Ruhrfestspiele Recklinghausen 2017 vom 1. Mai bis 18. Juni: Vorverkauf gestartet

Platz vor dem Ruhrfestspielhaus. Foto: C. Stille

Platz vor dem Ruhrfestspielhaus. Foto: C. Stille

Die Ruhrfestspiele sind eines der ältesten, größten und renommiertesten Theaterfestivals Europas. Sie finden alljährlich in den Monaten Mai und Juni in Recklinghausen statt (zur Entstehung des Festivals hier mehr). Eröffnet werden die Ruhrfestspiele Recklinghausen traditionell auch in diesem Jahr wieder mit einem großen Kulturvolksfest am 1. Mai auf dem grünen Hügel rund um das Ruhrfestspielhaus.

Auch in der Saison 2017 hat die Festivalleitung unter Dr. Frank Hoffmann wieder einen bunten Strauß an Inszenierungen namhafter Regisseure und Darbietungen preisgekrönter Schauspielgrößen zusammengestellt.

Das diesjährige Motto der Ruhrfestspiele 2017: Kopfüber Weltunter

Dazu schreiben die Organisatoren:

„Die Welt ändert sich. Stetig. Und immer schneller, so zumindest ist der Eindruck. Angesichts des politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandels und der radikalen Umbrüche, die unsere Weltordnung zunehmend ins Wanken bringen, meint man mitunter, die Welt stehe Kopf. Oder schlimmer noch, sie stehe kurz vor dem Untergang. Ein Zustand, der Ängste schürt, Ratlosigkeit auslöst, Ungewissheit hervorruft, in welche Richtung die Zukunft führt: abwärts oder aufwärts? Dabei vergisst man häufig, dass der Veränderung auch stets eine Chance innewohnt: auf Fortschritt, Verbesserung, Neubeginn.

Unter dem Motto „Kopfüber Weltunter“ setzen sich die Ruhrfestspiele vom 1. Mai bis 18. Juni 2017 mit diesem schwer fassbaren Schwebezustand

auseinander, der allen Zeiten des Umbruchs innewohnt. Dabei richten sie den Blick auf große revolutionäre Momente: von der Reformation über die Französische, Industrielle und Russische Revolution bis hin zur Protestbewegung auf dem Maidan. Zugleich spiegeln sie die aktuellen Entwicklungen – von den Herausforderungen der Flüchtlingsbewegung über den wachsenden Zuspruch radikaler Parteien bis hin zum digitalen Wandel. Herausragende Werke von Goethe, E.T.A. Hoffmann, Strindberg und Pirandello über Kafka, Brecht und Canetti bis hin zu Günter Grass und Woody Allen offenbaren die Zeitlosigkeit jenes Gefühls, das uns noch heute erfasst: Kopfüber Weltunter.

Auch unser diesjähriges FRiNGE Festival stellt vom 23. Mai bis 17. Juni 2017 die Welt auf den Kopf. Internationale Ensembles aus allen vier Himmelsrichtungen erobern mit verrückten, komischen, bezaubernden und atemberaubenden Performances unsere Spielstätten – darunter auch einige neue, die es zu entdecken gilt.

Stürzen Sie sich kopfüber in unsere Spielzeit! Wir sorgen dafür, dass Sie nicht untergehen!“

 

Grafik via Ruhrfestspiele Recklinghausen.

Grafik via Ruhrfestspiele Recklinghausen.

Der Kartenvorverkauf hat am 19. Januar 2017 um 9.00 Uhr begonnen. Hier einige ältere Beiträge von mir rund um und über die Ruhrfestspiele.

 

Werbeanzeigen

Ruhrfestspiele Recklinghausen: Claudia Amm und Günter Lamprecht lasen Pirandello

Claudia Amm und Günter Lamprecht während der Signierstunde im Buchshop der Ruhrfestspiele Recklinghausen; Fotos (3) C.-D. Stille

Claudia Amm und Günter Lamprecht während der Signierstunde im Buchshop der Ruhrfestspiele Recklinghausen; Fotos (3) C.-D. Stille

Eine bravouröse Lesung erlebten gestern Besucherinnen und Besucher der Ruhrfestspiele Recklinghausen. Claudia Amm und Günter Lamprecht, über viele Jahre nun schon hochgeschätzte Begleiter des einzigartigen Festivals fesselten, amüsierten und berührten das Publikum zu früher Uhrzeit mit Texten von Luigi Pirandello. Eigentlich hatte sich Pirandello vorgenommen für jeden Tag des Jahres eine Geschichte zu schreiben. Er hat’s nicht ganz hinbekommen: 240 sind es „nur“ geworden.

Aus der Ankündigung der Ruhrfestspiele:

Claudia Amm im Gespräch mit Besuchern.

Claudia Amm im Gespräch mit Besuchern.

„Viele seiner Geschichten spielen in Sizilien, der Insel, auf der Pirandello geboren wurde, die in der Zeit, als Italien fortschrittlich werden sollte, schwermütig und schön wie ein altes, schweres Schiff in ihrer Vergangenheit, ihren Sitten, der Art zu leben verankert blieb. In dieser Spannung zwischen Veränderung, Moderne, Nationalstaat und der Beharrlichkeit der Seele, dem Wunsch, im Althergekommenen zu leben, bewegen sich die Menschen, von denen Pirandello erzählt.

Günter Lamprecht signiert das Exemplar eines seiner Bücher.

Günter Lamprecht signiert das Exemplar eines seiner Bücher.

Ralf Vollmann hat in einer Liebeserklärung an Pirandello das besondere Fluidum seiner Prosa beschrieben: „Man will oft nicht glauben, dass ein Mensch, der geistvoll ist, Sensibilität genug für die Wahrheit des Inneren hat, aber Pirandello ist ein solcher Mensch. Er gibt nichts auf, er bleibt geistvoll, etwas ironisch, fast witzig; aber nun (…) beginnt die Realität (…) in einen sonderbaren schwebenden Zustand zu geraten; der Autor nimmt ihr die Schwere, dieses Lastende, das sie immer so undurchschaubar, so lichtlos macht.“

Im Anschluss an die mit großem Beifall aufgenommene Lesung signierten Claudia Amm und Günter Lamprecht eigene Bücher im Buchshop im Foyer des Ruhrfestspielhauses. Günter Lamprecht gilt als großer Freund des Ruhrgebietes. Einige Zeit spielte er heute 86-Jährige  in Oberhausen Theater und lebte auch in der Stadt.

Recklinghausen: Die Ruhrfestspiele sind eröffnet – Im 70. Jahr lautet das Motto „Mare Nostrum?“

Der Demonstrationszug trifft am Ruhrfestspielhaus ein; Fotos: C.-D. Stille

Der Demonstrationszug trifft am Ruhrfestspielhaus ein; Fotos: C.-D. Stille

Es ist jedes Mal aufs Neue beeindruckend: Eine Sambagruppe und eine Formation der Grubenwehr gehen vornweg – der Zug der Demonstration anlässlich des 1. Mai – von der Herner Straße kommend – folgt ihnen. Am architektonisch imposanten Ruhrfestspielhaus warten zur Mittagszeit zum Empfang der Demonstrierenden bereits zahlreiche Menschen, So verschmelzen traditionell die Kundgebung zum 1. Mai und das Eröffnungszeremoniell der Ruhrfestspiele Recklinghausen zu einem grandiosen Ereignis. Und das Wetter spielt auch mit: Die Sonne lacht überm Grünen Hügel.

Volker Nicolai, Vorsitzender des DGB Kreis Recklinghausen, wendet sich an die Kundgebungsteilnehmer

Er nennt das diesjährige Motto des DGB: „Zeit für Solidarität – Viel erreicht und noch viel vor“. Es gehe um „Solidarität für die arbeitenden

DGB-Vorsitzender Volker Nicolai.

DGB-Vorsitzender Volker Nicolai.

Menschen, den Generationen von Einheimischen und Flüchtlingen und vor allem den Schwachen und den Starken“. Die Gewerkschaft trage Verantwortung dafür, dass Deutschland ein sozialer und demokratischer Rechtsstaat bleibe. Wie es unser Grundgesetz fordere. Die ebenfalls dort als unantastbar vorgeschriebene Würde des Menschen gelte unbedingt auch für die bei uns Schutz suchenden Menschen. Der DGB fordere u.a. das Ende der Deregulierung der privaten Güter und Dienstleistungen. Sowie ein Ende der Umverteilung von unten nach oben. „Hoch die Internationale Solidarität“ wird aus der Menge skandiert.

Bürgermeister Christoph Tesche spricht ein Grußwort

Eingangs spricht Bürgermeister Tesche die Wichtigkeit der Verteidigung der freiheitlich demokratischen Grundordnung an. Besonders im Fokus: das Asylrecht und die Koalitionsfreiheit. Tesche lobte die gegenüber den nach Deutschland gekommenen über eine Million Flüchtlingen (nach

Bürgermeister Christoph Tesche.

Bürgermeister Christoph Tesche.

Recklinghausen kamen gut 1600) geübten Solidarität. Aufgepasst werden müsse, dass Menschen die statt solidarische Hilfe zu leisten nur dumpfe Parolen im Munde führten, hierzulande nicht die Oberhand gewönnen.

Und Tesche macht aus seinem Herzen keine Mördergrube: Persönlich hält er es „für einen Fehler, dass der Bergbau komplett aus der Bundesrepublik Deutschland verschwindet“. Was die Bergleute über Jahrzehnte, über ein Jahrhundert geleistet hätten, dürfe die nicht der Vergessenheit anheimfallen. „Kohle und Stahl haben dieses Land – besonders das Ruhrgebiet – groß gemacht!“ Besonders erfreut zeigt sich Bürgermeister Tesche, dass dieses Jahr der Erste Bürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg, Olaf Scholz, die Ruhrfestspiele besuchen wird. Es geht dabei um die Erinnerung an die Geschichte der Entstehung der Ruhrfestspiele: Kohle für Kunst – Kunst für Kohle. Im bitterkalten Winter 1946/47 halfen Kohlekumpel der Zechen König Ludwig Hamburger Theaterschaffenden solidarisch mit Kohle zur Beheizung ihrer Musentempel – an den Besatzungsmächten vorbei – aus. Dafür revanchierten sich Hamburger Theaterleute mit einem Gastspiel in Recklinghausen. Ohne diese Aktion existierten die Ruhrfestspiele nicht.

Hauptredner ist Norbert Maus, Gesamtbetriebsratsvorsitzender der RAG Deutsche Steinkohle AG

Für Maus ist die Einführung des Mindestlohns der wichtigste Erfolg des DGB im letzten Jahr: „Sage und schreibe 3,7 Millionen Menschen profitieren inzwischen davon.“ Es bleibe aber noch viel zu tun hierzulande: „Die Vermögen sind extrem ungleich verteilt in diesem Land.“ Und er sagt klipp und

Gesamtbetriebsratsvorsitzender der RAG Deutsche Steinkohle, Norbert Maus.

Gesamtbetriebsratsvorsitzender der RAG Deutsche Steinkohle, Norbert Maus.

klar: „Wer als Arbeitgeber aus der Tarifbindung flieht, verhält sich definitiv verantwortungslos.“ Mit der Sozialpartnerschaft – sagt Maus – habe man gute Erfahrungen gemacht.

Auch Norbert Maus spricht das Flüchtlingsthema an. Die von Rechts erfolgten Angriffe (mehr als 1000 gab es letztes Jahr deutschlandweit) auf Flüchtlingsunterkünfte, auf Einsatzkräfte und Journalisten dürften nicht hingenommen werden. Das Schüren von Hysterie und das gezielte Aufwiegeln von Menschen gegenüber Fremden, gehe gar nicht. Er habe es eigentlich nicht machen wollen, sagt es dann aber doch: „AfD – Amateure für Deutschland oder wie die heißen, geht auch nicht.“ Man werde den Rassisten zeigen, dass sie nicht das Volk sind. „Wir sagen selbstbewusst: wir sind die Mehrheit in Deutschland. Wir lehnen Hetze und Gewalt gegen Menschen definitiv ab“.

Die falsche Krisenpolitik in Europa und die Politik der Schwarzen Null mache die Sozial- und Tarifsysteme kaputt. Europafeindlichkeit und Rechtspopulismus seien die Folge.

Im Bergbau, erinnert Maus, habe man immer schon Menschen aus vielen Ländern integriert. „Wir Bergleute labern nicht lange über Integration.“ Menschen- und fremdenfeindlich seien die Bergleute nicht. Und auf die derbe aber grundehrliche Art der Bergleute sagt Maus: „Ich unterscheide nicht zwischen Nationalität und Glauben. Ich unterscheide immer noch zwischen Arschloch oder Nichtarschloch.“ Beifall.

Zur geplanten Industrie 4.0 sagt Maus: „Wir wollen, dass die Chancen die darin stecken, auch bei den Beschäftigten ankommen.“

Zur ungleichen Vermögensverteilung gibt es für Norbert Maus nur einen Ansatz: „Starke Schultern müssen wieder mehr tragen!“

Nach wie vor stünde er als Bergmann zur Energiewende, sage aber auch ganz deutlich: „Wir brauchen bis dahin weiterhin Braun- und Steinkohle.“ Den völligen Rückzug aus dem deutschen Steinkohlenbergbau (er endet 2018) hält Norbert Maus nach wie vor für falsch. Verspricht aber: „Wir hinterlassen keine verbrannte Erde!“ Den noch verbliebenen 7800 Bergleuten in der Region, wo einst 27 Bergwerke tätig waren, ruft er zu: „Weiterhin keine Endzeitstimmung aufkommen lassen!“

Norbert Maus eröffnet mit „Kumpel“ Frank Hoffmann die 70. Ruhrfestspiele

Ruhrfestspielintendant Frank Hoffmann tritt ans Rednerpult. Norbert Maus führt Regie: „Auf drei sagen wir beide den Satz ‚Die 70. Ruhrfestspiele sind eröffnet‘.“ Und er zählt. Doch Regisseur Hoffmann patzt und spricht den Satz bereits vor drei. Frank Hoffmann dazu schmunzelnd: „Man sieht es

Ruhrfestspielintendant Dr. Frank "Kumpel" Hoffmann und Norbert Maus eröffnen die 70. Ruhrfestspiele.

Ruhrfestspielintendant Dr. Frank „Kumpel“ Hoffmann und Norbert Maus eröffnen die 70. Ruhrfestspiele.

ist sehr schwer für einen Regisseur auf einen anderen Regisseur im richtigen Moment das Richtige nachzusprechen.“

Hoffmann findet die Solidarität, der er jedes Jahr in Recklinghausen begegne, unglaublich toll. „Doch der Begriff“, beklagt Hoffmann, „ist irgendwie so ein bisschen mehr und mehr in Vergessenheit geraten.“ Heute morgen sei er in Gladbeck gewesen, wo ein Film von verd.i TV gelaufen sei. Junge Leute wurden für diesen Film zum Begriff Solidarität befragt. Ein paar hätten es gewusst. Einer habe gesagt: „Weiß nicht, habe ich nie gehört.“ Einer habe den Begriff so erklärt: „Das ist für mich Kompromiss .“ Frank Hoffmann fand das Unwissen furchtbar. Wir lebten in einer Zeit in der es normal geworden sei, „dass wir nur an uns denken.“ Eine Doktrin des Ich sei heutzutage anzutreffen. Er ist dem DGB deshalb dankbar, das Thema Solidarität zum Motto des diesjährigen 1. Mai gemacht zu haben.

Dr. Frank Hoffmann zum diesjährigen Motto der Ruhrfestspiele „Mare Nostrum?“

Die Literatur des Mittelmeerraumes, informiert der Intendant, stehe im Mittelpunkt des Festivals. Aus dieser Region komme ein Großteil unserer Kultur und unserer Werte. Erstmalig kommen mit Houcine Abassi, Generalsekretär des Gewerkschafts-Zentralverbandes, und Widet Bouchamaoui,

Frank Hoffmann zum diesjährigen Programm.

Frank Hoffmann zum diesjährigen Programm.

Präsidentin des Arbeitgeberverbandes aus Tunesien, Friedensnobelpreisträger (am 23. Mai um 18 Uhr) zu den Ruhrfestspielen.

Kunst und Kultur, meint der Ruhrfestspielintendant, ist der beste Schutz gegen Rassismus. Frank Hoffmann freut sich mitteilen zu dürfen, dass man

Gruppenbild zum Abschluss des Eröffnungszermoniells.

Gruppenbild zum Abschluss des Eröffnungszermoniells.

1200 Karten für Menschen aus der Region reserviert hat, die sich ein Ticket nicht leisten können. Zusätzlich gibt es 400 Karten für Flüchtlinge. Die Flüchtlinge aber zu instrumentalisieren, in Bühnenstücke einzubauen – wie es an bestimmten Theater getan worden sei – zur „eigenen Glorie“, das findet Hoffmann „ganz schrecklich“. „Zu uns kommen sie als Freunde.“

Mit einem herzlichen „Glückauf!“ rief Frank Hoffmann die Menschen auf: „Kommen Sie zahlreich!“

2002-02-17 23.56.02Unter dem Motto „Mittelmeer – Mare Nostrum?“ werden ab Dienstag bis zum 19. Juni mehr als 100 Produktionen in über 300 Vorstellungen gezeigt. Die Themen reichen von der Antike bis zur aktuellen Flüchtlingskrise. Als erste Premiere wird am Dienstag Carlo Goldonis „Diener zweier Herren“ gespielt.

2002-02-18 00.18.03Nach Angaben der Stimberg Zeitung drängten sich am Sonntag etwa 80 000 Menschen auf dem Grünen Hügel beim Großen Kulturvolksfest rundum das Ruhrfestspielhaus.

2002-02-18 00.08.05Mehr zu den diesjährigen Ruhrfestspielen hier.

 

Läuft! Vorverkauf für Ruhrfestspiele 2016 – Diesmal unter dem Motto: „Mittelmeer – Mare Nostrum“

Blick auf den gläsernen Vorbau des Ruhrfestspielhauses mit Henry-Moor-Plastik davor; Fotos: Claus-D. Stille

Blick auf den gläsernen Vorbau des Ruhrfestspielhauses mit Henry-Moor-Plastik davor; Fotos: Claus-D. Stille

Die Ruhrfestspiele Recklinghausen sind eines der größten und zugleich ältesten Theaterfestivals Europas. Das renommierte Festival wird dieses Jahr 70 Jahre alt. Das Motto lautet diesmal „Mittelmeer – Mare Nostrum?“.  Zur Erinnerung: Mare Nostrum nannten die Römer das Mittelmeer.

Die Ruhrfestspiele 2016 setzten sich mit der Literatur und der Dramatik sowie mit den aktuellen politischen wie sozialen Zuständen in der Mittelmeerregion auseinander, die „aktuell im Fokus der gesellschaftspolitischen wie medialen Aufmerksamkeit steht und gegensätzliche Assoziationen hervorruft: Urlaubsziel und Krisenregion, Heimat und Zufluchtsort, Geburtsort der europäischen Kultur und Front kriegerischer Auseinandersetzungen.“

Allein der Januar 2016 „war der tödlichste in der Geschichte der europäischen Flüchtlingspolitik“, schreibt Karl Kopp, Europareferent von Pro Asyl im „nd“ m 4. Februar. „Etwa 300 Flüchtlinge starben an Europas Grenzen – die meisten in der Ägäis.“ Diese Katastrophe und das Versagen des „Friedensnobelpreisträgers EU“ dürfte bei den diesjährigen Ruhrfestspielen nicht nur im Hintergrund eine Rolle spielen.

Vom 1. Mai bis zum 19. Juni erwartet die Zuschauer ein vielfältiges, erstklassiges Angebot von Inszenierungen und Lesungen

„Vom 1. Mai bis 19. Juni 2016 stehen Stücke, Autoren und Inszenierungen unter anderem aus Italien, Spanien, Frankreich, Griechenland, der Türkei, Zypern, Israel, Ägypten und Algerien im Mittelpunkt des Ruhrfestspielprogramms“, heißt es aus der Ruhrfestspiel-Direktion. Und weiter: „Werke klassischer Autoren wie Homer, Aischylos, Calderón de la Barca oder Goldoni zeigen sich auf der Ruhrfestspiel-bühne ebenso im aktuellen Gewand wie Bühnenadaptionen von Arbeiten Viscontis oder Pasolinis.“

Über den Mittelmeerraum hinaus will man versuchen, „den verschiedenen Kulturen und der langen Theatertradition, die sie verkörpern, eine Plattform zu geben. Nicht allein das Schauspielgenre, auch verschiedene Tanz- und Musikproduktionen sowie eine Lesereihe mit prominenten Stimmen setzen sich mit dem Kulturraum Mittelmeer auseinander“.

„Der Mittelmeerraum als Krisenregion, aber auch als Ort der Zuflucht, steht darüber hinaus im Fokus der Auseinandersetzung der zeitgenössischen Dramatik von Sedef Ecer und Shadi Atef über Elfriede Jelinek bis hin zu Christian Lollike“, erfahren wir aus der Information von Festspielleiter Dr. Frank Hoffmann.

Siebzehn Uraufführungen – So viele wie nie zuvor

Allein 17 Uraufführungen – so viele wie nie zuvor – werden im Programm der Ruhrfestspiele 2016 zu sehen sein. „So ist es den Ruhrfestspielen vorbehalten, das neueste Werk von Tankred Dorst aus der Taufe zu heben. In einer Podiumsdiskussion kommen außerdem zwei Friedensnobelpreisträger des tunesischen Dialogquartettes zu Wort. Unter dem Motto „Gemeinsam zu den Ruhrfestspielen“ öffnen die Ruhrfestspiele erneut die Pforten für Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen von kultureller Teilhabe ausgeschlossen sind, in dieser Spielzeit besonders für Geflüchtete.“

Die Ruhrfestspiele blicken auf ihre Entstehung zurück

An ihrem 70. Geburtstag blicken die Ruhrfestspiele auch auf ihre Entstehung zurück. Aus den ersten Gastspielen der Hamburger Theater im Sommer 1947 unter dem Motto „Kohle für Kunst – Kunst für Kohle“ haben sich die Ruhrfestspiele zu einem richtungsweisenden Theaterfestival von internationalem Rang entwickelt. Ein hochkarätig besetztes Symposium solll das Festival unter dem Gesichtspunkt seines Stellenwertes „als internationales Festival in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft“ untersucht werden.

Neben dem aktuellen langjährigen Festspielleiter Dr. Frank Hoffmann inszenieren auch dessen Vorgänger Hansgünther Heyme und Frank Castorf

Und eine Überraschung der besonderen Art verspricht zu sein, dass neben Intendant Frank Hoffmann „auch die ehemaligen Ruhrfestspielleiter Hansgünther Heyme und Frank Castorf in Recklinghausen Inszenierungen abliefern. „Mit dem Thalia Theater und dem Deutschen Schauspielhaus sind diejenigen Hamburger Theater zu Gast, die 1947 mit ihrem Besuch die Ruhrfestspiele begründeten. Und am Ende präsentiert die Neue Philharmonie Westfalen im Rahmen des Abschlusskonzertes Werke von der klassischen italienischen Oper bis hin zu Evergreens und Rock-Songs aus Italien. Ruhrfestspiele:“Festspielleiter Frank Hoffmann führt dabei durch das Programm und erinnert an die Höhepunkte der vergangenen 70 Jahre Ruhrfestspiele.“

Start mit großem Kulturvolksfest am 1. Mai 2016

Starten werden die Ruhrfestspiele traditionell mit einem großen Kulturvolksfest am 1. Mai 2016 um 12 Uhr nach dem Eintreffen des 1.Mai-Umzugs des DGB Recklinghausen auf dem grünen Hügel am Festspielhaus. Der Kartenvorverkauf läuft unterdessen. Erfahrungsgemäß sind die kulturellen Leckerbissen relativ rasch ausverkauft. Dennoch gibt es immer Hoffnung: einzelne Karten an der Abendkasse sind mit einem bisschen Glück meist doch noch zu bekommen.

Den Festspielkalender finden Sie hier.

Kartenverkauf

Kartenstelle der Ruhrfestspiele, Martinistr. 28, 45657 Recklinghausen
Tel: 0 23 61 / 92 18 0, E-Mail: kartenstelle@ruhrfestspiele.de
Bitte beachten Sie unsere neuen Hotline-Zeiten (Tel.. 02361 / 9218 – 0):
vom 21.01. bis 07.02.2016: Mo. – Sa. 9.00 – 20.00 Uhr, So. 13.00 – 20.00 Uhr
vom 08.02. bis 19.06.2016: Mo. – Fr. 9.00 – 19.00 Uhr, Sa. 10.00 – 14.00 Uhr

Ruhrfestspiele 2015: „Tête-à-tête. Ein dramatisches Rendezvous mit Frankreich“

Blick auf den gläsernen Vorbau des Ruhrfestspielhauses mit Henry-Moor-Plastik davor; Fotos (2) Claus-D. Stille

Blick auf den gläsernen Vorbau des Ruhrfestspielhauses mit Henry-Moor-Plastik davor; Fotos (2) Claus-D. Stille

Es ist nicht Bayreuth. Aber einen grünen Hügel hat es auch in Recklinghausen. Im Stadtgarten. Auch da ziehen Festspiele Besucher an. Alljährlich. Wie in Bayreuth. Nicht der einzige Unterschied zu Bayreuth jedoch ist allerdings zugleich der wesentlichste von gleich mehreren. Bei den Ruhrfestspiele Recklinghausen, der Stadt im gleichnamigen größten Kreis Deutschlands, geht es nicht annähernd so glitzernd-elitär zu, wie es in Bayreuth zu sein pflegt. Und das ist auch gut so. Das Festival in Recklinghausen ist geerdet. Menschen und die Kunst stehen dort im Mittelpunkt. Es findet ein Dialog statt. Tradition seit mehr als sechzig Jahren. Die Ruhrfestspiele sind nicht nur eines der ältesten, sondern auch auch eines der größten Theaterfestivals Europas.

Ein altes Motto: “Kohle für Kunst – Kunst für Kohle”

Den Grundstein für dieses stets begeistert erwartete Festival wurde unmittelbar nach dem verheerenden Zweiten Weltkrieg von Kohle-Kumpeln aus dem Ruhrpott und Theaterleuten der Hansestadt Hamburg gelegt. Im bitter kalten Winter des Jahres 1946/47 standen die Hamburger Theater vor der Schließung. Sie verfügten über kein Heizmaterial mehr. Unmöglich Kohlen für die Beheizung ihrer Bühnen aufzutreiben.

Von ihrer Not  getrieben, fuhren Abgesandte Hamburger Theater samt Bühnenverwaltungschef daraufhin mit einem Holzvergaser-LKW ins Ruhrgebiet. Auf den dortigen Kohlenzechen wollten sie um Unterstützung ansuchen. Doch legal war da an kein Brikett zu kommen. Schließlich sollten die Theaterschaffenden dennoch Erfolg haben. Die Kumpel der Zeche König Ludwig 4/5 halfen ihnen. Unter geschickter Umgehung der Kontrolle seitens der Besatzungsmächte erhielten die Theaterleute Kohle von den Ruhrpottkumpeln. Diese noch einige Male wiederholten illegalen Aktionen halfen die Hamburger Theater wieder warm zu bekommen. Aus tiefer Dankbarkeit über die Kohle-Hilfe reisten im Sommer 150 Hamburger Theaterschaffende ins Ruhrgebiet. Sie gastierten unter dem Motto “Kunst gegen Kohle” vom 28. Juni bis zum 2. Juli 1947 im Städtischen Saalbau Recklinghausen (heute abgerissen und somit Geschichte). Eine allzu menschliche Geschichte.

Später wurde das Ruhrfestspielhaus im Stadtgarten von Recklinghausen erbaut. In den 1990er Jahren wurde der Musentempel renoviert. Alljährlich gehen unter dem Motto “Kohle für Kunst – Kunst für Kohle” die Ruhrfestspiele Recklinghausen über Bühne. Diesmal vom 1. Mai bis zum 14. Juni 2015. Mehr zur Entstehung der Ruhrfestspiele und weiteres Wissenswertes finden Sie hier (via Wikipedia; das Porträt des Festivals hier).

Vorverkauf läuft seit heute

Am heutigen 22. Januar ist der Vorverkauf angelaufen. Viele der Aufführungen sind bereits gut verkauft bzw. reserviert. der Vorverkauf für die Ruhrfestspiele 2015. Das erfährt, wer den Spielzeitkalender auf der Website der Ruhrfestspiele auf der Suche nach Inszenierungen durchsucht, die man möglicherweise zu besuchen gedenkt.

Das Motto des diesjährigen Festivals lautet „Tête-à-tête. Ein dramatisches Rendezvous mit Frankreich“. Die Ruhrfestspiele setzen vom 1. Mai bis 14. Juni 2015 voll auf die Literatur und Dramatik Frankreichs.

Klassiker und hochkarätige Schauspielgrößen

Auf die Bühne kommen Klassiker wie Molière, Eugène Labiche, Gustave Flaubert und Émile Zola. Aber auch zeitgenössische Autoren à la Bernard-Marie Koltès, Yasmina Reza, Joël Pommerat, Olivier Py, Fabrice Melquiot und Florian Zeller. Die Ruhrfestspiele informieren:

„Renommierte Theater aus Frankreich wie das Théâtre de la Manufacture aus Nancy und das Festival d´Avignon sind in diesem Jahr bei den Ruhrfestspielen zu erleben. Und wer könnte die Theaterkunst Frankreichs auf der Bühne besser verkörpern als hochkarätige französische Schauspielgrößen wie Juliette Binoche, Michel Piccoli, Hervé Pierre und André Marcon. Darüber hinaus sind gefeierte internationale wie nationale Schauspielerinnen und Schauspieler wie Jane Birkin, Isabella Rossellini, Ute Lemper, Nina Hoss, Corinna Harfouch und Wolfram Koch auf der Ruhrfestspielbühne zu erleben. Auch die sehr prominent besetzte Lesereihe widmet sich fast ausschließlich dem Frankreich-Schwerpunkt.

Die Vestlandhalle wird 2015 zur Kulisse einer beeindruckenden Performance: „François & Claire“ lautet der Titel der unkonformistischen Kreation des renommierten französischen Künstlers und Regisseurs Jean Michel Bruyère, die Hermbei den Ruhrfestspielen ihre Weltpremiere feiert. Darüber hinaus zeigt sich die Glasfassade des Ruhrfestspielhauses während der Festspielzeit in neuem Gewand – durch die schöpferische Hand des französischen Malers und Bildhauers Daniel Buren.

Spannende Uraufführungen von zeitgenössischen Autoren wie Albert Ostermaier, Christoph Nußbaumeder, Armin Petras und Dirk Laucke bereichern den Spielplan ebenso wie internationale Theater-, Tanz-, Musik- und Artistik-Produktionen, ob aus England oder Luxemburg, aus Tschechien oder Russland.

Das diesjährige FRiNGE Festival entführt die Besucher vom 12. Mai bis 6. Juni 2015 in eine Welt jenseits des Alltäglichen. Schräg, schrill, rasant und experimentierfreudig geht es dabei zu, wenn 25 Ensembles aus 11 Ländern ihre innovative Kunst präsentieren, die von Pantomime und Figurentheater über Artistik und Clownerie bis hin zu Percussion und Jazz reicht.

‚Was immer auch kommt‘, das Festivalfinale feiern die Ruhrfestspiele gemeinsam mit ihrem Publikum beim traditionellen Abschlusskonzert. Diesmal zur mitreißenden Musik des Swing- und Jazzsängers Roger Cicero. Wer die ganze Nacht durchfeiert, darf sich am darauffolgenden Morgen auf ein weiteres Konzert-Highlight freuen: Dominique Horwitz singt Jacques Brel, begleitet von der Neuen Philharmonie Westfalen – unter freiem Himmel im Stadtgarten.“

„Claus Peymann kauft sich eine Hose und geht mit mir essen“

Claus Peymann (links) und Hermann Beil (rechts) beim Signieren eines Buches.

Claus Peymann (links) und Hermann Beil (rechts) beim Signieren eines Buches im Jahr 2014.

Zu einem der Höhepunkte – unter vielen anderen der Ruhrfestspiele 2015 – dürfte sich auch Thomas Bernhards legendäres Dramolett „Claus Peymann kauft sich eine Hose und geht mit mir essen“ mit Claus Peymann und Dramaturg Hermann Beil am 1. Juni gestalten. Beide waren bereits bei den vorangegangenen Ruhrfestspielen begeistert gefeiert worden (hier).

Eiffelturm und Förderturm in Kontrast gesetzt

Grafisch wird das aktuelle Motto der Ruhrfestspiele, „Tête-à-tête. Ein dramatisches Rendezvous mit Frankreich“, sehr markant und augenfällig auf der Titelseite der Festivalbroschüre und dem Internetauftritt mit dem geografischen Ort in Kontrast gesetzt, wo die Aufführungen stattfinden: Links bildet es den Eiffelturm ab, rechts einen Förderturm. Manch Kohlekumpel dürfte letzteren mit Wehmut anschauen: Ende 2015 ist für das Recklinghausen nahe Bergwerk Auguste Victoria Schluss, Ende 2018 endet der Steinkohlebergbau in Deutschland.

Ruhrfestspiel-Fans oder solche, die es werden möchten, sollten nun schnell in die Tasten greifen, um via Internet zu buchen. Beziehungsweise sich auf den Weg in die Vorverkaufsstellen machen. Die Tickets gehen nämlich erfahrungsgemäß weg wie die sprichwörtlichen warmen Semmeln.

Georg Ringsgwandl beglänzte die Ruhrfestspiele Recklinghausen

BildGeorg Ringsgwandl bei seinem Auftritt in Recklinghausen; Fotos: C.-D. Stille

Kabarett hat neben der Theaterkunst stets einen festen Platz bei den Ruhrfestspielen. So auch in diesem Jahr. Dass sich die Leitung der Ruhrfestspiele immer auch um Brettl-Künstler bemüht, die noch nicht auf dem Grünen Hügel der Stadt Recklinghausen im blauen Kabarettzelt hinter dem Festspielhaus aufgetreten sind, ist dankens- und äußerst lobenswert. Vergangene Woche hatte man das Vergnügen mit dem Liedermacher Georg Ringsgwandl.

Der promovierte Mediziner, einst als Oberarzt in der Kardiologie tätig, gab sein Debüt bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen. Und er kam hochmotiviert, begleitet von Top-Musikern nach Recklinghausen. Was die Profis auf den jeweiligen Instrumenten an Tönen zum Klingen brachten – Daniel Stelter (Jazz-Gitarre, spielte im Bundesjugendjazzorchester, für Till Brönner, Helen Schneider, Lena Meyer-Landruth), Tommy Baldu (Schlagzeug, u.a. für Triband, Sebastian Studnitzky) und Christian Diener (Bassist, spielte für Wolfgang Haffner, Pee Wee Ellis, Chuck Loeb) – war echt sensationell.

Georg Ringswandl will es nach wie vor wissen

BildDass der inzwischen 64 Jahre alte Barde nun weitaus weniger schrill daherkommt wie einst, hat nichts mit seinem Alter zutun: Georg Ringsgwandl ist topfit. Und zeigt: Etwas, das man gern und immer wieder mit Freude macht hält körperlich und geistig jung.

Einleitend spricht Ringsgwandl vom Imagewandel, den ihn das Musikmanagement für die neue Scheibe sozusagen verschrieb. Das war amüsant. Die Erzählung des in der Heimat Murnau vorgenommenen Klamotteneinkaufs. Auch die Seitenhiebe auf die Schnodderigkeit des jugendlichen Verkäufers erntete zahlreiche Lacher. Nicht, dass es ein Beinbruch gewesen wäre: dieser Einstieg geriet ein wenig zu lang. Schwamm drüber!

Die Unsicherheiten des Künstlerlebens halten wach

Ringsgwandl will es nach wie vor wissen. Obzwar ihm seine ärztliche Tätigkeit Freude und Genugtuung brachte, trauert er dieser offenbar nicht nach. Vor Jahren war er noch einmal an seinen früheren Arbeitsplatz im Krankenhaus zurückkehrt. Als Aushilfsarzt. Doch abermaligen Appetit auf die Arbeit als Doktor  machte das nicht. Dieser ganze  bürokratische Apparat Gesundheitswesen! Damit, so Ringsgwandl, kann er nichts mehr anfangen.

Lieber dann die Unsicherheiten des Künstlerslebens. Einmal sagt Georg Ringsgwandl: „Wenn mir jemand jeden Monat 10000 Euro überweisen würde, das wäre ganz schlecht für mich. Meine finanzielle Unsicherheit hält mich wach.“

Das „Dschungel-Gewächs aus dem Glasscherben-Viertel“

Geboren in Bad Reichenhall nennt sich Ringsgwandl selbst ein „Dschungel-Gewächs aus dem Glasscherben-Viertel“. Sein Jugend war nicht einfach. Die Familie war arm. Der Vaters, einen Granatsplitter aus dem Zweiten Weltkrieg im Kopf behalten habend, war nicht einfach zu ertragen. In diesen „kleinen“ und wohl die Seele eines jungen Menschens berührenden und dessen Leben (vor-)zeichnenden Verhältnissen wuchs Ringsgwandl zu dem heran, was ihn heute ausmacht. Mit Humor meisterte er schwierige Lebensabschnitte. Er studierte Anfang der 1970er Jahre. Wurde später ein guter Oberarzt. Heute proftieren wir davon, dass er schlussendlich ganz zum Liedermacher wurde. Reminisenzen an frühere Aufritte: Er machte ziemliche Krachmusik, Punk, der ordendlich die Ohren wackeln ließ, also reinhaute und eckte – noch dazu in Bayern – nicht selten an. Grell geschminkt und auch mal in Frauenkleidern auftretend. Georg Ringswandl: „Nur Irre haben mein Zeug im Plattenschrank.“ – So what?

„Hühnerarsch sei wachsam!“

Gemessen an den einstigen Aufritten kommt Ringsgwandl heute beinahe serös daher. Was jedoch nicht heißt: langweilig. Im Gegenteil! Ringsgwandl ist einer geblieben, der durchaus weiter gegen den Stachel löckt. Sein Aufreten ist nach wie vor clownesk. Das Publikum hat seine Freude. Nicht nur, wenn er singt „Hühnerarsch sei wachsam!“ (vor dem was sich von hinten anschleicht) und die Band mitsingend einfällt: „Chicken Ass be watchful!“

Selbstironie

Georg Ringsgwandl nimmt sich gern auch selbst auf die Schippe. Nach dem bekannten Goethe-Satz handelnd „Wer sich selbst nicht zum Besten haben kann, der zählt gewiß nicht zu den Besten:  „Für die wirklich hohe Kunst bin ich zu primitiv, für die Popmusik zu kompliziert.“

Fluffiger Glanz

Die neue CD, das Programm auch, das es in Recklinghausen zu erleben gab, trägt den Titel „Mehr Glanz!“. Es kommt geradezu fluffig daher. Funk vom Feinsten. Die Instrumentalisten, die mit Ringsgwandl musizieren, sind ein wahrer Glücksfall für ihn und’s Publikum! Groovig verbreitet sich schallwellenartig der  im Programmtitel versprochenen Glanz im Theaterzelt der Ruhrfestspiele. „Mehr Glanz!“ lässt jedoch auch auf aufscheinen, dass in unserer Welt Glück und Leid verdammt dicht beisammen zu passieren pflegen. „Ruhm und Glanz sind öffentlich, nur das Elend ist privat.“ – Wie wahr!

Einmal mehr der berüchtigte Pfau

Wie konnte es anders sein: Auch der schon berüchtigte Pfau, im kleinen Tierpark hinterm blauen Chapiteau, schreit einmal mehr durchdringend in die Pause zwischen zwei Liedern. Ringsgwandl um eine Erklärung nicht verlegen: „Was ist das denn? Wird da jemand missbraucht?“

Betreffs der eignen Wirkung selbstironisch

Von Anfang an ist Ringsgwandl hörbar gemüht, das bayrische Idiom zu bezähmen – schad‘ für Bayrischfans. Gut für Menschen aus dem Ruhrpott.

Immer wieder Tragikomisches in seinen Liedern. Oder wieder Selbstironie betreffs der eignen Wirkung respektive Vermarktung: „Nicht mal die kleinste Brauerei int‘ressiert mein Konterfei.“ Und: „Nicht mal der Pferdemetzger glaubt, dass ich ihm Kunden zieh.“ Auch das: „Nicht mal die Linke freut sich, wenn ich Wahlkampf mach für sie. Mit mir, da krieg’n sie nicht mal vier Prozent.“

Gesellschaftskritisch: „So geht’s net!“

BildIm leichten Gewand kommt bissige Gesellschaftskritik im Titel „So geht’s net“ von der Brettl-Bühne herunter. Sie zielt auf die kriminellen Finanzjongleure unserer Tage: „Im warmen Büro sitzen, und fremdes Geld verblitzen, doch wenn die Kurse stürzen, dann wollns vom Staat a Spritzen, was sind denn das für Sitten: So geht’s net!“

Auch der „Gartennazi“ darf im Repertoire nicht fehlen: Das Denzunziantentum beißend geißelnd.

Herrlich skurril kommen einige der Texte daher. Sie lassen einen schallend lachen und bald darauf manches Mal beinahe an jenem Lachen fast ersticken. Zumindest aber machen sie Schlucken.

Zither statt Smartphone

Im zweiten Teil kommt dann auch die rechts auf der Bühne im Fastdunkeln „geparkte“ Zither zu Ehren. Augenzwinkernd empfiehlt Ringsgwandl Eltern heute auf ihren Smartphones allgegegenwärtig herumwischenden Kindern, zum Erlernen dieses Instrumentes zu ermuntern.

Bravo! Spitzentexte

13 Lieder beglänzten vergangene Woche die Ruhrfeststpiele Recklinghausen. Bravo! Spitzentexte, musikalisch hervorragend instrumentiert. Welch Liebeserklärung hier: „Ich habe keinen Sponsor, mich stützt keine Industrie. Ich steh mit dem Rücken an der Wand. Ich hab nur di.“

Mehr von diesem Glanz!

Fast vermisste ich den weitaus skurrileren, schrilleren, mit verrückten Kleidern und irre anmutenden Performances natürlich provozieren wollenden Georg Ringsgwandl der früheren Jahre ein bisschen. Doch bedenkt man’s ganz genau, ist Ringsgwandl sich im Innersten treu geblieben, nur eben ein wenig anders. Man mag es seriös nennen, gefällig ist sein Vortrag auch heute nicht. Ringsgwandl ist romantisch, bissig, gesellschaftskritisch und wie früher auch heute etwas ganz außergewöhnlich Spitzenmäßiges. Mehr davon, von diesem Glanz!

Wer Georg Ringsgwandl irgendwo erwischen kann: Nix wie hin! (Tourdaten) Diesen Tragikomik und viel Humor versprühenden bayrischen Philosophen sollte man erlebt haben. – Ein schöner Abend. Alles passte auf so wundervolle Weise.

Beschwingt, im Herzen berührt und geistig befeuert – nicht zuletzt auch nachdenklich – rauschte ich mit der Eisenbahn durch die westfälische Nacht über das für mich – aus hier nicht näher zu bezeichnen wollenden Gründen – unvermeidliche Wanne-Eickel zurück nach Dortmund. Glänzend!

„Die Echse“, gespielt von Michael Hatzius bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen

BildFoto: Claus-Dieter Stille

Kleinkunst-Freunden ist er längst ein Begriff. Die Meisten dürften ihn aus dem Fernsehen kennen. Die Rede ist von Michael Hatzius. Und natürlich – wie könnte es anders sein: auch von dessen vorwitzig-frecher Echse. Kleinkunst, welch Untertreibung! Kreiert wurde die Echse von Michael Hatzius. Der 1982 in Berlin Geborene hat seine Kunst gelernt! Er ist Absolvent der renommierten  Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ Berlin.

Michael Hatzius ist ein Puppenspieler, ist ein Puppenspieler

Manche, die Hatzius mit seiner Echse im Fernsehen oder auf You Tube begegnet sind, halten ihn für einen Bauchredner. Wohl aber für keinen besonders guten. „Man sieht ja, wie der seinen Mund bewegt“, bekommt man dann nicht selten zu hören. Diese Leute irren sich. Michael Hatzius ist nämlich ein Puppenspieler. Ist ein Puppenspieler! Seine Mundbewegungen läßt er bewußt die Leute sehen. Aber die sind rasch vergessen. Wenn Hatzius die Echse erst zum Leben erweckt hat, ist sie die Hauptperson. Diejenige die quasi das Zepter in der Hand hält. Und zwar ein im wahrsten Wortsinne ausgezeichnerter Puppenspieler. Hatzius ist Gewinner zahlreicher Preise, u.a. des Deutschen Kleinkunstpreises. Als Puppenspieler haucht Michael Hatzius nicht nur der Echse gekonnt Leben ein.

Das volle Programm

Am vergangenen Sonnabend gastierte Michael Hatzius mit „Die Echse & Freunde – das volle Programm“ bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen im Theaterzelt.

Bekommt man im Fernsehen ja meist nur einen Kurzauftritt von Hatzius und der Echse zu sehen, bot sich in Recklinghausen nun die Möglichkeit das „volle Programm“ zu erleben. Und das war ein Erlebnis der Sonderklasse!

Zunächst einmal gab ein stotternder wegen Zahnfehlstand zischelnder Brandschutzbeauftragter, schon mal hervorragend gespielt von Hatzius, „nützliche“ Anweisungen. Etwa der Natur, dass eigens im Zelt Ecken mit Benzin imprägniert worden seien, um ein eventuell auftretendes Feuer anzuziehen und es so geschickt vom Publikum abzulenken.

Herrlich politisch unkorrekt

Michael Hatzius betritt die Szene. Bat aufzuzeigen, wer ihn und die Echse kenne. Es war eine Minderheit. Aber der große Rest des Publikum sollte die Beiden kennen- und lieben lernen.Er zeigt ein paar Untensilien, die er aus Kisten holt. Etwa süße Küken, die den Hunger der Echse stillen sollen. Dazu ein Maus, die erkältet ist und niesen muss. Hatzius impft sie. Und einer gleichfalls verschnupften Zuschauerin spritzt er auch gleich einmal die „ätzende“ Medizin ins Parkett. Hatzius prüft den medinzinischen Erfolg bei der Maus mittels „Schwanztest“. Er stößt des Mäuseschwanz an und ist zufrieden: „Schwingt schön frei!“ Herrlich politisch unkorrekt, das alles!

Dann erst der Auftritt der Echse. Stöhnend ließ die sich auf dem bereitstehenden plumpsend Sessel nieder. Verständlich, hat die Echse doch schon ein paar Jährchen auf dem Buckel. Die Echse rekapitulierte ihr Leben nach dem Urknall. Man bekamm die Version der Echse von Evolution zu hören. Sie offenbarte wie schwierig das Leben gewesen einst war. Betonte aber dennoch (schöne Anspielung auf die verflossene DDR): “Unter Wasser war nicht alles schlecht.” Und als man schließlich an Land kam, schuf man Bedeutendes. Die obligatorische Zigarre in der Hand betont die Echse nicht ohne Stolz und im Brustton der Überzeugung- nur vielleicht Helmut Schmidt noch, fällt mir dazu schmunzelnd ein, wäre man wohl bereit Ähnliches abzunehmen – das sie vor mehr als zweitausend Jahren zusammen mit Ari(s) Toteles das erste Theater der Welt aufgemacht habe.

Die Echse ist freilich auch ein Sexualprotz. Nicht nur, dass der Echserich  die Anekdote mit Cleopatra  in der Badewanne – wo sie entgegen den in Geschichtsbüchern Kolportiertem – zum Besten gibt, wonach die Schöne in Wirklichkeit nach dem sexuellen Abenteuer mit ihm ihre Leben aushauchte. „Wenn ich mit dir fertig bin“, rief die Echse einmal ins Publikum, dann sind meine Hoden leer!“ So politisch unkorrekt das sich anhören mag: es wird nie wirklich peinlich. Es ist ja auch die Echse, die das sagt, nicht Michael Hatzius.

Hatzius immer auf dem Sprung

Michael Hatzius bringt anscheinend so schnell nichts aus dem Konzept. Er ist immer auf dem Sprung. Das macht den professionellen Theaterkünstler aus. „Knister, knister, knister“, unterbricht er, als eine Zuschauerin irgendwo vor der Bühne offenbar ein Bonbon auswickelte: „Knister nur zu Ende. Nimm zwei?“ Gelächter. Dann geht’s weiter, als sei nichts gewesen, als gehöre es zum Programm. Was alteingesessene Theaterzeltbesucher der Ruhrfestspiele seit Jahren kennen, trifft freilich auch Hatzius: Der in einem kleinen Tiergehege unweit des Zeltes residierende Pfau stösst auch 2014 seine schrillen Laute in die Abendluft: „Hi, hi, hi“. Dieter Hildebrandt, Hagen Rether und Wiglaf Droste gingen diese Schreie einst auch durch Mark und Bein. Und sie reagierten auf jeweils eigne Art und Weise und mehr oder weniger souverän auf den frechen Störenfried.  Dazu mehr hier und hier. Hatzius baute den Burschen sozusagen einfach ein ins Programm, gab ihm anscheinend nebenbei Saures. Bei ihm hatte der keine Chance sich zu profilieren.

Das mit dem zerschmetterten Schädel wäre nicht notwendig gewesen

Die süssen Küken wurden von der Echse ohne Rücksicht auf Verluste verspeist. Die Maus von ihr mit Kopf gegen die Tischkante geknallt, um dann festzustellen, das diese (wegen der ihr zuvor verpassten Spritze) vollkommen ungenießbar ist. Die Echse: „Tut mir leid Maus, das mit dem zerschmetterten Schädel wäre ja nicht notwendig gewesen.“ Politisch unkorrekt? Ja, aber richtig! Gut. Da blieb keine Auge trocken.

Auszubildende halten im ersten Jahr immer auf

Dem eingangs von Hatzius eingeführten (natürlich unbezahlten) Praktikant wird versprochen, am Schluss noch eine Chance zu erhalten. Und die kommt: Er durfte schlussendlich ein Klappe aufhalten, auf den Hatzius ein makabres Spiel mit zwei Gummispinnen trieb. „Sie kennen das vielleicht: Auszubildende halten im ersten Jahr immer auf.“

Echsenfilme

Zwischendurch gab es herrliche Einspielfilmchen mit der Echse in der Hauptrolle. Es war köstlich zu sehen, wie sie auf „Verwandte“ im Zoo trifft, oder ihre Spässchen mit Besuchern oder Passanten in der Stadt treibt.

Leise Hiebe

Dann wieder bekommt das Publikum leise Hiebe. Das Publikum ist stellenweise etwas behäbig. Die Echse als Orakel hat wenig Arbeit. Kaum jemand aus dem Zelt wollte ihr Fragen stellen. Nur ein paar zum Fußball wurden eingeworfen. Und das Wetter. An diesem Tage ist es ziemlich nass. Auch dafür hatte Hatzius kalauernd eine Erklärung: „Ist doch klar: Reglinghausen! Sonst würde die Stadt ja auch Sonnlinghausen heißen.“

Humorvoll und keineswegs kopfschüttelnd wurde auch dieser Kalauer, der sich im Sitzen an den Rücken greifenden Echse aufgenommen: „Ich habe Echsenschuss!“ Man muss eben das richtige Maß kennen. Hatzius kennt es.

„Eigentlich lehne ich Puppentheater ab“

Nach der Pause wurde der zweite Teil von einem zurückhaltenden Huhn, das Michael Hatzius herrlich gackern und „pick, pick, pick“ machen ließ, eingeleitet. Versehntlich legte es ein Ei, das vom Huhn wieder zurück, dahin, wo es hergekommen war gesteckt wurde. Weil, so das Federvieh, nicht so we „die Echse sein“ wolle, „die immer im Mittelpunkt steht“

Das Puppentheater selbst wurde ebenfalls nicht von der Echse verschont: „Eigentlich lehne ich Puppentheater ab“, hörte wie sie sagen, „das ist albern und über weite Strecken konzeptlos.“

Brillant auch die Castingshow die mittels kleiner Puppen, hinter einem konventionellen Kaspertheateraufbau gezeigt wurde. Zu erleben war, die Echse diesen Ausscheid gewann. Zum Schreien, das Gejammer der ausgeschiedenen sächselnden „Fleschersfrau“!

Ganz großes Kino

Kasperle-Theater aber ist das nicht, was Michael Hatzius macht. Heute würde man sagen: Was der zeigt, ist ganz großes Kino! Hatzius ist ein exellenter Puppenspieler und jemand, der das Handwerk der Improvisation bestens auszuüben versteht. Durch ihn wird die Echse vor den staunenden Augen des Publikums förmlich zu etwas Lebendigen. Wer das erlebt hat, wird nie wieder bekritteln, dass man den die Echse (be-)spielenden Michael Hatzius den Mund bewegen sieht. Hatzius selber hat das einmal in einem im Gespräch mit http://www.liveundlustig.de so beschrieben: “Der Blick der Echse, der sich naturgemäß nicht verändert, wirkt auf den Betrachter wie ein bewegtes Mienenspiel. Die Puppe selbst denkt nichts, aber der Zuschauer, denkt, dass sie denkt.”

Die Puppe als Metapher

Der Puppenspieler Michael Hatzius tritt während der Vorstellung in den Hintergrund. Wie ein Bühnenschauspieler sein Ich ausblendet, wenn er die Rolle in einem Theaterstück gibt, nehmen die Zuschauer den Puppenspieler Hatzius gewissemaßen nicht wahr. Obgleich der ja für die immer sichtbar bleibt. Michael Hatzius weiter: “Die Puppe ist in sich eine Metapher, ein zugespitztes Bild, das für etwas anderes steht”.

Spitzenmäßig. Einmalig! Wird aber, so denke und hoffe ich, nicht einmalig bleiben bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen. Man wird Hatzius, die Echse und Freunde bestimmt dort wiedersehen.

Weitere Auftritte des Künstlers und eine TV-Show im RBB

Übrigens wer nicht in Recklinghausen sein konnte, kann das Programm auch woanders life sehen, wenn noch Karten zu haben sind: Weitere Auftrittstermine hier.

Unterdessen ist auch eine TV-Show mit Michael Hatzius und der Echse angelaufen. Die trägt den Titel „Weltall.Echse.Mensch“ und ist bei RBB immer freitags 20:15 Uhr zu sehen. Dass der Titel an das große Buch „Weltall Erde Mensch“ erinnert, das alle Jugendweihlinge zu DDR-Zeiten auf der Schwelle zum Erwachsenwerden erhielten, ist gewiss kein Zufall.

Ich gebe zu, wenn ich’s nicht schon vorher war, dann bin ich spätestens seit dem Besuch im „Blauen Zelt“ der Ruhrfestspiele Recklinghausen völlig verechst von Hatzius und Freunden …

Peymann furios mit Hermann Beil auf dem grünen Hügel in Recklinghausen

BildBeim Signieren des Buches: Claus Peymann (links) und Hermann Beil (rechts); Fotos: Claus-Dieter Stille

Manche stehen sonntags so früh auf, um zum Gottesdienst zu gehen. Selten des Theaters wegen. Einer Art „weltlichen Kirche“, wie der Schauspieler Peter Sodann das Theater einmal zu nennen pflegte und dementsprechend verstand.
Also in diesem Sinne auf am vergangenen Sonntagmorgen, auf zu den Ruhrfestspielen Recklinghausen! Dort steht für elf Uhr „Lesung: Beil/Peymann auf dem Programm. Ich liebe es so früh auf den grünen Hügel der Stadt Recklinghausen anzugelangen! Noch ist es rund um das Festspielhaus fast menschenleer. Das saftige Grün ringsum eine Augenweide! Die Vögel zwitschern schon putzmunter. Das Servicepersonal hantiert schon fleißig, wie hinter der imposanten Glasfassade des Festspielhauses zu beobachten ist. Schon öffnen sich die Türen: 10 Uhr!
Ein Regisseur und Theatermann bleibt ein Regisseur und Theatermann. Auch sonntags gegen Zehn. Der Peymann tritt auf den Plan. Mit kleiner Entourage. Ohne Allüren. Aber bestimmt. Der Tisch für danach, für’s Signieren des Buches „Peymann von A-Z“ könnte doch hier hin. Nein, mehr nach links zum Gang. Das Plakat dorthin, nicht dahin. Peymanns 20140504_101916Mantelschöße flattern. Machen Wind im Glasfoyer. Erstmal ein Käffchen im Stehen. Ja, und zwei Scheinwerfer auf Stativ – ein da und einer dort – wäre doch auch ganz nett. Techniker schwärmen aus. Und kehren bald mit dem Gewünschten zurück. Nein, so Peymann: Vielleicht könnte man doch das Plakat zunächst auf den Tisch …

Lesung? Theatralisches Stück mit Pfiff!

Als die Türen zum Großen Saal aufgetan werden ist es bereits fast zehn nach Elf. Applaus. Die beiden Herren, Peymanns langjähriger Dramaturg, Hermann Beil und Peymann, seines Zeichens Intendant des „BE“, himself haben die Bühne betreten. Nun stehen sie auf einer kleinen gut ausgeleuchteten Fläche vorm Bühnenbild von „Der Sturm“, den ich bald mit Manfred Zapatka erleben darf. Zwei Stühle. Zwei Notenständer. Peymann, der die Szene mit einer Tüte betreten hatte, holt daraus ein kleines Maigebinde heraus: „Ich habe keinen Maienbaum hier in Recklinghausen gesehen. Und damit etwas Atmosphäre in den großen Kasten kommt.“ Er befestigt das Gebinde vorn an einer Schraube seines Notenständers.
Die Lesung beginnt. Stopp! Habe ich Lesung geschrieben? Das Erlebnis, das theatralische Stück mit Pfiff hebt an.
Einigen wir uns: Zu erleben ist ein inszenierte Lesung. In der „weltlichen Kirche“, dem Theater, zu unser aller Erbauung.
Das zugrundeliegende Buch ist eines über den Intendanten Peymann, in welchem „der Rezitator Claus Peymann zusammen mit dem Dramaturgen Hermann Beil“ (Ankündigung Ruhrfestspiele) zu erleben ist:  „eine witzige, leidenschaftliche, großartige Suada über das Leben, das Theater und einem bestimmten Protagonisten: Claus Peymann„.

BildDass dieses Buch vorliegt, ist nicht zuletzt Hans-Dieter Schütt zu verdanken. Schütt leitete lange das Feulleton des „neuen deutschland“. Hermann Beil bedenkt den hervorragenden Essayisten und Wortedrechsler Schütt mit Lob, mit welchem er gewiss ansonsten sparsam umgeht: „Hans-Dieter Schütt ist ein Berliner Theaterkritiker, der das Theater liebt. Eine Seltenheit in Berlin!“

„Peymann-Erfindung“

Besagter Schütt hat aus Briefen, Zwischenrufen, Aktennotizen, Interviews, Reden und Reaktionen von Freund und Feind eine fast biographische „Peymann-Collage“ verfasst. Welch Fleißarbeit! Schütt selbst pflegt sein Werk eine „Peymann-Erfindung“ zu nennen, die „subjektiv komponierte Nach-Erzählung eines ausdauernden medialen Auftritts“. So schrieb er über den Menschen, den er bei seiner Arbeit monatelang umkreiste, über das „Gesamtkunstwerk“ Peymann: „Dieser Mann ist eine seltene Mischung aus Jähzorn und Zutraulichkeit, aus Zugriff und Flucht, aus Verletzbarkeit und Austeilkraft.“

Nun Claus Peymann selbst in Fleisch und Blut auf der Bühne stehen zu sehen ist ein wahres Fest. Neben ihm sein langjähriger „Nichtnur-Dramaturg“ Hermann Beil mit unterdessen schlohweißem Haar, der Peymann in nichts nachsteht. Wenn man nicht wüßte, dass der Mann Dramaturg ist, er ginge als Schauspieler durch. Was er freilich von sich weisen würde. Großartig!
Die Zuhörer gehen gemeinsam mit Peymann zurück auf dessen beruflichen Anfänge. Und folgen einem (Theater-)Leben beinahe auf Schritt und Tritt , das sich durch fünf Jahrzehnte und Städte wie Frankfurt, Stuttgart, Bochum, Wien und Berlin zieht.

Recklinghausen als Filiale!

Den bescheidenen Anfängen folgen erste große Erfolge und endlich gute Entlohnung. In Stuttgart: Wo man als Fremder sonntags nichts zu essen kriegt, während die ganze Stadt nach Rotkohl riecht, den die Schwaben zuhause mampfen. Aber auch bald erster Ärger. Wir erinnern uns: Claus Peyman setzte sich auf Bitten der Mutter von Gudrun Enslin, die als Terroristin in Gefängnis saß, dafür ein, dass der notwendige Zahnersatz für die Tochter über Spenden zusammenkam (Aufruf im Stuttgarter Theater). Peymann gab selbst Geld dazu. Und wurde darob als Terroristenunterstützer verleumdet. Dann die großartige „Publikumsbeschimpfung“ von Handke auf die Bühne gebracht. Die Vertreibung nach Bochum. Was nicht ohne auch (seelische) Beulen abging. Dennoch auf zu neuen Ufern: an die Ruhr. In die Provinz. Übrigens: Peymann verrät auf Recklinghausens Festpielbühne, die Ruhrfestspiele hätte er damals gerne gehabt, hatte gehofft auch dort der Chef zu sein, um Neues auszuprobieren: Bochum als Mutterhaus. Recklinghausen als Tochterfirma. Es hat nicht sollen sein. Nicht mal eine Nacht der Diskussion mit Landesvater Johannes Rau in dessen Düsseldorfer Staatskanzlei konnte da etwa bewirken. Peymann: „Immerhin als Bundespräsident hat er es bereut!“

Aber dann kam Wien. Über ein Jahrzehnt war Peymann dort Burg-Chef. Eines prächtigen Hauses, in einer verrückten, wunderschönen und wohl auch ein bisschen neurotischen Stadt, wo verstorbene Burg-Schauspieler eine einzigartige Ehre zuteil wird: Sie werden im Sarg einmal um das Haus getragen. Peymann: Heute nur noch gefahren.

Die „gestorbene“ Schlange

Diese ganzen, grandiosen Anekdoten, ein Wahnsinn! Unterhaltsam und spannend. Erst recht, wenn man das Theater von hinter den Kulissen kennt. Aber auch so. Natürlich. Skurriles auch. Beispielsweise als über Wiener Burg unter Peymann Gerücht die Runde macht, eine riesige Schlange seit angeblich dort auf einer Probe gestorben. Verantwortlich war höchstselbst Peymann: Nach einer Proben des betreffenden Stückes hatte er einem Assistenten beschieden: „Die Schlange ist gestorben!“ Mit „gestorben“ wird im Theater etwas bezeichnet, das weggefallen ist. Prompt hatte die Wiener Presse von dem „Tod“ der Schlange Wind bekommen. Und die Maschinerie setzte sich in Bewegung. Sie machte auch vor Regierungsämtern nicht halt. Amtliche Briefe erreichen den Burg-Herrn. Das alles süffisant vom Wiener Hermann Beil gelesen – vorgetragen, so dass man sich auf die Schenkel schlagen muss. Beschimpfungstiraden und Selbstgeißelungen. Viele Stimmen, ob Weggefährten oder Gegner, kommen dabei zu Wort: Thomas Bernhard, Heinrich Böll, Peter Handke, Heiner Müller, der ehemalige Stuttgarter Oberbürgermeister Manfred Rommel und viele andere.

HERRlich, diese „Doppelpredigt am Sonntag in der „weltlichen Kirche“!

Furios, das Ganze! Welch unterhaltsamer Vormittag auf dem grünen Hügel in Recklinghausen bei den Ruhrfestspielen. HERRlich, diese „Doppelpredigt“ am Sonntag in der „weltlichen Kirche“ Theater! Und dabei sind die Ruhrfestspiel gerade einmal nicht ganz drei Tage alt! Als wir Zuschauer wieder aus dem Saal strömen,  sind beinahe zwei kurzweilige Stunden vergangen. Jetzt traben die Menschen die Treppen hinunter zum Brunch. Viele, viele jedoch zunächst einmal an den Buch-Signierstand.  Den – wie die Leser eingangs erfahren haben – eigens von Claus Peymann „inszeniert“ worden war. Fleißig und geduldig schreibt Peymann Autogramme, signiert „seinen“ PEYMANN und schiebt das „abgearbeitete“ Exemplar zu Hermann Beil herüber, dass der seinen Namen darein setzt. Beil arbeitet genau und setzt noch „4.5.2014“, das aktuelle Datum darunter.
Als die Warteschlange bis auf wenige Bücherfreunde geschrumpft es, blickt Peymann auf die Armbanduhr und sagt freundlich aber bestimmt zu den Letzten: „Komm’Se nur. Ich muss noch zu’ner Probe nach Berlin. Muss meinen Flieger in Düsseldorf kriegen …“
BildEin Darbietung vom Feinsten. Für mich tat es übrigens die Regionalbahn ab Recklinghausen. Und ich bekam sie sogar! Und hatte Anschluß auf dem so wichtigen Hauptbahnhof, dem Bahnknoten- um Umsteigepunkt für mich und so viele andere, Wanne-Eickel. Aber das ist schon wieder eine ganz andere Geschichte.

Zum Abschluss:

Heiner Müller, köstlich zum Besten gegeben von Hermann Beil:

Alle verlassen das brennende Haus.
Bis auf Claus.
Der guckt raus.

Möge er noch recht lange rausgucken aus dem Haus, dieser Claus Peymann!

Informationen zu den Ruhrfestspielen 2014

Das Buch:

PEYMANN von A – Z
Ausgewählt und Herausgegeben von Hans-Dieter Schütt
Verlag das Neue Berlin

Die Ruhrfestspiele Recklinghausen 2014 auf 1.Mai-Kundgebung eröffnet – Glück auf!

Ruhrfestspiele 2014 Die Ruhrfestspiele 2014 sind feierlich eröffnet. Es ist ein langjähriger, guter und auch bewährter Brauch, dass die Eröffnung auf die Maikundgebung folgt.

Der 1.Mai-Umzug in Recklinghausen führt stets von seinem Ausgangspunkt im Zentrum der Stadt bis vor das Ruhrfestspielhaus..

BildVornweg läuft eine Abordnung der Grubenwehr. Die Wehrleute in strahlendem Orange tragen ein Transparent mit der Aufschrift „1. Mai 2014 Gute Arbeit. Soziales Europa.“ voran. Hinter ihnen laufen im Aufzug viele Bürgerinnen und Bürger aus Recklinghausen, sowie Gewerkschafter der IGBCE und anderer DGB-Gewerkschaften. Im heran nahenden Pulk neben ihnen zudem Mitglieder verschiedener Parteien: Von der SPD, DIE LINKE, der MPLD und der DKP. Zu erkennen an ihren jeweiligen Plakaten und Transparenten.

Entgegen dem Wetterbericht, der eher nicht so gute Aussichten in petto gehabt hatte, setzt sich nun auch die Sonne durch. Die zahlreichen, schon vor dem Eintreffen des 1.Mai-Aufzuges auf den grünen Hügel des Stadtparks in Recklinghausen gekommenen Menschen vermischen sich zu einer ansehnlichen Masse von Kundgebungsteilnehmern.

DGB-Kreisvorstandsvorsitzender Volker Nicolai begrüßt die Kundgebungsteilnehmer

Begrüßt werden sie alle Minuten später durch den Vorsitzenden des DGB-Kreisvorstandes Recklinghausen, Volker Nicolai.

Nicolai spricht über die Würde des Menschen, wandte sich gegen die Aushebelung von Rechten seitens bestimmter Arbeitgeber und geißelt, dass Betriebsräte zuweilen bekämpft und sogar aus Betrieben gedrängt werden.

Den nun – wenn auch mit Ausnahmen – kommenden Mindestlohn bezeichnet er als einen Fortschritt, den die Gewerkschaften erkämpft hätten. Der DGB-Kreisvorsitzende begrüßt herzlich die Gäste: Bürgermeister Wolfgang Pantförder, den Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft der RAG-Betriebsräte, Norbert Maus, anwesende Volksvertreter, Landrat Cay Süberkrüb sowie last but not least den Hauptredner der diesjährigen Mai-Kundgebung, den früheren langjährigen Vorsitzenden der IG BAU, Klaus Wiesehügel.

Letzter wird allerseits herzlich beglückwünscht: Das SPD-Mitglied hat Geburtstag.

Bürgermeister Wolfgang Pantförder nennt die Ruhrfestspiele „kommunikativ und bereichernd“

Bild

Der scheidende Bürgermeister von Recklinghausen, Wolfgang Pantförder, bei seiner Ansprache

Bürgermeister Wolfgang Pantförder (CDU) – er wird im nächsten Festspieljahr nicht mehr die Geschicke der Stadt Recklinghausen leiten – unterstreicht wie schon so oft zuvor die Bedeutung der Ruhrfestspiele für die Stadt. Das Stadtoberhaupt lobt zudem die kontinuierliche Qualität der Aufführungen und hebt hervor, dass das Programm für Viele etwas biete. Indem nicht nur Hochpolitisches auf die Bühne gebracht würde, sondern auch Programm, das Entspannung für Viele vom anstrengenden Alltag möglich mache. Etwas eben, das nicht hochtrabend daherkomme, was aber nicht bedeute in irgendeiner Weise niveaulos zu sein. Die Ruhrfestspiele nennt Pantförder „kommunikativ und bereichernd“.

Pantförder bezeichnet die Ruhrfestspiele Recklinghausen als das größte Festival dieser Art in Deutschland. Zugleich sei es ebenfalls das größte Theaterfestival Europas. Und darüber hinaus auch das wohl einzigartigste auf diesem Kontinent.

Bezüglich des Tages der Arbeit weist der Bürgermeister daraufhin, wie wichtig es sei, Verantwortung besonders auch für die künftigen Arbeitnehmer zu übernehmen. Schließlich wüchsen die Anforderungen an diese ständig.  Pantförder gratuliert Klaus Wiesehügel zum Geburtstag.

Klaus Wiesehügel: „Wenn man selbst aktiv wird, dann ist viel mehr drin als nur eben der Mindestlohn. Aber gewinnen kann man nur wenn Viele mitmachen und man ’ne starke Gewerkschaft im Rücken hat“

BildGewerkschafter Klaus Wiesehügel, Hauptredner der 1.Mai-Kundgebung von Recklinghausen

Hauptredner Klaus Wiesehügel bedankt sich freundlich für die Geburtstagsgrüße und dafür „an diesem Tage vor so vielen Leuten reden zu dürfen“. An seinem Wiegenfeste habe er immer reichlich Gratulanten. Kein Wunder an diesem Datum.

Glückwünsche wolle er an diesem Tag an die Mitarbeiter im öffentlichen Dienst überbringen, die „Mut bewiesen haben, die durchgezogen haben, bei den Tarifverhandlungen.“ Sie hätten, wie er findet „ein gutes Tarifergebnis erreichen konnten“.

Die Gebäudereinigerinnen hätten vor einigen Jahren trotz Ängsten begriffen, „dass man sich organisieren muss, um etwas zu erreichen. Und so haben sie sie für Tariflöhne gestreikt. Wiesehügel: „Nur deshalb haben sie es geschafft ihre Entlohnung deutlich zu verbessern“. Ein Beispiel für andere: „Wenn man selbst aktiv wird, dann ist viel mehr drin als nur eben der Mindestlohn. Aber gewinnen kann man nur wenn Viele mitmachen und man ’ne starke Gewerkschaft im Rücken hat“.

Klaus Wiesehügel meint, „es geht nicht nur um mehr Gewinn“. Gemeint sind bestimmte Unternehmen, die unfaire Arbeitsbedingungen schaffen. „Es geht ihnen auch immer um Macht, um unsere Schwächung, unsere Spaltung. Werkverträge, Leiharbeit, Minijobs, Scheinselbsständigkeit, Arbeit auf Abruf, Entsendung, sachgrundlose Befristung … da gibt es mittlererweile ganz viele Namen. (…) Die Arbeitgeber wollen damit den Schutz durch Sozialgesetze und Arbeitsrecht umgehen. Sie wollen Tarifverträge aushebeln und sie wollen uns spalten. Je mehr Untergruppen entstehen je besser für sie. Teile und herrsche – das wussten schon die alten Römer. Und wenn jeder das Risiko des Absturzes vor Augen hat, macht das eben Vielen auch Angst. Und oft macht Angst stumm. Augen zu, Maul halten und durch, so hätten sie uns gerne!“.

Dieser deutsche Arbeitgeberwerkzeugkasten sei nach nunmehr 30 Jahren „prall gefüllt“. Nun werde er gar überhaupt in nahezu der ganzen EU zum Nachahmen angeboten.

Die aktuellen Meldungen über den „niedrigsten Arbeistlosenstand seit Jahren“ unterzieht Wiesehügel einer kritischen Überprüfung. Die Anzahl der Arbeitsstunden sei nämlich überhaupt nicht gewachsen. Dafür arbeite nun ein Viertel der Beschäftigten für einen Hungerlohn. „Nun haben wir Millionen Menschen die trotz Vollzeitarbeit nicht von ihrem Lohn leben können“, so Klaus Wiesehügel: „Die verfügbare Arbeit wurde nur umverteilt. Von anständig entlohnt zu schlecht bezahlt. Von sicheren Arbeitsplätzen zu sicheren Jobs.“ Damit muss endlich schlussgemacht werden, forderte der Gewerkschafter.

Im Mindestlohn sieht er eine „Angstbremse“, unter die niemand mehr fallen könne. Vormachen wolle er niemanden, dass ein Stundenlohn von 8,50 Euro schon ein wirklich guter Lohn sei. Dann eine sachte Kritik auch an seiner Partei: „Der Entwurf der Regierung enthält für mein Geschmack noch zu viele Ausnahmen.“

Gewisse Betriebe würden dann gewiss Langzeitarbeitslose oder Jugendliche mit befristeten Verträgen einstellen. Diese Ausnahmen führen dazu, dass es in einigen Betrieben noch schlimmer wird. Wiesehügel: „Diese Ausnahmen müssen verschwinden!“

Zugleich mahnt der Gewerkschafter eine effektive Kontrolle der Einhaltung des Mindestlohnes an. „Die zuständige Behörde heißt ‚Finanzkontrolle Schwarzarbeit‘ und ist beim Zoll“, sei aber „total unterbesetzt“.

Junge Menschen, so Wiesehügel weiter, fühlen sich verhöhnt. Sie möchten gerne eine Ausbildungstelle, bekommen aber keine. Dann wird ihnen auch noch im Rahmen der Mindestlohndiskussion angedichtet, „sei seien geil auf eine ungelernte Tätigkeit für 8,50 Euro und würden sich deswegen nicht ausbilden lassen. “ Wiesehügel nennt das „zynisch“. „So einen Unsinn, den habe ich selten gehört. Es gibt eben nach wie vor nicht genügend Ausbildungsplätze“.

Als besonders schlimm empfindet der Sozialdemokrat, dass junge Menschen aus anderen europäischen Ländern im Rahmen eines Jugendprogramms, das von noch Ursula von der Leyen in ihrer Funktion als Arbeitsministerin angeregt worden war, nach Deutschland geholt worden seien. Ohne dass es Ausbildungsplätze gibt. Nun gibt es kein Geld für Programme und für Deutschkurse. Stattdessen sind vieler dieser Menschen aus Spanien oder von anderso verschuldet. Und wieder nach Hause zurückgekehrt. Klaus Wiesehügel: „Wir müssen uns dann nicht wundern, dass unser Politikbild im Ausland nicht besonders als beliebt gilt“.

Gegen die Rente mit 63 laufen die Arbeitgeber Sturm.  Warum? Gewerkschafter Wiesehügel zitiert den uns aus vielen Talkshows zur Genüge bekannten Michael Hüther: „Wir haben die Rente 67 gegen den Willen der Mehrheit in der Bevölkerung durchgesetzt. Diese Beute dürfen wir nicht wieder hergeben.“

Hüther ist vom Institut der Deutschen Wirtschaft, gibt Klaus Wiesehügel zu bedenken: „Der muss so einen Quatsch reden, denn das will die Wirtschaft hören.“ Auch das geplante Freihhandelsabkommem TTIP spricht der an. Es läuft letztlich auf die Aufweichung von Arbeiterrechten und den Gesundheitsschutz hinaus. Die Gewerkschaften müssen da wachsam sein: „Da kommt was auf uns zu.“

Zum Schluss geht Wiesehügel noch auf die kommenden Wahlen zum Europäischen Parlament ein. „Dies“, entschuldigt sich der Sozialdemokrat beim CDU-Bürgermeister, „ist bis jetzt leicht rechtslastig. Wir brauchen ein starkes Europäisches Parlament, dass verstärkt wieder Interessen der Arbeitnehmer vertritt.

Um Mängel in der Infrastrukur des Landes zu beheben und neue Investitionen zu tätigen, muss, so der Redner, das nötige Geld dafür dort geholt werden, „wo es rumliegt“. Aber die Regierung habe sich gegen die Besteuerung der Reichen entschieden. Wiesehügel nennt das in Kombination mit Schuldenbremsen fatal.

Und Klaus Wiesehügel gibt zu bedenken: Wäre man früher so verfahren, „hätten wir kein Rhein-Herne-Kanal“ sowie Wasserleitungen und Abwassersysteme: „All das ist über Kredite finanziert“.

Betriebsratsvorsitzender Norbert Maus: Aus für Steinkohlebergbau ist falsch. Gravierende Folgen für die Region befürchtet

Nach dem  früheren IG-Bau-Chef tritt Betriebsratsvorsitzender Norbert Maus ans Mikro. Wie schon in den Jahren zuvor zählt er die Leistungen des Ruhrkohlebergbaues auf. Und kritisiert das Aus für den Steinkohleabbau im Jahre 2018 als Fehler. Tausende Arbeitsplätze gehen dann verloren. Auch die Lehrausbildung geht den Bach runter. Maus weis, das bleibt nicht ohne gravierende Folgen für Region: „Nach dem Schließen einer Zeche braucht es ungefähr zehn Jahre, bis dort Neues entstehen kann.“ Maus weigert sich das, was in dem Bereich geschieht als Strukturwandel zu bezeichnen. Nichtsdestotrotz, so versicherte der Arbeitnehmervertreter werde man als Bergleute diesen Prozess ordentlich zuendebringen, das gebiete die Bergmanssehre. Ein weiteres Mal erinnert Norbert Maus an die Aktion von 1946 „Kohle für Kunst – Kunst für Kohle“, die Recklinghausen das heute nicht mehr wegzudenkende Festival „Ruhrfestspiele“ gebracht habe.

Dr. Frank Hoffmann: Beim Sparen an der Kultur ist nichts zu gewinnen

Sein Nachfolger am Rednerpult, der Leiter der Ruhrfestspiele, Dr. Frank Hoffmann, zeigt sich solidarisch den Kohlekumpels. Für das Aus des Steinkohlebergbaus macht er „ideologische Gründe“ verantwortlich. Hoffmann dankte der Stadt Recklinghausen, den Menschen in der Region, sowie dem Stadtrat und den Aufsichtsrat der Ruhrfestspiele und nicht zuletzt dem scheidende Bürgermeister Wolfang Pantförder, „mit dem wir eine wunderbare Zusammenarbeit hier erlebt haben“. Wehmut schwingt in den Worten Hoffmanns in Bezug auf den Bürgermeister mit: „Ich fand das war ’ne schöne Zeit. Ich werd‘ sie nicht vergessen.“

Das Motto der diesjährigen Ruhrfestspiele ist „Inselreiche“. Man geht nun auf Entdeckungsreise, so Hoffmann. „Zu den Inseln.“ Inseln heißt für den Intendanten immer wieder auch das Einzelne, auch das Kleine, das was oft vergessen wird, in den Blick zu nehmen. Nicht immer nur das Globale, das Vernetzte, da wo die Menschen sind. Wo ihr Glück aber auch ihre Einsamkeit, ihre Verzweifelung ist.“ Hoffmann nennt das einen unglaublich wichtigen Ansatz für diese Ruhrfestspiele 2014.

Nicht verstehen kann Hoffmann, dass man immer wieder denke beim Sparen an der Kultur könne man etwas gewinnen. „Prozentual wird wenig Geld für Kultur ausgegeben“ , sagt Frank Hoffmann. Recklinghausen lobt er, weil es sich gegen das Sparen an der Kultur stemme. Letzteres nennt Hoffmann einen Reichtum, eine Kraft, mit der wir in die Zukunft investieren.

„Glück auf!“ für die Ruhrfestspiele 2014

BildDer Leiter der Ruhrfestspiele, Dr. Frank Hoffmann (links) und Betriebsratsvorsitzender Norbert Maus (rechts) eröffnen das diesejährige Festival

Eine weitere gute Tradition neben dem Abhalten der 1.Mai-Kundgebung vor dem Festspielhaus ist es, dass Norbert Maus und Dr. Frank Hoffmann gemeinsam der Ruhrfestspiele eröffnen. Nun heißt es wieder einmal für die Kultur auf dem grünen Hügel der Stadt Recklinghausen: Glück auf! Und zwar für sechs Wochen.

BildAuch an großen Tieren fehlte es nicht in Recklinghausen …

Im Anschluss an die Eröffnung begann das Große Kulturvolksfest mit hundertausenden Besuchern.

BildSchwindelerregend: Fassadenläufer bereicherten das Große Kulturvolksfest; Fotos: Claus-Dieter Stille

Ruhrfestspiele 2014 (via Claus-Dieter Stille/Neue Online Presse)