4. Roma-Kultur-Festival vom 3. bis 9. Oktober in Dortmund

Nachdem das Roma-Kulturfestival „Djelem Djelem“ im Jahre erstmalig 2014 in Dortmund stattfand, beginnt in der kommenden Woche bereits „Djelem Djelem“ Nummer Vier. Es lädt abermals dazu ein, die Kultur der Roma kennenzulernen. Längst hat sich das „Djelem Djelem“ als feste Größe in der Festivallandschaft Dortmunds und über die Stadt hinaus etabliert. Vom 3. bis 9. Oktober finden Konzerte, Theater und Filme, Lesungen, ein Jugendkunstprojekt, eine Fachtagung sowie das große Familienfest an sieben verschiedenen Orten der Stadt Stadt – u.a. im Theater im Depot, im Domicil und im Dietrich-Keuning-Haus.

Die Balkan Brass Band war gut aufgelegt.

Die Schirmherrschaft des Festivals übernommen haben Dr. Joachim Stamp, stellvertretender Ministerpräsident des Landes NRW, und Romani Rose, Vorsitzender des Zentralrates Deutscher Sinti und Roma. Beteiligt sind über 30 beteiligte Partner, die mit dem Festival ein deutliches Zeichen setzen gegen jahrhundertealte Vorurteile, gegen Antiziganismus und neu belebte Feindbilder. Es wirbt für ein unverkrampftes Miteinander und den kulturellen Austausch. Der Titel „Djelem Djelem“ bezieht sich auf ein Lied und ist die internationale Hymne der Roma.

Eröffnung am Mittwoch

Offizielle Eröffnung am Mittwoch, 4. Oktober, 18 Uhr im Theater im Depot (auch hier) steht unter dem Motto „Wie tickst du eigentlich? – Rhythmus und Heimat“. Zu sehen ist eine multimediale Performance mit Roma- und anderen Dortmunder Jugendlichen. Anschließend liest der junge und bereits preisgekrönte Autor Samuel Mago (Jahrgang 1996) aus seinen Texten und lädt zum Gespräch. Der Eintritt ist frei. Eine weitere kostenlose Lesung gibt es einen Tag später in der Auslandsgesellschaft NRW: Gianni Jovanovic liest aus Katja Behrens Roman „Nachts, wenn Schatten aus dunklen Ecken kommen“ über ein Roma-Leben zwischen Tradition und Aufbruch (5.10., 20 Uhr).

Familienfest

Beim großen Familienfest am 8. Oktober, 14 bis 18 Uhr sind besonders herzlich Menschen eingeladen, die neu in Dortmund angekommen sind. Im Dietrich-Keuning-Haus kommen neue und alte Dortmunder in Kontakt und feiern gemeinsam. Viele Beratungsstellen und Institutionen sind mit ihren Angeboten präsent, außerdem gibt es Musik, kulinarische Spezialitäten und viele Spiele für Kinder. Bereits um 13.30 Uhr startet am selben Tag ein Demonstrationszug für Vielfalt, Toleranz und Solidarität sowie gegen Antiziganismus am Nordmarkt. Gemeinsam zieht der bunte Zug bis zum Familienfest im DKH.

Djelem Djelem Blockparty“

Die „Djelem Djelem Blockparty“ versammelt am 6. Oktober ab 18 Uhr die HipHop-Szene im Dietrich-Keuning-Haus: Angesagt haben sich Gipsy Mafia, SBK Basement, IndiRekt, DJ Marshall Artz, Punkt und Komma und viele andere. Der Eintritt ist frei.

Normalität des Anderssein

Am gleichen Abend gibt es im Depot einen Theaterabend über die Normalität des Andersseins:

Der Roma-Aktivist Gianni Jovanovic bringt sein verrücktes Leben auf die Bühne – als schwuler, verheirateter Rom, der in jungen Jahren bereits Großvater ist („Rotationseuropäer – Intersektional und trotzdem sexy“ am 6.10., 20 Uhr, Theater im Depot, Eintritt frei).

Angebote für Schulsozialarbeiter

Während des Festivals können sich Schulsozialarbeiter zum Thema Antiziganismus qualifizieren (5.10., Theater im Depot), es gibt einen Tanzwettbewerb für Mädchen („Djelem Djelem Dance Contest“ am 7.10., 13 Uhr im Dietrich-Keuning-Haus), eine Film-Doku über die politische und

Begeisterte zum Abschluss des 2. Roma-Kulturfestival in Dortmund: Esma Redzepova, die Köinigin der Roma-Musik; Foto: Claus Stille

soziale Lage der Roma in Europa („The Awakening“ am 8.10., 19 Uhr im Kino sweetSixteen, Eintritt frei) und ein Symposium zum Thema „Roma in Europa – der Kampf für ein würdiges Leben“ (9.10, ab 9.30Uhr im Dortmunder U).

Eröffnungskonzert

Bereits am Vortag der offiziellen Eröffnung bringt die „Mahala Rai Banda“ in einem Konzert die einzigartige Musikkultur aus den Vororten von Bukarest auf die Bühne des Jazzclubs domicil (3.10., 19 Uhr, Eintritt 28 Euro). Zu hören sind Melodien und Grooves zwischen HipHop, Pop, Jazz und Gypsyfolk.

Die Veranstalter

„Djelem Djelem“ wird veranstaltet von: AWO Unterbezirk Dortmund, Kulturdezernat der Stadt Dortmund, Jugendamt Dortmund, Carmen e.V., Junge Roma Aktiv, Theater im Depot in Kooperation mit Kulturbüro Stadt Dortmund, der Auslandsgesellschaft NRW e.V., Planerladen e.V., Quartiersmanagement Nordstadt, Dietrich-Keuning-Haus, Jazzclub Domicil sowie zahlreichen weiteren Partnern und Förderern.

Nach den erfolgreichen letzten Jahren veranstaltet der AWO-Unterbezirk Dortmund gemeinsam mit dem Kulturdezernat der Stadt und vielen weiteren Partnern das Roma-Kulturfestival „Djelem Djelem“. Das Festival findet inzwischen zum vierten Mal vom 3. bis 9. Oktober statt. Standorte sind unter anderem das Depot und das Dietrich-Keuning-Haus in der Nordstadt.

Das Kulturfestival soll dabei helfen, Vorurteile abzubauen und für mehr Toleranz zu werben

Viele Roma leben insbesondere in der Dortmunder Nordstadt unter sehr schlechten Bedingungen, die Häuser in einem Viertel mit hoher Arbeitslosigkeit haben Sanierungsbedarf. Dadurch entstehen auch Vorurteile, die mit dem Festival abgebaut werden sollen.

In den vergangenen Jahren hat das Festival eine sehr positive Resonanz erhalte. Dadurch hoffen die Veranstalter, dass „Djelem Djelem“ in Zukunft auch bundesweit an Bedeutung gewinnt.

Konzerte, Feste und auch eine Fachtagung sind Teil des Programms von „Djelem Djelem“

Der Dortmunder Stadtdirektor Jörg Stüdemann tritt für würdevolle Behandlung der Zuwanderer ein.

Bereits am Vortag der offiziellen Eröffnung findet im Domicil ein Konzert der Mahala Rai Banda statt. Eine wilde Mischung aus modernen und traditionellen Klängen lädt zum Tanzen ein.

Nach der offiziellen Eröffnung im Theater im Depot, bei dem es eine Theateraufführung und eine Lesung gibt, geht es mit einer Fülle an Programmpunkten weiter.

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Programmpunkte

  • Dienstag, 3. Oktober, 19 Uhr, domicil: Konzert Mahala Rai Banda
  • Mittwoch, 4. Oktober, 18 Uhr, Theater im Depot: Eröffnung „Djelem Djelem“ – Multimediale Theaterperformance und Lesung
  • Donnerstag, 5. Oktober, 9 bis 15:30 Uhr, Theater im Depot: Qualifizierung zum Thema „Antiziganismus“ für SchulsozialarbeiterInnen
  • Donnerstag, 5. Oktober, 19:30 Uhr, Dietrich-Keuning-Haus: Come Together im Roma Kids Club
  • Donnerstag, 5. Oktober, 20 Uhr, Auslandgesellschaft NRW: Lesung und Gespräch mit Gianni Jovanovic
  • Freitag, 6. Oktober, 18 Uhr, Dietrich-Keuning-Haus: Djelem Djelem Blockparty
  • Freitag, 6. Oktober, 20 Uhr, Theater im Depot: Theaterabend – Rotationseuropäer – Intersektional und trotzdem sexy
  • Samstag, 7. Oktober, 13 bis 18 Uhr, Dietrich-Keuning-Haus: Djelem Djelem Dance Contest – Tanzwettbewerb für Mädchen
  • Sonntag, 8. Oktober, 13:30 Uhr, vom Nordmarkt bis zum Dietrich-Keuning-Haus: Demonstrationszug für Vielfalt, Toleranz und Solidarität sowie gegen Antiziganismus
  • Sonntag, 8. Oktober, 14 bis 18 Uhr, Dietrich-Keuning-Haus: Familienfest
  • Sonntag, 8. Oktober, 19 Uhr, sweetSixteen Kino im Depot: The Awakening von Kenan Emini
  • Montag, 9. Oktober, 9:30 bis 18 Uhr, Dortmunder U: Symposium „Roma in Europa – der Kampf für ein würdiges Leben“

Einer der Höhepunkte von „Schubladen“ im Theater im Depot. Fotos: Claus-D. Stille

Frühere Berichte über die vorangegangenen Roma-Kultur-Festivals in Dortmund hier, hier, hier hier und hier.

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Dortmunder Roma-Kultur-Festival „Djelem Djelem“ ging mit Demonstration und Familienfest zu Ende

Demozug für Vielfalt statt Einfalt in der Dortmunder Nordstadt. Fotos: Stille

Demozug für Vielfalt statt Einfalt in der Dortmunder Nordstadt. Fotos: Stille

Am brütend heißen Sonntagabend des 28. August war das 3. Roma Kultur Festival „Djelem Djelem“ mit dem feurig-rasanten, das Publikum mitreißenden Auftritt der Ausnahmeband „Fanfare Ciocârlia“ famos gestartet. Nun, am 11. September, einem angenehmen Sonn(en)tag mit leicht bewölktem Himmel – dem letzten Festivaltag – führte die „Balkan Brass Band Deutschland“, eine Roma-Band aus dem Süden Serbiens, am frühen Nachmittag einen Demonstrationszug durch die Dortmunder Nordstadt an. Von der Stollenstraße aus ging es über Alsenstraße und Schleswiger Straße, dabei zweimal die Mallinckrodtstraße querend – zum Nordmarkt.

Bürgerinnen und Bürger der Stadt zeigten Gesicht, um „Für Vielfalt, Toleranz und Solidarität – gegen Antiziganismus!“ zu demonstrieren. Kurz und knapp – dafür eindeutig unmissverständlich – die Botschaft auf dem Transparent der Arbeiterwohlfahrt, welches dem Demonstrationszug vorangetragen wurde: „Vielfalt statt Einfalt! Gegen Rassismus!“

Dortmund bleibt weltoffen und tolerant

Dortmund geht den Menschen entgegen, die zu uns kommen! Wir heißen sie willkommen! Denn wir alle sind Dortmund. Wir alle stehen zusammen. Unsere
Stadt bleibt weltoffen und tolerant. Wir zeigen Gesicht gegen Fremdenfeindlichkeit, Diskriminierung, Rassismus und Antiziganismus! Wir wollen mit dem Demonstrationszug durch die Nordstadt ein klares Zeichen setzen: Für einen toleranten Umgang miteinander. Gegen Abgrenzung von vermeintlich Fremdem. Gegen Vorurteile und Ausgrenzung. Für ein entschiedenes Aufstehen gegen kollektive Feindbilder. Für die gesellschaftliche Anerkennung aller Menschen. Gegen Rassismus, Hass und Gewalt“

So lautete die zu überbringende Botschaft in der Langfassung. Der Aufruf zur Demonstration war ein gemeinsamer. Und zwar vom AWO Unterbezirk Dortmund, Pro-Dortmund e.V. und dem SPD Unterbezirk Dortmund. Im Demozug vertreten waren u.a. Gerda Kieninger (MdL SPD u. Vorsitzende der AWO Dortmund, Stadtdirektor Jörg Stüdemann, Sami Dzemailovski (JuRoma u. Carmen e.V.) und Volkan Baran (Mitglied im Rat der Stadt).

Der Demonstrationszug erregte Aufmerksamkeit

Die gut aufgelegten Bläser der Band machten mit ihrem Blech ordentlich Rabatz. In den Häusern rechts und links der Straßen, welche die Demonstranten passierten, flogen die Fenster auf. Und heraus schauten Menschen – manche noch verschlafen im Pyjama, um zu schauen, was sich

Für die Anwohner ein Ereignis.

Für die Anwohner ein Ereignis.

da unter ihnen tat. Bewohner der Nordstadt, Zugewanderte aus aller Herren Länder mit unterschiedlichen Hautfarben. Die meisten von ihnen schauten zunächst erstaunt, waren aber dann sichtbar begeistert. Von der Straße wurde aus dem Demonstrationszug zu ihnen herauf gewinkt. Viele der Menschen an ihren Fenstern drückten mit erhobenen Daumen ihre Zustimmung für das einmalige Spektakel aus. Smartphones wurden gezückt und damit gefilmt oder fotografiert. Kinder am Straßenrand begannen ausgelassen zu tanzen. Frauen und Männern, die eben noch ein wenig ernst geschaut hatten, huschte ein Lächeln übers Gesicht. Es drückte wohl auch Anerkennung für das aus, was ihnen da vor Augen kam. Möglicherweise mochten die Menschen diesen Aufzug auch ein wenig als freundliches Entgegenkommen getreu dem im Aufruf proklamiertem „Denn wir alle sind

Die Balkan Brass Band war gut aufgelegt.

Die Balkan Brass Band war gut aufgelegt.

Dortmund“ ihnen gegenüber empfunden haben.

Familienfest auf dem Nordmarkt

Herzlich und jubelnd wurde der Demonstrationszug schließlich auf dem für das Familienfest vorbereiteten Nordmarkt empfanden. Vor der Bühne waren Zelte aufgebaut. Es war alles dafür getan, dass sich Neuzugewanderte und Alteingesessene in einer netten Atmosphäre begegnen konnten. Es bestand die Möglichkeit vor Ort Beratungs- und Integrationsangebote kennenzulernen. Ein buntes Fest nahm seinen Lauf. Kinder konnten sich schminken lassen. Und auf dem Nordmarkt roch es verführerisch nach den angebotenen leckeren internationalen Speisen. Auch an musikalisch abwechslungsreicher Unterhaltung fehlte es nicht. Informative Gesprächsrunden mit wichtigen Akteuren aus Politik, Vereinen und Organisationen waren geplant. Moderationen auf Deutsch, Romanes, Rumänisch und Bulgarisch sollten für die rechte Verständigung sorgen.

Wie das 3. Roma Kultur Festival im Nachhinein gesehen wird

Über sein persönliches Fazit betreffs des 3. Roma Kultur Festivals „Djelem Djelem“ befragt, gab Stadtdirektor Jörg Stüdemann an, einfach begeistert von diesjährigen Programm gewesen zu sein. Die meisten Veranstaltungen seien gut besucht gewesen. Regional und sogar überregional habe das Festival ordentlich Interesse geweckt.

Sami Dzemailovski ergänzte, dessen Qualität habe sich ebenfalls gesteigert. Auch die Organisation sei besser gewesen. Positiv bewertete Dzemailovski zudem, dass mit den Werken von Ruždija Russo Sejdović, der auch auf Romanes schreibt, erstmals Roma-Literatur bei „Djelem Djelem“ habe präsentiert werden können.

Mirza Demirovic, Fachfreferent für Kinder- und Jugendförderung, berichtete von der dieses Jahr überaus gut frequentierten Blockparty mit HipHop- und Rapgruppen im Dietrich-Keuning-Haus. Des guten Wetters wegen sei der Spaß auch unter Teilnahme von Skatern sogar vor dem Haus bis in den späten Abend gehen können.

Ricarda Erdmann (AWO) freute sich sagen zu können, dass „Djelem Djelem“ inzwischen zu einer Normalität geworden sei. Betreffs der in der Stadt lebenden Roma habe das Festival dazu beigetragen, dass, wenn es um sie gehe, nicht mehr nur über „Müllhäuser“ gesprochen werde. Man sei mit ihnen ganz gut ins Gespräch gekommen. Auch komme bei den Roma eine Selbstorganisation in Gang.

Berthold Meyer (Theater im Depot) blickte, um ein Fazit gebeten, ins Entstehungsjahr 2014 von „Djelem Djelem“ zurück. Es sei für ihn eine Zufallsbegegnung gewesen. Das damit verbundene Thema habe sozusagen auf der Straße gelegen. Meyer war voll des Lobes darüber, dass viele Menschen und Organisationen wie die AWO in der Stadt für das Roma Kultur Festival an einen Strang zögen. Nicht klein zu reden sei, das große Engagement der Stadt Dortmund. Nicht zuletzt sei das stellvertretend an der Person von Kulturdezernent Jörg Stüdemann und dessen unermüdlichem Einsatz für „Djelem Djelem“ festzumachen. Das Festival wachse von Jahr zu Jahr. Erstmals sei mit einer Filmaufführung und einer Freelance-Fotoausstellung neue Kunstformen eingeführt worden. Beides unerwartet erfolgreich. Dass sich im nächsten Jahr auch Nachbarstädte am Festival beteiligen wollen, findet Meyer gut. Dass es in Zukunft in der Stadt ein Haus der Roma-Kultur geben soll, so der Theaterleiter, werde positive Effekte haben.

Das 3. Roma Kultur Festival ist nun Geschichte. Das 4. „Djelem Djelem“ steht für 2017 sicher in Aussicht. Dortmund darf stolz darauf sein. Das diesjährige Festival war einmal mehr reich an facettenreichen und hochinteressanten Programmpunkten.

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Dortmunder Kulturfestival DJELEM DJELEM: Junge Roma über ihr Leben in Deutschland

Von links nach rechts: Moderatorin Perjan Wirges, Behara Jasharaj und Jasar Dzemailovski; Fotos (3): C.-D. Stille

Von links nach rechts: Moderatorin Perjan Wirges, Behara Jasharaj und Jasar Dzemailovski; Fotos (3): C.-D. Stille

Schon beim ersten Roma Kulturfestival in Dortmund vor einem Jahr kamen Menschen aus der Roma-Community selbst zu Wort. So auch diesmal. Zur Veranstaltung „Roma im Gespräch“ hatten die Veranstalter zum diesjährigen 2. Roma Kulturfestival junge erwachsene Roma in die Auslandsgesellschaft NRW unweit des Dortmunder Hauptbahnhofes eingeladen. Die Diskussion am vergangenen Donnerstag unter dem Titel „Roma in Deutschland – junge Roma berichten“ war einmal mehr hervorragend dazu angetan Vorurteile gegenüber Roma zu hinterfragen. Wenngleich – muss angemerkt werden – die eingeladenen Gäste gewiss nicht repräsentativ für die Gesamtheit der Roma-Community sein konnten. Die jungen Roma aus Nordrhein-Westfalen berichteten über ihre Lebenswege, ihre Erfahrungen und ihre Erfolge. Das Publikum – ca. 100 Zuschauer – waren mit großem Interesse erschienen. Es traf auf gebildete und fest im Leben stehende junge Menschen, die Selbstbewusstsein, Lebensfreude und dazu jede Menge Zuversicht ausstrahlten.

Schauspieler und Sänger Mustafa Zekirov bot zu Beginn des Abends das Lied „Djelem Djelem“ („Ich ging“) dar. Es gilt als inoffizielle internationale Hymne der Roma. Und dient den Roma all überall als Erkennungszeichen.

Perjan Wirges: Wir müssen lernen, die diskriminierenden Bilder über Roma aus dem Kopf zu bekommen

Moderatorin Perjan Wirges wies eingangs der Diskussion daraufhin, was wir wohl alle – zuweilen, wie sie zugibt, sie selbst als in Mazedonien gebürtige Romni – ad hoc für Bilder in den Köpfe bekommen, wenn wir das Wort Roma nur hören: Dreckige Slums, Diebe, Bettler – die üblichen (antrainierten) Stanzen. Diese „diskriminierenden Bilder, die wir fast jeden Tagen sehen“ – sie müssten wir lernen, aus den Kopf zu bekommen. Die Roma, gerade auch die junge Roma, müssten gegen die von den Medien ständig in Wiederholung produzierten und den Zuschauern gezeigten Bilder und Klischees ankämpfen. Vielleicht so die Moderatorin von Funkhaus Europa, könne ja diese Podiumsdiskussion dazu beitragen, dass man in Zukunft an diese hervorragenden jungen Mitmenschen denke, wenn man wieder einmal auf diese  perpetuierend vorgetragenen Klischees – die Negativbilder –  von den Roma treffe.

Angemerkt: In dem Moment musste ich an einen Bekannten denken, dem ich erzählt hatte, dass ich zu Veranstaltungen des Roma Kulturfestivals ginge. „Was ist denn daran interessant?“ fragte er einigermaßen abschätzigen Tones. „Was hast du davon? Die Roma, die machen Musik, nicht?“ Dass er nicht noch sagte, die haben doch gar keine Kultur war, hätte gerade noch gefehlt.

Vier interessante Gäste an diesem Abend in Dortmund

Von links nach rechts: Anel Memedovski, Gianni Jovanovic und Perjan Wirges.

Von links nach rechts: Anel Memedovski, Gianni Jovanovic und Perjan Wirges.

Gianni Jovanovic, 1978 in der BRD geboren, ist Inhaber eines zahnmedizinischen Unternehmens in Köln. Er engagiert sich bei „Amaro Kher“, einem Projekt des Rom. e.V. in der Domstadt, gegen Homophobie und Rassismus. Die Eltern, erzählte Gianni, waren aus Jugoslawien (Gianni: „heute würde man sagen, als Wirtschaftsflüchtlinge“) in die Bundesrepublik gekommen und herzlich willkommen geheißen worden. Hetze und Diskriminierung gegen Roma erlebten sie und Gianni erst später. Die Eltern schärfte ihm ein: „Sag ja nicht, dass du ein Roma bist, sag du bist Serbe.“ Das Z-Wort, weil es „faschistisch und menschenverachtend ist“ hatte der Gast eigentlich nicht aussprechen wollen. Tat es dann später aber aus gegebenen Anlass doch. Weil eine Frau aus dem Publikum sagte, diskriminieren könne man jemanden aus dieser Minderheit sowohl mit dem Wort Zigeuner oder als auch mit Wort Roma. Jovanovic widersprach dieser Sicht vehement.

Eine Zeitlang bekannte der Kölner, lebte man in „einer Art Zwischenwelt – vielleicht, „man ist nicht Fleisch, man ist nicht Fisch – Tofu vielleicht“. Bis zu seinem Outing musste er einen Prozess durchlaufen.

Die einzige junge Frau in der Runde war Behara Jasharaj. Sie wurde in Deutschland geboren. Da aber die Eltern kein Bleiberecht hatten, zogen sie nach Schweden. Die junge Romni, die 2010 wieder nach Deutschland kam, belegt derzeit einen Wirtschaftsstudiengang an der Universität in Dortmund. Ein Kulturschock für Behara. War sie doch gewohnt, dass sich in Skandinavien grundsätzlich alle Menschen duzen. Man sage dort: „Wir sind alle Menschen. Wir sollen alle respektieren.“ Ein Fiasko erlebte die junge Behara als sie sich in Münster an der Uni bewarb. Sie wusste nicht ob sie an einer offenen Bürotür klopfen sollte. Schließlich ging Behara  hinein und aus skandinavischer Gewohnheit heraus duzte sie  den Mitarbeiter zum Überfluss auch noch. Der schrie sie an und warf sie hinaus. Ihre Kindheit in Schweden beschrieb die junge Frau als „positiv und angenehm“. Als Romni habe sie dort in dieser offenen Gesellschaft niemals Probleme gehabt. Die skandinavische Presse habe die Roma im Gegensatz zur hiesigen stets gut dargestellt. „Ich bin nicht ein Z, ich bin eine Romni. Das sollte die Gesellschaft verstehen.“ Die Medien, die Gesellschaft, rief sie auf, solle „andere Bilder von uns zu zeigen“. Auch das schwedische Schulsystem lobte sie. Da hatten ausländische Kinder zunächst Schwedisch als zweite Sprache. Und die Lehrerinnen und Lehrer verwandten mehr Zeit auf sie. Da gibt es nicht ein so frühe Auswahl der Schüler wie hierzulande in diesem antiquierten Schulsystem bereits ab der 4. Klasse. Sie .erlebe das nun bei einem Kind aus der Verwandtschaft. Die Kleine könne bereits vier Sprachen. Womöglich riete man den Eltern vom Gymnasium ab. In jungen Jahren würden also schon die Weichen für das spätere Leben und die Karriere gestellt. Das könne nicht richtig sein, befand Behara, dass man schon in jungen Jahren so fürs spätere Leben kämpfen müsse.

Jasar Dezmailovski lebt in Düsseldorf, studiert Politikwissenschaft an der Uni Duisburg-Essen und leistet gesellschaftliche Arbeit beim Verein Terno Drom. Geoutet habe er sich entgegen dem Rat der Eltern schon früh. Andere Roma in der Schule, erzählte er („Ich war es so einen Art Klassenclown damals), habe er ganz einfach selber als Roma geoutet. Einer sitze im Publikum. „Man soll sich nicht für das schämen, was man ist.“

Gleichfalls in Düsseldorf ist Anel Memedovski zuhause und arbeitet mit Jugendlichen bei Terno Drom. Er studiert Wirtschaft und arbeitet bei der Telekom. Er konstatierte, dass die Roma-Jugendlichen heute eine größeres Selbstbewusstsein hätten als früher. Die Frage der Moderatorin, ob den bei Bewerbungen für eine Arbeitsstelle jugendliche Roma bei gleicher Qualifikation wie Mitbewerber schlechtere Chancen haben, beantwortet Anel so: Wenn man sage ich bin ein Rom, eine Romni, und die gleiche Qualifikation wie die habe, würden die anderen Personen bevorzugt. Die Moderatorin: „Was denken dann Arbeitgeber? Oh Gott, ich werde beklaut! Da sind ja am nächsten Tag meine Tische und Stühle weg?“ – „Genau“, gab  Memedovksi zurück. Das liege an den Vorurteilen. Er selbst habe am Anfang bei der Telekom auch nicht gesagt, dass er Roma ist“. Verständlich: Als Buchhalter geht er mit Millionenbeträgen um. Würde ein Roma nicht täglich einen Cent auf sein eigenes Konto überweisen? „Ich dachte, ich muss mich erst mal beweisen.“ Heute sind Chefs und Kollegen aber im Bilde.

Gianni Jovanovic: Wichtig, schon früh über die eigene Identität Bescheid wissen, um einen Selbstwert entwickeln

Gast Gianni Jovanovic – neben der Moderatorin sozusagen ein Motor der Diskussion – hielt es für wichtig, dass jeder Rom, jede Romni, schon frühzeitig über die eigne Identität Bescheid wisse. Auch die Kinder schon. „Nicht um dieses Roma-Ding hochzuhalten. Nein, man sollte wissen, wo man her kommt. Und die Geschichte seines Volkes kennen.“ Man sollte einen Selbstwert entwickeln, so Jovanovic weiter. Um sich in der Gesellschaft zu behaupten. „Jeder, wir alle müssen uns in der Gesellschaft ständig behaupten.“ Im Jahr 2012 habe sich Deutschland immerhin zu den Roma und Sinti bekannt. Das Mahnmal in Berlin sei eingeweiht worden: „Ein Tag später, das ist kein Quatsch was hier erzähle“, sagte Gianni, „sind zweihundert Roma nach Kosovo abgeschoben worden!“

Besucher des Abends könnten als Kommunikatoren in die Gesellschaft hineinwirken

Unter Einbeziehung des Publikums entspann sich noch eine hochinteressante Diskussion. Ein Abend, welcher nicht nur hervorragend dazu angetan war, Vorurteile gegenüber Roma zu hinterfragen, sondern vielleicht gar auch welche abbauen zu helfen. Zumindest dann, wenn die um die hundert Besucher als Kommunikatoren in die Gesellschaft hineinwirkten.

Die jungen erwachsenen Roma jedenfalls vermittelten glaubhaft und engagiert, dass sie sich als Teil der Gesellschaft verstehen und sie auf ihre Weise mit Leben zu erfüllen gedenken.

Dieser Abend war gewiss gewinnbringend für die Gäste auf dem Podium wie auch die Besucher davor.

Ausklang mit balkanischen Spezialitäten und angeregten Gesprächen

Umrahmte die Veranstaltung virtuos: Mustafa Zekirov.

Umrahmte die Veranstaltung virtuos: Mustafa Zekirov.

Der mazedonische Theaterschauspieler, Sänger und begnadete  Gitarrenvirtuose Mustafa Zekirov, der schon mit einer  Darbietung auf den Abend eingestimmt hatte, übernahm es auch, diesen ebenso gefühlvoll zu beschließen. Im Anschluss wurde die Diskussion im Vorraum des Vortragssaales zu Mehreren oder im Zwiegespräch untereinander fortgeführt. Ein kleines Buffet, bestehend aus balkanischen Spezialitäten, dazu Weine aus dieser Region Europas, sorgte für ein Stärkung nach reichlich geistiger Kost.

Die Veranstaltung fand im Rahmen des Roma Kulturfestivals DJELEM DJELEM statt. Eingeladen hatten die Auslandsgesellschaft NRW e.V., Terno Drom e.V., der Planerladen e.V. und der AWO-Unterbezirk Dortmund.