13. Nacht der Religionen und Kulturen in der Dortmunder Pauluskirche einmal mehr grandios

Pastor Friedrich Laker begrüßt die Gäste. Fotos: Claus Stille

Einmal mehr gestaltete sich die nun bereits 13. Nacht der Religionen und Kulturen (findet jedes Jahr an Pfingsten statt) in der Pauluskirche in der Dortmunder Nordstadt für die BesucherInnen zu einem unvergesslichen Erlebnis. Pfarrer Friedrich Laker begann seine Begrüßung mit einem interessanten Versprecher, der für Heiterkeit sorgte: „Pfingsten ist ja das Geist des Festes“, merkte den Lapsus und korrigierte sodann: „das Fest des Geistes“. Laker: „Geist des Festes, passt eigentlich auch.“

Pfarrer Friedrich Laker: Der Geist verbindet die Menschen aus verschiedenen Kulturen“

„Die alte Geschichte in der Apostelgeschichte, erzähle, so Laker zum Sinn des Pfingstfestes, „das den entmutigten Jüngern, die sich versammelt hatten voller Angst und Mutlosigkeit, dass sie plötzlich und überraschend etwas erlebten womit sie wirklich nicht rechnen konnten, nämlich, dass der Geist über sie fuhr.“ Es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder. Sie wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt und begannen, in fremden Sprachen zu reden, verstanden aber einander. „Der Geist verbindet die Menschen aus verschiedenen Kulturen. Er braucht eigentlich gar nicht eine bestimmte menschliche Sprache. Oder man könnte sagen, er spricht die verschiedensten Sprachen, aller Lebensarten, aller Lebensformen auf diesem Planeten. Der Geist Gottes verbindet alles im großen Kosmos. Leider wird er von Religionen oft eingezwängt und eingeengt, durch Dogmen, Ideologien – auch von den Kirchen. Eingequetscht in ein bestimmtes Interesse hinein – oft ein Machtinteresse, das dahinter steht.“ Dem versuche seine Kirche entgegenzuwirken, indem man sich von jeglichem Dogma befreie und sich öffne. Es interessiere vielmehr, was die Menschen selber spürten und erführen, wovon sie überzeugt seien auf ihrem Weg. Laker wies auf das große Kunstwerk von Leo Lebendig hinter ihm, der Säule der sechs Weltreligionen, „Flying Column“ (Die Himmelssäule der Weltreligionen) und kündigte zugleich für später ein neues, noch unter einem Tuch verstecktes, Kunstwerk Lebendigs an.

Bahai-Jugendtanzgruppe für „Einheit in Vielfalt“ und Liebe – Gegen Rassismus, Ausgrenzung und Gewalt

Die Jugendtanzgruppe der Bahai.

Eröffnet wurde das Programm von der einmal mehr beeindruckenden Jugendtanzgruppe „Steps To World Peace“ der Bahai. Deren Tänze erzählten höchst professionell und sehr ausdrucksstark ausgeführt Geschichten über Rassismus, Armut, Gewalt, Ausgrenzung sowie Liebe. Es ging darum, wie eine der Tänzerinnen erklärte, „Probleme unsrer heutigen Gesellschaft darzustellen und Lösungsansätze anzubieten.“ Die Bahai-Religion (Ursprung 1844 im Iran), übrigens die jüngste der Weltreligionen, erfahren wir, lege großen Wert auf die Kindererziehung und deshalb zugrunde, dass jedes Kind über Fähigkeiten und Talente verfüge, die mithilfe der Erziehung entfaltet werden könnten. Der Religion gehe es um „Einheit in Vielfalt“ In der Bahai-Religion heißt es dazu:

„Betrachte den Menschen als ein Bergwerk, reich an Edelsteinen von unschätzbaren Werte. Nur die Erziehung kann bewirken, dass es seine Schätze enthüllt und die Menschheit daraus Nutzen zu ziehen vermag.“

Pfarrer Laker stellt den jungen Bahai Fragen zu ihrer Religion.

Jede Religion käme vom selben Gott, informierte eine der Tänzerinnen über die auf den vorangegangenen Religionen aufbauende, die die Menschheit chronologisch aufeinander folgend moralisch erzögen, Religion der Bahai. Bahá’u’lláh, dem Religionsgründer, sagte eine der Tänzerinnen, hätte die Aufgabe verkündet, „die Menschen zu vereinigen“. Pastor Laker:

„Hochinteressant. Zumal wir ja in einer Zeit leben, wo wir immer mehr merken, dass wir diese Einheit weltweit brauchen, die den Frieden bringt.“

Das Zimmaorkestra mit Klezmer-Lidele-Jazz-Klängen mit berührendem Moment

Das Zimmaorkestra.

Der erste musikalische Höhepunkt des Abends in der Pauluskirche wurde vom „Zimmaorkestra“ mit feinen Klezmer-Lidele-Jazz-Klängen bestritten. Besonders berührte die Anwesenden bestimmt der Titel „Der Streifenwagen“. Worin es um die leider bei uns obligatorischen Streifenwägen geht, die zur Sicherheit vor jüdischen Einrichtungen stehen.

Begeisternd und das Publikum von den Kirchenbänken reißend: Die Living Worshippers

Nach „fliegendem“ Umbau kamen die „Living Worshippers“, eine chistlich-afrikanische Gospel-Band mit kamerunischen Wurzeln, ins Spiel, die das Publikum nicht nur zum Mitsingen des Refrains des ersten Titels animierte, sondern auch sonst von den Kirchenbänken zu reißen verstand. Die sympathische Band, November 2014 von Studenten aus Kamerun gegründet, will das Reich Gottes durch Lobpreis und Anbetung kommen lassen. (Video: C.-D.Stille)

Enthüllung des QuALL von und mit dem Künstler Leo Lebendig aus Asseln und Rosen für die Weltreligionen

Enthüllung des QuALL.

Die mit Spannung erwartete Aktion mit dem nicht nur in der Pauluskirche bekannten Künstler Leo Lebendig aus Asseln erregte Aufmerksamkeit und Staunen: Das unter der „Flying Column“ (Himmelssäule der Weltreligionen) – der diesmal das Wort FRIEDE hinzugefügt war – verdeckt gewesene Etwas wurde bald vom schwarzen Tuch befreit. Und da lag nun der mit Sauerstoff gefüllter Gummiball mit der weißen Aufschrift QuALL!

Leo Lebendig dazu: „Das ist natürlich ein Witz, weil das QuALL so klitzeklein ist, dass man es nicht sehen kann. Und das sei schwarz und ohne Licht nicht zu sehen.“  Deshalb habe man es für das Publikum eigens vergrößert und mit dem „Stoff des Lebens, dem Sauerstoff gefüllt“.  (Quall, ein philsophischer Ausdruck für Geist) Im Zusammenhang mit dem QuALL habe ihm das Motto der Asselner Lutherkirche vom Pfingstsonntag gefallen: „Es soll nicht durch Hehr oder Kraft, sondern durch meinen Geist bestehen, spricht der HERR Zebaoth“ (Sach 4,6; LUT).

Leo Lebendig habe mit dem QuALL versucht, „das Klitzekleine, das in uns jeden steckt und in jedem Lebewesen, dieses klitzekleine QuALL, sichtbar zu

Die Religionssymbole bekommen Rosen angeheftet.

machen, um in uns die Gewissheit zu verschaffen, dass wir die Bedingungen für das, was wir gerne alle erleben wollen. Was ich hier in einem Wort diese Jahr in die Friedenssäule gehängt habe – nämlich Frieden. Frieden und Liebe realisieren können.“ Nach der Aufdeckung es QuALL heftete Leo Lebendig an jedes in der Friedenssäule symbolisierte Zeichen der Weltreligionen eine Rose aus seinem Asselner Garten. Ein erhebender Augenblick.

Speisen und Getränke bei herrlichem Wetter im Kirchgarten

In der großen Pause – wie schon zuvor vor dem Einlass zur Veranstaltung konnten die Gäste draußen im Kirchgarten Getränke und leckere türkische Speisen (zubereitet von der Alevitischen Gemeinde e.V. Dortmund) erstehen und bei wundervoll angenehmem Wetter genießen.

Die Begeisterung für das ausgezeichnete Transorient Orchestra ging beinahe ins Frenetische über

Ein ganz besonderen Pfiff (den eine der Instrumentalistinnen in der Tat berückend beherrschte) musikalisch-brillanter Art zauberte das perfekt aufeinander abgestimmte, bestens aufgelegte „Transorient Orchestra“ (Träger des WDR-Jazzpreises 2017 in der Kategorie Musikkulturen) über und in

Das Transorient Orchestra vereint ausgezeichnete, virtous aufspielende Instrumentalisten.

die Köpfe des Publikums im zweiten Programmteil ins Schiff der Pauluskirche. Eine Ausschüttung des, mit Fug und Recht, musikalisch-hoch qualifiziert zu nennenden Geistes der besonderen Art an diesem Pfingstsonntag in der 13. Nacht der Religionen und Kulturen. Zu erleben waren MusikerInnen, welche ihre Instrumente (Gitarrre, Violine, Oud, Sopransaxophon, Flügelhorn, Bass, Darbuka, Schlagzeug) hochgradig perfekt beherrschen. Beifallsstürme auch zwischen den Stücken bei den Soli, nach den Titeln und am Schluss ins beinahe Frenetische übergehend. (Video: C.-D. Stille)

Grandioser Abschluss der 13. Nacht der Religionen und Kulturen mit Imran und Hanif Khan der Saxophonistin Catrin Groth. Abendsegen mit dem Pastorenehepaar Sandran und Friedrich Laker

Den musikalischen Abschluss des grandios zu nennenden, über fünfstündigen und dennoch kurzweiligen, Abends kann der Chronist hier nicht beschreiben, da er die Veranstaltung bereits hatte verlassen müssen (hierzu ein Video via Friedrich Laker/Facebook). Aber gewiss waren Imran Khan, einer der versiertesten jüngeren Sitarspieler der indischen Musik, Hanif Khan, der aus einer

großen indischen Musiker-Dynastie stammend sowie die Saxophonistin Catrin Groth zusammen ein nicht minder enthusiasmierender Act. Hernach war der Abendsegen mit dem Pastorenehepaar Sandra und Friedrich Laker geplant. Muslimische Musiker oder Gesprächspartner waren diesmal nicht mit von der Partie, weil derzeit Ramadan ist.

Noch mehr Fotos von der Veranstaltung

 

Werbeanzeigen

Internationaler Antikriegstag in Dortmund: Wie bereits 2007 ist Dr. Eugen Drewermann in diesem Jahr wieder Hauptredner auf der Gedenkveranstaltung in der Mahn- und Gedenkstätte Steinwache

Eugen Drewermann während seines engagierten und frei gehaltenen Vortrags in der Pauluskirche am Antikriegstag 2016 Dortmund. Foto: Stille

Der DGB Dortmund-Hellweg hält weiter an der Idee eines Friedensfestivals anlässlich des Internationalen Antikriegstages fest. Es findet diesmal am Dortmunder Reinoldikirchplatz (Ostenhellweg) vom 28. bis 31. August 2017 (jeweils von 16 bis 19 Uhr) statt. Am 1. September um 16 Uhr findet dann die gemeinsame Gedenkveranstaltung zum Internationalen Antikriegstag im Innenhof der Mahn- und Gedenkstätte Steinwache statt.

Das Motto des diesjährigen Friedensfestivals lautet „Demokratie stärken“

„Das Festival ist heute ein Forum nicht nur für Gewerkschaften, sondern für alle Akteure, die gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Demokratiefeindlichkeit eintreten und Dortmund als Stadt des Widerstands positionieren wollen“, so die Vorsitzende des DGB für die Region Dortmund-Hellweg, Jutta Reiter gegenüber der Presse. Neben den DGB-Gewerkschaften und städtischen Stellen sind u.a. auch die Naturfreunde, die Falken, die BotschafterInnen der Erinnerung, die VVN und das Bündnis gegen Rechts dabei.

Das Wort ergreifen werden u.a. der Landesbezirksvorsitzende des DGB, Andreas Meyer Lauber, Dortmunds OB Ullrich Sierau und Schuldezernentin Daniela Schneckenburger. Das Motto des Friedensfestivals im Vorfeld der Bundestagswahl: „Demokratie stärken“.

Unterschiedliche Schwerpunktthemen wurden in den vergangenen Jahren neben Vielfalt, Demokratie und Toleranz gesetzt: Historischer Rechtsextremismus, Flüchtlinge, Erinnerungskultur, Minderheiten (u.a. Homophobie) wurden angesprochen. Die Respekt-Kampagne und die Aktion „Gelbe Hand“ der Gewerkschaften waren präsent. Gemeinsam mit der VVN wurde Rechte Gewalt thematisiert. Organisiert hat das Festival erneut DGB-Sekretär Ralf Beltermann.

In diesem Jahr mit dabei sind neben Liedermacher Fred Ape auch Benjamin Eisenberg, Enno König, Jens Neutag, Helmut Sanftenschneider, Sevgi & Merhaba, Özgur Cebe, Robert Griess, Kowibo, Microphone Mafia und Hauptmann Manz.

Wie schon 2007 ist in diesem Jahr Dr. Eugen Drewermann wieder Hauptredner auf der Veranstaltung in der Dortmunder Gedenkstätte Steinwache

Dortmund hat nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs über Jahrzehnte den Internationalen Antikriegstag begangen. Doch irgendwann war die Tradition eingeschlafen. Anlässlich der „Nationalen Antikriegstage“ der Neonazis („Nie wieder Krieg nach unserem Sieg“) waren AntifaschistInnen entschlossen, sich gegen den Missbrauch des Tages zu wenden. Demzufolge fand 2007 die erste Gedenkveranstaltung (dazu der DGB hier) in der Steinwache statt – damals mit Dr. Eugen Drewermann als Hauptredner. Seitdem führt der DGB-Dortmund, in Kooperation mit unterschiedlichen Partnern, die Gedenkveranstaltung zum Antikriegstag im Innenhof der Mahn- und Gedenkstätte Steinwache durch. Bei der ersten Veranstaltung, war Dr. Eugen Drewermann mit einer beeindruckenden Rede der Hauptakteur des Antikriegstages. 2017 ist er abermals Hauptredner und wird in seinen Ausführungen Bilanz ziehen, was in Sachen Krieg und Frieden in den vergangenen zehn Jahren geschehen ist, wie sich die Welt entwickelt hat.

Grafik via DGB Dortmund-Hellweg.

Dass Drewermanns Bilanz positiv ausfällt, darf wohl nicht erwartet werden. Man braucht sich zu diesem Behufe doch nur einmal in der Welt umzuschauen: friedlicher ist sie gewiss nicht geworden. Nicht zuletzt mit Blick auf die zahlreichen Konflikte und Kriege weltweit, die auch dazu geführt haben, dass in der Stadt Dortmund rund 9000 Geflüchtete aufgenommen werden musste.

Ein Jahr zuvor hatte Eugen Drewermann – auch am Antikriegstag – eine bemerkenswerte Ansprache (dazu hier mehr) in der vollbesetzten Dortmunder Pauluskirche gehalten.

Die Veranstaltung [Flyer siehe hier]  in der Mahn- und Gedenkstätte Steinwache findet am kommenden Freitag von 16 bis 17.15 Uhr statt.

Eugen Drewermann am Antikriegstag in Dortmund: „Mit wirklichen Individuen ist kein Krieg zu machen“

Eugen Drewermann während seines engagierten und frei gehaltenen Vortrags in Dortmund. Foto: Stille

Eugen Drewermann während seines engagierten und frei gehaltenen Vortrags in Dortmund. Foto: Stille

Eugen Drewermann hielt am vergangenen Donnerstag in der Dortmunder Pauluskirche anlässlich des Antikriegstags 2016 einen Vortrag. Ein gern gesehener Gast dort.

Der bekannte Kirchenkritiker, Theologe, Therapeut, Psychologe und Autor zahlreicher Bücher und Schriften ist seit Jahrzehnten auch ein anerkannter und gern gehörter Redner auf Friedensdemonstrationen. Geschätzt wird er für seine brillante Klarheit und Tiefsinnigkeit in den frei gesprochenen Vorträgen.
Sein Thema diesmal: „Friede ist eine Form der Freiheit – Oder von den Gründen des Krieges und ihrer Überwindung!“

Unser schlimmster Gegner: der Krieg

Keinen tieferen Gegner hätten wir, begann Eugen Drewermann, als das, was man als Krieg bezeichnet. „Solang er wütet ist die Botschaft von der Erlösung der Welt mit jeder Zeitung, die täglich erscheint widerlegt.“

Der Einzelne könne wohl nach Max Weber den Weisungen der Bergpredigt zu handeln. Wer jedoch Verantwortung trage, so zitiert Drewermann Weber weiter, „kann unmöglich den Weisungen Jesu im 5. bis 7. Kapitel des Matthäus-Evangeliums folgen“. Wer nicht verstehe, wie Max Weber einst sagte, „dass oft aus guten Taten böse Folgen sich zeitigen und oft aus bösem Tun gute Wirkungen, ist politisch ein Kind.“

Gott lässt keinen Krieg zu

Wann, fragte Drewermann, finden wir zurück zu der Einheit des Vertrauens, dass Gutes nur entstehen kann aus einer rechten Gesinnung? Wir müssten Lügen, um die Wahrheit herauszufiltern.

Wir müssten grausam handeln, um die Menschlichkeit zu befördern. Wir müssten morden, um das Leben zu retten.

Oft höre Drewermann Menschen fragen, warum Gott Krieg zulasse. Warum also an ihn glauben? Die Wahrheit aber sei: Gott lasse keine Krieg zu. Er rede in unserem eigenen Herzen. In einer Deutlichkeit, dass wir viel an Verdrängung, an Propaganda, an Umerziehung brauchten, das alles zu überhören. Die Rede kam auf die Zerrissenheit des Menschen.

Die Geschichte von Kain und Abel unser aller Geschichte

Noch keine drei Seiten sei die Bibel alt, als sie davon berichte was aus uns wird, wenn wir den Hintergrund des Vertrauens der Einheit mit der Macht, die möchte, dass wir sind, den Garten Eden verlieren. Und unter einem Gefühl lebten, wie auf der Flucht sein zu müssen.

Und so kam Eugen Drewermann auf die Geschichte von Kain und Abel zu reden.

Im gewissen Sinne sei die unser aller Geschichte.

Menschen nämlich, die sich verstoßen und nicht geliebt fühlten, versuchten aufs Äußerste liebenswert zu sein, in dem sie die Erwartungen anderer erfüllten und übererfüllten.

Wir, in wechselseitiger Konkurrenz stehend, müssten oft versuchen besser dazustehen als der andere.

Immer sei vor uns jemand, der heller ins Licht getreten ist als wir selber. Der werfe auf uns einen langen Schatten. Diesen müssten wir beseitigen, um selber wieder zugelassen zu werden.

Wir müssen andere Menschen oder Völker entmenschlichen, um sie töten zu können

Was sei denn an Napoleon groß, außer der Ziffer der Ermordeten? Jeder Krieg basiere darauf, andere sozusagen zu entmenschlichen, indem man sie als Unmenschen, Barbaren, Ratten und Ungeziefer erscheinen lässt oder als Terroristen bezeichnet.

Aggressivität wird gegen die Entmenschlichten geschürt. Wie umerziehbar der Mensch doch ist, gab Eugen Drewermann in Erinnerung an Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“ seinen Hörerinnen und Hörern zu bedenken. Wie erschreckend einfach Durchschnittsbürger wie etwa sie, die vor ihm im Kirchenschiff sitzenden, doch zu schrecklichen Untaten zu bringen seien! Wie es möglich wurde, wie im Roman beschrieben, dass Männer schon nach nur fünf Wochen Drill auf dem Kasernenhof bereit waren, die von ihren Herrschern zu Gegnern bestimmten Menschen brutal zu töten. Und sie als Soldaten auch noch empfanden Großes fürs Vaterland zu tun! Wie sie einem Vorgesetzten gehorchten, der bis vor kurz noch einfacher Postbote gewesen war.

Man musste ihnen nur weismachen: Unsere Gruppe ist besser als die Gegengruppe. In jedem Krieg verführe man nach dem Muster: Unmenschen müssen getötet werden. Das Gebot „Du-sollst-nicht-töten“ werde so erschreckend leicht vergessen gemacht.

Aus Krieg wurde „Humanitäre Intervention“

Schlimmer noch: Führte man früher auch noch dem Namen nach Kriege, geschieht gleiches heute unter der euphemistischen Bezeichnung „Humanitäre Intervention“. Vernebelnder Begriff. Zynisch.Wir gehen, so führte Eugen Drewermann aus, nun inzwischen wie die Ärzte chirurgisch an den Krebs heran und schneiden ihn heraus. Und retten damit vorgeblich Leben. Das klingt gut.

Unterwerfung und Gehorsam machen es möglich

Doch wahr ist ebenfalls: Ohne Unterwerfung des Individuums unter das Kollektiv ist Krieg – wie immer man ihn auch nennen möge – nicht ins Werk zu setzen. Drewermann sprach das bekannte Milgram-Experiment an. Da wurden Menschen dazu gebracht, anderen Menschen Stromschläge zu versetzen. Als Strafe für Fehler. Sie taten es. Erhöhten auf Anweisung – manchmal kurz zögernd zwar, aber dann doch – gar die Voltzahl!

Und ein weiteres Beispiel führte Eugen Drewermann an: Den US-Bomberpiloten einst bei Günter Jauch in dessen RTL-Talkshow zu Gast, welcher eine Atombombe auf Nagasaki abgeworfen hat. Wie konnte der Mann in den letzten Jahrzehnten bloß leben? Der Bomberpilot hatte Jauch kalt geantwortet: Jeder Soldat der Welt hätte doch dasselbe getan. Befehl ist Befehl. So ähnlich auch die Antworten von Nazi-Kriegsverbrechern einst bei den Nürnberger Prozessen auf die Fragen der Ankläger. Eugen Drewermann: Genau so ist es: Der Gehorsam ist es!

Man kann im Verkehrten nichts richtig machen“

Wie also Kinder so erziehen, dass das Denken mit dem Gefühlen übereinstimmt und die Gefühle mit dem Denken? Nur so könne die Schizophrenie beendet werden. Unbedingten Gehorsam gibt es nicht! Gott solle gefolgt werden. Hitler war kein Gott. Dennoch folgten ihm unsere Kirchen staatstragend bereits ab 1935, sagte Drewermann. Es ist die alte Crux: Immer werden wir dazu genötigt Dinge zu tun von denen wir sicher sind, dass sie falsch sind. Drewermann eindringlich: „Man kann im Verkehrten nichts richtig machen .“

Wir haben Herz und Geist

Und auch wahr: Mit wirklichen Individuen ist kein Krieg zu machen.

Wir Menschen sind keine Insekten. Wir haben Herz und wir haben Geist. Beides macht uns zur Person. Wagen wir das zu sein, sind wir als Soldaten untauglich.

An Jesu sei zu lernen: In seiner Not ist ein Einzelner in seinem Glück unendlich viel mehr wert als die ganze Masse. Eugen Drewermann: „Das zersetzt die Vorbereitungen zum Krieg.“

Nach Albert Camus: „Stalin kann nicht vergessen machen, dass es Dostojewski und Tolstoi gab.“

Die da drüben, bekämen wir beigebogen, sollen Unmenschen sein. „Nur weil Putin regiert in Moskau?“, fragte Eugen Drewermann.

Und hielt mit Albert Camus dagegen: „Stalin kann nicht vergessen machen, dass es Dostojewski und Tolstoi gab.“

Diplomatie sei die Devise. Ignorierten wir die Bedürfnisse anderer, könne es kein Ausgleich geben

Wenn jeder aber glaube er hat recht, dann macht das den Krieg möglich.

Nur wer besser mordet solle im Recht sein? Drewermann redete den Menschen ins Gewissen: Wenn die Geschichtsbücher das schreiben, lügen sie Wahrscheinlich hat der bessere Mörder doppelt unrecht. Wie bereits 1520 (!) Erasmus von Rotterdam gewusst habe.

Frauenrechte? Wirtschaftsinteressen stehen hinter den Kriegen: „Wenn Sie etwas anderes lesen, so ist es eine Lüge.

Als Motiv für Kriege werde oft eine Verantwortung benannt, die man habe. Beispielsweise die Frauenrechte in Afghanistan durchzusetzen. Eugen Drewermann dazu: Er frage sich, wie lange die Leute im Pentagon damals an dieser Lüge überlegt haben, die Taliban hätten den afghanischen Frauen erst die Burka angezogen. Er selber sei in denn 1970er in Afghanistan gewesen und sei Frauen in der Burka begegnet. Aber die Leute glaubten es. Gerade Feministinen hätten dieser Lüge Glauben geschenkt und dafür sogar militärische Einsätze befürwortet!

Klar, gab Drewermann zu: „Länder müssen sich auch in der Frage des Zusammenlebens von Mann und Frau und deren Rechte weiterentwickeln. Aber das müssen sie selber tun.“

Nicht hinzunehmen sei, wie sich die US-Soldaten nicht nur in Afghanistan daneben benommen haben, um ihnen vorgeblich menschliche Werte zu bringen! Gar Demokratie! Wirtschaftsinteressen stünden stets dahinter. „Wenn Sie etwas anderes lesen, so ist es eine Lüge. Es gehe um Öl. Pipelines oder wichtige Rohstoffe, wie etwa dem Koltan, das in unseren Smartphones steckt und hauptsächlich im Kongo vorkommt. Das Todesurteil für die Taliban sei deren Ablehnung einer durchs Land geplanten Pipeline gewesen. Von wegen Frauenrechte und westliche Werte!

Eugen Drewermann: Güte wäre unendlich mehr als Gerechtigkeit

Ein weiterer Punkt im Vortrag: Schuld bei Gott werde nachgelassen statt bestraft. Übertragen auf Umgang mit Geld sollten wir in diesem Sinne nicht

Die Dortmunder Pauluskirche am Abend. Foto: Stille Schützenstraße aus gesehen.

Die Dortmunder Pauluskirche am Abend. Foto: Stille Schützenstraße aus gesehen.

nur an das gequälte und gedemütigte Griechenland denken. Schulden gelte zu reduzieren zum Bezahlbaren hin.

Kriege vermeiden, helfe nicht zuletzt Güte obwalten zu lassen. Eugen Drewermann regte an: „Ließen wir die Vorstellungen vom gerechten Gott, von der Gerechtigkeit unseres eigenen Staatswesens hinwegfallen, gäbe es auch keine mehr zu rechtfertigenden Kriege mehr und wir träten hinein in eine Welt der Güte. Güte wäre unendlich mehr als Gerechtigkeit. Eine Erlösung gar.

Die Angst überwinden

Auf die Bergpredigt anspielend, sagte Drewermann, er höre oft von Menschen, denen man – wie auch immer – sozusagen auf die rechte Wange geschlagen habe, dass sie nicht einmal daran denken könnten, nun auch noch linke hinzuhalten.

Doch er gibt denen stets zu denken und den ihm Zuhörenden auf den Weg: „Wenn wir es nicht lernen Angst zu überwinden, werden wir immer wieder hineinfallen in Absicherungsmechanismen bis hinein in die Militarisierung der Gesellschaft. Zeitungen hetzen uns in Angst. Auf den Bahnhöfen sollten uns Kameras Sicherheit suggerieren. „Achten Sie auf ihr Gepäck“, ertöne es aller naselang in manchmal drei verschiedenen Sprachen. Alles der Sicherheit wegen. Die permanente Überwachung nehme zu. Der Sicherheit wegen.

Es gelte nach den Bedürfnissen des anderen zu fragen. Nicht ihn und andere Gruppen zu stigmatisieren und auszugrenzen.

Unsere innere Identität in Vertrauen, wäre die Antwort auf die Gefahr des Todes.

Eugen Drewermann hat die Sehnsucht nach Frieden nahegebracht

Vielen der Besucherinnen und Besuchern des wiederum interessanten Vortrags Eugen Drewermanns dürfte dessen Inhalt – kristallklar vermittelt – tatsächlich die Sehnsucht nach Frieden nahegebracht haben. Wie der Gast aus Paderborn die Hoffnung geäußert hatte, dass dies geschehen sein möge. Drewermann versprach ohne zu zaudern wiederzukommen zu wollen in die Pauluskirche, wo er schon mehrfach sprach. Da brauchte Gastgeber Pfarrer Friedrich Laker nicht lange bitten. Das Publikum stimmte mit kräftigem Applaus weiteren Einladungen zu. Kritisch anzumerken wären ein paar für die Ohren des Publikums schmerzhafte Rückkopplungen, welche im Verlaufe des Abends aufgetreten waren.

Die Kollegen von Regenbogentv.de haben Drewermanns Vortrag aufgezeichnet:

Die musikalisch Gestaltung der Veranstaltung oblag der Gruppe CANTICO.

Dortmund: Talk to heaven – Hat der Mensch ein Recht auf aktive Sterbehilfe?

Sprachen am Sonntag in der Dortmunder Pauluskirche über Sterbehilfe (von links nach rechts) Dr. Christa Rogge, Pastor Friedrich Laker, Anja Rogge (Moderation) und Prof. Dr. Franco Rest; Fotos (2): C.-D. Stille

Sprachen am Sonntag in der Dortmunder Pauluskirche über Sterbehilfe (von links nach rechts) Dr. Christa Rogge, Pastor Friedrich Laker, Anja Rogge (Moderation) und Prof. Dr. Franco Rest; Fotos (2): C.-D. Stille

Sterben müssen wir alle mal. Doch darüber reden tun die wenigsten von uns. Den Tod schiebt man so weit wie möglich von sich. Das ist menschlich. Und verständlich. Denn der Tod macht den Menschen Angst. Noch mehr fürchten wir nur ein langes, schmerzvolles Dahinsiechen. Menschen die eine schwere und unheilbare Krankheit haben, denken schon mal über eine Selbsttötung nach. Rund um dieses Thema bewegte sich vergangenen Sonntag ein Gottesdienst der ungewöhnlichen Art in der Dortmunder Pauluskirche. Das in der Nordstadt liegende Gotteshaus gehört zur evangelischen Lydia-Gemeinde. Das Thema lautete: „Hat der Mensch ein Recht auf aktive Sterbehilfe?“

Food For Soul begleitete denn Gottesdienst musikalisch einfühlsam

Musikalisch begleiteten "Food for Soul" den Gottesdienst.

Musikalisch begleiteten „Food for Soul“ den Gottesdienst.

Musikalisch einfühlsam begleitete die Band FOOD FOR SOUL die Besucherinnen und Besucher des Gottesdienstes. Über 300 Auftritte in den letzten 8 Jahren hat „Food For Soul“ absolviert. Im Ruhrgebiet, dem Sauer- und dem Münsterland hat sich das Trio einen Namen gemacht. Am Sonntag waren sie nur als Duo präsent.

Von 1005 im Auftrag einer Krankenkasse Befragten möchten 70 Prozent die Möglichkeit haben sich  bei einer schweren Erkrankung sich selbst zu töten

Im Deutschen Bundestag stehen mehrere Gesetzesentwürfe zur Sterbehilfe zur Entscheidung an. Im November werden die Bundestagsabgeordneten darüber abstimmen. Aus einer repräsentativen Forsa-Umfrage, die von der Krankenkasse DAK-Gesundheit in Auftrag gegeben wurde, geht hervor: 70 Prozent der 1005 Befragten wollen bei einer schweren Erkrankung die Möglichkeit haben, etwa auf ärztliche Hilfe bei der Selbsttötung zurückzugreifen. 22 Prozent der Befragten lehnen dies für sich ab.

Realitätsnahes, berührendes Szenenspiel

„Talk to heaven, der garantiert andere Gottesdienst“ hat ein  brisantes  Thema aufgegriffen und in die Dortmunder Pauluskirche getragen. Zunächst wurde eine Szenenspiel aufgeführt. Es handelte von einer Frau „in den besten Jahren“. Vom Arzt erhält sie die schlimme Information: Sie muss bald sterben. Die Lunge ist voller Metastasen. Der behandelnde Arzt überweist die Frau an eine Kollegin, eine Palliativmedizinerin. Die Frau sieht zunächst nicht ein, dass sie das Sterben hinauszögern soll. Schließlich stimmt sie der Behandlung zu. Sie ist am Boden zerstört. Soll die schöne Zeit mit dem geliebten Ehemann nun bald zu Ende sein? Auch der Ehemann ist erschüttert. Als die Medizin immer weniger gegen die Schmerzen hilft, verabreicht die Palliativmedizinerin in Absprache und mit dem Ehemann der Patientin schließlich stärkere Medikamente. So dämmert die Frau letztlich in den Tod. Realitätsnah und berührend dargestellt.

Zwei kompetente Fachleute sprachen zur Thematik

Auf dem Podium hatten zwei kompetente Spezialisten Platz genommen. Es waren dies die Anästhesistin und Sterbebegleiterin Dr. Christa Rogge und einer der Mitbegründer der deutschen Hospiz-Bewegung, Dr. Franco Rest, sowie der evangelische Pfarrer Friedrich Laker. Moderiert wurde der Talk von Anja Rogge.

Ein trauriges Thema. Ja. Doch wie es eingangs des Gottesdienstes geheißen hattte: „Ohne Tränen hätte die Seele keinen Regenbogen.“

Wie zum Tode gelangen?

Zunächst verschaffte Dr. Franco Rest dem Publikum einen Überblick. Unterschieden, so Dr. Rest, würden verschiedene Formen um aus dem Leben zu scheiden. Zunächst die sogenannte aktive Sterbehilfe. Die sei gewissermaßen ein „Heilbehandlung durch Tötung“. Einen Menschen, den man sonst nicht mehr heilen kann, verspricht man „Du hast keine Schmerzen mehr, du hast keine Atemnot mehr, wenn du tot bist.“ In Deutschland ist das strafbar. In den Beneluxstaaten nicht. Die verbleibenden anderen Formen, erklärte, Franco Rest, gelten als durchaus erlaubt. Oder sogar gefordert für die Handlung der Ärzte sowie der Angehörigen. Dies sei dann indirekte Sterbehilfe zu nennen: „Das Sterbenlassen, das nicht mehr hindern eines Sterbens.“ Dann nannte er die assistierte Selbsttötung. Sowie sprach über die indirekte Sterbehilfe. Eine Medikamentengabe, die man möglicherweise bedarfsmäßig erhöhen muss. Der Mensch sterbe dann etwas schneller als er sterbe würde ohne diese Medikamente.

Entscheidung im November

Im November im Bundestag geht es um die Hilfe zur Selbsttötung unter Hilfe eines anderen. Angehörigen.Wenn ein Mensch einen anderen Mensch hilft, was er darf – und jeder darf sich selber töten – dann kann der derjenige, der Beistand leistet nicht bestraft werden. Infolgedessen ist die assistierte Selbsttötung nicht nur straffrei, sondern vielleicht sogar in gewissen Situationen etwas, das man in einer Partnerschaft oder Freundschaftsbeziehung tatsächlich erwartet: Dass der andere mir hilft, diesen Schritt den ich tun möchte auch wirklich zu gehen. Ein kleines Problemen stellten allerdings die Ärzte dar. Wenn die eine Assistenz in diesem Zusammenhang leisteten, dann setzten sie ihren Beruf aufs Spiel. Denn der Arzt ist ein Helfer und hat immer die Garantie für das höhere Gut zu gewähren, also für die Erhaltung des Lebens zu sorgen: Garantenpflicht. Also dürfe man in Deutschland von einem Arzt nicht erwarten, dass er ein tödliches Medikament verabreiche. Die Grenzen zwischen den erwähnten Möglichkeiten seien zum Teil fließend, gab Dr. Rest zu bedenken.

In der Spielszene sei es darum gegangen, mit dem Einverständnis der Angehörigen ein Medikament zu geben, dass eben die Nebenwirkung hat, dass jemand früher stirbt. Der Zweck sei allerdings die Schmerzfreiheit, die Bewältigung der Atemnot. Das Ziel sei nicht der Tod.

Dr. Christa Rogge: „Mit der Zeit gibt es eine gewisse Akzeptanz.“

Dr. Christa Rogge wusste aus der Praxis heraus zu bestätigen, dass es sich häufig so zutrage, wie in der Spielszene dargestellt. Die Patienten würden von der Diagnose überrascht werden. Und spürten dann: Warum gerade ich? Mancher empfinde gar Krankheit und Tod als Strafe. Dr. Rogge: „Wenn man dem Patienten die Angst vor den Schmerzen und vor der Würdelosigkeit wegnimmt, dann haben sie die Möglichkeit, sich allmählich damit abzufinden, sich damit auseinander zu setzen und werden allmählich ruhiger.“ Sehr häufig in der letzten Phase sei bei ihnen dann eine Art Desinteresse an dem hiesigen Leben zu konstatieren. „Man löst sich innerlich. Es läuft nicht geradlinig“, sondern der Prozess beinhalte Höhen und Tiefen. „Mit der Zeit gibt es eine gewisse Akzeptanz.“

Austherapiert – ein gruslig Wort

Die Moderatorin spricht an, was wohl häufig in der Praxis geschieht: Der Arzt sagt wie im Szenenspiel: „Für Sie gibt es keine Therapie mehr.“ Oder gar: „Sie sind austherapiert.“ Was ein „hartes Wort und gruselig“ sei. „Was heißt das denn?“, fragt Anja Rogge.

Dr. Christa Rogge daraufhin: „Ich hoffe, dass immer weniger Kollegen dieses Wort in Zukunft benutzen werden. Es ist einfach so, dass auch viele Kollegen darauf geeicht sind zu heilen. Statt eine palliative Behandlung durchzuführen.“ Sie erklärte: Das komme von Pallion – der Mantel. Bedeute also eine umhüllende, umsorgende Therapie. Um die letzte Strecke des Lebens trotz der tödlich verlaufenden Krankheit so lebenswert zu machen wie eben mölgich.

Was aber nun, warf die Moderatorin ein, wenn Patienten aber eben „Schluss machen“ wollten? Patienten „Wie reagiert da?“

Natürlich käme das vor, weiß die Anästhesistin Die Leute sagten dann, „Ich habe mir so und soviel Medikamente besorgt. Damit ich mich umbringen kann.“ Man wisse als Mediziner, dass man die dazu Entschlossenen nicht daran hindern kann sich umzubringen. Jedoch könne zunächst einmal vielleicht ein Versuch gemacht werten, um zu schauen, ob es nicht auch anders gehe. „Ob man nicht erst mal sehen kann ob man durch Schmerzmedikation die Phase erträglich macht, dass man die letzte Phase eben doch dazu nutzen kann in Ruhe noch einmal Zeit mit Angehörigen zu verbringen. Und eventuell noch Sachen zu regeln die man gerne geregelt haben möchte.“

In der Palliativmedizin, erfahren die Gottesdienstbesucher, sei das Gespräch eines der wichtigsten Mittel. Weil tausend Fragen kommen und Zuwendung wichtig ist.

Dr. Rest: „Wir können lindern“

Dr. Franco  Rest nahm noch einmal den Gesprächsfaden auf. Es ginge in zwei Richtungen bei den Patienten. Entweder in die Richtung „dass sie getötet werden möchten von jemand anders oder, dass sie sich selber töten möchten. Dahinter verberge sich nicht der Wunsch anschließend tot zu sein. Sondern eben nicht mehr so leben zu müssen, wie es einen die Krankheit aufzwinge. Da spielten besondere Ängste der Menschen eine Rolle. „Die erste große Angst ist die Angst vor Schmerzen und vor Atemnot.“ Da sage die Hospiz-Bewegung: „Wir können lindern.“

Wo ist jetzt die Persönlichkeit?“

Die zweite Angst sei die vor dem Verlust der Persönlichkeit und der Selbstbestimmung. Dr. Rests eigne Ehefrau ist an

Parkinson erkrankt und hat die Sprache verloren. „Wo ist jetzt die Persönlichkeit?“ fragte der Arzt, Sozialethiker, Dichter und Philosoph ins Kirchenschiff hinein, wo er seine Gattin von einer Person seines Vertrauens gut betreut weiß. „Wie kann der Patient sich selber noch verteidigen gegen die Krankheit aber auch gegen möglicherweise falsches Handeln des Ehemanns oder der sonstigen Umgebung?

Die Hospiz-Bewegung bemühe sich durch Einfühlung und intensiven Umgang mit dem Menschen. Um ein Durchhalten 24 Stunden am Tag und jede Woche sicherzustellen. „Und zwar so, dass die Persönlichkeit nicht verschwindet oder verkümmert.“

Wiederum andere Menschen wollten anderen nicht zur Last fallen. Die Belasteten entlasten. Familie, Ehepartner und sogar die Ärzte und Schwestern, denen sie meinten schlimme Plagen zuzumuten.

Dr. Franco Rest sprach an dieser Stelle von der „theologische Seite“.

„Es gibt eine Angst der Menschen, die allerdings nicht zum schnelleren Sterben führt, sondern dem Wunsch das Ganze noch hinauszuzögern. Weil man nämlich meint, man müsse noch eine Schuld abarbeiten. Manchmal geht Theologie falsch darauf ein. Hölle und Fegefeuer gibt es nach meinem Dafürhalten eben nicht“, so der Arzt.

Die Moderatorin hakt sich ein: „Was wenn das Leid zu groß ist? Man sich selber nicht mehr ertragen kann?“ Wenn ein Gesichtstumor etwa mit offenen Wunden dazu führt, sich selber nicht mehr im Spiegel ertragen zu können.

Dr. Rest sagte, er habe so etwas erlebt. Doch seien es letztlich wenige Menschen die nicht mehr durch Palliativmedizin erreicht werden könnten. Auf die Frage der Gesprächsleiterin spricht er die grundsätzliche Angst dieser Betroffenen vor dem Alleinsein an. „Erst recht wenn eine stinkende Wunde da ist. Ein offen gebrochener Tumor wo der Körper sich bereits zersetzt.“ Auch da gelte es zu erreichen, dass die Menschen um diese Patienten dableiben und nicht loslassen. „Dass sie aushalten, durchhalten: standhalten. Die deutsche Sprache habe da ein wunderbares Wort: Beistand. Heilen dagegen sei weniger passend, weil es sprachverwandt mit Hehlen sei. Es gehe auch um Begleitung. Aber man sollte wissen wann bei der Begleitung loszulassen ist. „Denn da geht ja keiner mit in den Tod. Die begleitet haben bleiben zurück. „Wir führen den Menschen nur bis zu diesem Scheideweg.“

Stille kann sehr laut sein

Noch einmal kam Dr. Rest auf seine Frau zu sprechen. Beide seien darauf angewiesen einander anzuschauen. „Die intensivste Kommunikation zwischen Menschen spielt sich in der Mimik ab und über die Haut. Unsere Haut ist eines der wichtigsten Kommunikationsmittel die wir haben.“ Er stelle das immer wieder bei seiner Frau fest. Egal ob er sie einreibe oder nur deren Hand halte. Nie vergessen habe er eine Patientin, die zuschlug, wenn man ihr Hand geben wollte. Eines Tages, erzählt Franco Rest, habe er eine junge Schülerin gebeten am Bett dieser Frau zu wachen. Die schlief nach Stunden des Dasitzens ein. Dabei fiel ihr die Hand in das Bett der Patientin. „Da passierte etwas womit niemand gerechnet hatte Die Patientin griff die Hand der Schülerin und hielt jetzt ihre Hand fest, wollte nicht gehalten werden, sondern halten.“

„Man lernt zum Beispiel“, fiel Rest am Beispiel seiner sprachlosen Partnerin ein, „dass Stille sehr laut sein kann. Früher habe ich das nicht geahnt. Stille kann klopfen, kann schreien, kann wüten Diese Stille zu lernen, diese Stille zu hören, diese Stille wahrzunehmen – ein ganz wichtiger Weg in extremen Situationen.“

Wo ist denn Gott denn?

Nun war der Theologe, der Pfarrer Friedrich Laker angesprochen. Was sage man als solcher auf die Fragen: „Warum ich? Wo ist Gott denn in der Situation?“

Darauf der evangelische Pfarrer. Er pflege dann die Menschen immer zu fragen: „Wo ist Gott denn jetzt für dich?“ Da Erlebe man manchmal nach einem kleinen Nachdenken überraschende oder nicht so überraschende Antworten. Antworten die naheliegend sind. Nämlich: „Ich erlebe Gott in der Natur. Ich erlebe Gott wenn ich Musik höre, die ich nun ganz anders höre als vorher.“

Am Anfang und am Ende des Lebens habe es so berührende Augenblicke. „Wo die Ewigkeit fast zu greifen ist. Freilich entschwindet sie wieder. Es ist wie der Himmel auf Erden. Sterbende sagten ihm nicht selten: „Mein Angehörige,r der jetzt mir beisteht dem bin ich so dankbar, er ist wirklich wie ein Engel. Ein Engel Gottes auf Erden. Und letztendlich gebe ich eine Kraft die ungemein stark ist. Die aber oft erst erkennbar ist, erkennbar wächst, wenn man sich auf den Sterbeprozess einlässt. Kraft der Hoffnung wider alles Leid, allen Schmerzes. Ein Trotz . Wenn ich an einen Gott glaube der abseits des Lebens sitzt. Ein Gott der irgendwann mal die Schöpfung entworfen hat und sich auf den Tod zurückzieht und beobachtet und eben eingreift oder nicht eingreift, der belohnt, der straft der eben den Himmel und die Hölle vorhält. Dieser Gott verbietet.“ Aber das sei ein Gott, der einen ein Stück weit beigebracht würde“ ist sich Friedrich Laker sicher. „Da hat unsere christliche Kultur, unsere christliche Theologie viel Schuld auf sich geladen. Indem man eben von diesem „Herrschergott“ gesprochen hat. Mitten im Leben, mitten im Sterben fände sich Trost. Nicht auf irgendeinem Thron. Plötzlich tröstet einen der Vogel, der draußen im Baum zwitschert. Die Blume die wunderschön blüht. Die schenkt Trost, nicht der Herrschergott, der angeblich da oben sitzt.

Pfarrer Friedrich Laker will Mut machen

Was wolle der Pfarrer den Leuten an diesem Sonntag mit auf den Weg geben? Vor allem möchte er allen Mut machen, sagte er voller Überzeugung, dass, was so die Erfahrungen zeigten, von uns allen gerade in den Schwachen die Kraft liege. Gerade in dem wovor wir erst mal Angst haben. Natürlich gehöre zum Leben ist ein Schutz. Jedes Individuum kämpft ums Überleben. Das Spannende und Entscheidende sei, wenn man sich drauf einlässt auf diesen Prozess des Sterbens – manchmal auch Zeit brauchte. Er plädiert: „Lasst euch Zeit, wenn es möglich ist!“ Dann könne man eine ungeheure Kraft entdecken. Im Sterbenden selber. Und bei den Angehörigen im Gemeinsamsein. Dem gegenseitigen Beistand. Auch der Sterbende gebe den Angehörigen Kraft. Vertrauen zu haben gegen die Angst, die natürlicherweise da sei. So werde auch die Erkenntnis wachsen, was richtig ist: „Das kann die Selbsttötung sein in gewissen Ausnahmefällen. Es könne auch sein, sich Zeit gegenseitig schenken zu lassen, um Abschied zu nehmen. Damit helfe man auch dem Sterbenden ins Reine zu kommen. Moderatorin sprach die passende Bibelstelle „Die Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ an. Eine schönes Schlusswort von Friedich Laker: Letztendlich ist das eben die Kraft der Liebe Gottes, die unter uns gegenwärtig ist.“

Fazit

„Talk to heaven“ hatte einen „garantiert anderen Gottesdienst“ versprochen. Die Kirchenbesucherinnen und Besucher haben ihn bekommen. Über den Tod sprechen wir ungern. Lieber verdrängen wir. Das ist verständlich. In der Dortmunder Pauluskirche war er letzten Sonntag ins Zentrum des Interesses gerückt. Worden. Und darüber hinaus die Frage gestellt „Hat der Mensch ein Recht auf aktive Sterbehilfe?“ Die schlussendliche Beantwortung dieser Frage ist nicht einfach. Aber, dass darüber gesprochen wurde, dürfte am Sonntag in der Pauluskirche  einhellig begrüßt worden sein. Das Thema anzupacken war nicht nur mutig, sondern auch nötig.