Rezension: „Wenn man weiß, wo der Verstand ist, hat der Tag Struktur“. Hilfreiche „Anleitung zum Selberdenken in verrückten Zeiten“

Unsere Zeit ist verdammt schnelllebig und unübersichtlich. Ja, verrückt und bisweilen geradezu irre erscheint uns vieles, was uns gegenübertritt. Vor allem vonseiten der Politik und erst recht über die Medien. Wie da noch durchblicken? Was kann man glauben – was nicht? Nicht wenige Mitmenschen versuchen einfach ihr Leben zu leben; sagen man könne doch sowieso nichts ändern. Und merken dabei nicht, dass entschieden in ihr Leben – letztlich zu ihrem Nachteil – eingegriffen wird. An den uns übermittelten Informationen können wir uns immer weniger orientieren. Nicht einmal auf die Tagesschau (man lese nach in „Die Macht um acht“ – von Gellermann, Klinkhammer, Bräutigam) ist noch in Gänze Verlass.

Wie also der Misere begegnen? Einfach geschehen lassen, aufgeben und uns in uns in diversen Nischen einigeln?

Verstand? Da war doch mal was!

Ausgerechnet ein theoretischer Physiker, Jurist und in der kognitiven Psychologie promovierter Autor springt uns in höchster Not bei. Er rät uns „unseren Verstand zu rüsten: Interessen hinter einer Information zu erkennen; skeptisch sein wenn sie Unerfreuliches rechtfertigt; sich bewusst machen, dass die eigene Interpretation von persönlichen Erwartungen und denen unserer Umgebung abhängig ist“.

Verstand? Da war doch mal was! Genau, der Königsberger! Immanuel Kant:

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“

Und auch diese Anmerkung Immanuel Kants können wir uns heute an den Spiegel heften, um sie alltäglich zu verinnerlichen und vor allem! zu leben:

„Vor nichts sollten wir uns mehr in Acht nehmen als davor, wie Schafe der Herde hinterher zu trotten und dabei nicht die Richtung einzuschlagen, in die man gehen müßte, sondern die, in die man geht.“ (mehr dazu auf 3sat-Kulturzeit)

Den Verstand wieder gründlich gebrauchen

„Fangen wir an“, notierte Dr. Alexander Unzicker, „den Verstand wieder gründlich zu gebrauchen!“ und fährt fort: „Wir sind es unserer Art, die sich auf diesem wundersamen Planeten im Universum entwickelt hat, schuldig.“ Unzickers soeben im Westend Verlag erschienes Buch trägt den Titel „Wenn man weiß, wo der Verstand ist, hat der Tag Struktur. Anleitung zum Selberdenken in verrückten Zeiten“

Ist der Homo sapiens, die sogenannte Krone der Schöpfung noch recht bei Trost?, fragte sich Alexander Unzicker

Was Unzicker, ein Naturwissenschaftler, bewog, „ein Buch mit weitgehend politischen Inhalt“ (S. 8) zu schreiben, erklärt er u.a. anhand des Falles Skripal, der 2018 wochenlang die Berichterstattung dominierte und eine internationale diplomatische Krise zur Folge gehabt hatte.

Unzicker hatte sich gefragt, „ob die sogenannte Krone der Schöpfung, Homo sapiens, im Moment noch recht bei Trost ist“. „Ohne Klärung der näheren Umstände“ sei dies als „erster Einsatz von Massenvernichtungswaffen auf europäischen Boden seit dem Zweiten Weltkrieg“ bezeichnet worden (S.7).

„Meldungen wie diese lassen am Verstand der Menschheit zweifeln.“, so Unzicker. Und gibt zu Bedenken: „Der obige Vergleich ist nicht nur angesichts der 65 Millionen Toten jenes Krieges unpassend, sondern auch deswegen absurd, weil es gleichzeitig keine Debatte darüber gibt, dass die Menschheit über ungefähr fünfzehntausend Sprengköpfe von Atom- und Wasserstoffbomben verfügt, welche im Prinzip jeden Tag zum Einsatz kommen können – durch verbrecherisches Handeln oder auch einen dummen Zufall. Dies würde nicht nur dem ein Ende setzen, was wir seit Jahrtausenden als Kultur des Humanismus ansehen, sondern möglicherweise unsere ganze Art auf der Erde auslöschen – wobei man in diesem Fall die Bezeichnung ‚Homo sapiens‘, verständiger Mensch, hinterfragen muss: Die Mensch verhält sich offenbar irrational“ (S.7/8)

Gegliedert ist das Buch in drei Teile:

Sehen“ befasst sich mit „Aufnahme von Informationen, die schon mit Schwierigkeiten verbunden ist“ (S.10) Denn Menge und Auswahl sei nicht nur problematisch, „sondern auch die Überprüfung der Richtigkeit“. „Verzerrungen unter einem bestimmten Narrativ“ seien „heute nicht selten“. Unzicker konstatiert „auch bestimmte Arten von Unterdrückung, die man als Anfänge einer Zensur bezeichnen kann“.

Denken beschäftigt sich mit der Verarbeitung der Information. Entgegen unserem Selbstbild als rationale Wesen müssen wir uns dabei zahlreicher kognitiver Illusionen bewusst werden, die unser Urteil beeinträchtigen und uns manipulierbar machen. Ein rationales Weltbild kann dagegen nur auf logischen Erwägungen und Evidenz basieren.“ (S.10/11)

Handeln“ wirft Fragen auf, wozu wir überhaupt Information aufgenommen haben. Handlungsfähigkeit erfordert eine Beschränkung dieses Konsums, um sich auf die wichtigsten Werte zu konzentrieren, die die Zivilisation erhalten muss: Recht, Frieden, Freiheit. Nur die Verteidigung dieser Werte und ein Fortschritt des Wissens eröffnen die Perspektive, die kosmologisch irrelevante Zeitspanne unserer Existenz signifikant zu verlängern.“

Einen kräftigen Filter installieren, „bevor wir unsere Überzeugungen und unser Bild der Realität formen“

Wenn in unserer momentan „ziemlich verrückten Welt“ zunehmend „mehr Informationen“ immer unzuverlässiger würden, werde es unverzichtbar, „einen kräftigen Filter“ zu „installieren“ (…), „bevor wir unsere Überzeugungen und unser Bild der Realität formen“.

Unaufgeregt wird im Buch erklärt wie wir mit der Flut von täglich Informationen umgehen können, ohne, dass wir dabei verzweifeln und einer Überreizung erliegen. Dazu gehöre freilich, dass wir unweigerlich eine Auswahl der Informationen treffen müssen. Zum besseren Verständnis gibt uns der Autor zur Kenntnis was dabei jeweils in unserem Gehirn geschieht.

Alexander Unzicker auf Seite 27:

„In gewisser Weise spiegelt aber die Auswahl der Nachrichten auch einen Fehler wider, den wir bei der Organisation unseres Alltagslebens selbst oft begehen: Wir stellen das Dringliche vor das Wichtige. Es ist klar, dass Dinge, die sowohl wichtig als auch dringlich sind, sofort erledigt werden müssen. Umgekehrt können Dinge, die weder wichtig noch dringend sind, meist direkt in den Papierkorb“, was der der Zeit-Experte Lothar Seiwert in seinem 1×1 des Zeitmanagements empfehle.

Wahrhaft kritischer Journalismus findet in den Massenmedien heute nicht mehr statt.“

Der Autor greift auch auf, was kritische MedienrezipientInnen unter den LeserInnen dieses Textes gewiss ebenfalls bereits selbst aufgefallen ist und beklagt worden sein dürfte: „Wahrhaft kritischer Journalismus findet in den Massenmedien heute nicht mehr statt.“ (S. 28) Im Kapitel „Die Lückenpresse“, dass auf das Buch von Ulrich Teusch „Lückenpresse“ anspielt, das auf blinde Flecken in der Berichterstattung aufmerksam macht, welche Teusch als „Messen mit zweierlei Maß“ bezeichnete, wirft Unzicker wichtige Fragen auf. Zum Beispiel die, warum im Falle Skripal etwa „die detailliertesten Informationen“ auf dem Blog des früheren britischen Botschafters in Usbekistan, Craig Murray, zu finden sind, jedoch unseren Mainstream-Medien aber überhaupt keine Rolle spielen.

Ebenso fragt sich Unzicker, warum der weltbekannte Enthüllungsjournalist Seymour Hersch seine Recherche über den Giftgasangriff 2013 von Ghuta (Syrien), „die an der Urheberschaft Assads zweifeln lässt, in einer Literaturzeitschrift (!) veröffentlichen musste?“

Keinen Deut weniger interessant ist das Kapitel „Die Profi-Auswähler oder wie man mit Fakten lügen kann“ (ab S. 29), worin es darum geht, wenn die Nachrichtenauswahl „nach der politischen Opportunität geht“, was „zu den journalistischen Todsünden“ gehöre.

Das Buch ist voll mit konkreten Beispielen, an die wir LeserInnen uns erinnern werden.

Behutsam bereitet uns der Autor darauf vor, wie wir unseren Verstand, der uns ab zu auch Streiche spielen kann, schärfen können:

„Tag für Tag werden wir mit unvollständigen und teils widersprüchlichen Informationen konfrontiert. Diese können nach besstem Wissen gesammelt worden sein oder auch nicht, im schlechtesten Fall gefälscht sein, nur eines ist sicher: Man kann sich nicht darauf verlassen, dass es sich um Fakten handelt. Es geht also nicht darum zu entscheiden, was Lüge und was Wahrheit ist – solche Ermittlungen sind vom Einzelnen kaum zu leisten.“ (S. 43 Mitte)

Und weiter. „Kurz: Zwischen dem Wahrnehmen und dem Wahr-nehmen ist für unser Gehirn viel zu tun. Bevor wir Nachrichten direkt in Überzeugungen münden lassen, müssen wir unseren Verstan gebrauchen.“

Auch unser eigener Denkapparat erzeugt Auslassungen, Verfälschungen, Verdrehungen …

Wir müssen immer auf der Hut sein, das schreibt uns Dr. Unzicker quasi hinter die Ohren: „Auch unser eigener Denkapparat erzeugt Auslassungen, Verfälschungen, Verdrehungen und besitzt manche Tabus, die als interner Zensurapparat unerwünschte Gedanken effektiver unterdrücken als jeder totalitärer Staat. Dies ist weder Dummheit noch Charakterschwäche, sondern größtenteils evolutionäres Erbe, welches uns trotz einiger Erfolge des Verstandes noch keineswegs zu rationalen Wesen erhoben hat.(S. 99)

Die Systeme 1 und 2

Alexander Unzicker ruft in seinem Buch Erkenntnisse des Nobelpreisträgers Daniel Kahnemann auf, was dieser mit seinem Bestseller Schnelles Denken, langsames Denken eingeführt habe (S. 100). Demnach hält unser Hirn für schnell-intuitive Denkweise das System 1 vor, das System 2 für Berechnungen und rationale Analyse. Ersteres sei beispielsweise bestens dafür geeignet Gesichter zu erkennen und demzufolge Personen einzuordnen. „Das Dilemma liegt darin, dass der Mensch die Fähigkeiten des rationalen Systems 2 entwickelt hat, um Informationen ordentlich zu analysieren, aber davon heute viel zu viel konsumiert, als dass dies noch möglich wäre. Während die Analyse mühsam ist, verschaffen uns intuitive Einschätzungen ein schnelles Erfolgserlebnis. Je mehr man unter Zeitdruck steht, desto mehr ist man versucht, das schnelle System zu aktivieren.“

Dass das mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit zu Schnellschüssen führen kann, leuchtet ein. Unzicker: „Sicher spielt das auch in der journalistischen Arbeit eine Rolle, wenn Nachrichten überprüft werden sollen: die rationale Analyse mit dem System 2 ist aufwendig, während die Einordnung in das Narrativ mit dem System 1 sehr schnell ein konsistentes Weltbild vermittelt.“

Wir müssen uns auf andere verlassen. Doch auch Autoritäten und angesehene Zeitschriften schützen uns nicht vor fatalen Irrtümern

Der Autor hat recht, wenn er bemerkt, dass betreffs Fakten unmöglich ist „jede Evidenz im Einzelnen nachzuprüfen“. Man müsse sich also zwangsläufig „auf andere zu verlassen“ (S. 143). Entscheidend sei allerdings, dass Kontrolle und Korrektur“ nach Karl Poppers Falsifizierbarkeit möglich sei.

Vor fatalen Irrtümern schütze aber auch nicht, wenn man sich auf Autoritäten, „angesehene Zeitschriften oder „Leitmedien“ verlasse. Unzickers Hinweis: „Ein unabhängiger Verstand wird sich aber nie vollständig auf die Einschätzung der Umgebung verlassen.“ Alarmglocken müssten unbedingt auch läuten, wenn eine Nachricht mit dem Stempel „Unseriosität“ diffamiert werden solle: „Zu fordern, Nachrichtenquellen nach „Seriosität“ auszuwählen, ist daher ein Angriff auf den Verstand.. Wer darüber hinaus regulieren will, was als Tatsache zu gelten hat, oder gar das Verbreiten von sogenannten ‚Fake News‘ bestrafen will, steht mit der Wahrheitsfindung grundsätzlich auf Kriegsfuß. Denn falsche Nachrichten kann man nur durch Aufdeckung entkräften, nicht durch Verbote.“ (S. 143)

Ein Appell an die LeserInnen, sich nicht ins Boxhorn jagen zu lassen

Dass ein Wissenschaftler dieses Buch geschrieben und sich dafür ins Politische begeben hat, ist alles andere als ein Malus! Das Wissenschaftliche untermauert die politische Analyse. An keiner Stelle des Buches überkommt eine Langeweile. Insgesamt ist es ein Appell an seine LeserInnen, sich nicht ins Boxhorn jagen lassen. Und uns in dieser ziemlich verrückten Welt nicht aufzugeben. Zu diesem Behufe führt uns Alexander Unzicker eine Vielzahl an interessanten Beispielen – die vielen von uns irgendwo anders bereits auf die eine oder andere Weise begegnet sind und uns möglicherweise auch empört haben – vor Augen. Und der Autor gibt uns einiges an Rüstzeug in die Hand, unseren Verstand zu schulen und so gut es eben geht zu schärfen. Ganz im Sinne des großen Philosophen aus Königsberg, Immanuel Kant: „Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“

All das – wird uns empfohlen – sollte möglichst mit Bedacht und Ruhe angegangen werden. Dazu kann es nötig sein, die auf uns einprasselnde Informationsflut wenigstes etwas abzublocken, auch hier und da einmal Verzicht zu üben – mindestens aber aber „einen kräftigen Filter“ zu installieren, „bevor wir unsere Überzeugungen und unser Bild der Realität formen“. Das Einfache, das schwer zu machen ist? Klar. Aber zu machen ist es. Nichts ist also verloren, bevor wir es selbst für verloren geben.

Niemand kann einem Menschen seine Gedanken wegnehmen

„Schlimmer kann es nicht kommen“, ist das vorletzte Kapitel überschrieben.

Und wenn doch?

Mit Rolf Dobelli rät Alexander Unzicker, „sich eine ‚mentale Festung‘ (S. 230) zu errichten, die allen Schicksalsschlägen trotzt, die einem im Leben widerfahren können.“ Niemand könne nach Dobelli einem Menschen seine Gedanken wegnehmen: „Die letzte der menschlichen Freiheiten besteht in der Wahl der Einstellung zu den Dingen“.

Und Unzicker: „Selbst totalitäre Machtstrukturen können dies nicht ändern.“

Der Autor macht Mut: „Sollte wieder einmal eine totalitäre Katastrophe über die Welt hereinbrechen, wird sie nicht ewig dauern.“

Also Leute, schärft, rüstet und gebraucht euren Verstand, in dem ihr euch dieses wichtige Buch in verrückten Zeiten zu Gemüte führt!

Alexander Unzickers Fazit im letzten Satz des Epilogs zum Buch (S.233): „Wir können die Vernunft immer noch mit aufgeschlossenem Sehen, gründlichem Denken und entschlossenem Handeln einsetzen.“

Wahrlich eine spannende, hilfreiche Anleitung zum Selberdenken!

Alexander Unzicker

Wenn man weiß, wo der Verstand ist, hat der Tag Struktur

Anleitung zum Selberdenken in verrückten Zeiten

 

Seitenzahl: 256
Ausstattung: Hardcover mit Schutzumschlag
Artikelnummer: 9783864892448

 

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Buch

22,00 €

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Leseempfehlungen! Der pad-Verlag wartet mit drei interessanten Neuerscheinungen auf

"Industrie 4.0" dürfte einschneidende Auswirkungen zur Folge haben; Foto: Dieter Schütz via Pixelio.de

„Industrie 4.0“ dürfte einschneidende Auswirkungen zur Folge haben; Foto: Dieter Schütz via Pixelio.de

Der pad-Verlag leistet vermittels der Veröffentlichung zahlreicher interessanter und noch dazu preiswerter Broschüren seit vielen Jahre eine großartige Arbeit. Vor allem die im Rahmen des pad-Projektes „Ökonomisches Alphabetisierungsprogramm“ in Zusammenarbeit mit Labournet erschienenen Broschüren geben ihren Leserinnen und Lesern wichtige Informationen in die Hand.

Inzwischen sind wieder einige interessante Neuerscheinungen herausgekommen.

Ich möchte sie hier kurz vorstellen. Für ausführliche Rezensionen fehlte diesmal leider die Zeit.

Peter Brödner

Industrie 4.0 und Big Data

Zwischen Hype und Horror auf dem Weg in eine bessere Welt?

67 Seiten, 5 Euro

ISBN 978-3-88515-269-9

Wieder einmal ist es soweit. Unter der Bezeichnung „Industrie 4.0“ rollt eine große Welle technologischen Überschwangs über unsere Köpfe hinweg. Jedes mal wird dabei, begleitet von lautem medialen Getöse, die Vision der automatischen, vom Eigensinn lebendiger Arbeit unabhängigen Fabrik beschworen mit apokalyptischen Folgen für die Arbeit und Beschäftigung. Jedes Mal sind es vermeintlichen Fortschritte der „Signalverarbeitung“ in und „Digitalisierung“ von Arbeits- und Wertschöpfungsprozessen, die als Treiber einer umwälzenden Entwicklung angesehen werden. Und jedes Mal bricht sich die Welle an der ärgerlichen Wirklichkeit unerwartet eigensinniger sozialer Praktiken, überraschender Widerspenstigkeit materieller Produktionsprozesse und der Unersetzlichkeit lebendigen Arbeitsvermögens, jeweils gefolgt von langen Phasen der Ernüchterung und konsolidierenden Suche nach produktiver praktischer Verwendung der technischen Angebote.

Seit Beginn der Digitalisierung in der Praxis in frühen 1950er Jahren, als durch Norbert Wieners „Kybernetik“ erstmals das Gespenst der durch „Elektronengehirne“ gesteuerten automatischen Fabrik ins allgemeine Bewusstsein gehoben wurde, ist es nun schon die dritte große Welle ähnlichen Inhalts. (aus der Einführung)

Der folgende Titel erschien in der Schriftenreihe des FORUM GESELLSCHAFT UND POLITIK:

Ekkehard Lieberam

Logo DIE LINKE; via DIE LINKE-Website.

Logo DIE LINKE; via DIE LINKE-Website.

Integrationsfall (Mit-)Regieren

Wild nicht erlegt – dafür Flinte verloren

65 Seiten, 5 Euro

ISBN 978-3-88515-275-0

Wenn über die Regierungsbeteiligung unter Linken in der LINKEN geredet wird, sollte man vorher über die wichtigsten Erfahrungen mit dem parlamentarischen Regierungssystem in der deutschen Parteien- und Parlamentsgeschichte nachdenken. Nur dann wird deutlich, dass es seit den Anfängen dieser Geschichte einige sehr eindeutige politische Phänomene und Erkenntnisse gibt, die bedeutsam auch für die Gegenwart sind, aber in der heutigen Regierungsbeteiligungsdebatte kaum eine Rolle spielen. Sie entzaubern die heutigen Regierungslinken als weltfremde Politiker oder bewusste Rosstäuscher.

Ohne Beachtung geschichtlicher Erfahrungen aber gleicht die aktuelle Debatte in der LINKEN um den Sinn und die Folgen von Regierungsbeteiligung der Verteidigung einer schlechten Theorie, zu der die Fakten nicht passen, die geschichtslos, voller Illusionen und nicht in der Lage ist, Richtschnur für eine tragfähige Praxis antikapitalistischer Politik und Strategie zu sein.

Ekkehard Lieberam: „Man kann als linker Tiger im Wahlkampf antreten und wird am Tag nach der Wahl als Bettvorleger landen, wenn man denn Regierungspartei wird. Darin eben besteht die Integrationsfalle der parlamentarischen Regierungssystems“, das sich im 20. Jahrhunderts auch in Deutschland „zu einem funktionsfähigen politischen Regulierungsmechanismus“ entwickelte, „um linke systemoppositionelle Kräfte zu domestizieren“. (pad-Verlag)

Ekkehard Lieberam hat bei seiner Arbeit natürlich besonders die LINKE Thüringens im Auge gehabt, die mit Bodo Ramelow den Ministerpräsident stellt. Bevor es darauf zuging hatte sich Lieberam schon einmal in „Der Kniefall von Thüringen“ (mein Beitrag in freitag.de) damit befasst. Auch jetzt wird ja in der Partei über künftige Regierungsbeteiligungen nachgedacht und diskutiert.

Dem Lieberam-Text voran steht ein Zitat von Rosa Luxemburg vom 30. September 1898:

„Fangen wir aber an, in Sinne des Opportunismus, dem ‚Möglichen‘ unbekümmert von Prinzipien und auf dem Wege staatsmännischer Tauschgeschäfte nachzujagen, so gelangen wir bald in die Lage des Jägers, der das Wild nicht erlegt und die Flinte zugleich verloren hat.“

Ekkehard Lieberam dürfte sich wünschen, dass die Führungsspitze der Partei DIE LINKE  sich diese Einschätzung Rosa Luxemburgs hinter den Spiegel steckt.

Auch die im Folgenden vorgestellte Broschüre kam in der Schriftenreihe FORUM GESELLSCHAFT UND POLITIK heraus:

Werner Seppmann

Wie fast jede technische Erfindung machen auch Computer gute und weniger gute, bis negative, Dinge möglich; Foto: C.-D. Stille

Wie fast jede technische Erfindung machen auch Computer gute und weniger gute, bis negative, Dinge möglich; Foto: C.-D. Stille

Herrschaftsmaschine oder Emanzipationsautomat?

Über Gesellschaft und Computer

73 Seiten, 5 Euro

ISBN 978-3-88515-276-7

Wir stehen an einem Wendepunkt. Die Zeiten eines verklärten Blicks auf die Digitalisierungsprozesse dürften angesichts der sozialen und zivilisatorischen Konsequenzen der gegenwärtigen Verwendungswisen von Computer und Internet vorbei sein. Immer deutlicher kristallisiert sich heraus, dass sie alles andere als neutrale Hilfsmittel zur Organisation partizipativer Kommunikationsprozesse und selbstbestimmter Lebensgestaltung sind. Am Rande haben sie zwar auch solche Effekte, aber in ihrer Hauptwirkung entlarven sie sich immer deutlicher als Instrumente der Überwachung und Fremdverfügung. Durch ihren Einsatz werden nicht nur das Konsumentenverhalten erfasst, sondern auch Beeinflussungsinitiativen organisiert – und zwar mittlerweile in fast sämtlichen Lebensbereichen.

Vorangesetzt ist dieser Broschüre ein passendes Zitat von Immanuel Kant:

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbst verschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursachen derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! Ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“

Die Redaktion dieser drei wieder interessanten und unbedingt in die Zeit passenden Broschüren besorgte Peter Rath-Sangkhakorn.

Bestellt können die Broschüren beim pad-Verlag, Am Schlehdorn 6, 59192 Bergkamen, werden. E-Mail: pad-verlag@gmx.net

 

Kenntnisreich und fesselnd geschrieben: Dr. Michael Lüders „Wer den Wind sät“

Buchcover via CH Beck Verlag.

Buchcover via CH Beck Verlag.

Wir als Menschen werden und können nie alles wissen. Aber wir können uns immerhin schlau machen. Also uns informieren. Dann kämen wir beispielsweise – nehmen wir Hochaktuelles – relativ schnell darauf, warum derzeit so viele Flüchtlinge auf dem Weg zu uns oder in andere westeuropäische Länder sind. Die „besorgten Bürger“ einmal ausgenommen. Die sehen ja offenbar nur die Flüchtlinge auf uns zukommen. Die Ursachen nehmen sie nicht in den Blick. Und wenn sie es denn täten, akzeptierten sie es nicht: ihr Weltbild bekäme wohl Risse …

Bei Wikipedia steht zu lesen: „In seinem berühmten Text, der Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? von 1784 schreibt Kant:

Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. ‚Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!‘ ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“[1]

Kenntnisreich und fesselnd geschrieben

Gesetzt den Fall, wir strebten an, uns aus unserer selbst verschuldeten Unmündigkeit zu befreien, rate ich, sich der Leitung von Dr. Michael Lüders anzuvertrauen. Respektive unbedingt zur Lektüre seines neuesten Buches „Wer den Wind sät – Was westliche Politik im Orient anrichtet“ zu greifen.

Ob dieses hochinteressante, fesselnd geschriebene und zu kenntnisreichen Informationen verhelfende Sachbuch vom US-amerikanischen Politologen Andrew B. Denison (Transatlantic Networks) gelesen worden ist, scheint zumindest fraglich. Denn Denison bügelte in der gestrigen Phoenix-Runde Kritik an dem Vorgehen seines Landes im arabischen Raum gewissermaßen als die ewige Leier eines Antiamerikanismus ab. Läse Denison aber Lüders Buch, verstünde er welche Verantwortung die Politik seines Landes für die Destabilisierung der Welt und speziell im Nahen und Mittleren Osten trägt. Aber zugeben täte er es wohl gleich den „besorgten Bürgern“ nicht. Stichwort: eigenes Weltbild, dass im Sinne des Amerikanischen Imperiums zusammen gedacht ist.

Sündenfall Mossadegh

Immerhin können wir nach Lektüre des Buches von Lüders Mister Denison soweit beruhigen: Die USA sind nun nicht an allem Unheil in der Welt (allein) schuld. Sondern wie im Falle des Sturzes der ersten demokratischen Regierung des Iran in 1950er Jahren unter Premier Mossadegh war es Großbritannien – dessen Ölfirmen von Mossadegh verstaatlicht worden waren – das dabei voranschritt, erst später beim schmutzigen Komplott eingestiegen. Der Sündenfall nach 1945!

Inzwischen zugängliche CIA Dokumente – Dr. Lüders hat sie eingesehen-, belegen, wie der Sturz Mossadeghs durch Großbritannien und die USA geplant wurde.

In der Sendung „Titel Thesen Temperamente“ sagte Dr. Michael Lüders kürzlich über Mossadegh: „Er war ein Bewunderer gerade der amerikanischen Demokratie“, namentlich von Abraham Lincoln. Das alles nützte ihm aber nichts, denn es galt als unbotmäßig, dass ein Staatschef in einem Land der Dritten Welt sich anmaßte, gegen westliche Wirtschaftsinteressen politisch vorzugehen.“

Herr, die Not ist groß!/Die ich rief, die Geister/werd ich nun nicht los“

Lüders skizziert samt wichtigen Hintergründen 60 Jahre westliche Politik und deren teils schwerwiegenden Fehler. Heraus kommt u.a., dass die Entstehung der Taliban (via vorausgehender US-amerikanischer Unterstützung der Mudschaheddin ) in Afghanistan, von Al Quaida bis hin zur Entstehung des Islamischen Staates ohne eine unmittelbare Täterschaft (bzw. ein Gewährenlassen) ohne US-amerikanische Politik nicht möglich gewesen wäre. Diktatoren , mit denen die USA zuvor bestens und zwar nach dem Motto „Er mag ja ein Hurensohn sein, aber er ist unser Hurensohn“ zusammengearbeitet hätten. würden von Washington immer erst dann ins Visier genommen, wenn sie nicht mehr nach dem Willen und den Interessen Washingtons tanzen wollten. Dann bezeichne man sie als die „Bösen“ – ja sie bekämen das vernichtende Prädikat „Hitler“ verpasst. Dann kommen die USA, um Demokratie zu bringen. Meist fehle der Plan, wie es nach dem Regimewechsel weitergehen solle. Alles erinnert dann immer an eine Stelle in Goethes „Zauberlehrling“: Herr, die Not ist groß!/Die ich rief, die Geister/werd ich nun nicht los.“

Nicht nur Blechschäden

Das alles sind keine bloßen Ausrutscher mit Blechschäden. Nebenbei bemerkt sind die USA laut einer Studie, auf welche der Schweizer Historiker und Friedensforscher Daniele Ganser einmal hinwies, höchstwahrscheinlich für den Tot von 20 bis 30 Millionen Menschen durch Kriege und Konflikte in der ganzen Welt verantwortlich.

Und die blutige Spur westlicher Politik, auch EU-Politik begleitet von Menschenrechtsheuchelei und dem Gerede von hehren Werten zieht sich bis hin zu den Ereignissen in der Ukraine.

Büchse der Pandora geöffnet

Dem ARD-Kulturmagazin „ttt“ sagte Lüders: „Einer der größten Fehler, die die Amerikaner gemacht haben nach dem Sturz von Saddam Hussein, war, dass sie die Armee aufgelöst haben, die Geheimdienste und die Baath Partei von Saddam Hussein. Damit waren über Nacht Hunderttausende Sunniten arbeitslos, die dann in den Untergrund gegangen sind und sich heute den Reihen des Islamischen Staates wiederfinden. Man hat gewissermaßen die Büchse der Pandora geöffnet, und jetzt ist man nicht mehr in der Lage, diese Geister, die man da gerufen hat, wieder kontrollieren zu können.“

Lesen!

Wo wir wieder bei den zu uns strömenden Flüchtlingen wären. Aufgemerkt? Mehr sei hier nicht verraten. Lesen! Dieses Sachbuch von Dr. Michael Lüders möchte ich unbedingt zur Lektüre empfehlen. Jedenfalls denen, die frei nach Immanuel Kant den Ausgang aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit suchen. Damit sind gewiss nicht alles Probleme gelöst – wie auch?! – aber die Leserinnen und Leser wissen zumindest woher sie rühren. Das ist nicht nichts. Im Gegenteil. Es ertüchtigt womöglich auch zu eigenem Handeln.

Zwecks Einstimmung auf das Buch empfehle ich zusätzlich ein Video mit einer Aufzeichnung eines Vortrags von Michael Lüders über sein Buch an der Deutsch-Amerikanischen Akademie in Heidelberg (via SWR-Teleakademie).

Petersburger Dialog vorläufig perdu. Bleibt bald kein Gesprächsfaden mehr nach Russland?

Frieden stiften ... Foto: Reinhard Sandbothe via Pixelio.de

Frieden stiften … Foto: Reinhard Sandbothe via Pixelio.de

Hundert Jahre nach dem Ersten Weltkrieg schlafwandelt man mal wieder in der Welt herum. In langwierigen Verhandlungen erreichte politische Errungenschaften und Verbesserungen in den Beziehungen zwischen Ost und West – wie etwa durch die sozialliberale Koalition mit Bundeskanzler Willy Brandt an der Spitze – im Rahmen des Wandels durch Annäherung (vorgedacht durch Egon Bahr) diplomatisch-geduldig befördert – drohen siebzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in nur kurzer Zeit vernichtet zu werden. Das zeugt nicht nur von enormer unbegreiflicher Geschichtsvergessenheit, offensichtlicher politischer Dummheit führender Politiker in Europa, sondern ist aufgrund von heute noch nicht abzusehender Folgen auch brandgefährlich. Wenn auch im Moment ein Krieg – gar ein neuer Weltkrieg – wenig wahrscheinlich ist, so besteht doch die Gefahr des Ausbruchs eines neuen kalten Krieges. Manche sehen diesen längst im Gange.

Anhaltende Repressalien der russischen Führung gegen Nichtregierungsorganisationen in Russland sowie die Ukraine-Krise sind Grund für Absage

Von den einstigen Blöcken West und Ost sind inzwischen nur noch „der Westen“ und Russland übriggeblieben. Aber auch nach der (scheinbaren; wie man heute sagen muss) Beendigung der Ost-West-Konfrontation war eingesehen worden, wie wichtig und unabdingbar für beide Seiten gute Beziehungen zwischen Deutschland und Russland sind (und eigentlich immer gewesen sind).

Ein nicht unwichtiges Instrument gute Beziehungen über die regierungsamtlichen hinaus auf vielen gesellschaftlichen Ebenen zu pflegen, stellt der „Petersburger Dialog“ dar. Der Petersburger Dialog wurde 2001 von Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder und Wladimir Putin ins Leben gerufen. Erstmals seit nun 13 Jahren hat die deutsche Bundesregierung den „Petersburger Dialog“ auf unbestimmte Zeit verschoben. Das Forum sollte Ende Oktober in Sotschi stattfinden, schrieb die russische Zeitung „Kommersant“ am Mittwoch. Und zwar vom 29. bis 31. Oktober 2014. Grund für Absage seine anhaltende Repressalien der russischen Führung gegen Nichtregierungsorganisationen in Russland sowie die Ukraine-Krise selbst.

Bundeskanzlerin Merkel traf Entscheidung angeblich allein, Außenminister Steinmeier wohl anderer Meinung

Bundeskanzlerin Angela Merkel, so verlautete, habe die Entscheidung zur Absage allein getroffen. Und zwar im Gegensatz zur Linie als Außenminister Frank-Walter Steinmeier, der angeblich darauf gesetzt habe, dass der Petersburger Dialog in Sotschi stattfinden solle.

Lothar de Maizière will „zivilgesellschaftlichen Charakter des Dialogs schützen“

Der Vorstandsvorsitzende des Petersburger Dialogs, Dr. Dr. h.c. Lothar de Maizière, begründete die Absage des Treffens so: Man habe sich nicht in die politischen Auseinandersetzungen hineinziehen und instrumentalisieren lassen wolle. Laut Spiegel Online sagte der letzte DDR-Ministerpräsident weiter: „Durch die Verschiebung wollen wir den zivilgesellschaftlichen Charakter des Dialogs schützen“.

Präsident Putin hält Verschiebung des Dialog unter jetzigen Bedingungen für richtig

In Moskau artikulierte sich Enttäuschung. Jedoch machte sich der russische Präsident Wladimir Putin offfenbar selbst keine Illusionen. Angesichts der momentan komplizierten Beziehungen zwischen Russland und Europa sei es laut Wladimir Putin richtig, den für den Oktober geplanten Petersburger Dialog zu verschieben. „Unter den jetzigen Bedingungen und angesichts unserer komplizierten Beziehungen mit Europa ist es besser, den Petersburger Dialog zu verschieben, um ihn zu retten und dem Prozess selbst keinen Schaden zuzufügen“, sagte Putin am Dienstag, wie RIANOVOSTI meldete.

Der Petersburger Dialog sei als eine Plattform für das Zusammenwirken von Zivilgesellschaften beider Länder gedacht worden, führte er laut RIANOVOSTI weiter aus. Er biete die Möglichkeit, Lösungen für bestehende Probleme zu finden.

„So ist aber die Logik unserer deutschen Partner“ sagte Putin und sprach davon diesbezüglich von einem wahrscheinlich rationalem Kern.

Bereits vor der Bekanntgabe der Verschiebung des Petersburger Dialogs bis auf Weiteres hatte Deutschland die diesjährigen Regierungskonsultationen mit Russland abgesagt.

Lothar de Maizière hält Kritikern „Vorverurteilung und Gesprächsablehnung“ vor

Lothar de Maizière ist anscheinend nicht von der Entscheidung überzeugt. Kritikern hat er „Vorverurteilung und Gesprächsablehnung“ vorgeworfen. Man müsse auch „verstehen, wie Russland die Probleme versteht“, schreibt er. Das Gespräch mit Russland müsse „auf Augenhöhe“ geführt werden, „nicht von oben herab, nicht moralisch belehrend, aber mit klaren und ehrlichen Argumenten“. Lothar de Maizières Offener Brief kann auf „Themen der Zeit“ nachgelesen werden.

Lothar de Maizières Vorstandstuhl wackelt

Schon dürfte sich de Maizière darob in der Kiste mit der warnenden Aufschrift „Russland-“ bzw. „Putin-Versteher“ wiederfinden. Es wird bereits über eine Ablösung de Maizières nachgedacht. Als Nachfolger hatten seine Kritiker den CDU-Politiker Ruprecht Polenz ins Visier genommen. Der aber winkte zunächst dankend ab. Er machte eine Übernahme der Funktion von einer „wirklichen Reform“ des Forums abhängig. De Maizières Vorstandsstuhl wackelt jedenfalls. So rennt das in unsere Demokratie. Man darf zwar alles sagen, muss sich dann aber über die Konsequenzen nicht wundern. Wie ebenfalls auf RIANOVOSTI zu lesen war, haben deutsche Menschenrechtler eine Unterschriftensammlung für den Appell an Bundeskanzlerin Angela Merkel initiiert, den Petersburger Dialog im laufenden Jahr nicht zu streichen, wie Michail Fedotow, Chef des Menschenrechtsrates beim russischen Präsidenten, der Nachrichtenagentur mitteilte. Auch Antje Vollmer und mehrere andere Personen, die ihre Teilnahme am Petersburger Dialog zugesichert hatten, halten die Absage für grundfalsch. Auf die Vernünftigen, die die Absage des Petersburger Dialogs nicht mit zu tragen bereit waren, sei immenser Druck ausgeübt worden.

Jagden die Bellizisten in der Böll-Stiftung die Bundeskanzlerin ins Bockshorn?

Kritische und an der Aufrechterhaltung aller vorwärts bringenden Beziehungen Deutschlands zu Russlands interessierte deutsche Bürgerinnen und Bürger wollen die Absage des Petersburger Dialogs seitens Merkels nicht so einfach schlucken. Sie werfen der Bundeskanzlerin vor, sie habe sich von der den Grünen nahen Böllstiftung „ins Bockshorn jagen lassen“. Dort haben zunehmend bellizistisch agierende Alt-Grüne, Ex-Radikalinskis, die einst meist im Kommunistischen Bund Westdeutschlands (KBW) organisiert waren, das Sagen. Nebenbei bemerkt: Namensgeber Heinrich Böll dürfte deshalb inzwischen täglich im Grabe rotieren. Gegen die Benutzung (um nicht Missbrauch zu schreiben) seines Namens kann er sich (leider) nicht mehr wehren.

Kritische Bürgerinnen und Bürger schreiben Mails und Brief, „um Verhandlungen und Ausgleich mit Russland zu fördern“

Wehren gegen die Absage des Treffens tun sich immerhin kritische und an guten Beziehungen Deutschlands zu Russland interessierte Bürgerinnen und Bürger. Empört führen sie aus: „Das entspricht nicht deutschen Interessen. Wir brauchen Frieden in Europa.“. Längst haben sie begonnen den Teilnehmern des Petersburger Dialogs E-Mails bzw. Briefe zu schreiben, „um Verhandlungen und Ausgleich mit Russland zu fördern.“ An folgenden Punkten sollen sich deren Schreiben orientieren:

„1. Ich schätze Ihre Teilnahme am Petersburger Dialog.
2. Damit leisten Sie einen Beitrag für den Frieden in Europa, den die Menschen brauchen.
3. Das Sterben in der Ukraine kann man nur durch Verhandlungen und einen fairen Interessenausgleich beenden.
4. Vielen Dank für alles was Sie tun.
5. Viele Menschen in Deutschland sind auf Ihrer Seite.
6. Bitte setzen Sie sich weiterhin für Frieden mit Russland ein.“

Nichtsdestotrotz, der Petersburger Dialog ist für dieses Jahr nicht mehr zu retten. Und daran, dass das deutsch-russische Forum 2015 stattfindet, glauben jetzt schon nicht mehr allzu Viele. Es wird – so hat es den Anschein – wieder schlafgewandelt in der Welt, in Europa. Diese politisch-dumme Geschichtsvergessenheit gepaart mit einer Portion Nichtdiplomatie kann einen nur auf die Palme bringen. Fast, muss ich denken, war der Kalte Krieg der Blöcke West gegen Ost geradezu für ein Fest, möchte ich beinahe schreiben! Egon Bahr, Willy Brandt und die sozialliberale Koalition unternahmen das anscheinend Unmögliche. Im Interesse des Friedens und der Menschen auf beiden Seiten des sogenannten Eisernen Vorhangs.

Zerplatzte Hoffnungen

Welche Hoffnungen verbanden die Menschen nicht damals mit den Verhandlungen etwa zum Viermächte-Abkommen und den deutsch-deutschen Verhandlungen zwischen  BRD-DDR! Bundeskanzler Willy Brand auf dem Balkon mit DDR-Ministerpräsident Willy Stoph am Fenster im Hotel „Erfurter Hof“ im thüringischen Erfurt. Im Jahre 1970 geschah das! In der achten Klasse einer DDR-POS war ich damals. Und via Westmedien tags mit dem Ohr über ein  kleines sowjetischen Transistorradion namens „Kosmos“ und abends via „Tagesschau“ so nahe wie möglich am Geschehen. Oder später das Treffen Bundeskanzler Helmut Schmidt mit DDR-SED-Generalsekretär Erich Honecker auf Schloss Hubertusstock am Werbelinsee.

Und eine Verbesserung der Beziehungen und Erleichterung für Menschen im Osten wurden mit einer „Politik der kleinen Schritte“ (Willy Brandt) erreicht.

Die nächste Hoffnung war schließlich Michail Sergejewitsch Gorbatschow, der mit seiner Politik von Glasnost und Perestroika, das Ende des Kalten Krieges einleitete. Ein Mann, dem Deutschland die Wiedervereinigung verdankt.

Wie es weiterging wissen wir. Verlorene, weil in vielerlei Hinsicht vertane 1990er Jahre. Ein Rollbackpolitik wurde, von bestimmten Interesse geleitet ins Werk gesetzt. Und Gorbatschows Visionen von einem „gesamteuropäischen Haus“, von einer „gemeinsamen friedlichen politischen Lösung aktueller Probleme“ – was ist daraus geworden?

Haben „wir“ eigentlich den Verstand verloren?!

Haben „wir“ eigentlich den Verstand verloren?! Wo driften, schlafwandeln, wir hin? Schlafwandeln? Sehenden Auges geschieht das doch alles! Geschichtsvergessene, von niederen Interessen geleitete, westliche, deutsche, Politiker sind am Ruder. Hat Merkel (Staatsdoktrin) eigentlich von Washington Anweisung erhalten, den Petersburger Dialog zu kippen? Oder hat man’s aus eingefleischter Vasallentreue zum „Partner“ USA in vorauseilendem Gehorsam tatsächlich selbst entschieden? Es ist schnurzegal. Weil es dumm und falsch ist. Wie es zuvor dumm und falsch war, sich für Sanktionen gegen Russland auszusprechen.

Müsste man in Berlin nicht froh sein den Petersburger Dialog zu haben? Um diese Institution zu nutzen, damit eine Anzahl gesellschaftlicher Vertreter aus Kultur, Politik und Wirtschaft aus Russland wie aus Deutschland auch in Krisenzeiten miteinander reden.  Wie es sogar in Zeiten des verflossenen und durch Gorbatschow beendeten Kalten Krieges möglich war? Wie viele Gesprächsfäden zwischen dem Westen und Russland sollen denn noch gekappt werden?!

Sapere aude!

Müssten nun nicht die vernünftigen Menschen unter unseren Völker – des russischen wie des deutschen – das Heft des Handelns in die Hand nehmen, um zu verhindern, dass nicht noch mehr politisches Porzellan zerschlagen wird? Sapere aude – Habt im Sinne Immanuel Kants Mut, euch aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit zu befreien! Dies  möchte man angesichts von derart viel politischen Unverstand und Geschichtsvergessenheit auf einem Haufen ausrufen. Ein kleiner Anfang ist gemacht. Wie die zuvor erwähnten kritischen Bürger zeigen. Ist auf die Mächtigen im Westen überhaupt noch Verlass? Oder fahren sie das Ganze voll gegen die Wand? Das kann doch nicht gewollt sein. Oder etwa doch?