Samstag im Schauspiel Dortmund: Aladin El-Mafaalani liest aus seinem brandneuen Buch „Das Integrationsparadox“. Gespräch mit dem Autor Sascha Bisley

Aladin El-Maafalani. Foto: C. Stille

Aladin El-Mafaalani liest aus seinem brandneuen Buch „Das Integrationsparadox“ am Samstag, 6. Oktober, um 19.30 Uhr im Schauspiel Dortmund. Der Soziologe zeigt, dass die aktuellen Probleme hier und in anderen Einwanderungsländern Resultate positiver Entwicklungen sind. Seine These: Die Integration gelingt, die offene Gesellschaft etabliert sich zunehmend, und daraus – nicht aus ihrem Scheitern – entstehen Konflikte und Gegenbewegungen. In Deutschland keimen längst tot geglaubte rechte Tendenzen wieder auf. Doch wie entstehen Rassismus und Ausgrenzung, und welche Strategien gibt es gegen Intoleranz, Nationalismus und Fundamentalismus? Mit diesen Fragen beschäftigt sich Aladin El-Mafaalani nicht nur in seinem Buch, sondern auch im Gespräch mit dem Dortmunder Autor Sascha Bisley.

Karten (7,- Euro) für die Veranstaltung gibt es an der Vorverkaufskasse im Opernhaus

Autor Sascha Bisley. Foto: Stille

(Platz der Alten Synagoge), unter 0231/50-27222 und www.theaterdo.de.

 

Advertisements

Morgen in Dortmund im Megastore in der Schauspiel-Reihe BLACKBOX Türkei II: #ÖZGÜRÜZ oder Wir sind frei!

Nach der ersten interessanten „BLACKBOX Türkei I – Ismail Küpeli referierte zur Situation dort (dazu hier mehr) – findet nun morgen im Megastore des Schauspiel Dortmund eine weitere Diskussionsveranstaltung im Rahmen der Reihe BLACKBOX Türkei II statt.
Zu Gast sein werden dort Hayko Bağdat (Özgürüz) und David Schraven (Correctiv). Aus der Einladung der Veranstalter:

„Gemeinsam mit türkischen Exil-Journalisten gründete das unabhängige Journalistennetzwerk CORRECT!V Anfang 2017 eine deutsch-türkische Web-Präsenz (die umgehend in der Türkei gesperrt wurde): #ÖZGÜRÜZ (dt.: „Wir sind frei!“) wird geleitet vom ehemaligen Cumhüriyet-Chefredakteur Can Dündar, ebenfalls seit mehreren Monaten im politischen Asyl in Deutschland und Kolumnist in Die Zeit. #ÖZGÜRÜZ stellt täglich Informationen zur aktuellen politischen Lage der Türkei auf deutsch und türkisch ins Netz, zur Situation der Presse und zum anstehenden Referendum, bei dem Türkinnen und Türken, darüber entscheiden können, ob ein Präsidialsystem eingeführt werden soll, das Präsident Recep Tayyip Erdoğan deutlich mehr Macht verleihen würde – das Referendum ist für Sonntag, 16. April angesetzt.

Diskutieren werden Hayko Bağdat von #ÖZGÜRÜZ und David Schraven von CORRECT!V.
Der Eintritt ist frei. Die Diskussion findet auf deutsch und türkisch statt – und wird übersetzt.

In der Schauspiel-Reihe BLACKBOX diskutieren Veranstalter und Besucher seit 2014 über Themen wie Flucht, Migration, demographischer Wandel, rechter Terror, aufkeimender Populismus – und seit vergangenem Herbst auch verstärkt über die Entwicklungen in der Türkei, die einen unmittelbaren Einfluss auf Europa und Deutschland haben (werden).

Die Veranstaltung findet in Kooperation mit dem Förderverein „Dortmunder für ihr Schauspiel e.V.“ statt. Gefördert aus Mitteln des Kommunalen Integrationszentrums Dortmund (MIA-DO-KI).“

Adresse: Theater Dortmund Megastore, Felicitasstraße 2 in 44263 Dortmund

Anfahrt: hier

Dortmund: Ismail Küpeli in der Reihe BLACKBOX des Dortmunder Schauspiels zur Situation in der Türkei

Ismail Küpeli während des Vortrags. Foto: Stille

Ismail Küpeli während des Vortrags. Foto: Stille

Über die Türkei wurde nach einem Putschversuch im Juli dieses Jahres der Ausnahmezustand verhängt. Das Land am Bosporus schwebt zwischen Terror und staatlicher Willkür. Inoffiziellen Zahlen zufolge sind nach dem 17. Juli in der Türkei etwa 24 000 Menschen verhaftet worden. Über 1500 Institutionen wurden geschlossen, darunter Vereine, Gewerkschaften, Stiftungen, private Schulen, private Universitäten, private Krankenhäuser. Mehr als 80 000 Staatsbedienstete sind suspendiert oder entlassen, über 17 000 Menschen sitzen noch in Untersuchungshaft.

Fast 3500 Richter und Staatsanwälte wurden aus ihren Ämtern entfernt. 120 Journalisten sitzen im Gefängnis.

Zur Person

Diese Woche bestand im derzeit im „Megastore“ in Hörde residierendem Schauspiel Dortmund Gelegenheit mehr über die drastische Situation in der Türkei zu erfahren. Und zwar im Rahmen der hervorragenden Schauspielreihe BLACKBOX. Zu Gast war der Politikwissenschaftler und Journalist Ismail Küpeli. Er analysiert die Konflikte in der Türkei und im Nahen und Mittleren Osten. Ebenso berichtet er über die sozialen Proteste und die Folgen der neoliberalen Krisenpolitik in Europa. Küpeli, dessen Eltern aus Bursa (Westtürkei) stammen und in 1990er Jahren als politische Flüchtlinge nach Deutschland kamen, schreibt Beiträge für die Tageszeitung„neues deutschland“, die Wochenzeitung „Jungle World“ sowie für die Zeitschrift „analyse & kritik“ . Küpeli lehrt an der Ruhruni Bochum und gibt Interviews in Funk und Fernsehen.

Aktuelle Meldung kommt während der Anmoderation herein

Noch während Dramaturg Alexander Kerlin, der die Veranstaltung moderierte, den Gast vorstellte, kommt über dessen Smartphone eine neue

Ismael Küpeli (links) und am Rednerpult Dramaturg Alexander Kerlin. Foto: Djamak Hamayoun Theater Dortmund.

Ismael Küpeli (links) und am Rednerpult Dramaturg Alexander Kerlin. Foto: Djamak Hamayoun Theater Dortmund.

Meldung aus der Türkei herein: Nächste Woche will die regierende AKP (Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung) einen Entwurf ins türkische Parlament einbringen, der zum Beschluss eines Referendums führen soll, mithilfe dessen die AKP die Einführung eines Präsidialsystems in der Türkei erreichen will.

Europäische Politik und Medien erlag Trugbildern

Hinter dem Referenten eingeblendet war das Bild einer vom türkischen Militär im Zuge ihres „Antiterrorkampfes“ zerstörten Stadt im türkischen Kurdengebiet. Weitere Bilder gelang es leider nur teilweise oder gar nicht zu zeigen: die Videoanlage des Hauses wurde von einem technischen

Problem gebeutelt. Der Referent nahm es gelassen.

Ismail Küpeli meint, die Entwicklung der Türkei unter der AKP-Regierung sei sowohl von der europäischen Politik als auch von den meisten Medien fehlinterpretiert worden. Man sei quasi einem Trugbild erlegen.

Zum besseren Verständnis dessen rekapitulierte der Referent die von der türkischen Regierung eingeleiteten Entwicklungen unter der anfangs als moderat-islamisch geltenden AKP. Die bis zu den Wahlen von 2015 hatte mit absoluter Mehrheit regieren konnte. Das seinerzeit wirtschaftlich angeschlagene Land erlebte eine ökonomische Aufwärtsbewegung, die Demokratie erfuhr eine Stärkung, Löhne stiegen, man bemühte sich um eine formelle Abschaffung der Folter, die Abschaffung der Todesstrafe wurde beschlossen und der Einfluss der vormals nahezu allmächtige türkische Armee gestutzt. Wie es die EU für einen demokratisch verfassten Staat für richtig hielt. Viele Reformen gaben Anlass zu Hoffnung. Warum ein Trugbild? Weil diese Reformen wohl hauptsächlich deswegen durchgeführt worden, um die alten kemalistischen Eliten von der Macht zu entfernen und durch ihre die der AKP zu ersetzen.

Insider im Publikum mochten da an einen Ausspruch Recep Tayyip Erdogans aus den 1990er Jahren gedacht haben: „Demokratie ist wie mit der Straßenbahn fahren. Wenn man am Ziel ist, steigt man aus.“

Und die Europäer hätten, so Küpeli, die EU-Beitrittsgespräche als Hebel gesehen, diese auch in ihren Augen positive Entwicklung weiter zu befördern. Gleichzeitig hätte die EU aber wohl nie ein wirkliches Interesse daran und an der Türkei als künftigen EU-Mitgliedsstaat gehabt. Weil es ihr vermutlich hauptsächlich um wirtschaftliche Interessen gegangen sei. Gerade die beiden stärksten EU-Staaten Frankreich (unter Präsident Sarkozy) und Deutschland (unter Bundeskanzlerin Merkel) hätten ja auch nie ein Hehl daraus gemacht, dass sie die Türkei nicht in der EU haben wollten.

Als die AKP Machtverlust fürchtete, reagierte sie hart

Ein erster Knacks dieser positiv scheinenden Entwicklung in der Türkei sei die Protestwelle 2013 in Istanbul gegen ein geplantes Bauprojekt auf dem Gelände des Gezi-Parks gewesen. In mehreren türkischen Großstädten waren die Gezi-Proteste zum Symbol eines Protestes gegen die als autoritär empfundene Politik der islamisch-konservativen Regierungspartei geworden. Die Proteste wurden brutal niedergeschlagen. Repressionen vonseiten der Regierung gegen Gegner und Kritiker der Regierung seien verstärkt worden. Als weiteren Knacks musste die AKP den Verlust der absoluten Mehrheit bei den Parlamentswahlen 2015 empfunden haben. Der Einzug der linken, prokurdischen HDP (Demokratische Partei der Völker) ins Parlament sorgte dafür. Erdogan ließ abermals wählen. Seine AKP konnte wieder eine Mehrheit gewinnen. Die HDP erlitt zwar Verluste, zog jedoch wieder ins Parlament ein. Die Repressionen gegenüber Kurden wurden verstärkt. Der Friedensprozess mit der PKK wurde von Erdogan gestoppt. Es gab wieder vermehrt Terroranschläge z.B. in Suruc oder Ankara mit vielen Toten und Verletzten. Und anderswo, wo Soldaten und Polizisten starben. Die Anschläge wurden dem IS oder der PKK zugeschrieben.

Die Stoßrichtung war klar: Gegen die Kurden

Die türkische Regierung habe, berichtete der Referent, dann verstärkt gegen angebliche Terroristen in den von Kurden bewohnten Gebieten vorgehen lassen. Städte und Dörfer wurden systematisch zerstört. Zynischerweise habe die türkische Armee nach ihrem „Antiterrorkampf“ an den Ruinen der Städte große türkischen Fahnen angebracht. Die Stoßrichtung wurde klar: Gegen die Kurden. Oft sei auch der Spruch „Ihr werdet die Kraft der Türken erleben“ an Häuserwänden zu lesen gewesen.

Alles Terroristen?“ Europa schaute dem Krieg gegen die eigene Bevölkerung weitgehend zu

Die Menschen standen unter manchmal tagelangem Ausgangsverbot. Schwerkranke starben, weil medizinische Versorgung unmöglich gemacht wurde. Menschen wurden erschossen oder starben in den Kellern unter den Trümmern ihrer Häuser. „Alles Terroristen“, fragte Küpeli in den Saal, „Babys, Kinder und Greise?“

Ismail Küpeli wies daraufhin, dass eine unabhängige Berichterstattung aus den Gebieten lange schon nicht mehr möglich sei. Mutmaßlich seien Kriegsverbrechen begangen worden. Eine internationale Kommission, die das hätte unabhängig überprüfen können, war abgelehnt, entsprechende Anträge der HDP im Parlament sind abgeschmettert worden. Die Beweise verschwanden mit den fortgeschafften Trümmern. Küpeli beklagte: Die Weltöffentlichkeit, auch Europa, habe weitgehend zugeschaut. Anklagen vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) seien an türkische Gerichte zurückverwiesen worden. Der Rechtsweg in der Türkei, wurde beschieden, müsse erst ausgeschöpft werden. Fragwürdig sei das. Erst recht nach dem Putschversuch, wo tausende Richter entlassen sind und nun eigentlich nur noch der AKP genehme Juristen „Recht“ sprächen!

Türkischer Nationalismus und die tiefe Spaltung des Landes sind große Probleme

Hinter diesem Krieg, erklärte Küpeli, stünde ein strammer Nationalismus. Und somit eine Ideologie mit der Vorgabe „Rettung des türkischen Staates“ und die Bewahrung dessen staatlicher Einheit. In der sich dem Referat anschließenden Diskussions- und Fragerunde sollte Küpeli noch darauf aufmerksam machen, dass die größte türkische Oppositionspartei, die Republikanische Volkspartei (CHP) diesbezüglich nahezu gleich ticke wie die AKP. Küpeli nennt deren Opposition – der seiner Meinung nach oft fälschlich als sozialdemokratisch apostrophierten Partei – „halbherzig“. So hätten auch CHP-Abgeordnete dafür gestimmt, HDP-Kollegen die parlamentarische Immunität wegen angeblicher Unterstützung der PKK abzuerkennen. Erst recht auf diesem nationalistischen Kurs sei seit eh und je die rechtsextreme MHP. Die wiederum – Ironie der Geschichte – nicht selten quer mit AKP gelegen habe, sie nun jedoch nach dem gescheiterten Putsch unterstütze.

Dieser Nationalismus, das ergab dann auch die Diskussion, ist ein grundlegendes Problem der Türkei. Auch die Tatsache, dass schwere Verbrechen – für die in der Vergangenheit auch die CHP Verantwortung trug – bis heute nicht aufgearbeitet worden seien. Ohne dies und bar einer obwaltenden Gerechtigkeit – ist sich Küpeli sicher – wird die Türkei keiner guten Zukunft entgegensehen. Schließlich sei das Land extrem gespalten. Gerade nach dem Putschversuch sei dies auch immer mehr hier bei Menschen zu beobachten, die ihre Wurzeln in der Türkei haben. Da würden kurdische Vereine und auch Moscheen angegriffen. Der Riss gehe durch Familien.

Eine vertrackte Situation

Dass es der AKP um die Errichtung eines islamischen Staates nach dem Vorbild des Iran gehe, glaubt Ismail Küpeli indessen nicht. Wohl aber – und darauf ziele auch die Installation eines Präsidialsystems – habe sie es auf einen gefestigten autoritären Staat mit demokratischer Fassade abgesehen. Damit, schätzte der Referent ein, dürfte sogar die EU kaum Probleme haben. Schließlich arbeite sie mit anderen autoritären Staaten wie beispielsweise Aserbaidschan bestens zusammen. Obwohl dort Oppositionelle und Journalisten brutal verfolgt würden. Der EU gehe es hauptsächlich um florierende Wirtschaftsbeziehungen. Zusätzlich sei ja da auch noch der Flüchtlingsdeal mit Ankara. Es stehe also zu befürchten, dass Erdogan weitgehend wird schalten und walten können wie ihm es in den Kram passe. Die Wiedereinführung der Todesstrafe hält Küpeli für möglich. Er rechnet aber für den Fall, dass der inhaftierte Kurdenführer Öcalan hingerichtet wird, mit blutigen Kämpfen in der Türkei. Auch in Deutschland dürfte es dann unruhig werden. Ob Erdogan das letztlich in Kauf nehmen werde, wisse freilich auch er nicht.

Eine Frage, die immer wieder auftaucht: Wer stand hinter dem Juli-Putsch?

Küpeli wird bei seinen Vorträgen immer wieder eine Frage gestellt: Wer stand hinter dem Putsch im Sommer? Er könne nur sagen, dass er nicht wisse wer hinter dem ziemlich dilettantisch durchgeführtem Putsch gestanden habe. Die von Erdogan beschuldigte Bewegung des Predigers Fethullah Gülen könne involviert sein. Fakt sei für ihn allerdings eines, dass der Putschversuch vor allem einem genutzt habe: Präsident Tayyip Erdogan, der diesbezüglich von „Gottes Geschenk“ gesprochen hatte.

Nun hatte man nämlich einen Vorwand, um rigoros gegen Menschen und Institutionen vorgegangen werden, die man vermutlich längst auf dem Kieker – wenn nicht sogar schon auf bestimmten Listen zu stehen – hatte.

Versäumnisse rächen sich

Warum die AKP so viele Wähler und Anhänger unter Türkischstämmigen in Deutschland habe, wollte ein Zuhörer wissen. Ismail Küpeli sieht bei den

denen eine Sehnsucht nach Anerkennung und ein Verständnis für ihre Belange. Beides habe man ihnen hier in Deutschland lange verwehrt. Sie empfänden sich – und das nicht immer zu Unrecht – nicht angenommen zu werden. In der Vergangenheit habe es große Versäumnisse gegeben.

Ebenso bei der EU. Die habe Ankara früher, als die Türkei hätte mehr integriert werden müssen, oft vor den Kopf gestoßen. Und heute handele man abermals falsch, wenn es darum ginge, gegenüber der Türkei betreffs ihrer fatalen Entwicklung hin zu einem autoritären oder gar faschistoide Züge tragenden Staat konsequent zu reagieren.

Die türkische Frauenbewegung ist sehr aktiv im Widerstand

Eine Zuschauerin wies zutreffend daraufhin, dass die Frauenbewegung in der Türkei eine der Gruppen in der Gesellschaft sei, die sich einer negativen Entwicklung entgegenstemme. Küpeli bestätigte das. Und erinnerte an einen derer Erfolge: ein Gesetz, dass Vergewaltiger Minderjährige hatte straffrei stellen sollen, wenn sie ihr Opfer heirateten, wurde gekippt.

Eine Prognose freilich, welchen Weg die Türkei gehen wird, vermochte auch Ismail Küpeli nicht abgeben

Wohl aber gelang es ihm zumindest in groben Zügen kompetent die Schwierigkeiten zu skizzieren in welchen das Land steckt. Und zu verdeutlichen,

Ismail Küpeli. Foto: Stille

Ismail Küpeli. Foto: Stille

dass die Ursachen vieler dieser immer wieder zutage tretenden Probleme auch tief in der Geschichte zu verorten sind. Gewalt indes, das unterstrich Ismail Küpeli ausdrücklich, sei nicht die Lösung. Weder werde man von ihm hören, dass er diesbezüglich die PKK verteidige noch wenn diese von Staatsorganen ausgehe. Es gehe nicht an, Polizisten zu töten, noch Zivilisten in den kurdischen Gebieten um ihr Leben zu bringen. Den Zuhörerinnen und Zuhörern dürfte nach diesem Abend im „Megastore“ des Dortmunder Schauspiels angesichts der bitter aufscheinenden Wirklichkeit aufgegangen sein, dass eine Lösung hinsichtlich eines erstrebenswerten Friedens auf der Basis von Gerechtigkeit und gegenseitiger Anerkennung wohl noch lange wird auf sich warten lassen.

Die Reihe BLACKBOX zu Themen der Migrationsgesellschaften und Terror vom rechten Rand wird kuratiert von Schauspiel Dortmund und bodo e.V.. Bereits zum dritten Mal fand die Veranstaltung in Kooperation mit der Offenen Fachhochschule der FH Dortmund statt.

Grandios in Dortmund: „Hungernde Hunde“ mit einem in der Rolle zweier Brüder brillierenden Sermet Yeşil

Sermet Yeşil spielt beide Brüder; Foto: Kumbaracı50

Sermet Yeşil spielt beide Brüder; Foto: Kumbaracı50

Interessierte Zuschauer hatten am vergangenen Wochenende die einmalige Gelegenheit jeweils in Mülheim an der Ruhr und in Dortmund die Inszenierung des vom Schauspieler und Dramatiker Mirza Metin geschriebenen Stückes “Aç Köpekler” („Hungernde Hunde“) zu erleben. Noch dazu in der einfühlsam eingerichteten Inszenierung von Cem Uslu des freien Theater Kumbaracı50 aus Istanbul.

Brillante, furiose Darstellung zweier Charakter

Kumbaracı50 gastierte m Rahmen des Projekts Szene Istanbul/İstanbul Sahnesi im Theater an der Ruhr und im Schauspiel Dortmund (Studio).

Schauspieler Sermet Yeşil spielt gleich beide Charaktere in diesem Ein-Personen-Stück. Um es gleich vorwegzunehmen: Das Publikum erlebte eine brillante, ja furios zu nennende Darstellung der beiden Charaktere gewiss nicht einfachen Stückes. Lachen und Weinen dürfte den Zuschauern mehrfach im Verlaufe der Aufführung nahe gewesen sein.

Der Heimat entwurzelt im Moloch Istanbul

Mirza Metin erzählt in „Hungernde Hunde“ die berührende Geschichte der beiden ziemlich gegensätzlichen kurdischen Zwillingsbrüder Beşer und Beşir und ihren ganz alltäglichem, unspektakulärem Überlebenskampf. Nachdem sie als Jugendliche, Waisen, aus ihrer Heimat in den Moloch Istanbul geflohen waren, um ein vermeintliches Glück zu machen. Wo sie jedoch in ihrer ländlichen Naivität in der Millionenstadt am Bosporus auf Schritt tritt Gefahr liefen – wie es im Stück heißt – „gefickt“, kurz: betrogen und ausgenutzt – zu werden. Um mal in Polizeigewahrsam, mal im Waisenhaus zu landen. Aber zuweilen auch Hilfe seitens Mitmenschen erfuhren.

Tragisch-komischer Kampf mit dem Stahltresor

Während Beşir einen besonderen Hang zum sentimentalen Jammern hat, obwohl er immerhin Wohnung und Freundin hat, versucht sich der kleinkriminelle Beşer daran, den erbeuteten Tresor dazu zu überreden, sich doch endlich öffnen zu lassen. Damit er an die darin vermuteten Reichtümer gelangen kann. Köstlich und tragisch zugleich mit anzusehen, wie Beşer auf den sich partout nicht öffnen lassen wollenden Stahlkasten einredet. Mit diversen Werkzeug auf diesen voller Wut eindrischt und mit einer Bohrmaschine verzweifelt traktiert. Doch irgendetwas anderes hängt noch in der Luft, eine unausgesprochene Bedrohung, eine Angst entdeckt zu werden, ohne dass der Zuschauer wüsste, woher die Gefahr droht…

Zuschauermeinung: „sehr beeindruckend und emotional aufwühlend“

Den heftigen, herzlichen Applaus am Schluss der Aufführung hatte sich Sermet Yeşil mehr als verdient. Ein Zuschauer nannte das Stück im

Verdienter Applaus; Foto: Claus-Dieter Stille

Verdienter Applaus; Foto: Claus-Dieter Stille

Nachhinein „sehr beeindruckend und emotional aufwühlend“. Und gab sich auch verblüffend über die darin statt habende „kurdische Selbstironie“. Was die Wirkung der Inszenierung sehr gut beschreibt. Gewiss kein einfaches Stück mit jeder Menge Text hatte der Schauspieler zu bewältigen gehabt. Nach einer wohlverdienten Pause für den Mimen aus Istanbul trafen sich Teile der Zuschauerinnen und Zuschauer, Autor, Regisseur und der Darsteller im Institut des Dortmunder Schauspielhauses im Anschluss zu einem Publikumsgespräch.

Das Stück läuft mittlerweile zwei Jahre in der Türkei

Fragen des Publikums nach der Entstehungsgeschichte und der Aufführungspraxis in der Türkei eröffneten den Reigen.

Laut Mirza Metin wird das Stück nunmehr bereits seit zwei Jahren in der Türkei gespielt. Der Autor erzählte, er habe vor drei Jahren ein Angebot erhalten ein Ein-Personen-Stück zu schreiben. Metin notiert sich stets Gedanken, die ihm so durch den Kopf gehen. Normalerweise schreibe er seine Stück immer auf Kurdisch. Schließlich schrieb er aber „Hungernde Hunde“ auf Türkisch. Zunächst erfuhr man, seien die Besucher in Istanbul ohne zu wissen um was es geht in die Inszenierung gegangen. Sie seien sogar zurückgeschreckt. Denn sie erlebten nicht das, was sie erwartet hatten. Dem Stück wohnt ja durchaus politische Brisanz inne. Mittlerweile aber habe sich die Kunde über den Inhalt des Stückes, respektive das darin behandelte Themas, verbreitet und die Leute nehmen das Stück ganz gut an.

Der Kampf, kritische Stücke auf die Bühne zu bringen

Für nicht Eingeweihte mag es verwundern, dass es doch mehr auf Kurdisch geschriebene und auch gespielte Stücke in der Türkei gibt als man für gewöhnlich hier in Deutschland denkt. Regisseur Cem Uslu erzählte, auf Kurdisch gespielte Stück habe es bereits vor 25 Jahren gegeben. Die kurdischen Stücke seien sogar seinerzeit maßgeblich in Istanbul entstanden. Es sei, so Uslu, in den letzten acht Jahren einfacher gewesen, diese Stücke zu bringen. Erst in der jüngsten Zeit allerdings hätten es nicht nur kurdische Stücke schwieriger, sondern generell Theaterstücke. Zumal wenn sie sich auch noch mit gesellschaftlichen Themen kritisch auseinandersetzen. Da werde dann schon Druck von der Politik, namentlich vom türkischen Kulturministerium, ausgeübt. Man müsse sich aber nicht vorstellen, dass Stücke dann unbedingt verboten würden. Sie wären aber unerwünscht. Dagegen gehe man dann eher diffiziler und indirekter vor. So werden etwa Zuschüsse gekürzt. Plötzlich werde es dann schwer die Miete für Theaterräume zu bezahlen. Doch zunächst müssten missfallende Aufführungen aber erst einmal der Staatsmacht gemeldet werden. Was selten der Fall sei. Dennoch: Die Theatermacher ließen sich eben – so oder so – nicht unterkriegen: „Wir machen immer weiter. Und bringen die Themen auf die Bühne, die uns auf den Nägeln brennen.“ Frei sei man nicht. Es bleibe ein ständiger Kampf um die Kunst, die man machen wolle.

Raki „schrieb“ mit am Stück

Warum ein Ein-Personen-Stück? Erst einmal sei es gewünscht gewesen, antwortet der Dramatiker, andererseits habe er hat das Thema ohnehin gern auf einen Schauspieler fokussieren wollen. Die beiden von Sermet Yeşil auch vom Sprachduktus her leicht verschieden gespielten beiden Brüder haben doch gewisse Ähnlichkeiten. Sie hätten die verlassene Heimat in Istanbul nur in sich finden können, weil sie quasi sonst niemand anderes hätten. Yeşil habe selbst entschieden, wie er die beiden Brüder spielen wollte, sagte erfuhren die Zuschauer. Cem Uslu erzählte, dass ihnen beim mehrfachem Durchlesen des Textes aufging, dass von den beiden Brüdern eigentlich nur einer überlebt haben könnte. Und der verbliebene den anderen nur versucht am Leben zu erhalten (und umgekehrt), weil er einen Halt benötigt. Beim gemeinsamen Raki-Trinken sei es ihnen gelungen, den Autor – der coram publico gestand eben nun mal ein Liebhaber des türkischen Anisschnapses zu sein – diese Version sozusagen schmackhaft zu machen. So sei ein andere, viel tiefere Bedeutung, des Stückes erreicht worden. Indem eine spielende Person zwei ins Stück geschriebene Personen (vor-)lebt. Cem Uslu meinte, es sei ihm gar nicht so recht, als Regisseur des Stückes zu firmieren. Vielmehr betrachte er die Arbeit an der Inszenierung als Gemeinschaftsarbeit. Und Sermet Yeşil schätze er schon aus dem Grund sehr wert, weil der einst sein Lehrer war.

Verwirrung und Irritation

Wie eine Zuschauerin, gab auch Darsteller Sermet Yeşil zu, anfangs selbst beim Spiel zuweilen irritiert gewesen zu sein. Schon wegen des schwierigen Themas, dessen politischer Brisanz sowie der Zusammenarbeit von Türken und kurdischstämmigen Mitarbeiter an der Inszenierung. Er ist

Gesprächsrunde im Anschluss an die Aufführung. Cem Uslu, Mirza Metin, Sermit Yeşil und die Dolmetscherin (v.r.n.l.); Foto: C.-D. Stille

Gesprächsrunde im Anschluss an die Aufführung. Cem Uslu, Mirza Metin, Sermit Yeşil und die Dolmetscherin (v.r.n.l.); Foto: C.-D. Stille

manchmal heute noch regelrecht verwirrt ob des Personals dieses stellenweise chaotischen Dramas. Bei den Proben habe er stellenweise vergessen, welche Person er gerade darstellt. Oder sich plötzlich fragte, wer oder wo ist Sevda (die Freundin des einen Bruders), die im Stück nie persönlich erscheint. Mittlerweile sei ihm das schon klar. Wenn auch Verwirrung bliebe. Es sei gerade deswegen auch überhaupt nicht zwingend nötig, dass alle Zuschauer mit den gleichen Gedanken aus dem Stück schieden.

Das Leiden vieler auf Einzelschicksale heruntergebrochen

Eine Zuschauerin fand es gerade schön, dass der Konflikt auch zwischen Kurden und Türken in diesem Stück auf eine Person herunter werde. Zum besseren gegenseitigen Verständnis wünschte sich eigentlich, dass möglichst viele aus beiden Gruppen dieses Drama anschauten. Es werde durch die getöteten nahen Familienmitglieder im Stück klar, dass es immer Einzelne sind, die in der Masse litten.

Fehlende Information bemängelt

Eine andere Zuschauerin kritisierte gegen Ende der Gesprächsrunde, von dem interessantem Gastspiel nur zufällig durch Freunde erfahren hätte.

Leitender Dramaturg des SchauspielDortmund (ganz rechts in der Runde) informierte in eigner Sache; Foto: C.-D. Stille

Leitender Dramaturg des SchauspielDortmund (ganz rechts in der Runde) informierte in eigner Sache; Foto: C.-D. Stille

Und zwar etwa eine halbe Stunde vorher. Das Thema sei doch gerade dazu angetan, auch zu bilden und zu informieren. Warum erfahre man über die Presse nichts davon? Hätte sie vorher davon erfahren, wäre es ihr gelungen zirka 60 Leute zu mobilisieren.

Michael Eickhoff, Leitender Dramaturg des Dortmunder Schauspiels, kennt das Problem. Über die örtlichen Printmedien, es sind ja im Grunde nur noch Ruhr Nachrichten, funktioniere die Information eigentlich kaum. Sondern fast ausschließlich über soziale Medien. Eickhoff empfahl sich über Facebook mit dem Schauspiel Dortmund zu befreunden, um immer aktuelle Informationen zum Spielplan zu erhalten.

Gleichzeitig informierte der Dramaturg darüber, dass sich das Haus auch künftig weiter türkischsprachigem und muslimischem Publikum öffnen zu wollen.

Eingangsportal des Schauspielhauses Dortmund; Foto: Stille

Eingangsportal des Schauspielhauses Dortmund; Foto: Stille

Dazu ein Hinweis:

Für den 22. April 2016 (die Premiere am 16.4. ist bereits ausverkauft) wies Michael Eickhoff sogleich vorsorglich auf ein Stück mit ebenfalls heiklem Thema hin, dass gewiss auch für die türkische (und die muslimische Community überhaupt) und freilich darüber hinaus von Interesse sein dürfte.

Nämlich „Der goldene Schnitt – Ein Fest rund um die Vorhaut“ (Autor/Regie: Tuğsal Moğul Bühne und Kostüme: Ayşe Gülsüm Özel).

Grandioser Theaterabend

Gab Autogramme: Autor Mirza Metin.

Gab Autogramme: Autor Mirza Metin.

Ein interessante Frage dann noch kurz vor Ende der Diskussion: Warum der Titel „Hungernde Hunde“?

Dazu der Regisseur Cem Uslu: Zunächst sei der Titel ironisch gemeint. Zum anderen gibt es eine kurdische Gedicht über zwei Hunde. Und als Metapher fand Uslu das ganz gut: Zwei Hunde, an denen die Leute achtlos vorbeigehen.

Damit war das also auch geklärt. Ein grandioser Theaterabend mit dem großartigen Sermet Yeşil! Mit angeschlossener, einer sich nicht weniger informativ und hochinteressant gestaltet habenden Diskussion. Mehr davon!