Botschafterin Palästinas mit kritischer Erklärung zur heutigen Ausstrahlung umstrittener Antisemitismus-Doku durch die ARD

Botschafterin Dr. Khouloud Daibes während einer Veranstaltung in Dortmund. Foto: Claus Stille

Botschafterin Palästinas, Dr. Khouloud Daibes erklärt zur heutigen Ausstrahlung des Films in der ARD über Antisemitismus in Europa:

„Heute wird die ARD einen Film, der angeblich Antisemitismus in Europa thematisiert, im Programm zeigen. Im Vorfeld dieser Ausstrahlung wurden bereit der Inhalt und Konflikt von Antisemitismus und Kritik an der israelischen Regierung kontrovers diskutiert. Anstatt dem Antisemitismus in Europa nachzuspüren, lenkt der Film die Aufmerksamkeit auf den palästinensisch-israelischen Konflikt, was irreführend und inakzeptabel ist. Sowohl Arte als auch WDR und ARD stellten journalistisch-handwerkliche Mängel des Films fest. Im Zusammenhang mit der heutigen Ausstrahlung des Films und den Debatten ist es sehr wichtig, einige Punkte zu Antisemitismus und dem israelisch-palästinensischen Konflikt klarzustellen:

Die in ihrer Dimension heute einzigartige 50-jährige israelische Besatzung seit 1967 hat zu schwersten Menschenrechtsverletzungen und Verstößen gegen das Völkerrecht geführt. Auch die palästinensische Bevölkerung in Israel ist einer zunehmend diskriminierenden Politik ausgesetzt. Ich begrüße es daher außerordentlich, dass immer mehr mutige Stimmen laut werden, die völlig zurecht das Festhalten an dieser Besatzungspolitik kritisieren und eine sofortiges Ende der israelischen Besatzung im Interesse beider, Palästinenser und Israelis, fordern.

Antisemitismus mit der Kritik an der israelischen Regierungspolitik in Einklang zu bringen dient nicht nur als Instrument denjenigen, die Kritiker der Besatzungspolitik zum Schweigen bringen wollen, sondern ist darüber hinaus sehr gefährlich. Denn die wirkliche Gefahr des Antisemitismus in Europa wird ignoriert. Nur ein sensibler, korrekter Umgang mit historischen Fakten und juristischer Sachlage hilft, Verzerrungen der politischen Realität des palästinensisch-israelischen Konfliktes zu vermeiden. Andernfalls führen fehlender Kontext, mangelnde Informationen und Propagandabilder, auch wenn sie als journalistisch-handwerkliche Mängel in einem Film deklariert werden, zur Einflussnahme auf das Verständnis von Grundbegriffen des Konfliktes. Sie führen ebenso zu einem verzerrten Bild, das nicht zur Bekämpfung des wirklichen Antisemitismus beitragen kann.

Das palästinensische Volk setzt sich entschieden gegen alle Formen von Rassismus und Diskriminierung ein. Unser Anliegen ist unverändert Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden in der Region. Diejenigen, die ihre Stimmen hierfür erheben, sind keine Antisemiten und dürfen auch nicht Neo-Nazis und Rassisten gleichgestellt werden. Das sollte die Botschaft nicht nur dieses Films sein!“

(via Palästinensische Mission – Die Vertretung Palästinas in Deutschland)

Jens Berger von den NachDenkSeiten schrieb zur Thematik letzte Woche folgenden Artikel mit der Überschrift:

Antisemitismus-Doku oder antipalästinensische Propaganda? Es ist schon seltsam, dass sich fast alle Medien für ein journalistisch mehr als fragwürdiges Werk starkmachen

Dafür, dass der Film nun in der ARD gezeigt wird, machte sich maßgeblich WDR-Intendant Tom Buhrow stark. Versendet wird der Film „Auserwählt und ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa“ von 22:15 bis 23:45 Uhr.

 

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Jutta Ditfurth: „Der Baron, die Juden und die Nazis“ – Lesenswert

Cover des Buches von Jutta Ditfurth; Foto: Claus Stille

Cover des Buches von Jutta Ditfurth; Foto: Claus Stille

Bei manchem von uns mag sich vielleicht der Eindruck eingestellt haben über die Nazizeit sei bereits so gut wie alles geschrieben. Dass dieser nämliche Eindruck trügt, dass eine „Aufarbeitung“ des Dritten Reiches mitnichten abgeschlossen ist, wird u.a. durch ein Buch deutlich, dass Jutta Ditfurth vorgelegt hat.Jutta Ditfurth ist die Tochter von Hoimar von Ditfurth und einstige Bundesvorsitzende der Grünen. Im Jahr 1991 trat sie aus dieser Partei aus und gründete die Ökologische Linke mit.

Just 1989 , im Jahr des Falls der Mauer, starb Jutta Ditfurths Vater. Die Tochter versprach der Mutter sie auf eine Reise in die DDR – an die Orte deren Kindheit und Jugend zu begleiten. Man reiste also nach Thüringen. In das Dorf Langenorla.

Der Auslöser für das Buch: „Reise in die Familiengeschichte“

Jener Besuch in Thüringen wurde für Jutta Ditfurth zugleich eine „Reise in eine Familiengeschichte“. So der Untertitel ihres Buches „Der Baron, Junden und die Nazis“, erschienen bei Hoffmann und Campe.

Für uns Leser wird diese Reise im Jahre 2013 nun quasi zu einem Glücksfall. Verdanken wir ihr doch dieses nun vorliegende Buch. Das, wie ich jedenfalls finde, unbedingt eine Bereicherung darstellt. Schließt es doch weitere historische Lücken. Ditfurth setzt dem nach wie vor unvollständigem Geschichtsbild ein weiteres wichtiges Mosaiksteinchen hinzu. Darin sich wiederum wichtigen Betrachtungen der Welt des deutschen Adels befinden, die wir den akribischehn Recherchen der Autorin verdanken.

Ein Bild des Adels jenseits von Klatsch und Tratsch

Viele von uns Nicht-Blaublütigen sehen diese Welt des Adels heute vorwiegend durch die glitzernde Brille der Yellow-Press und bewundern sie dementsprechend unkritisch. Fragen wir uns jedoch einmal was wir jenseits von Glamour oder Klatsch und Tratsch wirklich über den deutschen Adel wissen, so werden Antworten darauf vermutlich sehr dürftig ausfallen.

Aber da wäre ja doch noch etwas Positives: Die adligen Hitler-Attentäter. Alljährlich werden sie hoch geehrt. Dies betreffend gibt es reichlich Literatur und Filme.

Adel: Hinter dem Mythos des 20. Juli verbirgt sich Antisemitismus

Über die Taten wie über die Täter. Doch auch die eigene Erfahrung sollte uns gelehrt haben: Es ist nicht alles Gold was glänzt. So ist auch hier. Nach der Lektüre von Ditfurths Buch wissen wir auch: Die vermeintlich rundum hehren Taten der zumeist adligen Hitler-Attentäter des 20. Juli, Offiziere der deutschen Wehrmacht, entpuppen sich zumindest ein Stück weit als Mythos. Ein Mythos, welcher jedes Jahr auf’s Neue medial beatmet und mit reichlich Lorbeer umgekränzt wird. Den Attentätern ging es bei ihrem Anschlag auf Hitler höchstwahrscheinlich in erster Linie um das Ansehen der Wehrmacht. Und um die Vermeidung einer absehbaren militärischen Niederlage. Hätten sie, wäre ihr Plan geglückt, einen demokratischen, fortschrittlichen Staat – frei von Antisemitismus – geschaffen?

Jutta Ditfurth zitiert auf Seite 303 Claus Schenk Graf von Stauffenberg, einen der späteren Hitler-Attentäter mit einem Satz aus einem Brief, geschrieben im ersten Kriegsjahr an dessen Frau aus dem besetzten Polen: „Die Bevölkerung ist ein unglaublicher Pöbel, sehr viele Juden und sehr viel Mischvolk. Ein Volk, welches sich nur unter der Knute wohlfühlt: Die Tausenden von Gefangenen werden unserer Landwirtschaft recht gut tun.“

Die anscheinend ach so hehren Motive der Hitler-Attentäter sind offenbar eher Mythos, hinter dem sich – wie Jutta Ditfurth u.a. der Erkundung ihrer eigenen Familiengeschichte herausfand – „der ganz besondere Antisemitismus des deutschen Adels im 19. und 20. Jahrhundert“ (Klappentext) verberge.

Hat man sich schon darüber einmal Gedanken gemacht? Eigentlich leuchtet die Judenfeindlichkeit des deutschen Adels ein. Schon aus Gründen der Erhaltung der adligen „Blutreinheit“ galt sie den „Blaublütigen“ als unverzichtbare Notwendigkeit. Der Adel war von sozusagen von Natur aus darauf bedacht in der, wie Jutta Ditfurth in einem Radiointerview sagte: nicht nur in der eignen „Kiste“ (Kaste) zu heiraten, sondern auch sonst möglichst unter sich zu bleiben.

Die Juden – Prügelknaben für den Adel

Dieses Buch öffnet uns – fern jedweder Ideologisierung – mehrfach die Augen. Nämlich darüber, woraus sich Antisemitismus über viele Generationen speiste. Die Verbreitung von Unwahrheiten und Gerüchten Juden und jüdisches Leben betreffend spielen dabei eine große Rolle. Und die Fortschreibung all dessen sogar bis in unsere Tage hinein. Der deutsche Adel war nicht wenig anfällig für den Judenhass. Galten seinen Vertretern doch die Juden als Schuldige an Revolutionen, Kriegsniederlagen und dem Sturz der Monarchie. Nicht zuletzt die Errichtung der Weimarer Republik schrieb der deutsche Adel den Juden ins Schuldbuch. Sie mussten als Prügelknaben beinahe für Vieles herhalten. Schließlich hatte die dem Adel einen gewissen Reputationverlust beschert, weil er fortan nichts Besonderes mehr war. Nur die adligen Namen blieben den Blaublütigen. Und freilich ihr Geld.

Das Buch liefert Erörterungen zu historischen Ereignissen

Das Verdienst dieses Buches ist, dass es sich nicht nur in der Erforschung der Ditfurthschen Familiengeschichte verliert (die allein hochinteressant ist), sondern zugleich auch eine anschauliche Betrachtung von Geschichte und wichtigen historischen Ereignissen samt der Erörterungen deren Hintergründe nebst handelndem Personal in Wirtschaft und Politik liefert. Und zwar besser und fesselnder wie es m.E. hochwissenschaftliche Abhandlungen zu leisten vermögen.

Ditfurths Buch sollten nicht zuletzt auch jene unter uns lesen, welche verstehen möchten, wie die Stellung von Juden in Deutschland war und weshalb sie sich – selbst die, die voll integriert waren und sogar stolz für den Kaiser als Soldaten in den Krieg gezogen waren – immer und immer wieder mit Antisemitismus konfrontiert sahen. Und enttäuscht von einem eignen Staat träumten.

Ich empfehle dazu besonders das Kapitel 6 „1898 – 1900: Adel und Zionismus: Wilhelm II. und Theodor Herzl, Börries von Münchhausen und Ephraim Moses Lilien“

Interessant auch in Hinblick auf die heutigen Probleme im Nahen Osten und im Besonderen auf Israel. Wir erfahren etwas zur Vorgeschichte des späteren Staates Israel. Die Zionisten zogen ja seinerzeit – vornweg Theodor Herzl –  wegen der nicht enden wollenden, ihnen entgegenschlagenden Ablehnung jüdischer Bürger in Deutschland und anderen Ländern Europas die Gründung eines zionistischen Staates in Palästina ins Kalkül. Herzl, erfahren in dem Buch, war ja ziemlich naiv damals zu hoffen, Wilhelm II. werde den Schutz über diesen Staat übernehmen.

Börries Freiherr von Münchhausen war eine schillernde Persönlichkeit

Jutta Ditfurth richtet in ihrem hochinteressanten Buch den Fokus auf die wahrlich bewegte Geschichte von Börries Freiherr von Münchhausen, ihrem Onkel. Ein schillernde Persönlichkeit. Der Baron hatte etliche Weibergeschichten. War noch um 1900 der jüdische Künstler Ephraim Moses Lilien sein bester Freund, der u.a. von Münchhausens Gedichtbände illustrierte, wandelte sich der Baron später zum glühenden Antisemiten.

Er war jemand, der bis in höchste Nazikreise beliebt war, von Nazigrößen hofiert wurde und dessen Bücher, die schon auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkrieges zuhauf Leser fanden, hoche Auflagen erlebten. Er reiste an Kriegsschauplätze und las vor begeisterten Soldaten aus seinem Büchern. Einige seiner Werke „besserte“ Münchhausen in der Nazizeit etwas nach. Wohl um nicht in den Ruch eines Judenfreundes zu geraten. Selbst im faschistischen Deutschand konnte sich der Baron Einiges leisten: Er galt den Vertretern des Naziregimes als unangreifbar. Von Münchhausen hatte sich entsprechend angepasst.

Auf ihn dürften diesbezüglich die folgenden Worte von Heinrich Heine passen: „Die über Nacht sich umgestellt, zu jedem Staate sich bekennen, das sind die Praktiker der Welt; man kann sie auch Halunken nennen.“

Als die US-Armee im Frühjahr 1945 anrückte, verübte der Baron Selbstmord

Allein schon das Schildern des nuancenreich schillernden Lebens von Börris Freiherr von Münchhausen macht Ditfurths Buch lesenswert. Von Münchhausen nahm am 16. April 1945 in Windischleuba, die 3. US-Armee hatte am 11. April das KZ Buchenwald befreit, Schlaftabletten und sich auf diese Weise das Leben. Buchenwald lag nur eine Autostunde von Münchhausens Adelssitz entfernt. Bis heute – seit 1937, schreibt Jutta Ditfurth, ist Münchhausen Ehrenbürger von Göttingen.

Der Adel, die fragwürdige Elite

Nach wie vor wird uns der deutsche Adel auch und mittels der Medien als „Elite“ dargestellt. Auf Seite 305 ihres Buches schreibt Jutta Ditfurth: „Anstatt über Judenhass, die Demokratiefeindlichkeit und die Kriegsverbrechen dieser deutschen Elite aufzuklären, legen Massenmedien und allen voran das öffentlich-rechtliche Fernsehen heute über solche elitekritischen Themen den Mantel des Schweigens. Die oberflächliche Betrachtung von Schrullen wird uns als Kritik verkauft. Die Medien berichten oft viele Stunden lang über jedes Detail hochadliger Hochzeiten. (…) „Die Kritik darf nicht in die Substanz gehen. Die Archive der meisten adligen und hochadligen Familien sind Forschern mit NS-kritischen Erkenntnisinteresse bis zum heutigen Tag verschlossen. Der Adel weiß, warum.“

Lektüre mit Gewinn

Freunde beim Adel wird sich Jutta Ditfurth mit diesem Buch nicht gemacht haben. Für uns Leser aber ist ihr mit „Der Baron, die Juden und die Nazis“ ein Buch gelungen, das mit Gewinn zu lesen ist. Mir ging es jedenfalls so. Ditfurths „Reise in eine Familiengeschichte“ ist sogleich auch eine Reise durch ein paar Kapitel Geschichte, die bislang zu wenig bis keine kritische Betrachtung erfahren haben. Schon gar nicht im Fernsehen, wenn der Reiseführer Guido Knopp hieß.

Ich möchte das Buch uneingeschränkt empfehlen. Und zwar generationenübergreifend. Auf zum nächsten Buchladen! Ein Geschenk, dass sich unterm Weihnachtsbaum oder auch ohne ihn auf dem Gabentisch nicht zu verstecken braucht. Weitersagen!

All zu selten ist unter dem Wust an jährlichen Neuerscheinungen ein Buch, über das zu sagen wäre: Das hat gefehlt! Jetzt ist es da.

Das Buch:

Jutta Ditfurth

Der Baron, die Juden und die Nazis

Reise in eine Familiengeschichte

Hoffmann und Campe

ISBN 978-3-455-50273-2

21,99 Euro

Informationen über Autorin finden Sie hier.