Claudia Dantschke mit dem Stieg-Larsson-Preis 2017 geehrt

Claudia Dantschke mit dem Stieg-Larsson-Preis. Foto via Facebookseite Claudia Dantschke.

Die Tagesszeitung „neues deutschland“ brachte am 28. Oktober 2017 die erfreuliche epd-Meldung:

„Die Berliner Islamismus-Expertin Claudia Dantschke wird mit dem Stieg-Larsson-Preis 2017 ausgezeichnet. Die Leiterin der Berliner Beratungsstelle »Hayat« für ausstiegsbereite Islamisten erhält den mit 200 000 schwedischen Kronen, rund 20 000 Euro, dotierten Preis für ihre jahrzehntelange Arbeit zur Deradikalisierung junger Islamisten und für ihr Bemühen um eine differenzierte Betrachtung des Islams, wie die Stieg-Larsson-Stiftung am Freitag in Stockholm mitteilte. Der Preis werde am 6. November in Stockholm überreicht. Dantschke sei eine der führenden deutschen Islamismus- und Salafismus-Experten, hieß es weiter zur Begründung. Die 1963 in Leipzig geborene Arabistin arbeitete lange als Journalistin. (u.a. für ADN und den unabhängigen Sender AYPA-TV; C.S.) Seit 2001 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin der ZDK Gesellschaft Demokratische Kultur gGmbH Berlin, die unter anderem das Aussteigerprogramm für Rechtsextremisten »Exit« betreut. 2011 gründete Dantschke unter dem Dach der ZDK die Beratungsstelle »Hayat«.

Der Preis ist nach dem 2004 im Alter von 50 Jahren gestorbenen Bestsellerautor und Journalisten Stieg Larsson benannt. Larsson wurde vor allem durch seine posthum erschienene »Millennium«-Trilogie mit den Büchern »Verblendung«, »Verdammnis« und »Vergebung« sowie als Herausgeber des antirassistischen Magazins »Expo« bekannt.“

Bisherige Preisträger finden Sie hier.

Am 8. November wurde der Preis in Stockholm feierlich an Claudia Dantschke überreicht (sh. auch Facebook-Seite von Claudia Dantschke).

Zur Person der in der Extremismus-Prävention arbeitenden ehemalige Journalistin Claudia Dantschke

„Dantschke studierte Arabistik an der Universität Leipzig und schloss als Dolmetscherin und Übersetzerin aus demArabischen und Französischen ab. Von 1986 bis 1990 arbeitete sie als Fremdsprachenredakteurin in der arabischen Redaktion der DDR-Nachrichtenagentur ADN.[1] Seit 2002 ist Dantschke Mitarbeiterin des Zentrums Demokratische Kultur“ (Quelle: Wikipedia). Bekannt geworden ist Claudia Dantschke u.a. durch ihre geschätzte Mitarbeit bei AYPA-TV (dazu mein älterer Artikel in der Istanbul PostAYPA-TV). AYPA-TV hat seine Arbeit inzwischen ins Internet verlagert. Claudia Dantschke hat, wie sie gestern informierte, leider keine Zeit mehr journalistisch zu arbeiten.

Referierte zum politischen Salafismus und Djihadismus an der Fachhochschule Dortmund; Fotos: C. Stille

Zur Arbeit von Claudia Dantschke ein älterer Bericht von mir über einen Vortrag, welchen sie an der Fachhochschule in Dortmund gehalten hat.

Herzlichen Glückwunsch der Preisträgerin!

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Neue Vortragsreihe „Sind Türkischstämmige integrationsunfähig?“ an der Fachhochschule Dortmund startet am Donnerstag Toprak & Toprak

Dekan Prof. Dr. Ahmet Toprak.

Im Rahmen der „Offenen Fachhochschule“ wird die Integrationsfrage  in zwei Veranstaltungen anhand von persönlichem Bildungsaufstieg und (traditionellen) Geschlechterrollen thematisiert.

Drei Mio. Türkischstämmige in Deutschland – 1,6 Millionen mit deutschem Pass

In Deutschland leben rund drei Millionen Menschen mit türkischem Migrationshintergrund. Ein Großteil von ihnen davon – 1,6 Millionen – ist eingebürgert. Wenn die Anzahl der Einbürgerungen als messbare Größe für die Integration herangezogen wird, kann konstatiert werden, dass mehr als die Hälfte der Migrantinnen und Migranten mit türkischen Wurzeln in Deutschland gut integriert ist.

Jedoch sagt diese Zahl wenig über die tatsächliche Integration aus, denn die Kriterien für die Einbürgerung sind z. B. Aufenthaltsdauer, Erwerbstätigkeit u.v.m.  Andererseits wird die Integrationsbereitschaft bestimmter Gruppen – auch wenn sie eingebürgert sind – in Frage gestellt: so auch die der Türkeistämmigen Bevölkerung.

Prominentes Beispiel dafür aus jüngster Zeit war die Integrationsdebatte am Rande des Verfassungsreferendums in der Türkei. Weil viele Wahlberechtigte für die Verfassungsänderung gestimmt haben, wurde intensiv die Frage diskutiert, ob Türkeistämmige in Deutschland überhaupt integriert seien.

„Toprak & Toprak“ diskutieren am 9. November über Geschlechterrollen

In der ersten Veranstaltung „Toprak & Toprak“ am 9. November liest die Schriftstellerin und Journalistin Menekse Toprak aus ihrem aktuellen Buch zum Thema Geschlechterrollen und Sexualität aus der Perspektive einer türkischen Frau vor.

Die deutsch-türkische Autorin und Journalistin Menekse Toprak  wird aus „Die Geschichte von der Frau, den Männern und den verlorenen Märchen“ lesen.

Zu Menekse Toprak

Menekşe Toprak ist eine türkische Schriftstellerin, Übersetzerin und Radiojournalistin. Sie lebt in Istanbul und Berlin.
Toprak schreibt Erzählungen und Romane. Ihre Erzählung Valizdeki Mektup (Der Brief İm Koffer) wurde 2007, Hangi Dildedir Aşk (In Welcher Sprache ist die Liebe) 2009, ihr Debütroman Temmuz Çocukları (Julikinder) 2011 veröffentlicht. Zuletzt erschien von ihr der Roman Ağıtın Sonu (Das Ende des Klagelieds), 2014. Auch arbeitete sie insbesondere auf dem Gebiet der literarischen Übersetzung. So erschienen ab 1999 Werke von Arseni Tarkovski, Zafer Şenocak, Ralf Thenior und Akif Pirinçci von ihr ins Türkische übertragen.
Dem deutschen Sprachraum erschloss sie Türkische Erzählungen des 20. Jahrhundert (2008) für eine Anthologie des Suhrkampverlages und der Kulturzeitschrift „freitextmagazin“ die Erzählung „der Brief im Koffer.“ Ihre Erzählungen wurden auch ins englische und französische Sprachen übersetzt, 2015 erscheint ihr Debütroman Temmuz Çocukları in Italien. Mit ihrem Roman Ağıtın Sonu ehielt sie den Duygu-Asena -Roman-Preis 2015

Nach der Lesung diskutiert Menekse Topra  mit ihrem Bruder Prof. Dr. Ahmet Toprak – unter anderem Autor des Buches „Das schwache Geschlecht die türkischen Männer“ – zu den Themen Migration, Flucht, ehrbezogene Gewalt, Geschlechterrollen und Sexualität.

Die Veranstaltung findet in der: Fachhochschule Dortmund, FB Angewandte Sozialwissenschaften, Emil-Figge-Straße 44, in Dortmund statt. Der Eintritt ist frei. Eröffnung und Grußwort kommen von Prof. Dr. Wilhelm Schwick, Rektor der Fachhochschule Dortmund. Durch den Abend führt Elmas Topcu vom Westdeutschen Rundfunk.

Fortsetzung mit „Toprak & El-Mafaalani“ am 7. Dezember 2017

Der zweite Teil der Veranstaltung „Toprak & El-Mafaalani“ folgt am Donnerstag, 7. Dezember, zu gleicher Uhrzeit und am gleichen Ort. Der Eintritt ist frei; eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

Veranstalter sind die Fachhochschule Dortmund in Kooperation mit Auslandsgesellschaft NRW, Dietrich-Keuning-Haus, Multikulturelles Forum, Planerladen und VMDO.

(mit Nordstadtblogger.de)

Hier ein früherer Beitrag von mir in der Istanbul Post zu einem Buch von Ahmet Toprak.

Steinmeier wäre nach Gauck der zweite falsche Präsident. Ein Kommentar

Die Entscheidung kam gestern über eine Eilmeldung der Tagesschau über uns: Die Nominierung Frank-Walter Steinmeier ist der Kandidat der Groko für das Amt des Bundespräsidenten. Die Union hat sich darüber mit der SPD geeinigt. Nun ist es müßig, sich darüber auszulassen, ob dieses Amt – nicht selten despektierlich als „Grüßaugust“ verhohnepiepelt – nicht eigentlich abgeschafft gehört. Oder ob der Bundespräsident nicht besser – wie bei unserem Nachbarn Österreich – direkt gewählt werden sollte.

Steinmeier wäre nach Gauck der zweite falsche Präsident

Meine Meinung zur ausgekungelten Einigung auf die Person Steinmeier: Er wäre der falsche Präsident. Wie übrigens – am Rande bemerkt – auch schon Pastor Gauck der falsche Präsident war und augenblicklich noch ist (hier, hier und hier). Nichtsdestotrotz dürfte die Entscheidung bei vielen Deutschen auf Zustimmung stoßen. Denn nicht wenige Menschen entscheiden aus dem Bauch heraus und nach persönlicher Sympathie. Womöglich weil sie nur oberflächlich auf politisches Personal und nicht auf dessen spezielles Tun schauen. Oder darauf, was die „Qualitätsmedien“ ihnen so auftischen. Dann trotten ihnen Etliche, Schlafschafen gleich, in der gleichen Spur hinterher. Freilich kann einen Frank-Walter Steinmeier auch sympathisch sein. Etwa, weil er seiner Frau eine Niere gespendet hat. Und weil er in Zeiten stetigen Russen- und Putinbashings vor einem „Säbelrasseln“ warnte.

Die Causa Murat Kurnaz

Indes der Herr – von seinen Mitarbeitern seinerzeit im Bundeskanzleramt „graue Effizienz“ geheißen“ – an etwas am Schuh, wovon dereinst Fußballer Andreas Brehme zu sprechen pflegte. Und hat mich damals aufgeregt und die Erregung blieb. Und was er da am Schuh hat ist nicht so ohne weiteres abzuwischen. Es handelt sich nämlich um das Schicksal eines Menschen. Und dieser Mensch trägt den Namen Murat Kurnaz. Der Bremer Bürger war – man lese es nach – in Pakistan in die Fänge des dortigen Geheimdienstes geraten. Der ihn für 3000 Dollar an die US-Amerikaner verkaufte. Unter dem Verdacht Terrorist zu sein, landete er im US-Folterknast auf Guantánamo. Die deutsche Presse machte ihn zum „Bremer Taliban“. Fünf Jahre seines Lebens verbrachte Murat Kurnaz unter Folter auf Guantánamo. Darüber hat Murat Kurnaz in einem Buch Bericht erstattet. Es wurde überdies verfilmt.

Die „graue Effizienz“ hat Kurnaz in Guantánamo schmoren lassen

Was hat all das nun mit Frank-Walter Steinmeier zu tun? Einiges. Hätte nämlich der damalige Kanzleramtsminister Steinmeier seine Hand gerührt, wäre Murat Kurnaz nämlich früher frei und zurück in seine Heimat nach Bremen gekommen. Die US-Behörden hatten der Bundesregierung nämlich signalisiert, dass Kurnaz unschuldig ist und sie ihn freilassen würden, gesetzt dem Fall, Deutschland nähme ihn auf. Freilich lag der Fall nicht ganz einfach: Kurnaz war türkischer Staatsbürger. Aber er war Bremer Bürger. Wäre da nicht eine menschliche Entscheidung der Bundesregierung im Rahmen des Möglichen gelegen?

In einem Beitrag für die Istanbul Post schrieb ich damals:

„Dass der Türke aus Bremen indes nun dennoch nicht frei ist und immer noch in Guantánamo statt in Bremen weilt, ist nicht nur sehr bedauerlich und unverständlich, sondern letztlich ein Skandal.
Nämlich deshalb, weil Kurnaz bereits im Oktober 2002 (!!!) hätte ein freier Mann und in Bremen sein können!“

Doch Steinmeier blieb hart. In meinem Artikel fuhr ich fort:

„Die US-Seite muss damals ziemlich verwundert über Berlin gewesen sein: nun wollte man schon mal als einen der ersten Gefangenen von Guantánamo überhaupt einen aus Deutschland entlassen und die Krauts zeigten gar kein Interesse an dem Mann!“

Bis heute zeigte Steinmeier keine Reue für sein damaliges Nicht-Handeln. Im Gegenteil! Dem SPIEGEL konnte er einmal sagen:

„Ich würde mich heute nicht anders entscheiden.“

Angesichts der Nominierung Steinmeiers fordert nun der Bremer Kurnaz eine Entschuldigung von Steinmeier (dazu auch hier). Doch still ruht bislang der See, aus welchem abermals das Unrecht zu lugen beginnt. Haste das Bewusste am Schuh … So ist das eben. (Zum Fall auch ein Gespräch von Tilo Jung mit Murat Kurnaz)

Noch mehr Bauchschmerzen

Nicht nur die Causa Kurnaz wirft ein Schatten auf Steinmeier. Sollte sich Frank-Walter Steinmeier bei Murat Kurnaz entschuldigen, was überfällig und ein nötiger Akt der Anständigkeit wäre – der Mann wäre dennoch der falsche Bundespräsident für mich. Schließlich spielte Steinmeier eher eine verdeckende als aufklärende Rolle betreffs der Geheimdienstaffäre rund um das Wirken der NSA hierzulande. Als Kanzleramtsminister dürfte er mehr darüber gewusst haben.

Es tut mir leid die vielen Menschen enttäuschen zu müssen, welche Sympathie für den nun ins Spiel gebrachten Bundespräsidentenkandidaten empfinden: Steinmeier hat für mich die weiße Weste, die er für dieses Amt unbedingt benötigte. Schon deshalb weil er einer der Architekten der unsäglichen Agenda 2010 ist. Der Sozialdemokrat und Herausgeber der NachDenkSeiten, Albrecht Müller hat sich ebenfalls Gedanken über die Personalie Steinmeier gemacht.

Es bleibt dabei: Ich habe Bauchschmerzen betreffs des Kandidaten Steinmeier. Nicht mein Präsident.

Roma Kulturfestival Dortmund „Djelem Djelem“: Im Dialog mit türkischen Gästen

Herzliche Begrüßung des türkischen Parlamentsabgeordneten Özcan Purcu (3. v. rechts) durch den Dortmunder Stadtdirektor Jörg Stüdemann (5. v. rechts); Fotos (2): C.-D. Stille

Herzliche Begrüßung des türkischen Parlamentsabgeordneten Özcan Purçu (3. v. links) durch den Dortmunder Stadtdirektor Jörg Stüdemann (5. v. rechts); Fotos (2): C.-D. Stille

Das 2. Roma Kulturfestival „Djelem Djelem“ Dortmund wartete zehn Tage mit einer Reihe vielseitiger, begeisternder Veranstaltungen auf. Heute Abend wird es im Konzerthaus Dortmund mit einem mit Spannung erwarteten Gastspiel der Mostar Sevdah Reunion, einem vielgereisten Musikensemble, das weltweit begeistert – Stargast ist Esma Redzepova („Queen of the gypsies“) – als Stargast zu Ende gehen.

Dialogveranstaltung im Dortmunder Rathaus

Vergangenen Donnerstag stand einmal mehr ein Dialog auf der Tagesordnung des Roma Kulturfestivals. Die Veranstaltung stand unter dem Motto „Miteinander reden-Voneinander lernen“ und fand im Rathaus der Stadt Dortmund statt.
Zu diesem Behufe waren eigens ExpertInnen aus der Türkei nach Dortmund gereist. So Özcan Purçu (CHP), der in die Geschichte seines Landes als erster Roma eingeht, der als Abgeordneter ins türkische Parlament gewählt wurde. Mit ihm nach Nordrhein-Westfalen gekommen war Hacer Foggo, Menschenrechtsvertreterin des „ European Roma Rights Center“ in der Türkei. Zwei weitere Teilnehmer der Gesprächsrunde waren Frau Şeyma Kurt, Leiterin eines Gemeinwesenzentrums (Semt Konaği) der Stadtverwaltung des Istanbuler Stadtteils Beyoğlu und Frau Melis Kaplangı, Kulturverwaltung Beyoğlu. Sie berichten über das Zusammenleben in Dolapdere und wie sich die Begleitung von Familien im Alltag für die dortige Stadtentwicklung bewährt hat. Im Istanbuler Stadtteil Dolapdere in Beyoğlu leben u. a. Roma-Familien, die ihren Lebensunterhalt mit dem Musizieren bestreiten.

Um das Folgende sollte es an diesem Abend in Dortmund gehen: „Wie sind die Wohn- und Lebensbedingungen der Roma heute? Wie funktionieren erfolgreiche Projekte zur Stärkung der sozialen Teilhabe? Wie können kulturelle Differenzen überwunden werden, die die Fremdheit
bestärken?“ Das Dortmunder Publikum war herzlich eingeladen mit den Gästen aus der Türkei, Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Verwaltung und Sozialverbänden, zu diskutieren. Stadtdirektor Jörg Stüdemann hieß die Gäste aus der Türkei mit einem besonders herzlichen „Hoşgeldiniz!“ willkommen.

Gäste des Abends u.a. Dilek Kumcu (Rechtsanwältin und Mitarbeiterin von Özcan Purçu ), Hacer Foggo, Özcan Purçu (v.l.n.re)

Gäste des Abends u.a. Dilek Kumcu (Rechtsanwältin und Mitarbeiterin von Özcan Purçu ), Hacer Foggo, Özcan Purçu (v.l.n.re)

Özcan Purçu, erster Roma im türkischen Parlament: Mit Tränen als „Waffe“, ehrlich vor sich selber und der Realität stets im Blick zum Ziel

Zunächst informierte der türkische Parlamentsabgeordnete Özcan Purçu über seinen Werdegang. Wenn das Prädikat „Selfemademan“ auf einen passt, dann auf diesen aus ärmsten Verhältnissen stammenden Roma. Die Familie lebte – wie viele Roma in der Türkei – am Rande der Stadt in einer Armensiedlung der Provinz Aydin. Manchmal, erzählte Purçu habe man Hunger gehabt, dann wieder Durst – Elektrik war nicht vorhanden. Die Familie lebte vom Flechten von Körben, die auf den Märkten umliegender Orte zu bestimmten Jahreszeiten zum Verkauf feilgeboten wurden. Oder die Flechtwaren wurden gegen Essen getauscht. Später zog die Familie dann in den Ägäisort Söke . Sie lebten an einem Fluss im Zelt. Da sah der junge Özcan zum ersten Mal wie Kinder in Schuluniform zur Schule gingen. Seinen Eltern sagte er, dass er auch so eine Uniform wolle und ebenfalls zur Schule gehen möchte.

Özcan Purçu: „Zu diesem Zeitpunkt hat sich unser Leben verändert.“ Dass er damals fünfzehn Tage geweint hat, weiß er noch heute. Denn Roma-Familien stand nicht ohne Weiteres die Option offen in die Schule zu gehen. Bei ihnen gehe es immer nur darum dafür zu sorgen, dass die Kinder überlebten. Bildung stand vielleicht bei den Familien an zwanzigster Stelle. Klein-Özcans Weinen hatte Erfolg: Seine  Mutter ging mit ihm  zur Schule. Doch Meldepapiere fehlten und die Schule lehnte zunächst eine Aufnahme ab. Nun setzte der Junge die Tränen als „Waffe“ auch im Beisein des Schuldirektors wieder ein. Der Direktor ließ sich erweichen. Würden die Papiere besorgt, könne er wieder kommen. So kam es. Es fehlte am Nötigsten. Özcan musste gar ohne Schuhe zur Schule gehen. Er spürte am eignen Leibe, was es  heißt, als gesellschaftlicher Außenseiter angesehen zu werden. Özcan Purçu wurde vom Lehrer gefragt was er denn einmal werden wolle. Die Antwort: „Ich möchte eine leitende Position haben. Vielleicht einmal Direktor werden.“ Der Lehrer schimpfte verärgert und hieß ihm, in der hintersten Reihe im Klassenzimmer Platz zu nehmen. Da kamen damals die vermeintlich faulen Kinder hin. Und Roma galten qua Herkunft als Nichtsnutze. Aus Roma, meinte man, würden ohnehin keine vernünftigen Menschen.

Özcan Purçu aber zeigte es den Lehrern: Er beendete die Grundschule als erfolgreichster Schüler. Trotzdem er den Eltern weiter half, Körbe zu flechten und diese mit ihnen verkaufte. Abends lernte er unter Kerzenlicht im Zelt. Er gab nicht auf, schaffte auch die Mittelschule mit Bravour. Und wenn er dafür in den Pantoffeln der Mutter in die Schule gehen musste. Özcan Purçu berichtete vom nächsten Hindernis auf seinem Lebensweg: Die Eltern hatten dem Fünfzehnjährigen eine Ehefrau ausgesucht. Doch Özcan wusste sich wieder einmal zu helfen: Dem Vater des Mädchens machte er wieder unter Weinen klar, dass er ihm die Tochter nicht geben solle, weil er weiter zu Schule gehen wolle. „Da habe ich eine gewischt bekommen.“ Schulbücher und Uniform wurden vom eignen Vater in den Fluss geworfen. „Ich hatte nichts, bin aber trotzdem weiter zur Schule gegangen“, sagte Özcan Purçu stolz . Er verließ auch die Oberstufe als bester Schüler.

Bei der in der Türkei obligatorischen Prüfung zur Aufnahme an die Universität war er bei  1,5 Millionen Teilnehmern Bester unter den ersten 9000. Özcan Purçu studierte Verwaltungswissenschaft, absolvierte das Studium und bewarb sich bald als Bezirksgouverneur, wurde jedoch nicht angenommen. Selbst die Richterprüfung bestand der Roma aus Söke, konnte aber auch da nicht reüssieren. Ausgerechnet habe ihn die Prüfungskommission die Frage gestellt, was seine Vorfahren denn „für dieses Land getan“ hätten. Eindeutig diskriminierend, denn den Leuten war seine Roma-Herkunft bekannt.

Im Jahre 2004 gründete Özcan Purçu mit Freunden den ersten Roma-Verein. Die anwesende Hacer Foggo, so Purçu, habe zu den ersten Personen gehört, die den Verein unterstützten.

Erstmals in der Türkei konnten seinerzeit nach neuer Gesetzeslage Roma (und andere Minderheiten) Vereine gründen und sich  trauen ihre Wünsche, Anliegen und Hoffnungen in der Öffentlichkeit zu artikulieren. Purçu wies daraufhin, dass man in letzten zehn Jahren viel Arbeit in eine Bildungsoffensive für Kinder und Jugendliche aus Roma-Familien investiert habe und auch Erfolge verzeichnen konnte.  Auch Roma-Frauen seien über spezielle Projekte gefördert worden. Dies habe man ab 2005 auch dank einer Zusammenarbeit mit europäischen Organisationen stemmen können.

Als er dann den Eltern sagte er wolle Abgeordneter werden, meinten die, der Sohn sei nun komplett durchgedreht. Aber 2014 wurde Purçus Wunsch Realität: Er zog als Abgeordneter für die oppositionelle CHP ins türkische Parlament ein. Sein Antrieb hinter all dem Ehrgeiz erklärt er mit seinem Credo: „Ich wollte der Öffentlichkeit beweisen, dass auch Roma-Kinder in der Lage sind etwas aus sich zu machen und für das Land und die Menschen etwas zu bewirken.

Im Leben haben wir alle die Möglichkeit, das zu erreichen, was wir wollen. Hauptsache wir kämpfen darum. Ein Mensch muss zuallererst ehrlich zu sich selber sein und darf die Realität nicht aus den Augen verlieren. Erst dann darf man in die Öffentlichkeit treten.“ Purçu ist der erste Abgeordneter in der Türkei mit Roma-Wurzeln. Er gab sich aber zuversichtlich hinsichtlich dessen, dass vielleicht künftig fünfzehn oder zwanzig Abgeordnete mit Herkunft aus der Roma-Minderheit im Parlament in Ankara vertreten sein werden.

Egal welcher Herkunft man sei, könne man auch Lösungsansätze für spezielle Probleme entwickeln. Weil er wisse welche Nachteile Roma in der Türkei haben, sei es für ihn – so der türkische Gast – einfacher diese Problematiken anzugehen und Lösungen zu entwickeln. Beziehungsweise sie in parlamentarische Anträge zu überführen. Gesundheit, Bildung, die Verbesserung der Wohnsituation von Roma, den Abbau von Vorurteilen, den Kampf gegen die Diskriminierung und Sicherheit, nannte Özcan als Themenschwerpunkte seiner politischen Arbeit. Dafür wolle er sich mit voller Kraft einsetzen.

Hintergründe zur Situation der türkischen Roma: Sie leben zu hundert Prozent in Gecekondus. Lediglich zehn Prozent von ihnen wohnen in eignen vier Wänden. Dreißig Prozent der Roma haben Wohnungen geerbt. Zwanzig Prozent von ihnen hausen in Baracken und Zelten. Viele Roma haben Mietwohnungen (Einraumwohnungen zumeist). Eine Wohnung nimmt nicht selten bis zu  vier Familien auf.

Stadtdirektor Jörg Stüdemanns Frage nach der Anzahl der türkischen Roma konnte der Gast nur mit geschätzten Zahlen beantworten: Es sind wohl um die 4,5 bis 5 Millionen. Hat es für Roma eine bessere Zeit in der Geschichte gegeben? Purçu bejahte das und verwies auf das Osmanische Reich. Da hätten die Roma oft wichtige Handwerke ausgeübt, weshalb sie benötigt und dementsprechend besser behandelt wurden.

Warum ausgerechnet in die CHP gegangen sei, fragte eine Zuhörerin. Viele seiner Vorfahren, erklärte der Abgeordnete, stammten aus Saloniki (Thessaloniki). Und da das der Geburtsort des Gründers der Türkischen Republik Mustafa Kemal Atatürks sei, habe das nahegelegen, da die Wahl dieser Partei eine familiäre Tradition war. Auch habe er eine „sozialistische Ader“ und setze, der lange ein ungerechtes Leben gelebt habe, auf grundsätzliche sozialdemokratische Werte wie Gerechtigkeit und Gleichbehandlung.

Menschenrechtlerin Hacer Foggo und ihr Einsatz für die Roma

EU-Beitrittsverhandlungen brachten eine Verbesserung auch für die Lage der Roma, warf Hacer Foggo ein. Sie erinnerte daran, dass es zuvor z.B. bei der Polizei zahlreiche inoffizielle Verordnungen betreffs des Umgangs mit Roma. Es wurde geradezu willkürlich gegen sie vorgegangen. Geschah beispielsweise irgendwo ein Diebstahl waren es die in Tatortnähe lebenden Roma, die quasi automatisch als erstes verdächtigt und beschuldigt wurden. Eine schlimme Stigmatisierung dieser Volksgruppe. Erst 2005 sei eine schlagkräftigen Roma-Organisation entstanden. Was nicht zuletzt mit dem Umsiedlungsprozess der Roma im Istanbuler Viertel Sulukule im Zusammenhang gestanden habe, sagte Foggo.

Sulukule (deutsch: Wasserturm) gilt als das älteste Romaviertel Europas. Und die Geschichte dieser Roma reicht bis ins Jahr 1054 zurück. Die Roma tanzten vor byzantinischen Kaisern, wie vor osmanischen Sultanen. Sie handelten mit Pferden und traten traditionell als Bärenführer, Musiker, Akrobaten und Gaukler auf. (hier ein älterer Artikel von mir in der Istanbul Post)

Hacer Foggo war nachdem sie (im Vorfeld des Kulturhauptstadtjahres 2010) in der Zeitung gelesen hatte, dass Sulukule im Rahmen eines Städtebauprojektes abgerissen werden sollte, sofort nach Istanbul gereist. Da, erzählte Foggo, habe sie sich in ein Roma-Café gesetzt und die Roma gefragt, ob sie von dem Projekt wüssten. Sie waren überhaupt nicht darüber informiert. Die Roma wollten sofort einen Verein gründen, Sie wussten aber nicht wie. Er entstand schließlich unter Federführung von Hacer Foggo. Bis zum Abriss des letzten Hauses in Sulukule begleitete der Verein die Roma. Der Verein wurde endlich auch Ansprechpartner für den zuständigen Bezirksbürgermeister des Stadtteils Fatih. Die von ihm angekündigten attraktiven osmanischen Nachbauten im eh im osmanischen Baustil errichtetem Viertel (ein Widerspruch in sich), stellten sich als für die angestammten Roma unbezahlbar heraus. Überdies waren unter den Gebäuden  Garagen vorgesehen. Ein Zeichen dafür, dass es Wirklichkeit um die Vertreibung der Roma aus dem Viertel ging. Denn welcher Roma ist schon im Besitz eines Autos? Parallel zum Verein wurde die Sulukule-Plattform, die Architekten, Studenten und Stadtplaner vereinte, gegründet.

Haca Foggo informierte über einen Polizeichef, der für seine Brutalität u.a. gegenüber Roma bekannt war. Man nannte ihn „Hortum-Suleiman“, weil er seine Opfer mit Schläuchen verprügelte, die er mit Eisenkugeln gefüllt hatte. Auch Musikinstrumenten von Roma wurden zerstört. Das für seine reichhaltige Musikszene bekannte Viertel verfiel zunehmend und verarmte. Viele Roma wurden ihre Einkommensmöglichkeiten genommen. Die Roma, Eigentümer ihrer Häuser, blieben drei Optionen: Verkaufen und Gehen, das neue Gebäude mit lächerlichen Entschädigungspreis verrechnet auf Kredit kaufen (sich also hoch verschulden) oder ein „beschleunigtes Enteignungsverfahren“ (gilt eigentlich nur bei Naturkatastrophen). Der Verein „klopfte seiner Zeit an viele Türen in Amerika und Europa“, um die Situation in Sulukule aufmerksam zu machen. Trotzdem zog die Stadtverwaltung die Gentrifizierung durch. „Sulukule“, so Hacer Foggo, „war damals ein Modell für die gesamte Türkei unter dem Vorwand der Stadterneuerung“.

Die vielfältigen Angebote der Gemeinwesenzentren von Beyoğlu

Nachdem Negativbeispiel Umsiedlung der angestammten Roma von Sulukule erhielten die Zuhörer und aktiv an dieser Dialogveranstaltung im Dortmunder Rathaus noch zuversichtlich stimmende Informationen von Seyma Kurt von der Stadtverwaltung des Istanbuler Stadtteils Beyoğlu. Kurt leitet dort ein Gemeinwesenzentrum (Semt Konaği). Es ist in einem alten Istanbuler Gebäude untergebracht. Diese Zentren existieren dort in jedem Viertel. Wie etwa in Dolapdere. Hier können Angebote wie Duschen, Wäsche waschen und Mittagessen genutzt werden.

Im Stadtteil gibt es einen sozialen Supermarkt. Und zwar nicht nur für Roma. Die Bezugskarten müssen beim Amt beantragt (Bedürftigkeitsprüfung) werden. Es gibt Kindergärten und Vorschuleinrichtungen. Auch ein Postamt. Das Gemeinwesenzentrum verfügt über einen großen Mehrzwecksaal. Es gäbe Möglichkeiten der psychologischen Betreuung. Darüber hinaus besteht u. a. die Möglichkeit, Alphabetisierungskurse zu besuchen oder an verschiedenen Beratungsangeboten teilzunehmen. Im Einzugsbereich der Bostanstraße liegt ein Musikcafé. Viele der Einwohner verdienten ihr Einkommen mit Musizieren. Viele andere als Tagelöhner. Als ein Bild mit einer Hochzeitsgesellschaft gezeigt wird, erfahren die Gäste nicht nur, dass in der Romagesellschaft sehr früh geheiratet wird, sondern auch, dass die Frauen oft bestimmten wie lange die Ehe Bestand habe. Was allgemeine Heiterkeit auslöste.

Leider schickten viele Roma ihre Kinder noch immer nicht zur Schule. Weil sie eben gefordert seien das Familienbudget durch Arbeit sicherzustellen. Zu beklagen sei auch eine Ghettoisierung von Schülern, da eigne Roma-Klassen gebildet würden. Die dort tätigen Lehrerinnen und Lehrer gelten als unmotiviert. Trotz einer Bildungsoffensive des zuständigen Ministeriums käme es deshalb vor, dass Romakinder in der fünften Klasse noch immer nicht lesen und schreiben könnten.

Neben Seyma Kurt vermittelte auch Melis Kaplangı von der Kulturverwaltung von Beyoğlu einen informativen Überblick über das Zusammenleben in Dolapdere und wie sich die Begleitung von Familien im Alltag für die dortige Stadtentwicklung bewährt hat.

Dortmund nimmt sich ein Beispiel am Angebot von Gemeinwesenzentrum in Dolapdere

Ein äußerst aufschlussreicher Abend! Nebenbei bemerkt: Der Dialog funktioniert auch zwischen der Bosporusmetropole und der Ruhrgebietsstadt – Beyoğlu und Dortmund verbindet eine Partnerschaft: Die hiesige Stadtverwaltung sieht sich inspiriert von Teilen des Angebots des Semt Konaği in Beyoğlu-Dolapdere. Stadtdirektor Jörg Stüdemann ließ an diesem Abend des 10. September durchblicken, dass man gedenke, auch in der Dortmunder Mallinckrodtstraße eine Waschstation zwecks Unterstützung von Roma-Neubürgern im Viertel einzurichten. Getreu dem Motto des Abends: „Miteinander reden – Voneinander lernen“.

Geheimdienstsumpf BRD – Mit Leichen im Keller leben?

Ja, zum Donnerwetter! Haben wir Deutschen denn überhaupt keine Selbstachtung, geschweige denn einen Arsch in der Hose?! Geht uns so etwas wie ein Schamgefühl völlig am selbigen vorbei? Wie drückte sich doch einst Sir Winston Churchill aus: „Man hat die Deutschen entweder an der Gurgel oder zu Füßen.“ Womöglich lag der Mann mit seiner Einschätzung gar nicht so falsch?

Leichen im Keller

In unserer Republik stinkt es widerlich aus allen Ritzen. Und zwar von unten her. Die Bundesrepublik hat zeit ihres Bestehens Leichen im Keller. Und irgendwann riechen die eben. Es gibt einen gewaltigen Geheimdienstskandal. Die, wie etwa die NSA kann in Deutschland spionieren wie und wo sie will. Dass unser BND, ohnehin ein Kind des US-amerikanischen Geheimdienstes, dem seit Anbeginn zu Füßen liegt und gar als Filiale des US-Dienstes fungiert ist für Experten wie Erich Schmidt-Eenboom und Menschen, die eins und eins zusammenzählen können, ist das auch nicht neu.

Nur die deutsche Bundesregierung tut so, als wisse sie nichts davon. Auf Anfragen wird abgeblockt. Ja, und auch gelogen, dass sich die Balken biegen. Man muss sich doch nur mal die Bundespressekonferenz anschauen und wie sich dort  Regierungssprecher Steffen Seibert windet! Den anwsenden Vertretern der  Presse (Vierte Gewalt!) wird rotzfrech die Auskunft verweigert. Es nicht bekannt, ob Seibert bereits Magengeschwüre bekommen hat von seiner Arbeit Lautsprecher der Regierung. Aber der einstige ZDF-Mann dürfte ja immerhin  gut bezahlt dafür sein, Presse und Volk an der Nase herumzuführen, zu belügen. Und wir lassen uns das gefallen?

Eine Staatskrise? Ja. Interessiert es jemanden?

Dass nun herauskam, dass es offenbar gar kein No-Spy-Abkommen mit den USA – geschenkt! Der Sumpf wird nur immer tiefer. Der Skandal größer. Eine Staatskrise? Ja. Interessiert es jemanden? Kaum. Was ein weiterer Skandal ist. Die Regierungsdeutschen zu Füßen der „Partner“ (Freunde sagt man schon gar nicht mehr) in Washington. Sie dürften doch aus dem ganzen Sumpf kaum noch mit dem Köpfen herauslugen! Ihre ganze Kraft verwenden sie darauf, sich aus dem ganzen Schlamassel heraus zu lügen! Wie lange noch wird es ihnen gelingen? Solange es ihnen die Demokratie samt Presse durchgehen lassen. Eigentlich gehörten sie längst aus dem Tempel gejagt. Mit Schimpf und Schande!

Hoffnung SPD? Die ist ja „am Arsch“!

Ist in Gestalt der SPD und Generalsekretärin Fahimi Hoffnung und zupackendes Handeln zu entdecken? Immerhin bezichtigen Spitzenvertreter der SPD den Regierungspartner seit Tagen der Lüge. Mehr als ein Drohen mit dem Zeigefinger ist das wohl nicht. Die SPD hat sich so gut wie abgeschafft, ist „am Arsch“, wie Sahra Wagenknecht kürzlich über die einst sozialdemokratische Partei sagte. Wollten sie wirklich etwas tun, müsste Gabriel mit der Faust auf den Tisch hauen und die Groko verlassen! Aber steht dies zu Erwarten? Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr.

Denn die alte Tante SPD wird mit ziemlicher Sicherheit selbst Dreck am Stecken haben. Was ist etwa mit der „Grauen Effizienz“, dem früheren Kanzleramtschef Frank-Walter Steinmeier, als Geheimdienstkoordinator unter Schröder? Ist der etwa sauber geblieben? Oder war Steinmeier – wie man ihm nachsagt – besonders effizient. Wenn der Sozialdemokrat nun auch vom Untersuchungsausschuss geladen würde? Steinmeier dürfte mehr Dreck am Stecken haben, als nur den Fall Murat Kurnaz. Das ist jener  Bremer Türke, den er hat auf Guantanamo länger  vor sich rotten lassen, als das nötig gewesen wäre.

Gewiss auch Brandt unter Zwang

Überhaupt gründen die Probleme tiefer. Begonnen hat die ganze Chose bereits vor der Gründung der BRD. Was man noch verstehen kann, weiß man doch, was Deutschland unter Hitler verbrochen hat! Sogar Willy Brandt als Bundeskanzler hat wohl am Tun amerikanischer Dienste nichts zu ändern vermocht.  Das betrifft alle bundesdeutschen Kanzler ab 1949. Immerhin hat Brandt Anstand besessen und ist wegen der Guillaume-Affäre zurückgetreten. Was bedauerlich und schmerzlich Viele gewesen ist. Und heute, wo der Skandal die Grundfesten der Bundesrepublik erschüttern müsste – da passiert nichts. So viel zu den immer so groß beschworenen Werten, die es zu verteidigen gelte.

Merkel lässt Seibert lügen, doch erstere bringt keiner mit der Regierung in Verbindung

Und Angela Merkel, die allseits so beliebte Kanzlerin der Herzen – die wird es doch richten? Da lachen ja die Hühner! Heribert Prantl auf Süddeutsche.de. sagt: ‎Merkel‬, die sich immer grundehrlich gebe, ist nicht ehrlich. Merkels Auftritte aus dem Jahr 2013 wirkten aus der heutigen Sicht “beinahe frech”. Gegolten habe doch immer “No Interest” statt “No-Spy-Abkommen”. Merkel habe nicht nur nichts getan, sondern auch noch vorgegaukelt, etwas zu tun. Was “Wählerbetrug” zu nennen sei. Prantl: Es war nicht bestes Wissen und Gewissen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel habe es lange geschafft, sich als aufrichtig darzustellen. Die BND-Affäre zeige ein ganz anderes Bild. „Man hat gelogen und lügen lassen“, so Prantl. Wozu ist denn der Seibert da?! Der kriegt ja Schmerzensgeld dafür.

Doch der in der Sowjetunion studiert habende Physikerin Merkel gelingt es wie immer auch hier zu entschlüpfen. Der Kabarettist Volker Pispers bringt auf den Punkt, warum:

„In einer Umfrage fanden 70% die Regierung beschissen und 70% die Merkel gut. Die bringen Merkel gar nicht mit der Regierung in Verbindung!“

Digitalcourage hat für die Regierung schon mal ein Rücktrittsgesuch vorformuliert

Hat Angela Merkel nicht längst ihren Amtseid („Schaden vom deutschem Volk abzuwenden“) gebrochen? Gehörte sie nicht längst zurückgetreten? Dazu der Verein Digitalcourage e.V. aus Bielefeld:

„Ausspähen unter Freunden. Das geht gar nicht“ sagte Angela Merkel
2013 während der NSA-Affäre und jetzt ist die Politik- und
Wirtschaftsspionage des Bundesnachrichtendienstes in Europa
aufgeflogen. Gleichzeitig will der BigBrother-BND 300 Millionen Euro
mehr für seinen Spionagehaushalt und er will in Zukunft anlasslos auch
soziale Netzwerke ausspionieren.

 

Für seine Praktiken und Absichten hat der BND, vertreten durch den
Überwachungs-Präsidenten Gerhard Schindler, einen BigBrotherAward
erhalten. Die vorausschauend treffsichere Laudatio hielt Dr. Rolf
Gössner.

Inzwischen erschüttert die BND-Affäre die große Koalition – leider
bisher ohne Konsequenzen.Um es der Regierung etwas leichter zu machen,
haben wir ein Rücktrittsgesuch vorformuliert.

 

BigBrotherAwards: Die Machenschaften des BND (Video)

Rolf Gössners BigBrotherAward-Laudatio auf den BND

Geheimdienst-Affäre: Digitalcourage hilft beim Rücktritt“ und erhebt den Schuh.

Die Fragen bleiben

Ja, liebe Leut‘, der bundesrepublikanische Sumpf ist schon verdammt tief. Wer weiß schon, wer künftig noch so alles hinein glitscht? Weiter lügen mit Seibert und eine Merkel, die sich heraushält – das wird nicht ewig gut gehen. Es riecht ja bereits aus vielen Ritzen. Auch wenn sich noch zu wenige von uns die Nasen zuhalten oder wenigstens rümpfen: Eine Staatskrise, ja: die dürften wir bereits haben. Nur müssen wir das endlich wahrhaben! Was wehtun wird. Aber ein teilweise auf einem Lügengebäude Regierungswesen wird irgendwann zum gefährlichen Unwesen.

Warum wir den ganzen Skandal haben, erläutert der Historiker Josef Foschepoth u.a. sehr gut in einem Tagesschau-Interview.
Foschepoth sagt dazu auch einiges in seiner Rede „Überwachungsstaat Deutschland 1/2“ bei der Verleihung des Wistleblower Awards an Edward Snowden.

Was bleibt uns zu sagen übrig? Geht uns das alles so überhaupt nichts an? Die eingangs gestellten Fragen bleiben bestehen: Haben wir Deutschen denn überhaupt keine Selbstachtung, geschweige denn einen Arsch in der Hose?! Geht uns so etwas wie ein Schamgefühl völlig am selbigen vorbei?

Stéphane Hessel würde uns ein „Empört euch!“ zurufen, Rainer Kahni redet uns mit einem „Wehrt euch!“ ins Gewissen und mit Immanuel Kant bleibt es beim „Sapere aude!“ – befreit euch aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit.

Oder sagen wir uns: Schwamm drüber. Weiter lügen mit Seibert und Merkel? Es liegt in unserer Hand, Sir Winston Churchills Einschätzung der Deutschen entschieden zu widerlegen.

Tjerk Ridder zurück auf Zollverein. Ein Erlebnis! – 2015 neues Projekt: „Slow Ride with short Stories for Freedom“

Tjerk Ridder zurück auf Zollverein auf der Bühne des Salzlagers; Fotos: Stille

Tjerk Ridder zurück auf Zollverein auf der Bühne des Salzlagers; Fotos: Stille

Mehr solche Täter wünscht man sich. Der Niederländer Tjerk Ridder ist einer dieser Exemplare. Besser: Macher. Auf Holländisch So steht es auch auf seiner Website: „muzikant en theatermaker“. Angelehnt an Erwin Strittmatters Romantrilogie möchte ich ihn beinahe als „Wundertäter“ bezeichnen. Theatermacher. Und was Ridder für ein Theater macht! Mehr als Theater sogar. Die Bretter, die bekanntlich die Welt bedeuten, allein langten ihm nicht. Ihn zog es hinaus. Auf die Straße. Hinaus aus seiner Heimatstadt Utrecht. Bis hin ins ferne Istanbul.

Zurück auf Zollverein

Für den 21. und 22. November zog es Täter Tjerk Ridder wieder hin zum Tatort. „Täter“ führt in diesem Falle möglicherweise auf die falsche Spur. Obwohl der niederländische Liedermacher, Theaterkünstler und Schriftsteller eine nicht gerade unbedeutende Tat vollbracht hat. Mit einem Eriba-Campingwagen trampte der Utrechter sage und schreibe 3.700 Kilometer von seiner Heimatstadt bis ins ferne Istanbul! Kein Pappenstiel. Vor allem, wenn man bedenkt, dass Ridder ohne Zugfahrzeug trampte. Drei Monate lang trampte er durch Europa. (Dazu mein Artikel für die Istanbul Post vom Februar 2010) Ridders Projekt folgte der Philosophie „Man braucht andere, um voranzukommen“. Tjerk Ridder trampte 2010 von Utrecht aus durch insgesamt acht Länder, unter anderem durch die drei damaligen Kulturhauptstädte Europas: Essen, Pécs und Istanbul. Es sollte eine außergewöhnliche Tour werden.

Ein Sprung ins Ungewisse war das. Eine Begegnung mit eigenen Ängsten und davor fremde Grenzen zu überschreiten. Auch eine Suche nach Gastfreundschaft und Vertrauen im heutigen Europa. 53 Fahrer hakten den Niederländer an. Dank ihnen konnte er sein Ziel Istanbul erreichen.

Erstes Etappenziel dieser außergewöhnlichen Reise im Jahr 2010 war das UNESCO-Welterbe Zollverein. Auf dem Rückweg war es für Tjerk Ridder selbstverständlich damals im Sommer selben Jahres wieder auf Zollverein Station zu machen. Überhaupt hat Ridder das Ruhrgebiet und den dort lebenden  herzlich-warmen, auch robust-ehrlichen Menschenschlag selbst  tief  ins Herz geschlossen. Das drückt er im für das Erzählprojekt „Mein Zollverein“ verfassten Text zum Ruhrpott unter dem Titel „Tief be-Ruhr-t“ aus. Darüber hinaus im Stück „Befrei mich“. Noch heute spricht Tjerk Ridder von „purer Magie“, wenn er an die Menschen denkt, die er im Revier kennenlernte.
Seither war Tjerk Ridder, Hundchen Dachs – er wurde dieses acht Jahre alt, darf dabei nicht fehlen, öfters auf der ehedem modernsten Kohlenzeche der Welt: auf Zollverein.

Riesenerfolg mit Deutschland-Premiere auf der ExtraSchicht

Anlässlich der ExtraSchicht 2014 spielte Ridder, begleitet vom hervorragenden Musiker Matthijs Spek, das multimediale Bühnenprogramm „Anhängerkupplung gesucht!“ an einem Abend gleich dreimal auf Zeche Zollverein in Essen. Auf Deutsch. Ein Riesenerfolg: Insgesamt erlebten es fast 1000 Menschen.

Nun, da das Jahr 2014 allmählich ausläuft, kam Tjerk Ridder abermals mit „Anhängerkupplung gesucht! – Ein Roadtrip durch Europa“ auf die Zeche Zollverein. Nach großem Erfolg (im Herman-van-Veen-Artscenter und anderswo in den Niederlanden) sowie nach Gastspielen in Brüssel und im Konsulat der Niederlande in Istanbul sowie in seinem Heimatland wurde die Produktion von der Initiative „Welterbe Zollverein – Mittendrin“, vergangenen Freitag und Samstag wieder auf dem UNESCO-Welterbe Zollverein in Essen präsentiert.

„Anhängerkupplung gesucht!“ ist ein europäisches Kunstprojekt, das Menschen, Kulturen und Welten verbinden möchte. Angeregt durch seine Reiseerfahrungen entwickelte der Künstler das multimediale Bühnenprogramm „Anhängerkupplung gesucht! Man braucht andere, um voranzukommen”. Neben dem Bühnenprogramm in englischer, holländischer und deutscher Sprache entstand ein zusammen mit dem Journalisten Peter Bijl von Ridder verfasstes Buch über die außergewöhnliche Reise von Utrecht nach Istanbul. Die deutsche Ausgabe ist unter dem Titel „Anhängerkupplung gesucht!“ im Patmos Verlag (meine Buchvorstellung im „Freitag“) erschienen.

„Anhängerkupplung gesucht!“ am 21. November im Salzlager auf dem Gelände der Kokerei Zollverein

Auf dem Gelände des UNESCO-Welterbe Zollverein in Essen gilt es immer etwas interessantes zu
entdecken. Diesmal ist es ein weiterer Ort auf dem riesigen Gelände. Es ist eines der Relikte der zum Betrieb der Kokerei auf Zollverein gehört: das Salzlager. Eine große, hohe Halle. Darin ist im hinteren Teil die Ausstellung „Ein Palast der Ideen und Träume“, „The Palace of Projects“, des Künstlerpaares Ilya und Emilia Kabakow untergebracht.
Im vorderen Teil des Salzlagers steht die Bestuhlung für die Aufführung Tjerk Ridders. Davor Bühnenaufbau und Projektionswand.

Stolpernd über Zollverein

Das Wahrzeichen von Zollverein bei Nacht.

Das Wahrzeichen von Zollverein bei Nacht.

Angelangt im Salzlager war ich nach einem ziemlichen Marsch und einer kurzen Verirrung bei spärlicher Beleuchtung über holperiges Pflaster und Gleise stolpernde, kommend von der Straßenbahnhaltestelle auf der Gelsenkirchener Straße über die „schlafende“, menschenleere minimal erleuchtete Zechenanlage Zollverein  mit dem sie überragenden  Förderturm („Doppelbock“), vorbei an der bei Dunkelheit unheimlich anmutenden Industriekulisse der Kokerei.

Küchen- und Espressomobil des HUkultur-Projektes Boch.

Küchen- und Espressomobil des HUkultur-Projektes Boch.

Erleichtert treffe ich auf einen Posten in orangener Warnweste: „Da hinten rechts“, sagt der Mann, „Wo sie das Licht sehen.“
Besagtes Licht strahlen zwei Buchstaben ab. Sie sind auf einen mobilen Verkaufswagen montiert. Ein „H“ und ein „U“. Es handelt sich um ein Küchenmobil, wie ich erfahre. Daneben parkt das Espressomobil. Beide Mobile sind Teil und Ergebnis des gemeinsamen Kunstprojektes von ESTU NO ES UN SOLAR (Zaragoza) und HUkultur (BocHUm) im Rahmen des THIS IS NOT DETROIT-Projektes. Das Küchenmobil bot kulinarische Köstlichkeiten und das Espressomobil nicht nur Kaffee, Tee, sondern auch alkoholfreie Getränke sowie Bier und Weine an.

Korrespondierende Mobile

20141121_193802Diese beiden Mobile korrespondieren sozusagen mit dem rechts in der Halle abgestellten Wohnwagen mit welchem Tjerk Ridder von Utrecht nach Istanbul trampte. Er ist von außen von LED-Scheinwerfers angestrahlt. Im Innern vom bordeigener Beleuchtung mit warmen Licht erhellt. Am Fenster eine Lichterkette. Die auf das nahenden Weihnachtsfest verweist? Rechts gleich neben der Tür ein

Tisch mit Straßenkarte.

Tisch mit Straßenkarte.

Tisch, dessen Platte eine Straßenkarte bedeckt. Gemütlich. Einladend. Hundedame Dachs streunt um den Campinghänger herum. Wedelt mit dem Schwanz, schnuppert an der Deichsel und wackelt dann an den Stuhlreihen vorbei, hin zum Licht- und Tonpult an der anderen seitlichen Hallenwand vis-á-vis der Bühne.

Die Show läuft nun runder

Tjerk Ridder (links), musikalisch begleitet von Mattijs Spek (links)

Tjerk Ridder (rechts), musikalisch begleitet von Mattijs Spek (links)

Zur Show selbst kann weitgehend gelten, was ich schon anlässlich der Deutschland-Premiere während der ExtraSchicht 2014 an dieser Stelle schrieb. Nur ist nun im November alles wesentlich runder, noch stimmiger. Einige Songs, wie etwa „Spring“, sind jetzt an anderer Stelle. Auch die Video- und Fotoeinblendungen fügen sich besser in den Ablauf der Show.  Ab- und Überblendungen sind nun weicher, gefühlvoller. Ohnehin schon berührend gewesen „brennt“ sich an einer Stelle nach der Überarbeitung der Show erst recht die Hoffnungslosigkeit bis tief in die Seele des Publikums ein. Man kann förmlich mitfühlen, was Tjerk Ridder an einer Stelle auf dem Balkan fühlte, erlitt, als sich dort vielen, vielen Stunden niemand fand, der ihn an sein Auto hakte. Die durch die einfühlsamen musikalische Untermalung dieser langen Videosequenz durch Matthijs Spek atmet Melancholie und Hoffnungslosigkeit: Soll man die Tour vielleicht abbrechen? Tjerk Ridder bearbeitet an dieser Stelle Schlagzeug. Seine Augen sind geschlossen: In diesem Moment ist er wieder an diesen warmen Sommertag an der kleinen Tankstelle, wo es lange, zu lange nicht weitergeht. Bedrohlich rauschen schwere Lastwagen nahe an Tjerk Ridder vorbei. Das Schlagzeug verstärkt diese Bedrohung noch einmal. Der Zuschauer meint direkt dabei zu sein an dieser Tankstelle. In dieser Nacht der Hoffnungslosigkeit, der Ängste, des sich einschleichenden Zweifels …

 

Tjerk Ridders Auftritt zu Beginn von hoch droben.

Tjerk Ridders Auftritt zu Beginn von hoch droben.

Eingangs der Show hätte sich freilich für Tjerk Ridder angeboten aus dem rechts neben der Bühne stehenden Campingwagen aufzutreten. Dann aber hatte man sich, wie wir von der begrüßenden Moderatorin Hella Sinnhuber erfahren, dazu entschlossen die sagenhaften örtlichen Gegebenheiten des Salzlagers zu nutzen. Eine grandiose Entscheidung! Plötzlich taucht Tjerk Ridder hoch droben mittig über der Bühne, fast unterm Dach der Location im scharfen Spot eines Scheinwerfers am Geländer eines dort verlaufenden seitlichen Stegs auf und begrüßt die Leute.

Hätte man wohl selbst den Mut  solch Reise anzutreten?

Was soll man schreiben? Es war wieder eine einfach tolle Show! Warm. Herzlich. Zum Nachdenken anregend. Informativ. Auch Melancholie hervorrufend. Ein Rädchen griff ins andere. Rund und stimmig in der Aussage, der dem Projekt zugrunde liegenden Metapher: Du brauchst andere, um voranzukommen. Nicht nur einmal kommt bei mir der Gedanke auf: Wie hättest du da und da selbst gehandelt? Hättest du den Mut aufgebracht, diese Reise ins quasi Ungewisse anzutreten? Das Sympathische und vor allem Ehrliche an Tjerk Ridder ist, dass er zutiefst menschlich nachvollziehbar zugibt, selbst Bammel vor der Reise gehabt zu haben. In der Nacht bevor es losging hatte er so gut wie nicht geschlafen. Sollte er es lassen? War es denn nicht eigentlich verrückt was er vorhatte: Mit einem Wohnwagen trampen?! Wo er doch zuvor im Leben gerade einmal ein Strecke von fünf Minuten getrampt war?
Gut, dass Ridder es getan hat. Für ihn. Wie für uns, die wir nun ob via der Show oder über das Buch dessen erlebnisreiche Tour nach-, ja beinahe miterleben können. So, als seien wir selbst mit on the road gewesen.

Nach der Vorstellung und dem langem, warmherzigen Applaus des Essener Publikums stellte sich Tjerk Ridder dessen Fragen. Er erzählt, dass nun auch die Menschen und den bereisten Teil Europas besser kennt. Zuvor war es eben nur die Straßenkarte. Aber auch die Ängste, die man ihm gemacht habe, betreffs des vermeintlich so „gefährlichen Balkan“. Die Reise sie etwas ganz Besonderes gewesen. Daraus habe sich sozusagen eine ganz „andere Spur“ ergeben. Und was ist mit den Wünschen der von Ridder unterwegs nach deren Träumen befragten Menschen, die er – wie die Moderatorin sagt – „eingetopft“ (in Konservendosen verschlossen und mit Haltbarkeitsdatum versehen) habe? Ja, sagt Tjerk Ridder, das kommt öfters vor. Er hatte mit den Menschen die Kontaktdaten ausgetauscht. Ein Mann etwa in Serbien, wo er damals auf der Reise 2010 gegessen hatte, schicke ihm jedes Jahr Weihnachtsgrüße per SMS. Auch „Hans-Jürgen, ein Mann aus Dortmund“ meldete sich. Der hatte eingedost, dass er beim „Iron Man“ dabei sein möchte. Der Mann schickte Ridder eine Mail mit einem Bild, dass Hans-Jürgen „sehr stolz mit seiner Medaille“ zeigte.

Was macht Guy aus Paris?

Etwas betrübt ist Tjerk Ridder darüber, dass er mit einem Franzosen, Guy, einem Pensionisten, aus Paris, welchen er unterwegs mit seinem Fahrrad getroffen hatte – der von Paris aus ebenfalls  nach Istanbul unterwegs gewesen war, die Kontaktdaten nicht ausgetauscht hat. Was wohl aus dem geworden ist?

Ein „Zelt auf Rädern“ in China und Gewehre auf den „illegalen“ Niederländer auf Zollverein 2010

Wie hören, dass Ridder auch auf der Weltausstellung in Shanghai spielte. Auf Mandarin aber gibt es kein Wort für Wohnwagen, man sagt einfach „tent on wheels“ (Zelt auf Rädern).
Ridder erzählt, dass er inzwischen viel für Firmen, an Unversitäten und sogar bei der Nationalpolizei, Schulen und Einrichtungen des Gesundheitswesens spiele – eben auf ganz „verschiedenen Levels“ der Gesellschaft. Die Moderatorin zum Projekt: „Es ist ein sozusagen eine Expedition, eine angewandte Forschung.“

Zur Eröffnung des Kulturhauptstadtjahres 2010 auf Zollverein Essen, gibt Ridder zu, sei er „illegal“ gewesen. Eingeladen war ja keineswegs. Am Freitagabend – Eröffnung durch den damaligen Bundespräsident Köhler sollte am darauffolgenden Tag sein – sei er bei bitterkaltem Wetter auf Zollverein angekommen. Ein „Schlagbaum und Personen mit Gewehren“ hätten ihn erwartet. Ridder stellte sich vor: „Ich bin ein Künstler aus Utrecht. Wo ist mein Platz?“ Gewehre habe man auf ihn gerichtet. Er solle das Weite suchen, befahlen die Sicherheitsleute. Nun stand der in der kalten Nacht. Zwei Uhr sei es dann sehr still gewesen. Die Probe für die Eröffnung war vorbei. Mit Beleuchtung habe Zollverein im „Rauch“ wie ein „Wunderland“ oder „Märchenwald“ gewirkt. Ein Wintermärchenwald ohne Leute.

Ruhrgebietsherzlichkeit bei Tom

Am nächsten Tag war später alles für alle offen. Früh war er mit seinem Fahrrad nach Essen-Stoppenberg gefahren. Von „Toms Kiosk“, wo er klopfte, wurde er ruhrgebietsherzlich empfangen. „Ein Wohnwagentramper, was?“ Der Mann lud ihn für die nächsten Tag wie selbstverständlich ein, dessen Küche und das WLAN zu benutzen. Er bekam Bratwurst mit Kartoffelsalat und Tee. Eine Frau, die dort arbeitete, sagte: „Du könnest die Dusche gebrauchen.“ Heiterkeit im Publikum. All das habe Tjerk Ridder sehr beeindruckt: „Das ist richtig meine zweite Heimat geworden.“ Und wer war „so richtig doof?“, fragt die Moderatorin Sinnuber. Sehr wenig schlechte Erfahrungen habe er  gemacht. Vielleicht fünf Prozent der Menschen waren abweisend. Dagegen jedoch 95 Prozent von ihnen verhielten sich kooperativ.

Hymne auf Zollverein gewünscht

Nun Fragen ans Publikum. Jörg Schmitz merkt an, Ridder habe „so eine schöne Hymne geschrieben“ ans Ruhrgebiet. Schmitz: „Ich habe ein Wunsch an dich.“  Tjerk  solle doch einmal eine Hymne über Zollverein schreiben. „Dann führen wir die in zwei Jahren hier auf“, verspricht Schmitz. Und Ridder: „Das machen wir!“
Und was hat Tjerk Ridder für neue Ideen?
Natürlich! Ein neues Projekt ist angepeilt. Das aber mache er freilich nicht alleine, so Ridder.

Neues Projekt: Mit dem Pferd durch Europa zur Weltausstellung in Milano 2015

Siebzig Jahre werden nächstes Jahr nach dem Zweiten  Weltkrieg vergangen sein. Tjerk Ridder informiert, er werde 2015 mit dem „größten Briefkasten der Welt auf Rädern mit einem großen Arbeitspferd davor“  auf Tour gehen. Der Titel des neuen Projektes: „Slow Ride with short Stories for Freedom“  Ridder will von Holland aus durch Deutschland , Belgien, Luxemburg und Frankreich zur Weltausstellung in Mailand unterwegs sein. Auf der Strecke möchte er die persönlichen Geschichten der Leute „von Befreiung und Freiheit anno 2015“ sammeln. Aber es gehe grundlegend um die brennende Frage: „Brauchen wir immer in der Welt Freiheit und Krieg, Freiheit und Krieg, Freiheit und Krieg? Was eigentlich brauchen wir Menschen?“ Tjerk Ridder möchte im Juni von einem Theaterfestival in Holland aus seine Tour nach Mailand beginnen.

Im Oktober jedenfalls, so hofft Ridder, in Milano zu sein.
Tjerks Wunsch: „Vielleicht könnte ich hier auf Zollverein singen, wenn ich mit meinem Pferd aus Milano zurückkomme?“
Der aufbrandende, herzlich tönender Beifall des Publikums ist die Antwort: Sicher freut man  sich auf den niederländischen Künstler.

Ein erfüllter Abend

Verdienter Applaus.

Verdienter Applaus.

Die Veranstaltung beschließen  einige Zuschauer, indem sie von ihren ganz besonderen, persönlichen Träumen erzählten. Dann geht  es zum gemütlichen über. Tjerk Ridder gibt  Autogramme. Sein Buch wird  verkauft. Rührig von der engagierten Inhaberin der Buchhandlung „Katzenprung“, Frau Zepig,  aus der Stoppenberger  Hanielstraße. Und draußen vor der Tür des Salzlagers kommt man sich noch einmal bei  orientalischen Speisen und einem Bier  näher.   Angeboten von den netten Leuten des Hukultur-Projektes, das ein  Bürgerprojekt aus der Hustadt in Bochum finanzieren soll. Gespräche zwischen Zuschauern und mit den Künstlern kommen in Gang. Welch erfüllter Abend! Rauschender Applaus.

Hier via  PRO ein kurzer Video-Beitrag von der Veranstaltung.

 

Kobane stirbt: „Schämt euch!!!“

 

Das vom sogenannten Islamischen Staat belagerte Kobane an der syrisch-türkischen Grenze, dessen Schergen mordend und vergewaltigend im Kampfe voranschreiten, könnte fallen. Von der türkischen Seite schaut Ankaras Militär zu. Ebenso die internationale Presse. Die Bilder und Berichte kommen bei uns bei bester Sendezeit via Fernsehen oder Internet am Abendbrottisch zuhause an.

Vielleicht schütteln Viele mit dem Kopf. Mit Bedauern. Dann beißen sie wieder ins Brot. Was soll man auch machen? Wenn’s doch die Politik auch nicht besser weiß. Also weiter ins Verderben. Wird Kobane fallen? Kann schon sein. Aber es muss wohl der das große Ganze in den Fokus genommen werden. Zynisch brachte das US-Außenminister John Kerry auf den Punkt. Vergangenen Sonntag in Kairo: Die IS-Offensive auf Kobane sei eine „Tragödie“. Jedoch handele es sich hierbei „nur um eine Gemeinde“, die nicht „die Strategie der Koalition“ bestimme. Punkt.

“In der internationalen Politik geht es nie um Demokratie oder Menschenrechte. Es geht um die Interessen von Staaten.“ (Egon Bahr)

Der von mir hochverehrte und geschätzte Egon Bahr (SPD) würde das im Zusammenhang mit der Situation in Kobane gewiss nie so ausdrücken, sondern andere Worte finden. Aber vielleicht aus seiner jahrzehntelangen Erfahrung als Politiker könnte Bahr (91) zu Bedenken geben, was er dieses Jahr vor Schülerinnen und Schülern ausführte:

“In der internationalen Politik geht es nie um Demokratie oder Menschenrechte. Es geht um die Interessen von Staaten. Merken Sie sich das, egal, was man Ihnen im Geschichtsunterricht erzählt.”

Bitter

Was bleibt, ist das Schlimme: Die Weltgemeinschaft schaut zu, wie Kobane zu fallen droht und dessen Einwohner brutal niedergemetzelt oder in die Luft gesprengt werden. Damit muss wir alle fertig werden. Sage hinterher niemand, er hätte nichts gewusst. Bitter.

Ist das, was in Kobane geschieht Völkermord? Das müssen staubtrocken Völkerrechtsexperten prüfen. Laut Wikipedia-Eintrag ist Völkermord folgendermaßen definiert:

„Ein Völkermord oder Genozid ist seit der Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes von 1948 ein Straftatbestand im Völkerstrafrecht, der nicht verjährt. Der Begriff Genozid setzt sich zusammen aus dem griechischen Wort γένος (génos = „Herkunft, Abstammung, Geschlecht, Rasse“; im weiteren Sinne auch „das Volk“) sowie dem lateinischen caedere „morden, metzeln“. (…)

Quelle: Wikipedia)

Schande für die Weltgemeinschaft

Wie auch immer: Was in Kobane geschieht, geschehen kann, ist eine Schande für die Weltgemeinschaft. Und viele Hände sind schmutzig. Schließlich ist der zum IS lange genug als ISIS bekannt gewesen. Wie konnte das Erstarken dieser Verbrechertruppe quasi unbemerkt bleiben? Hängt es andersherum womöglich gar damit zusammen, dass die USA, arabische Scheichtümer und die Türkei Erdogans ihre Hände auf die eine oder andere Weise da mit im Spiele hatten? Richtete sich der IS in seinem Kampfe doch auch gegen Syriens Asssad. Den früheren Freund will der starke Mann in Ankara doch weghaben. Warum kommen die USA dem IS in Kobane mit ihrem Bombardement nicht so recht bei? Wie konnte der IS, von Satelliten beobachtet überhaupt „unbemerkt“ dorthin gelangen? Warum führte Erdogans Türkei nun erstamls wieder  Luftschläge gegen die PKK wieder Luftschläge? Weil die PKKler Kobane beistehen und Erdogan Angst hat, solche autonomen Zonen wie Kobane eine ist, könnten den Kurden im eigenem Land Appetit machen? Fragen über Fragen. Schande aber bleibt Schande. Und Politik schmutzig.

Ich möchte meinen Leserinnen und Lesern folgenden Text der Netzfrau Doro Schreier unbedingt zur Lektüre empfehlen.

Syrien: Der Kampf um Kobane – Völkermord von Doro Schreier

„Irgendwie verstehe ich die Welt nicht – oder besser die Menschen. Da stehen Reporter im Fernsehen, mittlerweile mit einer sicheren Schussweste, die Kamera auf die Stadt Kobane gerichtet und schauen zu, wie dort ein Völkermord stattfindet.

 

Ich will gar nicht über die Quoten schreiben, die so eine Szene für die vereinzelten Nachrichtensender anscheinend bringen soll, sondern eher darüber, wie Menschen einfach zuschauen können ohne etwas zu tun.

 

Deutschland redet sich raus, da ja die Luftwaffe eher am Boden tauglich ist und alle anderen haben sonstige heuchlerische Ausreden. Die Kanzlerin hat keine Zeit, die muss ja ein Abkommen mit dem chinesischen Ministerpräsidenten zum Wohle des Wachstums treffen und die Europäische Kommission kümmert sich lieber um das Staubsaugergesetz.

 

Und der TV-Zuschauer? Ergötzt er sich an den Bildern, die dort von der türkischen Grenze gezeigt werden?
Wenn ich die Bilder im TV sehe, schalte ich ab! Ich kann es nicht ertragen, dass Menschen sterben – Ich kann es nicht ertragen, dass Frauen missbraucht werden, Unschuldige geköpft werden und Kinder zuschauen müssen. Nein, ich höre ihre Schreie, grässliche Schreie und sehe Männer mit Waffen, die um ihre Liebsten kämpfen. Verzweifelt, da die IS-Milizen kein Erbarmen kennen.

 

Wisst Ihr noch, wie all die Nationen vor drei Jahren tatenlos zuschauten, als in Syrien Menschen ausgerottet wurden? Und immer noch werden!

 

Hätte man nicht schon da von Seiten der Vereinten Nationen eingreifen müssen?

 

Habt Ihr Ruanda vergessen, einen Völkermord, der vielen Menschen das Leben gekostet hat?
Wofür brauchen wir noch Menschenrechte, wenn es keinen mehr interessiert?

 

Ich schäme mich für all meine Artgenossen, die auch noch auf Kosten eines Völkermordes Geld verdienen wollen. Die einfach zuschauen, natürlich aus sicherer Entfernung… können diese Menschen überhaupt noch schlafen?

 

Schämt Euch!!!

 

Und wenn die Kinder irgendwann fragen sollten – redet Euch ja nicht mit scheinheiligen Argumenten raus.“

 

Quelle: Netzfrauen.org von Netzfrau Doro Schreier

Ein Teil des Artikels von Doro Schreier verdeutlicht, dass auch mit Wasser Machtpolitik gemacht werden kann. Und tatsächlich auch gemacht wird:

„Wer Wasser hat, hat Macht – und wer den Zugang zu den Quellen hat, hat noch mehr Macht.

Rein theoretisch könnte die Türkei mit Hilfe der Staudämme jederzeit Syrien und dem Irak „den Hahn zudrehen”. Allein zum Füllen des Ilisu-Staubeckens braucht man soviel Wasser, wie der Tigris in einem halben Jahr führt. Zudem hat der See Extrakapazitäten, mit denen man den Fluß für ein paar Monate komplett sperren könnte.

 

Geplant und gebaut wird schon lange, der Ilisu-Damm im Kurdengebiet Ostanatoliens, der den Tigris – und seinen Nebenfluss Firtina – 75 Kilometer oberhalb der Grenze zu Syrien und dem Irak zur Elektrizitätserzeugung nutzen soll. Hinter der 1.820 Meter langen und 135 Meter hohen Staumauer wird sich ein 313 Quadratkilometer großer Stausee bilden und 52 Dörfer unter sich versenken, auch Hasankeyf, die einzige Stadt Anatoliens, die seit dem Mittelalter besteht und als archäologische Fundstätte geschützt ist.“ (Quelle: Netzfrau Doro Schreier)“

Dazu noch zwei ältere Artikel von mir aus der Istanbul Post, in denen ich mich 2001 bzw. 2003 mit der Thematik auseinandersetzte (hier und hier).

Der Worte sind genug geschrieben. Zum Schluss aber noch einmal die Worte Doro Schreiers:

„Schämt Euch!!!

Und wenn die Kinder irgendwann fragen sollten – redet Euch ja nicht mit scheinheiligen Argumenten raus.“

Dem ist nichts mehr hinzuzufügen. Denkt mal dran. Heute am Abendbrotstisch beim Schauen der Tagesschau. Oder ist Kobane schon wieder aus dem Fokus der Medien verschwunden? Kann schon sein …

Nachtrag:

Mir ging es mit meinem Text zuvörderst darum, den Appell, der Empörung der Netzfrau Doro Schreier, ein Mehr an Öffentlichkeit zu verschaffen. Denn die von ihr dargelegte Sicht ist ja zutiefst menschlich und verständlich für alle, die verzweifelt zuschauen (müssen), in welch furchtbarer Lage sich die Menschen in und um Kobane befinden.

Persönlich kann ich mich voll hinter die Meinung Oskar Lafontaines stellen, von dessen Text im Tagesspiegel (via Internetz-Zeitung)  ich hier zwei Passagen zitieren möchte:

Oskar Lafontaine via Linkspartei/Tagesspiegel:

(…) Das immer wieder vorgebrachte Argument, man könne doch nicht tatenlos zusehen, wenn Menschen leiden und sterben, ist heuchlerisch und verlogen. Die westliche Wertegemeinschaft sieht täglich mehr oder weniger tatenlos zu, wie Menschen verhungern und an Krankheit sterben. Flüchtlinge ertrinken und Seuchen wie Ebola breiten sich aus, ohne dass die Industriestaaten auch nur im Entferntesten daran denken, zur Rettung dieser Menschen ähnlich viel Geld auszugeben, wie sie dem Militär jährlich zur Verfügung stellen. Es ist schon erstaunlich zu beobachten, wie Politikerinnen und Politiker, deren Mitleid plötzlich erwacht, wenn sie nach Militäreinsätzen rufen können, scheinbar ungerührt dem täglichen Verhungern, dem Tod durch Krankheit und dem Ertrinken Flüchtender auf den Weltmeeren zusehen.“ (…)

(…) „Nur wenn die USA sich den Entscheidungen einer reformierten UNO unterwerfen würden – davon sind sie zurzeit Lichtjahre entfernt – wäre der Aufbau einer Weltpolizei denkbar, die Gewalt ähnlich stoppen könnte wie die Polizei in den Nationalstaaten. So lange die USA die militärische Eroberung von Rohstoffquellen und Absatzmärkten zum Ziel ihrer Außenpolitik machen, sind alle Überlegungen, mit Militäreinsätzen den Weltfrieden und das Recht wiederherzustellen, keine Realpolitik. Es sind Träumereien von Leuten, welche die Machtstrukturen der Welt nicht analysieren können und nicht zur Kenntnis nehmen wollen, dass die mächtigste Militärmacht des Erdballs von einem Präsidenten geführt wird, der zur Sicherung der geostrategischen Interessen des US-Imperiums den tausendfachen Drohnenmord befohlen hat und von sich selbst sagt: „Ich bin gut darin, Menschen zu töten.“ (…)

Via Internetz-Zeitung:

Oskar Lafontaine  ist ehemaliger Vorsitzender der SPD und später der Linkspartei:

Doro Schreier hat diese Ohnmächtigkeit der Situation gegenüber in aufrütteln sollende Worte gekleidet. Was bleibt, ist die Ohnmächtigkeit, das Nichtstun.

Oskar Lafontaine ist zuzustimmen: Unterwürfen sich die USA Entscheidungen einer reformierten UNO, könnte eine Weltpolizei geschaffen werden – die wie die Polizeien im Inneren der Nationen – bei Konflikten agieren. Allein die Zeiten sind nicht danach. Die USA müssten dafür zu einem „normalen“ Staat innerhalb der Weltgemeinschaft werden. Dies jedoch steht vorläufig  nicht zu erwarten.  Die dort herrschenden Interessen und deren Vertreter lassen das nicht zu. Ein US-Präsident, der diesen Weg zu besagter Veränderung beschritte, wäre gewiss nicht allzu lange im Amte. Ja, so sieht die Realität aus. Leider.