Dortmund – Nordstadt: Problemviertel und Chancenraum. Dr. Sebastian Kurtenbach referierte in der neuen Galerie im Depot

Dr. Sebastian Kurtenbach referierte kundig und engagiert. Fotos (8): Claus Stille

Über die Dortmunder Nordstadt haben Viele eine Meinung. Selten eine gute. Dass ist sogar bei Menschen der Fall, die den 60.000 Einwohner beherbergenden Stadtteil selbst noch niemals betreten haben. Das dürfte in erster Linie mit der medialen Berichterstattung im Zusammenhang stehen. Erst kürzlich wieder machte eine an Pfingsten im Stadtbezirk stattgefundene Massenschlägerei Schlagzeilen. Die Kritiker mit festgefügtem negativen Meinungsbild fühlten sich wohl wieder einmal mehr bestätigt. Doch so einfach ist es nicht. Weshalb es zu differenzieren gilt. Die Nordstadt gehört zu den wohl bekanntesten Stadtteilen des Ruhrgebiets, wenn nicht sogar Deutschlands. Ihr Ruf basiert auf zahlreichen Widersprüchen, wie der besten Grundschule des Landes, hohen Kriminalitätsraten, Zuwanderung armutsbedrohter Menschen aus Südosteuropa oder jubelnde Menschen bei der Ankunft Geflüchteter als Sinnbild der Willkommenskultur 2015. Zweifellos ist die Nordstadt ein problematischer, aber gleichzeitig auch ein Chancenort. Man habe es mit einem Sowohl-als-auch zu tun, so die Quintessenz des Referats von Dr. Sebastian Kurtenbach.

Der Referent und sein Thema

Dr. Sebastian Kurtenbach ist ein Kenner der Dortmunder Nordstadt. Er ist aktuell Vertretungsprofessor für Politikwissenschaften/Sozialpolitik, an der Fachhochschule Münster (Schwerpunkt Kommunalpolitik und kommunale Sozialpolitik). Kürzlich hielt Dr. Kurtenbach im Rahmen von „Blickwechsel – die Nordstadt(blogger)-Ausstellung“ (noch bis 29. Juni) in der neuen Galerie im Depot einen gut ausdifferenzierten Vortrag unter dem Titel „Dortmund-Nordstadt: Problemviertel und Chancenraum“.

Zwei Zeitungsartikel im selben Blatt machten die Ambivalenz der Nordstadt deutlich

Für den Stadtsoziologen Kurtenbach offenbart die Nordstadt, in der fast zehn Prozent der Dortmunder Bevölkerung lebt und welcher der kinderreichste Bezirk vor allen anderen ist, „normativ gesehen problematische“ aber auch als positiv zu bezeichnende Aspekte. Diese Ambivalenz sei gerade wieder in den letzten Tagen betreffs der Berichterstattung über die erwähnte körperliche Auseinandersetzung an Pfingsten – sogar in ein und der derselben Zeitung – deutlich geworden. In den Ruhr Nachrichten nämlich waren innerhalb weniger Tage zwei Artikel (hier und hier) über die Nordstadt zweier verschiedener Redakteure mit zeitlichem Abstand erschienen, welche das aufscheinen ließen. In dem einen ist im Text von „Szenen wir im Krieg“ die Rede, in dem anderen lautet der Tenor: Es ist alles gar nicht so schlimm, so kriminell, schaut doch mal vorbei. Für beides, müsse anerkannt werden, so Dr. Sebastian Kurtenbach, gebe es unzweifelhaft Argumente und Nachweise.

Hohe Problemdichte in der Dortmunder Nordstadt und ein schlechtes Stigma

Fraglos, wurde klar, liegt die Problemdichte in der Nordstadt höher als in anderen Dortmunder Stadtteilen. Gesundheitsprobleme, nicht zuletzt aufgrund schlechter Luft durch hohe Verkehrsbelastung (die Feinstaubbelastung ist relativ hoch), erhöhte Armut und Kriminalitätsrate (vor allem im Bereich Jugendgewalt) seien Tatsachen. Ein Drittel aller Haushalte in der Nordstadt seien überschuldet, referierte Dr. Kurtenbach. Bei der Einschulungsuntersuchung von Kindern aus der Nordstadt werden im Vergleich zu Altersgenossen in anderen Stadtteilen besonders oft Defizite bei der Visuomotorik (Koordination von visueller Wahrnehmung und Bewegungsapparat) festgestellt. Auch an ausreichenden Deutschkenntnisse herrsche ein Mangel.

Betreffs der Stadt Essen z. B. habe eine Untersuchung eins Bochum Kollegen ergeben, dass es reiche zu wissen, wo die Wiege eines Kindes steht, um dessen Bildungskarriere mit einer Wahrscheinlichkeit von siebzig Prozent zu prognostizieren. Kurtenbach: „Das ist ein Skandal!“

Die Nordstadt hat ein schlechtes Stigma und eine „sehr schlechte territoriale Reputation“, merkte Dr. Kurtenbach an. Dies wollte der Referent indes nicht als Nordstadt-Bashing verstanden wissen: „Wir müssen die vorhandenen Probleme tatsächlich benennen, dann man kann auch etwas daran tun.“

Im Stadtteil seien „instabile kollektive Normen“ zu erkennen. Was auch mit der relative hohen Fluktuation in der Nordstadt in Zusammenhang stehe. Dadurch sei etwa die Nachbarschaftshilfe bei Problemen nicht sehr hoch. Dafür kenne man sich halt viel zu wenig. Konflikte würden nicht selten untereinander ausgehandelt.

Ein Fakt sei, dass die Nordstadt schon immer ein Ankunftsgebiet für Einwanderer gewesen sei. Sie orientierten sich bei den schon Ansässigen, integrierten sich und manche zögen dann wiederum fort in andere Stadtteile. Für andere wiederum werde die Nordstadt zu einer Sackgasse, weil deren Integration gescheitert sei.

Forschungsprojekt zur Jugendgewalt

Was die Jugendgewalt angehe, sagte Kurtenbach, habe er an der Universität Bielefeld unter Leitung von Prof. Wilhelm Heitmeyer zusammen mit Simon Howell, Abdul Rauf und Stefan Zdun ein internationales Forschungsprojekt durchgeführt. Und zwar in Deutschland Pakistan und Südafrika (Veröffentlicht unter dem Titel „The Codes of the Streets in Risky Neighborhoods“). In riskanten Stadtteilen seien männliche Jugendliche im Alter von 16 bis 19 Jahren interviewt worden. Was die Nordstadt angeht, kam heraus, dass die Jugendlichen etwa im Vergleich zu Scharnhorst viel mehr darum bemüht seien, herauszufinden, wie man Konflikten ausweichen und Gewalt vermeiden könne. Dennoch sei die Brutalität bei Konflikten in der Nordstadt besonders noch gewesen.

Dennoch: Die Nordstadt – mit über 100 Jahren Aufnahmeerfahrung mit Zuwanderern – ist ein Chancenort

All die vorangehend genannten Tatsachen erforderten von Politik und Gesellschaft daran zu arbeiten. Dennoch, darauf beharrte Kurtenbach, sei die Nordstadt ein Chancenort. Und ging im zweiten Teil seines Vortrags darauf ein.

Anderen Dortmunder Stadtteilen habe die Nordstadt schon einmal eines voraus: Seit über einhundert Jahren habe sie Erfahrung in der Aufnahme von Menschen durch die Zuwanderung (dazu auch hier und hier) . Etwa seien Menschen u.a. aus der Ukraine in der westlichen Teil der Nordstadt gezogen. Davon zeugten noch heute manche Straßennamen. Viele von ihnen hätten rund um ein Kloake gewohnt, die man auch noch abfällig als das „Schwarze Meer“ bezeichnet habe. Damals habe man nachts die auf Bodenhöhe befindlichen Bahngleise abgesperrt, welche die Nordstadt vom anderen Teil Dortmunds trennten. Da schon ist das „Sicherheitsnarrativ“ aufgekommen: „In der Nordstadt da wohnen so viele Polen, da müssen wir unsere Innenstadt davor schützen.“

Der Konfliktverlauf in der Nordstadt steigt zwar an, verbleibt jedoch auf mittelmäßigem Niveau

Ihm würde zuweilen unterstellt er habe eine rosarote Brille auf, wenn er über die Nordstadt spreche, sagte Sebastian Kurtenbach. Was nicht so sei. Denn, nicht immer sei alles so friedlich verlaufen, was mit Zuwanderung zusammenhängt. Allerdings besteht er darauf: „Im Ergebnis klappt es ziemlich gut.“ Ein Konfliktverlauf müsste, wurde in einer projizierten Grafik dargestellt, eigentlich so sein, dass er ansteige, eskaliert und dann sich wieder abschwäche. Kurtenbach, auf die Nordstadt bezogen: „Wir argumentieren aber, dass der Konflikt zwar ansteigt aber nicht zum Eskalationspunkt kommt.“ Durch vielfältige Moderationsangebote verbleibe der Konfliktverlauf auf einem mittelmäßigen Niveau.

Viele Angebote und Austauschplattformen für die verschiedenen Zuwanderer in der Nordstadt

Dr. Kurtenbach: „Es werden immer wieder Mikrolösungen gefunden.“ Und die sprächen in Form von Veranstaltungen und Angeboten viele verschiedene Zuwanderer in der Nordstadt an. Dr. Kurtenbach nannte das Roma-Kulturfestival „Djelem Djelem“ – mittlerweile deutschlandweit bekannt (hier mehr). Es helfe sehr gut dabei mit, dass durch alte Vorurteile immer wieder beschädigte Image der größten europäischen Minderheit, der Roma, aufzubessern. Des Weiteren erwähnte der Referent den „Talk im DKH“, der erfolgreich als Austauschplattform fungiere und diskursiv funktioniere. Was gleichermaßen auf das „Speed-Dating der Kulturen“ in Kooperation von Planerladen und Dietrich-Keuning-Haus zutreffe. Miteinander reden, mehr vom Anderen wissen – darum gehe es.

Merkmale von Ankunftsgebieten

Auf Ankunftsgebiete, wie auch die Nordstadt eines sei, träfen bestimmte Merkmale zu. Sie sind schon länger armutsgeprägt, es existiere ein Dazwischen (Zuwanderer, die noch nicht ganz angekommen sind) – die aber als als Mittler für die Neuankömmlinge dienen (nicht immer ganz selbstlos, zuweilen auch ausbeuterisch handelnd) -, eine Konzentration von Western Union-Filialen und Internetcafés, Angebote von Gelegenheitsjobs (oft freilich Schwarzarbeit), um erst einmal über die Runden zu kommen.

Wer es geschafft habe, ziehe nach Bildungsaufstieg oder wegen eines festen Jobs wieder aus der Nordstadt weg und in andere Dortmunder Stadtbezirke. Das erkläre die konstant hohe Fluktuation.

Die öfters geäußerte Kritik an der sogenannten Armutszuwanderung (etwa aus Rumänien und Bulgarien) stellte Dr. Kurtenbach vom Kopf auf die Füße: Nur ein kleiner Teil der aus diesen Ländern stammenden Menschen litten an Armut. Viele seien von Sozialleistungen ausgeschlossen.

Mit Strategien und Hoffnungen werden soziokulturelle Veränderungen in der Nordstadt angestrebt

Sozialstrukturelle Veränderungen in der Nordstadt, erklärte Sebastian Kurtenbach, gehe man mit Strategien und Hoffnungen an. Der Stadt Dortmund billigte er zu, insgesamt sehr viel für den Stadtteil zu tun. Insgesamt liefen derzeit 250 Projekte mit 250 bis 300 Fach- und Ergänzungskräften.

Das Projekt der Grundschule „Kleine Kielstraße“ verlieh Kurtenbach das Prädikat „Champions League“. Die fingen praktisch schon ab der Geburt der Kinder mit den Familien und deren Sprösslingen zu arbeiten – lange bevor die überhaupt zur Schule kommen.

Auch die Sozialverbände engagierten sich sehr stark.

Ebenfalls gebe es die Initiative einer privaten Firma, welche in das das Wohnprojekt „Borsigplatz West“ investiert. Da ziele man auf eine finanzstärkere Mieterschaft, um eine bessere soziale Mischung hinzubekommen.

Kein Widerspruch: Ernüchterndes Ergebnis betreffs der sozialen Situation in der Nordstadt. Aber das investierte Geld „ist super angelegt“

Ist das Glas Wasser betreffs der Situation in der Nordstadt nun halb voll oder halb leer?

Dr. Sebastian Kurtenbach kommt trotz der vielen Anstrengungen in Sachen Nordstadt („Hier fließt richtig was rein.“) zu einem ernüchternden Ergebnis. An der sozialen Situation in der Nordstadt habe sich wenig getan. Kein Widerspruch: Aber das investierte Geld, da teilt Kurtenbach zusammen mit Aladin El-Mafaalani eine Hypothese, „ist super angelegt“. Das Problem sei nur, das es den einzelnen Personen zugute kommt, aber nicht dem Stadtteil an sich. Es schafften mehr Leute aus der Misere herauszukommen. Die steigenden Anmeldungen von SchülerInnen am Gymnasium sei ein Indiz dafür, dass es ziemlich gut klappe in der Nordstadt. Verstärkte Zuwanderung bei gleichzeitig mehr an Anmeldungen am Gymnasium – dies sei kein schlechtes Zeichen. So müsse weiter verfahren werden. Weshalb die Dortmunder Nordstadt eben nicht (nur) als Problemort sondern durchaus als Chancenraum betrachtet werden müsse. Diese Entwicklung könne durchaus zum Bleiben von Menschen in der Nordstadt und somit zur Stabilisierung von Nachbarschaft beitragen, was wiederum zur Ausbildung von kollektiven Normen führen kann. Andererseits könne die Nordstadt auch eine „Durchlauffunktion“ erfüllen, die für die Gesamtstadt und selbst das Ruhrgebiet insgesamt positive Effekte zeitigen kann.

Interessante Ergänzungen aus dem Publikum, Zustimmung, aber auch ein kontroverser Einwand

Die anschließende Frage- und Diskussionsrunde erbrachte interessante Ergänzungen und es wurden auch neue Fragen aufgeworfen. Die im vollbesetzten Auditorium anwesende SPD-Landtagsabgeordnete Anja Butschkau sagte, ihr habe der Vortrag von Dr. Kurtenbach gezeigt, dass man auf einem guten Weg sei. Als Erkenntnis nehme sie nach diesem Abend mit, dass die vom Referenten aufgestellte These, dass das eingesetzte Geld insofern gut investiert ist, weil es in die Menschen investiert, die dann den Stadtteil verlassen. Für den Stadtteil müsse man sich dann noch einmal etwas überlegen.

Eine andere Dame aus dem Publikum, die an einer Schule tätig und in der Flüchtlingsarbeit engagiert ist, fand, dass sie nicht sehe, dass die Zuwanderer die Nordstadt so freiwillig wählten, wie ihr der Vortrags vermittelt hätte. Die Zuwanderer gingen wohl hauptsächlich wegen der relativ geringen Mieten dorthin, für deren Kosten auch schon einmal das Sozialamt aufkäme. Für sie ist das Problem ein Problem der gesamten Stadt. Der soziale Wohnungsbau werde abgebaut. Es brauche überall mehr bezahlbarer Wohnungsraum. Dr. Sebastian Kurtenbach bestätigte dieses Manko betreffs des sozialen Wohnungsbaus.

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Dortmund: Roma-Flagge über der Stadt – DJELEM DJELEM läuft bis 12. September

Dortmunds Stadtdirektor Jörg Stüdemann (links) eröffnet im Beisein der Mitorganisatoren Ersoj und Armida das 2. Roma Kulturfestival DJELEM DJELEM im Theater im Depot; Fotos. C.-D. Stille

Dortmunds Stadtdirektor Jörg Stüdemann (links) eröffnet im Beisein der Mitorganisatoren Ersoj und Armida das 2. Roma Kulturfestival DJELEM DJELEM im Theater im Depot; Fotos. C.-D. Stille

Nach der Performance „Schubladen“, draußen in der Tramreparaturhalle des einstigen Depots auf der Dortmunder Immermannstraße, begrüßte Stadtdirektor Jörg Stüdemann die Gäste zur Eröffnung des 2. Roma Kulturfestivals DJELEM DJELEM auf der Bühne des Theaters im Depot. Stüdemann sagte eingangs, man wolle neben den Kulturbegegnungen, die sich nun aneinander reihten und zu besichtigen seien, auch „auf die Lebenszustände und Lebensumstände der Neubürger in Dortmund aufmerksam machen“. Es gelte vor allem „Arbeit und Wohnen“ dieser Menschen zu organisieren. Derzeit lebten in Dortmund viele tausend Menschen „vor allem aus Bulgarien und Rumänien, aus Spanien und auch aus Mazedonien.“ Die Lebenssituation der Menschen mit vielen Kindern sei „alles andere als rosig“, Jörg Stüdemann in seiner Ansprache.

Stadtdirektor Jörg Stüdemann: Nicht von Vorurteilen und antiziganistischen Verwirrungen verblenden lassen

„Wir alle als Wohlfahrtsorganisationen, aber auch als Stadtverwaltung sind dazu aufgerufen hier eine Veränderung herbeizuführen.“ Man sei „glücklich darüber, dass so viele Kinder in die Stadt gekommen sind: Die Zahl der Kinder ist im Verlaufe eines Jahres um fast 2000 gestiegen.“ Vor noch wenigen Monaten bzw. vor zwei Jahren „gab es hier düstere Prognosen wie sich die Kinderzahlen in Dortmund entwickeln würden. Das Gegenteil ist mittlerweile eingetreten.“ Aber dazu gehöre eben auch, „dass wir eine Verantwortung für einander empfinden und sagen, wir müssen dann dafür Sorge tragen, dass diese Kinder in dieser Stadt aufwachsen können, die Beschulung funktioniert, der Kindergarten besucht werden kann und dass man sich in dem Miteinander nicht von Vorurteilen und antiziganistischen Verwirrungen verblenden lässt.“ Was sozusagen an die deutsche Stadtgesellschaft gerichtet sei.

An die Roma gerichtet, sagte Stüdemann: Haben Sie den Mut und habt den Mut, euch selbst zu organisieren, Projekte auszurufen, Aufmerksamkeit zu organisieren. Lebt stolz die Kultur, die ihr mitbringt!“ Man wolle auch darüber sprechen, „ob es Sinn machen kann ein Haus der Romakulturen für das Ruhrgebiet in Dortmund zu etablieren.“ Jörg Stüdemann wünschte dem Festival ein gutes Gelingen.

AWO Geschäftsführer Andreas Gora: Die Arbeit für das Festival hat auch uns „den Blick zurechtgerückt“

AWO-Unterbezirksvorsitzender Andreas Gora während seiner Ansprache.

AWO-Unterbezirksvorsitzender Andreas Gora während seiner Ansprache.

Der Geschäftsführer Arbeiterwohlfahrt des Unterbezirks Dortmund, Andreas Gora, drückte seine Freude darüber aus, dass man dieses Festival organisiere. „Das hat uns auch ’ne Menge gebracht. Und hat uns auch den Blick zurechtgerückt in einer Stadt, die sich häufig zwar als modernistisch und populär und weltoffen präsentiert – aber vielleicht nicht immer ist.“ Gora bedankte sich bei allen, die am Festival mitarbeiten und es ermöglichten. Ausdrücklich erwähnte Andreas Gora die beiden Schirm“herren“ des Roma Kulturfestivals, die da seien, Peter Maffay – „Ich mag den ja nicht“, so Gora, (Lachen im Publikum),  „freue mich aber trotzdem, dass es gelungen ist  ihn zu gewinnen“ sowie Aydan Özuguz, Staatsministerin und Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration.

Theatervertreter: DJELEM DJELEM ein „Glücksfall“

Ein Vertreter des gastgebenden Theaters im Depot erinnerte daran, dass das „im wahren Sinne Naheliegende, nämlich der Stadtteil in welchem wir arbeiten, die Menschen die hier leben, die soziale Wirklichkeit der Stadt in der wir uns bewegen“ aus dem Blickfeld gerate. Man wolle Kulturort, Treffpunkt, Ort des Austausches und Ort der Unterhaltung für all die zu sein, die in unserer Nachbarschaft, der Dortmunder Nordstadt wohnen.“ DJELEM DJELEM bezeichnete der Theatermann als „Glücksfall“. „Wir finden es großartig und beispielhaft, dass die Veranstaltungspartner der AWO, des Kulturdezernats, der Auslandsgesellschaft, der verschiedenen Selbstorganisationen der Roma wie Terno Drom“ und anderer in diesem Sinne tätigen Organisationen „sich mit uns in diesem Projekt zusammengetan haben für diese kulturell und gesellschaftlich wichtige Arbeit in der Wirklichkeit unserer Stadt“. Und weiter: „Kultur in all ihren Ausprägungen ist für alle und per se nicht an nationale oder ethnische Grenzen gebunden. Und Kultur kann grundsätzlich in jeder Gemeinschaft jedem Zusammenleben Identität und Zusammenhalt stiften.“ Dass man die Roma-Kulturen in den Fokus des Festivals stelle, „ist ein Ausdruck des Respekts vor den kulturellen Leistungen dieses so häufig unterdrückten Volkes, ebenso wie es Fanal sein soll für den Zusammenhalt aller Menschen in dieser Stadt – seien sie hineingeboren, geflohen, gewandert oder auf sonstigen Wege dahin geraten.“

„Willkommen ist der erste Schritt zur Heimat.“ Man würde sich glücklich schätzen, wenn man an den „Geburtsvorbereitungen“ eines guten Zusammenlebens in der Stadt einen Anteil geleistet habe.

Programmheft via AWO-Unterbezirk Dortmund.

Programmheft via AWO-Unterbezirk Dortmund.

Seit gestern nun  „weht“ vom U-Turm der Stadt Dortmund herab und als Videoprojektion weithin sichtbar die Flagge der Roma. Zu verdanken ist das dem Dortmunder Kult-Regisseur und Film-Professor  Adolf  Winkelmann und seinen  MitarbeiterInnen.

Das Kulturfestival DJELEM DJELEM findet vom 2. bis zum 12. September 2015 an unterschiedlichen Orten in Dortmund statt. Den Veranstaltungskalender finden Sie hier.

Dortmund: 2. Roma Kulturfestival DJELEM DJELEM mit der Performance „Schubladen“ eröffnet

Ouvertüre zum Festival: Das Projekt "Schubladen" im Dortmunder Theater im Depot; Fotos. C.-D. Stille

Ouvertüre zum Festival: Das Projekt „Schubladen“ im Dortmunder Theater im Depot; Fotos. C.-D. Stille

Jeder Mensch hat Vorurteile. Besser gesagt: eignet sie sich im Laufe des Lebens an. Denn mit Vorurteilen kommen niemand auf die Welt. Wer Vorurteile teilt oder selbst welche fällt, tut sich sich schwer damit, diese zu bekämpfen oder gar abzubauen. Eine empfehlenswerte Medizin, dies zu tun, ist das Buch „Achtung! Vorurteile“ des leider zu früh verstorbenen Sir Peter Ustinov.

Damit alles schön einfach bleibt

Und wo es Vorurteile gibt, existieren auch Schubladen. Schubladen, um Menschen hineinzustecken. Damit alles schön einfach bleibt. Damit das eigne Weltbild bloß nicht ins Wanken gerät.

Am 2. September ist das 2. Roma Kulturfestival „DJELEM DJELEM“ im Dortmunder Theater im Depot auf der Immermannstraße eröffnet worden.

Sozusagen als Ouvertüre zum Festival ging das interessante Projekt „Schubladen“ über die „Bühne“, wo einst Dortmunder Straßenbahnen repariert und gewartet wurden.

Nicht einfach, aus Schubladen wieder herauszukommen

Die zündende Idee dahinter war, dass „Schubladen“ im Sprachgebrauch nicht selten Synonyme für begrenztes, vorurteilsbehaftetes Denken sind. Im Alltag erweist sich ihr Gebrauch als überaus nützlich, um das eigene Weltbild zu pflegen und nur nicht revidieren zu müssen. Gerade in Deutschland sind Schubladen reichlich in Gebrauch. Wer einmal – sei es als Einzelperson oder gar als Volksgruppe in eine solche hineingesteckt wurde, kommt schwerlich wieder heraus. Auch die Medien sind da keine große Hilfe: eher ist das Gegenteil der Fall.

Das Projekt

Blick in eine der Schubladen.

Blick in eine der Schubladen.

Das Projekt „Schubladen“ von kulturpflanzen e. V. hat gemeinsam mit Akteuren in der Nordstadt, insbesondere Roma und anderen Migranten ein Projekt auf die Beine gestellt, das gestern nun erstmalig im Rahmen des Roma Kulturfestivals „DJELEM DJELEM“ präsentiert wurde. Bespielt wurde ein Objekt aus gebrauchten Schubladen, die von bodo e. V. gesammelt wurden.

Hier geht es um Fußball ...

Hier geht es um Fußball …

Zusammengefügt und gebaut wurden sie von der Jakob-Muth-Schule in Bochum. Gefüllt sind die Schubladen mit Geschichten und Gegenständen, die erzählen, wie Roma und andere Migrantinnen und Migranten Deutschland sehen.

Was sie u.a. beschäftigte:

„Wie die Deutschen mit Tieren umgehen, gefällt mir. In Rumänien und Spanien werden sie mit Füßen getreten.“

 

„Ich habe geglaubt, dass in Deutschland mehr Licht ist. U-Bahnen kannte ich vorher nicht.“

 

„Meine Tante in Rumänien wohnt in einem Haus mit Schlangen. Hier gibt es sowas nicht.“

 

„Es ist gut, dass es im Kindergarten so viel Platz zum Spielen gibt.“

Die Akteure, Kinder und Jugendliche, geboren in Spanien, Rumänien oder Deutschland, die alle zusammen in Dortmund leben, vermochten den Grundgedanken dieser Performance mit Bravour herüberzubringen. Jeder und jede hat eben (von Außen) bestimmte Vorstellungen (bzw. Vorurteile) über ein Land und seine Menschen. Nicht selten müssen diese Vorstellungen bei Eintritt in die Wirklichkeit dieses Landes und seiner Menschen revidiert werden. Das Gleiche gilt für hier geborene Menschen, betreffs ihres Blickes auf Ausländer.

Schlummernde Potentiale bei den Zugewanderten

Einer der Höhepunkte von "Schubladen".

Einer der Höhepunkte von „Schubladen“.

Im Verlaufe der kleinen Vorstellung wurde gerade bei der  Eigenvorstellung der Kinder deutlich, welche Potentiale in Migranten vorhanden sind: „Ich heiße … und komme aus Rumänien. Ich spreche Rumänisch, Romanes und etwas Deutsch.“ Oder: „Ich komme aus Spanien und spreche Spanisch, Romanes, Englisch und bisschen Deutsch.“ Und die deutschen Mädchen: „Ich spreche Deutsch und Englisch und … Deutsch.“  Bei den Zuschauern schien für Momente eine Idee auf, wie das Zusammenleben von Migranten und Mehrheitsbevölkerung gegenseitig befruchtend sein könnte.

Künstlerische und pädagogische Leitung des Projektes und Umsetzung:
Manuela Wenz und Lena Leniger, kulturpflanzen e. V.. Förderer & Veranstalter: Interkulturelles Zentrum, bodo, Kultur Rucksack NRW sowie kulturpflanzen e. V.

Guter Start ins Festival

Ausgelasse Stimmung bei den Gästen.

Ausgelassene Stimmung bei den Gästen.

Ein zu Herzen gehendes – engagiert vorgetragenes und mit Leben erfülltes Projekt! Eine hervorragende Ouvertüre zum Start des 2. Roma Kulturfestivals in

Bulgarische Straßenmusiker gaben alles. Im Hintergrund ein Büffett mit Balkanspezialitiäten.

Bulgarische Straßenmusiker gaben alles. Im Hintergrund ein Buffet mit Balkanspezialitiäten.

Dortmund. Für Stimmung sorgten bulgarische Straßenmusiker – dazu wurde ausgelassen getanzt. Dazu bestens passend, stand für die Gäste ein Buffet  mit leckeren Balkanspezialitäten bereit. Wenn das kein guter Start in das Festival war!

Dortmund: 2. Roma Kulturfestival beginnt am 2. September

Programmheft via AWO-Unterbezirk Dortmund.

Programmheft via AWO-Unterbezirk Dortmund.

Das erste Roma-Kulturfestival fand vor einem Jahr in Dortmund statt. Es hat seinerzeit von sich reden gemacht, wurde herzlich begrüßt und auch medial positiv zur Kenntnis genommen. Erfreulicherweise gibt es in diesem Jahr eine Neuauflage. Abermals steht es unter dem Titel „Djelem, Djelem“. „Djelem, Djelem“ ist der Name der internationalen Roma-Hymne. Man kann es mit „Ich gehe“ übersetzen.

Das 2. Dortmunder Roma Kulturfestival findet vom 2.-12. September 2015 statt.
„Zehn Tage lang“, melden die Veranstalter – die AWO, JUROMA, Kultur K, die Stadt Dortmund, das Theater im Depot, TERNODROM – gibt es im Rahmen des Dortmunder Roma Kulturfestivals eine Vielzahl von Veranstaltungen zu Musik, Theater, Film, Fortbildung und Begegnung vom Depot über den Nordmarkt bis in die Dortmunder City. Dieses Festival bietet zum zweiten Mal die Gelegenheit, Theater und Musik, Lebensweisen und Speisen, kurzum die vielen Facetten der reichen Roma Kultur(en) zu erfahren und zu genießen. In der öffentlichen Wahrnehmung in Dortmund sollen somit die positiven Facetten der Herkunftskulturen in den Vordergrund gerückt werden.

Offenbar hat der 1. Roma Kulturfestival über Dortmund hinaus Ausstrahlung bewirkt. Immerhin hat keine keine Geringere, als Staatsministerin Aydan Özuguz, die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration die diesjährige Schirmherrschaft des Festivals übernommen. Zusammen mit Musiker Peter Maffay.

„Jenseits aller Klischees“, schreibt Özuguz unter anderem, „bietet das Kulturfestival allen Interessierten die Möglichkeit, die vielen Facetten der reichen Roma-Kulturen zu erfahren und genießen. Denn über Europas größte Minderheit wird auch in Deutschland zwar viel geredet und geschrieben, aber wenig gewußt. Über Jahrhunderte gepflegte Vorurteile und neue Ressentiments gegen ‚Armutszuwanderer‘ und ‚Problemfälle‘ prägen so manche Debatte und werden wohl auch nicht von heute auf morgen verschwinden.“

Peter Maffay: „Ich bin groß geworden in Siebenbürgen, das heut zu Rumänien gehört, und kenne heute noch – oder besser ich habe sie wiederentdeckt – viele großartige Romamusiker. Herzliche, zugewandte, wissende Menschen, denen ich mich verbunden fühle.“

Hier das Lied „Djelem, Djelem“ via  Minotaurus 110/You Tube:

Beide unterstützen das Anliegen der Veranstalter, „mit „Djelem Djelem“ die Willkommenskultur in Dortmund zu fördern und Vorurteile durch Begegnung abzubauen. Die Veranstalter werten „dies als Ermutigung „Djelem Djelem“ als wichtiges Kulturangebot in Dortmund zu etablieren“.

Die Festivalveranstalter weisen besonders auf die Fortbildung für „Pädagogische und kulturelle Arbeit mit Roma-Jugendlichen“ hin:
„Unter anderem wird es um Themen wie geschlechterspezifische Arbeit, den Übergang von der Schule in den Beruf sowie theaterpädagogische Ansätze gehen. Experten, die in der praktischen Arbeit mit Roma-Jugendlichen tätig sind, werden in Arbeitsgruppen Best-Practice Beispiele vorstellen und mit den Teilnehmern relevante Aspekte der Arbeit mit der Zielgruppe diskutieren und erarbeiten.

Im Dortmund Konzerthaus wird es am Samstag, den 12. September, 20.00 Uhr einen Abend mit Esma Redžepova und Mostar Sevdah Reunion geben.
Hinweis: Hier gibt es das vollständige Programmheft zum Download als PDF: Flyer DJELEM DJELEM 2015 web

Weitere Infos auf www.facebook.com/DJELEM_DJELEM.Dortmund