Zeichen gegen Gewalt, Terror und Intoleranz: Lamya Kaddor und Tarek Mohamad veranstalten Demonstration für den 17. Juni in Köln: „#Nicht mit uns! Muslime und Freunde gegen Gewalt und Terror!“

via Orgateam #NichtMitUns.

Nach der Unterbrechung von Rock am Ring letzten Freitag wegen islamistischer Terrorgefahr ließ Veranstalter Marek Lieberberg ordentlich Luft ab. Er wetterte nicht zuletzt gegen Muslime. Und forderte von allen Beteiligten eine eindeutige Gegnerschaft zu Gewalt und Terror sowie die Distanzierung davon. „Nach meiner Wahrnehmung haben es die Menschen muslimischen Glaubens bisher leider weitgehend versäumt, dies auch in entsprechenden Demonstrationen zu artikulieren“, sagte Lieberberg der „Süddeutschen Zeitung“.

Der 71-Jährige hatte in einer sehr emotionalen Erklärung unmittelbar nach der Evakuierung des Festivalgeländes unter anderem gesagt: „Ich möchte endlich mal Demos sehen, die sich gegen die Gewalttäter richten. Ich hab‘ bisher noch keine Moslems gesehen, die zu Zehntausenden auf die Straße gegangen sind und gesagt haben: Was macht ihr da eigentlich?“

Lieberbergs verbaler Ausbruch mag verständlich sein. Aber klingt in seinen Worte nicht auch der Vorwurf an, Muslime generell hießen Terror zu bzw. duldeten ihn schweigend, weil sie nicht dagegen auf die Straße gingen? Dagegen werden Muslime einwenden, dass diese im Namen von Allah agierenden Terroristen gegen ihre Religion handelten und demzufolge gar keine Muslime, sondern schlicht und einfach Verbrecher, Irregeleitete seien. Obendrein steht fest: die meisten Opfer des islamistischen Terrors sind Muslime. Des Weiteren dürfte unbestritten sein, dass die überwiegende Mehrheit der Muslime weltweit nicht mit Terror in Verbindung stehen.

Warum also, werden sich Muslime auch hier in Westeuropa lebende, fragen, sollen wir uns in Gottesnamen vom islamistischen Terror distanzieren – der Islam hat doch gar nichts damit zu tun?

Mein muslimischer Facebookfreund Khalid Chergui  postete kurz nach Marek Lieberbergs Forderungen: „Ich distanziere mich von der Distanzierung. Wer Distanzierung fordert, der unterstellt Nähe.“

Wenn nun am 17. Juni 2017 die muslimische Religionspädagogin Lamya Kaddor zusammen mit Tarek Mohamad zu der Demonstration „#NichtMitUns! Muslime und Freunde gegen Gewalt und Terror!“ in Köln aufruft, sollte niemand ins Gegenteil von dem verfallen, das Marek Lieberberg in seiner Wut von sich gab. Nämlich zu sagen: Guckt, endlich bekennen sich die Muslime und geißeln ihre Terror verübenden Schwestern und Brüder. Oder: Seht, jetzt sind die Muslime über das Stöckchen gesprungen, welches man ihnen nach jedem islamistischen Anschlag hinhielt.

Lamya Kaddor und Tarek Mohamad lassen einfach ihren kritischen Worten Taten folgen. Und je mehr Menschen – Muslime, Nichtmuslime, Christen, Atheisten – schlicht Menschen jeglicher Couleur, die für Frieden, Demokratie und für die Verteidigung der der Freiheitlich Demokratischen

Lamya Kaddor während eines Vortrags in Dortmund. Fotos (2): C.-D. Stille

Grundordnung stehen und einstehen – am 17. Juni auf dem Kölner Heumarkt ein dementsprechendes Zeichen gegen Gewalt, Terror und Intoleranz setzen, desto besser!

Auf Lamya Kaddors Facebook-Seite lesen wir:

„Wir freuen uns jetzt schon auf ein klares Zeichen aller Menschen, die gegen Gewalt, Terror und Intoleranz sind. Nehmt euch bitte an diesem Datum frei, vernetzt euch, bildet Fahrgemeinschaften und teilt diesen Post, damit möglichst viele Menschen erscheinen und ein deutliches Zeichen setzen.

Hiermit bekräftige ich noch einmal als muslimische Religionspädagogin: Die islamistischen Attentäter von London, Kabul, Berlin, St. Petersburg, Nizza, Paris, Orlando, Bagdad, Kairo, in Syrien, dem Jemen etc. und die Terroristen des IS sind KEINE Muslime. Aber auf die Begründung kommt es an, deshalb diesen Text weiterlesen.

Der Islam ist eine volatile Religion ohne Oberhaupt. Er wird bestimmt durch die Mehrheitsmeinung seiner Anhänger und die Meinung seiner Theologen. Und hier ist ganz klar, dass die absolute Mehrheit den Auffassung der Terroristen deutlich widerspricht. Daher müssen wir Muslime diese Verbrecher in einer breiten Bewegung außerhalb des Islams stellen. Wir müssen ihnen klar machen, dass sie nicht zu uns gehören und diese Absagen immer wieder erneuern. Nicht um anderen zu gefallen, sondern um unseren Glauben zu verteidigen.

Auch dem letzten Muslim muss klar werden, dass die Gewalt der islamistischen Terroristen unislamisch ist. Das Vorgehen der islamistischen Terroristen steht mitnichten im Einklang mit den ursprünglichen Konzepten des kleinen Dschihads. Islamistischer Terrorismus ist eine glasklare Neuerung (bid’a). An dieser Stelle dürfen die sogenannten „Islamkritiker“ gerne aufschreien. Erstens kennen die meisten von ihnen nicht ein einziges usul- oder furu’-Werk, zweitens hat keiner von ihnen ein Konzept jenseits der reinen Formulierung von sogenannter „Kritik“ (sondern allenfalls die absurde Hoffnung, eine Weltreligion verbieten zu können, Muslime auszuweisen und andere faschistoide Vorstellungen).

Und noch einmal zur Rolle des Islams in diesem Zusammenhang. Der Islamismus hat NICHT nichts mit Islam zu tun. Tut mit Leid, liebe „Hater“, den gegenteiligen Satz werdet ihr von mir weder hören noch lesen. Islamismus ist größtenteils die perverse Instrumentalisierung einer machtzentrierten Auslegung primärer und sekundärer Quellentexte dieser Religion. Der Islamismus dient dazu, Machtansprüche von männlichen Führern und Führungscliquen zu legitimieren. Kein potenzieller Machthaber wird Anhänger von sich überzeugen können, wenn er bloß sagt: Folgt mir, einfach weil ich ich bin. Vielmehr braucht er ein höheres Ziel, ein ideologisches Gedankengebäude, das er seinen Ambitionen überstülpen kann, sodass Anhänger daran glauben können. Genau an dieser Stelle kommt der Islamismus ins Spiel. Man stelle sich einfach mal vor, den Islam gäbe es auf einmal nicht mehr. Wären die Probleme damit gelöst? Gewiss nicht. Denn die Ursachen für Terror liegen in politischen, ökonomischen, sozialen und biografischen Missständen. Deshalb sind die Ideologien, die zur Legitimation herangezogen werden, austauschbar – wie z.B. die arabischen Terrorgruppen in den 60er/70er Jahren bereits gezeigt haben.

Da der Islam also nicht nichts mit Islamismus zu tun hat, sind die Muslime, inklusive der muslimischen Theologen und Religionspädagogen gefragt. Sie müssen zeitgemäße Gegenkonzepte entwerfen, mit denen Menschen dann in sozialen und politischen Berufen arbeiten können. Dass wir Muslime solche Terroristen außerhalb unserer Religion stellen, entlässt uns Muslime nicht aus unserer Verantwortung! Denn es ist und bleibt UNSERE Religion, die diese Menschen entarten.“

Nach der Unterbrechung von Rock am Ring vergangenen Freitag ließ Konzertveranstalter Marek Lieberberg empört Luft ab. Die Islamwissenschaftlerin und Muslimin Lamya Kaddor hat ihn zur geplanten Demonstration von Muslimen gegen den islamistischen Terror eingeladen. Das meldet die Rhein-Zeitung (Koblenz) in ihrer heutigen Ausgabe. Ob Lieberberg auf dem Kölner Heumarkt Flagge zeigen wird?

Organisatorisches werde, teilte Kaddor mit, noch heute mit den zuständigen Behörden in Köln abgesprochen

Update am 9. Juni 2017 18 Uhr 52:

Gesehen 2015 in Dortmund. Foto: Claus-Dieter Stille

Informationen zur Demo am 17. Juni 2017 in Köln

#NichtMitUns

„Rechtspopulismus und Angst vor dem Islam“ – Veranstaltung in Dortmund mit dem Soziologen Prof. Dr. Wilhelm Heitmeyer

Foto: C. Stille

Foto: C. Stille

Gewiss ist es nicht falsch, eine verstärkte Ablehnung des Islam in der Bevölkerung mit den Anschlägen von 9/11 in Zusammenhang zu bringen. Zuvor dürfte dieser Religion aber auch nicht gerade mit großem Wohlwollen begegnet worden sein. Der Islam wurde hierzulande eher mit Desinteresse bedacht. Selbst Türkinnen und Türken sind kaum bewusst als Muslime wahrgenommen worden. Das änderte sich nach den Anschlägen von New York schlagartig, welche von muslimischen Attentätern verübt worden sind. Der Islam wurde danach meist mit Terrorismus assoziiert. Und Islamismus mit dem Islam gleichgesetzt. Muslime weltweit – auch in Deutschland – standen quasi unter Generalverdacht. Auch wenn das von offizieller Seite so nie so vertreten worden war: es fehlte an differenzierenden Darstellungen, den Islam und die Muslime betreffend. Weshalb der Eindruck, Islam gleich Islamismus und Terror – vor allem aufgrund der unsäglichen Politik der USA unter Präsident George W. Bush und seinem „Krieg gegen den Terror“ (der doch nur immer neuen Terror und neue Terroristen gebar) – der frühere Feind Kommunismus ward durch denen neuen, den Islam abgelöst – zusätzlich noch durch bestimmte Medien auf fahrlässige Weise verstärkt und so im Unterbewusstsein der Menschen befördert worden ist. Entstanden ist auf diese Weise über einen längeren Zeitraum ein vergiftetes gesellschaftliches Klima. Rechtspopulisten und Ausländerfeinde nutzen es für ihre Zwecke.

„Die Ablehnung des Islam ist in der Bevölkerung weit verbreitet.Dazu kommt, dass jetzt viele Flüchtlinge vor allem aus muslimischen Ländern im Nahen Osten und aus Afrika nach Deutschland gekommen sind. Die Migrationsbewegung stellt die deutsche Gesellschaft vor große Herausforderungen. In dieser Situation greifen rechtspopulistische Gruppierungen antimuslimische und ausländerfeindliche Klischees auf und instrumentalisieren sie. Die Veranstaltung geht der Frage nach, was getan werden kann und muss, um Rechtspopulismus und Islamfeindlichkeit zu begegnen – mit offenem Blick für aktuelle Problemstellungen im Miteinander der Religionen und Kulturen“, schreibt das Christlich-Islamische Forum NRW in seiner Einladung zu einer interessanten Veranstaltung am Mittwochabend in Dortmund.

Der bekannte Soziologe Prof. Dr. Wilhelm Heitmeyer wird zum Thema „Rechtspopulismus und Islamfeindlichkeit in einer entsicherten Zeit“ referieren. Anschließend stehen er und Vertreter der Landtagsfraktionen bzw. Parteien zum Gespräch bereit.

Mit dabei sind Andrea Asch (MdL, Die Grünen), Marc Herter (MdL, SPD), Christian Leye (Die Linke, Landessprecher) und Ahmad Aweimer (Dialog- und Kirchenbeauftragter des Zentralrats der Muslime in Deutschland). Angefragt sind Henning Rehbaum (MdL, CDU) und Dr. Joachim Stamp (MdL, FDP).

Zugegen sein werden ebenfalls Pfarrer Ralf Lange-Sonntag (Referent der Evangelischen Kirche von Westfalen für Fragen des christlich-islamischen Dialogs) und Pfarrer Friedrich Stiller (Referatsleiter im Evangelischen Kirchenkreis Dortmund).

Angesichts der heutigen Welt und des Rechtsrucks bekommt die Auschwitz-Überlebende Esther Bejarano Angst. Sie hat den Aufstieg der Nazis erlebt und erkennt gewisse Parallelen zum Erstarken rechter Kräfte heute. Foto: C. Stille

Angesichts der heutigen Welt und des Rechtsrucks bekommt die Auschwitz-Überlebende Esther Bejarano Angst. Sie hat den Aufstieg der Nazis erlebt und erkennt gewisse Parallelen zum Erstarken rechter Kräfte heute. Foto: C. Stille

Friedrich Stiller: „Die anhaltende Ablehnung des Islam in der Mehrheit der Bevölkerung ist seit langem ein gesellschaftliches Problem. Wenn das jetzt von Populisten in Stimmen umgesetzt wird, bekommen wir ein noch größeres Problem.“

„Wir müssen engagiert auf die Probleme aufmerksam machen und für den Dialog werben nüchtern und in aller Offenheit“, fügte der evangelische Pfarrer hinzu.

Der Vortrags- und Gesprächsabend „Rechtspopulismus und Angst vor dem Islam“ mit Vertretern der NRW-Fraktionen und Parteien findet am Mittwoch, den 8. Februar, ab 18.30 Uhr in der Abu-Bakr-Moschee, Carl-Holtschneider-Str. 8.a in Dortmund. Der Eintritt ist frei.

Update vom 17. Februar 2017

Hier finden Sie einen Bericht über die Veranstaltung meines Nordstadtblogger-Kollegen Clemens Schröer.

 

„Salafistische und jihadistische Szenen in Deutschland – Anziehungskraft, Rekrutierung, Akteure“ – Ein Vortrag von Claudia Dantschke an der Fachhochschule Dortmund

Referierte zum politischen Salafismus und Djihadismus; Fotos: C. Stille

Referierte zum politischen Salafismus und Djihadismus; Fotos: C. Stille

Gestern hatte die Fachhochschule Dortmund zu einer weiteren interessanten Veranstaltung im Rahmen „Offene Fachhochschule – Vortragsreihe Salafismus als Jugendkultur, Salafismus als jugendkulturelle Provokation, eingeladen. Gastreferentin war die jetzt in der Extremismus-Prävention arbeitende ehemalige Journalistin Claudia Dantschke aus Berlin. „Dantschke studierte Arabistik an der Universität Leipzig und schloss als Dolmetscherin und Übersetzerin aus demArabischen und Französischen ab. Von 1986 bis 1990 arbeitete sie als Fremdsprachenredakteurin in der arabischen Redaktion der DDR-Nachrichtenagentur ADN.[1] Seit 2002 ist Dantschke Mitarbeiterin des Zentrums Demokratische Kultur“ (Quelle: Wikipedia). Bekannt geworden ist Claudia Dantschke u.a. durch ihre geschätzte Mitarbeit bei AYPA-TV (dazu mein älterer Artikel in der Istanbul PostAYPA-TV). AYPA-TV hat seine Arbeit inzwischen ins Internet verlagert. Claudia Dantschke hat, wie sie gestern informierte, leider keine Zeit mehr journalistisch zu arbeiten.

Ihr gestriger Vortrag stand unter dem Titel „Salafistische und djihadistische Szenen in Deutschland – Anziehungskraft, Rekrutierung, Akteure“.

Zum Hintergrund der vierteiligen Vortragsreihe merkt die Fachhochschule Dortmund an:

„Der Salafismus, eine erzkonservative theologische Auslegung des Islam, die einen eng umgrenzten Korpus an Texten wortgenau in die Tat umsetzen möchte und sich im Spannungsfeld zwischen konservativem Islam und politischem Islamismus bewegt, ist mittlerweile in den deutschen Mainstreamdebatten angekommen. Beim Salafismus handelt sich um eine radikale Gegenposition des gesellschaftlichen Mainstreams, von dessen Attraktivität sich nicht nur muslimische Jugendliche angesprochen fühlen. Salafistische Angebote sind im Internet ohne Probleme zu finden und liefern einfache Antworten auf die komplexen Fragen des Lebens rund um Identität, Religion, Moral und Werte.“

Sprach das Grußwort: Prodekan Prof. Dr. Marcel Hunecke.

Sprach das Grußwort: Prodekan Prof. Dr. Marcel Hunecke.

Das Grußwort am gestrigen Abend sprach Prodekan Prof. Dr. Marcel Hunecke, seines Zeichens Psychologe. Er hob die Wichtigkeit einer interkulturellen Perspektive und Notwendigkeit der Reflexion dessen hervor. Hunecke sprach, eingehend auf einen Artikel in der Zeitschrift „PSYCHOLOGIE HEUTE“, die darin hergestellte Kombination von Sozialarbeit und Salafismus an.

Stellte die Gastreferentin vor: Dekan Prof. Dr. Ahmet Toprak.

Stellte die Gastreferentin vor: Dekan Prof. Dr. Ahmet Toprak.

Dekan Prof. Dr. Ahmet Toprak kennt Claudia Dantschke schon länger. Sie hatte einmal ein Interview mit ihm geführt. Toprak unternahm es die Referentin, welche auch als Publizistin tätig ist, vorzustellen. Ahmet Toprak informierte darüber, dass Dantschke in Berlin die Beratungsstelle „HAYAT“ (Leben) leitet. Toprak nannte die Referentin „eine ausgewiesene Expertin“.

Symbolik, Evolution und grüner Vogel

Evolution bis hin zum grünen Vogel.

Evolution bis hin zum grünen Vogel.

Dantschke sprach zunächst über die Symbolik von Rechtsextremen, die sie benutzen, um bestimmte Verbote zu umgehen (18, 88, oder altgermanische Runen) und darüber, was Rechtsextreme und Salafisten unterscheide. Die Referentin machte das an einem Evolutionsbild deutlich, das beginnend von der Darstellung eines Kleinkindes in einem Symbol in Form eines grünen Vogels des Paradieses gipfelt. Dieses Symbol sei jedoch ein rein islamisches, kein radikales, islamistisches oder djihadistisches. Djihadisten greifen islamische Symbole des Mainstreams auf und füllen diese mir ihren eigenen radikalen Inhalten. Das Vorgängersymbol, die höchste Stufe dieser „Evolution“ zeigt einen Kämpfer mit Waffe. Werde man in diesem Kampf als Mudschahid zum Märtyrer, fliege sozusagen die Seele in Form dieses grünen Vogels ins Paradies. Und zwar auf die höchste Stufe. Des Weiteren sprach Dantschke über die Einteilung des Salafismus und seiner Strömungen. Da gibt es eine puristische, im religiösen Sinne fundamentalistisch zu nennende Szene. Sie hängen der konservativen Islaminterpretation an: „Du musst so leben wie der Prophet Mohammed und die ersten drei Nachfolgegenerationen.“ Diese Menschen seien, so Dantschke, jedoch religiös verpflichtet – lasse man sie ihre Form Religionsausprägung leben – die herrschende Staatsordnung zu achten. Auch wenn diese von ihren Ansichten abweicht. Diese Szene wird nicht vom Verfassungsschutz beobachtet, weil nicht verfassungsfeindlich. Dantschke: „Ich vergleiche das manchmal ein bisschen mit den Amish-People in den USA.“ Die Puristen verträten die Ansicht jede Herrschaft ist besser als Chaos, weshalb diese nicht hinterfragt und hingenommen werde. In der Beratungsarbeit seien die Puristen z.T. wichtige Partner in der Auseinandersetzung mit Jugendlichen, die den Djihadisten folgen und auf dem Absprung zum IS nach Syrien seien. Während in bestimmten arabischen Ländern die Puristen in der Mehrheit seien, geht Dantschke aus eigener Erfahrung davon aus, dass sie hierzulande eine Minderheit bildeten. Zahlen gibt es jedoch keine, denn alle existierenden Zahlen zum salafistischen Milieu stammten ausschließlich von den Sicherheitsorganen, die die Puristen nicht beobachten..

Nicht jeder Salafist ist gleich militant

Der politische Salafismus unterteile sich noch einmal. Die Mehrheit geht missionarisch und ideologisch vor. Gegen die Gesellschaft, gegen Demokratie gerichtet. „Sie wollen aber das Ziel nicht durch Gewalt und Terror erreichen“, sagte Claudia Dantschke, „sondern von unten durch Mission und Überzeugung“. Ein kleinerer Teil des politischen Salafismus sei aber auch in bestimmtem Falle dazu bereit, Gewalt auszuüben. Freilich hüteten sie sich, zum Kampfe aufzurufen, weil dies ja justitiabel wäre. Sie begreifen aber Gewalt als legitim, wenn der Islam und die Muslime angegriffen würden und legen damit die Rechtfertigungsgrundlage für diejenigen, die nicht mehr nur reden, sondern handeln – die Djihadisten. Die Behörden ordnen 7900 Personen der salafistischen Szene zu. Es gibt aber darüber hinaus ein riesiges „Dunkelfeld“, meint Dantschke. Nach eigner Erfahrung schätzt sie das ganz nahe Umfeld auf 10 bis 20 000 Personen. Was aber durch nichts belegt sei. Allerdings sei nicht jeder Salafist gleich militant. Jeder siebte (1100 Personen; davon 420 „Gefährder“) gilt als militant. Die Mehrheit sei jedoch „ideologisch geprägt, antidemokratisch, demokratiefeindlich“.

Wer sozusagen schnell zu den 72 Jungfrauen will, lässt sich auf eine Warteliste setzen“

Nach Syrien ausgereist sind wohl 790 Personen (Multiplikator für die Dunkelzahl 2 – 4) aus Deutschland. Dantschke: „Wahrscheinlich sind 1500 weg. 120 der Ausgereisten sind tot. Mindestens 20 kamen bei Selbstmordanschlägen ums Leben. Rückkehrer soll es 270 geben. Davon 70 mit Kampferfahrung. Man weiß: Viele kommen desillusioniert und traumatisiert zurück. Wer im IS-Gebiet ankommt, weiß Dantschke, kommt erst einmal ins Auffanglager. Es werde abgefragt, welche Fähigkeiten oder Kompetenzen die Kämpferinnen und Kämpfer mitbringen und auch was sie machen möchten. Einer will vielleicht an die Front, der andere zur Polizei. Ein anderer ist womöglich ein guter Manager, der den Staat mit aufbauen will. „Wer sozusagen schnell zu den ‚72 Jungfrauen‘ will, lässt sich auf eine Warteliste setzen“.

Es wird über Emotionen gearbeitet

Verbreitet wird die salafistische Ideologie in sogenannten Islam-Seminaren. Claudia Dantschke spielte einige YouTube-Clips ab, wo Prediger und auch Menschen zu Wort kommen, die über das, was sie in diesen „Islam-Seminaren“ erleben, in den höchsten Tönen schwärmen. Es werde, so kommentierte Dantschke, „hier unheimlich über Emotionen gearbeitet“. Als eine andere Form der Einflussnahme seitens der politischen Salafisten stellte die Referentin die Ansprache auf der Straße vor. Viele Jugendliche, die oft von ihrer Religion wenig bis nichts wissen, sollen auf den „richtigen Weg“ geführt werden. Die wiederum würden dann ihrerseits auf die Straße geschickt, um andere Jugendliche vom vermeintlich falschen Weg abzubringen und zu bekehren.

O Schwester, bedecke dich!“

Zielt diese Art von „Streetwork“ in erster Linie auf männliche Jugendliche, wendet sich die Aktion „O Schwester, bedecke dich!“ explizit an Mädchen. Wir kennen das: Mädchen, für die ihre Identität Muslima sehr wichtig ist, tragen oft ein Kopftuch, unterscheiden sich aber Schulter abwärts in der Kleidung nicht von den anderen Mädchen. Manchmal tragen sie auch Schmuck oder schminken ihr Gesicht. „Für sie ist es wichtig Kopftuch zu tragen“, sagte Claudia Dantschke, „vielleicht ist es auch Familientradition.“ Sie sagten, als gute Muslima muss ich das Kopftuch tragen, „erklären können sie es aber nicht“. Dantschke: „Sie sind oft nicht in ihrer Religion sprechfähig.“ Hier setzen die Salafisten ein. Sie erklären – auch anhand von Bildern – die muslimische Frau muss alle Rundungen verhüllen. Heißt, den Hidschab tragen. Nur Hände, Füße und Gesicht (umstritten) dürfen zu sehen sein. Der Hidschab darf nicht durchsichtig und auch nicht parfümiert sein, nicht am Körper anliegen.

Die Rundungen, Brust, Oberschenkel und Hintern dürfen sich nicht abzeichnen. Also scheidet auch das Tragen von Hosen aus. Die Salafisten fragten dann: „Du willst doch eine gute Muslima sein?“ Und schon hätten sie oft ein Bein in der Tür. Es entsteht für diese Mädchen so etwas wie „eine Mobbingsituation“. Es werde Scham und Schuld impliziert. Aber gleichzeitig haben die Salafisten auch eine Lösung parat. „Komm zu uns, wir zeigen dir wie eine richtige Muslima zu sein hat!“ Manche Mädchen können sich dem entziehen, andere aber nicht.

Bist du Muslim?“

Die arabischen und türkischen Jungs, die auf der Straße angesprochen werden, kriegen die Salafisten schon über die Frage: „Bist du Muslim?“ Sie werden natürlich mit einem Ja antworten, da das „Muslim sein“ ein wichtiger Teil ihrer Identität ist. Doch bei Fragen, wann sie das letzte Mal in der Moschee waren, kommen die, die vielleicht die Fastenzeit gerade mal drei statt dreißig Tage durchgehalten haben, für gewöhnlich schon ins Schleudern. Ein „Einfallstor“, sagte Claudia Dantschke. Auch hier entsteht Schamhaftigkeit und Schuld bei den Jungen. Dann werden Flyer und CDs von Pierre Vogel, Sven Lau oder noch radikaleren Predigern verteilt oder auf eine Jugendgruppe hingewiesen. Und manch ein Junge beißt dann schuldbewusst wegen seiner religiösen Defizite an. In den Jugendlichen, die mit dieser Missionsaufgabe betraut werden, erwächst Stolz, dass ihnen von Erwachsenen Vertrauen entgegengebracht wird. Vielleicht das erste Mal. Und so sind sie sehr engagiert und sehr überzeugend. Dantschke: „Jugendliche, bei denen gerade ein offenes Fenster ist, die unsicher sind und nach Orientierung suchen“, sind besonders empfänglich für derlei missionarische Ansprache der z.T. ebenso alten Salafisten. Es finde eine Art, wie Dantschke es sarkastisch ausdrückte, „salafistische Sozialarbeit“ statt. Es gehe im Selbstverständnis dieser „Sozialarbeiter“ darum, „die Jugendlichen aus dem dekadenten System Demokratie herauszuholen“. Dahinter stehe eine Lesart, die man allerdings nicht allein von den Salafisten, sondern auch von anderen konservativ-religiösen Leuten anderer Religionen hören könne. Eingedenk dessen: Ein mit Moral und Ethik ausgestatteter Mensch werde man erst „durch die Lenkung von Gott“. Die Demokratie sei sozusagen von Übel, „weil der Menschen sich an die Stelle Gottes gesetzt hat“, gab die Referentin zu bedenken. Oftmals sind sogar die Eltern der Jugendlichen – wenn auch nicht begeistert – damit zufrieden. Sollen die Kinder doch beten. Besser als saufen und kiffen! Zu spät bemerken sie oft, wo die Jugendlichen da hinein geraten sind. Die salafistischen Einflüsterer schwören die Jugendlichen geschickt auf die Zeit im Paradies ein. Das Hier und Jetzt sei doch nur eine Zwischenwelt. Und Reichtum ein Scheinvergnügen. Die Belohnung warte im Paradies. Der materielle Reichtum werde gewandelt in eine andere Orientierung und die Hoffnung darauf, was im Paradies kommt. Die Jugendlichen gehen in keine Diskothek mehr, hören keine Musik, treffen sich nicht mit Mädchen. Sie versuchten diesen strengen Weg zu folgen. Claudia Dantschke: „Wenn man sie dann fragt, wie stellst du dir denn das Paradies vor, antworteten sie: da habe ich dann alles, da habe ich Weiber, da kann ich trinken, da kann ich Party machen, da habe ich Highlife …“ Dies sei eine „ganz plakative Vorstellung vom Paradies, über die Mainstream-Muslime gewiss den Kopf schütteln“.

Sehr bedenklich: Das Predigernetzwerk „Die wahre Religion“

Als sehr bedenklich bezeichnete Claudia Dantschke das in NRW ansässige Predigernetzwerk „Die wahre Religion“ um Abou Nagie, Abu Dujana und Abu Abdullah, die in Hinterzimmern und separaten Veranstaltungen Jugendliche ideologisieren und damit radikalisieren. Sie erinnerte an die Ausschreitungen in Solingen und Bonn im Mai 2012. Bekannt wurde das Netzwerk mit der kostenlosen, an sich harmlos daherkommenden und überhaupt nicht radikal anmutenden Verteilung von Koran-Exemplaren innerhalb der Straßenaktion „LIES!“. Gegendemonstrationen mit der Verteilung des Grundgesetzes hält Dantschke für kontraproduktiv. „Damit bestätigt man genau das Narrativ, das die Jugendlichen überhaupt erst mal dorthin geführt hat, nämlich die Verschwörung von Politik, Sicherheitsapparat, staatlichen Lehrern und Medien gegen den Islam und die Muslime.“ Eine Gegenaktion sollte ihrer Meinung nach von sunnitischen Gläubigen kommen, die sich neben den „Lies!“-Stand stellen und Koran-Stellen heraussuchten und laut vorläsen, worin es um das Gemeinsame der Religionen geht. Etwa die Barmherzigkeit von Allah. Damit könnte gegen salafistische Selbsterhöhung angegangen werden und die Religionshardliner unter Umständen verwirren.

Der „Pop-Djihad“

Es hat sich vor diesem Hintergrund ein, wie es Claudia Dantschke zu nennen pflegt „Pop-Djihad“ entwickelt. Auch gezeigt an einem Plakat, das einen Salafisten zeigt, der einem Weihnachtsmann einen Kinnhaken versetzt. Dieser stehe für westliche Kultur, Demokratie, Christentum, für alles Dekadente. Diese Jugendkultur sei eine radikale Subkultur und komme aus Westeuropa, erklärte Dantschke, und sei nicht aus dem Nahen Osten „eingeschleppt worden“. Die Jugendlichen seien hier geboren und sozialisiert worden. Sie haben in irgendeiner Form Frust in ihrem Leben oder emotionale Ausgrenzung erfahren. Erreicht werden könnten heute Jugendliche bis sogar in ein abgelegenes ostdeutsches Dorf. Ganz einfach via Chats im Netz und über die jugendkulturellen Medien. Auch von dort gingen Jugendliche zum IS nach Syrien. Sogar Mädchen.

Vom Outfit her sehen die Jugendlichen gar nicht aus wie klassische Salafisten etwa in Pluderhosen und Kaftan. Zu diesem „Pop-Jihad“ (Quelle: Tagesspiegel) gibt es nämlich auch die passenden hippen Klamotten. Die Gruppen ähneln mit ihrem Outfit eher einer Jugendgang mit Bart. Ungestutzt, wie bei Mohammed. Sweatshirts mit speziellen Symbolen oder Militarylook. Claudia Dantschke projizierte Bilder von T-Shirts. Eines könne man verbieten. Aber nur, weil es dem Verein „Tauhid Deutschland“ zuzuordnen ist und der im März 2015 verboten wurde. „Tauhid“ selbst ist der Begriff für das islamische Verständnis des „Monotheismus“ und wäre als religiöser Begriff nicht angreifbar. Ebenso T-Shirts mit dem Glaubensbekenntnis. Oder das T-Shirt mit dem Shahada-Finger. Claudia Dantschke hält die Erklärung mancher Medien, dies sei das Handzeichen des IS für problematisch. „Zeigefinger der rechten Hand noch oben, heißt nichts anderes als ich bezeuge den Tauhid, dass nur Allah der Souverän ist.“ Die IS-Leute instrumentalisierten wie zuvor Al-Qaida dieses Zeichen, zögen dies zu sich, um für sich in Anspruch zu nehmen, als einzige „den wahren Islam“ zu vertreten. „Ein Handzeichen bei Massenveranstaltungen schafft Gruppenidentität“, so waren es zunächst die Muslimbrüder, die dieses religiöse Handzeichen politisiert haben.

Supermuslim und Supermuslima und der Löwe Osama

Die Kids wüchsen ja mit den ganzen US-amerikanischen Comic-Streifen auf. So wird Superman zum Supermuslim. Auf YouTube fände man hochprofessionell gemachte Supermuslim-Filme, hergestellt von einem Deutsch-Türken.

Für Frauen, die den Hidschab nicht schmücken dürfen, gibt es Handtaschen mit einer neuen Stilisierung von Tauhid, mit einem zum Schwert gemachtem T, oder mit dem Emblem der „Supermuslima“. Juristisch ist das alles nicht zu verbieten. Mit dem Schriftzug „mein kleiner Löwe“ auf einem Babystrampler kommt der Löwe als das Tier der Djihadisten zu Ehren. Das mutet witzig an. „Ist aber gar nicht witzig“, gibt Claudia Dantschke zu bedenken: „Osama bin Laden, Osama übersetzt heißt Löwe.“ Mit dem Bild der Löwin bzw. des Löwen werde sowohl bei Al-Qaida als auch beim IS gearbeitet. Was implizieren diese T-Shirts und Strampler also: „Wir sind die Löwen des Islam.“

Dieser „Pop-Djihad“ sei also überhaupt nichts Harmloses. Es ist nichts anderes „als die mit den Mitteln der Popkultur an die Jugendlichen herangebrachte radikale Ideologie und Menschenverachtung“.

Es gibt charismatische radikale Prediger, die ihre Predigten aufzeichnen und auf YouTube einstellen. „Doch“, fragte Claudia Dantschke in den vollbesetzten Hörsaal hinein, „welcher Jugendliche folgt schon so einer einstündigen Aufzeichnung mit Standbild bis zum Ende?“ Wohingegen kurze rasant geschnittene hippe Videos auf YouTube Jugendliche fesselten. Da ist wieder die Popkultur. Die gleiche radikale Botschaft ist so viel leichter herüberzubringen.

Wenn sich die zum IS Ausgereisten bei den Eltern melden

Mit den zum IS Ausgereisten bestünde Kontakt. Sie melden sich fast alle bei den Eltern oder alten Freunden, die noch nicht ausgereist sind. Sie posteten sogar Fotos. Da würden dann graue Leichen oder welche mit schwarzen Gesichtern gezeigt. Vielleicht sind die Leichen vom Wüstensand grau. Es handelt sich um Leichen der Feinde: Assad-Kämpfer oder Kurden. Kommentiert werden diese Fotos dann so: „Siehst du diese schwarzen Leichen, siehst du von den Sündigen die Gesichter, wie sie schwarz werden.“ Das ist der Beweis für sie, dass diese Toten nun in der Hölle sind. Dem setzen diese Jugendlichen dann andere Bilder gegenüber – Großaufnahmen vom Gesicht der gefallenen Freunde, auf denen vermeintlich ein Lächeln zu sehen ist. „Siehst du das Lächeln in seinem Gesicht? Er hat schon im Tod das Paradies gesehen“. Das exklusive Versprechen sowohl der politischen als auch der djihadistischen Salafisten an die Jugendlichen, ihnen den Einzug ins Paradies und damit ewiges Glück garantieren zu können, wenn diese nur ihrem Weg folgen, während alle anderen auf ewig in der Hölle die schlimmsten Qualen erleiden müssen, ist sehr wirkungsmächtig und soll durch diese nach Deutschland geposteten Bilder untermauert werden.

Gegen Ende ihres Vortrags wies Dantschke darauf hin, dass wir es nicht mit einem „männlichen Problem“ zu tun haben. „Auch für Mädchen ist das Thema sehr attraktiv.“ Und die Referentin warnte: „Faktisch ist keine Familie in Deutschland davor gefeit, dass ihr Kind sich radikalisiert. Wir haben Ausreisen aus der Ganz-Deutschland.“ Gemeinsam hätten diese Jugendlichen, dass sie „religiöse Analphabeten“ seien. Sie erlebten Islam oder Christentum meist nur als Familientradition. Es gäbe ja auch Christen, die nicht erklären könnten was Pfingsten ist. Die Jugendlichen seien auf der Suche nach Erklärungen. Was ist denn eigentlich Islam? Die Prediger sprächen ihre Sprache, auch in Deutsch und nicht über ihre Köpfe hinweg. Sie böten Erklärungen entlang des Lebensalltages der Jugendlichen. Und wenn die Jugendliche das Gefühl bekämen: „Das ist es! Das kann ich nachvollziehen, das kann ich praktizieren, das gibt mir was – dann ist das für diese Jugendliche der wahre Islam.“ Dann hülfe es auch nicht sie zum nächsten Imam zu schleppen, damit der ihm was über „den richtigen Islam“ erzähle. Wenn der Jugendliche emotional getroffen ist, dann ist das für ihn der Islam. In der salafistischen Gemeinde habe er zudem jemanden, der ihn an die Hand nimmt. Und Struktur ins Leben bringt. Allein schon fünf Mal Beten am Tag erfüllt diese Aufgabe. Viele der Jugendliche sehnen sich danach, dass irgendwer sich endlich mal um sie kümmere und ihnen Orientierung gibt. Und mit der salafistischen Ideologie kann man sich von den Eltern abgrenzen. Was ja doch typisch für Jugendliche jedweder Generation war und ist. In der Gruppe erlebt er Gemeinschaft, Akzeptanz unabhängig der Herkunft oder des Reichtums seiner Familie und vermeintliche Gerechtigkeit. Nach dem Motto: Ich bin der wahre Muslim, wer ist mehr?

Was tun?

Gefragt seien behutsame Pädagogik und Sozialarbeit. Hat man es mit einem Schrei nach Aufmerksamkeit, nach Liebe zu tun oder steckt bei Auffälligkeiten mehr dahinter? Herausfinden müssten das in einem ersten Schritt die Sozialarbeiter und die Pädagogen „mit ihrem Handwerkszeug“ – nicht der Staatsschutz, meint Expertin Dantschke.

Ein hochinteressanter, fesselnder Beitrag und kluge Fragen zum Schluss

Ein sehr informativer und vor allem plakativer Vortrag, lobte Dekan Prof. Dr. Mehmet Toprak, sei das gewesen. In der Tat hochinteressant und fesselnd. Lebendig vorgetragene Fakten und Erkenntnisse aus erster Hand machten dieses Referat aus. Anschließend wurden aus dem Publikum heraus nicht wenige interessante und kluge Fragen gestellt, welche Claudia Dantschke kompetent zu beantworten verstand. Wegen sozialer Ausgrenzung, zeigte sich die Referentin überzeugt, radikalisiere sich in Deutschland niemand. „Das sind zwar Push-Faktoren, aber keine Ursachen.“ Sie gab noch einmal ausdrücklich zu verstehen, dass sie an diesem Abend nicht vom Islam sondern ausschließlich vom politischen Salafismus und Djihadismus gesprochen habe. Wir hätten hier vier Millionen Muslime und massenhaft islamische Einrichtungen. Der Islam könne in einer Demokratie kompatiblen Form kennengelernt werden. Der Punkt sei nur, dass viele der Einrichtungen noch auf Arabisch oder Türkische predigten und statt die Jugendlichen anzusprechen sich vielleicht nur um den Bau der nächsten Moschee kümmerten. Was sie in den Schaubildern grün oder rot (gewaltlos/gewalttätig) gekennzeichnet habe, sei ähnlich im Rechtsextremismus. Müsse man sich nur mit dem NSU oder auch mit der NPD auseinandersetzen? Die NPD sei nicht gewalttätig. „Ihre Ideologie ist aber die Basis auf der bestimmte Leute gewalttätig sind.“

Die politisch-missionarischen Salafisten seien auch nicht gewalttätig. Aber die Ideologie, ihr Fundamentalismus kann von anderen Gruppen in Gewalt umgesetzt werden. „Politischer Salafismus ist eine der Ideologien der Ungleichwertigkeit“, meinte Dantschke.

Wo setzt Beratung an?

Im sozialen Umfeld wird angesetzt. Bei den individuellen Ursachen. Angesprochen auf die Rolle der Medien und ihre Darstellung des Islam äußerte sich die Referentin hoffnungsvoll. Auch betreffs der Meinungsfreiheit und Vielfalt. Trotz „bescheuerter Medien“ und „plakativer Talkshows, die quasi alles kaputtmachen, was wir vorher an Verständnis aufgebaut haben“.

Wie Dekan Toprak informierte, wird Claudia Dantschke in der nächsten Sendung von „Hart aber Fair“ zu sehen sein. Allerdings, so schränkte die Referentin ein, nur für fünf Minuten.

Warum deutsche Jugendliche in den Dschihad ziehen – Lamya Kaddor: Es geht uns alle an

Referierte zum Thema in Dortmund: Lamya Kaddor; Fotos (3): C.-D. Stille

Referierte zum Thema in Dortmund: Lamya Kaddor; Fotos (3): C.-D. Stille

Lamya Kaddor ist  eine Tochter syrischer Einwanderer. Sie stammt aus Ahlen (Westfalen). An der Universität Münster bildete die Islam- und Erziehungswissenschaftlerin islamische Religionslehrer aus. Gefragt ist Kaddor als Beraterin von Politikern und Multiplikatoren. Zum Thema Islam wird sie des Öfteren in Talkshows, wie kürzlich wieder in die Phoenix-Runde, eingeladen.

Lamya Kaddor ist 1. Vorsitzende des Liberal-Islamischen Bundes, der für eine zeitgemäße Auslegung religiöser Schriften wie des Koran steht, ein pluralistisches Weltbild vertritt und für umfassende Geschlechtergerechtigkeit eintritt. An der Universität Münster bildete Lamya Kaddor islamische Religionslehrer aus. An einer Schule in Dinslaken unterrichtet sie das Fach Islamkunde.

Es geht uns alle an … Warum deutsche Jugendliche in den Dschihad ziehen?!

200 interessierte Bürgerinnen und Bürger wollten den Vortrag von Lamya Kaddor hören.

200 interessierte Bürgerinnen und Bürger wollten den Vortrag von Lamya Kaddor hören.

Am vergangenen Dienstag hat Lamya Kaddor unter dem Titel „Es geht uns alle an – warum Jugendliche zu Dschihadisten werden können?“ einen Vortrag in Dortmund gehalten. Wegen der großen Nachfrage wurde dieser vom Veranstalter, dem Interkulturellen Zentrum (IKUZ) der Arbeiterwohlfahrt (Veranstaltungspartner war das Jugendamt der Stadt Dortmund) in das Türkische Bildungszentrum verlegt. 200 interessierte Bürgerinnen und Bürger waren zu dem Vortrag gekommen. Stefan Laurin vom Internetblog „Ruhrbarone” moderierte die Veranstaltung. Während der Veranstaltung waren zwei Polizeibeamte anwesend. Traurige Notwendigkeit: Allein an diesem Dienstag hatte Lamya Kaddor 30 Hassmails übelsten Inhalts bekommen. Auch Morddrohungen sind keine Seltenheit.

Lamya Kaddors Vortrag wird dann von der Überschrift, „Es geht uns alle an … Warum deutsche Jugendliche in den Dschihad ziehen?!“, ihres in Dortmund gehaltenen Vortrags her noch etwas konkreter, respektive realistischer. Schließlich sind nicht wenige der bisher in den Dschihad abgedrifteten Jugendliche Deutsche. So oder so. In der Tat: Es geht uns alle an! Weil es unsere Jugendliche sind. Deshalb ist die deutsche Gesellschaft in der Pflicht. Wie sagte doch der Vertreter des Dortmunder Jugendamtes an diesen hochinteressantem Abend: „Wir dürfen kein Kind, keinen Jugendlichen zurücklassen.“

Begeistert von Abu Hamza

Nach 9/11, sagte Lamya Kaddor, habe sie sich „den religionspädagogischen Herausforderunen gestellt.“ In den Jahren 2005/2006 „ging es dann mit Anfängen des Salafismus in Deutschland los“. Und der habe vor Dinslaken kein Halt gemacht. 2006 sei Pierre Vogel („Abu Hamza“) in Dinslaken zu Besuch gewesen. An der größten Moschee eines Stadtteils habe er einen Vortrag gehalten. Am nächsten Tag waren Jugendliche „völlig begeistert“ zu ihrer Lehrerin Lamya Kaddor gekommen. Weil der „so gut Arabisch“ gekonnt „und so gut Deutsch wie wir auch“ gesprochen. Die Jugendlichen hätten Vogel toll gefunden. Aber so richtig warum sie das taten, konnten hatten sie nicht sagen können.

Kaddor habe dann gefragt, was Herr Vogel ihnen denn erzählt habe. Sie anworteten: „Disko haram, Alkohol haram …“ (haram: Sünde). Schon eine Woche später aber seien alle wieder in die Disko „und haben auch alle wieder getrunken“. Kaddor: „In dem Falle Gott sei Dank, muss man sagen.“

Dann wird es ernster: „Sie wissen, dass aus Dinslaken 25 junge Menschen nach Syrien gegangen sind.“ Von denen seien fünf ihrer ehemaligen Schüler (aus unterschiedlichen Jahrgängen und verschiedenen Klassen) dorthin gegangen. Sie waren für eine Woche dort. Der jüngste 18, der Älteste 23 Jahre jung. Hintereinander waren sie Schüler der Religionskurse von Lamya Kaddor.

Damit sei sie selbst doppelt betroffen: „Denn meine Eltern sind Syrer.“

Von dort höre sie schon seit Langem Schreckensmeldungen. Und ISIS (heute IS, der sogenannte Islamische Staat) wüte in Syrien schon länger.

Bevor das bei uns in den Medien war.

Wichtig ist es zu differenzieren

Warum sie so lang aushole, erklärt Kaddor so: „Weil es sehr wichtig ist, dass wir alle differenzieren.“ Islam sei nicht gleich Islamismus. Wir müssen endlich begreifen, „dass nicht jeder Muslim ein potentieller Salafist sein könnte“.

Wir sollten demnach auch nicht immer Die Muslime sagen. Oft seien in den Dschihad gegangene Jugendliche gar keine Muslime gewesen, aber anfällig für den Salafismus geworden.

Was sind Salafisten?

Woher kommt überhaupt der Begriff „Salafisten“ oder „Salafiten“. „Salafiya ist das arabische Wort dafür – as salaf steht für die Vorfahren, für die Ahnen oder Altvorderen.“

Es bezeichne die drei Nachfahren, die nach Mohammeds Tod lebten „und den Islam entsprechend vorlebten“. Sie gelten als „rechtgeleitet als vorbildlich“. Was längst nicht alle Muslime so sähen. Die meisten hätten sich „mit dem technischen Fortschritt“ entwickelt. Der Salafismus sei „eine Strömung des Islamismus.“

Der „Muslim ist der Normalgläubige“. (Muslim bedeutet Gott ergeben.) Strebten Muslime nach einem islamischen Staat“, so Kaddor, dann dürfe man diese „Islamisten nennen“. Heiße „Islamisten sind die Muslime, die politische Ziele haben“.

Wiederum müsse man die noch „gewaltbereite und nicht gewaltbereite Islamisten“ unterscheiden. Die nicht gewaltbereiten Islamisten, „die sind eigentlich kein Problem“. Es sind „die klassisch fundamentalistischen Gläubigen, wie sie es im Judentum (die Orthodoxen) oder bei den evangelikalen Christen“ gebe.

Die Islamisten würden vielleicht höchstens davon träumen, „dass irgendwann mal auf der Welt ein Kalifat entsteht“. Die aber „nichts aktiv“ dafür täten, meint Lamya Kaddor.

In einer Demokratie müsse „man diese Menschen mit ihrer Position tolerieren“.

Wenn Islamisten gewaltbereit sind, wird es gefährlich

Problematisch, merkt Kaddor an, werde es erst, wenn Islamisten gewaltbereit sind. Einige Salafisten seien eben bereit, etwa nach Syrien in den Dschihad zu ziehen. Wenn sie von Salafisten spreche, meine sie nicht die „Puristen – die sind harmlos“.

20141118_181602Die Referentin:

„Jeder darf in Deutschland glauben, was er will.“

Zwei Vertreter des Salafismus nannte Kaddor: Pierre Vogel und den sogenannten „Kalif von Köln“ (Metin Kaplan wurde vor Jahren in die Türkei abgeschoben).

Salafisten, konkretisierte Kaddor, könne man als „ultraorthodox“ oder „extrem orthodox“ bezeichnen.

Gläubigkeit im Islam sei wichtig, sie dürfe aber nicht in ein „Mönchtum“ abgleiten.

Die Salafisten richteten sich nach allem was Mohammed tat aus. Der Koran jedoch sei sehr offen gehalten, sodass er „gar nicht so konkret ist“, wie man gemeinhin immer meine. „Puristischer Salafismus belästigt niemand anderes damit, „politischer Salafismus“ sei Leuten wie Pierre Vogel zuzuordnen. Der Übergang zum gewaltbereiten Islam „ist Grunde genommen fließend“, sagte Kaddor. Allerdings man sage: „Jeder Salafist hat Kontakt zur dschihadistischen Szene. Aber nicht jeder Salafist ist ein Dschihadist.“

Etwa 900 Salafisten gelten in Deutschland als gefährlich

Schätzungsweise lebten derzeit in Deutschland 6000 Salafisten und 900 davon mit dschihadistisch-terroristischem Ziel. Wohl 400 deutsche Männern mit paramilitärischer Ausbildung seien im Moment im Ausland. Die Dunkelziffer: 1000 Personen. Für Salafisten gilt:

Zum Koran

Befolgen von Koran und Sunna nach dem Verständnis der Vorfahren der muslimischen Gemeinschaft. Im Arabischen reimt sich das blumig.

Der Koran, doziert Kaddor kurz betreffs des Anspruchs wie Muslime den das heilige Buch verstehen:

„Der Koran ist das Buch schlechthin in seiner Gesamtheit, reiner arabischer Sprache. (…) Er duldet weder Umformungen noch Zusätze, noch Weglassungen. Es ist das Buch über den kein Zweifel zulässig ist.“

Betreffs des Hauptgebets der Muslime wies Lamya Kaddor auf „gewisse Ähnlichkeiten mit dem Vaterunser“ hin.

Der Koran sei eben nicht in jeder Sache „total eindeutig“, wie nicht nur Salafisten glaubten. Die Muslime stritten nicht selten welches im Koran die eindeutigen und welche die mehrdeutigen Verse seien. Ein Beispiel brachte die Referentin mit Vers 33; Sure 59 : „Sage den gläubigen Frauen, sie mögen einen Teil ihres Überhangs über sich ziehen, auf die sie sie erkannt werden und es ihnen besser ergeht“. Eindeutig genug? Die meisten Theologen sagten, das sei der Vers, der das Kopftuch gebietet. Andere Theologen sähen das nicht so eindeutig. Liberale Muslime, fragten eher: Ist denn das, was Gott damals sagte eins zu eins ins Heute zu übertragen? Heißt: Wir müssen den Koran im Kontext der Zeit seines Entstehens betrachten.

Als eindeutig und zeitlos könne gelten, wenn im Koran stünde „Du sollst nicht töten.“ Oder „Du sollst deine Eltern ehren“.

Und ja, so Lamya Kaddor, es stünde im Koran auch: „Ihr sollt sie töten, wo immer sie ihr findet.“ Was aber nicht zeitlos zu verstehen sei. Auch in der Bibel wäre Ähnliches zu finden. Gewalt sei im Islam nur unter ganz bestimmten Umständen erlaubt. In einem bestimmten Umfeld. In einer bestimmten Situation, der gleichen Situation aus der Zeit der Entstehung des Korans entsprechend ist.

Mohammed wird zweimal von Gott gerügt im Koran

Und wer hätte es für möglich gehalten: Im Koran wird gar Vorbild Mohammed zweimal von Gott getadelt! Für sein persönliches Verhalten als Mensch. Er hatte einen Bettler weggeschickt, weil er ein Treffen mit Wohlhabenden wichtiger fand.

Unter Muslimen würden die von Gott dem Propheten mitgeteilten Aussagen(Hadith) in „sehr wahrscheinlich gesagte, wahrscheinlich gesagte und unwahrscheinlich gesagte. Einhunderttausend werden als „sehr wahrscheinlich gesagte Aussagen“ klassifiziert.

Was Viele wiederum verwundert dürfte: Auch das fünfmalige Gebet tun Gläubige nicht, weil es im Koran steht – „Der Koran erwähnt dreimal.“ – sondern der Prophet.

Die Scharia

Und dann ein sensibles Thema: die Scharia. Fast jeder dürfte dabei sofort an Strafen wie das Fingerabhacken denken.

Die Scharia, erklärte Kaddor, sei nicht das islamische Gesetz. Sondern vielmehr ein „Sammelbegriff, was Gott, was Mohammed, was Theologen als islamisches Recht verstanden haben“. „Scharia heißt wörtlich der Weg zu Quelle, zur Wasserquelle, zur Tränke.“ Dabei müsse man an das damalige Wüstenklima denken. Es habe unterschiedliche Quellen gegeben. „Die Scharia schlechthin gibt es nicht.“

Sie kann unterschiedlich ausgelegt werden. Es gibt nach Kaddor die Möglichkeit die Scharia liberal oder dogmatisch auszulegen. Weshalb ihrer Meinung nach auch Scharia auch mit der Demokratie vereinbar sei. Nur eben „eine bestimmte Auslegung der Scharia“ nicht.

Vier wichtige Instanzen wie fromme Muslime Fragen oder Probleme lösen:

 

  1. Rechtsquelle des Koran: Göttliche Offenbarung
  2. Rechtsquelle: Von der Sunna über die Hadithen des Propheten überliefert
  3. Rechtsquelle: Oyia (Analogieschluss)
  4. Rechtsquelle: Übereinstimmung

An einem Problembeispiel machte es Lamy Kaddor fest: Manchmal kämen muslimische Mädchen (oder auch erwachsene Frauen) in der Schule zu ihr und fragten: „Frau Kaddor, dürfen wir uns die Fingernägel lackieren?“ Der Koran schreibt rituelle Reinigungen vor. Jede Körperstelle müsse vom Wasser benetzt werden. Erst dann darf das heiliger Buch berührt und gebetet werden. Wie ist das bei lackierten Fingernägeln? Kaddor: „Im Koran steht natürlich kein Wort über lackierte Fingernägel.“ Heiterkeit im Saal. Auch Mohammed sagte dazu freilich nichts. Hier könnte der Analogieschluss angewendet werden: „Hat Mohammed irgendetwas dazu gesagt? Oder der Koran? Wenn da steht, das Wasser muss den ganzen Körper benetzen, dann könnten sie sagen, Nagellack ist verboten. Andere Theologen sagten, dass ist nicht verboten. Man kann es schon machen, weil es absurd ist von der Nagelhaut zu sprechen. Wieder andere sagten: erst waschen, dann den Nagellack auftragen. Die nächste Meinung: Waschen, Nagellack auftragen, vor der nächsten Waschung Nagellack abmachen. Kaddor: „In der Regel ist da die Ration ausschlaggebend.“ Dann gibt es noch die Übereinstimmung. Die Gelehrtenmeinung. Drei Leute könnten dann drei unterschiedliche Meinungen haben. „Dann nimmt man sich halt die Meinung, die einen selbst am Besten passt.“

Autorität wie der Papst gewünscht

Es sei aber eben auch ein Problem, dass es im Islam keine Autorität wie einen Papst gibt, der verbindlich sage, was genau zu tun sei. Deshalb sehnten sich Muslime auch nach einem Papst.

Der Islam ist nicht gleich. Bräuche

Dann wiederum kam Lamya Kaddor noch auf Bräuche zu sprechen. Die richteten sich nach Koran und Sunna, was jedoch irgendwelche Theologen sagten, ist nicht relevant für sie. Im Jemen etwa werde seit jeher das berauschende Kath gekaut. Im Korn steht, alles was berauscht ist verboten. Also somit auch Kath. Die Jeminiten behalten ihren Brauch bei, weil sie sagten: Im Koran steht nichts direkt zu Kath. Und der Prophet hat auch nichts dazu gesagt. Wir bleiben dabei.

Die Menschenfänger senden einfache Botschaften

Nun zu den Salafisten: Sie sendeten einfache Botschaften aus. Man müsse sich nur an die religiösen Geboten halten. „Diese einfachen Rezepte sprechen viele Jugendliche an.“ Viele Jugendlichen seien verunsichert: „Die Eltern sagten so, der Hodscha so und Sie, Frau Kaddor so und so.“

Sie antworte dann: „Tut, was ihr für richtig haltet.“ Doch die Jugendlichen sehnten sich nach jemanden der sagt, wie es gemacht werde.

Kaddor stellt fest: Vielen Mensch fehle einfach eine Orientierung im Leben. Sie seien von den Möglichkeiten, die ihnen eine offene Gesellschaft bietet, überfordert.

Der Salafismus vermittle ihnen das Gefühl wichtig zu sein, Respekt zu genießen und Macht zu erlangen. Sie bekämen im Dschihad das Gefühl „über einer moralisch verkommenen Welt zu stehen“. Ähnlich wie „beim Nationalsozialismus funktioniert das ganz gut durch Abgrenzung: Feindschema. Die Guten und die Bösen“.

Ihre Schüler würden „systematisch diskriminiert“. In bestimmten Stadtteilen des Ruhrgebiets erführen sie „strukturelle Gewalt“. Sie bekämen nicht die gleichen Ausbildungschancen. Sie hätten nicht die gleichen Bildungsvoraussetzungen. „Sie haben häufig auch sehr zerrüttete Familienverhältnisse.“ Was sie anfällig mache, den Islamisten auf den Leim zu kriechen. Wobei, schränkt Lamya Kaddor ein, dass nicht nur mit Bildungsdefiziten zu tun hat: Auch Akademiker gingen nach Syrien. Die Islam- und Erziehungswissenschaftlerin vermutet, diejenigen welche ganz gut im Glauben stehen, sei viel weniger anfällig für die Salafisten. Sie könnten sich besser dagegen wehren.

Selten Widerspruch von Muslimen

Kaddor: „Hätte mir jemand vor zehn Jahren oder vor zwanzig Jahren erklärt, die Welt ist nun in ungläubig und gläubig und Freund und Feind und Gut und Böse eingeteilt, ich hätte dem den Vogel (sie lachte, auf Pierre Vogel anspielend: „Bei dem passt es sogar!“) gezeigt.

Ein Problem sieht Lamya Kaddor auch bei erwachsenen Gläubigen in der Moschee betreffs deren Autoritätshörigkeit. Freilich hörten sie manches Mal schon, dass ihnen da zuweilen etwa „ den Antisemitismus befeuern“ wolle und hielten so manches für verkehrt. Allerdings stünde selten jemand auf, um den Imam zur Rede zu stellen.

Erfahrungen mit Diskriminierungen

Jugendliche mit ausländischen Wurzeln machten im Alltag Erfahrungen mit Diskriminierungen. „Das können direkte Erlebnisse schon im Kindergarten sein“. Oder indirekte Erlebnisse sein, „die sie entweder im direkten Umfeld machen, wenn Eltern oder Verwandte diskriminiert werden beziehungsweise fühlen.“ Oder die sie durch öffentliche Diskussionen – etwa betreffs der Sarrazin-Äußerungen – machen mussten.

Kaddor macht es aus eigenem Erleben fest. Manchmal denke sie, will ich wirklich alt werden in einem Land, wo mit nach wie vor ein Fremdkörper bist? Was soll denn da erst in einem 17-Jähriger, pubertierender gewaltbereiter Mann fühlen? Was Kaddor nicht als Entschuldigung verstanden wissen möchte.

Fehlende Aufmerksamkeit

Gefährdete Personengruppen sind Jugendliche mit fehlender Vaterrolle und fehlender Aufmerksamkeit. Sie könnten ein Abgleiten in den Radikalismus befördern. Jedoch seien auch Jugendlich in Gefahr, die in einwandfreien Familienverhältnissen leben. „Man muss auf den Einzelnen gucken. Kann es nicht verallgemeinern oder pauschalisieren.“ Auch gebe es „so eine Art Dschihadromantik“. Für mache sei das ein neuer Jugendkult geworden. Auch für eine Sache einzustehen, mache junge Leute anfällig für den Dschihad. Natürlich spiele auch „die Wut über soziale Missstände im eignen Land“ eine Rolle.

Ebenfalls seien materielle Versprechungen verlockend: Der sogenannte Islamische Staat zahlt einen guten Sold. Wärme, Halt spielten eine Rolle. Viel seltener religiöse Motive. Zum ersten Mal in ihrem Leben erführen sie, dass der Islam positiv angenommen wird. Ihr ganzes Umfeld nehme ja den Islam eher negativ, eher ablehnend wahr.

Kaddor: „Wie oft ich das schon von meinen Lehrerkollegen gehört habe: ‚Ihr mit eurem Gott, mit eurem Allah!‘ Das sagen gebildete Kollegen, nebenbei bemerkt!“

Salafismus als eine Art Subkultur

Junge Leute wollten und wollen immer schon aufbegehren. Wohin sollten sie gehen? „Die Punkszene ist nicht mehr ganz so in. Es wäre ja auch viel zu auffällig, wenn ein Muslim plötzlich Punk wird.“

Welche Jugendprotestbewegung käme also für junge Muslime in Betracht? „Es gibt nur den Salafismus im Moment.“

Fast sei der so etwas wie eine Marktlücke. Der Salafismus sei eine Art Subkultur geworden. Auch von den Klamotten, die sie trügen, her.

Lamya Kaddor ist der Überzeugung, dass man viel mehr Geld in die Jugendsozialarbeit stecken müsse.

Um viel mehr Angeboten für diese jungen Menschen zu machen. „Um sie da abzuholen, wo sie sind.“

Wir müssen überlegen, wie wir sie ansprechen. Um zu verhindern, dass die von Menschenfängern wie den Salafisten angesprochen werden.

„Im Prinzip ist jeder Jugendliche gefährdet.“ Deshalb spreche sie auch stets von deutschen Jugendliche. „Zehn Prozent der Salafisten sind deutscher Herkunft. Oder Herkunftsdeutsche.“

Lamya Kaddor: sympathisch und tough in der Sache

Ein sehr interessanter und für viele der an diesem Abend Anwesenden gewiss auch über das vorhandene Maß an bereits Bekanntem über die behandelte Thematik hinaus gehende, überaus erhellender Vortrag von Lamya Kaddor. Die Islam- und Erziehungswissenschaftlerin ging bildungsgestärkt und aus persönlicher Erfahrungen tief schöpfend erfrischend, sympathisch, humorvoll und wo es ihr notwendig schien auch tough und mit ein gerüttelt Maß an nötigen Selbstbewusstsein in der Sache zu Werke. Moderator Stefan Laurin und die Referentin rieben sich am Anfang und am Ende des Vortrags ein wenig aneinander. Leichte Funken sprühten. Die Referentin war zu gut, der Moderator vielleicht nicht so gut vorbereitet. Beziehungsweise rührte das „Reiben“ aus fehlender Abstimmung. Nichts schlimm. Man spürte, dass Lamya Kaddor zuweilen mancher Zumutung ausgesetzt ist. Da geht man dann bei ewiger Wiederholung irgendwann auf Abwehr. Alles andere ist ungesund.

Die Gesellschaft hat an den auftretenden Problemen einen Anteil

In der sich dem Vortrag anschließenden durchaus sachlich geführten Diskussion wies Lamya Kaddor darauf hin, dass „auch wir als Gesellschaft“ an den auftretenden Problemen einen Anteil haben. Wir täten oft noch etwas dazu, dass die problematisierten Gruppen noch mehr marginalisiert würden. Und diese mehr an den Rand der Gesellschaft drängen. Wir sagten: „Guck mal, die Türken, guck mal die Ausländer. Selbst ich werde als Migrantin bezeichnet! Im besten Fall. Im schlimmsten oder besten Fall als Muslimin.“ Auch die Medien brächten es nicht fertig, das Konstrukt „eines deutschen Muslims“ einzuführen. Junge Menschen wollten das nicht. Sie fänden keinen Platz für sich. Menschenfänger griffen so etwas auf und benutzten das für ihre dunklen Zwecke. Lamya Kaddor, „quasi als Berufsmuslim“ könnte eher mit abgrenzenden Bemerkungen umgehen. Ständig würde gefordert, Muslime müsse sich davon und davon abgrenzen. „Wieso eigentlich? Warum vom IS? Als wenn das nicht selbstverständlich wäre!“ Der Erwartungsdruck auf Muslime sei zu hoch im Moment.

Keinen zurücklassen

Fazit: Die Gesellschaft insgesamt ist gefragt. Was auch hieße, zu sagen: wir stehen zu euch „normalen“ friedlichen Muslimen. Des Weiteren wäre es empfehlenswert im Alltag auf die Sprache unserer Mitmenschen zu achten. Wenn mal wieder – ungeachtet der Tatsache wie lange eine Mensch schon hier lebe beziehungsweise gar hier geboren sein – immer wieder von „dem Türken“, „dem Araber“ und so weiter geredet werde.

Es stimmt schon: Etwas erweitert wie es eingangs schon der Herr vom Jugendamt sagte, wir müssen eine Gesellschaft gestalten, die keinen zurücklässt, Junge nicht und Alte nicht:  Niemanden.