Hinter den Bahngleisen in Dortmund: Gott an der Gitarre und Sascha aus „Bisleyland“ – Nordstadt pur

Boris Gott (links) und Sascha Bisley. Fotos: C.-D. Stille

In diesem Jahr organisierte das  Dietrich-Keuning-Haus (DKH) in Dortmund ein neues Sommerprogramm. In einem Zirkuszelt. Am Vormittag war das Chapiteau in Beschlag von Kindern. An jeweils drei Abenden standen im Zirkuszelt unweit der U-Bahnstation Leopoldstraße im Park am DKH Tanz, Musik und Lesungen auf dem Programmzettel. Vergangenen Freitagabend  veranstaltete TAPIR in Kooperation mit dem Dietrich-Keuning-Haus:

„Bisley spricht zu Gott und Gott singt zurück!“

Aus der Einladung (via Facebook) zitiert:

„Bisley spricht zu Gott….
… und Gott singt zurück.

Ein Zirkuszelt im Herzen der Nordstadt wird für einen Abend zu einem Ort für den offenen Gedankenaustausch zweier Stadtteilbewohner. Die Welt hinter den Bahnschienen fasziniert beide und sie beobachten ihre Umwelt nicht nur, sondern machen sie der breiten Öffentlichkeit zugängig. Und so treffen sie sich endlich, Boris Gott, der Barde des Ruhrgebiets und Autor und Tausendsassa Sascha Bisley im Diskurs über den Stadtteil über den sich die Geister scheiden.
In einem Wechsel zwischen Musik und Lesung loten sie die Grenzen zwischen Nord- und Südstadt aus und finden zwischen Klischees und Trinkhallen hoffentlich auch ein Stück Wahrheit.
Sascha Bisley, Blogger, Autor seiner eigenen Biographie (Zurück aus der Hölle) und nominiert für den Grimme Preis 2017 für „Szene Deutschland“ (ZDF) Mit „Bisleyland“ hat er endlich seine Kurzgeschichten herausgebracht.
Boris Gott feierte mit den CDs „Bukowski-Land“, „Nordstadt E.P.“ und „Es Ist Nicht Leicht Ein Mensch Zu Sein“ nicht nur im Ruhrgebiet Erfolge. Mit luftigem Folk-Pop und dunklem Ü-30 Blues singt BORIS GOTT über die Wechselfälle des Lebens im neuen Jahrtausend.“

Das Zelt am Dietrich-Keuning-Haus.

Der Dortmunder Norden hat schon seit 150 Jahren den Schwarzen Peter

Um es gleich vorwegzunehmen: Der Weg über die Bahnschienen (selbst unterquerte ich sie mit der U-Bahn) an diesem Abend hat sich fürwahr gelohnt. In die Welt der Dortmunder Nordstadt einzutauchen gibt Mensch mehr als man für gewöhnlich zu denken wagt.

Jedenfalls sollte man sich nicht von Schwarzmalern, Vorurteile verbreitenden Zeitgenossen verschrecken lassen. Ich kann das sagen: wohnte ich doch einst selbst sieben Jahre in der Nordstadt. Die Nordstadt ist besser als ihr Ruf. Als ich dort eine Wohnung fand, hieß es aus Kollegenmund jedoch, die Nase rümpfend: „Nordstadt?! Na, dat würd‘ ich mir noch mal überlegen.“

Schon vor hundertfünfzig Jahren übrigens war die Ruf der damals entstehenden Nordstadt kaum besser als gegenwärtig.  Das Areal nordwärts des Bahnhofs war zunächst mit schäbigen Baracken bebaut worden. Bestimmt für die in den Zechen und der aufstrebenden Industrie in Dortmund dringend benötigten Arbeitskräfte aus Schlesien. Für das Bürgertum dagegen war ein Schritt über die Bahnschienen in die Nordstadt tabu. Diese trennten – so wurde es gesehen – die Stadt in gut und böse. Und schieden sich anständig dünkende Menschen von vermeintlichen Gaunern und Vergewaltigern unschuldiger Bürgertöchter (hier mehr darüber). Später kamen die sogenannten „Gastarbeiter“ – Italiener, Griechen und Türken. Die trafen nun die nahezu  gleichen Vorurteile wie zuvor die Schlesier. Die Buhmänner und Buhfrauen von heute sind Bulgaren und Rumänen. Die Roma unter ihnen – obwohl mit den gleichen Staatsangehörigkeiten ausgestattet – und ebenfalls  EU-Bürger – rangieren, was deren Ruf anbelangt, auf der tiefsten Stufe.

Klar, es stimmt (auch): Die Dortmunder Nordstadt hat ihre Probleme. Sie ist berüchtigt. Auch das. Nicht alles sind nur Vorurteile, was man sich über den Kiez erzählt. Rau kann es zugehen. Aber wer will, kann da auch viel Herz entdecken, sieht er mit selbigem. Allerdings ist alles letztlich doch ganz anders als manch ferne Zeitungsredaktion sich denkt, die mal ein Reporter schickt, um für eine Topstory immer wieder bedienten Vorurteilen abermals ein Mantel von Wirklichkeit umzuhängen. Um dann der Nordstadt den Stempel „No-Go-Area“ aufzudrücken. Wobei Lichtblicke – die es gewiss neben Kritikwürdigem in Dortmunds Norden ebenfalls zu entdecken gibt – geflissentlich übersehen werden.

Themen aufgegriffen, die auf der Straße liegen

Da kann der Autor schon einmal auch über eine seiner gelungenen Geschichten lachen.

Um all das und noch viel mehr ging es Freitagabend im Chapiteau am Keuninghaus. Die Nordstadt, die Themen, die im wahrsten Sinne auf der Straße liegen, sprachen aus den musikalischen Beiträgen von Boris Gott, der an diesem Abend mit seinem musikalischen Vortrag vorlegt. Aus den Kurzgeschichten von Sascha Bisley, der, wie er sich selbst beschreibt „Dortmunder Junge mit sauerländischem Migrationshintergrund“ ist, springen die Themen einen förmlich an. Da kann es schon mal schmutzig zugehen, wenn Bisley ein paar Schwänke aus der Jugend und von später zum Besten gibt. Etwa über sein Praktikum bei Karstadt in Iserlohn Bericht erstattet. Und der Betriebsfeier da bei reichlich Alkohol, der den Praktikanten dazu verführte, sein Geschlechtsteil vor allem zu entblößen. Ein anderes Mal hatte er im Kaufhaus in einem Bärenkostüm („Steiff wie ein Bär“) herum zu wandeln. Kinder die ihm am „Bärenpürzel“ zogen, kriegten da schon einmal ein Tritt in den dicken Blagenarsch.

Menschen sind komisch“

Auch heute beobachtet Bisley die Menschen Alltag genau. Da geht ihm die blöde Tankstellentussi auf die Nerven. Und erst recht die immer mehr um sich greifende Verbreitung kotzdämlicher Anglizismen – wie etwa die Bezeichung Facilitymanager für Hausmeister (!). Es kommt zur Sprache, wie er seine mitunter nervenden Mitmenschen („Menschen sind komisch“) sieht und wie er sie mit schlimmsten Ausdrücken bedenkt- Oder was er da manchmal eigentlich gerne mit ihnen machen würde. Das entspannt! Auch wenn er es letzlich  gar nicht macht, sondern eben nur denkt. Und den Verhassten einfach nett, den

Gott in Aktion.

Kopf zur Seite lehnend, zulächelt. Wie er sich echauffiert über die Unruhe in einem Café, wo überdies ein Baby an der vertrockneten Schrumpeltitte seiner Mutter lutscht. Und überhaupt: Die vollgestopften Kinder von heute, die umfallen, wenn sie rückwärts laufen sollen. Schließlich die Geschichte in Erinnerung an Bisleys eingeschläferten Hund. An den gemeinsamen  Besuch im  „Hunde-Ghetto“ und die Blicke der Passanten, die je nachdem wie der Hundehalter handelt, den Gesichtsausdruck ändern. Entsorgt man als Halter die Hundekacke, oder lässt man diese schnöde liegen? Es gibt eben „Hundemenschen“ und Katzenmenschen“, meinte Sascha Bisley. Eine „Hundemenschin“ ist mit ihrem Freund mit der kalten Schnauze im Publikum. Quatsch sei es doch, hat Bisley für sein Buch notiert, dass Katzen schlauer seien als Hunde! In Wahrheit sehe es doch nur so aus, dass der Kater zuhause so klug von der Fensterbank aus das Leben betrachte – der hocke da doch nur, weil unterm Fensterbrett der Heizkörper sitze! Und: „Hat man schon von Lawinensuchkatzen gehört?“ Bölkt auch einmal ein vom Alkohol enthemmter Zuschauer in Richtung Podium, klingelt ein Handy Publikum. Bisley pariert die Störungen souverän.

Wahrscheinlich saugt man die Bisley-Geschichten auf wie ein Süchtiger

Cover von „Bisleyland“ via Bücher.de.

Vierzig solch köstlicher, schlimmen, , komischen, irren – kein Blatt vor den Mund nehmenden – Geschichten versammelt Bisleys neues Buch „Bisleyland“. Eine kleine Auswahl daraus brachte der Autor gestern im Zelt zu Gehör. Da wird das Leben ohne Rücksicht auf Verluste ins Buch geklatscht, das zu lesen sich lohnen dürfte: Abenteuer im Abseits. Wahrscheinlich saugt man als Leser die Bisley-Geschichten auf wie ein Süchtiger.

Immer wieder warfen sich Boris Gott und Sascha Bisley gegenseitig die Bälle zu

Lieder folgten auf Geschichten. Geschichten auf Lieder. Boris Gott hatte nach einer Zeit mit einmal die Leute gepackt. Da wurde geklatscht, mitgesungen und beinahe auch geschunkelt. Nach der Pause wurden die Bisley-Geschichte noch einmal einen Tacken drastischer – und das Publikum goutierte es!

Integration hätte besser gelingen können

Im Anschluss an Konzert und Lesung bekam das Publikum noch die Möglichkeit, Fragen und Ansichten in die Diskussion mit einzubringen. Man kam überein: die Nordstadt ist besser als ihr Ruf. Bisley kritisierte, dass die Stadt einst die Ballung von Migration in diesem Stadtteil zuließ. „Hätte man die Leute im Stadtgebiet besser verteilt, die Integration wäre bestens gelungen. Die Leute hätten wohl die Kehrwoche schon verinnerlicht“, zeigte sich Bisley sicher. Ob das nun wünschenswert wäre oder nicht.

Und was Sascha Bisley jedes Jahr auffalle: Während schon kurz nach Neujahr in anderen Stadtteilen die

Sascha Bisley folgt der Diskussion.

Straßen wieder vom Dreck der Silvesternacht sauber seien, lägen hier im Norden noch tagelang die Böllerschnipsel herum. „Ob da Absicht dahinter steckt?“, entfuhr es Bisley.

Alles in allem ein runder Abend, da im Zelt am U-Bahnhof Leopoldstraße. Menschliches, allzu Menschliches frisch von der Leber weg. In einem Stadtteil, wo die Menschen oft das Herz auf der Zunge tragen.

Ein Video von Sascha Bisley

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