Vor nunmehr 12 Jahren wurde der türkisch-armenische Journalist Hrant Dink in Istanbul feige ermordet

Hrant Dink. Quelle: Agos

Gestern vor zwölf Jahren wurde Hrant Dink, Journalist, Autor und Herausgeber der türkisch-armenischen Zeitung „Agos“ in Istanbul feige ermordet.

Zum Andenken an ihn nochmals mein Beitrag „Hrant Dink-Mord und die Folgen“ (am 31.01.2007 auf Readers Edition erschienen).

Hrant-Dink-Mord und die Folgen

Artikel von Claus-Dieter Stille vom 31.01.2007 – Readers Edition

Hrant Dink, der ermordete Journalist, Herausgeber und Chefredakteur der türkisch-armenischen Zeitung „Agos“, ist unter der Erde. Hunderttausende Menschen waren seinem Sarg ganze acht Kilometer auf Istanbuls Straßen gefolgt. Vom Tatort vor der „Agos“-Redaktion bis zu seiner letzten Ruhestätte, dem armenischen Friedhof. Diese Menschen waren keineswegs alle Armenier. Schließlich leben in der Türkei nur noch zirka 80 000 armenischstämmige Bürger. Dennoch führten viele der um Hrant Dink Trauernden Plakate mit der Aufschrift „Wir sind alle Armenier“ und „Hrant Dink, das sind wir alle“ mit sich. Fürwahr ein hoffnungsvolles Zeichen für die Türkei. Das war nicht immer so.

Nationalismus – Fundament der Türkei

Mustafa Kemal Atatürk ist es zu verdanken, dass nach dem Untergang des einst stolzen und mächtigen Osmanischen Reiches ein Rumpfstück des vormals riesigen Staatsgebietes durch Gründung der Türkischen Republik vor den Begehrlichkeiten westlicher Staaten – undsomit vor der endgültigen Aufteilung des Landes – bewahrt werden konnte. Mit eiserner Hand führte Atatürk sein Land in die Moderne. Mittel, um diese Republik und ihre sich aus unterschiedlichen Ethnien zusammengesetzten Bevölkerung zusammenzuhalten, war von Anfang an der Nationalismus. Nicht wegzudenken dabei ein starkes Militär, das sich bis heute als treuer Verwalter sowie unnachgiebiger und stets wachsamer Bewahrer von Atatürks Vermächtnis versteht.

Hrant Dink ist Opfer eines überhitzten Nationalismus rechtsfaschistischer Prägung geworden. Mit Atatürks Ideen hat das kaum etwas zu tun. Die Ursachen des Verbrechens bzw. der Umstand, dass es erst möglich wurde, erklären sich aber dennoch aus der Geschichte der Türkei. Das Staatsgebilde war stets und ist auch heute noch in diffiziler Verfassung. Auch ein noch so strammer Nationalismus konnte den in vielen türkischen Seelen wohl noch immer herumwabernden Phantomschmerz nicht übertünchen, der aus dem Verlust des Osmanischen Reiches herrührt. Ebenso mag die Angst, bestimmte Kräften in der Türkei mehr Rechte zuzugestehen – wie beispielsweise Minderheiten wie den Kurden – damit zu tun haben, dass man um die nationale Identität fürchtet. Würden nicht auch die Lasen, Tscherkessen, Tschetschenen u.a. die gleichen Rechte einfordern? Vielleicht tut man sich deshalb in Ankara auch so schwer mit der Abschaffung des § 301 des Türkischen Strafgesetzbuches („Beleidigung des Türkentums“).

Keine Zukunft ohne Vergangenheit

Die Wahrheit aber ist, dass die Geschichte der Türkei eben nicht erst 1923 mit Atatürk und er Republiksgründung beginnt. Langsam scheint dieses Einsicht Platz zu greifen. Dazu gehört auch, dass hier und da griechische Hinterlassenschaften, z.B. einstige Kirchen, inzwischen vom Staat restauriert werden. Auch diese gehören zur Historie der Türken. Um dies aber auch Schafhirten begreiflich zu machen, die in einem verlassenen griechischen Gotteshaus einen Stall eingerichtet haben, bedarf es vor allem einer verbesserten und von Ressentiments befreiten Schulbildung, die auch Mädchen in einsamsten anatolischen Dorf erreicht. Einiges nur weil 2007 Präsidentschafts- und Parlamentswahlen anstehen, kämpfen unterschiedliche politische Kräfte hart gegeneinander, sondern auch, weil es um den künftigen Platz der Türkei in der Weltgemeinschaft geht.

Orhan Pamuk sagt Deutschlandreise ab – Trügerische Hoffnung

Seit dem Mord an Hrant Dink vergeht kein Tag, an dem in der türkischen Presse nicht über Hintermänner jener Bluttat spekuliert wird. Fakt aber scheint zu sein: Es waren Feinde einer nach mehr Demokratie, Weltoffenheit und friedlich nach Westen zu Europäischen Union strebenden Türkei, wie es auch Premier Erdogan sieht.

In diesem Kontext betrachtet, macht es Hoffnung, das Hunderttausende in Istanbul auf ihre Plakate geschrieben haben hatten „Wir sind alle Armenier“. Offenbar begreifen viele türken, wie sehr auch u.a. Armenier untrennbar Teil und Geschichte der Türkei sind. So war der armenischstämmige Dink ein sein Land liebender türkischer Staatsbürger und eben nicht ein Feind der Türken und der Türkei, wie es die Anzeige wegen „Beleidigung des Türkentums“ und seine Verurteilung nach § 301 implizieren sollte. Viele Journalisten bewiesen ihre Verbundenheit mit Hrant Dink und der Zeitung Agos. Unentgeltlich stellten sie ihre Arbeitskraft der nach dem Mord an Dink täglich herausgebrachten Wochenzeitung zur Verfügung.

Wie trügerisch diese Hoffnung jedoch vorerst noch ist, zeigt eine heute zur Gewissheit gewordene Tatsache: Der „Kölner Stadtanzeiger“ berichtet, dem Hanser-Verlag zufolge habe der Literaturnobelpreisträger Orhan Pamum seine für diese Woche geplante Reise nach Deutschland aus Sicherheitsgründen abgesagt. Das betrifft Auftritte in Köln, Hamburg, Stuttgart und München. In Berlin sollte er am Freitag die Ehrendoktorwürde der Freien Universität erhalten. Einer der mutmaßlichen Drahtzieher des Ogün Samast verübten Mordes, Yasin Hayal, hatte Pamuk gedroht, als er dem Haftrichter vorgeführt worden war; so vermeldete die Nachrichtenagentur Anadolu Ajansi. Seither bekommt der Literaturnobelpreisträger Personenschutz.

Laut Mitteilung eine Funkhaus-Europa-Korrespondentin vom heutigen Tag aus Istanbul, befürchtet man, dass Orhan Pamuk ein ähnliches Schicksal bevorstehen könnte, wie einst dem wegen seiner „Satanischen Verse“ mit dem Tode bedrohten Salman Rushdie. Angeblich soll Pamuk planen, vorerst nach New York zu gehen. Dort steht dem Gastdozenten auf dem Campus der Columbis University eine Wohnung zur Verfügung. Die aus Sicherheitsgründen nun schon zweite Absage einer Deutschlandreise Pamuks ist zwar ein herber Verlust, jedoch nur zu verständlich.

Um so mehr sollten wir Pamuk lesen“ Empfehlenswert sind alle seine Bücher. Wer jedoch die türkei und ihre Situation besser verstehen und ein wenig tiefer in das Milieu jener Dunkelmänner aus nationalistischen oder islamistischen Kreisen der Türkei eintauchen will, sollte sich Orhan Pamuks Roman „Schnee“ vornehmen. Das Buch ist fesselnd bis zu letzten Zeile und nach dieser Lektüre wird so manches klarer …

Hinweis: Bitte beachten, dass der Beitrag im Kontext zur damaligen Zeit entstanden ist.

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Tjerk Ridder unterwegs im Licht von Martinus: Was bedeutet den Menschen das Teilen und Solidarität heute?

Tjerk Ridder dürfte meinen Leserinnen und Lesern bekannt sein. Der niederländische Theatermacher und Musiker aus der Domstadt Utrecht hat bereits mit zwei interessanten Projekten auf sich Reden gemacht. Sie waren stets mit einer Reise verbunden. In „Trekaak Gezocht!“ („Anhängerkupplung gesucht!“) im Jahre 2010 ging es darum mit einem Campingwagen (ohne Zugfahrzeug) von Utrecht nach Istanbul zu gelangen. Der Grundgedanke dabei: Man braucht andere, um voranzukommen.

Erlebnisse und Eindrücke von unterwegs flossen in Videos, ein Buch und Bühnenprogramme ein

Ridders fünf Jahre später unternommenes zweites Projekt trug den Titel „A Slow Ride – Sporen van Vrijheid“ („Langsame Reise – Spuren der Freiheit“). „A Slow Ride – Spuren der Freiheit“ wurde eine symbolische und poetische Reise über Freiheit und Befreiung. Aber spürte auch Gefühlen der Unfreiheit nach. Tjerk Ridders Ziel: „Dich und alle unterwegs Beteiligten auf der Suche nach ihrer persönlichen Bedeutung von Freiheit zu

Tjerk Ridder mit Esel Lodewijk. Foto via Tjerk Ridder

befragen, um anschließend das eigene Erleben von Freiheit weiter zu entwickeln.“

Auf jeweils beiden Reisen entstanden Videos und Songs, welche von den Begegnungen mit Land und Leuten erzählen. Zu „Anhängerkupplung – gesucht!“ kam ein Buch heraus. Songs fanden Eingang in die jeweiligen Bühnenprogramme. Welche der Utrechter in den Niederlanden, Deutschland und im niederländischen Konsulat in Istanbul aufführte und welche auch jetzt weiter gezeigt (hier) werden.

Begleitet wurde Ridder auf der Anhängerkupplung-gesucht-Tour von einem Freund, dem Journalisten Peter Bijl, sowie seinem Hund Dachs. In „Slow Ride – Sporen van Vrijheid“ war eine kleine Kutsche ein wichtiges Transportmittel, das vom belgischen Arbeitspferd Elfie gezogen wurde.

Tjerk Ridder – In het Licht van Martinus“ mit „ezeltje Lodewijk“

Nun wirft ein weiteres Reiseprojekt von Tjerk Ridder seine Schatten voraus.

Logo der Grande Parade Saint-Martin Tours. Grafik via Stadt Tours.

Ridder wird am 1. Juli 2017 mit dem Esel Lodewijk (Ludwig) anlässlich der Internationalen Martinus-Parade in Tours in Frankreich sein.

Die Geschichte von Sankt Martin (Martinus) wird den meisten von uns gewiss geläufig sein. Sankt Martin teilte am Stadttor der französischen Stadt Amiens seinen Mantel mit einem Bettler. Seither symbolisiert die Mantel-Teilung Mitgefühl und Solidarität für viele Menschen in Europa und andernorts auf der Welt.

Eine soziokulturelle Wallfahrt entlang Martins europäischer Kulturroute möchte Tjerk Ridder unternehmen. Der Pilgerweg soll am 4. Juli 2017 von Paris aus beschritten werden. Die Reise führt über Arras, Ieper, Gent, Brüssel, Antwerpen, Bergen op Zoom und Breda nach Utrecht. Es ist geplant, dass Tjerk Ridder mit Lodewijk am 2. September 2017 auf dem Domplein ankommt. Dort soll die Heimkehr gefeiert werden.

Was bedeutet Teilen für uns?

Tjerk Ridder erforscht wiederum wie wir in unserer Gesellschaft miteinander umgehen. Was bedeutet Teilen für die Menschen in Zeiten der Veränderung? Wie ist es mit der Solidarität mit unseren Mitmenschen bestellt? Wie teilen wir gemeinsame Zeit, Wissen, Trauer, Liebe, Essen und vielleicht Eigentum? Wie sind wir sind in der Lage, miteinander in unserem täglichen Leben wirklich zu kommunizieren, wenn es um unsere eigene Nachbarschaft geht – in Europa und auf unseren Planeten? Inspiriert ist die Reise von der Tat, der Mantel-Teilung, des barmherzigen Martins. Tjerk ist einmal mehr an einem Erfahrungsaustausch über das Thema des Teilens mit Menschen, welche er auf dem Weg wird, interessiert.

Unterstützt werden kann das Projekt via Crowdfunding. Informationen auf YouTube und in den sozialen Medien

Verfolgt werden kann die Reise via eines wöchentlichen Blogs (ab dem 15. Juni jeden Donnerstag um 17:00 Uhr online auf dem YouTube-Kanal Tjerk Ridder) und auf dessen Socia-Media-Kanälen (Facebook und Twitter). Ridder wird die unterwegs gemachten Erfahrungen mit uns teilen.

Unterstützer

Die Pferdeklinik der Universität Utrecht kümmert sich tierärztliche Versorgung für „ezeltje Lodewijk“. Die Firma „Anemone – Pferde, Trucks und Triorep“ sorgt für einen guten und sicheren Transport.

Es wird gewiss wieder ein Projekt, von dem wir auf die eine oder andere Weise profitieren werden

Wir können uns also abermals auf ein interessantes Projekt – über das auch an dieser Stelle berichtet werden wird – des Künstlers Tjerk Ridder aus Utrecht freuen. Es läuft unter dem Titel „Tjerk Ridder – In het Licht van Martinus“ und kann über Crowdfunding unterstützt werden. Wer Lust hat, schreibt Ridder, kann Tjerk Ridder auf der letzten Strecke vor Utrecht begleiten.

Update vom 14. Juli 2017 Tjerk Ridders Reiseblog

Grandios in Dortmund: „Hungernde Hunde“ mit einem in der Rolle zweier Brüder brillierenden Sermet Yeşil

Sermet Yeşil spielt beide Brüder; Foto: Kumbaracı50

Sermet Yeşil spielt beide Brüder; Foto: Kumbaracı50

Interessierte Zuschauer hatten am vergangenen Wochenende die einmalige Gelegenheit jeweils in Mülheim an der Ruhr und in Dortmund die Inszenierung des vom Schauspieler und Dramatiker Mirza Metin geschriebenen Stückes “Aç Köpekler” („Hungernde Hunde“) zu erleben. Noch dazu in der einfühlsam eingerichteten Inszenierung von Cem Uslu des freien Theater Kumbaracı50 aus Istanbul.

Brillante, furiose Darstellung zweier Charakter

Kumbaracı50 gastierte m Rahmen des Projekts Szene Istanbul/İstanbul Sahnesi im Theater an der Ruhr und im Schauspiel Dortmund (Studio).

Schauspieler Sermet Yeşil spielt gleich beide Charaktere in diesem Ein-Personen-Stück. Um es gleich vorwegzunehmen: Das Publikum erlebte eine brillante, ja furios zu nennende Darstellung der beiden Charaktere gewiss nicht einfachen Stückes. Lachen und Weinen dürfte den Zuschauern mehrfach im Verlaufe der Aufführung nahe gewesen sein.

Der Heimat entwurzelt im Moloch Istanbul

Mirza Metin erzählt in „Hungernde Hunde“ die berührende Geschichte der beiden ziemlich gegensätzlichen kurdischen Zwillingsbrüder Beşer und Beşir und ihren ganz alltäglichem, unspektakulärem Überlebenskampf. Nachdem sie als Jugendliche, Waisen, aus ihrer Heimat in den Moloch Istanbul geflohen waren, um ein vermeintliches Glück zu machen. Wo sie jedoch in ihrer ländlichen Naivität in der Millionenstadt am Bosporus auf Schritt tritt Gefahr liefen – wie es im Stück heißt – „gefickt“, kurz: betrogen und ausgenutzt – zu werden. Um mal in Polizeigewahrsam, mal im Waisenhaus zu landen. Aber zuweilen auch Hilfe seitens Mitmenschen erfuhren.

Tragisch-komischer Kampf mit dem Stahltresor

Während Beşir einen besonderen Hang zum sentimentalen Jammern hat, obwohl er immerhin Wohnung und Freundin hat, versucht sich der kleinkriminelle Beşer daran, den erbeuteten Tresor dazu zu überreden, sich doch endlich öffnen zu lassen. Damit er an die darin vermuteten Reichtümer gelangen kann. Köstlich und tragisch zugleich mit anzusehen, wie Beşer auf den sich partout nicht öffnen lassen wollenden Stahlkasten einredet. Mit diversen Werkzeug auf diesen voller Wut eindrischt und mit einer Bohrmaschine verzweifelt traktiert. Doch irgendetwas anderes hängt noch in der Luft, eine unausgesprochene Bedrohung, eine Angst entdeckt zu werden, ohne dass der Zuschauer wüsste, woher die Gefahr droht…

Zuschauermeinung: „sehr beeindruckend und emotional aufwühlend“

Den heftigen, herzlichen Applaus am Schluss der Aufführung hatte sich Sermet Yeşil mehr als verdient. Ein Zuschauer nannte das Stück im

Verdienter Applaus; Foto: Claus-Dieter Stille

Verdienter Applaus; Foto: Claus-Dieter Stille

Nachhinein „sehr beeindruckend und emotional aufwühlend“. Und gab sich auch verblüffend über die darin statt habende „kurdische Selbstironie“. Was die Wirkung der Inszenierung sehr gut beschreibt. Gewiss kein einfaches Stück mit jeder Menge Text hatte der Schauspieler zu bewältigen gehabt. Nach einer wohlverdienten Pause für den Mimen aus Istanbul trafen sich Teile der Zuschauerinnen und Zuschauer, Autor, Regisseur und der Darsteller im Institut des Dortmunder Schauspielhauses im Anschluss zu einem Publikumsgespräch.

Das Stück läuft mittlerweile zwei Jahre in der Türkei

Fragen des Publikums nach der Entstehungsgeschichte und der Aufführungspraxis in der Türkei eröffneten den Reigen.

Laut Mirza Metin wird das Stück nunmehr bereits seit zwei Jahren in der Türkei gespielt. Der Autor erzählte, er habe vor drei Jahren ein Angebot erhalten ein Ein-Personen-Stück zu schreiben. Metin notiert sich stets Gedanken, die ihm so durch den Kopf gehen. Normalerweise schreibe er seine Stück immer auf Kurdisch. Schließlich schrieb er aber „Hungernde Hunde“ auf Türkisch. Zunächst erfuhr man, seien die Besucher in Istanbul ohne zu wissen um was es geht in die Inszenierung gegangen. Sie seien sogar zurückgeschreckt. Denn sie erlebten nicht das, was sie erwartet hatten. Dem Stück wohnt ja durchaus politische Brisanz inne. Mittlerweile aber habe sich die Kunde über den Inhalt des Stückes, respektive das darin behandelte Themas, verbreitet und die Leute nehmen das Stück ganz gut an.

Der Kampf, kritische Stücke auf die Bühne zu bringen

Für nicht Eingeweihte mag es verwundern, dass es doch mehr auf Kurdisch geschriebene und auch gespielte Stücke in der Türkei gibt als man für gewöhnlich hier in Deutschland denkt. Regisseur Cem Uslu erzählte, auf Kurdisch gespielte Stück habe es bereits vor 25 Jahren gegeben. Die kurdischen Stücke seien sogar seinerzeit maßgeblich in Istanbul entstanden. Es sei, so Uslu, in den letzten acht Jahren einfacher gewesen, diese Stücke zu bringen. Erst in der jüngsten Zeit allerdings hätten es nicht nur kurdische Stücke schwieriger, sondern generell Theaterstücke. Zumal wenn sie sich auch noch mit gesellschaftlichen Themen kritisch auseinandersetzen. Da werde dann schon Druck von der Politik, namentlich vom türkischen Kulturministerium, ausgeübt. Man müsse sich aber nicht vorstellen, dass Stücke dann unbedingt verboten würden. Sie wären aber unerwünscht. Dagegen gehe man dann eher diffiziler und indirekter vor. So werden etwa Zuschüsse gekürzt. Plötzlich werde es dann schwer die Miete für Theaterräume zu bezahlen. Doch zunächst müssten missfallende Aufführungen aber erst einmal der Staatsmacht gemeldet werden. Was selten der Fall sei. Dennoch: Die Theatermacher ließen sich eben – so oder so – nicht unterkriegen: „Wir machen immer weiter. Und bringen die Themen auf die Bühne, die uns auf den Nägeln brennen.“ Frei sei man nicht. Es bleibe ein ständiger Kampf um die Kunst, die man machen wolle.

Raki „schrieb“ mit am Stück

Warum ein Ein-Personen-Stück? Erst einmal sei es gewünscht gewesen, antwortet der Dramatiker, andererseits habe er hat das Thema ohnehin gern auf einen Schauspieler fokussieren wollen. Die beiden von Sermet Yeşil auch vom Sprachduktus her leicht verschieden gespielten beiden Brüder haben doch gewisse Ähnlichkeiten. Sie hätten die verlassene Heimat in Istanbul nur in sich finden können, weil sie quasi sonst niemand anderes hätten. Yeşil habe selbst entschieden, wie er die beiden Brüder spielen wollte, sagte erfuhren die Zuschauer. Cem Uslu erzählte, dass ihnen beim mehrfachem Durchlesen des Textes aufging, dass von den beiden Brüdern eigentlich nur einer überlebt haben könnte. Und der verbliebene den anderen nur versucht am Leben zu erhalten (und umgekehrt), weil er einen Halt benötigt. Beim gemeinsamen Raki-Trinken sei es ihnen gelungen, den Autor – der coram publico gestand eben nun mal ein Liebhaber des türkischen Anisschnapses zu sein – diese Version sozusagen schmackhaft zu machen. So sei ein andere, viel tiefere Bedeutung, des Stückes erreicht worden. Indem eine spielende Person zwei ins Stück geschriebene Personen (vor-)lebt. Cem Uslu meinte, es sei ihm gar nicht so recht, als Regisseur des Stückes zu firmieren. Vielmehr betrachte er die Arbeit an der Inszenierung als Gemeinschaftsarbeit. Und Sermet Yeşil schätze er schon aus dem Grund sehr wert, weil der einst sein Lehrer war.

Verwirrung und Irritation

Wie eine Zuschauerin, gab auch Darsteller Sermet Yeşil zu, anfangs selbst beim Spiel zuweilen irritiert gewesen zu sein. Schon wegen des schwierigen Themas, dessen politischer Brisanz sowie der Zusammenarbeit von Türken und kurdischstämmigen Mitarbeiter an der Inszenierung. Er ist

Gesprächsrunde im Anschluss an die Aufführung. Cem Uslu, Mirza Metin, Sermit Yeşil und die Dolmetscherin (v.r.n.l.); Foto: C.-D. Stille

Gesprächsrunde im Anschluss an die Aufführung. Cem Uslu, Mirza Metin, Sermit Yeşil und die Dolmetscherin (v.r.n.l.); Foto: C.-D. Stille

manchmal heute noch regelrecht verwirrt ob des Personals dieses stellenweise chaotischen Dramas. Bei den Proben habe er stellenweise vergessen, welche Person er gerade darstellt. Oder sich plötzlich fragte, wer oder wo ist Sevda (die Freundin des einen Bruders), die im Stück nie persönlich erscheint. Mittlerweile sei ihm das schon klar. Wenn auch Verwirrung bliebe. Es sei gerade deswegen auch überhaupt nicht zwingend nötig, dass alle Zuschauer mit den gleichen Gedanken aus dem Stück schieden.

Das Leiden vieler auf Einzelschicksale heruntergebrochen

Eine Zuschauerin fand es gerade schön, dass der Konflikt auch zwischen Kurden und Türken in diesem Stück auf eine Person herunter werde. Zum besseren gegenseitigen Verständnis wünschte sich eigentlich, dass möglichst viele aus beiden Gruppen dieses Drama anschauten. Es werde durch die getöteten nahen Familienmitglieder im Stück klar, dass es immer Einzelne sind, die in der Masse litten.

Fehlende Information bemängelt

Eine andere Zuschauerin kritisierte gegen Ende der Gesprächsrunde, von dem interessantem Gastspiel nur zufällig durch Freunde erfahren hätte.

Leitender Dramaturg des SchauspielDortmund (ganz rechts in der Runde) informierte in eigner Sache; Foto: C.-D. Stille

Leitender Dramaturg des SchauspielDortmund (ganz rechts in der Runde) informierte in eigner Sache; Foto: C.-D. Stille

Und zwar etwa eine halbe Stunde vorher. Das Thema sei doch gerade dazu angetan, auch zu bilden und zu informieren. Warum erfahre man über die Presse nichts davon? Hätte sie vorher davon erfahren, wäre es ihr gelungen zirka 60 Leute zu mobilisieren.

Michael Eickhoff, Leitender Dramaturg des Dortmunder Schauspiels, kennt das Problem. Über die örtlichen Printmedien, es sind ja im Grunde nur noch Ruhr Nachrichten, funktioniere die Information eigentlich kaum. Sondern fast ausschließlich über soziale Medien. Eickhoff empfahl sich über Facebook mit dem Schauspiel Dortmund zu befreunden, um immer aktuelle Informationen zum Spielplan zu erhalten.

Gleichzeitig informierte der Dramaturg darüber, dass sich das Haus auch künftig weiter türkischsprachigem und muslimischem Publikum öffnen zu wollen.

Eingangsportal des Schauspielhauses Dortmund; Foto: Stille

Eingangsportal des Schauspielhauses Dortmund; Foto: Stille

Dazu ein Hinweis:

Für den 22. April 2016 (die Premiere am 16.4. ist bereits ausverkauft) wies Michael Eickhoff sogleich vorsorglich auf ein Stück mit ebenfalls heiklem Thema hin, dass gewiss auch für die türkische (und die muslimische Community überhaupt) und freilich darüber hinaus von Interesse sein dürfte.

Nämlich „Der goldene Schnitt – Ein Fest rund um die Vorhaut“ (Autor/Regie: Tuğsal Moğul Bühne und Kostüme: Ayşe Gülsüm Özel).

Grandioser Theaterabend

Gab Autogramme: Autor Mirza Metin.

Gab Autogramme: Autor Mirza Metin.

Ein interessante Frage dann noch kurz vor Ende der Diskussion: Warum der Titel „Hungernde Hunde“?

Dazu der Regisseur Cem Uslu: Zunächst sei der Titel ironisch gemeint. Zum anderen gibt es eine kurdische Gedicht über zwei Hunde. Und als Metapher fand Uslu das ganz gut: Zwei Hunde, an denen die Leute achtlos vorbeigehen.

Damit war das also auch geklärt. Ein grandioser Theaterabend mit dem großartigen Sermet Yeşil! Mit angeschlossener, einer sich nicht weniger informativ und hochinteressant gestaltet habenden Diskussion. Mehr davon!

Roma Kulturfestival Dortmund „Djelem Djelem“: Im Dialog mit türkischen Gästen

Herzliche Begrüßung des türkischen Parlamentsabgeordneten Özcan Purcu (3. v. rechts) durch den Dortmunder Stadtdirektor Jörg Stüdemann (5. v. rechts); Fotos (2): C.-D. Stille

Herzliche Begrüßung des türkischen Parlamentsabgeordneten Özcan Purçu (3. v. links) durch den Dortmunder Stadtdirektor Jörg Stüdemann (5. v. rechts); Fotos (2): C.-D. Stille

Das 2. Roma Kulturfestival „Djelem Djelem“ Dortmund wartete zehn Tage mit einer Reihe vielseitiger, begeisternder Veranstaltungen auf. Heute Abend wird es im Konzerthaus Dortmund mit einem mit Spannung erwarteten Gastspiel der Mostar Sevdah Reunion, einem vielgereisten Musikensemble, das weltweit begeistert – Stargast ist Esma Redzepova („Queen of the gypsies“) – als Stargast zu Ende gehen.

Dialogveranstaltung im Dortmunder Rathaus

Vergangenen Donnerstag stand einmal mehr ein Dialog auf der Tagesordnung des Roma Kulturfestivals. Die Veranstaltung stand unter dem Motto „Miteinander reden-Voneinander lernen“ und fand im Rathaus der Stadt Dortmund statt.
Zu diesem Behufe waren eigens ExpertInnen aus der Türkei nach Dortmund gereist. So Özcan Purçu (CHP), der in die Geschichte seines Landes als erster Roma eingeht, der als Abgeordneter ins türkische Parlament gewählt wurde. Mit ihm nach Nordrhein-Westfalen gekommen war Hacer Foggo, Menschenrechtsvertreterin des „ European Roma Rights Center“ in der Türkei. Zwei weitere Teilnehmer der Gesprächsrunde waren Frau Şeyma Kurt, Leiterin eines Gemeinwesenzentrums (Semt Konaği) der Stadtverwaltung des Istanbuler Stadtteils Beyoğlu und Frau Melis Kaplangı, Kulturverwaltung Beyoğlu. Sie berichten über das Zusammenleben in Dolapdere und wie sich die Begleitung von Familien im Alltag für die dortige Stadtentwicklung bewährt hat. Im Istanbuler Stadtteil Dolapdere in Beyoğlu leben u. a. Roma-Familien, die ihren Lebensunterhalt mit dem Musizieren bestreiten.

Um das Folgende sollte es an diesem Abend in Dortmund gehen: „Wie sind die Wohn- und Lebensbedingungen der Roma heute? Wie funktionieren erfolgreiche Projekte zur Stärkung der sozialen Teilhabe? Wie können kulturelle Differenzen überwunden werden, die die Fremdheit
bestärken?“ Das Dortmunder Publikum war herzlich eingeladen mit den Gästen aus der Türkei, Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Verwaltung und Sozialverbänden, zu diskutieren. Stadtdirektor Jörg Stüdemann hieß die Gäste aus der Türkei mit einem besonders herzlichen „Hoşgeldiniz!“ willkommen.

Gäste des Abends u.a. Dilek Kumcu (Rechtsanwältin und Mitarbeiterin von Özcan Purçu ), Hacer Foggo, Özcan Purçu (v.l.n.re)

Gäste des Abends u.a. Dilek Kumcu (Rechtsanwältin und Mitarbeiterin von Özcan Purçu ), Hacer Foggo, Özcan Purçu (v.l.n.re)

Özcan Purçu, erster Roma im türkischen Parlament: Mit Tränen als „Waffe“, ehrlich vor sich selber und der Realität stets im Blick zum Ziel

Zunächst informierte der türkische Parlamentsabgeordnete Özcan Purçu über seinen Werdegang. Wenn das Prädikat „Selfemademan“ auf einen passt, dann auf diesen aus ärmsten Verhältnissen stammenden Roma. Die Familie lebte – wie viele Roma in der Türkei – am Rande der Stadt in einer Armensiedlung der Provinz Aydin. Manchmal, erzählte Purçu habe man Hunger gehabt, dann wieder Durst – Elektrik war nicht vorhanden. Die Familie lebte vom Flechten von Körben, die auf den Märkten umliegender Orte zu bestimmten Jahreszeiten zum Verkauf feilgeboten wurden. Oder die Flechtwaren wurden gegen Essen getauscht. Später zog die Familie dann in den Ägäisort Söke . Sie lebten an einem Fluss im Zelt. Da sah der junge Özcan zum ersten Mal wie Kinder in Schuluniform zur Schule gingen. Seinen Eltern sagte er, dass er auch so eine Uniform wolle und ebenfalls zur Schule gehen möchte.

Özcan Purçu: „Zu diesem Zeitpunkt hat sich unser Leben verändert.“ Dass er damals fünfzehn Tage geweint hat, weiß er noch heute. Denn Roma-Familien stand nicht ohne Weiteres die Option offen in die Schule zu gehen. Bei ihnen gehe es immer nur darum dafür zu sorgen, dass die Kinder überlebten. Bildung stand vielleicht bei den Familien an zwanzigster Stelle. Klein-Özcans Weinen hatte Erfolg: Seine  Mutter ging mit ihm  zur Schule. Doch Meldepapiere fehlten und die Schule lehnte zunächst eine Aufnahme ab. Nun setzte der Junge die Tränen als „Waffe“ auch im Beisein des Schuldirektors wieder ein. Der Direktor ließ sich erweichen. Würden die Papiere besorgt, könne er wieder kommen. So kam es. Es fehlte am Nötigsten. Özcan musste gar ohne Schuhe zur Schule gehen. Er spürte am eignen Leibe, was es  heißt, als gesellschaftlicher Außenseiter angesehen zu werden. Özcan Purçu wurde vom Lehrer gefragt was er denn einmal werden wolle. Die Antwort: „Ich möchte eine leitende Position haben. Vielleicht einmal Direktor werden.“ Der Lehrer schimpfte verärgert und hieß ihm, in der hintersten Reihe im Klassenzimmer Platz zu nehmen. Da kamen damals die vermeintlich faulen Kinder hin. Und Roma galten qua Herkunft als Nichtsnutze. Aus Roma, meinte man, würden ohnehin keine vernünftigen Menschen.

Özcan Purçu aber zeigte es den Lehrern: Er beendete die Grundschule als erfolgreichster Schüler. Trotzdem er den Eltern weiter half, Körbe zu flechten und diese mit ihnen verkaufte. Abends lernte er unter Kerzenlicht im Zelt. Er gab nicht auf, schaffte auch die Mittelschule mit Bravour. Und wenn er dafür in den Pantoffeln der Mutter in die Schule gehen musste. Özcan Purçu berichtete vom nächsten Hindernis auf seinem Lebensweg: Die Eltern hatten dem Fünfzehnjährigen eine Ehefrau ausgesucht. Doch Özcan wusste sich wieder einmal zu helfen: Dem Vater des Mädchens machte er wieder unter Weinen klar, dass er ihm die Tochter nicht geben solle, weil er weiter zu Schule gehen wolle. „Da habe ich eine gewischt bekommen.“ Schulbücher und Uniform wurden vom eignen Vater in den Fluss geworfen. „Ich hatte nichts, bin aber trotzdem weiter zur Schule gegangen“, sagte Özcan Purçu stolz . Er verließ auch die Oberstufe als bester Schüler.

Bei der in der Türkei obligatorischen Prüfung zur Aufnahme an die Universität war er bei  1,5 Millionen Teilnehmern Bester unter den ersten 9000. Özcan Purçu studierte Verwaltungswissenschaft, absolvierte das Studium und bewarb sich bald als Bezirksgouverneur, wurde jedoch nicht angenommen. Selbst die Richterprüfung bestand der Roma aus Söke, konnte aber auch da nicht reüssieren. Ausgerechnet habe ihn die Prüfungskommission die Frage gestellt, was seine Vorfahren denn „für dieses Land getan“ hätten. Eindeutig diskriminierend, denn den Leuten war seine Roma-Herkunft bekannt.

Im Jahre 2004 gründete Özcan Purçu mit Freunden den ersten Roma-Verein. Die anwesende Hacer Foggo, so Purçu, habe zu den ersten Personen gehört, die den Verein unterstützten.

Erstmals in der Türkei konnten seinerzeit nach neuer Gesetzeslage Roma (und andere Minderheiten) Vereine gründen und sich  trauen ihre Wünsche, Anliegen und Hoffnungen in der Öffentlichkeit zu artikulieren. Purçu wies daraufhin, dass man in letzten zehn Jahren viel Arbeit in eine Bildungsoffensive für Kinder und Jugendliche aus Roma-Familien investiert habe und auch Erfolge verzeichnen konnte.  Auch Roma-Frauen seien über spezielle Projekte gefördert worden. Dies habe man ab 2005 auch dank einer Zusammenarbeit mit europäischen Organisationen stemmen können.

Als er dann den Eltern sagte er wolle Abgeordneter werden, meinten die, der Sohn sei nun komplett durchgedreht. Aber 2014 wurde Purçus Wunsch Realität: Er zog als Abgeordneter für die oppositionelle CHP ins türkische Parlament ein. Sein Antrieb hinter all dem Ehrgeiz erklärt er mit seinem Credo: „Ich wollte der Öffentlichkeit beweisen, dass auch Roma-Kinder in der Lage sind etwas aus sich zu machen und für das Land und die Menschen etwas zu bewirken.

Im Leben haben wir alle die Möglichkeit, das zu erreichen, was wir wollen. Hauptsache wir kämpfen darum. Ein Mensch muss zuallererst ehrlich zu sich selber sein und darf die Realität nicht aus den Augen verlieren. Erst dann darf man in die Öffentlichkeit treten.“ Purçu ist der erste Abgeordneter in der Türkei mit Roma-Wurzeln. Er gab sich aber zuversichtlich hinsichtlich dessen, dass vielleicht künftig fünfzehn oder zwanzig Abgeordnete mit Herkunft aus der Roma-Minderheit im Parlament in Ankara vertreten sein werden.

Egal welcher Herkunft man sei, könne man auch Lösungsansätze für spezielle Probleme entwickeln. Weil er wisse welche Nachteile Roma in der Türkei haben, sei es für ihn – so der türkische Gast – einfacher diese Problematiken anzugehen und Lösungen zu entwickeln. Beziehungsweise sie in parlamentarische Anträge zu überführen. Gesundheit, Bildung, die Verbesserung der Wohnsituation von Roma, den Abbau von Vorurteilen, den Kampf gegen die Diskriminierung und Sicherheit, nannte Özcan als Themenschwerpunkte seiner politischen Arbeit. Dafür wolle er sich mit voller Kraft einsetzen.

Hintergründe zur Situation der türkischen Roma: Sie leben zu hundert Prozent in Gecekondus. Lediglich zehn Prozent von ihnen wohnen in eignen vier Wänden. Dreißig Prozent der Roma haben Wohnungen geerbt. Zwanzig Prozent von ihnen hausen in Baracken und Zelten. Viele Roma haben Mietwohnungen (Einraumwohnungen zumeist). Eine Wohnung nimmt nicht selten bis zu  vier Familien auf.

Stadtdirektor Jörg Stüdemanns Frage nach der Anzahl der türkischen Roma konnte der Gast nur mit geschätzten Zahlen beantworten: Es sind wohl um die 4,5 bis 5 Millionen. Hat es für Roma eine bessere Zeit in der Geschichte gegeben? Purçu bejahte das und verwies auf das Osmanische Reich. Da hätten die Roma oft wichtige Handwerke ausgeübt, weshalb sie benötigt und dementsprechend besser behandelt wurden.

Warum ausgerechnet in die CHP gegangen sei, fragte eine Zuhörerin. Viele seiner Vorfahren, erklärte der Abgeordnete, stammten aus Saloniki (Thessaloniki). Und da das der Geburtsort des Gründers der Türkischen Republik Mustafa Kemal Atatürks sei, habe das nahegelegen, da die Wahl dieser Partei eine familiäre Tradition war. Auch habe er eine „sozialistische Ader“ und setze, der lange ein ungerechtes Leben gelebt habe, auf grundsätzliche sozialdemokratische Werte wie Gerechtigkeit und Gleichbehandlung.

Menschenrechtlerin Hacer Foggo und ihr Einsatz für die Roma

EU-Beitrittsverhandlungen brachten eine Verbesserung auch für die Lage der Roma, warf Hacer Foggo ein. Sie erinnerte daran, dass es zuvor z.B. bei der Polizei zahlreiche inoffizielle Verordnungen betreffs des Umgangs mit Roma. Es wurde geradezu willkürlich gegen sie vorgegangen. Geschah beispielsweise irgendwo ein Diebstahl waren es die in Tatortnähe lebenden Roma, die quasi automatisch als erstes verdächtigt und beschuldigt wurden. Eine schlimme Stigmatisierung dieser Volksgruppe. Erst 2005 sei eine schlagkräftigen Roma-Organisation entstanden. Was nicht zuletzt mit dem Umsiedlungsprozess der Roma im Istanbuler Viertel Sulukule im Zusammenhang gestanden habe, sagte Foggo.

Sulukule (deutsch: Wasserturm) gilt als das älteste Romaviertel Europas. Und die Geschichte dieser Roma reicht bis ins Jahr 1054 zurück. Die Roma tanzten vor byzantinischen Kaisern, wie vor osmanischen Sultanen. Sie handelten mit Pferden und traten traditionell als Bärenführer, Musiker, Akrobaten und Gaukler auf. (hier ein älterer Artikel von mir in der Istanbul Post)

Hacer Foggo war nachdem sie (im Vorfeld des Kulturhauptstadtjahres 2010) in der Zeitung gelesen hatte, dass Sulukule im Rahmen eines Städtebauprojektes abgerissen werden sollte, sofort nach Istanbul gereist. Da, erzählte Foggo, habe sie sich in ein Roma-Café gesetzt und die Roma gefragt, ob sie von dem Projekt wüssten. Sie waren überhaupt nicht darüber informiert. Die Roma wollten sofort einen Verein gründen, Sie wussten aber nicht wie. Er entstand schließlich unter Federführung von Hacer Foggo. Bis zum Abriss des letzten Hauses in Sulukule begleitete der Verein die Roma. Der Verein wurde endlich auch Ansprechpartner für den zuständigen Bezirksbürgermeister des Stadtteils Fatih. Die von ihm angekündigten attraktiven osmanischen Nachbauten im eh im osmanischen Baustil errichtetem Viertel (ein Widerspruch in sich), stellten sich als für die angestammten Roma unbezahlbar heraus. Überdies waren unter den Gebäuden  Garagen vorgesehen. Ein Zeichen dafür, dass es Wirklichkeit um die Vertreibung der Roma aus dem Viertel ging. Denn welcher Roma ist schon im Besitz eines Autos? Parallel zum Verein wurde die Sulukule-Plattform, die Architekten, Studenten und Stadtplaner vereinte, gegründet.

Haca Foggo informierte über einen Polizeichef, der für seine Brutalität u.a. gegenüber Roma bekannt war. Man nannte ihn „Hortum-Suleiman“, weil er seine Opfer mit Schläuchen verprügelte, die er mit Eisenkugeln gefüllt hatte. Auch Musikinstrumenten von Roma wurden zerstört. Das für seine reichhaltige Musikszene bekannte Viertel verfiel zunehmend und verarmte. Viele Roma wurden ihre Einkommensmöglichkeiten genommen. Die Roma, Eigentümer ihrer Häuser, blieben drei Optionen: Verkaufen und Gehen, das neue Gebäude mit lächerlichen Entschädigungspreis verrechnet auf Kredit kaufen (sich also hoch verschulden) oder ein „beschleunigtes Enteignungsverfahren“ (gilt eigentlich nur bei Naturkatastrophen). Der Verein „klopfte seiner Zeit an viele Türen in Amerika und Europa“, um die Situation in Sulukule aufmerksam zu machen. Trotzdem zog die Stadtverwaltung die Gentrifizierung durch. „Sulukule“, so Hacer Foggo, „war damals ein Modell für die gesamte Türkei unter dem Vorwand der Stadterneuerung“.

Die vielfältigen Angebote der Gemeinwesenzentren von Beyoğlu

Nachdem Negativbeispiel Umsiedlung der angestammten Roma von Sulukule erhielten die Zuhörer und aktiv an dieser Dialogveranstaltung im Dortmunder Rathaus noch zuversichtlich stimmende Informationen von Seyma Kurt von der Stadtverwaltung des Istanbuler Stadtteils Beyoğlu. Kurt leitet dort ein Gemeinwesenzentrum (Semt Konaği). Es ist in einem alten Istanbuler Gebäude untergebracht. Diese Zentren existieren dort in jedem Viertel. Wie etwa in Dolapdere. Hier können Angebote wie Duschen, Wäsche waschen und Mittagessen genutzt werden.

Im Stadtteil gibt es einen sozialen Supermarkt. Und zwar nicht nur für Roma. Die Bezugskarten müssen beim Amt beantragt (Bedürftigkeitsprüfung) werden. Es gibt Kindergärten und Vorschuleinrichtungen. Auch ein Postamt. Das Gemeinwesenzentrum verfügt über einen großen Mehrzwecksaal. Es gäbe Möglichkeiten der psychologischen Betreuung. Darüber hinaus besteht u. a. die Möglichkeit, Alphabetisierungskurse zu besuchen oder an verschiedenen Beratungsangeboten teilzunehmen. Im Einzugsbereich der Bostanstraße liegt ein Musikcafé. Viele der Einwohner verdienten ihr Einkommen mit Musizieren. Viele andere als Tagelöhner. Als ein Bild mit einer Hochzeitsgesellschaft gezeigt wird, erfahren die Gäste nicht nur, dass in der Romagesellschaft sehr früh geheiratet wird, sondern auch, dass die Frauen oft bestimmten wie lange die Ehe Bestand habe. Was allgemeine Heiterkeit auslöste.

Leider schickten viele Roma ihre Kinder noch immer nicht zur Schule. Weil sie eben gefordert seien das Familienbudget durch Arbeit sicherzustellen. Zu beklagen sei auch eine Ghettoisierung von Schülern, da eigne Roma-Klassen gebildet würden. Die dort tätigen Lehrerinnen und Lehrer gelten als unmotiviert. Trotz einer Bildungsoffensive des zuständigen Ministeriums käme es deshalb vor, dass Romakinder in der fünften Klasse noch immer nicht lesen und schreiben könnten.

Neben Seyma Kurt vermittelte auch Melis Kaplangı von der Kulturverwaltung von Beyoğlu einen informativen Überblick über das Zusammenleben in Dolapdere und wie sich die Begleitung von Familien im Alltag für die dortige Stadtentwicklung bewährt hat.

Dortmund nimmt sich ein Beispiel am Angebot von Gemeinwesenzentrum in Dolapdere

Ein äußerst aufschlussreicher Abend! Nebenbei bemerkt: Der Dialog funktioniert auch zwischen der Bosporusmetropole und der Ruhrgebietsstadt – Beyoğlu und Dortmund verbindet eine Partnerschaft: Die hiesige Stadtverwaltung sieht sich inspiriert von Teilen des Angebots des Semt Konaği in Beyoğlu-Dolapdere. Stadtdirektor Jörg Stüdemann ließ an diesem Abend des 10. September durchblicken, dass man gedenke, auch in der Dortmunder Mallinckrodtstraße eine Waschstation zwecks Unterstützung von Roma-Neubürgern im Viertel einzurichten. Getreu dem Motto des Abends: „Miteinander reden – Voneinander lernen“.

Tjerk Ridder geht 5 Jahre nach „Anhängerkupplung gesucht!“ mit dem Projekt „Slow Ride – Spuren der Freiheit“ auf Tour

Tjerk Ridder aus Utrecht ist Theaterkünstler und Musiker. Sein Projekt „Anhängerkupplung gesucht!“ machte ihn auch in Deutschland bekannt. Die Metapher dazu lautete: Man braucht andere, um voranzukommen. Mit seinem Teckel Dachs und einem Wohnwagen (das Holländer-Klischee hierzulande!) brach er – ohne Zugfahrzeug – in Anfang 2010 in Utrecht auf, um in der Kulturhauptstadt Istanbul anzukommen. Notwendigerweise war Tjerk auf „Anhaaker“ (Leute, die seinen Wohnwagen an ihren Wagen hakten und ein Stück des Weges zogen) angewiesen. Und diese Menschen fanden sich tatsächlich! Wenn es auch manchmal einige Zeit dauerte. Tjerk Ridder – später begleitet vom Journalisten Peter Bijl – kam an den Bosporus und auch wieder zurück.

Und was er unterwegs nicht alles erlebte! Man sagt: Wenn einer  eine Reise tut, dann kann er was erzählen. Und ob Ridder etwas zu erzählen hatte!  Was Tjerk Ridder und Co-Autor Bijldann auch  taten: Sie schrieben gemeinsam ein Buch zur Reise. Dazu erschien eine DVD, die ihm beigelegt ist. Die Erlebnisse on the road, die zahlreichen kleinen und große Abenteuer, die vielen – überwiegend herzlichen – Begegnungen mit den unterschiedlichsten Menschen in den Transitländern wurden darin verarbeitet. Tjerk Ridder schrieb eine Reihe Lieder dazu. All dies  floss nicht nur in das Buch ein, sondern wurde auch Bestandteil einer begeisternden multimedialen Theatervorstellung. Diese erlebte gefeierte Premieren in Holland (Utrecht) und Deutschland (Zeche Zollverein in Essen). Zu all dem hier, hier und hier mehr.

Auf dem Weg zu sich selbst

Fünf Jahre nach dem Start von „Anhängerkupplung gesucht!“ ist sich Tjerk Ridder treu geblieben. Weiter spürt er – so könnte man es vielleicht sehen – dem Sinn des Lebens nach. Und versucht sich auf diese Weise ein Bild von Alltagssorgen, Vorstellungen von Leuten zu machen, sowie Kunde über deren ganz persönliche Lebenserfahrungen zu erlangen. Tjerks Herangehensweise ist in gewisser Weise auch eine journalistische. Ridder kommt damit sozusagen sicher auch auf einem langen Weg Schritt für Schritt weiter voran: nämlich auch zu sich selbst. Eine – dass ist so sicher wie das Amen in der Kirche – für uns alle nie endende, weil lebenslängliche Aufgabe. Vielleicht nach Pindar: „Lerne zu werden, der du bist, und sei danach.“

Der Theaterkünstler und Musiker Tjerk Ridder mit seinen Tourbegleitern Hund Dachs und und Zugpferd Elvi; Foto via Tjerk Ridder

Der Theaterkünstler und Musiker Tjerk Ridder mit seinen Tourbegleitern Hund Dachs und und Zugpferd Elvi; Foto via Tjerk Ridder

Nun tritt Tjerk Ridder, der sympathisch-bescheidene Künstlers aus Utrecht ein weiteres Mal mit einem interessanten Projekt auf den Plan. Es trägt den Titel: „A Slow Ride – Spuren der Freiheit“. Man darf sehr darauf gespannt sein. Ridder arbeitet bereits eine Zeitlang daran. Im Verlaufe des Jahres gesellte sich zum treuen Begleiter, Hundchen Dachs, Elvi, ein Zugpferd aus Belgien. Alle drei haben sich offenbar schon ein wenig aneinander gewöhnt. Das Ross ist es, was der Künstler diesmal braucht, um voranzukommen. Elvi soll auch Rhythmus Tempo der Reise bestimmen.

Um was geht es genau? Tjerk Ridder beschreibt es:

A Slow Ride – Spuren der Freiheit“

Was bedeutet Freiheit und Befreiung für Dich? Was kannst Du tun, um etwas von Dir zu befreien? Was ist die Bedeutung von Freiheit im Jahr 2015 und wie können wir unsere Erfahrung von Freiheit weiterentwickeln?“

 

Mit diesen Fragen mache ich mich auf den Weg. Im kommenden Sommer mache ich eine Reise durch Europa. „A Slow Ride – Spuren der Freiheit“ ist eine symbolische und poetische Reise über Freiheit und Befreiung. Mein Ziel ist es, Dich und alle unterwegs Beteiligten auf die Suche nach ihrer persönlichen Bedeutung von Freiheit zu befragen, um anschließend das eigene Erleben von Freiheit weiter zu entwickeln.

Warum diese Reise und warum jetzt?

Reisen ist ein Symbol für Neugier und das Versetzen von Grenzen. Und ist eine Metapher für Freiheit und Entwicklung. Wir leben in einer freien Gesellschaft, glücklicherweise. Unsere Freiheit wird allerdings auf vielen Gebieten beeinflusst: enormen Medien-Input, Datenschutz, internationale Spannungen, Leistungsdruck, eine größer werdende Kluft zwischen Arm und Reich. Auch existieren viele Missverständnisse bezüglich Freiheit.

 

Ich möchte untersuchen wie Menschen hiermit umgehen und möchte nah heranzoomen an persönliche Geschichten über das Erleben von Freiheit. Auf diese Weise hoffe ich, mich selbst und Menschen um mich herum zu inspirieren, persönliche Freiheit zu entdecken und Talent zu entfalten.

Wie gehe ich auf die Reise?

Ich mache mich auf den Weg mit meinem belgischen Zugpferd Elvi. Am 19. Juni breche ich mit Elvi und meinem Dackel Dachs vom Theaterfestival Oerol auf Terschelling auf. Drei Monate lang geht es durch die ersten fünf Schengen-Staaten, in Richtung der Kulturhauptstadt Europas 2015, Mons in Belgien. Unterwegs suche ich das Gespräch mit Menschen über ihre Erfahrungen mit Freiheit und Befreiung und besuche Stätten der Freiheit und Unfreiheit, wie zum Beispiel Kulturfestivals und –Veranstaltungen, Asylbewerberzentren, Schulen, eine psychiatrische Klinik und relevante historische Orte.

 

Der „Slow Ride“ geht langsam in Elvis Tempo, wodurch wir die Ruhe haben um uns in Gespräche zu vertiefen, etwas, was in der heutigen Welt stets seltsamer zu werden scheint. Die Gespräche werden gefilmt und fließen in eine neue multimediale Theatervorstellung ein. Selbstverständlich ist die Reise auch über die Website, Facebook und Twitter zu verfolgen.

Dreh Dich zur Sonne hin

Sonnenblumen besitzen die Fähigkeit, sich zur Sonne hin zu drehen. Diese Gegebenheit inspiriert dazu, dasselbe zu tun und sich zu dem Ort auszurichten, an dem Energie ist. Die sprichwörtlichen Blumen, die bei meinen Gäste blühen werden, bekommen physische Form in einer Spur von Sonnenblumen, die während der Reise gepflanzt werden.

 

Und auch Du kannst Teil dieser stets breiter werdenden, durch fünf europäische Länder führenden Spur sein. Bei fast jeder Spende bekommst Du eine spezielle „Dreh Dich zur Sonne“-Box: eine Box mit Sonnenblumensamen, Erde und einem bisschen Mist von Elvi, um diese in Deinen Garten zu pflanzen.

Multimediale Theatervorstellung

Nach der „Slow Ride“-Reise mache ich aus den Erfahrungen von unterwegs eine multimediale Theatervorstellung: eine Kombination aus Film, Songs und Erzählungen. Die Premierenwoche findet vom 2. bis 6. Dezember 2015 in der Paardenkathedraal in Utrecht statt. Bei einer Reihe von Spenden bekommst Du hierfür Tickets und sogar ein Spezial-Slow Ride & Slow Food-Dinner im Restaurant Goesting, das neben dem Theater liegt!

 

Nach der Premiere wird die Vorstellung auf nationalen und internationalen Kulturfestivals zu sehen sein und auch bei Veranstaltungen von Organisationen, Schulen und Universitäten.

Erfolgreiches Crowdfunding

Um „A Slow Ride“ zu ermöglichen, hatte Tjerk Ridder eine Crowdfunding-Kampagne auf der niederländischen Plattform voordekunst gestartet. Sie war zu hunderprozentig erfolgreich. 19 092 Euro sind zusammengekommen!

Am 19. Juni 2015 geht Tjerk Ridder von Terschelling aus auf die Reise

Die Reiseroute; Grafik via Tjerk Ridder

Die Reiseroute; Grafik via Tjerk Ridder

Bleibt abzuwarten, ob das neue Projekt des holländischen Künstlers Tjerk Ridder aus Utrecht,  „A Slow Ride – Sporen van Vrijheid“  an den Erfolg von  „Anhängerkupplung gesucht!“ quasi wird ankoppeln können.  Am Freitag, den 19 Juni 2015 geht Tjerk Ridder jedenfalls  mit Elvi und Dachs von Terschelling aus auf Tour – viel Glück und Erfolg dafür! Ich werde weiter darüber informieren.

Cigdem Akyol mit „Generation Erdogan“ an der Auslandsgesellschaft Dortmund

Cigdem Akyol im Bild rechts neben dem Moderator des Abends; Foto: C.-D.Stille

Cigdem Akyol im Bild rechts neben dem Moderator des Abends; Foto: C.-D.Stille

Sie selbst ist ein Kind der Ruhrgebietsstadt Herne und zählt sich zur „Generation Kohl“. Will heißen: Der CDU-Bundeskanzler war über viele Jahre allgegenwärtig. Man kannte nichts anderes. Cigdem Akyol, das Herner Kind von einst, ist an diesem Montag zu Gast in Dortmund. Eine nahegelegene Großstadt, in die zwecks Freizeitgestaltung gefahren gerne wurde, um Herne – das für Jugendliche schnell zu klein wird – für einige Stunden zu entfliehen. Inzwischen lebt Cigdem Akyol in der Megametropole am Bosporus. Diesem herrlichen, wunderschönen, hässlichen, aufregenden, immer wieder auf Schritt und Tritt überraschenden, pulsierenden, lärmenden Moloch Istanbul. Unweit des berühmten Taksim-Platzes, der erst am 1. Mai wieder Schlagzeilen machte. Um 1.Mai-Aufmärsche zu verhindern, hatten die Behörden den Platz weiträumig abgesperrt. Wichtige Fähr- Bahn- und Busverbindungen waren ausgesetzt. Immerhin, so konzediert Akyol an diesem Montagabend in Dortmund: „Es gab keine Toten.“

Zur Person

Cigdem Akyol, geboren 1978, studierte Osteuropakunde und Völkerrecht an der Universität in Köln, sowie in Russland. Anschließend Ausbildung an der Berliner Journalisten-Schule. 2006 begann sie als Redakteurin bei der taz in Berlin, zunächst im Inlandsressort, später Wechsel zu den Gesellschaftsseiten. Nach Aufenthalten im Nahen Osten, in Zentralafrika, China und Südostasien ging sie 2014 als Korrespondentin nach Istanbul. Sie schreibt u.a. für den Standard, die Presse, die österreichische Nachrichtenagentur APA, die NZZ, die WOZ, die Zeit online und die FAZ.

Einladung zu Lesung und Diskussion

Die Auslandsgesellschaft NRW e.V. in Dortmund hatte Cigdem Akyol zur Lesung aus ihrem Buch und zur anschließenden Diskussion eingeladen. Der Titel: „Generation Erdogan – Die Türkei, ein zerrissenes Land im 21. Jahrhundert“

Das Auditorium, bestehend aus Mitgliedern der Alevitischen Gemeinde, aber auch anderem interessierten Publikum, war ausgesprochen gut besucht. Und unqualifizierte Anwürfe oder gar rassistische Beschimpfungen – Akyol hat all das bereits erleben müssen – war in Dortmund nicht zu erwarten.

Cigdem Akyol bei den  Eltern des bei den Gezi-Protesten schwerverletzten und 269 Tage später verstorbenen Berkin

Zunächst liest Cigdem Akyol aus ihrer Reportage „Vor einem Jahr starb Berkin – wie geht es den Eltern?“(Quelle: Badische Zeitung). Der 14-jährige Berkin Elvan war bei den Gezi-Protesten in Istanbul im Jahr 2013 von einer Tränengaskartusche (vermutlich deutscher Produktion) der Polizei am Kopf getroffen worden. Beim Brot holen war Berkin zwischen die Fronten gekommen. Berkin fiel ins Koma. Aus der Reportage: „Der Junge fiel ins Koma, und nach 269 Tagen, mittlerweile 15 Jahre alt und auf 16 Kilogramm abgemagert, starb er. Berkin war das achte Todesopfer der landesweiten Proteste gegen die Regierung – und das jüngste.
Jeder in der Türkei kennt das Foto, auf dem Gülsüm am 11. März 2014 Minuten nach dem Tod ihres Sohnes vor dem Krankenhaus zusammenbricht.“

Auch am diesjährigen Jahrestag des Todestages des Jungen Berkin wurde in Istanbul Empörung lautstark manifestiert. Noch Berkins Tod hatten Demonstranten den damaligen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan zum Rücktritt aufgefordert. Seinerzeit hatte Erdogan Berkin in die Nähe von Terrorismus gerückt. Er habe sich mit einem Schal bedeckt. Bis heute hat sich der Staat nicht bei den Eltern entschuldigt. Niemand ist für die Tat zur Rechenschaft gezogen worden. Und Erdogan sitzt fester im Sattel denn je: Mittlerweile ist er Staatspräsident der Türkei. Berkins Eltern sind heute am Boden zerstört. Eine bitter traurige Geschichte. Erdogans Image hat das, so Cigdem Akyol, höchstens im Ausland geschadet.

Zwei Jahre nach den Gezi-Protesten: Rückzug vieler Menschen ins Private

Wie sieht es zwei Jahre nach den Gezi-Protesten in der Türkei aus?, fragt der Moderator. Akyol hat festgestellt, dass sich viele Menschen ins Private zurückgezogen haben. Man hat gesehen, dass man von der Polizei schwerverletzt oder gar getötet werden kann. Und Viele können weder die Krankheitskosten aufbringen noch sich Verdienstausfälle leisten. Zwar, so die Autorin, seien letzte Woche Gezi-Demonstranten freigesprochen worden; doch finanziell könnten die durchaus nun ruiniert sein.

Die Arbeitsbedingungen der deutschen Auslandskorrespondentin sind gegenüber den türkischen Kolleginnen und Kollegen komfortabel

Auf meine Frage zu den Arbeitsbedingungen von Cigdem Akyol in der Türkei – kann sie frei arbeiten, wird sie in ihrer journalistischen Arbeit bisweilen von den Behörden behindert?, antwortet sie: Sie stehe als Auslandskorrespondentin mit deutschem Pass unter deutschem Rechtsschutz, das zahle sich aus. „Ich werde nicht behindert.“ Aber gibt sie zu: „Man hat natürlich eine gewisse Schere im Kopf.“ Sie nennt ein Beispiel. Als es letztes Jahr Kobane in die Luft geflogen ist hatte und es zu Ausschreitungen gekommen war, habe sie für Zeit Online berichtet. Am Galataturm auf der Istiklalstraße hätten Demonstranten gerufen: „Erdogan, dafür wirst du die Rechnung bezahlen!“ Das kam im Text vor. Und die Kollegen in Deutschland hätten das als Überschrift genommen. Man kennt das als Journalist. Das ist eben knallig. Akyol: „Man nennt das im Journalismus Klickmonster.“ Sie rief umgehend in der Redaktion an und ließ die Überschrift ändern: „Denn ich bin, diejenige, die hier sitzt und damit rechnen muss, gegebenenfalls auch abgeschoben zu werden. Was durchaus passiere. Ein Kollege aus Aserbaidschan sei abgeschoben worden. Und eine Kollegin aus den Niederlanden (Frederike Geerdink; d. A. – Quelle: DER SPIEGEL), war gar angeklagt, wurde aber freigesprochen. Akyol weiß, das wirke auf Kollegen schon als Warnzeichen.

Türkische Kollegen müssten dagegen um ihre Jobs fürchten, berichteten sie allzu kritisch. Cigdem Akyol verweist darauf, dass große Medien in der Türkei Konzernen gehören, die den Druck aus Ankara und Auftragsverluste fürchten und dementsprechend lavieren. Oder der Staat schicke – wie in Russland – eben mal die Steuerfahndung vorbei. Da finde man immer was. Und das werden dann meist teuer. Viele Journalisten sitzen in der Türkei in Haft oder seien von Verfahren bedroht. Letzte Woche habe Akyol die kemalistisch ausgerichtete „Cumhuriyet“ besucht. Akyol: „Für mich ist die zu streng, zu kemalistisch. Nicht differenziert genug. “ Die Zeitung steht der Oppositionspartei CHP nahe und sei stets rigide auf Kritik ausgerichtet. Allenfalls diese Zeitung, eine der wenigen unabhängigen Tageszeitungen in der Türkei, könne sich das einigermaßen leisten. Akyol rechnet aber durchaus damit, auch einmal Problemen bekommen zu können. Erdogan werde nämlich immer dünnhäutiger, was Kritik angehe. Selbst eine türkische Schönheitskönigin müsse sich wegen eines Facebook-Eintrages vor Gericht verantworten.

Wo ist eigentlich die türkische Opposition?

Eine Frage aus dem Publikum. Cigdem Akyol darauf: „Das wüsste ich auch mal ganz gern.“ Etwa bei den diesjährigen 1.Mai-Umzügen war sie nicht an prominenter Stelle vertreten. Einzig der kommunistischen Partei war es gelungen bis zum Taksim vorzudringen. Die Journalistin schätzt das so sein: Die CHP mache seit dem Machtantritt der AKP nichts anderes, „als sich an Erdogan abzuarbeiten.“ Überdies fehle es der CHP an einem Vorsitzenden mit Charisma. Kemal Kilicdaroglu sei der falsche Mann an der Parteispitze. Dem entgegen gibt Akyol die Kurdenpartei HDP (dazu: ein Artikel der Deutschen Welle) Hoffnung. Sie könnte mit dem charismatisch-dynamischen Selahattin Demirtas Punkte machen. Doch bei den Parlamentswahlen im Juni dürften sie wohl noch an der 10-Prozenthürde scheitern.

Was der „schwarze“ Türke Erdogan schaffte

Den Erfolg von Recep Tayyip Erdogan und dessen AKP erklärt die Journalistin so: Er hat der Türkei Sicherheit gebracht. Schließlich habe das Land auch durch und nach dem Militärputsch von 1980 immer in Unruhe gelebt und sein von Instabilität gequält gewesen. Die AKP, das müsse man dieser Partei lassen, habe politische Stabilität und wirtschaftlichen Aufschwung gebracht. Und die Partei – noch mehr Erdogan selbst – spreche mit den Leuten auf Augenhöhe, bzw. vermittle wenigstens den Eindruck. Akyol: „Erdogan macht das ganz geschickt. Er sagt: Ich bin ein schwarzer Türke.“ Dazu müsse man wissen, dass man in der Türkei die Unterscheidung zwischen „weißen“ und „schwarzer“ Türken kennt. Die weißen, dass sind die kemalistischen Türken, eine elitäre Oberschicht, eine Minderheit, die das Land über Jahrzehnte beherrscht und teils arrogant über die schwarzen Türken, die sogenannte Unterschicht (bildungsferne Menschen aus Anatolien), die Bevölkerungsmehrheit regiert hat. Selbst jetzt noch, da „Erdogan ganz weit weg vom Volk in seinem neuen Palast mit tausend Zimmer ganz abgehoben vom Volk sei“ ziehe sein Narrativ vom „schwarzen“ Türken noch immer ganz gut.

Im Lande hat ein Elitenaustausch stattgefunden. Die Kemalisten haben vorerst verloren. Jahrzehntelang benachteiligte Islamisch-Konservative rücken nach. Selbst der mächtigen und einst gefürchteten türkischen Armee – die mehrfach in der Geschichte der Türkei putschte – stutzte der aus dem armen Istanbuler Stadteil Kasimpascha stammende Erdogan die Flügel. Ironischerweise leistete dabei die EU Schützenhilfe, die im Rahmen der Beitrittsverhandlungen mit Ankara auf die Unterordnung der Armee in eine demokratisches Gemeinwesen verlangte.

Die von Erdogan geschaffene Stabilität, gibt Akyol zu bedenken, geht jedoch zulasten der demokratischen Grundrechte. Viele Leute störe das nicht: „Was interessiere es die Hausfrau in Anatolien, dass Twitter abgeschaltet wird?“

Ohne Zweifel: Die Türkei ist gespalten.

Macher Erdogan

Das nächste Kapitel aus dem Cigdem Akyol vorliest befasst sich Lokalpolitik. Und damit, wie Recep Tayyip Erdogans politische Laufbahn begann. Mit gerade einmal 29 Jahren hat Erdogan seinen Job bei den Istanbuler Verkehrsbetrieben aufgegeben. Der als Chef des Unternehmens eingesetzte Offizier hatte allen Mitarbeitern vorgeschrieben nur noch glatt rasiert zum Dienst zu erscheinen. Ein bärtiges Gesicht galt als Zeichen der kulturlosen Islamisten. Erdogan ging in die Privatwirtschaft und trat in die Wohlfahrtspartei ein. 1994 schaffte es Erdogan sich gegen vier Kandidaten durchzusetzen: Mit seinem Einsatz für die bislang von den anderen Parteien vernachlässigten „schwarzen“ Türken gelang ihm der Sprung auf den Sessel des Oberbürgermeisters von Istanbul. Ein sehr beliebter! Er schaffte die Müllhaufen aus Istanbul und führte das damals modernste Busticket der Türkei und beseitigte Probleme bei der Wasserversorgung. Die Luftqualität wurde verbessert.

Erdogan hielt sich. Auch nach einer Verurteilung durch ein Staatssicherheitsgericht wegen des Zitats aus einem Gedichts von Ziya Gökalp „Die Minarette unsere Bajonette, die Kuppeln unsere Helme // Die Moscheen unsere Kasernen, die Gläubigen unsere Soldaten (…)“ zu zehn Monaten Haft – von der Strafe saß er vier Monate ab – konnte ihm nicht schaden. Er ging danach etwas vorsichtiger zu Werke. Sogar Amnesty International protestierte damals gegen das Urteil.

Was will Erdogan?

Akyol glaubt nicht, dass Recep Tayyip Erdogan einen islamischen Staat nach dem Vorbild Iran oder Saudi-Arabien will. Er sei ein „streng konservativer Sunnit“ und wünsche sich ein islamischeres Land und ein Aufweichen des Säkularismus. Der allerdings sei noch sehr stark verwurzelt in der Türkei. Und Atatürks Erbe sehr fest verankert. Jetzt strebe Erdogan das Jahr 2023 an: Wenn es ihm nämlich gelinge dann noch Präsident zu sein, werde er in einem Atemzug mit Republik Atatürk genannt. Es gehe ganz einfach auch um Macht und Geld. Oder wie es ein Soziologe ausgedrückt habe: Monney and Mosque – Geld und Glaube. „Erdogan ist ein Patriarch“, sagt Akyol. Und die Journalistin spricht von einem „gewaltigen Pensum, das Erdogan so an einem Tage hinlegt“. Ständig sei er auf allen Kanälen präsent. Schlafe der eigentlich mal? Man munkele, Erdogans Frau Emine halte ihren Mann mit Salbeitee fit. Akyol: „Chapeau! Der redet ja den ganzen Tag. Und sich um Kopf und Kragen.“ Erdogans Gegner dagegen würden niedergeknüppelt und außer Gefecht gesetzt.

So dumm wie Bilal

Eine Zuhörerin wirft ein, Erdogan wolle vielleicht einfach auch möglichst lange an der Macht bleiben, um seinen Kopf zu retten. Das hält Cigdem Akyol für möglich. Deutschlands Präsident Wulff sei ja „über ein Bobbycar“ gestürzt. Erdogan konnten Skandal bislang nichts anhaben. An die Schuhkartons voller Geld bei AKP-Leuten – ein riesiger Korruptionskandal 2013 – , erinnert die Zuhörerin und an das abgehörte Gespräch von Erdogan mit seinem Sohn Bilal, der den Papa fragte, wie er denn Schwarzgeld verstecken solle. Seither kursiere in der Türkei der Satz: „Du bist ja so dumm wie Bilal.“

Ein Machtkampf mit einem alten Weggefährten

Auch kommt das Gespräch auf Erdogans einstigen Weggefährten und längst in den USA lebenden heutigen Widersacher, den Prediger Fetullah Gülen und dessen Bewegung. Ein Machtkampf. Ja, Erdogan wolle gewiss auch seinen Kopf retten, was heiße, so lange wie möglich an der Macht zu bleiben. Erdogan sei sehr verbissen. Er hat sich alles im Leben schwer erarbeiten müssen.

Erdogans Frömmigkeit

In einem weiteren Kapitel geht es um den religiösen Erdogan. Wenn er doch einmal einer Frau hat die Hand geben müssen (gilt als unislamisch), habe er im Stillen Gott hernach um Verzeihung gebeten. Einmal habe er die Idee geäußert, Parlamentssitzungen durch das Rezitieren von Koran-Suren zu eröffnen. Einmal erklärte 2001 anlässlich der Gründung der AKP (nach der Haft 1998) leicht weichgespült: „Mein persönlicher Referenzrahmen ist der Islam, mein politischer Referenzrahmen sind Verfassung und demokratischen Prinzipien.“ Für die Gegner Erdogans gilt, dass der sich nur verstelle, um den Islam zu stärken. Als Wolf im Schafspelz sozusagen. Akyol: Als Erdogan als frisch gekürter Premier auf einem Bankett die Gabel der rechten Hand hielt, „befand die Tageszeitung Hürriyet, dies sei eine schöne islamische Tradition. Mohammed habe auch mit der rechten Hand gegessen.“ Das Kapitel erzählt auch davon, dass in der Türkei selbst Kinderbücher im Sinne des Islam umgeschrieben wurden. Sogar Heidi ist ein islamische Welt versetzt worden. Winni Puuh fiel beim Staatsfernsehen TRT durch, weil darin ein Schwein vorkommt.

Erdogans Erfolg sei spiegelbildlich natürlich auch auf ein Versagen der Kemalisten zurückzuführen: „Sie haben über das ganz normale Volk hinweg regiert“, meint Akyol.

Und, dass Erdogan (will in jeder Hinsicht der “Bestimmer“ sein, wie ich es nennen möchte) einen Kontrollwahn habe und zuweilen absolut paranoid reagiere.

Viele Türken hätten den Eindruck: „Der macht was für uns.“ Was nicht heißen müssen, dass „die Leute zu tausend Prozent hinter ihm stehen“. Erdogan habe einen „Epochenwechsel“ eingeleitet. Und die Leute haben diesem an der Urne mehrheitlich ihre Stimme gegeben. Und, so Akyol weiter, man dürfe nicht vergessen, dass die AKP in „der schwersten Wirtschaftskrise seit der Republik-Gründung“ (1923) im Jahr 2002 an die Macht gekommen war. „Da hat er die Gunst der Stunde genutzt.“

Fazit

Wie weiter mit Erdogan und der Türkei? Keine Frage: In der Türkei haben wir es nach 13 Jahren AKP an der Macht mit einer „Generation Erdogan“ zu tun. Es hat ein Epochenwechsel und Elitenaustausch stattfinden. Wie die „Generation Kohl“ wird erst recht in der Türkei die „Generation Erdogan“ nicht ohne Spuren in der Gesellschaft bleiben. Wäre denn, so eine Frage aus dem Publikum gen Ende der Veranstaltung ein Militärputsch eine Lösung, die zu einem Wandel führen könnte? Cigdem Akyol antwortet darauf wie aus der Pistole geschossen, das einzig Richtige: „Ein Militärputsch ist nie eine Lösung.“ Da bliebe eigentlich nur eine Möglichkeit. Ich drücke Akyols Antwort einmal profan aus: Die türkische Opposition muss endlich mal aus dem Quark kommen. Was hieße, erst einmal eine Person mit dem nötigen Charisma zur Wahl aufzustellen. Wenn es die CHP nicht packt, dann vielleicht eines nahen Tages die kurdische HDP mit dem agilen Demirtas?

Ein hoch interessanter Abend wieder einmal in der Auslandsgesellschaft Dortmund. Wer mehr wissen will, sollte – so denke ich, eine gute Empfehlung zu geben – das Buch von Cigdem Akyol lesen.

 

Hier geht es zum Buch:

Cigdem Akyol

Generation Erdogan

Claus Stille: Artikel zu Themen mit Türkei-Hintergrund in der „Istanbul Post“

Ansicht von Cesme, Türkei; Foto: Claus-D. Stille

Ansicht von Cesme, Türkei; Foto: Claus-D. Stille

Hier finden Sie, liebe Leserinnen und Leser,  eine  Auswahl an Links. Sie leiten zu meinen Artikeln, welche ich über mehrere Jahre für die Internetausgabe der „Istanbul Post“ geschrieben habe.

Quelle: Istanbul Post : Weitere Artikel der Autoren Perihan Ügeöz, Stefan Hibbeler und Walter Reichel über das Archiv (auf Seite Istanbul Post – Archiv (rechts)

Beiträge von Claus Stille

Erdogan und die Zeichen der Zeit, 02.04.2010

Pfiffige Döner-Tüten sollen in „Türckische Cammer“ locken, 12.03.2010

„Goldener Bär“: Hin und weg von Türkischem Honig („Bal“), 26.02.2010

„TREKHAAK GEZOCHT!“, 12.02.2010

Proteste der TEKEL-Arbeiter Thema auch in Deutschland, 05.02.2010

Aufklärer oder Schwerverbrecher? Nedim Sener soll 32 Jahre hinter Gitter, 11.12.2009

Scheidender EU-Industriekommissar Verheugen: Die Türkei darf dem Westen nicht verloren gehen, 23.10.2009

Bestes Drehbuch: „Chiko“ von Özgür Yildirim, 08.05.2009

Bremer Theater mit Lutger Vollmers „Gegen die Wand“ erfolgreich, 26.12.2008

Cem Özdemir – Erster Deutschtürke an der Spitze einer Partei!, 20.11.2008

Türkei am Stück und rund um die Uhr auf 3sat , 08.11.2008

6.Türkische Filmwoche Berlin , 15.04.2008

Tatort Krimi , 15.01.2008

„Sichere Rückführung“ im Namen der EU kann tödlich enden , 15.12.2007

Schreibermunterung: Europäischer Drehbuch-Filmpreis für Akin , 15.12.2007

Türkei: Ski und Rodel gut , 15.12.2007

Mahnt: Die neue Arche auf dem Berg Ararat , 15.06.2007

Ex-Guantanamohäftling Murat Kurnaz arbeitet für Sozialprojekt, 15.03.2007

Das alte Lied wohl auch 2007:Passt die Türkei zur EU? Nur 16% der Deutschen wollen sie drin haben, 15.01.2007

Murat Kurnaz erkannte mutmaßlichen KSK-Schläger auf Foto, 15.01.2007

WDR-Fernsehkamera beobachtet die Özdags in Köln, 15.01.2007

Nichts für religiös Unmusikalische?, 15.12.2006Der beschämte Kuaför, Kindheitserinnerungen und ein Nobelpreis, 15.12.2006

Sowohl-als-auch-Fern-Seher , 15.12.2006

Funkhaus Europa: YENI SESLER ARIYORUZ! WIR SUCHEN NEUE STIMMEN!, 15.12.2006

Wo  zweiundsiebzigeinhalb Völkerschaften miteinander vermengt worden sind,
war TANIL BORA für melez06 unterwegs
, 15.11.2006

Wo der Zahnarzt einen Vogel, Ayse Glatze und Salih für jeden Gaumen den passenden Käse hat, 15.11.2006

Im Spagat zwischen Orient und Okzident:
Istanbul wird neben Essen und Pécs Kulturhauptstadt Europas 2010
, 15.11.2006

Gretchen-Frage „Muslimisches Kopftuch“ beschäftigt bayerisches Verfassungsgericht , 15.11.2006

Das Für und Wider bleibt vorerst, 15.10.2006

Türkei als Gastland der Frankfurter Buchmesse 2008, 15.10.2006

Murat Kurnaz: Für 3000 Dollar in die US-Hölle verkauft, 15.10.2006

Istanbuli Orhan Pamuk erster Literaturnobelpreisträger der Türkei, 15.10.2006

Kommt im Heute an!, 15.10.2006

Fasst Seyran Ates nach Abgabe der Anwaltszulassung doch wieder Mut?, 15.09.2006

Ziemlich normale Köpfe unterm Tuch , 15.09.2006

Von KANAL AVRUPA ins Parlament nach Ankara?, 15.08.2006

Segelunfall brachte Millionär zum Umdenken, 15.08.2006

Auch ohne Abi auf die Uni, 15.08.2006

Nun ist er wieder in der Welt, 15.08.2006

Schlüssel zur besseren Integration
Türkeistämmige Mandatsträger gründeten parteiübergreifendes Netzwerk
, 15.06.2006

Die Hochzeit als Programm
Dügün TV erhielt Lizenz zum Senden
, 15.06.2006

Nicht nur ein Cop für alle Fälle
Murat Topal: Türke, Polizist, Comedien
, 15.06.2006

Türkisch-Deutscher Wirtschaftskongress fand in Berlin statt
Sahin: Handelsvolumen von über 100 Milliarden Euro binnen zehn Jahren ist möglich
, 15.05.2006

Murat Kurnaz und die „graue Effizienz“
Bremer Türke noch immer nicht aus Lager Guantanamo entlassen
, 15.05.2006

Es lebe das OSMANische Reich!
„Heimtürkischer“ Satiriker Osman Engin bekam ARD-CIVIS-Hörfunkpreis
, 15.05.2006

Ein schleichendes Gift
Fremdenfeindliche Taten in Belgien und Deutschland
, 15.05.2006

Geerdeter Multiplikator
Sänger und Texter Muhabbet kreierte neuen Musikstil „R’nBesk“
, 15.05.2006

Einfach göttlich
Als Bulgare im Türkischen Hamam
, 15.05.2006

Unter der Maske: das fremdbestimmte, in falschen Traditionen gefangene Wesen, 15.04.2006

Wenn „Ehre“ die Ehre zerstört
Mörder von Hatun Sürücü in Berlin zu 9 Jahren und 3 Monaten Haft verurteilt
, 15.04.2006

Ankara und Düsseldorf für mehr Integration
NRW-Integrationsminister Laschet sprach mit türkischen Ministern
, 15.04.2006

Stoiber, Beckstein: Übernehmen Sie!
Rambo-Film „Kurtlar Vadisi – Irak“ erregt weiter deutsche Gemüter
Vorsicht: Kommt demnächst auf Deutsch!
, 15.03.2006

Hüzün, die Istanbuler Melancholie
Orhan Pamuk hielt „Berliner Lektion“
, 15.02.2006


Gesinnungsgeschnüffel darf nicht durchgehen
, 15.01.2006

Was Mozart mit dem EU-Beitrittswunsch der Türkei zutun hat, 15.01.2006

Dikkat! Niederbayrischer Türke will Land seiner Vorfahren kabarettistisch heimsuchen , 09.01.2006

Der verlorene Sohn aus Bremen, 26.12.2005

Der verlorene Sohn aus Bremen, 26.12.2005

Wetten, dass Gülcan Gottschalk folgt? , 19.12.2005

Wetten, dass Gülcan Gottschalk folgt? , 19.12.2005

Bodrumer verlangen vom British Museum antike Kulturgüter zurück , 31.10.2005

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MELEZ – „“Mischling“ unterm Ruhr-Pottdeckel, 24.10.2005

Einer, der tausend und ein Faden in der Hand halten kann, 24.10.2005

MELEZ – „“Mischling“ unterm Ruhr-Pottdeckel, 24.10.2005

Einer, der tausend und ein Faden in der Hand halten kann, 24.10.2005

Mehr als Kopftuch und Döner, 05.09.2005

Mehr als Kopftuch und Döner, 05.09.2005

Heiße Luft um (fast) nichts, 29.08.2005

Heiße Luft um (fast) nichts, 29.08.2005

Bleibt schizophrener und schicksalhafter Hieb der Geschichte aus? , 22.08.2005

Die CDU/CSU sagt vorher die Wahrheit – Auch der Türkei, 22.08.2005

Bleibt schizophrener und schicksalhafter Hieb der Geschichte aus? , 22.08.2005

Die CDU/CSU sagt vorher die Wahrheit – Auch der Türkei, 22.08.2005

ALATURKA – Keyif á la Cesme , 01.08.2005

ALATURKA – Keyif á la Cesme , 01.08.2005

Hat die alte Tante SPD bei den Deutsch-Türken ausgedient?, 11.07.2005

Hat die alte Tante SPD bei den Deutsch-Türken ausgedient?, 11.07.2005

Musikalische Brücke als Liebeserklärung an Istanbul , 16.05.2005

Dass, das Osmanische hinter den Köpfen verschwinde , 02.05.2005

Auch wenn es DIE so nicht gibt,
es bleibt dabei: DAS (Zwangsheirat, Prügel und Ehrenmord ) ist schlecht
, 25.04.2005

Fünf Jahre Knast fürs Kreuz bei der Wahl, 11.04.2005

Bröckelnde Fassade des Schweigens als Chance für die Zukunft begreifen, 04.04.2005

Statt drei Schritte hinterher, einen nach vorn…, 14.03.2005

Adieu Hatun!
Gedanken zum Frauentag
, 07.03.2005

Diese EHRE ist eine SCHANDE, 28.02.2005

Misswahl als Symbol, 17.01.2005

„Heimspiel“ der Istanbuler in Dortmund, 08.12.2003

Mut zum Weitermachen; dem Terror keine Chance! , 24.11.2003

Stein(e) des Anstoßes? , 27.10.2003

Wer die Wahrheit sagt, der wird aus neun Dörfern verjagt…, 20.10.2003

Die Stimme von Unten , 31.03.2003

Die Stimme von Unten , 31.03.2003

Schmutzige Spur führt nach Düsseldorf , 03.03.2003

Schmutzige Spur führt nach Düsseldorf , 03.03.2003

Keine Sache von Ehre, 17.02.2003

Keine Sache von Ehre, 17.02.2003

Frech, frank und frei: CILGIN trifft den Nerv der Zeit , 10.02.2003

Frech, frank und frei: CILGIN trifft den Nerv der Zeit , 10.02.2003

Von Defiziten und Gemeinsamkeiten, 27.01.2003

Von Defiziten und Gemeinsamkeiten, 27.01.2003

Islam = Frieden! , 00.00.0000

Das Schmunzeln des Pr laten von Antalya, 00.00.0000

Geteilte Meinungen und Hoffnungen, 00.00.0000

Handlungsbedarf, 00.00.0000

Packend und Lebensnah , 00.00.0000

Kübelweise Schmutz von BILD, 00.00.0000

Tjerk Ridder zurück auf Zollverein. Ein Erlebnis! – 2015 neues Projekt: „Slow Ride with short Stories for Freedom“

Tjerk Ridder zurück auf Zollverein auf der Bühne des Salzlagers; Fotos: Stille

Tjerk Ridder zurück auf Zollverein auf der Bühne des Salzlagers; Fotos: Stille

Mehr solche Täter wünscht man sich. Der Niederländer Tjerk Ridder ist einer dieser Exemplare. Besser: Macher. Auf Holländisch So steht es auch auf seiner Website: „muzikant en theatermaker“. Angelehnt an Erwin Strittmatters Romantrilogie möchte ich ihn beinahe als „Wundertäter“ bezeichnen. Theatermacher. Und was Ridder für ein Theater macht! Mehr als Theater sogar. Die Bretter, die bekanntlich die Welt bedeuten, allein langten ihm nicht. Ihn zog es hinaus. Auf die Straße. Hinaus aus seiner Heimatstadt Utrecht. Bis hin ins ferne Istanbul.

Zurück auf Zollverein

Für den 21. und 22. November zog es Täter Tjerk Ridder wieder hin zum Tatort. „Täter“ führt in diesem Falle möglicherweise auf die falsche Spur. Obwohl der niederländische Liedermacher, Theaterkünstler und Schriftsteller eine nicht gerade unbedeutende Tat vollbracht hat. Mit einem Eriba-Campingwagen trampte der Utrechter sage und schreibe 3.700 Kilometer von seiner Heimatstadt bis ins ferne Istanbul! Kein Pappenstiel. Vor allem, wenn man bedenkt, dass Ridder ohne Zugfahrzeug trampte. Drei Monate lang trampte er durch Europa. (Dazu mein Artikel für die Istanbul Post vom Februar 2010) Ridders Projekt folgte der Philosophie „Man braucht andere, um voranzukommen“. Tjerk Ridder trampte 2010 von Utrecht aus durch insgesamt acht Länder, unter anderem durch die drei damaligen Kulturhauptstädte Europas: Essen, Pécs und Istanbul. Es sollte eine außergewöhnliche Tour werden.

Ein Sprung ins Ungewisse war das. Eine Begegnung mit eigenen Ängsten und davor fremde Grenzen zu überschreiten. Auch eine Suche nach Gastfreundschaft und Vertrauen im heutigen Europa. 53 Fahrer hakten den Niederländer an. Dank ihnen konnte er sein Ziel Istanbul erreichen.

Erstes Etappenziel dieser außergewöhnlichen Reise im Jahr 2010 war das UNESCO-Welterbe Zollverein. Auf dem Rückweg war es für Tjerk Ridder selbstverständlich damals im Sommer selben Jahres wieder auf Zollverein Station zu machen. Überhaupt hat Ridder das Ruhrgebiet und den dort lebenden  herzlich-warmen, auch robust-ehrlichen Menschenschlag selbst  tief  ins Herz geschlossen. Das drückt er im für das Erzählprojekt „Mein Zollverein“ verfassten Text zum Ruhrpott unter dem Titel „Tief be-Ruhr-t“ aus. Darüber hinaus im Stück „Befrei mich“. Noch heute spricht Tjerk Ridder von „purer Magie“, wenn er an die Menschen denkt, die er im Revier kennenlernte.
Seither war Tjerk Ridder, Hundchen Dachs – er wurde dieses acht Jahre alt, darf dabei nicht fehlen, öfters auf der ehedem modernsten Kohlenzeche der Welt: auf Zollverein.

Riesenerfolg mit Deutschland-Premiere auf der ExtraSchicht

Anlässlich der ExtraSchicht 2014 spielte Ridder, begleitet vom hervorragenden Musiker Matthijs Spek, das multimediale Bühnenprogramm „Anhängerkupplung gesucht!“ an einem Abend gleich dreimal auf Zeche Zollverein in Essen. Auf Deutsch. Ein Riesenerfolg: Insgesamt erlebten es fast 1000 Menschen.

Nun, da das Jahr 2014 allmählich ausläuft, kam Tjerk Ridder abermals mit „Anhängerkupplung gesucht! – Ein Roadtrip durch Europa“ auf die Zeche Zollverein. Nach großem Erfolg (im Herman-van-Veen-Artscenter und anderswo in den Niederlanden) sowie nach Gastspielen in Brüssel und im Konsulat der Niederlande in Istanbul sowie in seinem Heimatland wurde die Produktion von der Initiative „Welterbe Zollverein – Mittendrin“, vergangenen Freitag und Samstag wieder auf dem UNESCO-Welterbe Zollverein in Essen präsentiert.

„Anhängerkupplung gesucht!“ ist ein europäisches Kunstprojekt, das Menschen, Kulturen und Welten verbinden möchte. Angeregt durch seine Reiseerfahrungen entwickelte der Künstler das multimediale Bühnenprogramm „Anhängerkupplung gesucht! Man braucht andere, um voranzukommen”. Neben dem Bühnenprogramm in englischer, holländischer und deutscher Sprache entstand ein zusammen mit dem Journalisten Peter Bijl von Ridder verfasstes Buch über die außergewöhnliche Reise von Utrecht nach Istanbul. Die deutsche Ausgabe ist unter dem Titel „Anhängerkupplung gesucht!“ im Patmos Verlag (meine Buchvorstellung im „Freitag“) erschienen.

„Anhängerkupplung gesucht!“ am 21. November im Salzlager auf dem Gelände der Kokerei Zollverein

Auf dem Gelände des UNESCO-Welterbe Zollverein in Essen gilt es immer etwas interessantes zu
entdecken. Diesmal ist es ein weiterer Ort auf dem riesigen Gelände. Es ist eines der Relikte der zum Betrieb der Kokerei auf Zollverein gehört: das Salzlager. Eine große, hohe Halle. Darin ist im hinteren Teil die Ausstellung „Ein Palast der Ideen und Träume“, „The Palace of Projects“, des Künstlerpaares Ilya und Emilia Kabakow untergebracht.
Im vorderen Teil des Salzlagers steht die Bestuhlung für die Aufführung Tjerk Ridders. Davor Bühnenaufbau und Projektionswand.

Stolpernd über Zollverein

Das Wahrzeichen von Zollverein bei Nacht.

Das Wahrzeichen von Zollverein bei Nacht.

Angelangt im Salzlager war ich nach einem ziemlichen Marsch und einer kurzen Verirrung bei spärlicher Beleuchtung über holperiges Pflaster und Gleise stolpernde, kommend von der Straßenbahnhaltestelle auf der Gelsenkirchener Straße über die „schlafende“, menschenleere minimal erleuchtete Zechenanlage Zollverein  mit dem sie überragenden  Förderturm („Doppelbock“), vorbei an der bei Dunkelheit unheimlich anmutenden Industriekulisse der Kokerei.

Küchen- und Espressomobil des HUkultur-Projektes Boch.

Küchen- und Espressomobil des HUkultur-Projektes Boch.

Erleichtert treffe ich auf einen Posten in orangener Warnweste: „Da hinten rechts“, sagt der Mann, „Wo sie das Licht sehen.“
Besagtes Licht strahlen zwei Buchstaben ab. Sie sind auf einen mobilen Verkaufswagen montiert. Ein „H“ und ein „U“. Es handelt sich um ein Küchenmobil, wie ich erfahre. Daneben parkt das Espressomobil. Beide Mobile sind Teil und Ergebnis des gemeinsamen Kunstprojektes von ESTU NO ES UN SOLAR (Zaragoza) und HUkultur (BocHUm) im Rahmen des THIS IS NOT DETROIT-Projektes. Das Küchenmobil bot kulinarische Köstlichkeiten und das Espressomobil nicht nur Kaffee, Tee, sondern auch alkoholfreie Getränke sowie Bier und Weine an.

Korrespondierende Mobile

20141121_193802Diese beiden Mobile korrespondieren sozusagen mit dem rechts in der Halle abgestellten Wohnwagen mit welchem Tjerk Ridder von Utrecht nach Istanbul trampte. Er ist von außen von LED-Scheinwerfers angestrahlt. Im Innern vom bordeigener Beleuchtung mit warmen Licht erhellt. Am Fenster eine Lichterkette. Die auf das nahenden Weihnachtsfest verweist? Rechts gleich neben der Tür ein

Tisch mit Straßenkarte.

Tisch mit Straßenkarte.

Tisch, dessen Platte eine Straßenkarte bedeckt. Gemütlich. Einladend. Hundedame Dachs streunt um den Campinghänger herum. Wedelt mit dem Schwanz, schnuppert an der Deichsel und wackelt dann an den Stuhlreihen vorbei, hin zum Licht- und Tonpult an der anderen seitlichen Hallenwand vis-á-vis der Bühne.

Die Show läuft nun runder

Tjerk Ridder (links), musikalisch begleitet von Mattijs Spek (links)

Tjerk Ridder (rechts), musikalisch begleitet von Mattijs Spek (links)

Zur Show selbst kann weitgehend gelten, was ich schon anlässlich der Deutschland-Premiere während der ExtraSchicht 2014 an dieser Stelle schrieb. Nur ist nun im November alles wesentlich runder, noch stimmiger. Einige Songs, wie etwa „Spring“, sind jetzt an anderer Stelle. Auch die Video- und Fotoeinblendungen fügen sich besser in den Ablauf der Show.  Ab- und Überblendungen sind nun weicher, gefühlvoller. Ohnehin schon berührend gewesen „brennt“ sich an einer Stelle nach der Überarbeitung der Show erst recht die Hoffnungslosigkeit bis tief in die Seele des Publikums ein. Man kann förmlich mitfühlen, was Tjerk Ridder an einer Stelle auf dem Balkan fühlte, erlitt, als sich dort vielen, vielen Stunden niemand fand, der ihn an sein Auto hakte. Die durch die einfühlsamen musikalische Untermalung dieser langen Videosequenz durch Matthijs Spek atmet Melancholie und Hoffnungslosigkeit: Soll man die Tour vielleicht abbrechen? Tjerk Ridder bearbeitet an dieser Stelle Schlagzeug. Seine Augen sind geschlossen: In diesem Moment ist er wieder an diesen warmen Sommertag an der kleinen Tankstelle, wo es lange, zu lange nicht weitergeht. Bedrohlich rauschen schwere Lastwagen nahe an Tjerk Ridder vorbei. Das Schlagzeug verstärkt diese Bedrohung noch einmal. Der Zuschauer meint direkt dabei zu sein an dieser Tankstelle. In dieser Nacht der Hoffnungslosigkeit, der Ängste, des sich einschleichenden Zweifels …

 

Tjerk Ridders Auftritt zu Beginn von hoch droben.

Tjerk Ridders Auftritt zu Beginn von hoch droben.

Eingangs der Show hätte sich freilich für Tjerk Ridder angeboten aus dem rechts neben der Bühne stehenden Campingwagen aufzutreten. Dann aber hatte man sich, wie wir von der begrüßenden Moderatorin Hella Sinnhuber erfahren, dazu entschlossen die sagenhaften örtlichen Gegebenheiten des Salzlagers zu nutzen. Eine grandiose Entscheidung! Plötzlich taucht Tjerk Ridder hoch droben mittig über der Bühne, fast unterm Dach der Location im scharfen Spot eines Scheinwerfers am Geländer eines dort verlaufenden seitlichen Stegs auf und begrüßt die Leute.

Hätte man wohl selbst den Mut  solch Reise anzutreten?

Was soll man schreiben? Es war wieder eine einfach tolle Show! Warm. Herzlich. Zum Nachdenken anregend. Informativ. Auch Melancholie hervorrufend. Ein Rädchen griff ins andere. Rund und stimmig in der Aussage, der dem Projekt zugrunde liegenden Metapher: Du brauchst andere, um voranzukommen. Nicht nur einmal kommt bei mir der Gedanke auf: Wie hättest du da und da selbst gehandelt? Hättest du den Mut aufgebracht, diese Reise ins quasi Ungewisse anzutreten? Das Sympathische und vor allem Ehrliche an Tjerk Ridder ist, dass er zutiefst menschlich nachvollziehbar zugibt, selbst Bammel vor der Reise gehabt zu haben. In der Nacht bevor es losging hatte er so gut wie nicht geschlafen. Sollte er es lassen? War es denn nicht eigentlich verrückt was er vorhatte: Mit einem Wohnwagen trampen?! Wo er doch zuvor im Leben gerade einmal ein Strecke von fünf Minuten getrampt war?
Gut, dass Ridder es getan hat. Für ihn. Wie für uns, die wir nun ob via der Show oder über das Buch dessen erlebnisreiche Tour nach-, ja beinahe miterleben können. So, als seien wir selbst mit on the road gewesen.

Nach der Vorstellung und dem langem, warmherzigen Applaus des Essener Publikums stellte sich Tjerk Ridder dessen Fragen. Er erzählt, dass nun auch die Menschen und den bereisten Teil Europas besser kennt. Zuvor war es eben nur die Straßenkarte. Aber auch die Ängste, die man ihm gemacht habe, betreffs des vermeintlich so „gefährlichen Balkan“. Die Reise sie etwas ganz Besonderes gewesen. Daraus habe sich sozusagen eine ganz „andere Spur“ ergeben. Und was ist mit den Wünschen der von Ridder unterwegs nach deren Träumen befragten Menschen, die er – wie die Moderatorin sagt – „eingetopft“ (in Konservendosen verschlossen und mit Haltbarkeitsdatum versehen) habe? Ja, sagt Tjerk Ridder, das kommt öfters vor. Er hatte mit den Menschen die Kontaktdaten ausgetauscht. Ein Mann etwa in Serbien, wo er damals auf der Reise 2010 gegessen hatte, schicke ihm jedes Jahr Weihnachtsgrüße per SMS. Auch „Hans-Jürgen, ein Mann aus Dortmund“ meldete sich. Der hatte eingedost, dass er beim „Iron Man“ dabei sein möchte. Der Mann schickte Ridder eine Mail mit einem Bild, dass Hans-Jürgen „sehr stolz mit seiner Medaille“ zeigte.

Was macht Guy aus Paris?

Etwas betrübt ist Tjerk Ridder darüber, dass er mit einem Franzosen, Guy, einem Pensionisten, aus Paris, welchen er unterwegs mit seinem Fahrrad getroffen hatte – der von Paris aus ebenfalls  nach Istanbul unterwegs gewesen war, die Kontaktdaten nicht ausgetauscht hat. Was wohl aus dem geworden ist?

Ein „Zelt auf Rädern“ in China und Gewehre auf den „illegalen“ Niederländer auf Zollverein 2010

Wie hören, dass Ridder auch auf der Weltausstellung in Shanghai spielte. Auf Mandarin aber gibt es kein Wort für Wohnwagen, man sagt einfach „tent on wheels“ (Zelt auf Rädern).
Ridder erzählt, dass er inzwischen viel für Firmen, an Unversitäten und sogar bei der Nationalpolizei, Schulen und Einrichtungen des Gesundheitswesens spiele – eben auf ganz „verschiedenen Levels“ der Gesellschaft. Die Moderatorin zum Projekt: „Es ist ein sozusagen eine Expedition, eine angewandte Forschung.“

Zur Eröffnung des Kulturhauptstadtjahres 2010 auf Zollverein Essen, gibt Ridder zu, sei er „illegal“ gewesen. Eingeladen war ja keineswegs. Am Freitagabend – Eröffnung durch den damaligen Bundespräsident Köhler sollte am darauffolgenden Tag sein – sei er bei bitterkaltem Wetter auf Zollverein angekommen. Ein „Schlagbaum und Personen mit Gewehren“ hätten ihn erwartet. Ridder stellte sich vor: „Ich bin ein Künstler aus Utrecht. Wo ist mein Platz?“ Gewehre habe man auf ihn gerichtet. Er solle das Weite suchen, befahlen die Sicherheitsleute. Nun stand der in der kalten Nacht. Zwei Uhr sei es dann sehr still gewesen. Die Probe für die Eröffnung war vorbei. Mit Beleuchtung habe Zollverein im „Rauch“ wie ein „Wunderland“ oder „Märchenwald“ gewirkt. Ein Wintermärchenwald ohne Leute.

Ruhrgebietsherzlichkeit bei Tom

Am nächsten Tag war später alles für alle offen. Früh war er mit seinem Fahrrad nach Essen-Stoppenberg gefahren. Von „Toms Kiosk“, wo er klopfte, wurde er ruhrgebietsherzlich empfangen. „Ein Wohnwagentramper, was?“ Der Mann lud ihn für die nächsten Tag wie selbstverständlich ein, dessen Küche und das WLAN zu benutzen. Er bekam Bratwurst mit Kartoffelsalat und Tee. Eine Frau, die dort arbeitete, sagte: „Du könnest die Dusche gebrauchen.“ Heiterkeit im Publikum. All das habe Tjerk Ridder sehr beeindruckt: „Das ist richtig meine zweite Heimat geworden.“ Und wer war „so richtig doof?“, fragt die Moderatorin Sinnuber. Sehr wenig schlechte Erfahrungen habe er  gemacht. Vielleicht fünf Prozent der Menschen waren abweisend. Dagegen jedoch 95 Prozent von ihnen verhielten sich kooperativ.

Hymne auf Zollverein gewünscht

Nun Fragen ans Publikum. Jörg Schmitz merkt an, Ridder habe „so eine schöne Hymne geschrieben“ ans Ruhrgebiet. Schmitz: „Ich habe ein Wunsch an dich.“  Tjerk  solle doch einmal eine Hymne über Zollverein schreiben. „Dann führen wir die in zwei Jahren hier auf“, verspricht Schmitz. Und Ridder: „Das machen wir!“
Und was hat Tjerk Ridder für neue Ideen?
Natürlich! Ein neues Projekt ist angepeilt. Das aber mache er freilich nicht alleine, so Ridder.

Neues Projekt: Mit dem Pferd durch Europa zur Weltausstellung in Milano 2015

Siebzig Jahre werden nächstes Jahr nach dem Zweiten  Weltkrieg vergangen sein. Tjerk Ridder informiert, er werde 2015 mit dem „größten Briefkasten der Welt auf Rädern mit einem großen Arbeitspferd davor“  auf Tour gehen. Der Titel des neuen Projektes: „Slow Ride with short Stories for Freedom“  Ridder will von Holland aus durch Deutschland , Belgien, Luxemburg und Frankreich zur Weltausstellung in Mailand unterwegs sein. Auf der Strecke möchte er die persönlichen Geschichten der Leute „von Befreiung und Freiheit anno 2015“ sammeln. Aber es gehe grundlegend um die brennende Frage: „Brauchen wir immer in der Welt Freiheit und Krieg, Freiheit und Krieg, Freiheit und Krieg? Was eigentlich brauchen wir Menschen?“ Tjerk Ridder möchte im Juni von einem Theaterfestival in Holland aus seine Tour nach Mailand beginnen.

Im Oktober jedenfalls, so hofft Ridder, in Milano zu sein.
Tjerks Wunsch: „Vielleicht könnte ich hier auf Zollverein singen, wenn ich mit meinem Pferd aus Milano zurückkomme?“
Der aufbrandende, herzlich tönender Beifall des Publikums ist die Antwort: Sicher freut man  sich auf den niederländischen Künstler.

Ein erfüllter Abend

Verdienter Applaus.

Verdienter Applaus.

Die Veranstaltung beschließen  einige Zuschauer, indem sie von ihren ganz besonderen, persönlichen Träumen erzählten. Dann geht  es zum gemütlichen über. Tjerk Ridder gibt  Autogramme. Sein Buch wird  verkauft. Rührig von der engagierten Inhaberin der Buchhandlung „Katzenprung“, Frau Zepig,  aus der Stoppenberger  Hanielstraße. Und draußen vor der Tür des Salzlagers kommt man sich noch einmal bei  orientalischen Speisen und einem Bier  näher.   Angeboten von den netten Leuten des Hukultur-Projektes, das ein  Bürgerprojekt aus der Hustadt in Bochum finanzieren soll. Gespräche zwischen Zuschauern und mit den Künstlern kommen in Gang. Welch erfüllter Abend! Rauschender Applaus.

Hier via  PRO ein kurzer Video-Beitrag von der Veranstaltung.

 

„Anhängerkupplung gesucht!“ – Die Multimediashow im November zurück auf Zeche Zollverein in Essen

Tjerk Ridder 2010 auf dem Balkan; Foto: Peter Bijl

Tjerk Ridder 2010 auf dem Balkan. Auto Kuka heißt Anhängerkupplung in der Landessprache; Foto: Peter Bijl

Den Täter, heißt es,zieht es immer zum Tatort zurück. „Täter“ führt in diesem Falle möglicherweise auf die falsche Spur. Obwohl der niederländische Liedermacher, Theaterkünstler und Schriftsteller eine nicht gerade unbedeutende Tat vollbracht hat. Mit einem Eriba-Campingwagen trampte der Utrechter sage und schreibe 3.700 Kilometer von seiner Heimatstadt bis ins ferne Istanbul! Wahrlich kein Pappenstiel. Vor allem, wenn man bedenkt, dass Ridder ohne Zugfahrzeug trampte. Drei Monate lang trampte er durch Europa. (Dazu mein Artikel für die Istanbul Post vom Februar 2010) Ridders Projekt folgte der Philosophie „Man braucht andere, um voranzukommen“. Tjerk Ridder trmpte 2010 von Utrecht aus durch insgesamt acht Länder, unter anderem durch die drei damaligen Kulturhauptstädte Europas: Essen, Pécs und Istanbul. Es sollte eine außergewöhnliche Tour werden.

53 Fahrer brachten den Niederländer voran

Es war ein Sprung ins Ungewisse, eine Begegnung mit eigenen und fremden Grenzen, eine Suche nach Gastfreundschaft und Vertrauen im heutigen Europa. 53 Fahrer hakten den Niederländer an. Dank ihnen konnte er sein Ziel am Bosporus erreichen.

Für Tjerk Ridder spricht von „purer Magie“, wenn er an die Menschen aus dem Revier denkt

Erstes Etappenziel dieser außergewöhnlichen Reise im Jahr 2010 war das UNESCO-Welterbe Zollverein. Auf dem Rückweg war es für Tjerk Ridder damals im Sommer selben Jahres selbstverständlich wieder auf Zollverein Station zu machen. Überhaupt hat Ridder das Ruhrgebiet und seine herzlichen Menschen ins Herz geschlossen. Für das Erzählprojekt „Mein Zollverein“ goss er seine Erfahrungen, die er im Pott gemacht hat in einen Text: „Tief be-Ruhr-t“ – eine persönliche Hommage an das Ruhrgebiet. Sowie das Stück „Befrei mich“. Noch heute spricht Tjerk Ridder von „purer Magie“, wenn er an die Menschen denkt, die er im Revier kennenlernte.
Seither war Tjerk Ridder, Hundchen Dachs darf dabei nicht fehlen, öfters auf der einst modernsten Kohlenzeche der Welt auf Zollverein. Kürzlich kam er wieder zu einem Pressetermin nach Essen.

Zur ExtraSchicht 2014 „Anhängerkupplung gescht! erstmalig in deutscher Sprache

Anlässlich der ExtraSchicht 2014 stellte Ridder, begleitet vom hervorragenden Musiker Matthis Spek, das multimediale Bühnenprogramm „Anhängerkupplung gesucht!“ auf dem ehemaligen Industriegelände in Essen erstmalig in deutscher Sprache vor. Dreimal wurde das Programm an diesem Abend aufgeführt. Ein Riesenerfolg: Insgesamt haben es fast 1000 Menschen erlebt.

Nach Gastspielen in Istanbul kommt die Multimediashow abermals nach Essen auf Zeche Zollverein zurück

Nun, da das Jahr 2014 allmählich ausläuft, kommt Tjerk Ridder mit „Anhängerkupplung gesucht!“ – Ein Roadtrip durch Europa ein weiteres Mal auf die Zeche Zollverein. Nach großem Erfolg (auch im Herman-van-Veen-Artscenter und anderswo in den Niederlanden) und nach zwei Gastspielen in Istanbul wird die Produktion, präsentiert von der Initiative „Welterbe Zollverein – Mittendrin“, am Freitag, 21. und Samstag, 22. November 2014, jeweils 20 Uhr, auf das UNESCO-Welterbe Zollverein in Essen zu erleben sein.

Tjerk Ridder mit Hund Dachs auf dem UNESCO-Weltkulturerbe Zeche Zollverein in Essen; Foto via Zollverein

Tjerk Ridder mit Hund Dachs auf dem UNESCO-Weltkulturerbe Zeche Zollverein in Essen; Foto via Zollverein

„Anhängerkupplung gesucht!“ ist ein europäisches Kunstprojekt, das Menschen, Kulturen und Welten verbindet. Angeregt durch seine Reiseerfahrungen entwickelte der Künstler das multimediale Bühnenprogramm „Anhängerkupplung gesucht! Man braucht andere, um voranzukommen”. Das Bühnenprogramm schließt sich dem in Zusammenarbeit mit dem Journalisten Peter Bijl von Ridder verfassten Buch über seine Reise an. Die deutsche Ausgabe ist unter dem Titel „Anhängerkupplung gesucht!“ im Patmos Verlag (lesen Sie meine Buchvorstellung im „Freitag“) erschienen.

Veranstaltung: Tjerk Ridder: „Anhängerkupplung gesucht! Man braucht andere, um voranzukommen“ – Eine außergewöhnliche Reise durch Europa mit Bildern, Liedern und Geschichten Termin: Fr 21. und Sa 22.11.2014, 20.00 Uhr [Einlass 19.00 Uhr]

Publikumsgespräch im Anschluß

Hinweis: Im Anschluss an die Vorstellung am Freitag, 21. November, gibt es ein Publikumsgespräch, bei dem die Zuschauer eingeladen sind, ihre eigenen Erfahrungen zum Thema „Man braucht andere, um voran zukommen“ einzubringen. Die Vorstellung beginnen an beiden Tagen um 20.00 Uhr.

Karten gibt es hier:

Die Tickets kosten 12, ermäßigt 8 Euro, zuzüglich Systemgebühr und sind im Ticket-Center der Theater und Philharmonie Essen sowie in allen Ticketshops der WAZ Mediengruppe erhältlich.
Die Veranstaltungen werden präsentiert von der Initiative „Welterbe Zollverein – Mittendrin“, die seit 2012, angesiedelt bei der Stiftung Zollverein und gefördert von der RAG-Stiftung, unter der Leitung von Claudia Wagner aktiv daran arbeitet, die Brücken zwischen dem Welterbe und seinen Nachbarn auszubauen.

Kartenvorverkauf: Ticket-Center der Theater und Philharmonie Essen, Fon +49 201 812 22 00, Fax +49 201 812 22 01, tickets@theater-essen.de sowie in allen Ticketshops der WAZ Mediengruppe über CTS, Ticket-Hotline: Fon +49 209 147 79 99, ticket@mbee.de, im Internet hier Moderation des Publikumsgesprächs: Hella Sinnhuber. Weitere Informationen unter: „Anhängerkupplung gesucht!“ und Zeche Zollverein.
Biografien der Künstler

Tjerk Ridder wurde 1973 in Utrecht geboren. Im Alter von zwölf Jahren begann er afrikanische Trommel zu spielen. Als Drummer und Gitarrist wirkte er in verschiedenen Bands mit und schrieb erste Lieder. Nach dem Studium an den Hochschulen für Theater in Amsterdam und Utrecht arbeitete er in verschiedenen Theatergruppen und Fernsehproduktionen. Eine Reise nach Japan im Jahr 2001 regte Tjerk Ridder an, eine eigene Form von Theater und Musik zu entwickeln, die sich auf Lebensgeschichten und menschliches Wachstum gründet. Die Motive, Sehnsüchte und Ideen von Menschen sind wichtige Quellen der Inspiration für Ridders Arbeit.

Matthijs Spek wurde 1974 in Nieuwerkerk aan de IJssel geboren. Er studierte an der Hochschule für Musik in Utrecht den Studiengang Jazz/Pop mit dem Hauptfach Gitarre und dem Nebenfach Klavier. Nach dem Studium arbeitete er als professioneller Gitarrenspieler, als Musiker, Komponist, Arrangeur, Musikproduzent und Gitarrenlehrer. Er arbeitete u.a. zusammen mit Theo Mackaay, Niet Schieten und Braak. 2005 und 2008 gab er zwei Soloalben im Eigenverlag heraus. Für das Bühnenprogramm „Anhängerkupplung gesucht!“ spielt Matthijs Spek die Sologitarre. Er produzierte die dem Buch beiliegende DVD „Anhängerkupplung gesucht!“.

Deutschlandpremiere von „Anhängerkupplung gesucht!“ : Tjerk Ridder traf in die Herzen der ExtraSchicht-Besucher

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Tjerk Ridder (rechts vor einer projizierten Aufnahme seiner Heimatstadt Utrecht) zu Beginn der Deutschlandpremiere von „Anhängerkupplung gesucht!“ Begleitet wurde er von Matthijs Spek (links mit Bild); Fotos (2) C.-D. Stille

Der niederländische Theaterkünstler Tjerk Ridder hat Mut bewiesen. Und zwar, indem er sich zunächst und dann stets immer wieder aufs Neue Mut machte. Nach einem Brainstorming mit Freunden wurde  einst in seiner Heimatstadt Utrecht eine Idee geboren: Mit einem Wohnwagen wollte Ridder nach Istanbul gelangen. Nicht einfach so aus Jux. Tjerk Ridder wollte u.a. die Kulturhauptstädte von 2010, Essen, Pécs und Istanbul, besuchen und so eine Verbindung zwischen ihnen herstellen. Ein wenig sollte wohl auch ein bisschen mit der Vorstellung „Holländer mit ihren Wohnwagen“ gespielt werden. Die Sache hatte aber zunächst einmal einen Haken. Einen, nicht vorhandenen nämlich. Ridder verfügte nur über einen Eriba-Campingwagen. Ohne  Zugfahrzeug! Wie also nach Istanbul kommen?

Trekhaak gezocht!

Ganz einfach: Man braucht andere, um voranzukommen. Im vorliegendem Falle Leute mit einem motorisierten Fahrzeug, das über eine Anhängerkupplung verfügt. Und darüberhinaus Fahrer, die gewillt sind einen in ihren Augen offenbar verrückten Holländer ein Stück des Weges zu ziehen. Auf Niederländisch heißt Anhängerkupplung Trekhaak. Der Titel des in Angriff genommenen Projektes stand fest: „Trekhaak gezocht!“ Zu deutsch: „Anhängerkupplung gesucht!“ Die Metapher über all dem: „Man braucht andere, um voranzukommen“. Wer wollte das bestreiten? Nur ist uns das sehr oft überhaupt nicht (mehr) bewußt. Ganz einfach eigentlich. Ganz einfach?

Erste Station auf deutschem Boden: Zeche Zollverein

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Der Eriba-Campinganhänger von Tjerk Ridder auf Zeche Zollverein in Essen.

Von Utrechter Bürgerinnen und Bürgern sowie vom Stadtoberhaupt der Domstadt verabschiedet machte sich Tjerk Ridder im eiskalten Januar des Jahres 2010 zu seiner Tour auf. Erster Etappenort war die Kulturhauptstadt Essen. Das Gelände der Zeche Zollverein. Ein Zeche, die dereinst als „schönste und modernste Zeche“ galt. Im bitterkalten Januar 2010 eröffnete dort der damalige Bundespräsident Horst Köhler das Kulturhauptstadtjahr. Tjerk Ridder campte auf dem Gelände von Zollverein. Illegal, aber geduldet.

Vorweg: Tjerk Ridder erreichte – zwar nicht wie geplant in einem Rutsch, so aber doch in zwei Etappen und später begleitet vom Journalisten und Kulturproduzenten Peter Bijl – Istanbul. Auf der Tour entstanden Lieder, Texte Fotos und Videoaufnahmen. Daraus wiederum ein Buch (mit DVD). In englischer, niederländischer und seit vergangenem Jahr auch in deutscher Sprache „Anhängerkupplung gesucht“, erschienen bei Patmos. Das Projekt ist längst ein multimediales. So nimmt es nicht wunder, das selbiges auch als Bühnenprogramm gleichen Namens Reden von sich macht.

Programmpunkt der Extraschicht

Ich sah es im Februar 2014 auf Niederländisch bei Utrecht. Letzten Sonnabend war es nun soweit: Die Zeit wurde als reif für die Deutschlandpremiere dieser Show befunden.  Diese fand sozusagen eingebettet in den Rahmen des Programms der Extraschicht am 28. Juni 2014 statt. Auf dem Gelände des UNESCO-Welterbes Zollverein in Essen. Im großem Saal von Areal A [Schacht XII], Halle 12, der einstigen Lesebandhalle. „Anhängerkupplung gesucht!“ lief gleich dreimal hintereinander: 20, 22, und 24 Uhr. Ich besuchte die erste Aufführung.

Sogar  auf dem Boden sitzen Zuschauer

Die Sitzgelegenheiten im  großen Saal sind kurz vor Beginn alle besetzt. Es haben Gäste sogar auf dem Parkettfußboden platzgenommen. Jemand meint später, es könnten um die 350 Zuschauergewesen sein.

Auf der Bühne ein Schlagzeug, Gitarren und ein Garderobenständer mit Kleidungsgegenständen, welche Tjerk Ridder auf seiner Tour 2010 trug. Auf einer Leinwand im Hintergrund das Coverbild vom Buch projiziert. Es zeigt links den Eriba-Campingwagen (der stand  übrigens am Sonnabend draußen vor der Halle 12) und Tjerk Ridder mit ausgestrecktem Daumen an einer Chaussee stehend. Auf der Suche nach einem Auto mit Anhängerkupplung.

Selbst nur einmal fünf Minuten lang getrampt 

Eingangs der Show und vor dem dann eingeblendeten Bild des winterlichen Utrecht bei Nacht. Tjerk Ridder erzählt wie die Idee zum Projekt geboren wurde. Und ein Geständnis Tjerk Ridders mochte die Zuschauergemeinde zumindest erahnen lassen können, wie dessen Gefühle vor der Tour wohl gewesen sein mussten: Nämlich verdammt mulmig. Der Utrechter selbst war bis dato höchstens einmal fünf Minuten lang getrampt. Und nun sollte er über 3700 Kilometer weit durch acht Länder nach Istanbul trampen? Noch dazu mit einem Campinganhänger ohne Trekhaak, sprich Auto mit Anhängerkupplung! Und wie hatten ihn alle möglichen Leute gewarnt! Auf dem Balkan könnte er bestohlen werden oder ihm noch Schlimmeres drohen. Sich selber Mut machen war also angesagt. Selber mutig empfand sich Tjerk gewiss nicht. Wer wagt gewinnt, sagt der Volksmund. Hier stimmt dies wirklich!

„Eis“ gebrochen

Tjerk Ridder greift zur Gitarre und in die Saiten. Wieder musste sich der Utrechter Mut machen. Wagen und hoffentlich gewinnen. Da ist das Lampenfieber, das immer da ist, wie die meisten Bühnenkünstler sagen: da sein muss. Aber da ist auch die ganz besondere Anspannung. Eine leichte, verständliche Nervosität ist ihm anzumerken. Die Show das erste Mal auf Deutsch! Augenscheinlich liest Ridder ab und an von einem Manuskript auf einem Notenständer ab.  Die Stütze sei ihm gegönnt. Manches Mal geht ihm doch ein Wort in Niederländisch besser von den Lippen als in deutscher Sprache. Besser als zu stocken.  Das Publikum nimmt ihm  das nicht übel.  Bald ist ein „Eis“ gebrochen, das garnicht da gewesen war. Man versteht, staunt und lacht, wenn es heiter oder skurril auf der Tour zugeht.

Matthijs Spek begleitet musikalisch einfühlsam

Die Reise von Utrecht nach Istanbul hat ihren Lauf genommen. Äußerst einfühlsam wird Ridder vom Gitarristen Matthijs Spek begleitet. Wenn Tjerk Ridder von einer Situation auf der Reise berichtet, wenn eine Videosequenz auf der Leinwand zu sehen ist, illustriert Spek das musikalisch sanft aber wo nötig dennoch ausdrucksvoll akzentuiert auf seinem Instrument. Es ist wie bei einer guten Filmmusik, die den jeweiligen Szenen ein ganz bestimmtes Fluidum verleiht. Eine Musik, die gar nicht da zu sein scheint, aber dennoch eine unverzichtbare Rolle spielt, ohne die der Film die Wirkung, die er mit ihr hat eben nicht hätte. Die jeweilige Stimmung am Ort der Tour wird musikalisch koloriert. Und die Stimmung des Wohnwagentrampers in der einen oder anderen erzählten Situation umso nachfühlbarer für die Zuschauer. Vorsichtig vergleichbar vielleicht mit einem vorsichtig eingesetzem Gewürz in einer Speise, das nicht vordergründig herauszuschmecken ist, das Gericht aber erst zu einer ganz besonderen Gaumenfreude werden läßt.

Rundum positive Erfahrungen gemacht

Tjerk Ridder, zusammen mit Peter Bijl, erlebten eine Menge kleinerer und größerer Abenteuer auf dem Weg von Utrecht nach Istanbul und zurück. Die Erfahrungen waren im Nachinein betrachtet rundum positiv. Natürlich gab es hier und da auch mal Schwierigkeiten. Manchmal schien es nicht weiter zu gehen. Dennoch trafen die beiden Niederländer – nicht zu vergessen Hundchen Dachs; auch in Essen natürlich wieder hinten auf der Bühne zugegen – viele interessante und hilfsbereite Menschen. Sie lernten gleich mehrere Länder sowie viele Städte, Landschaften und Dörfer kennen.

Unterwegs kann zu Hause sein

“Unterwegs”, singt Ridder auch an diesem Abend auf Deutsch. Fast mochte ich mitsingen. Weil es so stimmig ist. Der Inhalt in Kürze auf einen Nenner gebracht: Unterwegs kann zu Hause sein. Unterwegs ins Leben hinein. (“Unterwegs”, gesungen von Tjerk Ridder; via Youtube/Peter Bijl) Wie einfach. Wie passend zugleich. Auf die Anhängerkupplung-Gesucht!-Tour, wie aufs Leben eines Menschen im Speziellen.

Träume in Dosen

Orte der Reise erscheinen in bewegten und und unbewegten Bildern auf der Leinwand. Tjerk erzählt die erlebten Geschichten dazu. Menschengesichter tauchen auf. Leute sind zu sehen, die von Ridder während der Tour aufgefordert werden ihre Träume aufschreiben. Ridder doste sie ein, versah die Konserven mit einem Haltbarkeitsdatum. Dieses signalisiert den Tag an welchem die Menschen hoffen, ihr Traum würde bis dahin in Erfüllung gegangen sein. Dann sollen sie die Dose öffnen und ein Fazit ziehen. Ingesamt 73 Traumdosen verschloss Tjerk Ridder mit einer manuellen Konservendosenmaschine.

Ungeschälte Nüsse und der gefährliche  „Papageienmann“

Immer wieder gibt Tjerk Erlebnisse zum Besten, die das Publikum zum Schmunzeln, Stutzen aber auch zum Lachen bringen. Wie das mit dem „Papageienmann“. Wieder einmal warteten sie da an einer Straße und niemand hielt an. Da kam plötzlich ein Mercedes Benz! Mit deutschem Nummernschild. Doch der Mann ist Kroate. Und Tjerk kam der Mann suspekt vor. Selbst Begleiter Peter Bijl, erzählt Tjerk Ridder gestern auf  Zollverein, der sonst immer sofort mit Leuten ins Gespräch kommt, habe sich stumm ans Seitenfenster des Mercedes mit nun angehängtem Wohnwagen gepresst. Und Ridder hinten mit Hund Dachs auf dem Schoss malt sich (Balkan!) aus, was womöglich alles passieren könnte.

Der suspekte Typ lud sie nun auch noch zu sich nach Hause ein! Ridder aber wollte eigentlich lieber weiter. Man blieb. Ridder: „Ein typischer Junggesellenhaushalt. Mit abwaschbarer Tischdecke auf dem Küchentisch. Es wurde Wasser kredenzt. Dazu gab es ungeschälte(?!) Nüsse“ Schließlich schält Ridder Nüsse und weitere düstere Befürchtungen drängen sich ihm auf. Plötzlich, so Ridder, bittet sie der Mann: „Jetzt wollen wir bisschen Spaß machen! In einen, wie der Mann auf Deutsch sagte Schuppen“. In Ridders Hirn ratterte es: „Der Mann ist immerhin Junggeselle!“ Der Mann, erfährt das Publikum, führte sie durch diesen „Schuppen“ hindurch.  Am anderem Ausgang befand  sich eine große Voliere. Mit Papageien darin! Achtundreißig an der Zahl.

Woher kommen nur unsere Ängste und Vorurteile?

Ridder: „Jetzt wurde mir klar wozu der Mann ungeschälte Nüsse in rauen Mengen vorrätig hielt!“ Lachen im Publikum. Ridder dann: „Woher kommen nur unsere Ängste vor anderen Leuten? Woher die Vorurteile?“ Der eben noch „suspekte“ Kroate entpuppte sich als „Papageienmann“ mit einer Tochter in Deutschland. „Also musste der Mann mal eine Frau gehabt haben.“ Und Tjerk sinniert: „Welche Menschen sind denn nun eher gefährlich? Welche mit Kindern oder die ohne?“ Die Moral aus der Geschichte: Weg mit unseren Vorurteilen! Offen sein, zugehen auf Menschen!

Per Hand rüber nach Kroatien

Köstlich auch das Erlebnis von Tjerk und Peter an der ungarisch-kroatischen Grenze. Kroation war dazumal noch kein EU-Mitgliedsland. Da standen noch Grenzer mit Gewehren. Ein Ungar hatte sie mit seinem Wagen an diese Grenze gezogen. Tjerk: „Doch auf die Grenzbürokratie hatte der keine Lust. Da standen wir nun mit unserem Campinganhänger ohne Auto mit Trekhaak!“ Schließlich entschlossen sie sich den Wagen per  Hand über die Grenze zu schieben. Lachen im Saal. Und sie taten es. „Was würden die Grenzer wohl denken?“ Zwei Holländer, bekannt für Drogen und andere ungesetzliche Sachen mit einem Campingwagen ohne Auto. Drei Grenzer kamen heran. In ihren Händen Handys. Einer erklärt: „Das müssen wir festhalten. Uns glaubt das ja keiner, wenn wir das zuhause erzählen!“ Der Saal brüllt vor Lachen. Ridder: „Die ließen uns dann durch. Nicht einmal die Pässe wollten sie noch sehen.“

Stumme Zeugen des Bürgerkrieges

Dann wieder wird es still und die Menschen machen nachdenkliche Gesichter. Da, etwa, wenn in einem von Tjerk und Peter besuchten Ort auf dem Balkan die Spuren von Einschüssen in Fassaden einst so schöner Häuser, wenn Ruinen, zu sehen sind aus Zeiten des ( wie wir inzwischen wissen: sinnlosen) jugoslawischen Bürgerkrieges (“Zerschossene Stadt”) zu sehen sind. An den wir uns erinnern. Natürlich fragten sich Tjerk und Peter: Was hat dieser Krieg mit den Menschen in diesen Orten, in diesen Häusern gemacht? Häuser sind kaputt oder renoviert. Die Menschen leben – müssen mit ihrem schlimmen Erlebnissen weiter leben. Wie sang doch einst Udo Lindenberg: Ein Herz kann man nicht reparieren. Erst recht nicht eine verwundete Seele! Waren die Menschen aus diesen Städten und Dörfern Täter oder Opfer? Oder sogar beides?

Man braucht andere, um voranzukommen. Auch auf der Straße des Lebens

Ein Filmstück – die Szene da Tjerk Ridder des Abends oder nachts an einer Tankstelle auf dem Balkan steht und sich offensichtlich niemanden findet, der sie an sein Auto haken will – ist lang. Denn lange wurden Tjerk und Peter da nicht mitgenommen. In der deutschen Version von „Anhängerkupplung gesucht!“ drückt Matthijs Spek die nervenzehrende Warterei zirka 500 Kilometer von Istanbul entfernt fast körperlich nachlebbar aus, in dem der die anscheinend aussichtslose (Tjerk: sollten wir umkehren?) Lage mit schrillen E-Gitarrentönen (aus-)malt. Die Bühne ist in tintenblaues Licht getaucht. Tjerk Ridder illustriert die  damalige Misere am Schlagzeug. Matthijs Speks „Erzählung“ dieser traurigen Nacht auf dem Balkan und der filmisch konservierte Gesichtsausdruck Tjerk Ridders sagen zusammen mehr als tausend Worte. Schließlich ist es ein schrecklicher Gedanke womöglich irgendwo fern der Heimat zu stehen und nicht mitgenommen zu werden. Im Bauch ein rumorendes Gefühl der Entmutigung. Da ist es wieder: Man braucht andere, um voranzukommen. Wie sehr stimmt das erst auf der Straße des Lebens!

Wofür die „Wohnwagenmetapher“ steht

Das multimediale Bühnenprogramm macht die dem Projekt zugrunde liegende Idee förmlich erfahrbar. Auch weil man selbst gar nicht dabei, unterwegs, mit Tjerk Ridder, Peter Bijl und Dachs war. Die Hauptfrage der Protagonisten während ihrer Reise: “Entschuldigen Sie, haben sie vielleicht eine Anhängerkupplung?” Hinter der “Wohnwagenmetapher” steht ja immer auch die Frage: “Bist du offen dafür, deinen Weg zu ändern?”

Mit dem Herzen sehen

Nur die jeweilige Landessprache hält – das Teil betreffend, worauf es ankommt, um weiter zu kommen – immer andere Worte bereit. Der Gedanke dahinter bleibt der gleiche. Trekhaak. Anhängerkupplung. Kuka. Das sind ja nur technische Begriffe jeweils anderer Zunge. Der springende Punkt ist jedoch: Man braucht andere, um voranzukommen. Wichtig ist das Menschliche. Es gilt das eigene Herz und andere Herzen für Neues zu öffnen. Wie schrieb doch Antoine de Saint-Exupéry in “Der kleine Prinz” so einfach wie richtig: “Man sieht nur mit dem Herzen gut” und beklagte damit das einseitige Denken der “Großen Leute”.

Vorurteile abbauen und Grenzen überwinden

Das großartige Projekt “Anhängerkupplung Gesucht!” führt uns vor – auch wenn wir selbst nicht dabei waren: Mögliche Vorurteile abbauen, Grenzen überwinden (nicht nur im geografischem Sinne) ist machbar. Etwas lernen von anderen und über andere – letztlich über einen selbst – ist eine unbezahlbare Bereicherung. Seine Träume zu leben bedeutet zunächst, sie zu formulieren. Tjerk Ridder erinnert in seiner Show auch an   einen Franzosen, dessen Foto auf der Leinwand eingeblendet wird, welchen sie auf der Tour trafen. Der hatte sich nach der Pensionierung als Erstes ein Fahrrad gekauft. In ihrem Buch nennen  ihn Ridder und Bijl “Seelenverwandter Zweiradfahrer”. Guy, so der Name des Franzosen, wollte von der Quelle der Donau bis zur deren Mündung ins Schwarze Meer strampeln.

„Istanbul!“

Dann endlich: Der Sultanahmet-Platz in Istanbul ist erreicht. Im Bild zu sehen. Der befreiende Ruf Tjerks und Peters: „Istanbul!“ Der dazugehörige Film zeigt wie sie in einem Transporter auf einer Istanbuler Schnellstraße dahinrauschen und Tjerk ruft einem Fahrer in einem anderen Auto durchs offene Fenster zu: „We are from Holland. Wir hitchhiking with a caravan without hook …“ Dann fällt das andere Auto zurück …

Fazit:  So verschieden sind die Menschen in unterschiedlichen Ländern gar nicht

Gemeinsam friedlich leben. Und den Frieden bewahren. Und Tjerk Ridder hat es selbst erlebt: So verschieden sind die Menschen in unterschiedlichen Ländern gar nicht. Wie konnten ihm andere vor der Reise nur Angst machen? Vor dem Balkan. Und den schlimmen Sachen, die ihm da geschehen könnten. Heute hatte Ridder dafür nur ein Kopfschütteln übrig. Diese Leute die das taten, waren gewiss nie selbst auf dem Balkan. Hatten alle Vorurteilen offenbar von den Medien übernommen. Es geschah ja gerade das Gegenteil, des von ihnen an die Wand gemalten. Viele herzliche, warme Begegnungen wurden den Protagonisten des Projektes auf der Reise zuteil. Und Tjerks Augen strahlen dabei. Die Anspannung fällt endlich von ihm ab.

Ridders Programm machte Tour und dahinter stehenden Gedanken nacherlebbar

Die Wärme, die Tjerk Ridder und Matthijs Spek während der Extraschicht auf Zollverein ausstrahlten, aber auch die vermittelte Nachdenklichkeit, hat das Publikum nun auch auf Deutsch ergriffen. Welches seinerseits Wärme zurück zu den  Protagonisten auf die Bühne in Halle 12  auf Zollverein zurücksendete. Die Geschichten von der Reise erwärmten die Herzen, atmeten Melancholie, ließen aber auch den Spass nicht zu kurz kommen.

Lebendig nacherleb- und nachvollziehbar

Das Bühnenprogramm macht auf sympathische Weise unaufdringlich deutlich und vor allem die dem Projekt zugrundeliegende Methapher „Man braucht andere, um voranzukommen“ lebendig nacherleb- und nachvollziehbar. Und die Geschichte funktioniert auch in deutscher Sprache. An der muss Tjerk Ridder freilich noch etwas arbeiten. Dann wird die Show (noch) runder. Wenngleich Ridder seine leichten Unsicherheiten bei der Deutschlandpremiere überbrückte, indem er deutsche kurz durch niederländische Worte ersetzte, der Aufführung beileibe keinen Schaden zufügten. Allesfalls winige Kratzer. Der Verständlichkeit insgesamt tat das keinen Abbruch.

In die Herzen tief  hineingetroffen

Die Herzen hat „Anhängerkupplung gesucht!“ jedenfalls nicht nur erreicht und erobert. Sondern tief in sie hineingetroffen. Davon zeugt nicht nur der öfter ertönende Zwischenapplaus sondern auch der begeisterte Beifallssturm am Schluss. Sowie die Gespräche vieler Menschen hinterher im Foyer beim Signieren der Bücher und beim Entgegennehmen von Autogrammen mit Tjerk Ridder und dem eigens aus Berlin angereisten Buchmitautor Peter Bijl, der am Projekt keinen unerheblichen Anteil hatte.

Matthijs Spek, ein wirklich hervorragender Instrumentalist und damit eine unverzichtbare Bereicherung der Show, ist offenbar zu bescheiden, um sich nach der Aufführung zu zeigen. Bescheidenheit ist zwar eine Zier, doch war sie fehl am Platze hier. Lob dem virtuosen  Spieler! Gewiss hätte mancher auch gern ein Autogramm von ihm  gehabt. Dafür zeigte sich der Tour- wie medienerfahrene Dachs und schwarzwenzelte ein wenig zwischen den Gästebeinen hin und her. Und erhielt prompt  seine Streicheleinheiten.

Mehr davon! Tot zienst in Duitsland!

Manche Leute dürften sich vielleicht nun auch mit Gedanken tragen, mal aus den eingefahrenen Bahnen etwas auszubrechen. Mehr davon! „Anhängerkupplung gesucht!“ auf weitere deutsche, österreichische und deutschschweizerische Bühnen, möchte ich rufen!

Tjerk Ridder ist bestimmt nicht mutiger wie wir selbst. Ein Mensch wie wir. Ein sympathischer Zeitgenosse zumal. Der Utrechter hat nur Mut bewiesen, indem er sich immer wieder Mut machte. Und so weiter kam.Mulmig war ihm vorher und auch unterwegs nach Istanbul. Es wird auf weiterer Lebensbahn auch ab und zu wieder so sein. Doch Ridder hat immerhin schon einmal gewagt und – seien wir ehrlich: ziemlich viel gewonnen. Ach, würden wir uns doch auch mal etwas Ähnliches trauen!

Eine tolle Deutschlandpremiere auf Zollverein war das gestern. Dort wo 2010 alles begann. Tjerk Ridder bekannte, das Ruhrgebiet längst als „zweite Heimat“ zu empfinden. „Anhängerkupplung gesucht!“ war als einer von vielen Programmpunkten auch ein Glücksfall für die Extraschicht 2014. Wie es ein absoluter Treffer für Tjerk Ridder und Matthijs Spek war die Deutschlandpremiere auf Zollverein gleich dreimal zu spielen. Wie man neudeutsch sagt, eine Win-win-Situation. Ein gelungener Einstand allemal, wie ich finde. Glückwunsch! Tot ziens in Duitsland, Tjerk, Matthijs und Dachs!  Peter Bijls Bemerkung vor der Show hat sich doch tatsächlich erfüllt: „Das ist Zollverein, Tollverein und Vollverein ..“

Zu seinem Aufenthalt im Ruhrgebiet im Kulturhauptstadtjahr 2010 und auf der Essener Zeche Zollverein schrieb Tjerk Ridder den Text “Tief-be-Ruhr-t”.