Offener Brief von Lifeline an den Innenminister der Bundesrepublik Deutschland, Horst Seehofer

Betreff: Wir retten Leben, wen retten Sie?

Sehr geehrter Herr Minister Seehofer,

der Presse entnehmen wir, dass Sie sich dafür einsetzen, dass das Schiff unserer Seenotrettungs-NGO beschlagnahmt werden soll und gegen die Crew strafrechtlich ermittelt wird. Wir entnehmen der Presse, dass Sie von „Shuttle“-Service sprechen. Unabhängig davon, dass wir darauf hinweisen wollen, dass wir Menschen im tödlichsten Seenotrettungsgebiet der Welt aus Lebensgefahr retten und dafür angeklagt werden, haben wir einige Anmerkungen und Fragen:

Es fühlt sich beschämend an, dass die Bundesregierung durch die Behinderung der Seenotrettung dazu beiträgt, dass mehr Menschen im Mittelmeer sterben. Haben Sie Studien, eine Statistik oder ein Bauchgefühl, mit dem Sie diese Toten rechtfertigen können?
Stellen Sie sich vor, wie es ist, wenn Menschen gefoltert und versklavt und vergewaltigt werden – ganz bildlich in Libyen. Stellen Sie sich vor, wie diese Menschen in ihrer Verzweiflung alles tun, um Libyen entkommen zu können. Stellen Sie sich vor, dass der einzige Weg ein Schlauchboot ist und dass man für diesen lebensgefährlichen Weg dann noch viel Geld bei kriminellen und gewalttätigen Schlepperbanden bezahlen muss.

Stellen Sie sich vor, dass dort Männer, Frauen und Kinder – die nie schwimmen gelernt haben – auf überfüllten Booten ins Wasser fallen – ohne Schwimmweste. Stellen Sie sich den Kampf gegen das Wasser vor, das langsam aber sicher ihre Lungen füllt, bis sie ertrinken. Stellen Sie sich vor, dass Sie fordern, dass diesen Menschen nicht geholfen wird.

Und wenn Sie bereit sind, sich das vorzustellen und nun sagen: “Aber ohne die Nichtregierungsorganisationen gäbe es das ja nicht”, dann müssen wir Ihnen sagen: Sie liegen falsch. Nicht weil wir eine andere Meinung haben, sondern weil die meisten Menschen in den letzten Jahren gar nicht von NGOs gerettet wurden und weil wir wissen, dass die Menschen auch höhere Risiken eingehen. Wir haben uns als NGOs gegründet, nachdem tausende ertrunken sind – nicht davor. Wir stimmen unsere Einsätze mit der Seenotrettungsleitstelle ab und folgen den Anweisungen und wir sind schockiert über die Vorwürfe, die uns auch von Ihnen gemacht werden. Sie können den Schmerz nicht fühlen, wenn Menschen sterben, denen man helfen könnte. Und Sie können unsere Wut nicht nachempfinden, die wir angesichts einiger öffentlicher Äußerungen der letzten Tage empfinden. Sie reden von Shuttle nach Europa, wo Menschen aus Seenot gerettet werden. Wie würden Sie sich fühlen, wenn ihre Familienangehörigen in Gefahr wären oder sterben? Wäre es nicht eine Schande?

Wir laden Sie ein. Wir laden Sie ein an einer der Seenotrettungsmissionen teilzunehmen und sich die Situation vor Ort anzuschauen, die Sie nicht kennen. Wir laden Sie ein, sich anzuschauen, wie verzweifelt die Menschen sind, die wir retten und wie sich die Leere anfühlt, wenn Menschen sterben, weil niemand mehr helfen kann. Kommen Sie mit, Sie sind willkommen. Wir sagen Ihnen offen: Wir erwarten, dass Sie mitkommen. Wir erwarten, dass Sie sich der Realität annehmen. Und wir erwarten Antworten.

Sie sagen, wir sollen zur Rechenschaft gezogen werden, doch wir erwarten, dass auch Sie endlich Rechenschaft ablegen. Wir stehen Rede und Antwort, gerne auch vor Gericht. Aber welcher Straftatbestand soll uns vorgeworfen werden? Ist es Ihrer Meinung nach ein Verbrechen, Menschen aus Lebensgefahr zu retten? Ist es ein Verbrechen, das Völkerrecht zu achten? Sollten wir die Menschen nach Libyen bringen und damit eine Straftat begehen?

Achten Sie die Menschen mehr, die gegen uns hetzen, als diejenigen, die vor Ort Menschenleben in Not helfen? Wir retten Menschen. Wen retten Sie? Beten Sie? Wissen Sie, dass in diesem Jahr noch einmal 50.000 Menschen über das Wasser nach Europa geflohen sind? Wissen Sie, dass es nur 17.000 nach Italien waren? Wissen Sie, dass das eine Person pro 10.000 EuropäerInnen ist? Wissen Sie, wie es klingt, wenn Sie über diese Menschen reden – wenn Sie von Wellen, Fluten und Lawinen sprechen? Wissen Sie, dass Sie dazu beitragen, die Realität zu verdecken? Wir dürfen Menschen nicht nach Libyen bringen, auch wenn Sie uns dafür anklagen wollen.

Sie dürften Menschen nicht nach Libyen bringen. Deswegen unterstützen Sie die libysche Küstenwache, die nicht an das Recht gebunden ist, auf das Sie einen Eid geschworen haben. Wollen Sie, dass andere dieses Recht brechen? Unterstützen Sie das? Aber wir sind an dieses Recht gebunden und wir haben keine Scheu dafür auch gegen Widerstände einzutreten.  Wir haben keine Regierungskrise verursacht. Wir haben keine Interessen, außer dass Menschenrechte und Menschenwürde nicht im Fleischwolf des Rechtspopulismus zu Grunde gehen.

Wir wollen Leben retten. Was ist Ihr Interesse? Wen retten Sie? Kommen Sie zu uns und reden Sie mit uns. Beantworten Sie bitte die Fragen. Einzeln und präzise. Kommen Sie her. Sie sind willkommen.

Quelle: Lifeline

Beitragsbild (Claus-D. Stille) von der Aktion Fluchtschiff.de des Künstlers und Aktivisten Heinz Ratz (Band „Strom und Wasser“) zusammen mit Flüchtlingsfrauen vor einigen Jahren bei einem Stopp im Dortmunder Hafen (mein Bericht dazu hier). Bei der Aktion ging es besonders um die Situation von weiblichen Geflüchteten.

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„Woman in Exile“: Alle Arbeitsverbote für Asylsuchende abschaffen

Im Rahmen der Aktion "Fluchtschiff" konzertierten Flüchtlingsfrauen im Jahre 2014 mit Heinz Ratz & Band in der Pauluskulturkirche in Dortmund; Fotos (2) Claus-D. Stille

Im Rahmen der Aktion „Fluchtschiff“ konzertierten Flüchtlingsfrauen im Jahre 2014 mit Heinz Ratz & Band in der Pauluskulturkirche in Dortmund; Fotos (2) Claus-D. Stille

Wenn auch der 1. Mai Geschichte ist, so halte ich es doch für wichtig, nachträglich eine Forderung von „Woman in Exile“ publik zu machen. „Women in Exile“  ist eine Initiative von Flüchtlingsfrauen, die sich 2002 in Brandenburg zusammen gefunden haben, um für ihre Rechte zu kämpfen. Women in Exile e.V. ist als gemeinnützig anerkannt.
„Woman in Exile“ schrieb im letzten Newsletter:

Liebe Freunde,

 

am ‚Tag der Arbeit’ möchten wir Sie / euch auf einen Auszug aus unserem letzten Newsletter aufmerksam machen, der einen Überblick über den Zugang zum Arbeitsmarkt für Asylsuchende gibt.
Auch wenn im November 2014 einige Verbesserungen in Kraft getreten sind, immer noch gibt es viel zu viele Arbeitsverbote – aus den unterschiedlichsten Gründen Nähere Erläuterungen auf der Internetseite „Woman in Exil & Friends“.
Deshalb fordern wir alle Arbeitsverbote für Asylsuchende abzuschaffen, denn Arbeitsverbote sind ein Teil einer Asylgesetzgebung, die Asylsuchende systematisch ausgrenzt.

 

Ich wünsche Ihnen/ euch allen einen schönen 1.Mai!

 

Herzliche Grüße,
Elisabeth Ngari

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Und hier noch einmal in englischer Sprache:

Dear friends,
on the ocasion of the Labour Day I would like  to draw your attention to an excerpt from our last newsletter, which gives an overview on the access to the labor market for asylum seekers. Although some improvements cameinto force in November 2014 there are still far too many work bans – for different reasons: see here.

Therefore we demand to abolish all work bans for asylum seekers because work bans are a part of a asylum legislation, which systematically excludes the asylum seekers.

 

I wish you all a nice May 1st!

 

Best Wishes,
Elisabeth Ngari

Women in Exile

Mail: info@women-in-exile.net
Adresse: Rudolf-Breitscheid-Straße 164
14482 Potsdam

 

Im vergangenen Jahr machte das "Fluchtschiff" u.a. auch im Hafen von Dortmund fest. Die Flüchtlingsfrauen wurden laut, um auf ihre Probleme aufmerksam zu machen.

Im vergangenen Jahr machte das „Fluchtschiff“ u.a. auch im Hafen von Dortmund fest. Die Flüchtlingsfrauen wurden laut, um auf ihre Probleme aufmerksam zu machen.

Vertreter von Woman in Exile waren vergangenes Jahr u.a. auch in Dortmund zu Gast. Dank der Aktion „Fluchtschiff“, einer Initiative von Heinz Ratz. Das Schiff hatte im Dortmunder Hafen festgemacht. Die Flüchtlingsfrauen konzertierten am Abend zusammen mit Heinz Ratz und Band in der „Pauluskulturkirche“.

Heinz Ratz macht mit der Aktion „Fluchtschiff“ auf die Situation von Flüchtlingsfrauen aufmerksam

Heinz Ratz mit Band "Strom & Wasser" und den Flüchtlingsfrauen; Fotos: C.-D. Stille

Heinz Ratz mit Band „Strom & Wasser“ und den Flüchtlingsfrauen; Fotos: C.-D. Stille

Den Musiker und Schriftsteller Heinz Ratz traf ich erstmals im März 2011 im Bahnhof Langendreer in Bochum. Dort trat er im Rahmen der „Tour der 1000 Brücken“ auf. Ratz, der sich selbst als “Liedermacher und Radikalpoet” bezeichnet, trat damals zusammen mit seiner Band “Strom & Wasser” für eine menschliche Flüchtlingspolitik in die Pedalen.

Heinz Ratz: “Ich möchte, dass sich beide Seiten kennen- und schätzen lernen. Und zwar unabhängig von “Kultur, Sprache, Hautfarbe und Religion…”

Über seine Motivation und die Situation von Flüchtlingen in Deutschland stand mir Heinz Ratz seinerzeit in einem Interview, das ich mit ihm im Bahnhof Langendreer führte, Rede und Antwort. Ratz forderte, wir sollten die hier lebenden Flüchtlinge so behandeln, wie wir in ähnlich prekärer oder auch in der Situation eines Reisenden in anderen Ländern behandelt werden wollen. Brücken zum Herzen bauen war damals das Hauptanliegen des Liedermachers. Ratz sagte:

“Ich möchte, dass sich beide Seiten kennen- und schätzen lernen. Und zwar unabhängig von “Kultur, Sprache, Hautfarbe und Religion…”

Das Anliegen ist geblieben. Auch das Engagement des Heinz Ratz für Flüchtlinge. Ebenfalls weiter existent sind leider die Probleme der Flüchtlinge und deren prekäre Lebenssituation vielerorts in Deutschland.

Fluchtschiff“ gastiert heute im Bahnhof Langendreer

Am heutigen Abend wird Heinz Ratz mit seiner Band wieder im Bahnhof Langendreer auftreten. Diesmal allerdings ist er nicht mit dem Rad zu Lande, sondern mit zwei Flössen zu Wasser unterwegs. Die neueste Aktion trägt den Titel „Fluchtschiff“. Nicht zufällig ruft dieser Titel Assoziationen zu den Flüchtlingsschiffen im Mittelmeer hervor, die rappelvoll mit Flüchtlingen besetzt aus Afrika kommen und Asyl in der EU zu nehmen gedenken. Für viele von ihnen ist das Mittelmeer bekanntlich zum nassen Grab geworden. Eine Schande für die EU. Doch immer kommen Flüchtlinge auch durch. Gelangen unter Umständen auch zu uns nach Deutschland.

Das Unmögliche möglich gemacht

Die wohl bislang spektakulärste Tour absolvierte Heinz Ratz und seine Band

„Strom & Wasser“ im vergangenen Jahr. Das Unmögliche gelang ihnen möglich zu machen. Trotz Reise- und Arbeitsverbote (für Flüchtlinge besteht die sogenannte Residenzpflicht) ging Ratz mit Band und Musikern aus Flüchtlingslagern dank Sondergenehmigungen,, die im Ermessen der zuständigen Behörden stehen auf Tour.

Heim? Lager!

Heinz Ratz nennt die Asylantenheime übrigens ganz bewusst „Lager“. Denn, so meint er: Suggeriere der Begriff „Heim“, nicht, dass man sich dort „heimisch“ fühlen könne? Dies ist aber sehr oft überhaupt nicht der Fall. Vielmehr würden die hier Hilfe und Zuflucht suchenden Menschen aus aller Welt und unterschiedlichen Kulturkreise in diversen Unterbringungen förmlich „abgelagert“. Weshalb seiner Meinung nach der Begriff „Lager“ eben schlagender wäre.

In Bayern steht einem Hund mehr Platz zu als einem Flüchtling

Und in der Paulus-Kultur-Kirche auf der Dortmunder Schützenstraße, wo die Band gestern Station machte, erklärte Ratz auch warum er das so sieht. Immerhin hat der Künstler und Aktivist bisher 150 Flüchtlingslager besucht (was im Übrigen nicht so einfach ist) und weiß wovon er redet. Nur zur Orientierung: Einem Hund, so Ratz, stünden in Bayern laut Tierschutzgesetz acht, einem Flüchtling jedoch nur 5,5 Quadratmeter Fläche zu.

Die „Männerlastigkeit“ wurmte Ratz – Frauen in den Fokus!

Ein weltweites Medienecho fand eine Kinodokumentation über das Musikprojekt „Heinz Ratz & The Refugees“(Quelle: 3sat-Kulturzeit) von 2013, welches mehr als 200.000 Zuschauer erreichte. Eine große öffentliche Sympathie begleitete die Musiker. Hunderte von ehrenamtlichen Helfern konnten für die Flüchtlingshilfe konnten nicht zuletzt auch dank steigenden Medieninteresses gewonnen und viele regionale und sogar bundesweite politische Entscheidungen positiv für Flüchtlinge beeinflusst werden. Ein Punkt allerdings wurmte Ratz immer sehr: Die Männerlastigkeit des Projektes.

Während seiner Besuche in den Flüchtlingslagern und in Gesprächen, die er dort u.a. auch mit Frauen führen konnte, musste Ratz feststellen, dass die Hauptleidtragenden sehr oft die alleine oder mit ihren Kindern fliehenden Frauen sind, „die jedoch gleichzeitig eine große Scheu haben, an die Öffentlichkeit zu treten.“

Das war der Grund, weshalb Heinz Ratz auf der Tour 2014 unter dem Motto „Fluchtschiff“ nicht nur noch einmal die Situation der Flüchtlinge, sondern explizit die Flüchtlingsfrauen in den Fokus rückte.

Mit zwei Flössen von Nürnberger gen Norden

Am 14. Juli brach er mit zwei großen Flößen, umgestaltet zu Flüchtlingsbooten, in Nürnberg auf. Es ging Main-, Neckar und Rheinabwärts. Und soll dann entlang des Mittellandkanals u.a. bis nach Berlin führen. Die Verletzlichkeit dieser Transportmittel in

direktem Kontrast zu den Luxusjachten und Ausflugsdampfern der touristisch genutzten Binnengewässer soll auf die dramatische Situation von Flüchtlingen allgemein, die abendlich stattfindenden Konzerte auf die besonders tragische und bedrohliche Situation von fliehenden Frauen und Kindern aufmerksam machen.

Heinz Ratz‘ Begleitcrew setzt sich aus Flüchtlingen und deutschen Unterstützerinnen und Unterstützern, zum Beispiel vom Potsdamer Verein „Women in Exile e.V. zusammen. Am 27. August machen die Flösse in Berlin (SO 36) fest. Die Aktion wird am 31. August in Bremen (Lagerhalle) enden. Tagsüber reist man mit den auffälligen Flössen, abends finden die gemeinsamen Auftritte auf den jeweiligen Bühnen statt.

Am Donnerstag machten die Flösse im Dortmunder Stadthafen fest

Die Flösse machten gestern im Dortmunder Stadthafen fest; alle Fotos: Claus-Dieter Stille

Die Flösse machten gestern im Dortmunder Stadthafen fest; alle Fotos: Claus-Dieter Stille

Heinz Ratz beim WDR-Interview

Heinz Ratz beim WDR-Interview

An diesem Donnerstag nun liegen die „Fluchtschiff“-Flösse im Dortmunder Stadthafen gegenüber dem Alten Hafenamt fest. Nur etwas mehr als einen Steinwurf entfernt, in der Pauluskirche, geht das Konzert über die Bühne. Die WDR-Lokalzeit Dortmund ist zugegen. Es gibt sogar eine Lifeschalte mit einem Kurzinterview, das die Außenreporterin mit Heinz Ratz in der Kirche geführt wird. (Quelle: WDR-Lokalzeit, ab Minute 17:10)

Konzert in der Paulus-Kultur-Kirche

Zu Beginn des Konzerts erläutert Ratz noch einmal die Fokussierung auf die Situation von Frauen. Nicht selten seien diese ja vor und auch während der Flucht Gewalt und auch sexuellen Übergriffen ausgesetzt. Leider seien Flüchtlingsfrauen auch im Lager solchen Gefahren ausgesetzt. Die Frauen trauen sich in der Regel nicht die Polizei zu rufen. Schließlich ist die Polizei in ihren jeweiligen Herkunftsländern oft negativ besetzt. Über verantwortlichen Politikern hierzulande äußert sich Ratz enttäuscht.

Politische „Entscheidungsträger“ haben oft kein Kontakt zur Wirklichkeit

Die meisten von denen – in Gesprächen habe er das feststellt haben in ihrem Leben noch keines dieser Flüchtlingslager besucht. Sie reden demzufolge wie der Blinde von der Farbe.

Und selten, erlebte  Heinz Ratz, habe er einen der Bürgermeister – die manchmal seine Veranstaltungen besuchten und Grußworte sprächen – erlebt, der bis zum Schluss der Veranstaltung geblieben sei. Sprechblasen, das bleibe zumeist von ihnen, die noch zerplatzt sind, bevor der Redner das Podium verlassen hat. Gestern in Essen habe der Sozialdezernent die Flüchtlingsarbeit seiner Stadt gelobt. Ratz habe ihn gefragt, wie viele Stellen sie denn dafür zusätzlich geschaffen habe, die Stadt. „Vier“, habe er zur Antwort erhalten. Ratz: „Die Stadt dürfte mindestens 1000 Flüchtlinge haben. Wo bleiben denn Psychologen, Bildungsangebote?“

Von diesen „Entscheidungsträgern“, die oft kein Kontakt zur Wirklichkeit haben, hält Heinz Ratz daher nicht viel.

Schmähmails

Kaum, so Ratz weiter, war die neue Aktion gestartet, da seien auch schon die ersten Schmähmails bei ihm eingegangen. Insgesamt 200 dieser Beschimpfungen habe er erhalten. Einer dieser Schmierfinken hat die Flüchtlinge „Todbringenden Menschenmüll“ genannt.

Soziales Denken am Wertegerüst indianischer Völker orientieren

Heinz Ratz sagte mir 2011 betreffs diverser, vielen Menschen Leid zufügenden inhumanen Zuständen:

“Diese Welt wurde von uns so gestaltet. Sie zu verändern liegt ebenfalls in unserer Macht.”

Heinz Ratz tut mit seinen unterschiedlichen Aktionen seinen Teil dazu.

Es komme darauf an, unser Verhältnis zur Welt und speziell der Gesellschaft nicht nur zu reflektieren, sondern auch gesellschaftliche Werte zu verändern. Demzufolge gelte: „nicht Gier und Besitz sollten den Menschen bestimmen, sondern soziales Denken“. Soziales Denken, weiß der Sohn einer peruanischen Indigina und eines deutschen Arztes, könne sich im Idealfall am Wertegerüst indianischer Völker orientieren: „Angesehen ist dort, wer abgibt, nicht wer besitzt”.

Musik aus Kenia, Somalia, dem Sudan und von Luca Seitz alias Graf Itty

Eine der Flüchtlingssfrauen musiziert mit Heinz Ratz

Eine der Flüchtlingssfrauen musiziert mit Heinz Ratz

Musik, kündigt der Aktivist an, aus Kenia, Somalia und dem Sudan komme zur Aufführung. Ein bunter Mix traditioneller Musik, Reggae, Ska und Tango erklingt an diesem tollen, tief berührenden Abend in der Dortmunder Pauluskirche. Spontan habe sich ein 15-Jähriger Kieler Musiker seiner Tour angeschlossen und 50 Tage seiner Ferien gern dafür genutzt. Wie sich herausstellt, ein aufgeweckter, talentierter Bursche. Sein Name: Luca Seitz alias Graf Itty. Rapper Seitz gilt bereits jetzt als „vielleicht jüngste politische Stimme in Deutschland“. Luca spielt Bass und Schlagzeug. Die Texte seiner Titel schreibt er selbst. Die Aktivistin Eva Weber unterstützt die Band spontan im Ruhrgebiet, indem sie bei einigen Titel die Geige spielt.

Heiteres, Besinnliches und ein teuflisch-gruseliges Lied

Es gibt an diesen Abend eine Menge heiterer aber auch sehr besinnlicher Momente. Und dazu zwischendurch allerhand zu Herzen gehender Informationen aus dem Leben der Flüchtlingsfrauen. Da ist das Lied „Träumerchen“ über ein behindertes Kind. Dieses ansonsten von einem Äthiopier – der keine Reisegenehmigung mehr erhalten hat – gesungene Lied weiter im Programm zu bringen, diesem Wunsch kommt Ratz gerne nach.

Ratz stülpt die Kapuze seines Hoodies über den Kopf. Es ist die Kostümierung für das teuflisch-gruselige Schlaflied für die Innenminister. Das sollte einmal verboten werden. Weil es so treffend ist? Innenminister kommen ob ihrer Möglichkeiten für Heinz Ratz „kurz vor Gott“. Die brennende Frage im Lied: „Warum schauen Sie nicht hin, Herr Minister?“ Es heiße, die Selbstmordrate bei permanent von Abschiebung bedrohten Flüchtlingen ist groß. Können sie noch gut schlafen, die Innenminister?

Flüchtlingsfrau fordert Bewegungsfreiheit

Zwischen zwei Musiktiteln spricht eine Flüchtlingsfrau, die im einzigen Aufnahmelager von NRW, in Dortmund-Hacheney, untergebracht ist über die Angst mancherorts nachts über den Hof zur Toilette zu gehen, über unpassende Esspakete, die Flüchtlinge in Bayern erhalten oder Gutscheine und Gewalt, von der Frauen zuweilen in Lagern bedroht sind. Und auf ihrem orangenen T-Shirt steht, was die Flüchtlinge vermissen: „Bewegungsfreiheit“. Die Frau fordert Bildung für die Kinder. Und sie beklagt das Arbeitsverbot für Flüchtlinge.

Napuli ging für ihren Kampf auf den Baum

Napuli ist eine Kämpferin. Man kennt sie aus den Medien. Es ist die Frau, welche bei den Refugee-Protesten in Berlin nicht vom Oranienplatz weichen wollte. Die Frau aus dem Sudan kletterte auf einen Baum. Dort harrte sie drei Tage aus. (Quelle: Tagesspiegel). „Alles klar?“, fragt sie das Publikum forsch. „Mein Deutsch kaputt.“ In Englisch sagt sie, was Flüchtlingen wie ihr auf dem Herzen liegt. „I’m not come to pleasure here!“ – Ich bin nicht zu meinen Vergnügen hierhergekommen, ruft sie in die Kirche hinein. Und sie sagt deutlich, Flüchtlingssein darf nicht als Verbrechen behandelt werden!

„No tolerance for intolerance!“ Eine Individuum könne viel tun. Sie hat es bewiesen, indem sie auf die Berliner Platane stieg und die Welt auf die Probleme der Flüchtlinge aufmerksam machte. Und bevor auch sie beeindrucked sang, wendet sich die selbstbewusste Frau noch gegen das allgemeine „Blabla“, das nichts verändere. Sie als Christin vermisse oft wirklich christliches Handeln.

Fatuma kämpft für ihr Recht mit einer Ausstrahlung, die die Herzen der Menschen wärmt

Fatuma erzählt im Kirchhof ihre Geschichte

Fatuma erzählt im Kirchhof ihre Geschichte

Auch ihre „Sister“ Fatuma wird singen. Ein wunderschönes Liebeslied. Fatuma Musa ist mir schon schon draußen vor dem Konzert im Kirchhof sympathisch aufgefallen. Hereinkommenden Gästen reichte sie freundlich offen lächelnd die Hand und stellte sich geduldig deren Fragen. Oder bringt ihr Anliegen mit einer selten zu erlebenden strahlenden Natürlichkeit zum Ausdruck. Heinz Ratz im Hof zu mir:“Fatuma ist ganz gut ansprechbar“. In der Tat.

Die 24-jährige Fatuma aus Somalia ist erst seit März in Deutschland. Rasch engagierte sie sich bei „Women in Exile“. Ihr droht die Abschiebung nach dem Dublin-III-Abkommen. Es bedeutet, dass sie jederzeit nach Italien abgeschoben werden kann. Dort würde sie auf der Straße leben müssen. Aber Fatuma glüht optimistisch durch und durch. Vom Kopf bis zu den Zehen, wie es scheint. Für ihre Rechte wird sie kämpfen.

Fatuma singt von Heinz Ratz begleitet

Fatuma singt von Heinz Ratz begleitet

Was für eine Frau! Fatuma verströmt so viel Lebensfreude. Obwohl sie doch von Abschiebung bedroht ist. Als Muslima, sagt sie mit Blick hoch ins Kirchenschiff in englischer Sprache, freue sie sich sehr in diesem christlichen Gotteshaus auftreten zu können. Eine Welt ohne Grenzen wäre der Wunsch der 24-Jährigen. Wo waren wir noch gestern, fragt sie sich selbst. „Ah food … Essen!“

Und Fatumas  leuchtende Augen, ihr ganzes Gesicht strahlt wie ein starker Scheinwerfer dessen Licht durch einen natürlichen Weichzeichner fällt und so das ganze Publikum in seinen Bann zieht. Woher kommt diese Energie? Fatuma, die in jungen Jahren viel Leid bereits erfahren haben mag sendet so viel Menschlichkeit aus, dass sie auch die Herzen des Publikums wärmt und Vielen ein Lächeln aufs Gesicht zaubert.

Eine Fremde in einem ihr fremden Land. Mit welcher Zukunft? Plötzlich kommen mir die oft grimmigen, ernsten oder verbissenen Gesichter mancher Passanten in unseren Fußgängerzonen in den Sinn. Fatuma denkt, man müsse Talente fördern und Türen öffnen. Ja …

Tolles Konzert. Tief berührend

Schlussapplaus

Schlussapplaus

Dann kamen auch schon die letzten drei Lieder des Abend. Luca Seitz brachte noch seinen „Überwachungskamerad“. Und auch Heinz Ratz nahm noch einmal Fahrt auf, um dann mit einem leisen Titel zu schließen.

Ein tolles, außergewöhnliches und tief berührendes Konzert der Flüchtlingsfrauen, Heinz Ratz und seiner Band „Strom & Wasser“. Apropos Wasser: Ich schäme mich mancher Tränen nicht, die mir angesichts der Berichte der Flüchtlingsfrauen da und dort aus den Augen rollten. Aber welch Freude die Darbietung der von ihnen gesungenen Lieder verströmten, war wiederum so erbaulich schön, dass man selber übers ganze Gesicht zu strahlen begann. In den Gängen neben den Kirchenbänken tanzten wildfremde Menschen verschiedener Hautfarbe im Takte der Musik mit. Kinder tollten quietschend durch die Kirche.

Damla, damla göl olur – Aus Tropfen wird ein See

Was aber am meisten hervorgehobenen werden muss: Diese neue Aktion des umtriebigen Heinz Ratz gibt Flüchtlingen im Allgemeinen – hier den Flüchtlingsfrauen im Speziellen – ein Gesicht! Sonst ist ja immer nur von den Flüchtlingen die Rede. Da hören ja Viele gleich wieder weg. Wieder Flüchtlinge in Lampedusa gestrandet oder gar im Mittelmeer jämmerlich ersoffen. Jeder dieser Menschen hat ein Gesicht und eine Geschichte. Heinz Ratz macht ein paar von ihnen sichtbar und ihre Geschichte erzählen die Flüchtlingsfrauen selbst.

Auf der Bühne. Oder vorher und in der Pause im Kirchhof wie gestern oder anderswo vielleicht in einem Foyer. Ein Tropfen auf einen heißen Stein nur? Natürlich. Es gibt ein türkisches Sprichwort. Es lautet: Damla, damla göl olur – Aus Tropfen wird ein See. Das ist es. Mehr von diesen Tropfen! Heinz Ratz hat nun schon die dritte der Aktionen für Flüchtlinge ins Werk gesetzt. Ich fürchte, es wird nicht die Letzte sein. Man muss sich nur einmal anschauen, was derzeit in der Welt passiert.  Heinz Ratz sagte mir 2011: Eigentlich müsste für Flüchtlinge nur unser Grundgesetz gelten. Dem ist nichts hinzufügen.

Wie am Anfang erwähnt: Heinz Ratz mit „Strom & Wasser“ und die Flüchtlingsfrauen sind heute Abend in Bochum. Im Bahnhof Langendreer. Wer in der Nähe ist: Hin! Es ist ein Erlebnis, das einem nicht alle Tage geboten wird.

Über Heinz Ratz via laut.de

Flüchtlingsfrauen werden laut! Logbuch