Morgen in Essen: Zur aktuellen sozialen und politischen Lage in Palästina und Israel sprechen Prof. Moshe Zuckermann und Dr. med. Khaled Hamad

Prof. Moshe Zuckermann auf einer früheren Veranstaltung in Dortmund. Foto: C.-D. Stille

Susann Witt-Stahl (Chefredakteurin der Zeitschrift Melodie & Rhythmus) informierte am 18. Juli 2017 via Facebook über eine Veranstaltung, welche u.a. im Ruhrgebiet auf Interesse stoßen könnte.

Der israelische Soziologe und Professor für Philosophie und Geschichte Moshe Zuckermann an der Universität Tel Aviv spricht am kommenden Freitag auf Einladung des AstA der Universität Essen-Duisburg. „Zuckermann gilt als Kritiker der israelischen Politik und Gesellschaft. Er steht politisch links und befürwortet eine Konföderation zwischen Israel und einem unabhängigen Staat Palästina als langfristige Lösung des Konflikts.“ (Wikipedia)

Ein weiterer Referent an diesem Abend in Essen wird Dr. med. Khaled Hamad (Vorstandsmitglied der Deutsch-Palästinensischen Medizinischen Gesellschaft) sein.

Thema der Veranstaltung: „Aktuelle soziale und politische Lage in Palästina und Israel“

Susann Witt-Stahl weist auf „Rufmordkampagne“ gegen die Veranstaltung hin

Susann Witt-Stahl fügt betreffs der Veranstaltung hinzu: „wieder einmal begleitet von einer Rufmordkampagne, die wie immer von „antideutschen“ und offen Rechten initiiert wird.“ Auch der Blog Ruhrbarone befeuert diese. Man titelt: „Uni Duisburg-Essen: Neue Kritik an israelfeindlicher Veranstaltung“.

Wann:

Freitag, 21. Juli 2017 – 18:00 Uhr

Wo:

Alter Audimax Essen (S04 T01 A01)
Gastgeber: AStA Universität Duisburg-Essen
Universitätsstraße 2, 45141 Essen

 

 

 

Update vom 27.7.2017

Via Melodie & Rhythmus

auf Facebook nebst dem Video von der hier vergangene Woche angekündigten Veranstaltung:

„Nach der rufmörderischen Treibjagd auf die Referenten des Vortragsabends »Zur aktuellen politischen Lage in Israel/Palästina« an der Uni Duisburg-Essen – M&R-Autor Moshe Zuckermann und Khaled Amad −, die u.a. von der Publizistin Jutta Ditfurth und rechten Medien wie den »Ruhrbaronen« angeheizt wurde, gibt es eine Erklärung der Internationale Liste UDE des AStA, die die Veranstaltung organisiert hatte. Darin heißt es: »Es ist leider keine Seltenheit, dass Referent*innen mit Verleumdungen und vorurteilsbeladenen Gerüchten denunziert und diskreditiert werden. Doch waren die Vorwürfe hier nicht haltbar. Man griff zu miesen Tricks um die Veranstaltung zu stoppen und die Referent*innen persönlich anzugreifen. Nicht zuletzt musste eine weibliche jüdische Referentin absagen, da auch sie bedroht wurde. Dass deutsche Universitäten, kein sicherer Ort mehr für Jüdi*nnen zu sein scheinen, ist eine Schande und dieses Bedrohungsszenario spiegelt den internalisierten Antisemitismus an der Hochschule wieder, den insbesondre einzelnen Listen an der Uni mit sich tragen.« Wen interessiert, was die Referenten wirklich gesagt haben und wer die erschreckenden Ausmaße der Lügen und Verleumdungen, denen sie ausgesetzt waren, nachvollziehen möchte, sollte sich die Veranstaltung anschauen.“

Botschafterin Palästinas sieht Motto des heutigen Israel-Tages mit großer Sorge

Botschafterin Dr. Khouloud Daibes während eines Vortrags in Dortmund. Fotos (2): C. Stille

Botschafterin Dr. Khouloud Daibes der Diplomatischen Vertretung Palästinas in Deutschland hat via einer Pressemeldung (23.5.2017) („In Jerusalem leben 40% der Bevölkerung unter Besatzung“) ihre Besorgnis betreffs des Mottos des heute in München stattfindenden Israel-Tages kundgetan.

Sie schreibt:

„Mit großer Sorge sehe ich das Motto „50 Jahre Wiedervereinigung Jerusalem“ des Israel-Tages am morgigen Mittwoch (24.05.) in München. Dies habe ich in meinem Briefen an den Oberbürgermeister Dieter Reiter und SPD-Parteivorstand Martin Schulz zum Ausdruck gebracht.

Die Stadt Jerusalem ist Teil des von Israel im Juni 1967 besetzten Gebietes. Israels Anspruch auf Ost-Jerusalem als „ungeteilte Hauptstadt Israels“ wird daher völlig zu recht von der internationalen Gemeinschaft, einschließlich den Vereinten Nationen (Res. 242, 252, 476, 2334), der USA und der Europäischen Union nicht anerkannt. In Übereinstimmung mit dem Völkerrecht und der Prinzipienerklärung unterliegt ganz Jerusalem, und nicht nur Ost-Jerusalem, den Endstatusverhandlungen. (…)“

Und die Botschafterin schließt ihr Statement folgendermaßen ab:

„Es ist an der Zeit, die 50-jährige Besatzung Palästinas zu beenden und die Zwei-Staaten-Lösung, die nach Auffassung der Bundesregierung die einzige Option zur Erlangung eines Friedens ist, umzusetzen. Damit solche an den Realitäten vorbeiführenden verbalen Fehltritte, wie das Motto des Israel-Tages in München nicht immer wieder Klärungsbedarf hervorrufen, ist die Bundesregierung aufgefordert, ihre offizielle Haltung zum Status von Jerusalem in München unmissverständlich deutlich zu machen.“

Ahmad Mansour in Dortmund zum Thema „Antisemitismus unter Muslimen: Woher kommt der Hass?“

Referierte in Dortmund: Ahmad Mansour; Fotos: Claus Stille

Referierte in Dortmund: Ahmad Mansour; Fotos: Claus Stille

Rappelvoll war der Goße Saal der Auslandsgesellschaft NRW in Dortmund am vergangenen Donnerstag. Personenschützer standen parat. Leider konnten in Ermangelung zusätzlicher Plätze nicht alle Hörerinnen und Hörer eingelassen werden. Zu Gast war Ahmad Mansour aus Berlin. Er sprach zum Thema „Antisemitismus unter Muslimen: Woher kommt der Hass?“
Der arabische Israeli Ahmad Mansour ist u.a. Mitglied der deutschen Islamkonferenz gewesen. Der Diplompsychologe und Autor berät in Berlin zivilgesellschaftliche Initiativen im Umgang mit der Radikalisierung und dem Antisemitismus bei Muslimen.
Seit 2004 lebt er in Deutschland.

Antisemitismus „kein speziell muslimisches Problem“

Bevor Mansour zu seiner Lebensgeschichte kam, stellte er klar – wohl um eventuellen Missverständnissen vorzubeugen: Antisemitismus ist ein „herkunftsübergreifendes Phänomen“ und „kein speziell muslimisches Problem“.

Hintergründe und Leben

20160225_200409Ahmad Mansours Vater noch war 1946 in Palästina, Tira, geboren worden. Im Unabhängigkeitskrieg des jungen Staates Israel gegen arabische Länder. Mansours Oma war mit seinem späteren Vater ständig auf der Flucht. Tira wurde damals täglich bombardiert. Das entstandene Trauma habe er „uns unartikuliert und unausgesprochen weitergegeben“. Ahmad Mansour Grußmutter erzählte ihm alles kurz vor ihrem Tod. Mansour wurde in einer „typisch arabisch-israelischen Familie“ groß.

Heute sind ein Million Araber Teil Israels. Mansour: Größtenteils lebten Juden und Araber friedlich miteinander. In deutschen und europäischen Medien würde jedoch meistens nur über Konflikte berichtet. Das junge Ahmad hatte damit eigentlich nichts zu tun. Zwar habe er gelernt, dass Juden ihre Feinde seien. Der Großvater hatte ihm vom Landraub seitens der jüdischen Israels und von persönlichen wirtschaftlichen Verlusten dadurch erzählt.

Vom gemobbten Streber zum religiösen Mahner und Antisemiten

Eine persönliche Krise erlebte Mansour mit dreizehn Jahren. Er galt in der Schule als Streber und wurde gemobbt. Schließlich traf er einen Imam. Und war begeistert von ihm ausgewählt worden zu sein. Auf der Koranschule lernte Mansour Hocharabisch, erhielt Islamkunde und hörte etwas über Geschichte. Er erwarb Freunde, die in nicht mobbten. Er bekam Aufgaben, Missionen und erhielt Orientierung. Die Schulkameraden, die ihn früher anfeindeten hätten auf einmal aufgehorcht und gar Angst vor ihm gehabt, weil er nun der religiöse Mahner war. Plötzlich konnte er muslimische Schwestern wegen zu enger Jeans, zu offen getragener Haare kritisieren. Oder die Brüder wegen des Rauchens ermahnen – weil all das haram ist. Der Antisemitismus, erinnert sich Ahamad Mansour sei geblieben. Aus dem Islamunterricht wurde eine Ideologie des Hasses. Genutzt habe man die Religion, um eine Ideologie zu machen. Die Juden sollten nicht dafür gehasst werden, weil sie das Land der Palästinenser geraubt hatten, sondern „weil sie von Gott verflucht sind“. Die Verse des Koran seien nicht kritisch und im „ihrem lokal-historischen Kontext“ betrachtet, sondern verallgemeinert worden. Auf diese Weise lernte Ahmad Mansour: Juden sind unsere Feinde. Sie wollen den Islam bekämpfen und die Welt beherrschen. Sogleich merkte Mansour aber an: Niemand solle nun denken, dass diese Denkweise keinesfalls von allen Araber oder allen Muslimen gepflegt werde.

Fünf Jahre seines Lebens verbrachte Mansour so. Dann ging er zum Psychologiestudium nach in das westlich geprägte Tel Aviv.

Warum Ahmad Mansour Psychologie studieren wollte

Jede dritte Israeli habe bereits einen Krieg erlebt. Sein Vater gar dreißig in seinem Leben. Ahmad Mansour sagte, er habe damals Glück gehabt: bis er vierzehn Jahre alt war, blieb er von Kriegen verschont. Erst als Saddam Hussein Kuweit eroberte, änderte sich das. Der Westen hatte dem irakischen Diktator ein Ultimatum für den Fall, wenn er nicht Kuweit verlasse, gesetzt. Hussein seinerseits drohte mit einem Angriff auf Israel. In Mansours Dorf verteilten israelischen Soldaten Gasmasken. Das Schlafzimmer musste gegen eventuelle Chemiewaffenangriffe abgedichtet werden. Mansours Schule schloss. Im Januar 1991 um zwei Uhr nachts habe man Explosionen gehört. Sirenen gingen. Die Gasmasken wurden aufgesetzt. Die Familie versammelte sich im abgedichteten Zimmer. „Dann kam Stille“, so Ahmad Mansour. Minuten später hörte man die Nachbarn schreien. „Ich dachte, das ist der Tod.“ Aber nein: Es seien die Nachbarn gewesen. Die feierten auf den Dächern ihrer Häuser. „Weil sie endlich erleben durften, dass ein arabischer Führer in der Lage war, Israel anzugreifen.“ Den Hass der Palästinenser habe er aus ihrer Geschichte heraus verstehen können. Aber die Nachbar seien die selben Personen gewesen, die sich in den Supermärkten um die letzte Thunfischdose gestritten hatten. Auch sie hatten Gasmasken. Und auf einmal interessierten sie nicht die vermeintlichen Chemiewaffen, sondern feierten den Angriff?! Obwohl Mansour damals sehr antisemitisch gewesen sei, habe er in dem Moment nicht verstanden, „wieso Menschen in der Lage sind, Angst zu neutralisieren, kleinzuschreiben“, des Hasses wegen. Der Grund dafür sich für ein Psychologiestudium zu entscheiden.

In nicht einmal zwei Tagen fand Mansour an der Uni jüdische Freunde fürs Leben

1996 trat er sein Studium an der Universität Tel Aviv an. In der, wie damals meinte, „vom Teufel besessenen Stadt“ mit freizügig gekleideten Frauen und Alkohol trinkenden Menschen – suchte aber fand er keinen einzigen arabischen Studenten, der mit ihm Psychologie studieren wollte. Mansour: „Ich war alleine unter Juden. Unter Feinden!“. Schnell habe er allerdings gemerkt, es waren keine Feinde. Sondern Menschen wie alle anderen. Sein Weltbild begann zu wanken. Ahmad Mansour fand jüdische Freunde fürs Leben. Nicht einmal zwei Tage habe das gedauert. Mit einigen dieser Freunde steht der mittlerweile in Deutschland lebende Mansour noch heute in Kontakt. Er bekannte Glück gehabt zu haben in den Jahren der Hoffnung studieren gekonnt zu haben. Das Oslo-Abkommen, Friedensabkommen mit Jordanien, Arafat kehrte aus dem Exil zurück – ein Frieden zwischen Israel und den Palästinensern schien möglich. Heute ist die Realität eine andere. Aber Mansour schränkte ein: Auch bei heutigen Besuchen in Israel erlebe er, dass Juden und Araber in seinem Geburtsland durchaus friedlich und in Koexistenz leben können. Vor drei Jahren sei er das erste Mal mit seiner Frau in Israel gewesen. Diese sei überrascht gewesen, weil sie dort auf ein ganz anderes Israel-Bild traf, als dies, was die Medien hierzulande im Allgemeinen so vermittelten. Was nicht bedeute, dass dort alles super laufe, dass da nicht Menschen auch Unrecht getan werde.

Der Weggang nach Berlin nach einem schlimmen Erweckungserlebnis

Im Jahr 2014, erzählte Ahmad Mansour, habe er erstmals erlebt wie groß der Hass sein kann. Mit dem Lesen von Weltliteratur wuchsen die Zweifel an dem, was sein Imam ihm früher vermittelt hatte. In den Jahren da Israels Premier Yitzhak Rabin ermordet wurde und die zweite Intifada stattfand und die Hoffnung auf Frieden schwand, arbeitete Mansour in Israel. Ein Bus, der Linie, die er täglich benutzte wurde in die Luft gesprengt und ebenfalls ein Café, das er oft besuchte traf ein Anschlag. Dann ein schlimmes persönliches Erlebnis auf einer Autobahn: Ende 2003 fuhr er auf einer Autobahn in Tel Aviv. Wie immer war Stau. Mansour wartete an der Ampel auf Grün. Plötzlich stiegen Menschen aus ihren Autos und liefen in die entgegengesetzte Richtung davon. Aus den Augenwinkeln sah er, dass „ein Palästinenser, eine Zigarette rauchend, mit einer Kalaschnikow“ auf Menschen schießt. Er wird von einem Soldaten erschossen. Ein Erweckungserlebnis für Ahmad Mansour: „Das ist nicht mein Krieg, nicht das Leben“, das ich führen wollte, sagte er sich da. Er kündigte die Arbeit. Ein paar Wochen später war er in Berlin.

Dort lernte er großartige Menschen, Araber und andere, die ihm bei den ersten Schritten in der Stadt halfen. Mansour berichtet „von sehr gut gebildeten Menschen“, die er in der deutschen Hauptstadt traf.

Vom Hass eingeholt

Leider aber sei auch auf Menschen mit arabischem und türkischem Migrationshintergrund getroffen, die genau diesen Hass lebten, dem er hatte fliehen wollen. „Frauenunterdrückung, Antisemitismus der übelsten Art, gar Verehrung von Hitler“ habe er angetroffen. Und „Schwarzweißbilder“ betreffs des Nahostkonflikt wurden gemacht. Zwei Semester habe es an der Humboldt – Universität gedauert, bis jemand mit Ahmad Mansour gesprochen hat.

Pädagogen sind mit dem Antisemitismus überfordert. Konzepte fehlten

Im Jahr 2007 gründete Mansour das HEROES-Projekt gegen Unterdrückung im Namen der Ehre. Themen am Anfang waren Gleichberechtigung, Frauenrechte, Jungfräulichkeit und Sexualität. Jugendliche zu erreichen, die aus patriarchale Verhältnissen kommen, das stand im Vordergrund. Sie auszubilden und zu befähigen, Altersgenossen als Vorbild zu dienen, war ein Ziel. Die Lehrerinnen und Lehrer in den Schulen, fand man heraus, waren hinsichtlich des Antisemitismus unter Jugendlichen überfordert: „Pädagogische Konzepte gab es nicht.“ HEROES probierte aus, welche zu erarbeiten. Zusammen mit den Jugendlichen sah man Filme, die sich mit der Schwarzweißsicht auf den Nahostkonflikt befassten. Wissen wurde vermittelt. Über die Juden und Israel. Um Vorurteile abzubauen. Der Musiker Hellmut Stern, ein Holocaust-Überlebender, wurde eingeladen. Über vier Stunden habe der „mit den Jungs, die sonst nur fünfundvierzig Minuten aushalten, am Stück diskutiert. Nie zuvor hatten sie einen Juden persönlich gesprochen, den sie nun in der Person von Stern als „menschlich“ erlebten. Da, so Mansour, habe er verstanden, „dass wir vor allem in den Schulen einen Riesenfehler machen“. Man habe es schließlich mit Jugendlichen zu tun, die in der dritten Generation in Deutschland leben. „Sie haben unsere Schulen besucht. Und trotzdem waren wir nicht in der Lage ihnen etwas zu vermitteln“, gab Mansour zu bedenken, „was das Thema Antisemitismus angeht“. Der Antisemitismus der Jugendlichen speise sich „aus dem Nahostkonflikt“ und beziehe Nahrung „aus Verschwörungstheorien“. Man gehe zurück bis in die Französische Revolution und behaupte Freimaurer und die ihrer Meinung nach weiter bestehende Illuminatiorden hätten „nun, nachdem sie die das Christentum entmachtet haben, auch den Islam“ entmachten. Sie hätten den Staat Israel gegründet. Von dem gehe alles Übel in der Welt aus.

Das sind deutsche Zustände“

Dass diese Einstellungen unter muslimischen Jugendlichen in Deutschland entstehen können, erklärte Mansour damit, dass der Koran nicht „im lokal-historischen Kontext“ gelesen und verstanden werde. Was unbedingt auch in der Verantwortung von Imamen liege, die dies – Ausnahmen bestätigten die Regel – nicht vermittelten. Als Mansour den Antisemitismus unter Muslimen vor einiger Zeit in der Deutschen Islamkonferenz angesprochen habe, habe man ihm gesagt: „Das gibt es bei uns nicht.“ Zwei Stunden später sei der Berliner Rabbiner Daniel Alter von drei mutmaßlich arabischstämmigen Jugendlichen in Berlin-Friedenau zusammengeschlagen worden, „weil er Jude war und Kippa trug“. Eine Lehrerin in Hamburg sei kürzlich nach einem Vortrag in Hamburg zu ihm gekommen und erzählt, dass sie muslimische Jugendliche ablehnten, seit sie einmal vergessen habe ihr umgehängten Davidsstern zu verbergen. Ahmad Mansour: „Das sind deutsche Zustände.“ Er verlangte für das Thema Antisemitismus eine breite gesellschaftliche Debatte und diesbezüglich größere Anstrengungen seitens der Kultusministerien.

Der Referent nannte aber auch ein positives Beispiel: In Duisburg hat Mansour vor mehreren Jahren mit Jugendlichen gearbeitet. Zunächst hassten sie ihn, weil er Israel aus seinen Erlebnissen anders schilderte, das der von Vorurteilen geprägten Sicht zuwider lief. Dann jedoch fuhr man zusammen nach Auschwitz. Diese Jugendliche arbeiten inzwischen selber an Schulen und leisten Aufklärungsarbeit. Ihre Schulleiterin hatte sich damals gegen die Auschwitz-Fahrt ausgesprochen. Wohl aus Angst, sie könnten dort irgendetwas tun, was problematisch wäre. Diese Jugendlichen seien nie als Teil Deutschlands wahrgenommen worden. Ein großer Fehler. Vielmehr müsse man viel Geld in die Hand nehmen, pädagogische Konzepte entwickeln und Lehrer schon während der Ausbildung dazu befähigen mit schwierigen, auch aktuell-politischen, Themen umzugehen. Im Grunde können es gelingen, die Jugendlichen über deren Lehrer zu begeistern und zu eignen Gedanken zu befähigen. „Erreichen wir diese Jugendliche nicht in der Schule, erreichen wir sie nie“, weiß Ahmad Mansour:

„Tun wir das nicht, tun das andere.“ Wie wir wissen, sind Salafisten und Islamisten oft die besseren Sozialarbeiter.

Wie Islamisten Jugendliche beeinflussen: „Da geht die Post ab!“

Im Anschluss zeigte Ahmad Mansour Videos, die Zeugnis davon ablegten, wie Jugendliche heute mit schwierigen Konflikten umgehen. Unter anderem Rapper, deren Texte alle üblichen gegen Israel, die Juden und die USA gerichteten Vorurteile beinhalten. Überdies existierten einschlägige Seiten in sozialen Netzwerken, die rund eine halbe Million Mitglieder („Killuminati“ auf Facebook) verzeichneten. „Wenn Jugendliche das sehen, da geht die Post ab.“

Ahmad Mansour kritisierte die derzeitige israelische Regierung

Mansour stellte noch einmal klar, dass es ihn nicht darum gehe, ein positives Israel-Bild zu malen. Zum Beispiel finde auch er die israelische Politik der letzten Jahre und die Netanjahu-Regierung kontraproduktiv und nicht in der Lage einen Frieden zwischen Israel und Palästina zu erreichen. Hinter Israel-Kritik, behauptete Mansour, verstecke sich oft Antisemitismus. Er habe etwa bei einer Preisverleihung an ihn durch eine Düsseldorfer Synagoge – wie es in einem jüdischen Gotteshaus üblich ist – eine Kippa getragen. Als Pressefotos damit von ihm auftauchten, habe es gleich geheißen: „Verräter, Zionist, du hast deine Seele verkauft.“ Dabei, sagte Mansour sei nichts was mit Israel in Verbindung stehe in dieser Synagoge zu finden gewesen: „Diese Synagoge hat nichts mit Israel zu tun. Da waren deutsche Juden in einer deutschen Synagoge.“

Den Koran ins Heute holen. Politiker ahnungslos

Islamische Radikalisierung, das erlebe Mansour tagtäglich in Deutschland. Dem entgegen zu wirken, das sei ein nationale, humanistische und demokratische Angelegenheit. „Wir verschlafen das“, obwohl es „punktuell gute Projekte gibt“. Eine innerislamische Debatte müsse her. Es brauche Vorbilder. Kritische Fragen müssten gestellt werden. Der Koran müsse ins Heute geholt werden. Auch die Politik sollte sozusagen endlich in die Puschen kommen. Kanzleramtsminister Peter Altmeier habe ihm bei „Anne Will“ entgegnet, eine islamische Radikalisierung nicht ausmachen zu können. Mansour: „Wo leben diese Politiker? Auf einem anderen Globus?“

Fragen und Impulse aus dem Publikum

Im Anschluss an den interessanten Vortrag Ahmad Mansours konnten aus dem Publikum heraus Fragen gestellt werden, die ihrerseits nicht minder interessant waren. Impulse gaben etwa ein evangelischer Theologe und ein pensionierter Lehrer. Mansour merkte in einer seiner Antworten an, dass Integration etwa derzeit bei Flüchtlingen nicht ausschließlich damit mit einem Integrationspapier (der CDU) getan sei, dass Arbeit und Sprachvermittlung setze, oder das die SPD das Grundgesetz auf Arabisch übersetzen ließ. Untereinander diskutiert wurde selbst dann noch, als Ahmad Mansour bereits den Saal verlassen hatte. Er musste seinen Zug nach Berlin erreichen.

Fazit

Ahmad Mansour hat sich Mühe gegeben, eine weitgehend als differenziert zu bezeichnende Betrachtung des Themas des Abends abzuliefern. Die freilich zwangsläufig vom eignen Lebensweg gefärbt sein musste. Eine Besucherin kritisierte im Gespräch nach dem Ende des Vortrags den ihrer Ansicht nach etwas einseitigen Blick des Referenten auf den Palästina-Konflikt. Und eine verharmlosende, bzw. fehlende Beschreibung der Situation der Palästinenser und deren nicht hinzunehmende oft schikanöse Behandlung seitens israelische Sicherheitsorgane. Sowie das Beschweigen der Angriffe Israels auf Gaza und deren verheerenden Auswirkungen als unverhältnismäßige Reaktion auf den Raketenbeschuss der Hamas auf israelische Ortschaften.

Ahmad Mansour gab den Besucherinnen und Besuchern seines Vortrags in der Auslandsgesellschaft eine hoffnungsvolle Aussicht mit nach Hause: Wenn wir muslimische Jugendliche, wie die aus anderen Kulturkreisen, endlich als „unsere Jugendlichen“ begriffen und auch als solche behandelten, könnte die Gesellschaft insgesamt davon profitieren.

Ein Sachbuch von Ahmad Mansour zum Thema:

Generation Allah. Warum wir im Kampf gegen religiösen Extremismus umdenken müssen“; erschienen bei S. Fischer

Dortmund: Erzbischof Theodosios mit leidenschaftlichem Plädoyer für Frieden, Toleranz und Gerechtigkeit

Seine Eminenz Erzbischof Theodosios mit seinem Dolmetscher beim Referat in Dortmund; Fotos: C.-D. Stille

Seine Eminenz Erzbischof Theodosios mit seinem Dolmetscher beim Referat in Dortmund; Fotos: C.-D. Stille

Hoher Besuch weilte diese Woche in der Auslandsgesellschaft NRW e.V. in Dortmund. Seine Eminenz Erzbischof Theodosios (Hanna Atallah) hielt dort ein Referat unter dem Titel
„Die palästinensischen Christen im Heiligen Land Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft“. Eine Veranstaltung in Kooperation mit der Palästinensischen Gemeinde Dortmund.

Zur Person

20150325_201433Der 1965 geborene Hanna Atallah wurde am 24. Dezember 2005 in der Grabeskirche zu Jerusalem zum Erzbischof Theodosios in Sebastia vom orthodoxen Patriarchat von Jerusalem geweiht. Hanna Atallah ist erst der zweite Palästinenser, der diese hohe kirchliche Position in der Geschichte der Diözese bekleidet.
Der Erzbischof war und ist politisch sehr engagiert. Vor dessen Weihe wurde er mehrmals von israelischen Sicherheitsorganen verhört. Der Erzbischof genießt hohen Respekt nicht nur in der arabischen Welt. Theodosios ist Mitglied des palästinensischen verfassungsberatenden Ausschusses und hat am dritten Entwurf der palästinensischen Verfassung vom März 2003 aktiv mitgewirkt. Er ist Mitverfasser und Unterzeichner des Kairos-Palästina-Dokuments (auf Deutsch via voltaire.org).
Für seine Verdienste im kirchlichen und öffentlichen Leben erhielt er im Jahre 2004 den Jerusalem-Preis des palästinensischen Kulturministeriums.

Zunächst bedankte sich der Kirchenmann für die Einladung nach Dortmund. Besonders beim Präsidenten der Auslandsgesellschaft, Klaus Wegener, dafür, dass das Haus auch eine deutsch-palästinensische Freundschaftsgesellschaft gegründet. Der Erzbischof lobte den Gedanken der Völkerfreundschaft, den die Auslandsgesellschaft mit Leben erfülle und die wichtige Rolle die sie in diesem Zusammenhang spiele.

Danach brachte Theodosios gegenüber den Hinterbliebenen des beim Absturzes der German-Wings-Maschine getöteten Passagiere sein Beileid zum Ausdruck. Gemeinsam legte man eine Schweigeminute für sie ein.

Theodosios: Jesus ein Palästinenser

Der Erzbischof erklärte wie wichtig es für uns als Mitglieder der weltweiten Menschengemeinde unabhängig von Religionen oder Weltanschauungen sei, uns gegenseitig zu achten und zu lieben. Niemand dürfe betreffs dessen diskriminiert werden. Ausdrücklich sprach sich Theodosios dagegen aus Gewalt im Namen von Religion auszuüben. Religion habe nur eine einzige Funktion: Die der Liebe und der Verständigung, die nicht nur zu predigen, sondern auch möglich zu machen sei. Christen in Palästina, unterstrich der Erzbischof, seien keine religiöse Minderheit, „sondern ein Hauptbestandteil des palästinensischen Volkes und des arabischen Volkes“. Sie seien nicht etwa von irgendwoher dahin eingewandert, sondern „seit eh und je“ in dieser Religion verwurzelt. Theodosios: „Jesus,der Prophet, der Mensch der Liebe und Toleranz gepredigt hat, ist in Palästina geboren. Es ist ein Palästinenser.“

Vertrieben, aber die Heimat stets im Herzen

1948, während er Nakba, der palästinensischen Katastrophe, daran erinnerte der Gast, sind gerade auch viele palästinensische Christen aus ihrer Heimat vertrieben worden. Jedoch hätten sie niemals ihre Heimat vergessen. Sie trügen sie stets im Herzen. Bei seinen Reisen in alle Welt treffe er überall auf sie und spüre das. Sie hätten den festen Willen irgendwann in ihre Heimat zurückzukehren, um im eigenen Land zu leben. Wie die in Palästina verbliebenen Christen hielten fest „an ihrem Evangelium, an ihrem Land, an ihrer Kirche“. Und sie hätten all das trotz großer geografischer Entfernung nicht vergessen. Sie alle sind die Nachfahren, der Gründer Palästinas. Diese hätten auch die erste Kirche der Welt, „Die Mutter der Kirchen“, gegründet. Momentan bereite sich die orthodoxe Kirche auf das Osterfest vor.

Angesichts von Gewalt gegen Christen nicht auf den Weg in eine fanatische Richtung verführen lassen

Sehr „traurig betroffen“ mache, was momentan mit den Christen im Nahen Osten geschähe, so der Patriarch. In einigen Regionen würden sie „geschlachtet“, die Kirchen zerstört. Seit einigen Jahrhunderten lebten die Christen dort in ihren Heimatländern. Im Namen aller christlicher Kirchen der Region, brachte Theodosios zum Ausdruck, man werde trotz aller Leiden, der Unterdrückung, dem Töten Unschuldiger und angesichts von Zerstörungen, nicht auf „unsere Friedensbotschaft“ verzichten. Ebenso werde man sich nicht dazu verführen zu lassen, den Weg in eine „fanatische Richtung“ einzuschlagen. Toleranz, gegenseitiger Respekt und Liebe gegenüber allen anderen Religionen dürfe nicht zerstört werden: „Das werden wir nicht erlauben.“

Theodosios zeigte sich fest überzeugt davon, dass Terror nicht nur mit militärischen Mitteln begegnet werden könne. Die verschiedenen Religionen in der Relgiion müssten weiter eine Botschaft, eine Mission des gegenseitigen Respekts und der Toleranz predigen „und gegen Terror eine klare Sprache“ sprechen. In Palästina sei vor einiger Zeit eine Initiative ins Leben gerufen worden, an der muslimische wie christliche Geistliche beteiligt sind. Religionsführer, Studenten sowie andere wichtige Gruppen wenden sich darin vehement gegen Terrorismus. „Die Welt braucht eine Stimme, die Stimme eines Propheten, welche im Sinne von Toleranz und Zusammenhalt und gegen Ungerechtigkeit spricht“, sagte der hohe Gast in Dortmund. Dabei meinte der Erzbischof auch: die Ungerechtigkeit gegenüber dem palästinensischen Volk. Diese gemeinsame Stimme müsse sich ebenfalls laut gegen religiösen und ethnischen Fanatismus erheben.

Als schmerzlich und als skandalös empfindet der Erzbischof die bittere Tatsache, dass palästinensische Christen zum heiligen Osterfest ihre eignen religiösen Stätten in Jerusalem nicht besuchen können. Obwohl diese meist nicht einmal 10 Kilometer von Jerusalem entfernt wohnen. Theodosios betonte unter allgemeinem Beifall des Publikums, nicht nur Partei für die christlichen Palästinenser zu ergreifen, sondern stets für das gesamte palästinensische Volk.

Nach wie vor aktuell: Das Kairos-Palästina-Dokument

Erzbischof wies an dieser Stelle auf das vor einigen Jahren in Zusammenarbeit mit verschiedenen Kirchen- und Kirchenvertretern aus der Region verfasste, weiter oben bereits erwähnte „Kairos-Palästina-Dokument“ hin. Es erschien zuerst auf Arabisch und wurde dann in zwanzig weitere Sprachen – darunter auch ins Deutsche – übertragen. Dieses Papier sei hinsichtlich seines Inhaltes so aktuell wie zum Datum seines Erscheinens. Unterzeichnet ist es von Lucy Thaljieh, Nora Kort, Mgr Rafiq Khoury, Rev. Fadi Diab, Rev. Mitri Raheb, Rev. Naim Ateek, Rev. P. Jamal Khader, Rev. Yohana Katanacho, Erzbischof Michel Sabbah, Sa Grâce Mgr Munib Younan, Son Éminence Mgr Theodosios Atallah Hanna, Cedar Duaybis, Geries S. Khoury, Nidal Abu El Zuluf, Rifat Kassis, Yusef Daher.

„Frieden braucht keine Mauern!“

Im Dokument wird dem Wunsch und der Wille nach Frieden geäußert, welchen jedoch die Schaffung von Gerechtigkeit für die Palästinenser vorausgehen müsse. „Die Besatzung muss ein Ende haben! Die Mauern, auch die Mauern des Rassismus müssen abgerissen werden“, forderte Theodosios. Am Vortag seines Referats in Dortmund, berichtet der Erzbischof, habe er in Berlin die Reste der Berliner Mauer besichtigt. Wie diese innerdeutsche Mauer müssten eines Tages auch die Mauern des Rassismus in Palästina abgerissen werden. Als er die Mauerreste in Berlin gesehen habe, habe er sich gesagt: „Frieden braucht keine Mauern!“
Die Botschaft seiner Eminenz, Erzbischof Theodosios: Verteidigung der christlichen Werte, der Rechte der Palästinenser sowie die Verteidigung der Gerechtigkeit und zwar für die ganze Welt. Frieden für Moslems, Juden und Christen. Ein Frieden, der auf Gerechtigkeit gebaut ist. Gegen Terrorismus und Rassismus.

Wie weiter nach der Wahl in Israel?

Nun bot sich Zeit für Fragen. Auslandsgesellschafts-Präsident Klaus Wegener fragte den Gast beispielsweise nach dessen Einschätzung der Chancen für den palästinensisch-israelischen Friedensprozess nach der kürzlich erfolgten Wahl in Israel. Theodosios darauf: Es seien einige israelische Systemparteien gewählt worden, die nicht einem Friedensprozess glaubten. Genaue Information über die Regierungszusammensetzung und deren genauen Ziele hab er noch nicht, jedoch schätze er ein, diese neue Regierung werde sich nicht viel von ihrer Vorgängerregierung unterscheiden. Der Weltgemeinschaft kommen gerade deshalb eine wichtige Aufgabe zu. Seinen Informationen zufolge seien viele Regierungen eher bedrückt über den Wahlausgang in Israel. Es brauche wirtschaftlichen und politischen Druck auf Tel Aviv. Besonders um die Unterdrückung der Palästinenser und die fortschreitende Landnahme palästinensischer Gebiete seitens israelischer Siedler endlich zu stoppen. Europa, Deutschland sowie die USA hätten die Macht dazu, der respektlosen Haltung der israelischen Regierung gegen Palästina Einhalt zu gebieten. Theodosios gab sich betreffs dessen zuversichtlich. Es brauche halt nur feste politische Entscheidungen.
Es stelle sich aus dem Publikum heraus die Frage nach politischen Stimmen unter den Palästinenser.
Der Erzbischof verwies zu diesem Behufe u.a. auf das Kairos-Palästina-Dokument. Auch auf regelmäßige Besuche zu den Weihnachtsfeierlichkeiten der politischen Oberhäupter nach Bethlehem, die einst Präsident Yasser Arafat begonnen hatte und die nun Nachfolger Präsident Mahmud Abbas regelmäßig fortsetze. Die politische Botschaft: Der Präsident Palästinas ist der Präsident aller Palästinenser. „Weihnachten und Ostern sind gesetzliche Feiertage in Palästina.“

Das Verhältnis der Muslime zu Christen in Palästina ist ausgesprochen gut

Bestimmte Fragen von Zuhörern brachten auch deutschen Wissenslücken betreffs Palästina zutage. Hiesige Medien rücken ja in der Berichterstattung meist Muslime in den Vordergrund. Theodosios nannte die Christen in Palästinas gut verankert. Es gebe christliche Bildungseinrichtungen, Krankenhäuser und andere christliche Institutionen in Palästina. Andersgläubige erhielten dort Hilfe und Unterstützung. Auch seine Kirche frage niemanden nach seiner Religion, wenn Hilfe benötigt werde.
Auf eine Frage nach den Gründen Abwanderung von Christen aus Palästina nannte der Erzbischof wirtschaftliche und politische. Die Beziehungen jedoch zwischen Moslems und Christen in Palästina selbst bezeichnete Theodosios als ausgesprochen gut. Christen seien gut angesehen. Das rühre von der palästinensischen Kultur her, die auf gegenseitigem Respekt geprägt sei. Freilich, so schränkte der Kirchenmann ein, existierten auch in Palästina mit extremistischen, islamistischen Einstellungen. Diese repräsentierten allerdings nicht die öffentliche Meinung.

Theodosios sieht für ISIS in Palästina keinen fruchtbaren Boden

Auf die Frage einer Berliner Journalistin nach der etwaigen Gefahr von ISIS betreffs Palästina vor ein paar Tagen, erzählte der Erzbischof, habe er geantwortet: Deren Ideologie fallen in Palästina „nicht auf fruchtbaren Boden“.

Erzbischof Theodosios: „Es gibt definitiv keine islamische Unterdrückung in Palästina“

Eine andere Frage in Dortmund: Werden die Christen von den Muslimen unterdrückt und wandern deshalb aus? „Es gibt definitiv keine islamische Unterdrückung in Palästina“, antwortet der Gast darauf eindeutig. Die Mehrheit der Muslime Palästinas teilten die Einstellung, dass die Christen fester Bestandteil ihres Landes sind.

Das Schicksal des in Syrien entführten griechisch-orthodoxen Geistlichen Bulos Jasidschi schmerzt

Ein anwesender aus Syrien stammender Christ sprach das Schicksal des griechisch-orthodoxen Geistliche Bulos Jasidschi an. Dieser wurde von Islamisten entführt.
Erzbischof Theodosios, der sieben Jahre zusammen mit Bruder Jasidschi gelebt hat, schmerzt diese Tatsache sehr. Er hoffe, dass die Gewalt in Syrien ein Ende nehme. Im Gegenteil: ein Dialog sei vonnöten.

Kairos-Palästina-Dokument von Kirchen in Europa ausreichend gewürdigt?

Hätten die europäischen Kirchen das Kairos-Palästina-Dokument genügend gewürdigt und eine positive Antwort gegeben, fragte ein anwesender Referent für Weltmission der evangelischen Kirche aus Dortmund den Erzbischof aus Jerusalem. Der darauf: Viele positive Signale seien diesbezüglich empfangen worden. Auch an einigen Universitäten in Europa werde diese Dokument unterrichtet. Theodosios appellierte an alle, dieses zeitloses Dokument zu lesen und dessen Botschaft zahlreich zu verbreiten.

Eine Bibel für Theodosios

Der Präsident der Auslandsgesellschaft NRW in Dortmund, Klaus Wegener (links) überreicht Erzbischof eine Bibel als Geschenk.

Der Präsident der Auslandsgesellschaft NRW in Dortmund, Klaus Wegener (links) überreicht Erzbischof eine Bibel als Geschenk.

Einer der Mitunterzeichner des Kairos-Palästina-Dokuments, Rev. Mitri Raheb, so die zweite Frage des Dortmunder evangelischen Kirchenmannes zweite Frage, hätte vor Kurzem in der Dortmunder Reinoldikirche geweilt und zum Ausdruck gebracht, seine Phantasie wie ein künftiges Palästina aussehen könnte. Denn Palästina sei wie ein Schweizer Käse: Die israelischen Siedler haben den Käse und die Palästineser den Käse. Wie also soll aus einem von einer halben Million jüdischer Siedler in Beschlag genommenen Land noch ein Staat entstehen, der palästinensisch genannt werden dürfe? Den erwähnten Käse erlaubte sich der hohe griechisch-orthodoxe Gast mit einem Weinvergleich zu begegnen: Wein werde je älter er werde edler und schmackhafter.
So werde auch das Dokument reifen und seine Wirkung entfalten, war Theodosios zuversichtlich:
„Und wenn wir keine bessere Zukunft für die Palästinenser erreichen, werden dies unsere Kinder und Kindeskinder schaffen. Palästina wird nicht verlorengehen. Wir werden die Gerechtigkeit und den Frieden weiter einfordern. Wir wollen in Frieden leben in unserem eignen Land, im Heiligen Land.“
Zum Abschluss des Abends überreichte Klaus Wegener dem hohen Gast aus Jerusalem ein künstlerisch gestaltetes Exemplar der Bibel.
Theodosios bedankte sich über die Maßen herzlich und rief aus: „Besuchen Sie uns in Jerusalem!“

Fazit

Nicht nur der Präsident der Dortmunder Auslandsgesellschaft empfand das interessante und mit großem Engagement vorgetragene Referat als „leidenschaftliches Plädoyer“ nicht nur für die gerechte Sache der Palästinenser, sondern auch für Frieden, Toleranz und Respekt allen Menschen und Religionen. Theodosios einen Brückenbauer zu nennen, dürfte seinem engagierten Wirken gerecht werden.

Dazu passend auch ein Interview mit Erzbischof Theodosios (via Palästina Portal/RT)

Dr. Khouloud Daibes, Botschafterin Palästinas: „Das andere Gesicht des palästinensischen Widerstands“

 

BildDie Botschafterin Palästinas, Dr. Khouloud Daibes bei ihrem Vortrag in Dortmund; Foto: C.-D. Stille

Spätestens mit den Ereignissen in der Ukraine und der damit verbundenene Krimkrise ist ein Krisen- und Konfliktherd entgültig in den Hintergrund getreten: Der Nahe Osten und Palästina. Schon der „Arabische Frühling“ hatte dafür gesorgt, dass dieser seit Jahrzehnten schwelende Konflikt aus dem Fokus der internationalen Betrachtung geraten ist. Jedoch auch ohne dies könnte man zynisch sagen, die Weltgemeinschaft hat sich an diese Situation im Nahen Osten „gewöhnt“. Viele halten diesen Konflikt höchstwahrscheinlich gar für unlösbar.

Deutschland unterhält – schon aus historischen Gründen – sehr gute Beziehungen zu Israel. Aber auch zu den Palästensern. Darauf weist auch die Palästinensische Mission in Berlin hin: „Seit den 1970er Jahren stehen Deutschland und Palästina in einem engen regelmäßigen Austausch. Als erster Staat weltweit hat Deutschland 1994 eine erste internationale Repräsentanz in Jericho eröffnet.“

Dr. Khouloud Daibes, die in Hannover Architektur studiert hat, referierte als Botschafterin Palästinas in der  Auslandsgesellschaft NRW in Dortmund

Gestern nun bot sich in Dortmund die Gelegenheit auf die Chefin dieser Mission, die Botschafterin Palästinas in Deutschland, Dr. Khouloud Daibes, zu erleben. Die Auslandsgesellschaft NRW e.V. und die Palästinensische Gemeinde e.V. hatten die sympathische Diplomatin zu einem Referat mit anschließender Diskussion eingeladen. Dr. Daibes, die in Hannover Architektur studiert hat, hielt ihren Vortrag auf Deutsch. Der Titel: „Das andere Gesicht des palästinensischen Widerstands“

Palästinensisches Kulturgut vor dem Vergessen retten

Das Referat enthielt äußerst interessante Aspekte. Denn die Architektin und ehemalige palästinensische Ministerin für Tourismus und Altertümer (von März 2007 bis Juli 2012) berichtete vor dem bis auf den letzten Platz besetzten Saal über persönliche Erfahrungen und Erlebnisse. Betreffend den Wiederaufbau, die Restaurierung und Rettung von Kulturgut vor dem Vergessen. Besonders gehe es darum, der weiteren Zerstörung bedrohter Altstädte und Kulturdenkmäler, beispielsweise in Bethlehem, Hebron, Jerusalem und Nablus entgegenzuwirken. Die heutige Botschafterin ihres Landes kennt die Problematik hautnah. Sie wurde in Bethlehem geboren und wuchs in in Jerusalem am Ölberg auf.

Die Palästinenser waren stets fremdbestimmt

BildDie düstere „Entwicklung“ Palästinas; Foto: C.-D. Stille

Deutlich wurde schon eingangs des Vortrags der Botschafterin vor welch komplizierte Aufgaben sich Archäologien und Denkmalpfleger bei ihrer Arbeit in Palästina gestellt sehen. Was selbstredend einmal mit den Folgen der Nakba – die Vertreibung und Flucht von über 700 000 Palästinsern aus dem britischen Mandatsgebiet – zutun hat. Aber auch damit, dass die Palästinenser stets fremdbestimmt waren. Durch die Osmanen, die Jordanier, die Briten und nun zu im Verlaufe der Jahrzehnte nach der Nakba durch die Israelis, die große Teile palästinensischen Lebensraums okkupierten bzw. kontrollieren. Was sehr gut an einem Schaubild in Dr. Daibes Power-Point-Präsentation zu sehen war. Palästina ist in viele kleine Inseln zersplittert. Dazwischen Kontrollpunkte der israelischen Armee.

Dr. Daibes: Ein Volk muss seine Vergangenheit kennen, um in die Zukunft gehen zu können

Leicht könnte spärlich Informierten die Frage in den Kopf kommen, warum sich ein Land wie Palästina denn ausgerechnet um Archäologie und Denkmalpflege kümmert. Hat man nicht viel gravierendere Probleme?

Die Botschafterin machte klar, dass diese Probleme gerade auch damit zusammenhängen. Ein Volk muss die Vergangenheit kennen, um in die Zukunft gehen zu können. Und gerade kulturhistorisch, so Dr. Daibes, sei Palästina ein reiches Land. Drei Religionen auf engem Raum sind damit verknüpft. Allein die Stadt Hebron ist über 10 000 Jahre dauerhaft bewohnt. Aber was haben nun Archäologie und Denkmalpflege, um auf den Titel des Referats zurückzukommen, mit dem palästinensischen Widerstand zutun? Die Botschafterin sagt es. Und der eine oder andere von uns dürfte es vielleicht schon gelesen haben: Gerade Israel setzt in den vergangenen Jahren die Archäologie quasi als Tool ein. Archäologie wird sozusagen zum historischen Machtfaktor. Israel benutzt diese Wissenschaft in erster Linie in Jerusalem („König Davids Badewanne“; Zeit Online) als Waffe, um die arabische Bevölkerung zu vertreiben. Israel versuche so die Vergangenheit der Gegenwart anzupassen.

Israelis versuchen „Eliminierung von Geschichte“ bzw. machen sieeigenen Mythen passend

Für die Palästinenser sei gerade Immaterielles wichtig für Kontinuität und Identität. Meint Botschafterin Daibes. Schon aus dem Grunde müsse man gegen absichtliche Zerstörungen (vor allem durch Siedler) angehen. Denn zweifellos bezweckten die Israelis, verstärkt seit den 1990er Jahren, die Eliminierung von Geschichte. In der Regel um sie passend zu eignen Mythen umzumodeln.

Seit der Gründung der Palästinensischen Autonomiebehörde nach den Osloer Verträgen kümmere man sich um die eigne Identität.

Khouloud Daibes beklagte die massiven Zerstörungen von historischen Gebäuden und die Zerteilung von palästinensischen Gebieten besonders nach der 2. Intifada. Neben Naturreserven sei ein großes Gebiet unter israelischer Militärkontrolle. Zahlreiche Kontrollposten der israelischen Armee und damit verbundene Schikanierungen diese passieren wollen bzw. müssenden Palästinensern machen einen Transit zwischen Flickenteppichen, die ihnen verblieben sind, zur Tortur. Bisweilen gar unmöglich. Dafür sorgt zusätzlich die gewaltige Mauer, die die israelischen Siedlungsgebiete inzwischen von palästinensischen Wohnorten trennt. Die Botschafterin berichtete, zeitweise sei an eine Untertunnelung israelischer Wohngebiete gedacht worden, um die palästinensische Wohnorte miteinander zu verbinden.

Statt lamentieren Widerstand leisten

Palästina ist so vor immense Schwierigkeiten gestellt. Bauland – weil knapp – sei teuer, historischen Bauten abgerissen worden. Natur wurde zerstört. Sogar Berge abgeschliffen, um darauf israelische Siedlungen zu errichten, wo einst Wälder waren. Dazu Straßen gebaut, welche ausschließlich von den israelischen Siedlern benutzt werden dürfen.

Dr. Daibes beklagt dies außerordentlich. Doch, so die Diplomatin, nütze es nicht zu lamentieren. Vielmehr gelte es Widerstand zu leisten. Palästina geht es nun laut seiner Botschafterin in Deutschland vornehmlich darum die eigene Kultur zu bewahren. Dies macht auch die Registrierung von historischen Gebäuden, deren denkmalpflegerischer Restaurierung, sowie eine schrittweise Inventarisierung von Kulturgütern notwendig. Damit ist u.a. die Nichtregierungsorganisation RIWAQ betraut. Daibes selbst arbeitete dort. Sie restaurierte Kirchen, Synagogen und Moscheen. Aber auch – wie anhand projiizierter Fotos (vorher-nachher) anschaulich dargestellt wurde – Wohngebäude.

Militante israelische Siedler verdrängten palästinensische Bewohner der Stadt Hebron

Nicht kalt lassen kann uns die unverschämte und teils rücksichtslose Vorgehensweise von Israelis zum Beispiel in der geteilten Stadt Hebron. Das Gebiet H 1 verblieb den Palästinensern, H 2 wird von israelischen Siedlern bewohnt. Von einmal 10 000 Einwohnern ging die Wohnbevölkerung auf 400 zurück. Um die 800 militante israelische Siedler verdrängte die palästinensischen Bewohner. Um verdeutlichen, was das im Detail heißt, nannte die Botschafterin Zahlen: Mehr als 10 000 Wohnungen seien seinerzeit geräumt, über tausend Geschäfte geschlossen worden. Das sind 70 Prozent von allen Läden überhaupt. Über hundert Straßen waren gesperrt worden. Hebron glich an vielen Stellen fast einer Geisterstadt. Wie ein Zusammenleben in dieser so veränderten Stadt möglich ist, ist kaum vorstellbar. Zumal nicht wenige israelische Siedler nichts unversucht lassen, die verbliebenen Palästinenser zu drangsalieren.

Aus manchen von ihnen in Beschlag genommenen Wohnhäusern schauen diese nicht nur allein aufgrund der Tatsache, dass sie deren oberen Etagen bezogen, aus der Höhe auf sie herab. Sondern vor allem auch aus Überheblichkeit und voller Hass. Viele von ihnen verhalten sich dermaßen niederträchtig, dass sie ihren Müll auf die Palästinser herabwerfen. Andere wiederum randalieren und lassen ihre Hunde los, um die arabische Wohnbevölkerung einzuschüchtern. Wie nur sind solche Zustände im 21. Jahrhundert möglich, fragte sich da bestimmt so manche Zuhörerin und mancher Zuhörer gestern Abend in der Auslandsgesellschaft Dortmund.

Die Anstrengungen der palästinensischen Regierung können sich durchaus sehen lassen

Gleichzeitig allerdings ist man versucht den nicht vorhandenen Hut vor dem Gleichmut der Betroffenen zu ziehen. Die bislang unternommenen Anstrengungen ihrer Regierung, von welchen Dr. Khouloud Daibes berichtete, können sich durchaus sehen lassen. Sie wirken den negativen Entwicklungen widerständig entgegen. Zwecks der Belebung der verbliebenen Wohnviertel, der Läden, der Förderung traditionellen Handwerks wurde viel getan.

In Palästina hatte einst, wie ein Zuhörer später nachtrug, die Glasbläserei einen vergleichbar hohen Stellenwert wie die Venedigs.

Heute wohnen wieder 6000 palästinensische Einwohner in Hebron

Nicht zuletzt ist die erfolgte sukzessive Ansiedlung von palästinensischen Familien aus anderen Gebieten zu nennen. Oft kommen sie zu mehreren in größeren Häusern unter. Sie müssen nur symbolische Preise für Mieten zahlen. Es geht den Behörden in erster Linie um eine soziale und wirtschaftliche Belebung der verbliebene Gebiete. All das ist alles andere als einfach. Nicht selten ist der Eigentumsnachweis von Häusern überaus schwierig bis unmöglich. Kataster gibt es nicht. Registrierungen andere Art auch nicht. Nur manchmal finden sich noch alte Dokumente. Da fällt es schwer gegen „Ansprüche“ militanter israelischer Siedler anzukommen. Klagen sind dann nur vor israelischen Gerichten möglich. Auch die Versorung mit Wasser, Strom und die Unterhaltung von Straßen stellt die Palästinenser vor große Probleme. Was Hebron betrifft, so ist es gelungen die Wohnbevölkerung unterdessen wieder auf immerhin 6000 Menschen zu bringen.

Arbeitslose werden in Jobs vermittelt, die Geburtskirche wird mit internationaler Hilfe restauriert

Wie aus dem Referat der Botschafterin zu erfahren war, würden des Weiteren Arbeitslose in Jobs als Bauarbeiter vermittelt. Doch nach wie vor sei man, beispielsweise um die Altstadt von Hebron wieder bewohnbar zu machen, auf internationale Hilfe angewiesen. Es gibt verschieden Initativen auch unter dem Dach der UNESCO. In Bethlehem sei der Erhalt des kulturellen und religiösen Erbes von hoher Wichtigkeit. Große Fortschritte wären dabei bei der Restaurierung der Geburtskirche in Absprache mit den jeweiligen Religionsgemeinschaften vorzuweisen. Experten aus aller Welt sind involviert.

Man schreitet auf vielen Wegen voran

Frau Dr. Daibes hob die hohe Bedeutung des immateriellen Kulturerbes für ihr Volk hervor. Wobei auch die dazugehörigen Narrative zu berücksichtigen, zu konservieren und natürlich an folgende Generationen weiterzugeben seien. Man schreite auf vielen Wegen voran. Selbst auf dem Gebiete der Touristik. Es wurde und wird an bestimmten Landrouten gearbeitet. Wenngleich bislang nur wenig Touristen nach Palästina kommen. Was gewiss damit zutun hat, dass augenblicklich nur über Jordanien oder Israel eingereist werden kann. Dr. Khouloud Daibes ermutigte dennoch dazu, ihre Heimat zu besuchen. Deutsche stehen an erster Stelle der nach Palästina einreisenden Touristen. Manche kombinieren die Reise mit Besuchen Israels.

Boschafterin Dr. Daibes nimmt nicht ihre politische Arbeit ebenfalls ernst

Es war der Botschafterin  anzumerken, wie sehr sie die Arbeit in der Archäologie und der Stadtsanierung liebt, schätzt und wohl auch ein wenig vermisst. Wohl auch deshalb zeigen einige der letzten Bilder an diesem Abend Gebäude an deren Restaurierung bzw. Sanierung sie mitwirkte. Zu diesem Behufe musste eine kleine Panne überwunden werden. Der hauseigene Laptop versagte den Dienst. So kam das  Notebook der Botschafterin zum Einsatz. Die Zwischenzeit überbrückte die Diplomatin souverän.

Sie bedauerte, dass sie nun eben nicht mehr hundertprozentig „in der Thematik drinsteckt“. Nichtdestotrotz nimmt Dr. Khouloud Daibes als zu recht stolze Diplomatin ihres Landes – noch dazu als erste Frau auf einem solchen Posten – die politische Arbeit, in die sie „reingerutscht“ ist, nun nicht weniger ernst.

Palästina – wann?

BildFoto Power-Point-Projektion: C.-D. Stille

Bezugnehmend auf eine Projektion welches die Palästinenser ausgrenzenden Mauer mit der Aufschrift Berlin – 1989/Palestine – ? abbildet, fragte jemand aus dem Publikum: Hat Botschafterin Daibes denn diesbezüglich noch Hoffnung? Die Antwort der Diplomatin fiel klar und unmissverständlich aus: Natürlich! Und Applaus brandete auf, um diese lebensnotwendige Zuversicht solidarisch zu unterstützen. Dr. Daibes zeigte sich davon  überzeugt, dass die israelische Besatzung und jedwede Behinderungen und Einschränkungen des Lebens ihres Volkes nicht geschafft hätten, die Palästinenser kulturell zu verarmen.

Nicht zuletzt ist dies wohl auf „Das andere Gesicht des palästinensischen Widerstands“ zurückzuführen, das uns gestern von ihr facettenreich vorgestellt wurde. Die Hoffnung ist ein starker Faktor für die Palästinenser. Aber auch die Tat, die eines Tages in eine vernünftige Zukunft dieses Volk als friedlicher Nachbar eines friedlichen Israels führen soll: Die Bewahrung der eigenen Identität gegen Widerstände von aussen. Die Botschafterin: Manches Land der Welt, dass nicht mit Problemen wie ihr Volk kämpfen müsse, sei da längst nicht so weit die Palästinenser.

Palästina nicht aus dem Fokus geraten lassen

Zugegeben, von diesen Anstrengungen Palästinas lassen unsere Medien höchst selten etwas verlauten. Bei Widerstand denken wir deshalb eher an anderes. Ein hochinteressantes Referat einer engagierten und noch dazu überaus sympathischen Vertreterin ihres Landes Palästina! Sicher, die Krim-Krise und andere weltpolitische Ereignisse davor haben die Probleme diesen Landes im Nahen Osten aus dem Fokus der Medien geraten lassen. In diesen Tagen lesen und hören wir viel von Völkerrecht und dessen Verletzung. Da ist auch etwas dran. Bedenken wir jedoch: In Palästinas wird seit der großen Katastrophe der Palästinenser, der Nakba, seit Jahrzehnten das Völkerrecht mit Füssen getreten. Tagtäglich sogar. Zynisch wäre es, hätten wir uns daran „gewöhnt“. Die Palästinenser, dass machte Botschafterin Dr. Khouloud Daibes in Dortmund entschlossen deutlich, werden – wie könnten sie auch? – sich niemals daran gewöhnen. Und auch wir dürfen das nicht tun.