecken. Und mit Leuten, deren Häuser „von irgendwelchen Nazis angezündet“ werden. Auch mit den Juden in Deutschland, die sich im „Jahre 2017 von Typen wie Höcke beschimpfen lassen müssen“.

Ein eindringlicher Appell an die Zuhörenden

Eindringlich appellierte Daimagüler an die Zuhörenden: „Wenn wir nicht solidarisch sind, auch da, wo es wehtut, dann sind die Toten umsonst gestorben.“ Wir müssten den Menschen helfen, die in Not sind, wo wir können. „Es macht ein Unterschied ob wir scheitern nach dem wir alles gegeben haben, oder ob wir scheitern, ohne es versucht zu haben.“ Er glaube an unser Land, an unser Grundgesetz und an seine Institutionen, aber redete den Leuten ins Gewissen: „Aber die Dinge sind keine Selbstverständlichkeit. Unsere Demokratie, unser Rechtsstaat, das sind wir. “ Auch unsere Freiheit, die wir haben, sei kein Naturgesetz.

Wenn wir nicht unsern Beitrag zum Erhalt all dessen leisteten, dann „kommen wir in ganz, ganz schweres Wasser“.

Ein persönlicher Wunsch Daimagülers an alle

„Besucht, wenn möglich, die Verhandlungen des NSU-Prozesses in München oder unterstützt NSU-Watch. Die leisteten einen nicht hoch genug zu schätzenden Beitrag in Sachen Dokumentation, das NSU-Verfahrens betreffend.

Das Publikum bedachte Mehmet Daimagüler mit einem lang anhaltenden Beitrag für dessen emotional, engagiert und in Teilen auch humorvoll gehaltenen – in Summe aber – äußert berührenden Vortrag.

Cevikkollus „Bewussteinskabarett“

Fatih Cevikkollu, der eingangs des Abends bereits erzählt hatte, wie er – aufgeschreckt durch den Brandanschlag von Solingen – damals mit einem

Fatih Cevikkollu macht "Bewusstseinskabarett".

Fatih Cevikkollu macht „Bewusstseinskabarett“.

sehr politischen Rapsong reagierte, knüpfte in der anschließenden Diskussions- und Fragerunde nahtlos an die bewegenden und aufmunternden Worte Mehmet Daimagülers an:

Jeder von uns an seiner Stelle, im Bus, am Arbeitsplatz, in den sozialen Netzwerken – wo auch immer – müsse ohne wenn und aber jeglichen Rassismus entschlossen entgegentreten. Gerade deswegen begreife er seine Bühnenarbeit ja auch als „Bewusstseinskabarett“. Er, selber Kölner, gab zu, betreffs des Nagelbombenanschlags auf Keupstraße zunächst ebenfalls in die Falle getappt zu sein, die Täter könnten kriminelle Ausländer gewesen sein: „Damit kündigst du die Solidarität mit den Opfern auf.“ Cevikkollu schätzt, das Ergebnis des Münchner NSU-Prozesses werde wohl unbefriedigend ausfallen: „Ich fand Nürnberg deutlich besser.“ Am Rande empfahl der Kabarettist das Buch „Die haben gedacht, wir waren das. Migranten über rechten Terror und Rassismus“ Das Buch enthält auch einen von Cevikkollu verfassten Text.

Mehmet Daimagüler: „Wir müssen uns angesprochen fühlen.“

Mehmet Daimagüler rief noch einmal ins Gedächtnis, dass wir momentan schon jetzt jeden Tag drei oder vier Angriffe auf Flüchtlingsheime registrierten. „Wir haben eine unglaubliche Verrohung.“ Auch sprachlicher Natur. Im Grunde werde – wenn man die dort geäußerten Gedanken einordnet – ja auf jeder PEGIDA-Demo „zu Mord- und Totschlag“ aufgerufen. Es sei schlimm zu hören, „dies oder das muss man ja wohl noch sagen dürfen“.

Sein Appell: Obwohl man vielleicht nicht für Kopftuch tragende Frauen sei, müsse man doch einer angepöbelten Frau mit Kopftuch beispringen. Ebenso Menschen, die homosexuell sind und Angriffen ausgesetzt sind. „Wir müssen uns einfach angesprochen fühlen.“

Was ihm Hoffnung gebe, sei, dass an diesem Freitagabend so viele Menschen ins Dietrich-Keuning-Haus gekommen seien und sich für dieses Thema interessierten. Gleichermaßen – wieder gewandt an Mutter und Tochter Kubasik – beete deren Anwesenheit und die der anderen Hinterbliebenen der Mordopfer an manchen Prozesstagen Hoffnung und Stärkung. Nicht er gebe ihnen Rat, sondern sie ihm.

Ein schönes Erlebnis gab dann Mehmet Daimagüler noch zum Besten. Kinder einer Schulklasse, in welcher auch Daimagülers Patenkind aus einer befreundeten Familie ist, haben sich von sich aus in einer Türkisch-AG angemeldet. Das Kind habe zu ihm gesagt – und Daimagüler fand es „großartig“: „Mehmet, dann kann ich mit dir reden, ohne das Mama und Papa das verstehen.“

Und Daimagüler schloss, an die Gesellschaft gerichtet, aus einer Mischung aus Kölsch und einem Ausspruch vom Alten Fritz mit der Empfehlung: „Jeder Jeck ist anders. Und jeder soll nach seiner Façon selig werden.

Interessante Fragen kamen aus dem Publikum. Fatih Cevikkollu bestritt das Finale. Manche seiner satirisch zugespitzten Pointen ließen das Publikum befreiend auflachen. Doch Cevikkollu wäre nicht Cevikkollu, wenn er nicht hin und wieder bewusstseinskabarettistisch dazwischen gegrätzscht hätte. Mancher Lacher konnte da im Halse stecken bleiben. Auch der „einzige demokratisch gewählte Sultan“ bekam sein Fett weg.

Ein harter, streckenweise sehr tief berührender, letztlich aber wiederum auch aufrüttelnder Abend bot dieser jüngste „Talk im DKH“.

Moderator Aladin El-Mafaalani wies auf einen lesenswerten älteren FAZ-Beitrag über Mehmet Daimagüler mit dem Titel „Ein Traum von Integration“ hin.