Morgen in Essen: Zur aktuellen sozialen und politischen Lage in Palästina und Israel sprechen Prof. Moshe Zuckermann und Dr. med. Khaled Hamad

Prof. Moshe Zuckermann auf einer früheren Veranstaltung in Dortmund. Foto: C.-D. Stille

Susann Witt-Stahl (Chefredakteurin der Zeitschrift Melodie & Rhythmus) informierte am 18. Juli 2017 via Facebook über eine Veranstaltung, welche u.a. im Ruhrgebiet auf Interesse stoßen könnte.

Der israelische Soziologe und Professor für Philosophie und Geschichte Moshe Zuckermann an der Universität Tel Aviv spricht am kommenden Freitag auf Einladung des AstA der Universität Essen-Duisburg. „Zuckermann gilt als Kritiker der israelischen Politik und Gesellschaft. Er steht politisch links und befürwortet eine Konföderation zwischen Israel und einem unabhängigen Staat Palästina als langfristige Lösung des Konflikts.“ (Wikipedia)

Ein weiterer Referent an diesem Abend in Essen wird Dr. med. Khaled Hamad (Vorstandsmitglied der Deutsch-Palästinensischen Medizinischen Gesellschaft) sein.

Thema der Veranstaltung: „Aktuelle soziale und politische Lage in Palästina und Israel“

Susann Witt-Stahl weist auf „Rufmordkampagne“ gegen die Veranstaltung hin

Susann Witt-Stahl fügt betreffs der Veranstaltung hinzu: „wieder einmal begleitet von einer Rufmordkampagne, die wie immer von „antideutschen“ und offen Rechten initiiert wird.“ Auch der Blog Ruhrbarone befeuert diese. Man titelt: „Uni Duisburg-Essen: Neue Kritik an israelfeindlicher Veranstaltung“.

Wann:

Freitag, 21. Juli 2017 – 18:00 Uhr

Wo:

Alter Audimax Essen (S04 T01 A01)
Gastgeber: AStA Universität Duisburg-Essen
Universitätsstraße 2, 45141 Essen

 

 

 

Update vom 27.7.2017

Via Melodie & Rhythmus

auf Facebook nebst dem Video von der hier vergangene Woche angekündigten Veranstaltung:

„Nach der rufmörderischen Treibjagd auf die Referenten des Vortragsabends »Zur aktuellen politischen Lage in Israel/Palästina« an der Uni Duisburg-Essen – M&R-Autor Moshe Zuckermann und Khaled Amad −, die u.a. von der Publizistin Jutta Ditfurth und rechten Medien wie den »Ruhrbaronen« angeheizt wurde, gibt es eine Erklärung der Internationale Liste UDE des AStA, die die Veranstaltung organisiert hatte. Darin heißt es: »Es ist leider keine Seltenheit, dass Referent*innen mit Verleumdungen und vorurteilsbeladenen Gerüchten denunziert und diskreditiert werden. Doch waren die Vorwürfe hier nicht haltbar. Man griff zu miesen Tricks um die Veranstaltung zu stoppen und die Referent*innen persönlich anzugreifen. Nicht zuletzt musste eine weibliche jüdische Referentin absagen, da auch sie bedroht wurde. Dass deutsche Universitäten, kein sicherer Ort mehr für Jüdi*nnen zu sein scheinen, ist eine Schande und dieses Bedrohungsszenario spiegelt den internalisierten Antisemitismus an der Hochschule wieder, den insbesondre einzelnen Listen an der Uni mit sich tragen.« Wen interessiert, was die Referenten wirklich gesagt haben und wer die erschreckenden Ausmaße der Lügen und Verleumdungen, denen sie ausgesetzt waren, nachvollziehen möchte, sollte sich die Veranstaltung anschauen.“

Botschafterin Palästinas sieht Motto des heutigen Israel-Tages mit großer Sorge

Botschafterin Dr. Khouloud Daibes während eines Vortrags in Dortmund. Fotos (2): C. Stille

Botschafterin Dr. Khouloud Daibes der Diplomatischen Vertretung Palästinas in Deutschland hat via einer Pressemeldung (23.5.2017) („In Jerusalem leben 40% der Bevölkerung unter Besatzung“) ihre Besorgnis betreffs des Mottos des heute in München stattfindenden Israel-Tages kundgetan.

Sie schreibt:

„Mit großer Sorge sehe ich das Motto „50 Jahre Wiedervereinigung Jerusalem“ des Israel-Tages am morgigen Mittwoch (24.05.) in München. Dies habe ich in meinem Briefen an den Oberbürgermeister Dieter Reiter und SPD-Parteivorstand Martin Schulz zum Ausdruck gebracht.

Die Stadt Jerusalem ist Teil des von Israel im Juni 1967 besetzten Gebietes. Israels Anspruch auf Ost-Jerusalem als „ungeteilte Hauptstadt Israels“ wird daher völlig zu recht von der internationalen Gemeinschaft, einschließlich den Vereinten Nationen (Res. 242, 252, 476, 2334), der USA und der Europäischen Union nicht anerkannt. In Übereinstimmung mit dem Völkerrecht und der Prinzipienerklärung unterliegt ganz Jerusalem, und nicht nur Ost-Jerusalem, den Endstatusverhandlungen. (…)“

Und die Botschafterin schließt ihr Statement folgendermaßen ab:

„Es ist an der Zeit, die 50-jährige Besatzung Palästinas zu beenden und die Zwei-Staaten-Lösung, die nach Auffassung der Bundesregierung die einzige Option zur Erlangung eines Friedens ist, umzusetzen. Damit solche an den Realitäten vorbeiführenden verbalen Fehltritte, wie das Motto des Israel-Tages in München nicht immer wieder Klärungsbedarf hervorrufen, ist die Bundesregierung aufgefordert, ihre offizielle Haltung zum Status von Jerusalem in München unmissverständlich deutlich zu machen.“

Ahmad Mansour in Dortmund zum Thema „Antisemitismus unter Muslimen: Woher kommt der Hass?“

Referierte in Dortmund: Ahmad Mansour; Fotos: Claus Stille

Referierte in Dortmund: Ahmad Mansour; Fotos: Claus Stille

Rappelvoll war der Goße Saal der Auslandsgesellschaft NRW in Dortmund am vergangenen Donnerstag. Personenschützer standen parat. Leider konnten in Ermangelung zusätzlicher Plätze nicht alle Hörerinnen und Hörer eingelassen werden. Zu Gast war Ahmad Mansour aus Berlin. Er sprach zum Thema „Antisemitismus unter Muslimen: Woher kommt der Hass?“
Der arabische Israeli Ahmad Mansour ist u.a. Mitglied der deutschen Islamkonferenz gewesen. Der Diplompsychologe und Autor berät in Berlin zivilgesellschaftliche Initiativen im Umgang mit der Radikalisierung und dem Antisemitismus bei Muslimen.
Seit 2004 lebt er in Deutschland.

Antisemitismus „kein speziell muslimisches Problem“

Bevor Mansour zu seiner Lebensgeschichte kam, stellte er klar – wohl um eventuellen Missverständnissen vorzubeugen: Antisemitismus ist ein „herkunftsübergreifendes Phänomen“ und „kein speziell muslimisches Problem“.

Hintergründe und Leben

20160225_200409Ahmad Mansours Vater noch war 1946 in Palästina, Tira, geboren worden. Im Unabhängigkeitskrieg des jungen Staates Israel gegen arabische Länder. Mansours Oma war mit seinem späteren Vater ständig auf der Flucht. Tira wurde damals täglich bombardiert. Das entstandene Trauma habe er „uns unartikuliert und unausgesprochen weitergegeben“. Ahmad Mansour Grußmutter erzählte ihm alles kurz vor ihrem Tod. Mansour wurde in einer „typisch arabisch-israelischen Familie“ groß.

Heute sind ein Million Araber Teil Israels. Mansour: Größtenteils lebten Juden und Araber friedlich miteinander. In deutschen und europäischen Medien würde jedoch meistens nur über Konflikte berichtet. Das junge Ahmad hatte damit eigentlich nichts zu tun. Zwar habe er gelernt, dass Juden ihre Feinde seien. Der Großvater hatte ihm vom Landraub seitens der jüdischen Israels und von persönlichen wirtschaftlichen Verlusten dadurch erzählt.

Vom gemobbten Streber zum religiösen Mahner und Antisemiten

Eine persönliche Krise erlebte Mansour mit dreizehn Jahren. Er galt in der Schule als Streber und wurde gemobbt. Schließlich traf er einen Imam. Und war begeistert von ihm ausgewählt worden zu sein. Auf der Koranschule lernte Mansour Hocharabisch, erhielt Islamkunde und hörte etwas über Geschichte. Er erwarb Freunde, die in nicht mobbten. Er bekam Aufgaben, Missionen und erhielt Orientierung. Die Schulkameraden, die ihn früher anfeindeten hätten auf einmal aufgehorcht und gar Angst vor ihm gehabt, weil er nun der religiöse Mahner war. Plötzlich konnte er muslimische Schwestern wegen zu enger Jeans, zu offen getragener Haare kritisieren. Oder die Brüder wegen des Rauchens ermahnen – weil all das haram ist. Der Antisemitismus, erinnert sich Ahamad Mansour sei geblieben. Aus dem Islamunterricht wurde eine Ideologie des Hasses. Genutzt habe man die Religion, um eine Ideologie zu machen. Die Juden sollten nicht dafür gehasst werden, weil sie das Land der Palästinenser geraubt hatten, sondern „weil sie von Gott verflucht sind“. Die Verse des Koran seien nicht kritisch und im „ihrem lokal-historischen Kontext“ betrachtet, sondern verallgemeinert worden. Auf diese Weise lernte Ahmad Mansour: Juden sind unsere Feinde. Sie wollen den Islam bekämpfen und die Welt beherrschen. Sogleich merkte Mansour aber an: Niemand solle nun denken, dass diese Denkweise keinesfalls von allen Araber oder allen Muslimen gepflegt werde.

Fünf Jahre seines Lebens verbrachte Mansour so. Dann ging er zum Psychologiestudium nach in das westlich geprägte Tel Aviv.

Warum Ahmad Mansour Psychologie studieren wollte

Jede dritte Israeli habe bereits einen Krieg erlebt. Sein Vater gar dreißig in seinem Leben. Ahmad Mansour sagte, er habe damals Glück gehabt: bis er vierzehn Jahre alt war, blieb er von Kriegen verschont. Erst als Saddam Hussein Kuweit eroberte, änderte sich das. Der Westen hatte dem irakischen Diktator ein Ultimatum für den Fall, wenn er nicht Kuweit verlasse, gesetzt. Hussein seinerseits drohte mit einem Angriff auf Israel. In Mansours Dorf verteilten israelischen Soldaten Gasmasken. Das Schlafzimmer musste gegen eventuelle Chemiewaffenangriffe abgedichtet werden. Mansours Schule schloss. Im Januar 1991 um zwei Uhr nachts habe man Explosionen gehört. Sirenen gingen. Die Gasmasken wurden aufgesetzt. Die Familie versammelte sich im abgedichteten Zimmer. „Dann kam Stille“, so Ahmad Mansour. Minuten später hörte man die Nachbarn schreien. „Ich dachte, das ist der Tod.“ Aber nein: Es seien die Nachbarn gewesen. Die feierten auf den Dächern ihrer Häuser. „Weil sie endlich erleben durften, dass ein arabischer Führer in der Lage war, Israel anzugreifen.“ Den Hass der Palästinenser habe er aus ihrer Geschichte heraus verstehen können. Aber die Nachbar seien die selben Personen gewesen, die sich in den Supermärkten um die letzte Thunfischdose gestritten hatten. Auch sie hatten Gasmasken. Und auf einmal interessierten sie nicht die vermeintlichen Chemiewaffen, sondern feierten den Angriff?! Obwohl Mansour damals sehr antisemitisch gewesen sei, habe er in dem Moment nicht verstanden, „wieso Menschen in der Lage sind, Angst zu neutralisieren, kleinzuschreiben“, des Hasses wegen. Der Grund dafür sich für ein Psychologiestudium zu entscheiden.

In nicht einmal zwei Tagen fand Mansour an der Uni jüdische Freunde fürs Leben

1996 trat er sein Studium an der Universität Tel Aviv an. In der, wie damals meinte, „vom Teufel besessenen Stadt“ mit freizügig gekleideten Frauen und Alkohol trinkenden Menschen – suchte aber fand er keinen einzigen arabischen Studenten, der mit ihm Psychologie studieren wollte. Mansour: „Ich war alleine unter Juden. Unter Feinden!“. Schnell habe er allerdings gemerkt, es waren keine Feinde. Sondern Menschen wie alle anderen. Sein Weltbild begann zu wanken. Ahmad Mansour fand jüdische Freunde fürs Leben. Nicht einmal zwei Tage habe das gedauert. Mit einigen dieser Freunde steht der mittlerweile in Deutschland lebende Mansour noch heute in Kontakt. Er bekannte Glück gehabt zu haben in den Jahren der Hoffnung studieren gekonnt zu haben. Das Oslo-Abkommen, Friedensabkommen mit Jordanien, Arafat kehrte aus dem Exil zurück – ein Frieden zwischen Israel und den Palästinensern schien möglich. Heute ist die Realität eine andere. Aber Mansour schränkte ein: Auch bei heutigen Besuchen in Israel erlebe er, dass Juden und Araber in seinem Geburtsland durchaus friedlich und in Koexistenz leben können. Vor drei Jahren sei er das erste Mal mit seiner Frau in Israel gewesen. Diese sei überrascht gewesen, weil sie dort auf ein ganz anderes Israel-Bild traf, als dies, was die Medien hierzulande im Allgemeinen so vermittelten. Was nicht bedeute, dass dort alles super laufe, dass da nicht Menschen auch Unrecht getan werde.

Der Weggang nach Berlin nach einem schlimmen Erweckungserlebnis

Im Jahr 2014, erzählte Ahmad Mansour, habe er erstmals erlebt wie groß der Hass sein kann. Mit dem Lesen von Weltliteratur wuchsen die Zweifel an dem, was sein Imam ihm früher vermittelt hatte. In den Jahren da Israels Premier Yitzhak Rabin ermordet wurde und die zweite Intifada stattfand und die Hoffnung auf Frieden schwand, arbeitete Mansour in Israel. Ein Bus, der Linie, die er täglich benutzte wurde in die Luft gesprengt und ebenfalls ein Café, das er oft besuchte traf ein Anschlag. Dann ein schlimmes persönliches Erlebnis auf einer Autobahn: Ende 2003 fuhr er auf einer Autobahn in Tel Aviv. Wie immer war Stau. Mansour wartete an der Ampel auf Grün. Plötzlich stiegen Menschen aus ihren Autos und liefen in die entgegengesetzte Richtung davon. Aus den Augenwinkeln sah er, dass „ein Palästinenser, eine Zigarette rauchend, mit einer Kalaschnikow“ auf Menschen schießt. Er wird von einem Soldaten erschossen. Ein Erweckungserlebnis für Ahmad Mansour: „Das ist nicht mein Krieg, nicht das Leben“, das ich führen wollte, sagte er sich da. Er kündigte die Arbeit. Ein paar Wochen später war er in Berlin.

Dort lernte er großartige Menschen, Araber und andere, die ihm bei den ersten Schritten in der Stadt halfen. Mansour berichtet „von sehr gut gebildeten Menschen“, die er in der deutschen Hauptstadt traf.

Vom Hass eingeholt

Leider aber sei auch auf Menschen mit arabischem und türkischem Migrationshintergrund getroffen, die genau diesen Hass lebten, dem er hatte fliehen wollen. „Frauenunterdrückung, Antisemitismus der übelsten Art, gar Verehrung von Hitler“ habe er angetroffen. Und „Schwarzweißbilder“ betreffs des Nahostkonflikt wurden gemacht. Zwei Semester habe es an der Humboldt – Universität gedauert, bis jemand mit Ahmad Mansour gesprochen hat.

Pädagogen sind mit dem Antisemitismus überfordert. Konzepte fehlten

Im Jahr 2007 gründete Mansour das HEROES-Projekt gegen Unterdrückung im Namen der Ehre. Themen am Anfang waren Gleichberechtigung, Frauenrechte, Jungfräulichkeit und Sexualität. Jugendliche zu erreichen, die aus patriarchale Verhältnissen kommen, das stand im Vordergrund. Sie auszubilden und zu befähigen, Altersgenossen als Vorbild zu dienen, war ein Ziel. Die Lehrerinnen und Lehrer in den Schulen, fand man heraus, waren hinsichtlich des Antisemitismus unter Jugendlichen überfordert: „Pädagogische Konzepte gab es nicht.“ HEROES probierte aus, welche zu erarbeiten. Zusammen mit den Jugendlichen sah man Filme, die sich mit der Schwarzweißsicht auf den Nahostkonflikt befassten. Wissen wurde vermittelt. Über die Juden und Israel. Um Vorurteile abzubauen. Der Musiker Hellmut Stern, ein Holocaust-Überlebender, wurde eingeladen. Über vier Stunden habe der „mit den Jungs, die sonst nur fünfundvierzig Minuten aushalten, am Stück diskutiert. Nie zuvor hatten sie einen Juden persönlich gesprochen, den sie nun in der Person von Stern als „menschlich“ erlebten. Da, so Mansour, habe er verstanden, „dass wir vor allem in den Schulen einen Riesenfehler machen“. Man habe es schließlich mit Jugendlichen zu tun, die in der dritten Generation in Deutschland leben. „Sie haben unsere Schulen besucht. Und trotzdem waren wir nicht in der Lage ihnen etwas zu vermitteln“, gab Mansour zu bedenken, „was das Thema Antisemitismus angeht“. Der Antisemitismus der Jugendlichen speise sich „aus dem Nahostkonflikt“ und beziehe Nahrung „aus Verschwörungstheorien“. Man gehe zurück bis in die Französische Revolution und behaupte Freimaurer und die ihrer Meinung nach weiter bestehende Illuminatiorden hätten „nun, nachdem sie die das Christentum entmachtet haben, auch den Islam“ entmachten. Sie hätten den Staat Israel gegründet. Von dem gehe alles Übel in der Welt aus.

Das sind deutsche Zustände“

Dass diese Einstellungen unter muslimischen Jugendlichen in Deutschland entstehen können, erklärte Mansour damit, dass der Koran nicht „im lokal-historischen Kontext“ gelesen und verstanden werde. Was unbedingt auch in der Verantwortung von Imamen liege, die dies – Ausnahmen bestätigten die Regel – nicht vermittelten. Als Mansour den Antisemitismus unter Muslimen vor einiger Zeit in der Deutschen Islamkonferenz angesprochen habe, habe man ihm gesagt: „Das gibt es bei uns nicht.“ Zwei Stunden später sei der Berliner Rabbiner Daniel Alter von drei mutmaßlich arabischstämmigen Jugendlichen in Berlin-Friedenau zusammengeschlagen worden, „weil er Jude war und Kippa trug“. Eine Lehrerin in Hamburg sei kürzlich nach einem Vortrag in Hamburg zu ihm gekommen und erzählt, dass sie muslimische Jugendliche ablehnten, seit sie einmal vergessen habe ihr umgehängten Davidsstern zu verbergen. Ahmad Mansour: „Das sind deutsche Zustände.“ Er verlangte für das Thema Antisemitismus eine breite gesellschaftliche Debatte und diesbezüglich größere Anstrengungen seitens der Kultusministerien.

Der Referent nannte aber auch ein positives Beispiel: In Duisburg hat Mansour vor mehreren Jahren mit Jugendlichen gearbeitet. Zunächst hassten sie ihn, weil er Israel aus seinen Erlebnissen anders schilderte, das der von Vorurteilen geprägten Sicht zuwider lief. Dann jedoch fuhr man zusammen nach Auschwitz. Diese Jugendliche arbeiten inzwischen selber an Schulen und leisten Aufklärungsarbeit. Ihre Schulleiterin hatte sich damals gegen die Auschwitz-Fahrt ausgesprochen. Wohl aus Angst, sie könnten dort irgendetwas tun, was problematisch wäre. Diese Jugendlichen seien nie als Teil Deutschlands wahrgenommen worden. Ein großer Fehler. Vielmehr müsse man viel Geld in die Hand nehmen, pädagogische Konzepte entwickeln und Lehrer schon während der Ausbildung dazu befähigen mit schwierigen, auch aktuell-politischen, Themen umzugehen. Im Grunde können es gelingen, die Jugendlichen über deren Lehrer zu begeistern und zu eignen Gedanken zu befähigen. „Erreichen wir diese Jugendliche nicht in der Schule, erreichen wir sie nie“, weiß Ahmad Mansour:

„Tun wir das nicht, tun das andere.“ Wie wir wissen, sind Salafisten und Islamisten oft die besseren Sozialarbeiter.

Wie Islamisten Jugendliche beeinflussen: „Da geht die Post ab!“

Im Anschluss zeigte Ahmad Mansour Videos, die Zeugnis davon ablegten, wie Jugendliche heute mit schwierigen Konflikten umgehen. Unter anderem Rapper, deren Texte alle üblichen gegen Israel, die Juden und die USA gerichteten Vorurteile beinhalten. Überdies existierten einschlägige Seiten in sozialen Netzwerken, die rund eine halbe Million Mitglieder („Killuminati“ auf Facebook) verzeichneten. „Wenn Jugendliche das sehen, da geht die Post ab.“

Ahmad Mansour kritisierte die derzeitige israelische Regierung

Mansour stellte noch einmal klar, dass es ihn nicht darum gehe, ein positives Israel-Bild zu malen. Zum Beispiel finde auch er die israelische Politik der letzten Jahre und die Netanjahu-Regierung kontraproduktiv und nicht in der Lage einen Frieden zwischen Israel und Palästina zu erreichen. Hinter Israel-Kritik, behauptete Mansour, verstecke sich oft Antisemitismus. Er habe etwa bei einer Preisverleihung an ihn durch eine Düsseldorfer Synagoge – wie es in einem jüdischen Gotteshaus üblich ist – eine Kippa getragen. Als Pressefotos damit von ihm auftauchten, habe es gleich geheißen: „Verräter, Zionist, du hast deine Seele verkauft.“ Dabei, sagte Mansour sei nichts was mit Israel in Verbindung stehe in dieser Synagoge zu finden gewesen: „Diese Synagoge hat nichts mit Israel zu tun. Da waren deutsche Juden in einer deutschen Synagoge.“

Den Koran ins Heute holen. Politiker ahnungslos

Islamische Radikalisierung, das erlebe Mansour tagtäglich in Deutschland. Dem entgegen zu wirken, das sei ein nationale, humanistische und demokratische Angelegenheit. „Wir verschlafen das“, obwohl es „punktuell gute Projekte gibt“. Eine innerislamische Debatte müsse her. Es brauche Vorbilder. Kritische Fragen müssten gestellt werden. Der Koran müsse ins Heute geholt werden. Auch die Politik sollte sozusagen endlich in die Puschen kommen. Kanzleramtsminister Peter Altmeier habe ihm bei „Anne Will“ entgegnet, eine islamische Radikalisierung nicht ausmachen zu können. Mansour: „Wo leben diese Politiker? Auf einem anderen Globus?“

Fragen und Impulse aus dem Publikum

Im Anschluss an den interessanten Vortrag Ahmad Mansours konnten aus dem Publikum heraus Fragen gestellt werden, die ihrerseits nicht minder interessant waren. Impulse gaben etwa ein evangelischer Theologe und ein pensionierter Lehrer. Mansour merkte in einer seiner Antworten an, dass Integration etwa derzeit bei Flüchtlingen nicht ausschließlich damit mit einem Integrationspapier (der CDU) getan sei, dass Arbeit und Sprachvermittlung setze, oder das die SPD das Grundgesetz auf Arabisch übersetzen ließ. Untereinander diskutiert wurde selbst dann noch, als Ahmad Mansour bereits den Saal verlassen hatte. Er musste seinen Zug nach Berlin erreichen.

Fazit

Ahmad Mansour hat sich Mühe gegeben, eine weitgehend als differenziert zu bezeichnende Betrachtung des Themas des Abends abzuliefern. Die freilich zwangsläufig vom eignen Lebensweg gefärbt sein musste. Eine Besucherin kritisierte im Gespräch nach dem Ende des Vortrags den ihrer Ansicht nach etwas einseitigen Blick des Referenten auf den Palästina-Konflikt. Und eine verharmlosende, bzw. fehlende Beschreibung der Situation der Palästinenser und deren nicht hinzunehmende oft schikanöse Behandlung seitens israelische Sicherheitsorgane. Sowie das Beschweigen der Angriffe Israels auf Gaza und deren verheerenden Auswirkungen als unverhältnismäßige Reaktion auf den Raketenbeschuss der Hamas auf israelische Ortschaften.

Ahmad Mansour gab den Besucherinnen und Besuchern seines Vortrags in der Auslandsgesellschaft eine hoffnungsvolle Aussicht mit nach Hause: Wenn wir muslimische Jugendliche, wie die aus anderen Kulturkreisen, endlich als „unsere Jugendlichen“ begriffen und auch als solche behandelten, könnte die Gesellschaft insgesamt davon profitieren.

Ein Sachbuch von Ahmad Mansour zum Thema:

Generation Allah. Warum wir im Kampf gegen religiösen Extremismus umdenken müssen“; erschienen bei S. Fischer

nd-Korrespondentin Karin Leukefeld in Herne: In Syrien erleben wir einen Stellvertreterkrieg

BildDer Geschäftsführer des neuen deutschland, Olaf Koppe, begrüßt die Mittelostkorrespondentin Karin Leukefeld; Foto: C.-D.Stille

Durch die Ukraine- und Krimkrise ist ein anderer Konfliktherd, welcher seit Jahren schwelt und viele Opfer gefordert hat und weiter fordert, sowie enorme Zerstörungen von Infrastruktur und historischen Orten zur Folge hat – nämlich Syrien, nahezu aus dem Fokus der Medien verschwunden. Etwa 6 Millionen Flüchtlinge befinden sich in Bewegung, 140.000 tote Männer und Kinder sind zu beklagen. Was wissen wir aber wirklich über Syrien und die Ursachen dieses Konflikten, den die Medien Bürgerkrieg nennen? Vielen von uns dürfte gar nicht bekannt bzw. bewußt sein, dass sich die  über Syrien berichtenden  Medien vom „Hörensagen“bedienen?

Karin Leukefeld ist eine profunde Kennerin Syriens

Am Montag dieser Woche bestand nun – und zwar in Herne, Nordrhein-Westfalen, eine ziemlich einmalige Gelegenheit, aus dem Munde einer profunden Kennerin Syriens nähere Informationen zum Konflikt erhalten.

Zu verdanken war das dem „neuen deutschland“ im Verein mit einer örtlichen Friedensinitiative. Die sozialistische Tageszeitung hatte zu einem Lesertreffen ins „Zille“ im Kulturzentrum Herne geladen. Der Abend stand unter dem Titel „Syrien – Hinter den Schlagzeilen“.  Gast des Lesertreffs war eine Journalisten, die sich auf syrischem Terrain bestens auskennt.

Karin Leukefeld, Jahrgang 1954, ist studierte Ethnologin sowie Islam- und Politikwissenschaftlerin. Die ausgebildete Buchhändlerin ist seit dem Jahr 2000 freie Korrespondentin im Mittleren Osten, u.a. für neues deutschland (Berlin), Junge Welt (Berlin), Katholische Nachrichtenagentur (Bonn), ARD-Hörfunk, Schweizer Rundfunk, Weltnetz TV, Wochenzeitung (Zürich). Leukefeld ist gegenwärtig die einzige Journalistin aus Deutschland, die eine Akkreditierung für Syrien besitzt.

Angekündigt von Edith Grams von der Herner Friedensinitiative und begrüßt von nd-Geschäftsführer Olaf Koppe, sprach Karin Leukefeld im gut gefüllten Saal des „Zille“ über die Situation im Nahen Osten und speziell in Syrien.

Ein regionaler Konflikt hat sich  auf den lokalen draufgesetzt

Leukefeld erinnerte daran, dass im Falle Syriens – nach dem sogenannten „Arabischen Frühling“ – andere Länder, „andere Interessenten“, dort eingegriffen hätten: „Wir haben einen regionalen Konflikt, der sich auf den lokalen Konflikt draufgesetzt hat.“ Protagonisten seien die Türkei, der Iran, Saudi-Arabien, aber auch Israel. Zu den „regionalen Interessenten“, die aber wiederum Konkurrenten untereinander seien, komme, dass man in Syrien einen „internationalen Konflikt“ habe. Nicht etwa weil Syrien besonders reich – etwa an Rohstoffen – wäre. Sondern deshalb, weil das Land ein wichtige geostrategische Lage habe.

Leukefeld: „Und deshalb haben wir einen Konflikt zwischen Ost und West, zwischen Russland und China und den BRICS-Staaten, in diesem Fall Indien und Iran. Und auf der anderen Seite USA und Europa. Und die Golfstaaten.“ Dazu käme eine massive religiöse Aufheizung des Konfliktes. Uns im Westen vermittele sich der Eindruck, es handele sich um einen „innermuslimischen“ Kampf:  den Kampf zwischen Schiiten gegen Sunniten. Alle diese Konflikte seien nach drei Jahren inzwischen „so miteinander verwoben, dass es unglaublich schwierig geworden ist, dort eine Lösung herbeizuführen.“

Karin Leukefeld: „Washington Moskau müssen sich einigen, dass sich ihre regionalen Partner zurückziehen“

Die syrische Opposition – der Konflikt hatte ja zunächst im Lande begonnen – meine inzwischen, der Konflikt müsse international gelöst werden. „Washington Moskau müssen sich einigen, dass sich ihre regionalen Partner zurückziehen“, so Karin Leukefeld.

Historischer Blick auf den Ersten Weltkrieg und den Mittleren Osten

Die Journalistin verwies mit Blick auf  die derzeitige Erinnerung an den Ausbruch des Ersten Weltkriegs darauf, dass dieser „auch in dieser Region des Mittleren Ostens“ begann.  Involviert waren das Osmanische Reich, verbündet mit dem kaiserlichen Deutschland, sowie die Franzosen und die Briten. Nach dem Zerbrechen des Osmanischen Reiches wurden neue Grenzen gezogen. Briten und Franzosen hätten sich damals getroffen, um die jeweiligen Interessensphären auszuloten.

Willkürliche Grenzziehungen – Konfliktpotential für die Zukunft

Und wie so oft (z.B. in Afrika) stehen heutige Konflikte im Zusammenhang mit willkürlichen Grenzziehungen von einst. Gefragt worden sei die betroffene Bevölkerung 1919 nur ein einziges Mal, was sie wolle. Einigkeit bestand darin, dass Syrien und Palästina nicht aufgetrennt werden soll. Und nicht Syrien  nicht unter französisches Mandat komme. Einen Sonderstatus für die Juden sollte es nicht  geben. Darin einig waren sich Christen, Muslime und Juden. Friedenskonferenzen in Paris und in Lousanne, daran erinnerte Karin Leukefeld, haben letztendlich  „exakt das Gegenteil“ dessen beschlossen.

Syrien wurde in der Folge mehrfach geteilt und schließlich Frankreich zugesprochen.

Man kann und sollte das alles nachlesen. Nur so sind heutige Konflikte zu verstehen. Gut zu wissen: Erst 1946 hat sich Frankreich aus Syrien zurückgezogen. Ein Nationalstaat musste sich entwickeln.

Syrien hat seine Bevölkerung immer ernähren können

Das Syrien vor dem Konflikt ist nach Karin Leukefelds Einschätzung ein relativ wohlhabendes Land gewesen. Es gibt kaum Öl.  Gas ist erst vor Kurzem vor der Küste gefunden worden. Wasser ist der eigentliche Reichtum des Landes. Ein fruchtbares Land. Syrien sei ein Agrarstaat gewesen, der seine Bevölkerung immer hat ernähren können. Wasser ist die Voraussetzung für Zivilisation. Die ältesten Zivilisationen, die wir kennen, hätten dort ihren Ausgang genommen und das dem Wasser zu verdanken. Leukefeld: Nicht zuletzt habe auch Europa von diesen Zivilisationen profitiert. Doch das Wasser kommt via Euphrat und Tigris aus der Türkei. Wir erinnern uns: in der Vergangenheit gab es in der Vergangenheit häufig Konflikte zwischen Ankara und Damaskus. Denn Ankara sitzt sozusagen am Wasserhahn Syriens. Und die Türkei hat das ausgenutzt. Durch das  Südost-Anatolien-Projekt und andere türkische Stauddämme  wurde der Durchlauf des Wassers ins Nachbarland Syrien immer wieder verringert.

Enormer Verlust für Syrien: Der Golan

Viele von uns dürften vergessen haben oder unterschätzen, was die israelische Besetzung des Golan (nach dem 6-Tage Krieg) für Syrien bis heute für einen enormen Verlust darstellt. Die Golan-Höhen sind nämlich ein sehr fruchtbares Gebiet mit wichtigen Wasserquellen und Reservoirs. Früher ist ganz Palästina von dort versorgt worden. UN-Resolutionen, die verlangen Israel müsse das Land an Syrien zurückgeben muß, werden bis dato ignoriert. Heute sind die Golan-Höhen für Israel ein sehr beliebtes Tourismusgebiet und nachgerade ein Obstgarten paradiesischer Art und zudem Weinanbaugebiet. Karin Leukefeld denkt, viele Menschen die dort Urlaub machten, sich vergnügten, realisierten  nicht, dass sie sich eigentlich auf syrischem Boden bewegen.

Die große Landflucht führte zu gesellschaftlichen Spannungen

Heute sei das Wasser knapp geworden. Acht Jahre (2000 – 2008) habe es eine große Trockenheit in Syrien gegeben. Viele zu viele Menschen lebten in Syrien. Südlich von Damaskus gibt es nur ein riesige Basaltwüste.

Die Trockenperiode wiederum hatte eine große Landflucht zur Folge. Um die wenigen Großstädte Syriens sind neue „informelle“, Leukefeld sagte, aber auch vom Staat neugebaute Siedlungen entstanden. Trotz allem: Syrien ist nach wie vor Entwicklungsland. Gesellschaftliche Spannungen entstanden. Nach Leukefelds Einschätzung hat auch die syrische Regierung dieser Situation nicht die nötige Aufmerksamkeit geschenkt. Zur Verdeutlichung: Damaskus (die Kernstadt) hat eine Einwohnerzahl von ca. 1,7 Millionen. Um sie herum gibt es Großstädte und kleinere Städte, wo nochmal etwa doppelt so viele Menschen leben. Die wiederum kämen jeden Tag in die Stadt auf der Suche nach Arbeit.

Der  Tod Hafez al-Assads bedeutete eine Zäsur für das Land

Syrien ist eine Brücke zwischen Ost und West, Europa und Asien, zwischen Nord und Süd, zwischen dem Kaukasus und Russland und er arabischen Halbinsel.

Deutlich machte Leukefeld, welch Zäsur  nach vielen vorangegangenen Konflikten der Tod des rücksichtlos regierenden syrischen Präsidenten Hafez al-Assad, der Vater des heutigen Präsidenten, Baschar al-Assad, im Jahr 2000 für das Land bedeutete. Für Karin Leukefeld ist es unstrittig, dass Syrien ein „ganz autokratischer Staat ist“, wo Menschenrechte mit Füssen getreten würden und Demokratie abwesend sei. F#aglos seien Veränderungen notwendig.

Wie kam Syrien in die schwierige Lage von heute?

Mit einem Blick zurück in die Geschichte und auf die jeweiligen Umstände, wollte Leukefeld das kenntlich machen. Eines irretierte die Zuhörer dabei: Karin Leukefeld erwähnte in ihrem Vortrag,  Syrien sei zu Hafez al-Assads Regierungszeit Mitglied des Warschauer Pakts gewesen. Gleichzeitig formulierte die Journalistin richtig, Syrien sei „Mitglied der paktfreien Staaten“ gewesen. Was ja an sich schon im Widerspruch zur vorigen Äußerung darstellte.

Auch mir war eine Zugehörigkeit des Landes zum Bündnis „Warschauer Vertrag“ nicht erinnerlich. Und eine kurze Recherche brachte diesbezüglich auch keine Bestätigung. Allerdings wurde zwischen Syrien und der UdSSR 1980 ein sowjetisch-syrischer Freundschafts- und Kooperationsvertrag abgeschlossen. Zu welchem  es, wie manche Quellen vermuten, eine Geheimklausel gab. Womöglich meinte Karin Leukefeld das?

Syrien war immer ein Brückenstaat und Europa gegenüber offen

Nichtsdestotrotz ist richtig, dass Syrien in der Sowjetunion militärisch, wirtschaftlich und kulturell einen engen Bündnispartner hatte. Auf diese Zeit gehen viele binationale Ehen zwischen zwischen Syrern und Russen zurück. Wer hätte es gewusst? Zur russisch-orthodoxen Kirche existieren sehr enge Bindungen, führte die Korrespondentin aus.

Kulturell und wirtschaftlich jedoch sei Syrien immer auch nach Europa geöffnet – eben ein Brückenstaat gewesen.

Rasante gesellschaftliche Veränderungen durch Baschar al-Assad

Präsident Baschar  al-Assad hat nach Machtantritt rasante gesellschaftliche Veränderungen auf den Weg gebracht. Eine neue Verfassung wurde diskutiert. Karin Leukefeld: „Es gab den Damaszener Frühling 2001 und 2002, wo sich Diskussionsforen in der Öffentlichkeit bildeten.“

Immer wieder gab es Rückschläge. Von Anfang an habe es einen enormen Konflikt zwischen dem politisch „völlig unerfahrenen“ Baschar al- Assad (einem bei dessen Amtsantritt  35-jährigen Augenarzt) „und den Protagonisten des syrischen Regimes, Geheimdienste, der Militärs, die ja teilweise schon unter seinem Vater gedient hatten.  Und den kleinen Baschar al-Assad noch als Kind, sozusagen aus dem  Kindergarten kannten.“

Ein interner Konflikt, „der nicht offen ausgetragen“ worden sei. Dies hätte die Bevölkerung auszubaden gehabt. All das habe einen enormen Gesichtsverlust für Baschar nach sich gezogen. Dennoch habe der Präsident einiges erreicht, beispielsweise „eine Menge Verträge mit der Türkei abgeschlossen  und die Visapflicht abgeschafft“. Eine Fünf-Meeres-Strategie stand dahinter: Alle Staaten die an das Kaspische Meer, das Schwarze Meer, das Mittelmeer, das Rote Meer und den Persischen Golf angrenzten und „miteinander verknüpft sind“ sollten durch Handel und wirtschaftliche Entwicklung und politische Abkommen „miteinander in die Lage versetzt werden, sich zu entwickeln“. Also „etwas ähnliches wie die Europäische Union“. Manche habe das letzlich wahrscheinlich überfordert.

Aber bekanntlich hat sich der türkische Premier später aus Eigeninteresse – einem Traum von  einem neuen Osmanischen Reich? – anders orientiert.

Änderung der Wirtschaftsform erfolgte vielleicht zu rasant

Besonders einschneidend, betonte Karin Leukefeld, habe sich aber die Änderung der Wirtschaftsform in Syrien – von der sozialistischen Planwirtschaft „auf die soziale Marktwirtschaft“ – gesamtgesellschaftlich ausgewirkt.

Die Märkte waren geöffnet: „Da gab es praktisch kein Halten mehr.“

Internet, Satelitenfernsehen, ein neues Bankenwesen mit Geldautomaten vorher unbekannten Checkkarten wurde „innerhalb kürzester Zeit entwickelt“. Eine rasante, wohl zu rasante Entwicklung.

Zugleich erwartete der Westen von Syrien, dass das Land sich in diese Richtung (die Causa Ukraine läßt grüßen!) entscheiden.

Die USA streben gen  Zentralasien

Karin Leukefeld schätzt dazu ein: Der Westen wiederhole immer wieder die gleichen Fehler. Und allen voran die USA, beanspruche Weltmacht Nummer 1 sein und bleiben wolle. Weshalb sie die Kontrolle über die Rohstoffe der Erde müssten. Washington  unternehme alles um seinen Einfluss auszudehnen. Klappe das nicht, so verfahre man eben nach dem Motto: Was ich nicht einnehmen kann, destabilisiere ich.   So verschärfe man politische Konflikte. Beziehungsweise löse  diese aus. Man schaue sich nur die Karte an, bat Karin Leukefeld: Der einzige stabile Staat in der Region sei der Iran. Die USA strebe nach Zentralasien.

Westliche Forderungen nach „humanitären Korridoren“ in Syrien als politisches Druckmittel und Einfallstor für Waffen und Kämpfer?

Syrien sei heute „ein weitgehend zerstörtes Land, in weiten Bereichen ist Krieg“. Es gibt eine Resolution im UN-Sicherheitsrat, wonach alle in Syrien agierenden Parteien aufgefordert werden, humanitäre Hilfe zuzulassen. Auf einer Karte zeigte die Referentin: 15 UN-Organisationen sind im Land aktiv. „Dazu kommen Organisationen des Roten Halbmonds und des Internationalen Kommitees vom Roten Kreuz.“ Syrien hat 13 Provinzen. Überall dort sei die UN vertreten.

Karin Leukefeld fragte, was wohl hinter den Aufrufen in erster Linie an die syrische Regierung stecke, dass sie humanitäre Hilfe zulassen solle. Siebzig Prozent der humanitären Hilfe organisiere die syrische Regierung bzw. syrischen Nichtregierungsorganisationen (es gibt 1400). Als Grund dafür,dass man immer wieder die syrische Regierung für die humanitäre Katastrophe – die es ja wirklich gibt -verantwortlich mache, ist der: Es wird politischer Druck ausübt.

Hilfskonvois haben mit enormen Schwierigkeiten zu kämpfen

Leukefeld führt ein Beispiel dafür an, wie schwer es ist zu helfen. Eine Mitarbeiterin des Deutschen Roten Kreuzes erzählte es ihr: Sie hätten einen Konvoi von 20 bis 40 Lkw mit medizinischen Hilfsgütern, Nahrungsmittel, Decken und Matratzen fertig gemacht. Vor der Abfahrt sind Genehmigungen nötig. Es wird mit der Syrischen Armee geredet. Die geben ihr Okay, allderdings verbunden mit dem Hinweis: da müsse noch mit anderen gesprochen werden. Sie hätten nicht überall Kontrolle. „Die Anderen“, dass sind dann mindestens 17 verschiedene Kampfverbände. Die müsse man erst einmal alle erreichen! Schließlich hatten sie von 16 Kampfverbänden die Genehmigungen. Die siebzehnte Gruppe sah dann, dass sie u.a. Milchprodukte aus Dänemark geladen hatten. „Dänemark“, sagten  die dann, „dass sind doch die mit den Mohammed-Karikaturen? Das kommt nicht in Frage. Ihr kommt hier nicht durch!“

Auch die immer wieder geforderten „humanitären Korridore“ haben ihre Haken. Warum ist Damaskus dagegen? Weil Kämpfer und Munition die gleichen Wege gehen, wie Waffen und Munition und es wäre „eine Missachtung der staatlichen Souveränität“.

Forderung muss lauten: Keine Waffen mehr für Kampftruppen

Stattdessen müsse man ja wohl viel eher fordern, dass die Kampftruppen keine Waffen mehr bekommen. Und verlangen, dass Kämpfer, nicht mehr über die Grenze gelassen werden. Die Türkei spielt dabei eine unrühmliche Rolle. Allein aus Deutschland sind offenbar 300 von Islamisten verführte Jugendliche nach Syrien eingeschleust worden. Und auch aus Syrien geflüchtete junge Menschen werden in der Türkei umgedreht, indem man sie drillt, damit sie „etwas für Land tun“ und sie letztlich als Kämpfer zurückschickt.

„Infam“: Kämpfer kommen über den Golan. Die Weltgemeinschaft tut nichts

Selbst über den Israel besetzten Golan sickerten Kämpfer ein. Das sei „besonders“ infam, meint Leukefeld, weil es ja ein entmilitarisiertes Gebiet sei. Die Syrische Armee darf hier keine Waffen einsetzen. Beobachtet wurde das von der UN und Israel. Karin Leukefeld ist sich sicher, dass der UN-Sicherheitsrat diese ganzen Informationen hat. Leukefeld: „Ich hatte schon 2012 darüber geschrieben.“ Unternommen wurde nichts. Die Staatengemeinschaft schaut zu.

Keinesfalls weiter militärisch agieren

Wie schwierig die Lage auch sei, führte Karin Leukefeld aus, sie zeige: Auf keinen Fall ist ihr militärisch zu begegnen. „Es ist sowieso schon alles aufgeheizt genug.“ Das Land brauche einen Waffenstillstand und die Möglichkeit ihr Land wieder aufzubauen.“

Das Ausmaß der Waffenlieferungen aus Katar, Saudi-Arabien, Jordanien und Kroatien an die Kämpfer wurde durch weitere Ausführungen der Referentin überdeutlich. Die meisten dieser Lieferungen werden per Flugzeuge in die Türkei geliefert und dann von dort nach Syrien geschleust. Beteiligt sind die jeweiligen Luftwaffen. Ein Skandal!

Seymour Hersh: CIA und MI 6 verdeckt in Waffentransporte verstrickt

Gestern sei sein (zunächst auf Englisch) ein sehr interessanter Artikel von Seymour Hersh erschienen. Hersh schreibt, es habe im Januar 2010 eine Vereinbarung gegeben, dass der CIA und der  MI 6 die Waffenlieferungen organisieren. „Geld und Hardware kam aus den Staaten.“ Die nötige Infrastruktur für die Waffentransporte wurden ja benötigt. Das sei verdeckt erledigt worden. Karin Leukefeld: Unsere Medien greifen das leider unzureichend auf. Stattdessen vermittele man, es ginge bei den Kämpfen in Syrien um Demokratie und Freiheit.

Kein Bürgerkrieg in Syrien: ein Stellvertreterkrieg

Aus den zunächst nachvollziehbaren Protesten der syrischen Bevölkerung um den „Arabischen Frühling“ herum, ist nach Aufassung Karin Leukefelds ein Stellvertreterkrieg geworden. Deshalb nennt sie den Syrien-Konflikt deshalb auch nicht „Bürgerkrieg“. Die dabei Involvierten vergössen allerdings quasi syrisches Blut für ihre Interessen.

„Ein dramatisches Bild“: Zweite Nakba

Beeindruckend war ein Foto, das in Yarmouk aufgenommen wurde: Eine zerstörte Straße übervoll von Menschen, die nach Hilfsgütern unterwegs zu einem Checkpoint sind. Leukefeld: „Ein dramatisches Bild.“ Und weiter: „Da haben mal 180.000 Menschen gelebt.“ Das Leben boomte dort, die Mieten waren billig. Im Dezember 2012 wurde das „Lager“ (man nennt es so, weil es 1948 das erste Flüchtlingslager für vertriebene Palästinänser in Syrien war), eigentlich ein Stadtteil von Damaskus., „sozusagen von bewaffneten Kämpfern überfallen.“ Leider sei die Hamas daran beteiligt gewesen.

Innerhalb von zwei Tagen seine 160.00 Menschen von dort geflohen. Freunde von Karin Leukefeld, die dort wohnten, nannten diese Vertreibung aus Yarmouk die zweite Nakba. Nakba, so nennen die Palästinenser die Vertreibung aus ihrer Heimat, die furchtbare Katastrophe ihres Volkes.

Man macht Frieden mit dem Feind

Was wäre in Syrien zu tun? Karin Leukefeld: „Man muss unbedingt dafür sorgen, dass dort die Waffen schweigen.“ Und das erste was getan werden muss, ist dafür zur sorgen, dass keine Waffen mehr ins Land kommen!“ Dringend müsse begonnen werden, einen Dialog zu führen. „Einen Dialog zu beginnen. Man macht Frieden mit dem Feind. Und nicht mit seinem Nachbarn.“ Die Genfer Gespräche, seine immerhin ein Anfang gewesen. Die Syrer hätten angefangen einen Dialog zu führen. Lokale Waffenstillstände seien vereinbart.

Es gebe Vereinbarungen zwischen der Armee und lokalen Kämpfern, so dass Familien wieder zurückkehren könnten. Die politsche Opposition in Syrien sei durch durch die Militarisierung des Konfliktes völlig an die Wand gedrückt: „Heute wollen die Leute nicht mehr Demokratie und Freiheit. Sie wollen Waffenstillstand und ihren Alltag irgendwie wieder bewerkstelligen.“ Wahrlich „eine schwierige Lage“, wie Leukefeld ihren Vortrag beschließt.

Fazit

Ein hochinteressanter, spannender Vortrag, in welcher die bedrückende Lage in welcher sich Syrien befindet, eindrucksvoll geschildert und detailreich erklärt wurde. Noch dazu von jemanden wie Karin Leukefeld, die das Land und den Mittleren Osten seit vielen Jahren kennt und Informationen aus erster Hand liefern kann. Deprimierend dabei daran erinnert zu werden, dass es in Syrien 6 Millionen Binnenflüchtlinge gibt. Und dazu noch einmal 4 Millionen Menschen, die das Land verlassen haben. Dazu: 2012 hatte Syrien eine Bevölkerung von 22,4 Millionen.

„Syrien – hinter den Schlagzeilen“ – der Titel der Veranstaltung war gut gewählt. Und die Referentin hat geliefert. Harte Fakten, die verdaut werden wollen. Der Abend in Herne lieferte abermals den Beweis: Was uns die Mainstream-Medien an Informationen über die Situation in Syrien bislang verkauften, war nicht selten – Ausnahmen bestätigen die Regel – einseitig. Und von den Intereressen des Westens beeinflusst. Wie wir ja nun wieder im Falle der Ukraine erleben müssen.

Karin Leukefeld ist es zu danken, dass – wenigstens für die Besucher der gestrigen Veranstaltung – das Thema Syrien, wieder ins Bewusstsein gerückt wurde. Es war  nicht zuletzt wegen der Ereignisse  in der Ukraine und auf der Krim aus dem Fokus der Medien geraten.  Nach ihrem Vortrag fällt es schwer, nur immer vom Assad-Regime zu sprechen oder davon zu hören. Denn das gibt es so ja nicht. Vielmehr hat man es mit einem System mit vielen Knotenpunkten und unterschiedlichen Interessen zutun.  Zu denken wäre da an die gleich mehreren Geheimdienste und die Militärs.  In der Not halten sie das System zusammen. Weil man wisse: Wenn einer fällt, fällt möglicherweise alles.

Was wird aus  Assad? Leukefeld: Er steht sehr unter Druck. Im Juni stehen Präsidentschaftswahlen an.  „Wenn er sich frei entscheiden kann, dann macht er lieber seine Augenarztpraxis wieder auf.  Er hat aber diese Freiheit nicht mehr zu entscheiden.“ Assad wird also wohl nicht umhin können nochmals zu kandidieren.  Leute in Syrien sagen,  es wäre besser, wenn Assad  weg wäre. Andere meinen, dann würde das Blutbad noch größer.  Karin Leukefeld tendiert zur zweiten Meinung.

Hier ein Vortrag von Karin Leukefeld zu Syrien zum Anhören (in leicht gekürzter Form) via „r-mediabase.eu„.

Dr. Khouloud Daibes, Botschafterin Palästinas: „Das andere Gesicht des palästinensischen Widerstands“

 

BildDie Botschafterin Palästinas, Dr. Khouloud Daibes bei ihrem Vortrag in Dortmund; Foto: C.-D. Stille

Spätestens mit den Ereignissen in der Ukraine und der damit verbundenene Krimkrise ist ein Krisen- und Konfliktherd entgültig in den Hintergrund getreten: Der Nahe Osten und Palästina. Schon der „Arabische Frühling“ hatte dafür gesorgt, dass dieser seit Jahrzehnten schwelende Konflikt aus dem Fokus der internationalen Betrachtung geraten ist. Jedoch auch ohne dies könnte man zynisch sagen, die Weltgemeinschaft hat sich an diese Situation im Nahen Osten „gewöhnt“. Viele halten diesen Konflikt höchstwahrscheinlich gar für unlösbar.

Deutschland unterhält – schon aus historischen Gründen – sehr gute Beziehungen zu Israel. Aber auch zu den Palästensern. Darauf weist auch die Palästinensische Mission in Berlin hin: „Seit den 1970er Jahren stehen Deutschland und Palästina in einem engen regelmäßigen Austausch. Als erster Staat weltweit hat Deutschland 1994 eine erste internationale Repräsentanz in Jericho eröffnet.“

Dr. Khouloud Daibes, die in Hannover Architektur studiert hat, referierte als Botschafterin Palästinas in der  Auslandsgesellschaft NRW in Dortmund

Gestern nun bot sich in Dortmund die Gelegenheit auf die Chefin dieser Mission, die Botschafterin Palästinas in Deutschland, Dr. Khouloud Daibes, zu erleben. Die Auslandsgesellschaft NRW e.V. und die Palästinensische Gemeinde e.V. hatten die sympathische Diplomatin zu einem Referat mit anschließender Diskussion eingeladen. Dr. Daibes, die in Hannover Architektur studiert hat, hielt ihren Vortrag auf Deutsch. Der Titel: „Das andere Gesicht des palästinensischen Widerstands“

Palästinensisches Kulturgut vor dem Vergessen retten

Das Referat enthielt äußerst interessante Aspekte. Denn die Architektin und ehemalige palästinensische Ministerin für Tourismus und Altertümer (von März 2007 bis Juli 2012) berichtete vor dem bis auf den letzten Platz besetzten Saal über persönliche Erfahrungen und Erlebnisse. Betreffend den Wiederaufbau, die Restaurierung und Rettung von Kulturgut vor dem Vergessen. Besonders gehe es darum, der weiteren Zerstörung bedrohter Altstädte und Kulturdenkmäler, beispielsweise in Bethlehem, Hebron, Jerusalem und Nablus entgegenzuwirken. Die heutige Botschafterin ihres Landes kennt die Problematik hautnah. Sie wurde in Bethlehem geboren und wuchs in in Jerusalem am Ölberg auf.

Die Palästinenser waren stets fremdbestimmt

BildDie düstere „Entwicklung“ Palästinas; Foto: C.-D. Stille

Deutlich wurde schon eingangs des Vortrags der Botschafterin vor welch komplizierte Aufgaben sich Archäologien und Denkmalpfleger bei ihrer Arbeit in Palästina gestellt sehen. Was selbstredend einmal mit den Folgen der Nakba – die Vertreibung und Flucht von über 700 000 Palästinsern aus dem britischen Mandatsgebiet – zutun hat. Aber auch damit, dass die Palästinenser stets fremdbestimmt waren. Durch die Osmanen, die Jordanier, die Briten und nun zu im Verlaufe der Jahrzehnte nach der Nakba durch die Israelis, die große Teile palästinensischen Lebensraums okkupierten bzw. kontrollieren. Was sehr gut an einem Schaubild in Dr. Daibes Power-Point-Präsentation zu sehen war. Palästina ist in viele kleine Inseln zersplittert. Dazwischen Kontrollpunkte der israelischen Armee.

Dr. Daibes: Ein Volk muss seine Vergangenheit kennen, um in die Zukunft gehen zu können

Leicht könnte spärlich Informierten die Frage in den Kopf kommen, warum sich ein Land wie Palästina denn ausgerechnet um Archäologie und Denkmalpflege kümmert. Hat man nicht viel gravierendere Probleme?

Die Botschafterin machte klar, dass diese Probleme gerade auch damit zusammenhängen. Ein Volk muss die Vergangenheit kennen, um in die Zukunft gehen zu können. Und gerade kulturhistorisch, so Dr. Daibes, sei Palästina ein reiches Land. Drei Religionen auf engem Raum sind damit verknüpft. Allein die Stadt Hebron ist über 10 000 Jahre dauerhaft bewohnt. Aber was haben nun Archäologie und Denkmalpflege, um auf den Titel des Referats zurückzukommen, mit dem palästinensischen Widerstand zutun? Die Botschafterin sagt es. Und der eine oder andere von uns dürfte es vielleicht schon gelesen haben: Gerade Israel setzt in den vergangenen Jahren die Archäologie quasi als Tool ein. Archäologie wird sozusagen zum historischen Machtfaktor. Israel benutzt diese Wissenschaft in erster Linie in Jerusalem („König Davids Badewanne“; Zeit Online) als Waffe, um die arabische Bevölkerung zu vertreiben. Israel versuche so die Vergangenheit der Gegenwart anzupassen.

Israelis versuchen „Eliminierung von Geschichte“ bzw. machen sieeigenen Mythen passend

Für die Palästinenser sei gerade Immaterielles wichtig für Kontinuität und Identität. Meint Botschafterin Daibes. Schon aus dem Grunde müsse man gegen absichtliche Zerstörungen (vor allem durch Siedler) angehen. Denn zweifellos bezweckten die Israelis, verstärkt seit den 1990er Jahren, die Eliminierung von Geschichte. In der Regel um sie passend zu eignen Mythen umzumodeln.

Seit der Gründung der Palästinensischen Autonomiebehörde nach den Osloer Verträgen kümmere man sich um die eigne Identität.

Khouloud Daibes beklagte die massiven Zerstörungen von historischen Gebäuden und die Zerteilung von palästinensischen Gebieten besonders nach der 2. Intifada. Neben Naturreserven sei ein großes Gebiet unter israelischer Militärkontrolle. Zahlreiche Kontrollposten der israelischen Armee und damit verbundene Schikanierungen diese passieren wollen bzw. müssenden Palästinensern machen einen Transit zwischen Flickenteppichen, die ihnen verblieben sind, zur Tortur. Bisweilen gar unmöglich. Dafür sorgt zusätzlich die gewaltige Mauer, die die israelischen Siedlungsgebiete inzwischen von palästinensischen Wohnorten trennt. Die Botschafterin berichtete, zeitweise sei an eine Untertunnelung israelischer Wohngebiete gedacht worden, um die palästinensische Wohnorte miteinander zu verbinden.

Statt lamentieren Widerstand leisten

Palästina ist so vor immense Schwierigkeiten gestellt. Bauland – weil knapp – sei teuer, historischen Bauten abgerissen worden. Natur wurde zerstört. Sogar Berge abgeschliffen, um darauf israelische Siedlungen zu errichten, wo einst Wälder waren. Dazu Straßen gebaut, welche ausschließlich von den israelischen Siedlern benutzt werden dürfen.

Dr. Daibes beklagt dies außerordentlich. Doch, so die Diplomatin, nütze es nicht zu lamentieren. Vielmehr gelte es Widerstand zu leisten. Palästina geht es nun laut seiner Botschafterin in Deutschland vornehmlich darum die eigene Kultur zu bewahren. Dies macht auch die Registrierung von historischen Gebäuden, deren denkmalpflegerischer Restaurierung, sowie eine schrittweise Inventarisierung von Kulturgütern notwendig. Damit ist u.a. die Nichtregierungsorganisation RIWAQ betraut. Daibes selbst arbeitete dort. Sie restaurierte Kirchen, Synagogen und Moscheen. Aber auch – wie anhand projiizierter Fotos (vorher-nachher) anschaulich dargestellt wurde – Wohngebäude.

Militante israelische Siedler verdrängten palästinensische Bewohner der Stadt Hebron

Nicht kalt lassen kann uns die unverschämte und teils rücksichtslose Vorgehensweise von Israelis zum Beispiel in der geteilten Stadt Hebron. Das Gebiet H 1 verblieb den Palästinensern, H 2 wird von israelischen Siedlern bewohnt. Von einmal 10 000 Einwohnern ging die Wohnbevölkerung auf 400 zurück. Um die 800 militante israelische Siedler verdrängte die palästinensischen Bewohner. Um verdeutlichen, was das im Detail heißt, nannte die Botschafterin Zahlen: Mehr als 10 000 Wohnungen seien seinerzeit geräumt, über tausend Geschäfte geschlossen worden. Das sind 70 Prozent von allen Läden überhaupt. Über hundert Straßen waren gesperrt worden. Hebron glich an vielen Stellen fast einer Geisterstadt. Wie ein Zusammenleben in dieser so veränderten Stadt möglich ist, ist kaum vorstellbar. Zumal nicht wenige israelische Siedler nichts unversucht lassen, die verbliebenen Palästinenser zu drangsalieren.

Aus manchen von ihnen in Beschlag genommenen Wohnhäusern schauen diese nicht nur allein aufgrund der Tatsache, dass sie deren oberen Etagen bezogen, aus der Höhe auf sie herab. Sondern vor allem auch aus Überheblichkeit und voller Hass. Viele von ihnen verhalten sich dermaßen niederträchtig, dass sie ihren Müll auf die Palästinser herabwerfen. Andere wiederum randalieren und lassen ihre Hunde los, um die arabische Wohnbevölkerung einzuschüchtern. Wie nur sind solche Zustände im 21. Jahrhundert möglich, fragte sich da bestimmt so manche Zuhörerin und mancher Zuhörer gestern Abend in der Auslandsgesellschaft Dortmund.

Die Anstrengungen der palästinensischen Regierung können sich durchaus sehen lassen

Gleichzeitig allerdings ist man versucht den nicht vorhandenen Hut vor dem Gleichmut der Betroffenen zu ziehen. Die bislang unternommenen Anstrengungen ihrer Regierung, von welchen Dr. Khouloud Daibes berichtete, können sich durchaus sehen lassen. Sie wirken den negativen Entwicklungen widerständig entgegen. Zwecks der Belebung der verbliebenen Wohnviertel, der Läden, der Förderung traditionellen Handwerks wurde viel getan.

In Palästina hatte einst, wie ein Zuhörer später nachtrug, die Glasbläserei einen vergleichbar hohen Stellenwert wie die Venedigs.

Heute wohnen wieder 6000 palästinensische Einwohner in Hebron

Nicht zuletzt ist die erfolgte sukzessive Ansiedlung von palästinensischen Familien aus anderen Gebieten zu nennen. Oft kommen sie zu mehreren in größeren Häusern unter. Sie müssen nur symbolische Preise für Mieten zahlen. Es geht den Behörden in erster Linie um eine soziale und wirtschaftliche Belebung der verbliebene Gebiete. All das ist alles andere als einfach. Nicht selten ist der Eigentumsnachweis von Häusern überaus schwierig bis unmöglich. Kataster gibt es nicht. Registrierungen andere Art auch nicht. Nur manchmal finden sich noch alte Dokumente. Da fällt es schwer gegen „Ansprüche“ militanter israelischer Siedler anzukommen. Klagen sind dann nur vor israelischen Gerichten möglich. Auch die Versorung mit Wasser, Strom und die Unterhaltung von Straßen stellt die Palästinenser vor große Probleme. Was Hebron betrifft, so ist es gelungen die Wohnbevölkerung unterdessen wieder auf immerhin 6000 Menschen zu bringen.

Arbeitslose werden in Jobs vermittelt, die Geburtskirche wird mit internationaler Hilfe restauriert

Wie aus dem Referat der Botschafterin zu erfahren war, würden des Weiteren Arbeitslose in Jobs als Bauarbeiter vermittelt. Doch nach wie vor sei man, beispielsweise um die Altstadt von Hebron wieder bewohnbar zu machen, auf internationale Hilfe angewiesen. Es gibt verschieden Initativen auch unter dem Dach der UNESCO. In Bethlehem sei der Erhalt des kulturellen und religiösen Erbes von hoher Wichtigkeit. Große Fortschritte wären dabei bei der Restaurierung der Geburtskirche in Absprache mit den jeweiligen Religionsgemeinschaften vorzuweisen. Experten aus aller Welt sind involviert.

Man schreitet auf vielen Wegen voran

Frau Dr. Daibes hob die hohe Bedeutung des immateriellen Kulturerbes für ihr Volk hervor. Wobei auch die dazugehörigen Narrative zu berücksichtigen, zu konservieren und natürlich an folgende Generationen weiterzugeben seien. Man schreite auf vielen Wegen voran. Selbst auf dem Gebiete der Touristik. Es wurde und wird an bestimmten Landrouten gearbeitet. Wenngleich bislang nur wenig Touristen nach Palästina kommen. Was gewiss damit zutun hat, dass augenblicklich nur über Jordanien oder Israel eingereist werden kann. Dr. Khouloud Daibes ermutigte dennoch dazu, ihre Heimat zu besuchen. Deutsche stehen an erster Stelle der nach Palästina einreisenden Touristen. Manche kombinieren die Reise mit Besuchen Israels.

Boschafterin Dr. Daibes nimmt nicht ihre politische Arbeit ebenfalls ernst

Es war der Botschafterin  anzumerken, wie sehr sie die Arbeit in der Archäologie und der Stadtsanierung liebt, schätzt und wohl auch ein wenig vermisst. Wohl auch deshalb zeigen einige der letzten Bilder an diesem Abend Gebäude an deren Restaurierung bzw. Sanierung sie mitwirkte. Zu diesem Behufe musste eine kleine Panne überwunden werden. Der hauseigene Laptop versagte den Dienst. So kam das  Notebook der Botschafterin zum Einsatz. Die Zwischenzeit überbrückte die Diplomatin souverän.

Sie bedauerte, dass sie nun eben nicht mehr hundertprozentig „in der Thematik drinsteckt“. Nichtdestotrotz nimmt Dr. Khouloud Daibes als zu recht stolze Diplomatin ihres Landes – noch dazu als erste Frau auf einem solchen Posten – die politische Arbeit, in die sie „reingerutscht“ ist, nun nicht weniger ernst.

Palästina – wann?

BildFoto Power-Point-Projektion: C.-D. Stille

Bezugnehmend auf eine Projektion welches die Palästinenser ausgrenzenden Mauer mit der Aufschrift Berlin – 1989/Palestine – ? abbildet, fragte jemand aus dem Publikum: Hat Botschafterin Daibes denn diesbezüglich noch Hoffnung? Die Antwort der Diplomatin fiel klar und unmissverständlich aus: Natürlich! Und Applaus brandete auf, um diese lebensnotwendige Zuversicht solidarisch zu unterstützen. Dr. Daibes zeigte sich davon  überzeugt, dass die israelische Besatzung und jedwede Behinderungen und Einschränkungen des Lebens ihres Volkes nicht geschafft hätten, die Palästinenser kulturell zu verarmen.

Nicht zuletzt ist dies wohl auf „Das andere Gesicht des palästinensischen Widerstands“ zurückzuführen, das uns gestern von ihr facettenreich vorgestellt wurde. Die Hoffnung ist ein starker Faktor für die Palästinenser. Aber auch die Tat, die eines Tages in eine vernünftige Zukunft dieses Volk als friedlicher Nachbar eines friedlichen Israels führen soll: Die Bewahrung der eigenen Identität gegen Widerstände von aussen. Die Botschafterin: Manches Land der Welt, dass nicht mit Problemen wie ihr Volk kämpfen müsse, sei da längst nicht so weit die Palästinenser.

Palästina nicht aus dem Fokus geraten lassen

Zugegeben, von diesen Anstrengungen Palästinas lassen unsere Medien höchst selten etwas verlauten. Bei Widerstand denken wir deshalb eher an anderes. Ein hochinteressantes Referat einer engagierten und noch dazu überaus sympathischen Vertreterin ihres Landes Palästina! Sicher, die Krim-Krise und andere weltpolitische Ereignisse davor haben die Probleme diesen Landes im Nahen Osten aus dem Fokus der Medien geraten lassen. In diesen Tagen lesen und hören wir viel von Völkerrecht und dessen Verletzung. Da ist auch etwas dran. Bedenken wir jedoch: In Palästinas wird seit der großen Katastrophe der Palästinenser, der Nakba, seit Jahrzehnten das Völkerrecht mit Füssen getreten. Tagtäglich sogar. Zynisch wäre es, hätten wir uns daran „gewöhnt“. Die Palästinenser, dass machte Botschafterin Dr. Khouloud Daibes in Dortmund entschlossen deutlich, werden – wie könnten sie auch? – sich niemals daran gewöhnen. Und auch wir dürfen das nicht tun.