Imamin, Rechtsanwältin und Frauenrechtlerin Seyran Ates in Dortmund: „Der Islam lässt sich mit der Moderne vereinbaren“

Prof. Dr. Ahmet Toprak, Seyran Ates, Prof. Dr. Prof. Dr. Katja Nowacki (v.l.n.r.) Fotos: Claus Stille

Die jüngste, von Prof. Dr. Ahmet Toprak initiierte Vortragsreihe der Fachhochschule Dortmund, „Gehört der Islam zu Deutschland?“ beschloss am 6. Dezember 2018 ein Gastauftritt von Seyran Ates (Rechtsanwältin, Frauenrechtlerin und Imamin aus Berlin). Die in Abständen immer wieder neu aufgeworfene Frage ging auf ein Bekenntnis von Christian Wulff zurück. Der damalige Bundespräsident hatte am 03.10.2010 in seiner Rede betont, dass der Islam zu Deutschland gehört. Altbundespräsident Wulff war es auch, welcher die benannte Vortragsreihe in Dortmund eröffnete. Dabei erweiterte er seine These nochmals und unterstrich seine damalige Äußerung nochmals ausdrücklich.

Gast diesmal Seyran Ates: „Der Islam lässt sich mit der Moderne vereinbaren!“

Am 6. Dezember verteidige Frau Ates nun im Teil 3 der FH-Dortmund-Reihe die von ihr vertretene These: „Der Islam lässt sich mit der Moderne vereinbaren!“

Seyran Ates (55) hat sich zur Imamin ausbilden lassen und in Berlin-Moabit eiIbnne liberale Moschee gegründet. Deren Name: Ibn-Rushd-Goethe-Moschee. Dort können Frauen und Männer zusammen beten. So sie das denn wollten.

Beklage ein Mann , wenn er neben oder hinter einer Frau bete, sexuelle Gefühle zu bekommen, „dann“, so befand Seyran Ates, „soll er zum Therapeuten gehen“. In der Moabiter liberalen Moschee sind auch Homosexuelle willkommen. Trauungen werden ebenfalls in der Moschee, die in einem Nebengebäude einer evangelischen Kirche eingemietet ist, vorgenommen. Als Moderator Ahmet Toprak vom Gast erfuhr, dass der Eingang zur Moschee über einen Hof führe, spöttelte in Anspielung auf frühere Örtlichkeiten von Moscheen

Prof. Dr. Ahmet bei der Begrüßung des Publikums und des Gastes.

Deutschland anspielend: „Also quasi eine Hinterhofmoschee?“ Seyran Ates konterte geistesgegenwärtig: „Im hinteren Hof. Aber im dritten Stock.“ Nachher ergänzte sich noch: „Wenn wir aus dem Fenster auf den angrenzenden Friedhof sehen, haben wir sogar ein Brunnen.“ Ihnen war nämlich von einem Kritiker vorgeworfen worden, eine Moschee ohne Brunnen sei keine.

Seyran Ates sieht in ihrer Moschee kein Angriff auf traditionelle Moscheen

Wie man sich denken kann, ist diese Moschee äußerst umstritten. Aber gleichzeitig wird sie von Muslimen, die bekennen, sich in anderen, traditionellen Moscheen nie richtig wohlgefühlt zu haben, begrüßt und gut frequentiert. Seyran Ates sieht in ihrer Moschee aber kein Angriff auf traditionelle Moscheen. Sehr wohl aber gegen einen politischen Islam und die Islamisten.

Seyran Ates und Ahmet Toprak beim Vorbereitung.

Auf die Frage des Moderators, wie sie mit scharfer Kritik und Anfeindungen umgehe, antwortete Frau Ates selbstbewusst und entschlossen, sich nicht

unterkriegen zu lassen Sigmund Freud: „Nicht verteidigen, weiter arbeiten.“

Besuch aus aller Welt. Anfeindungen, bis hin zu Morddrohungen an Seyran Ates

In der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee werde nicht nach Sunniten, Schiiten oder Alawiten unterschieden. Seyran Ates sagte, deshalb sei es ihr ein Bedürfnis zu sagen: „Ich bin Muslimin.“ Dabei komme ihre Familie eher einen aus einer sunnitischen Tradition. Ihr Vater ist Kurde, die Mutter Türkin.

Gäste aus aller Welt kommen mittlerweile zu Besuch in die Moabiter Moschee. Gleichzeitig wird Seyran Ates angefeindet. Sie erhält regelmäßig nicht nur E-Mails, die übelste Beschimpfungen, die meist unter die Gürtellinie gehen, enthalten, sondern auch ernstzunehmenden Morddrohungen. Seyran Ates kann ohne Personenschutz seitens des Landeskriminalamtes gar nicht mehr das Haus verlassen. Die Beamten schützten die Imamin auch bei ihrem Auftritt in Dortmund.

Unterdessen lernt die Imamin, wie sie in der Fachhochschule bekannt gab, nun auch Arabisch, um den Koran in Originalsprache lesen zu können.

Für die Eröffnung und Grußworte war Prof. Dr. Katja Nowacki, Studiendekanin Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften, zuständig. Die Moderation lag abermals in den Händen von Prof. Dr. Ahmet Toprak, Dekan, Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften.

Seyran Ates: „Wir dürfen das öffentliche Bild des Islam nicht länger den konservativen islamischen Verbänden überlassen“

Zugunsten einer ausführlicheren Diskussion hatte Seyran Ates auf ein längeres Referat verzichtet und sich auf etwa eine halbe Stunde Redezeit beschränkt.

Darüber, ob der Islam nun zu Deutschland gehört mochte sie gar nicht überschwänglich reden, sondern „darum, worum es eigentlich geht“. Auch von Integration per sei mag sie nicht mehr sprechen: „Der Begriff ist verbrannt. Nennen wir es lieber das gute Zusammenleben miteinander.“

Als Juristin sei sie es gewohnt Probleme bezüglich eines Sachverhalts aufzuzeigen.

Sie verteidige das Recht, sehr breit zu denken, Fehler zu finden – aber am Ende eine Lösung für ein Problem zu finden. Als liberale Muslima gehe es ihr darum, keine Schubladen zu öffnen.

Ates machte deutlich: „Wir dürfen das öffentliche Bild des Islam nicht länger den konservativen islamischen Verbänden überlassen.“ Auch wenn diese hierzulande in allen möglichen Gremien säßen. Die Imamin kritisierte ebenfalls die Türkeilastigkeit in diesen Verbänden. Es müsse darauf gesetzt werden den Einfluss der DITIB (Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion e.V.) – weil maßgeblich via der türkischen staatlichen Religionsanstalt Diyanet dirigiert, erst recht unter Präsident Erdogan, einzudämmen. Überhaupt sei es ein Unding, dass Ankara türkische Imame in die DITIB-Moscheen nach Deutschland schickten, die weder Deutsch sprächen, „noch die deutsche Kultur kannten, noch schätzten“. Als wichtigen Schritt bezeichnete die Referentin, dass hier inzwischen Islam-Kundelehrer und islamischen Theologen an deutschen Universitäten ausgebildet werden.

Traditionelle muslimische Theologen bestritten eine Veränderbarkeit (eine Reform) des Islam. Andererseits befürchteten glücklicherweise ein Teil der deutschen Muslime nicht den Untergang ihrer Religion, wenn die Schriften zeitgemäß interpretiert würden. Die es nicht in Gewissensbisse stürze, wenn sie christliche oder jüdische Freunde hätten, die es nicht als „Fremdgehen“ verstünden, die Hand zum Gruß zu reichen, die nicht Kopftuch tragenden Frauen nicht als nackt empfänden, die Alkohol tränken.

Eine Anekdote aus der inzwischen ins faschistoide abgleitenden Türkei

Frau Ates erzählte eine Anekdote aus ihrer Kinderzeit in der Türkei. Ihr Onkel und andere Männer hätten schon hin und wieder an einem Tisch gesessen und Raki (Anisschnaps) zu Vorspeisen getrunken. Und wenn der Muezzin zum Gebet rief, dann sei das Glas Raki einfach unter den Tisch gewandert und danach wieder hervorgeholt worden. Heute jedoch, wusste Ates in der Diskussion zu sagen, beteten dieselben Leute manchmal beinahe zwei Stunden lang. Ein trauriges Resultat, der Erdogan-Politik, der die einst in der muslimischen Welt als relativ fortschrittlich geltende Türkei Richtung eines islamischen Staates, führe. Eine tragische Entwicklung erlebe die Türkei. Erdogan selbst bezeichnete Seyran Ates als einen Verbrecher und kennzeichnete dessen Politik als „faschistoid“.

Widerspruch einer jungen Muslima

Später, in der Diskussion warf ihr eine junge Muslima mit bedecktem Haupt vor, Alkohol sei im Islam von Allah grundsätzlich verboten und eben nicht in Ordnung. Wie immer man das selbst auch sehe. Die Angebote, die Seyran Ates den Menschen in ihrer Einrichtung mache – schickte sie hinterdrein – seien gewiss aller Ehren wert. Doch die junge Frau beschied der Imamin hart: „Sie haben etwas gegründet, unter dem Namen Islam, was gar nicht zum Islam gehört.“

Ebenso wies diese junge Frau, dass von Frau Ates unverheirateten jungen muslimischen Frauen zugestandene Recht (es gehöre einfach zu einer Entwicklung hinzu, so Ates, auf Wilhelm Reich, Psychiater, Psychoanalytiker, Sexualforscher und Soziologe, verweisend) Sex vor der Ehe zu haben strikt als dem Islam widersprechend zurück.

Aufgeklärte Muslima kommen gut mit der Demokratie klar. Aber: „In der Demokratie ist kein Platz für die Scharia“, so Seyran Ates

Wer in der Religion vor allem das sehe, was Seyran Ates darin sieht: nämlich Spiritualität, eben was naturwissenschaftlich und wissenschaftlich halt nicht zu erklären sei, was sich zwischen einen selbst und Gott abspiele, könne durchaus mit einer demokratischen verfassten Gesellschaft und deren Grundsätzen im Einklang leben.

Weshalb, so Ates, „für uns aufgeklärten Muslime der Islam mit Demokratie vereinbar ist“. „Das Eine ist die Religion. Das Andere ein politisches System.“ So verhalte es sich auch mit der Moderne: „Wir reden über gesellschaftliche Strukturen und gesellschaftliche Modelle, wie Menschen zusammen leben.“ Doch es ginge eben nicht, das alles in einen Topf zu werfen, wenn es um den Islam gehe. Man frage doch inzwischen auch nicht mehr, ob das Christentum mit der Demokratie vereinbar ist. Lege sie, verdeutlichte Ates, die Bibel auf die eine Seite und das Grundgesetz auf die andere Seite, „dann haben wir teilweise große Probleme“. Ebenso verhalte sich das mit dem Koran. Es gelte auf die sehr souveräne und ehrliche

Seyran Ates im Gespräch mit Ahmet Toprak.

Trennung von weltlicher Macht und religiöser Macht zu setzen. Es gehe um eine Pluralität. Und zu dieser gehöre hierzulande selbstverständlich eben auch der Islam zu Deutschland, zu Europa. Voraussetzung: Die Trennung von Religion und Staat werde anerkannt. Die Frage sei doch: „Akzeptiert man, dass die weltliche Macht – Menschenrechte, Grundrechte, Verfassung – über die Religion, heilige Schriften gestellt wird oder nicht.“ Für sie „als Juristin und Verfassungspatriotin“, stellte Ates heraus, „ist das selbstverständlich“. Und die Juristin manifestierte unmissverständlich: „In der Demokratie ist kein Platz für die Scharia.“

Seyran Ates: Es geht ganz einfach um eine historisch-kritische Lesart des Koran, welcher aus dem historischen Kontext heraus betrachtet werden müsse

Sie erklärte: „Menschen, die den Koran, eine Schrift aus dem siebten Jahrhundert, heute Wort für Wort als einzig gültiges Gesetz ansehen, die in der Scharia das einzige Leitbild sehen, was sie verfolgen wollen“, kämen freilich mit der Demokratie in Konflikt. Ergo müssten fried- und demokratieliebende, um die Freiheit ihrer Religion kämpfende Muslime, die Suren und Hadithe (islamische Berichte, Überlieferungen) „in unsere Zeit zu übersetzen ohne den Kern unserer Religion zu verändern“, machte Frau Ates klar: „Was würde Mohammed heute sagen.“ Es gehe ganz einfach um eine historisch-kritische Lesart des Koran, welcher aus dem historischen Kontext heraus betrachtet werden müsse.

Ebenso wies die Referentin daraufhin, dass es im Übrigen weder den Islam, noch die Muslime gebe.

Als liberale Muslime verstünde man sich als BürgerInnen einer demokratischen Gesellschaft, die die Rechte aller BürgerInnen schützt und vertritt.

Nicht weniger Religion, sondern mehr für alle

In der Schule, diese Meinung vertritt Seyran Ates, brauche man nicht weniger Religion, sondern mehr Religion für alle. „Schon lange hätten unsere Kinder alle in den deutschen Schulen – und das gilt für ganz Europa und weltweit – Kenntnisse erlangen müssen über alle Religionen – die sehr viele Parallelen aufweisen – , aber auch über das Recht nicht oder an andere Götter zu glauben.“

Unangemeldete Filmaufnahme – Ein Eklat

Kurz nach Beginn der Diskussion mit Moderator Ahmet Toprak ein Eklat: Schon während ihres Referates hatte sie einen Zuhörer in der ersten Reihe des mit um die 300 Menschen gefüllten Hörsaals ausgemacht, der mit seinem Smartphone filmte. Diesen stellte sie zur Rede. Seine Rechtfertigung: Er filme das für sich selbst. Ates zeigte sich empört, fand das „unanständig“: „Normalerweise kündigt man so etwas an. Welche Absichten haben sie mit dem Film?“ Prof. Dr. Toprak machte einen Vorschlag zur Güte: Der junge Mann solle das Video dann im Beisein Frau Ates löschen. Was er im Anschluss an die Veranstaltung auch tat. Ahmet Toprak und der Berichterstatter wohnten dem Löschvorgang persönlich bei.

Moschee-Beitrag? Seyran Ates arbeitet zur Zeit nur für die Moschee

Kürzlich hatte Ahmet Toprak in einem Rundfunkinterview mit dem NDR eine Finanzierung der Moscheen, durch einen „Moschee-Beitrag“ der Gemeindemitglieder ins Spiel gebracht. Um nicht dem finanziell unterstützten Einfluss muslimischer Regierungen aus dem Ausland ausgesetzt zu sein.

Ates‘ Meinung nach ist das nicht die Lösung. Sie beweise es, dass es auch allein gehe. Ates ist prinzipiell gegen Moscheefinanzierungen aus der Türkei, Saudi Arabien oder seitens der Muslimbrüder: „Denn mit dem Geld kommt ja auch die Gesinnung.“

Ates: „Ich arbeite zur Zeit nur für die Moschee“, so die Imamin. Alle persönlichen Einnahmen flössen in dieses Projekt. Sie finanziere es etwa zu neunzig Prozent. Seyran Ates, die Gründerin der liberalen Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Berlin, wurde kürzlich in Hamburg mit dem Marion-Dönhoff-Preis für internationale Verständigung und Versöhnung ausgezeichnet. Der Preis war mit 20.000 Euro dotiert. Auch diese Summe sei in die Moschee geflossen.

Interessante Fragen, auch provokativer Art, Kritik, Lob, Beifall und Buh-Rufe in der Fragerunde

Aus dem Publikum gab es eine Reihe von interessanten, zum Verständnis des Islam in der Gesellschaft wichtigen, aber auch provokativen Fragen und Statements. Von einem anderen jungen Mann wurde der Imamin übten scharfe Kritik an den Absichten der liberalen Moschee. Überdies hätte Seyran Ates auf Facebook nur 9000 Follower. Er verortete Frau Ates als zu nahe am Staat. Auch führte er das bereits erwähnte Preisgeld an. Impliziere damit, so die Referentin in ihrer Antwort, das sie von Gier getrieben sei, was ihr immer wieder vorgeworfen werde. Auch fände sie es mittlerweile äußerst suspekt, dass man immer häufiger an der Anzahl der Follower auf Facebook bewertet werden würde. Aus den Worten des jungen Herrn höre sie Gehässigkeit heraus. Habe er überhaupt das Grundgesetz gelesen? Der Mann hielt Ates seinerseits entgegen, keine Argumente zu haben. Die Referentin stellte aber fest, gerade dieser Mann. welcher eben durch das Grundgesetz ermächtigt sei, seine Meinung vorzutragen, wäre ein Beispiel für das Funktionieren einer Demokratie.

Ein interessiertes Publikum im Hörsaal der FH Dortmund.

Aus dem Publikum kam ab und an Applaus, aber es ertönten immer wieder auch Buh-Rufe – wohl aus den Mündern von Gegner der liberalen Moschee. Aber es blieb friedlich. Der Moderator musste höchstens einmal übereifrig ausufernde Äußerungen aus dem Publikum stoppen, aber auch ab und an einmal Seyran Ates‘ Redefluss ausbremsen.

Vertreterinnen von Terre de Femmes lobten ausdrücklich die Ausführungen von Frau Ates.

Der CDU warf Seyran Ates Heuchelei vor, wenn sie jetzt von einem Einwanderungsgesetz rede, wo die Partei es doch Jahrzehnte abgelehnt habe. Europa könne durchaus 5 Millionen Geflüchtete aufnehmen „und das gut ertragen“.

Auf die Rechtsentwicklung in Deutschland angesprochen, sprach Frau Ates allgemein „den etablierten Parteien“ in Deutschland die Schuld am Aufwuchs der AfD zu.

Seyran Ates am Schluss der Veranstaltung: „Der Worte werden immer viele gewechselt. Es kommt auf die Taten an“

Seyran Ates bekräftigte gegen Ende der Fragerunde, es müsse gemeinsam für einen friedlichen Islam gearbeitet werden: „Der Worte werden immer viele gewechselt. Es kommt auf die Taten an.“

Betreffs Anfeindungen nehme sie sich das Wort ihres Vaters, als Beispiel: „Reagiere auf Hass mit Liebe. Lass sie, beschäme sie mit deiner guten Tat.“ Im Koran stünde nach auch: „Überzeuge mit der guten Tat.“

Homepage Seyran Ates

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Vortragsreihe der FH Dortmund „Gehört der Islam zu Deutschland?“ schließt mit Seyran Ates‘ Gastauftritt ab: „Der Islam lässt sich mit der Moderne vereinbaren!“

Altbundespräsident zu Gast bei „Train of Hope“ Dortmund. Fotos: Claus Stille

Die jüngste, von Prof. Dr. Ahmet Toprak initiierte Vortragsreihe der Fachhochschule Dortmund, „Gehört der Islam zu Deutschland?“ geht am 6. Dezember 2018 ihrem Ende entgegen. Sie geht auf die sich immer wieder stellende Frage ein: Gehört der Islam zu Deutschland? Es wurde darüber diskutiert, warum diese Debatte alle vier Jahre (neu) geführt wird. Denn wir waren in der Debatte auch schon weiter: Christian Wulff hat am 03.10.2010 in seiner Rede betont, dass der Islam zu Deutschland gehört. In der genannte Reihe, die er sozusagen in Dortmund eröffnete, erweiterte Altbundespräsident Wulff seine These und unterstrich seine damalige Äußerung nochmals ausdrücklich. Hier mein Bericht über Wullfs Besuch in Dortmund.

Am 6. Dezember wird es im Teil 3 der Reihe heißen: „Der Islam lässt sich mit der Moderne vereinbaren!“ Zu Gast ist Seyran Ates.

 

 „Der Islam lässt sich mit der Moderne vereinbaren!“

Im Juni 2017 hat Seyran Ates in Berlin eine Moschee gegründet, in der Männer und Frauen nebeneinander und gleichberechtigt beten können. Die Frauen dürfen auch mit offenem Haar beten und auch das Gebet leiten – für die konservative Auslegung zu viele moderne Einflüsse. Seitdem wird Ates angefeindet, erhält Morddrohungen und steht unter Polizeischutz. Wie hat sich die neue Moschee entwickelt? Seyran Ates zieht Bilanz. Quelle: Veranstalter

Die engagierte Rechtsanwältin und ausgewiesene Frauenrechtlerin Seyran Ates hat sich zur Imamin ausbilden lassen und im Berlin-Moabit eine liberale Moschee gegründet. Deren Name: Ibn-Rushd-Goethe-Moschee. Über die Moschee und Seyran Ates gibt es die Dokumentation des ZDF „Mutig, cool und unverschleiert“ von Güner Balci.

Termin: 06.12.2018, 18.00 – 20.30 Uhr
Ort: Fachhochschule Dortmund Sonnenstraße 96 44139 Dortmund Raum A101
Referentin: Seyran Ates, Rechtsanwältin, Imamin, Frauenrechtlerin
Eröffnung und Grußworte: Prof. Dr. Katja Nowacki, Studiendekanin Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften
Moderation: Prof. Dr. Ahmet Toprak, Dekan, Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften

Eintritt frei! Es wird darum gebeten sich anzumelden: Kontakt: reihe-islam@fh-dortmund.de

Für meine verehrten LeserInnen werde ich über die Veranstaltung berichten.

Interessante Vortragsreihe der FH Dortmund „Gehört der Islam zu Deutschland?“ startet mit Christian Wulff, Bundespräsident a. D.

Die neue Vortragsreihe der Fachhochschule Dortmund, „Gehört der Islam zu Deutschland“, wartet gleich mit einem prominenten Gast, nämlich Christian Wulff, auf. Der Bundespräsident a.D., hatte seinerzeit mit seiner Bekundung, der Islam gehöre zu Deutschland, einiges Aufsehen erregt.

Laut den Daten der Deutschen Islam Konferenz sind Muslime nicht viel religiöser als die Mehrheitsgesellschaft.
Da stellt sich die Frage, warum diese Debatte alle vier Jahre (neu) geführt wird. Denn wir waren in der Debatte auch weiter: Christian Wulff hat am 03.10.2010 in seiner Rede betont, dass der Islam zu Deutschland gehört. Er wird seine These erweitern und darüber referieren, wie der gesellschaftliche Zusammenhalt in Vielfalt und Respekt funktionieren kann.

Teil 1: „Gesellschaftlicher Zusammenhalt in Vielfalt und Respekt – über Offenheit und Haltung“
Termin: 29.10.2018, 18.00 – 20.30 Uhr

Ort: Fachhochschule Dortmund, Sonnenstraße 96, 44139 Dortmund, Raum A101
Referent: Christian Wulff, Bundespräsident a. D.
Moderation: Prof. Dr. Ahmet Toprak, Dekan, Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften Eröffnung und Grußworte: Prof. Dr. Wilhelm Schwick, Rektor der Fachhochschule Dortmund

Referent:
Christian Wulff , Bundespräsident a. D.

Eröffnung und Grußworte:
Prof. Dr. Wilhelm Schwick, Rektor der Fachhochschule Dortmund

Moderation:
Prof. Dr. Ahmet Toprak, Dekan, Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften

Adresse:
Fachhochschule Dortmund, Raum A101
Sonnenstraße 96
44139 Dortmund

Kontakt: reihe-islam@fh-dortmund.de

Flyer Vortrag 1

Teil 2: „Das Kopftuch unter 14 Jahren muss verboten werden!“
Termin: 12.11.2018, 18.00 – 20.30 Uhr
Ort: Fachhochschule Dortmund Sonnenstraße 96 44139 Dortmund Raum A101
Pro: Serap Güler, Staatssekretärin für Integration im Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration des Landes NRW
Contra: Jasamin Ulfat, Journalistin und Doktorandin an der Universität Duisburg-Essen
Moderation: Prof. Dr. Ahmet Toprak, Dekan, Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften
Eröffnung und Grußworte: Jörg Stüdemann, Stadtdirektor


Kontakt: reihe-islam@fh-dortmund.de

Flyer Vortrag 2

Teil 3: „Der Islam lässt sich mit der Moderne vereinbaren!“
Termin: 06.12.2018, 18.00 – 20.30 Uhr
Ort: Fachhochschule Dortmund Sonnenstraße 96 44139 Dortmund Raum A101
Referentin: Seyran Ates, Rechtsanwältin, Imamin, Frauenrechtlerin
Eröffnung und Grußworte: Prof. Dr. Katja Nowacki, Studiendekanin Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften
Moderation: Prof. Dr. Ahmet Toprak, Dekan, Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften
Kontakt: reihe-islam@fh-dortmund.de

Flyer Vortrag 3

Der Eintritt ist jeweils frei, eine Anmeldung ist erforderlich unter www.fh-dortmund.de/reihe-islam oder  Kontakt unter reihe-islam@fh-dortmund.de!

Ort

 

Neue Vortragsreihe „Sind Türkischstämmige integrationsunfähig?“ an der Fachhochschule Dortmund startet am Donnerstag Toprak & Toprak

Dekan Prof. Dr. Ahmet Toprak.

Im Rahmen der „Offenen Fachhochschule“ wird die Integrationsfrage  in zwei Veranstaltungen anhand von persönlichem Bildungsaufstieg und (traditionellen) Geschlechterrollen thematisiert.

Drei Mio. Türkischstämmige in Deutschland – 1,6 Millionen mit deutschem Pass

In Deutschland leben rund drei Millionen Menschen mit türkischem Migrationshintergrund. Ein Großteil von ihnen davon – 1,6 Millionen – ist eingebürgert. Wenn die Anzahl der Einbürgerungen als messbare Größe für die Integration herangezogen wird, kann konstatiert werden, dass mehr als die Hälfte der Migrantinnen und Migranten mit türkischen Wurzeln in Deutschland gut integriert ist.

Jedoch sagt diese Zahl wenig über die tatsächliche Integration aus, denn die Kriterien für die Einbürgerung sind z. B. Aufenthaltsdauer, Erwerbstätigkeit u.v.m.  Andererseits wird die Integrationsbereitschaft bestimmter Gruppen – auch wenn sie eingebürgert sind – in Frage gestellt: so auch die der Türkeistämmigen Bevölkerung.

Prominentes Beispiel dafür aus jüngster Zeit war die Integrationsdebatte am Rande des Verfassungsreferendums in der Türkei. Weil viele Wahlberechtigte für die Verfassungsänderung gestimmt haben, wurde intensiv die Frage diskutiert, ob Türkeistämmige in Deutschland überhaupt integriert seien.

„Toprak & Toprak“ diskutieren am 9. November über Geschlechterrollen

In der ersten Veranstaltung „Toprak & Toprak“ am 9. November liest die Schriftstellerin und Journalistin Menekse Toprak aus ihrem aktuellen Buch zum Thema Geschlechterrollen und Sexualität aus der Perspektive einer türkischen Frau vor.

Die deutsch-türkische Autorin und Journalistin Menekse Toprak  wird aus „Die Geschichte von der Frau, den Männern und den verlorenen Märchen“ lesen.

Zu Menekse Toprak

Menekşe Toprak ist eine türkische Schriftstellerin, Übersetzerin und Radiojournalistin. Sie lebt in Istanbul und Berlin.
Toprak schreibt Erzählungen und Romane. Ihre Erzählung Valizdeki Mektup (Der Brief İm Koffer) wurde 2007, Hangi Dildedir Aşk (In Welcher Sprache ist die Liebe) 2009, ihr Debütroman Temmuz Çocukları (Julikinder) 2011 veröffentlicht. Zuletzt erschien von ihr der Roman Ağıtın Sonu (Das Ende des Klagelieds), 2014. Auch arbeitete sie insbesondere auf dem Gebiet der literarischen Übersetzung. So erschienen ab 1999 Werke von Arseni Tarkovski, Zafer Şenocak, Ralf Thenior und Akif Pirinçci von ihr ins Türkische übertragen.
Dem deutschen Sprachraum erschloss sie Türkische Erzählungen des 20. Jahrhundert (2008) für eine Anthologie des Suhrkampverlages und der Kulturzeitschrift „freitextmagazin“ die Erzählung „der Brief im Koffer.“ Ihre Erzählungen wurden auch ins englische und französische Sprachen übersetzt, 2015 erscheint ihr Debütroman Temmuz Çocukları in Italien. Mit ihrem Roman Ağıtın Sonu ehielt sie den Duygu-Asena -Roman-Preis 2015

Nach der Lesung diskutiert Menekse Topra  mit ihrem Bruder Prof. Dr. Ahmet Toprak – unter anderem Autor des Buches „Das schwache Geschlecht die türkischen Männer“ – zu den Themen Migration, Flucht, ehrbezogene Gewalt, Geschlechterrollen und Sexualität.

Die Veranstaltung findet in der: Fachhochschule Dortmund, FB Angewandte Sozialwissenschaften, Emil-Figge-Straße 44, in Dortmund statt. Der Eintritt ist frei. Eröffnung und Grußwort kommen von Prof. Dr. Wilhelm Schwick, Rektor der Fachhochschule Dortmund. Durch den Abend führt Elmas Topcu vom Westdeutschen Rundfunk.

Fortsetzung mit „Toprak & El-Mafaalani“ am 7. Dezember 2017

Der zweite Teil der Veranstaltung „Toprak & El-Mafaalani“ folgt am Donnerstag, 7. Dezember, zu gleicher Uhrzeit und am gleichen Ort. Der Eintritt ist frei; eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

Veranstalter sind die Fachhochschule Dortmund in Kooperation mit Auslandsgesellschaft NRW, Dietrich-Keuning-Haus, Multikulturelles Forum, Planerladen und VMDO.

(mit Nordstadtblogger.de)

Hier ein früherer Beitrag von mir in der Istanbul Post zu einem Buch von Ahmet Toprak.

Dortmund: Vortragsreihe „Wir schaffen das?!“ an der FH Dortmund schließt morgen Abend mit einem Referat von Levent Arslan

Über die Einsatzleitung der Feuerwehr Dortmund am Nordausgang des Hauptbahnhofes erfolgte vor einem Jahr die nötige Koordinierung; Foto: C.-D. Stille

Über die Einsatzleitung der Feuerwehr Dortmund am Nordausgang des Hauptbahnhofes erfolgte vor einem Jahr die nötige Koordinierung; Foto: C.-D. Stille

Großen Anklang hat die von Prof. Dr. Ahmet Toprak an der Fachhochschule Dortmund Vortragsreihe „Wir schaffen das?! – Bestandsaufnahme zur Geflüchtetenpolitik gefunden. Kompetente Referenten wie Prof. Dr. Klaus Bade und Daniel Bax (taz-Journalist) gewährten den Hörerinnen und Hörern interessante Einblicke in ihre Sichtweisen betreffend des Themas (ein Bericht dazu hier).

Ihren vorläufigen Abschluss (der aus Krankheitsgründen ausgefallene Vortrag von Prof. Dr. Andreas Zick wird im nächten Jahr nachgeholt) findet die Vortragsreihe morgen Abend. Am 22.11.2016 um 18 Uhr zu Gast an FH Dortmund ist Levent Arslan vom Dietrich-Keuning-Haus Dortmund. Sein Thema: „Gelingende und misslingende Integrationsfaktoren im Rahmen der aktuellen Flüchtlingszuwanderung.

Dazu heißt es in der Ankündigung:

Das Dietrich-Keuning-Haus (DKH) ist das größte Stadtteilkulturzentrum und die größte Begegnungsstätte Dortmunds. Als im September  die vielen geflüchteten Menschen nach Dortmund kamen, entwickelte sich das DKH in Kooperation mit Freiwilligen, Wohlfahrtsverbänden, Feuerwehr, Polizei, Katastrophenschutz und Technischen Hilfswerk (THW) zur Zentrale für die Versorgung von insgesammt 8000 Geflüchteten. In seinem Vortrag wird der Programmleiter/stellv. Geschäftsbereichsleiter des DKH, Levent Arslan, über seine Erfahrungen aus der Zeit des „Wir schaffen das“ sprechen und zudem die Frage erörtern, was denn „gelingende und misslingende Intergrationsfaktoren im Rahmen der aktuellen Flüchtlingszuwanderung“ sind.

Prof. Dr. Ahmet Toprak, Intiator der Vortrragsreihe, wird morgen moderieren. Foto: C.-D. Stille

Prof. Dr. Ahmet Toprak, Intiator der Vortrragsreihe, wird morgen moderieren. Foto: C.-D. Stille

Eröffnung und Grußworte: Prof. Dr. Helmut Hachul, Prorektor der FH Dortmund und Martin Loberg, Auslandsgesellschaft NRW e.V.

Moderation: Prof. Dr. Ahmet Toprak, Dekan Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften

Eintritt frei, ohne Anmeldung

„Salafistische und jihadistische Szenen in Deutschland – Anziehungskraft, Rekrutierung, Akteure“ – Ein Vortrag von Claudia Dantschke an der Fachhochschule Dortmund

Referierte zum politischen Salafismus und Djihadismus; Fotos: C. Stille

Referierte zum politischen Salafismus und Djihadismus; Fotos: C. Stille

Gestern hatte die Fachhochschule Dortmund zu einer weiteren interessanten Veranstaltung im Rahmen „Offene Fachhochschule – Vortragsreihe Salafismus als Jugendkultur, Salafismus als jugendkulturelle Provokation, eingeladen. Gastreferentin war die jetzt in der Extremismus-Prävention arbeitende ehemalige Journalistin Claudia Dantschke aus Berlin. „Dantschke studierte Arabistik an der Universität Leipzig und schloss als Dolmetscherin und Übersetzerin aus demArabischen und Französischen ab. Von 1986 bis 1990 arbeitete sie als Fremdsprachenredakteurin in der arabischen Redaktion der DDR-Nachrichtenagentur ADN.[1] Seit 2002 ist Dantschke Mitarbeiterin des Zentrums Demokratische Kultur“ (Quelle: Wikipedia). Bekannt geworden ist Claudia Dantschke u.a. durch ihre geschätzte Mitarbeit bei AYPA-TV (dazu mein älterer Artikel in der Istanbul PostAYPA-TV). AYPA-TV hat seine Arbeit inzwischen ins Internet verlagert. Claudia Dantschke hat, wie sie gestern informierte, leider keine Zeit mehr journalistisch zu arbeiten.

Ihr gestriger Vortrag stand unter dem Titel „Salafistische und djihadistische Szenen in Deutschland – Anziehungskraft, Rekrutierung, Akteure“.

Zum Hintergrund der vierteiligen Vortragsreihe merkt die Fachhochschule Dortmund an:

„Der Salafismus, eine erzkonservative theologische Auslegung des Islam, die einen eng umgrenzten Korpus an Texten wortgenau in die Tat umsetzen möchte und sich im Spannungsfeld zwischen konservativem Islam und politischem Islamismus bewegt, ist mittlerweile in den deutschen Mainstreamdebatten angekommen. Beim Salafismus handelt sich um eine radikale Gegenposition des gesellschaftlichen Mainstreams, von dessen Attraktivität sich nicht nur muslimische Jugendliche angesprochen fühlen. Salafistische Angebote sind im Internet ohne Probleme zu finden und liefern einfache Antworten auf die komplexen Fragen des Lebens rund um Identität, Religion, Moral und Werte.“

Sprach das Grußwort: Prodekan Prof. Dr. Marcel Hunecke.

Sprach das Grußwort: Prodekan Prof. Dr. Marcel Hunecke.

Das Grußwort am gestrigen Abend sprach Prodekan Prof. Dr. Marcel Hunecke, seines Zeichens Psychologe. Er hob die Wichtigkeit einer interkulturellen Perspektive und Notwendigkeit der Reflexion dessen hervor. Hunecke sprach, eingehend auf einen Artikel in der Zeitschrift „PSYCHOLOGIE HEUTE“, die darin hergestellte Kombination von Sozialarbeit und Salafismus an.

Stellte die Gastreferentin vor: Dekan Prof. Dr. Ahmet Toprak.

Stellte die Gastreferentin vor: Dekan Prof. Dr. Ahmet Toprak.

Dekan Prof. Dr. Ahmet Toprak kennt Claudia Dantschke schon länger. Sie hatte einmal ein Interview mit ihm geführt. Toprak unternahm es die Referentin, welche auch als Publizistin tätig ist, vorzustellen. Ahmet Toprak informierte darüber, dass Dantschke in Berlin die Beratungsstelle „HAYAT“ (Leben) leitet. Toprak nannte die Referentin „eine ausgewiesene Expertin“.

Symbolik, Evolution und grüner Vogel

Evolution bis hin zum grünen Vogel.

Evolution bis hin zum grünen Vogel.

Dantschke sprach zunächst über die Symbolik von Rechtsextremen, die sie benutzen, um bestimmte Verbote zu umgehen (18, 88, oder altgermanische Runen) und darüber, was Rechtsextreme und Salafisten unterscheide. Die Referentin machte das an einem Evolutionsbild deutlich, das beginnend von der Darstellung eines Kleinkindes in einem Symbol in Form eines grünen Vogels des Paradieses gipfelt. Dieses Symbol sei jedoch ein rein islamisches, kein radikales, islamistisches oder djihadistisches. Djihadisten greifen islamische Symbole des Mainstreams auf und füllen diese mir ihren eigenen radikalen Inhalten. Das Vorgängersymbol, die höchste Stufe dieser „Evolution“ zeigt einen Kämpfer mit Waffe. Werde man in diesem Kampf als Mudschahid zum Märtyrer, fliege sozusagen die Seele in Form dieses grünen Vogels ins Paradies. Und zwar auf die höchste Stufe. Des Weiteren sprach Dantschke über die Einteilung des Salafismus und seiner Strömungen. Da gibt es eine puristische, im religiösen Sinne fundamentalistisch zu nennende Szene. Sie hängen der konservativen Islaminterpretation an: „Du musst so leben wie der Prophet Mohammed und die ersten drei Nachfolgegenerationen.“ Diese Menschen seien, so Dantschke, jedoch religiös verpflichtet – lasse man sie ihre Form Religionsausprägung leben – die herrschende Staatsordnung zu achten. Auch wenn diese von ihren Ansichten abweicht. Diese Szene wird nicht vom Verfassungsschutz beobachtet, weil nicht verfassungsfeindlich. Dantschke: „Ich vergleiche das manchmal ein bisschen mit den Amish-People in den USA.“ Die Puristen verträten die Ansicht jede Herrschaft ist besser als Chaos, weshalb diese nicht hinterfragt und hingenommen werde. In der Beratungsarbeit seien die Puristen z.T. wichtige Partner in der Auseinandersetzung mit Jugendlichen, die den Djihadisten folgen und auf dem Absprung zum IS nach Syrien seien. Während in bestimmten arabischen Ländern die Puristen in der Mehrheit seien, geht Dantschke aus eigener Erfahrung davon aus, dass sie hierzulande eine Minderheit bildeten. Zahlen gibt es jedoch keine, denn alle existierenden Zahlen zum salafistischen Milieu stammten ausschließlich von den Sicherheitsorganen, die die Puristen nicht beobachten..

Nicht jeder Salafist ist gleich militant

Der politische Salafismus unterteile sich noch einmal. Die Mehrheit geht missionarisch und ideologisch vor. Gegen die Gesellschaft, gegen Demokratie gerichtet. „Sie wollen aber das Ziel nicht durch Gewalt und Terror erreichen“, sagte Claudia Dantschke, „sondern von unten durch Mission und Überzeugung“. Ein kleinerer Teil des politischen Salafismus sei aber auch in bestimmtem Falle dazu bereit, Gewalt auszuüben. Freilich hüteten sie sich, zum Kampfe aufzurufen, weil dies ja justitiabel wäre. Sie begreifen aber Gewalt als legitim, wenn der Islam und die Muslime angegriffen würden und legen damit die Rechtfertigungsgrundlage für diejenigen, die nicht mehr nur reden, sondern handeln – die Djihadisten. Die Behörden ordnen 7900 Personen der salafistischen Szene zu. Es gibt aber darüber hinaus ein riesiges „Dunkelfeld“, meint Dantschke. Nach eigner Erfahrung schätzt sie das ganz nahe Umfeld auf 10 bis 20 000 Personen. Was aber durch nichts belegt sei. Allerdings sei nicht jeder Salafist gleich militant. Jeder siebte (1100 Personen; davon 420 „Gefährder“) gilt als militant. Die Mehrheit sei jedoch „ideologisch geprägt, antidemokratisch, demokratiefeindlich“.

Wer sozusagen schnell zu den 72 Jungfrauen will, lässt sich auf eine Warteliste setzen“

Nach Syrien ausgereist sind wohl 790 Personen (Multiplikator für die Dunkelzahl 2 – 4) aus Deutschland. Dantschke: „Wahrscheinlich sind 1500 weg. 120 der Ausgereisten sind tot. Mindestens 20 kamen bei Selbstmordanschlägen ums Leben. Rückkehrer soll es 270 geben. Davon 70 mit Kampferfahrung. Man weiß: Viele kommen desillusioniert und traumatisiert zurück. Wer im IS-Gebiet ankommt, weiß Dantschke, kommt erst einmal ins Auffanglager. Es werde abgefragt, welche Fähigkeiten oder Kompetenzen die Kämpferinnen und Kämpfer mitbringen und auch was sie machen möchten. Einer will vielleicht an die Front, der andere zur Polizei. Ein anderer ist womöglich ein guter Manager, der den Staat mit aufbauen will. „Wer sozusagen schnell zu den ‚72 Jungfrauen‘ will, lässt sich auf eine Warteliste setzen“.

Es wird über Emotionen gearbeitet

Verbreitet wird die salafistische Ideologie in sogenannten Islam-Seminaren. Claudia Dantschke spielte einige YouTube-Clips ab, wo Prediger und auch Menschen zu Wort kommen, die über das, was sie in diesen „Islam-Seminaren“ erleben, in den höchsten Tönen schwärmen. Es werde, so kommentierte Dantschke, „hier unheimlich über Emotionen gearbeitet“. Als eine andere Form der Einflussnahme seitens der politischen Salafisten stellte die Referentin die Ansprache auf der Straße vor. Viele Jugendliche, die oft von ihrer Religion wenig bis nichts wissen, sollen auf den „richtigen Weg“ geführt werden. Die wiederum würden dann ihrerseits auf die Straße geschickt, um andere Jugendliche vom vermeintlich falschen Weg abzubringen und zu bekehren.

O Schwester, bedecke dich!“

Zielt diese Art von „Streetwork“ in erster Linie auf männliche Jugendliche, wendet sich die Aktion „O Schwester, bedecke dich!“ explizit an Mädchen. Wir kennen das: Mädchen, für die ihre Identität Muslima sehr wichtig ist, tragen oft ein Kopftuch, unterscheiden sich aber Schulter abwärts in der Kleidung nicht von den anderen Mädchen. Manchmal tragen sie auch Schmuck oder schminken ihr Gesicht. „Für sie ist es wichtig Kopftuch zu tragen“, sagte Claudia Dantschke, „vielleicht ist es auch Familientradition.“ Sie sagten, als gute Muslima muss ich das Kopftuch tragen, „erklären können sie es aber nicht“. Dantschke: „Sie sind oft nicht in ihrer Religion sprechfähig.“ Hier setzen die Salafisten ein. Sie erklären – auch anhand von Bildern – die muslimische Frau muss alle Rundungen verhüllen. Heißt, den Hidschab tragen. Nur Hände, Füße und Gesicht (umstritten) dürfen zu sehen sein. Der Hidschab darf nicht durchsichtig und auch nicht parfümiert sein, nicht am Körper anliegen.

Die Rundungen, Brust, Oberschenkel und Hintern dürfen sich nicht abzeichnen. Also scheidet auch das Tragen von Hosen aus. Die Salafisten fragten dann: „Du willst doch eine gute Muslima sein?“ Und schon hätten sie oft ein Bein in der Tür. Es entsteht für diese Mädchen so etwas wie „eine Mobbingsituation“. Es werde Scham und Schuld impliziert. Aber gleichzeitig haben die Salafisten auch eine Lösung parat. „Komm zu uns, wir zeigen dir wie eine richtige Muslima zu sein hat!“ Manche Mädchen können sich dem entziehen, andere aber nicht.

Bist du Muslim?“

Die arabischen und türkischen Jungs, die auf der Straße angesprochen werden, kriegen die Salafisten schon über die Frage: „Bist du Muslim?“ Sie werden natürlich mit einem Ja antworten, da das „Muslim sein“ ein wichtiger Teil ihrer Identität ist. Doch bei Fragen, wann sie das letzte Mal in der Moschee waren, kommen die, die vielleicht die Fastenzeit gerade mal drei statt dreißig Tage durchgehalten haben, für gewöhnlich schon ins Schleudern. Ein „Einfallstor“, sagte Claudia Dantschke. Auch hier entsteht Schamhaftigkeit und Schuld bei den Jungen. Dann werden Flyer und CDs von Pierre Vogel, Sven Lau oder noch radikaleren Predigern verteilt oder auf eine Jugendgruppe hingewiesen. Und manch ein Junge beißt dann schuldbewusst wegen seiner religiösen Defizite an. In den Jugendlichen, die mit dieser Missionsaufgabe betraut werden, erwächst Stolz, dass ihnen von Erwachsenen Vertrauen entgegengebracht wird. Vielleicht das erste Mal. Und so sind sie sehr engagiert und sehr überzeugend. Dantschke: „Jugendliche, bei denen gerade ein offenes Fenster ist, die unsicher sind und nach Orientierung suchen“, sind besonders empfänglich für derlei missionarische Ansprache der z.T. ebenso alten Salafisten. Es finde eine Art, wie Dantschke es sarkastisch ausdrückte, „salafistische Sozialarbeit“ statt. Es gehe im Selbstverständnis dieser „Sozialarbeiter“ darum, „die Jugendlichen aus dem dekadenten System Demokratie herauszuholen“. Dahinter stehe eine Lesart, die man allerdings nicht allein von den Salafisten, sondern auch von anderen konservativ-religiösen Leuten anderer Religionen hören könne. Eingedenk dessen: Ein mit Moral und Ethik ausgestatteter Mensch werde man erst „durch die Lenkung von Gott“. Die Demokratie sei sozusagen von Übel, „weil der Menschen sich an die Stelle Gottes gesetzt hat“, gab die Referentin zu bedenken. Oftmals sind sogar die Eltern der Jugendlichen – wenn auch nicht begeistert – damit zufrieden. Sollen die Kinder doch beten. Besser als saufen und kiffen! Zu spät bemerken sie oft, wo die Jugendlichen da hinein geraten sind. Die salafistischen Einflüsterer schwören die Jugendlichen geschickt auf die Zeit im Paradies ein. Das Hier und Jetzt sei doch nur eine Zwischenwelt. Und Reichtum ein Scheinvergnügen. Die Belohnung warte im Paradies. Der materielle Reichtum werde gewandelt in eine andere Orientierung und die Hoffnung darauf, was im Paradies kommt. Die Jugendlichen gehen in keine Diskothek mehr, hören keine Musik, treffen sich nicht mit Mädchen. Sie versuchten diesen strengen Weg zu folgen. Claudia Dantschke: „Wenn man sie dann fragt, wie stellst du dir denn das Paradies vor, antworteten sie: da habe ich dann alles, da habe ich Weiber, da kann ich trinken, da kann ich Party machen, da habe ich Highlife …“ Dies sei eine „ganz plakative Vorstellung vom Paradies, über die Mainstream-Muslime gewiss den Kopf schütteln“.

Sehr bedenklich: Das Predigernetzwerk „Die wahre Religion“

Als sehr bedenklich bezeichnete Claudia Dantschke das in NRW ansässige Predigernetzwerk „Die wahre Religion“ um Abou Nagie, Abu Dujana und Abu Abdullah, die in Hinterzimmern und separaten Veranstaltungen Jugendliche ideologisieren und damit radikalisieren. Sie erinnerte an die Ausschreitungen in Solingen und Bonn im Mai 2012. Bekannt wurde das Netzwerk mit der kostenlosen, an sich harmlos daherkommenden und überhaupt nicht radikal anmutenden Verteilung von Koran-Exemplaren innerhalb der Straßenaktion „LIES!“. Gegendemonstrationen mit der Verteilung des Grundgesetzes hält Dantschke für kontraproduktiv. „Damit bestätigt man genau das Narrativ, das die Jugendlichen überhaupt erst mal dorthin geführt hat, nämlich die Verschwörung von Politik, Sicherheitsapparat, staatlichen Lehrern und Medien gegen den Islam und die Muslime.“ Eine Gegenaktion sollte ihrer Meinung nach von sunnitischen Gläubigen kommen, die sich neben den „Lies!“-Stand stellen und Koran-Stellen heraussuchten und laut vorläsen, worin es um das Gemeinsame der Religionen geht. Etwa die Barmherzigkeit von Allah. Damit könnte gegen salafistische Selbsterhöhung angegangen werden und die Religionshardliner unter Umständen verwirren.

Der „Pop-Djihad“

Es hat sich vor diesem Hintergrund ein, wie es Claudia Dantschke zu nennen pflegt „Pop-Djihad“ entwickelt. Auch gezeigt an einem Plakat, das einen Salafisten zeigt, der einem Weihnachtsmann einen Kinnhaken versetzt. Dieser stehe für westliche Kultur, Demokratie, Christentum, für alles Dekadente. Diese Jugendkultur sei eine radikale Subkultur und komme aus Westeuropa, erklärte Dantschke, und sei nicht aus dem Nahen Osten „eingeschleppt worden“. Die Jugendlichen seien hier geboren und sozialisiert worden. Sie haben in irgendeiner Form Frust in ihrem Leben oder emotionale Ausgrenzung erfahren. Erreicht werden könnten heute Jugendliche bis sogar in ein abgelegenes ostdeutsches Dorf. Ganz einfach via Chats im Netz und über die jugendkulturellen Medien. Auch von dort gingen Jugendliche zum IS nach Syrien. Sogar Mädchen.

Vom Outfit her sehen die Jugendlichen gar nicht aus wie klassische Salafisten etwa in Pluderhosen und Kaftan. Zu diesem „Pop-Jihad“ (Quelle: Tagesspiegel) gibt es nämlich auch die passenden hippen Klamotten. Die Gruppen ähneln mit ihrem Outfit eher einer Jugendgang mit Bart. Ungestutzt, wie bei Mohammed. Sweatshirts mit speziellen Symbolen oder Militarylook. Claudia Dantschke projizierte Bilder von T-Shirts. Eines könne man verbieten. Aber nur, weil es dem Verein „Tauhid Deutschland“ zuzuordnen ist und der im März 2015 verboten wurde. „Tauhid“ selbst ist der Begriff für das islamische Verständnis des „Monotheismus“ und wäre als religiöser Begriff nicht angreifbar. Ebenso T-Shirts mit dem Glaubensbekenntnis. Oder das T-Shirt mit dem Shahada-Finger. Claudia Dantschke hält die Erklärung mancher Medien, dies sei das Handzeichen des IS für problematisch. „Zeigefinger der rechten Hand noch oben, heißt nichts anderes als ich bezeuge den Tauhid, dass nur Allah der Souverän ist.“ Die IS-Leute instrumentalisierten wie zuvor Al-Qaida dieses Zeichen, zögen dies zu sich, um für sich in Anspruch zu nehmen, als einzige „den wahren Islam“ zu vertreten. „Ein Handzeichen bei Massenveranstaltungen schafft Gruppenidentität“, so waren es zunächst die Muslimbrüder, die dieses religiöse Handzeichen politisiert haben.

Supermuslim und Supermuslima und der Löwe Osama

Die Kids wüchsen ja mit den ganzen US-amerikanischen Comic-Streifen auf. So wird Superman zum Supermuslim. Auf YouTube fände man hochprofessionell gemachte Supermuslim-Filme, hergestellt von einem Deutsch-Türken.

Für Frauen, die den Hidschab nicht schmücken dürfen, gibt es Handtaschen mit einer neuen Stilisierung von Tauhid, mit einem zum Schwert gemachtem T, oder mit dem Emblem der „Supermuslima“. Juristisch ist das alles nicht zu verbieten. Mit dem Schriftzug „mein kleiner Löwe“ auf einem Babystrampler kommt der Löwe als das Tier der Djihadisten zu Ehren. Das mutet witzig an. „Ist aber gar nicht witzig“, gibt Claudia Dantschke zu bedenken: „Osama bin Laden, Osama übersetzt heißt Löwe.“ Mit dem Bild der Löwin bzw. des Löwen werde sowohl bei Al-Qaida als auch beim IS gearbeitet. Was implizieren diese T-Shirts und Strampler also: „Wir sind die Löwen des Islam.“

Dieser „Pop-Djihad“ sei also überhaupt nichts Harmloses. Es ist nichts anderes „als die mit den Mitteln der Popkultur an die Jugendlichen herangebrachte radikale Ideologie und Menschenverachtung“.

Es gibt charismatische radikale Prediger, die ihre Predigten aufzeichnen und auf YouTube einstellen. „Doch“, fragte Claudia Dantschke in den vollbesetzten Hörsaal hinein, „welcher Jugendliche folgt schon so einer einstündigen Aufzeichnung mit Standbild bis zum Ende?“ Wohingegen kurze rasant geschnittene hippe Videos auf YouTube Jugendliche fesselten. Da ist wieder die Popkultur. Die gleiche radikale Botschaft ist so viel leichter herüberzubringen.

Wenn sich die zum IS Ausgereisten bei den Eltern melden

Mit den zum IS Ausgereisten bestünde Kontakt. Sie melden sich fast alle bei den Eltern oder alten Freunden, die noch nicht ausgereist sind. Sie posteten sogar Fotos. Da würden dann graue Leichen oder welche mit schwarzen Gesichtern gezeigt. Vielleicht sind die Leichen vom Wüstensand grau. Es handelt sich um Leichen der Feinde: Assad-Kämpfer oder Kurden. Kommentiert werden diese Fotos dann so: „Siehst du diese schwarzen Leichen, siehst du von den Sündigen die Gesichter, wie sie schwarz werden.“ Das ist der Beweis für sie, dass diese Toten nun in der Hölle sind. Dem setzen diese Jugendlichen dann andere Bilder gegenüber – Großaufnahmen vom Gesicht der gefallenen Freunde, auf denen vermeintlich ein Lächeln zu sehen ist. „Siehst du das Lächeln in seinem Gesicht? Er hat schon im Tod das Paradies gesehen“. Das exklusive Versprechen sowohl der politischen als auch der djihadistischen Salafisten an die Jugendlichen, ihnen den Einzug ins Paradies und damit ewiges Glück garantieren zu können, wenn diese nur ihrem Weg folgen, während alle anderen auf ewig in der Hölle die schlimmsten Qualen erleiden müssen, ist sehr wirkungsmächtig und soll durch diese nach Deutschland geposteten Bilder untermauert werden.

Gegen Ende ihres Vortrags wies Dantschke darauf hin, dass wir es nicht mit einem „männlichen Problem“ zu tun haben. „Auch für Mädchen ist das Thema sehr attraktiv.“ Und die Referentin warnte: „Faktisch ist keine Familie in Deutschland davor gefeit, dass ihr Kind sich radikalisiert. Wir haben Ausreisen aus der Ganz-Deutschland.“ Gemeinsam hätten diese Jugendlichen, dass sie „religiöse Analphabeten“ seien. Sie erlebten Islam oder Christentum meist nur als Familientradition. Es gäbe ja auch Christen, die nicht erklären könnten was Pfingsten ist. Die Jugendlichen seien auf der Suche nach Erklärungen. Was ist denn eigentlich Islam? Die Prediger sprächen ihre Sprache, auch in Deutsch und nicht über ihre Köpfe hinweg. Sie böten Erklärungen entlang des Lebensalltages der Jugendlichen. Und wenn die Jugendliche das Gefühl bekämen: „Das ist es! Das kann ich nachvollziehen, das kann ich praktizieren, das gibt mir was – dann ist das für diese Jugendliche der wahre Islam.“ Dann hülfe es auch nicht sie zum nächsten Imam zu schleppen, damit der ihm was über „den richtigen Islam“ erzähle. Wenn der Jugendliche emotional getroffen ist, dann ist das für ihn der Islam. In der salafistischen Gemeinde habe er zudem jemanden, der ihn an die Hand nimmt. Und Struktur ins Leben bringt. Allein schon fünf Mal Beten am Tag erfüllt diese Aufgabe. Viele der Jugendliche sehnen sich danach, dass irgendwer sich endlich mal um sie kümmere und ihnen Orientierung gibt. Und mit der salafistischen Ideologie kann man sich von den Eltern abgrenzen. Was ja doch typisch für Jugendliche jedweder Generation war und ist. In der Gruppe erlebt er Gemeinschaft, Akzeptanz unabhängig der Herkunft oder des Reichtums seiner Familie und vermeintliche Gerechtigkeit. Nach dem Motto: Ich bin der wahre Muslim, wer ist mehr?

Was tun?

Gefragt seien behutsame Pädagogik und Sozialarbeit. Hat man es mit einem Schrei nach Aufmerksamkeit, nach Liebe zu tun oder steckt bei Auffälligkeiten mehr dahinter? Herausfinden müssten das in einem ersten Schritt die Sozialarbeiter und die Pädagogen „mit ihrem Handwerkszeug“ – nicht der Staatsschutz, meint Expertin Dantschke.

Ein hochinteressanter, fesselnder Beitrag und kluge Fragen zum Schluss

Ein sehr informativer und vor allem plakativer Vortrag, lobte Dekan Prof. Dr. Mehmet Toprak, sei das gewesen. In der Tat hochinteressant und fesselnd. Lebendig vorgetragene Fakten und Erkenntnisse aus erster Hand machten dieses Referat aus. Anschließend wurden aus dem Publikum heraus nicht wenige interessante und kluge Fragen gestellt, welche Claudia Dantschke kompetent zu beantworten verstand. Wegen sozialer Ausgrenzung, zeigte sich die Referentin überzeugt, radikalisiere sich in Deutschland niemand. „Das sind zwar Push-Faktoren, aber keine Ursachen.“ Sie gab noch einmal ausdrücklich zu verstehen, dass sie an diesem Abend nicht vom Islam sondern ausschließlich vom politischen Salafismus und Djihadismus gesprochen habe. Wir hätten hier vier Millionen Muslime und massenhaft islamische Einrichtungen. Der Islam könne in einer Demokratie kompatiblen Form kennengelernt werden. Der Punkt sei nur, dass viele der Einrichtungen noch auf Arabisch oder Türkische predigten und statt die Jugendlichen anzusprechen sich vielleicht nur um den Bau der nächsten Moschee kümmerten. Was sie in den Schaubildern grün oder rot (gewaltlos/gewalttätig) gekennzeichnet habe, sei ähnlich im Rechtsextremismus. Müsse man sich nur mit dem NSU oder auch mit der NPD auseinandersetzen? Die NPD sei nicht gewalttätig. „Ihre Ideologie ist aber die Basis auf der bestimmte Leute gewalttätig sind.“

Die politisch-missionarischen Salafisten seien auch nicht gewalttätig. Aber die Ideologie, ihr Fundamentalismus kann von anderen Gruppen in Gewalt umgesetzt werden. „Politischer Salafismus ist eine der Ideologien der Ungleichwertigkeit“, meinte Dantschke.

Wo setzt Beratung an?

Im sozialen Umfeld wird angesetzt. Bei den individuellen Ursachen. Angesprochen auf die Rolle der Medien und ihre Darstellung des Islam äußerte sich die Referentin hoffnungsvoll. Auch betreffs der Meinungsfreiheit und Vielfalt. Trotz „bescheuerter Medien“ und „plakativer Talkshows, die quasi alles kaputtmachen, was wir vorher an Verständnis aufgebaut haben“.

Wie Dekan Toprak informierte, wird Claudia Dantschke in der nächsten Sendung von „Hart aber Fair“ zu sehen sein. Allerdings, so schränkte die Referentin ein, nur für fünf Minuten.