Dortmund: Integration Point mit positiver Zwischenbilanz

Logo Integration Point: Quelle: Jobcenter Dortmund

Logo Integration Point: Quelle: Jobcenter Dortmund

Am 19. Oktober 2015 eröffneten (hier; Quelle: Nordstadtblogger) die Agentur für Arbeit Dortmund und das Jobcenter in Kooperation mit der Stadt Dortmund eine zentrale Anlaufstelle für Flüchtlinge, den Integration Point. An diesem Donnerstag zogen die Partner in einer gemeinsamen Pressekonferenz eine erste Zwischenbilanz und informierten über die Arbeit im Integration Point. Begonnen wurde mit 12 Mitarbeitern. Inzwischen sind es 46 Mitarbeiter, die insgesamt 12 Sprachen sprechen.

Kundenstruktur des Integration Point

In den knapp acht Monaten seit Start des Projekts haben mehrere tausend Menschen den Weg in den Integration Point gefunden. Begonnen wurde mit 12 MitarbeiterInnen. Inzwischen sind es 46 Beschäftigte, die insgesamt 12 Sprachen sprechen.

2.218 geflüchtete Menschen werden aktuell im Integration Point betreut. Davon sind ca. 22 Prozent oder 482 Personen Frauen. Der Großteil der Menschen, 1.622 Personen sind Zuwanderer aus Syrien. Es folgen 205 geflüchtete Menschen aus dem Irak, 94 Menschen aus Eritrea, 92 Personen stammen aus Afghanistan und 61 geflüchtete Menschen aus dem Iran.

38 Prozent der Kunden sind 25 – 35 Jahre alt. 26 Prozent sind 20 – 25 Jahre. 15 Prozent (35 – 45 Jahre), 13 Prozent (15 – 20 Jahre) und sieben Prozent sind 45 – 55 Jahre alt. 80 Prozent aller Kunden im Integration Point haben keine deutschen Sprachkenntnisse. 16 Prozent der Menschen verfügen bereits über Grundkenntnisse. Vier Prozent können erweiterte Kenntnisse aufweisen oder beherrschen die Sprache verhandlungssicher.

Die gemachten Fortschritte können sich sehen lassen

Astrid Neese, Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Dortmund, sieht das „von uns selbst gesetzte Etappenziel gut erreicht“. Der Integration Point werde sehr stark nachgefragt. Aktiv wird er von Ehrenamtlern in der Flüchtlingsbetreuung aufgesucht. Auch von den Geflüchteten selbst. Andererseits, so Nees, gehe man auch selbst auf die Zielgruppe zu. Es werden Flüchtlinge mit hoher Bleiberechtswahrscheinlichkeit und Bildungsabschlüssen, die arbeits- und ausbildungsmarktnah sind (535 Personen). Typischerweise seien das Menschen aus Syrien (85%), Eritrea, dem Irak und dem Iran. Darunter sind auch minderjährige unbegleitete Flüchtlinge. Berufsberatungen werden durchgeführt. Junge Flüchtlinge ins Handwerk zu integrieren, das habe erfolgreich unterstützt werden können. 34 von 100 Stellen seien besetzt worden. Die gemachten Fortschritte könnten sich sehen lassen. Astrid Neese: „Immerhin zehn Menschen konnten wir schon in Arbeit integrieren.“ Was sich nach wenig anhören mag, gab Neese später zu bedenken, sei dennoch eine ganz ordentlich Größe. Schließlich müssten erst die nötigen Sprachkenntnisse vermittelt werden. Andere Flüchtlinge machten Langzeitpraktika.

Frank Neukirchen-Füsers: Ziel ist es, „dass die geflüchteten Menschen wirklich bei uns ankommen“

Ein praktische Kompetenzfeststellung betreffs vorhandener Berufskenntnisse der Integrations-Point-Kunden wird durchgeführt. Darüber informierte Frank Neukirchen-Füsers“, Geschäftsführer Jobcenter Dortmund. Ziel ist es, „dass die geflüchteten Menschen wirklich bei uns ankommen“. Das gelinge nur, „wenn wir sie da abholen, wo sie stehen“.

In den Herkunftsländern der Flüchtlinge existiert kein duales Ausbildungssystem wie in Deutschland. Dennoch hätten die Menschen dort brauchbare Fähigkeiten erworben und Handwerke ausgeübt. In Kenntnis gesetzt würden sie darüber, wie der Ausbildungs- und Arbeitsmarkt in Deutschland strukturiert ist. In Sachen Kompetenzfeststellung und Spracherwerb werde man ab Mitte August in kombinierte Maßnahmen einsteigen. Gut 520 Menschen wolle man in diese Maßnahmen bringen. Auf 1500 Fördermaßnahmen könne man in diesem Jahr durchaus kommen, so Neukirchen-Füsers. Ausdrücklich wies der Geschäftsführer daraufhin, dass die finanziellen Mittel für die Maßnahmen alle „on top“ gekommen seien. Heißt, das Jobcenter habe rund 7,6 Millionen Euro in diesem Jahr zusätzlich erhalten. Nichts gehe zulasten der bisherigen Arbeitsmarktpolitik.

Situation in Dortmund entspannt sich

Jörg Süshardt, Amtsleiter des Sozialamtes Dortmund, schätzte aus seiner Warte die Maßnahmen des Integration Point auch im bundesweiten Vergleich als gut laufend ein. In Dortmund hätten momentan 7000 Menschen den Status „Flüchtling“. Sehr stolz sei er darauf sagen zu können, dass davon bereits 4000 in „wohnungsmäßigen Zusammenhängen“ und „nur“ 3000 Personen in den 19 stationären Einrichtungen für Flüchtlinge. Die durchschnittlichen Verweildauer dort betrage ca. 6 bis 8 Monate. Von den 7000 seien 4600 Menschen im Alter von 17 bis 65 Jahre. Der Rest im Schulalter. Insgesamt, vermeldete Süshardt, habe sich die Situation in der Stadt entspannt. Dennoch erreichten jede Woche zusätzliche Geflüchtete Dortmund. Etwa unter 50 Zuweisungen erhalte unsere Stadt wöchentlich. Arbeitsgelegenheiten (bezahlt mit 1,05 Euro pro Stunde, Absenkung auf 80 Cent ist bundespolitisch angedacht) niederschwelliger Art biete man an.

Aus Sicht eines großen Arbeitgebers

David Gößwein von der Katholischen St.-Johannes-Gesellschaft-Projektkoordination erstattete aus der unmittelbaren Praxis eines großen Arbeitgebers (acht Einrichtungen, 2700 MitarbeiterInnen) Dortmunds Bericht. Die Zusammenarbeit mit dem Integration Point betrachte man als Teil einer gesellschaftlichen Verantwortung. Was sich daraus ergebe, stelle sich bereits jetzt als Win-win-Situation heraus. Nicht zuletzt vor dem Hintergrund eines künftig enorm steigenden Pflegebedarfs in Deutschland, respektive des dann verstärkt benötigten Pflegepersonals. Gerade als interkulturelles Unternehmen mit interkulturellen Stationsdiensten böten sich hier viele Möglichkeiten im Sinne der Ziele des Integration Point. Viele MitarbeiterInnen sprächen zwei bis drei Sprachen. Eine sprachliche Grundkompetenz gilt als Basis für die Integration von neu Zugewanderten. Entsprechende Sprachkurse wolle man künftig selbst anbieten. Sein Unternehmen halte neben dem medizinischen Bereich ein breites Spektrum an Einsatzmöglichkeiten (Technik, EDV, Verwaltungsdienst) bereit. Ausbildung in Kinder- und Alterspflege, Pflegeassistenz kann vermittelt werden. Vollzeitpraktika werden angeboten. Auch Teilzeitpraktika sind möglich. Etwa für Personen, die noch Sprachkurse besuchen. Einige Angebote für Praktika an Geflüchtete seien schon unterbreitet worden.

Astrid Neese für Realitätssinn statt Schnellschüssen

Astrid Neese lobte die hohe Bereitschaft von Arbeitgebern sich der Geflüchteten anzunehmen. Schnellschüssen erteilte sie indes ein Absage. Immer müsse zunächst die Sprache erworben werden, welche dann später fachsprachlich ergänzt werden könne. Es sollte alles langsam angegangen werden. Manchmal bedürfe es auch wieder eines Schrittes zurück. Werde mit Geduld vorgegangen, so könnten nicht wenige der betreuten Neuzuwanderer als Fachkräfte von morgen gut in den Arbeitsmarkt einzugliedern sein. Von Anfang an habe man wohlweislich Realitätssinn angemahnt. Rasante Integrationserfolge wären unrealistisch. In den vergangenen acht Monaten habe man viel dazu gelernt, bekannte Astrid Neese.

Haben uns gut auf die geflüchteten Menschen in Dortmund vorbereitet

Die über den im Oktober letzten Jahres via Integration Point kooperierenden Einrichtungen in Dortmund sind der Meinung: „Wir haben uns gut auf die geflüchteten Menschen in Dortmund vorbereitet.“ Die am Donnerstag gegenüber der Presse gezogene Zwischenbilanz inklusive der genannten, diese anschaulich untermauernden Zahlen sowie die allmählich sichtbar werdenden Erfolge der Arbeit der Kooperationspartner des Integration Points bestätigte dies.

Die Arbeit des Dortmunder Integration Point kann sich auch bundesweit sehen lassen

Syrische Flüchtlinge während eines Protestcamps 2015 in Dortmund. Syrer stellen die größte Gruppe unter den Geflüchteten in der Ruhrgebietsstadt; Foto: C.-D. Stille

Syrische Flüchtlinge während eines Protestcamps 2015 in Dortmund. Syrer stellen die größte Gruppe unter den Geflüchteten in der Ruhrgebietsstadt; Foto: C.-D. Stille

Es erweist sich nun im Nachhinein als richtiger Schritt, dass man in Dortmund nachdem die ersten Züge mit Geflüchteten auf dem Hauptbahnhof ankamen und die Menschen hinüber ins Keuninghaus geführt wurden, sich nicht lange erst mit Lamentieren aufgehalten hat. Sondern schon sehr bald im Sinne dieser Menschen unter Mithilfe unzähliger Freiwilliger angepackt hat, um ihnen weiterzuhelfen.

Die Agentur für Arbeit Dortmund, das Jobcenter Dortmund und das Sozialamt der Stadt Dortmund sind sich darüber einig, „dass eine möglichst frühzeitige Integration von Flüchtlingen sowohl in den Arbeitsmarkt als auch in die soziale Gemeinschaft eine der wichtigsten Aufgabe bei der Bewältigung der aktuellen Flüchtlingssituation darstellt. Genau in diesem Sinne erfüllt der Integration Point einen wichtigen Part.

Die Arbeit des Integration Point Dortmund als einer von 40 in Nordrhein-Westfalen kann sich auch bundesweit betrachtet durchaus sehen lassen.

Werbeanzeigen

Dortmund: Das Projekt „Mehrwert schaffen – Minijobs umwandeln“ ist von Erfolg gekrönt

Die Dortmunder DGB-Vorsitzende Jutta Reiter; Archivbild: C.-D. Stille

Die Dortmunder DGB-Vorsitzende Jutta Reiter; Archivbild: C.-D. Stille

Der DGB Region Dortmund-Hellweg hatte am vergangenen Dienstag zur der Veranstaltung „Fachkräfte sichern – Minijobs aufstocken ins Wichernhaus eingeladen.

Der Hintergrund: Im Rahmen eines Projektes „Mehrwert schaffen – Minijobs umwandeln“ wird in Dortmund an der Umwandlung von Minijobs in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung gearbeitet. Das Projekt ist von Erfolg gekrönt. Bislang konnten mehr als 1700 Minijobs in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung umgewandelt werden. In der begleitenden Evaluation konnte viele Aspekte den Mehrwert einer solchen Umwandlung für alle Beteiligten – Beschäftigte wie Unternehmen – aufzeigen. Beeindruckend stellte sich heraus, dass sich Wert und die Qualität der Arbeit infolge der Umwandlung verbessern lässt.

Im Wichernhaus war ein Personenkreis von Fachleuten erschienen, welche in der Praxis mit der Thematik konfrontiert ist. Darunter befanden sich auch Mitarbeiterinnen aus Jobcentern. Die Vorstellung des Projektes und die Einführung in das Thema lag in den Händen der Vorsitzenden des DGB Dortmund, Jutta Reiter. Den Part von Detlef Janke-Erler vom Jobcenter Dortmund, der zum Projekt „Mehrwert schaffen – Minjobs umwandeln“ sprechen sollte, übernahm Jutta Reiter mit, da besagter Referent krankheitsbedingt nicht erscheinen konnte.

Minijob-Umwandlung schafft sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse

Das Projekt, erklärte Jutta Reiter, lehne sich quasi an die DGB-Initiative „Strategie 2020“. Ziel der Initiative ist es „Gute Arbeit“ zu haben, ressourcenschonend zu produzieren, dass Investitionen in Bildung und die Daseinsvorsorge generiert werden, welche Arbeitsplätze schaffen. In

NRW, auch in Dortmund sei eine Steigerung der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnisse zu konstatieren. Dazu habe gewiss auch das zu diskutierende Projekt beigetragen, so Reiter. Der DGB habe für Dortmund errechnet, dass – wenn Minijobs in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung umgewandelt würden – 17 000 neue, solcher Arbeitsplätze zu schaffen wären.

Mit Broschüre „Fest in die Zukunft“ engagiert für die Umwandlung von Minijobs geworben

Jutta Reiter hatte ausrechnen lassen, dass allein durch Minijobs der Stadt Dortmund eine hohe Zahl an Sozialbeiträgen verloren geht. Man kam mit dem Einzelhandel, der Gewerkschaft ver.di und Jobcentern zur Erkenntnis: Minijobs sind keine Lösung. Dennoch konnte sich die Dortmunder DGB-Chefin nicht mit ihre Forderung durchsetzen, Minijobs generell abzuschaffen. Immerhin gelang es auch mittels eines Plakates sowie der Broschüre „Fest in die Zukunft“ die Umwandlung von Minijobs in sozialversicherungspflichtige Stellen wirkungsvoll zu bewerben. Zuvor war feststellt worden, dass in Dortmund im Vergleich zu NRW und sogar zu Gesamtdeutschland, die Zahl der Minijobs exorbitant stark gestiegen war. Was mit politischen Entscheidungen im Zusammenhang stand.

Dortmund galt gar als „Hauptstadt der Minijobs“. Der DGB hatte die Kreishandwerkerschaft und andere Verbände angesprochen. Die signalisierten ihrerseits Bereitschaft, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen.

Aus verschiedenen Gründen heraus entstand die Bereitschaft zur Umwandlung von Minijobs

Das Dortmunder Jobcenter erkannte die Möglichkeit viele der 16 000 Langzeitarbeitslosen der Stadt in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung zu bringen. Eine strategische Arbeitsgruppe unterschiedlicher Akteure ging ans Werk. Arbeitgeber aus verschiedenen Branchen und die Firmen nach solchen sortiert nahm man mit ins Boot. Mit der Zeit habe sich der innere Drang etwas zu verändern auch in unterschiedlichen Drücken Bahn gebrochen, durchaus – auch aus verschiedenen Gründen heraus – und zur Bereitschaft geführt, Minijobs umzuwandeln. Jutta Reiter: „Die Knochenarbeit, die hatte das Jobcenter.“ Dieses habe nicht nur seine Kunden überzeugen müssen, umgewandelte Minijobs anzunehmen. „Die mussten auch die Arbeitgeber behandeln.“

Nicht nur Umstrukturierungen und Arbeitsbereichszusammenlegungen habe das zur Folge gehabt. Auch ganz andere Arbeitsplätze seien so entstanden.

Eine durchaus positive Bilanz

1892 Minijobs habe man in der Anfangszeit in Voll- bzw. Teilzeitarbeitsstellen umwandeln können. In den ersten Jahren konnten sogar 50 Prozent Minijobs in Vollzeitstellen überführt werden. Später sei es dann logischerweise schwieriger geworden. Da habe man ja die meisten gutwilligen Arbeitgeber schon abgegrast gehabt, so die Erklärung der DGB-Vorsitzenden. Immerhin habe man über gesamten Zeitraum des Projektes hinweg 37 Prozent der Minijobs in Vollzeit umwandeln können und 63 Prozent in Teilzeit.

„Alleinerziehende Mütter, die häufig keine Chancen am Arbeitsmarkt sehen, außer eben Minijobs, lagen uns sehr am Herzen.“ 27 Prozent der Minijobs, die umgewandelt werden sollten, waren für diesen Personenkreis vorgesehen. Ebenso sind ältere Personen berücksichtigt worden.

Noch immer bestehe bezüglich der Problematik ein ziemlich hoher Aufklärungsbedarf.

Dem Bundesrechnungshof, welcher wegen der Kosten des höheren Personalbedarfs beim Jobcenter auf der Matte stand, habe klargemacht werden müssen, dass das Projekt gesellschaftlich letztlich eher Geld spare.

Jutta Reiter nannte das Projekt erfolgreich. Hauptsächlich habe man Menschen helfen wollen, die zusätzlich zum Job noch hätten aufstocken müssen.

Recherche bei Minijobbern und Unternehmern

Dr. Cordula Sczesny von der Soziale Innovation GmbH SI research & consult, die das zur Diskussion stehende Projekt begleitete, hat zu diesem Behufe in Branchen und Betrieben in den Blick genommen. Minijobber wurden befragt. Von denen gibt es in NRW fast zwei Millionen. „Dreimal das Westfalenstadion voll machen allein die Minijobber im NRW-Einzelhandel“, so malte Cordula Sczesny Statistik plastisch aus.

Dr. Cordula Sczesny präsentiert die Fakten aus der Evaluation des Projektes im Wichernhaus Dortmund; Foto: C.-D.Stille

Dr. Cordula Sczesny präsentiert die Fakten aus der Evaluation des Projektes im Wichernhaus Dortmund; Foto: C.-D.Stille

Dass die meisten Minijobber Frauen sind, schrieb die Referentin dem noch immer anzutreffenden traditionellen Rollenmustern zu, wonach der Ehemann der Ernährer der Familie ist. In diesem Zusammenhang kritisierte Dr. Cordula Sczesny das Ehegattensplitting, was ebenfalls nicht unerheblich dieses Verhalten fördere. Die zutage geförderten Erkenntnisse der Recherche stammen noch aus der Zeit vor der Einführung des Mindestlohnes.

Für nicht wenige, die zum Minijob griffen, kam heraus, war das einfach „die missliche Alternative“ zu einer sozialversicherungspflichtige Stelle, die sie partout nicht fanden. Viele Frauen wie Männer gaben an, sich über den Minijob den Wiedereinstieg in den alten Job erhofft zu haben. Die Betriebe wiederum kämen bei Personalbedarf fast nie auf die Idee, einen schon beschäftigten Minijobber, der ja den Betrieb kennt, aufzustocken. Andere Minijobber erklärten diese Variante zwecks Zuverdienst zu nutzen. Auch familiäre Gründe seien angeführt worden. Die Frauen arbeiten im Service oder Reinigungsgewerbe. Die Männer „fahren, packen oder stellen zu“.

Nach der Umwandlung stieg das Entgelt. Fehlendes Unrechtsbewusstsein bei bestimmten Unternehmern

Nach der Umwandlung der Minijobs stieg das Entgelt bei gleicher Tätigkeit. Jetzt allerdings kommen Sozialbeitragsabzüge dazu. Ein Minijobber gab an, gar nicht mehr zu wissen, wie viel er nun pro Stunde bekomme: „Ich glaube wir hatten erst die Stunden besprochen und dann das Gehalt.“

Bei manchen Arbeitergeber sei kein Unrechtsbewusstsein zu erkennen. Ein Unternehmer antwortete auf Befragung: „Das ist so, das was die Kollegen so zahlen. Man tauscht sich ja aus.“

Eine andere Unternehmeräußerung in Sachen „Gerechtigkeit“ schlägt den Fass den Boden aus: „Das wäre ja unfair (dem Minijobber) so viel zu bezahlen, wie den Festen. Die kriegen ja noch Leistungen vom Amt. Die anderen müssen ja allein von ihrem Gehalt leben. Das wäre nicht fair. Das könnte ich den Mitarbeitern so nicht verkaufen. Da muss es schon einen Unterschied geben.“

Gute Auswirkungen nach Einführung des Mindestlohns

Der Mindestlohn in Bezug auf die Minijobs hatte gute Auswirkungen. Vor dessen Einführung gab es 5,5 Millionen Jobs, die unter 8,50 Euro bezahlt wurden. Ab Januar 2015 fielen 4 Millionen unter das Mindestlohngesetz. Die verbliebenen 1,5 Millionen fallen unter Ausnahmeregelungen (Friseure, Zeitungszusteller, Praktikanten etc.).

In Dortmund und Umgebung befragte man telefonisch 880 Betriebe. Jedes zweite (!) Unternehmen habe gar nicht konkret beantworten können, warum es eigentlich Minijobs habe. Nach dem Motto: „Wir haben das immer schon so gemacht.“ Dabei, stellte Cordula Sczesny heraus, sei das überhaupt nicht wirtschaftlich günstiger.

Minijobs umzuwandeln kann sich für Unternehmen durchaus lohnen

Etwa um gute Mitarbeiter zu binden. Gerade auch im Einzelhandel und im Hotel- und Gaststättengewerbe. Dazu kann es nötig sein, verschiedene Tätigkeiten betreffs einer Arbeitskraft zu bündeln. Aber es gibt auch Minijobber die gar nicht aus diesem Arbeitsverhältnis weg wollen. Was oft mit der Rollenverteilung oder Rollenklischees zu tun habe. Manche Frauen glaubten die Lebensabsicherung über den Mann halte ein Leben lang. Steuerliche Fehlanreize spielten da ebenfalls eine Rolle.

Ein Dortmunder Cafébesitzer favorisiert, entsprechend gefragt, ohnhin umgewandelte Minijobs: „Bei sozialversicherungspflichtig Beschäftigten schlafe ich viel besser.“

Die Minijobber bedürften mehr Aufklärung. Man müsse mit ihnen arbeiten. Da zeigte sich Dr. Szcesny überzeugt davon. „Damit sie aus dieser Falle Minijob herauskommen.“

Nicht wenige Minijobber sehnten sich nach einer Umwandlung: „Damit ich endlich vom Jobcenter weg bin!“

Handlungshilfen können als Drucksachen bestellt bzw. aus dem Internet heruntergeladen werden

Entsprechende Handlungshilfen (mit branchenspezifischen Beispielen bestückt) mit Rechnungsbeihilfen wurden herausgebracht und können bei der Soziale Innovation GmbH in Form von Broschüren bestellt oder aus dem Internet herunterladen werden. Sie sind hilfreich für Unternehmer wie Arbeitnehmer.

Eine wichtige Anmerkung der Referentin: „Der Minijobber ist nur günstiger, wenn ich mich nicht an gesetzliche Regelungen halte.“

Und flexibler als diese seien dann eher auch Teilzeitkräfte. Auch dieses oft gehörte Unternehmerargument geht also ins Leere.

Dicke Bretter von unten her bohren. Stück für Stück

Jutta Reiter ergänzte: Die Recherchen hätten früher Vermutungen, dass Minijobs keine fairen Arbeitsverhältnisse seien bestätigt. Wenn man es jedoch nicht gelinge, durch Gesetzgebung eine solche Ungleichheit in den Beschäftigungsverhältnissen zu verändern, müsse man es eben von unten her sozusagen durch das Bohren dicker Bretter Stück für Stück angehen. Selbst Otto Kentzler, ehemaliger Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks, der früher die Notwendigkeit von Minijobs quasi wie eine Monstranz vor sicher hergetragen habe, hätte seine Meinung inzwischen geändert.

In einem Miteinander sind in dieser Stadt Denkprozesse in Gang gesetzt worden

Jutta Reiter: „Wir haben in dieser Stadt und darüber hinaus Denkprozesse in Gang gesetzt. Und das haben wir miteinander getan.“ Und die sind wissenschaftlich unterfüttert. Das erörterte Projekt erhielt von der DGB-Chefin verbal das Siegel „Win-win-Situation“ aufgedrückt.

Selten habe man einen Vortrag über Statistik gehört, kam Lob für Dr. Szcesny aus der Zuhörerschaft, der so interessant und verständlich gewesen sei. Insgesamt wurde der Begriff „Minijob“ aus dem Publikum heraus als diskriminierend gegeißelt. So werde dieser auch von so Beschäftigten empfunden. Eigentlich müsse der Begriff vorm Gesetzgeber gestrichen werden.

Dr. Cordula Szcesny auf weiterem Weg DGB-beschirmt

Belohnung dafür kam dann auch in Form eines roten DGB-Regenschirms und eines Handtuchs des Gewerkschaftsdachverbands. Dortmunder DGB Vorsitzende Jutta Reiter überreichte beides an Cordula Szcesny mit folgenden Worten: „Wir wollen dich beschirmen, dass du auch weiter die Frauen aus der Arbeitswelt vertrittst. Und du weißt, wenn wir als DGB was machen, dann ist immer alles in trockenen Tüchern.“

Weiterführende Links:

http://www.jobcenterdortmund.de/

http://www.landderfairenarbeit.nrw.de/

https://www.minijob-zentrale.de/DE/0_Home/node.html

http://www.soziale-innovation.de/unternehmensberatung_personlamanagement.html?nav_id=1610

http://www.soziale-innovation.de/veroeffentlichungen_broschueren_und_studien.html