Recklinghausen: Die Ruhrfestspiele sind eröffnet – Im 70. Jahr lautet das Motto „Mare Nostrum?“

Der Demonstrationszug trifft am Ruhrfestspielhaus ein; Fotos: C.-D. Stille

Der Demonstrationszug trifft am Ruhrfestspielhaus ein; Fotos: C.-D. Stille

Es ist jedes Mal aufs Neue beeindruckend: Eine Sambagruppe und eine Formation der Grubenwehr gehen vornweg – der Zug der Demonstration anlässlich des 1. Mai – von der Herner Straße kommend – folgt ihnen. Am architektonisch imposanten Ruhrfestspielhaus warten zur Mittagszeit zum Empfang der Demonstrierenden bereits zahlreiche Menschen, So verschmelzen traditionell die Kundgebung zum 1. Mai und das Eröffnungszeremoniell der Ruhrfestspiele Recklinghausen zu einem grandiosen Ereignis. Und das Wetter spielt auch mit: Die Sonne lacht überm Grünen Hügel.

Volker Nicolai, Vorsitzender des DGB Kreis Recklinghausen, wendet sich an die Kundgebungsteilnehmer

Er nennt das diesjährige Motto des DGB: „Zeit für Solidarität – Viel erreicht und noch viel vor“. Es gehe um „Solidarität für die arbeitenden

DGB-Vorsitzender Volker Nicolai.

DGB-Vorsitzender Volker Nicolai.

Menschen, den Generationen von Einheimischen und Flüchtlingen und vor allem den Schwachen und den Starken“. Die Gewerkschaft trage Verantwortung dafür, dass Deutschland ein sozialer und demokratischer Rechtsstaat bleibe. Wie es unser Grundgesetz fordere. Die ebenfalls dort als unantastbar vorgeschriebene Würde des Menschen gelte unbedingt auch für die bei uns Schutz suchenden Menschen. Der DGB fordere u.a. das Ende der Deregulierung der privaten Güter und Dienstleistungen. Sowie ein Ende der Umverteilung von unten nach oben. „Hoch die Internationale Solidarität“ wird aus der Menge skandiert.

Bürgermeister Christoph Tesche spricht ein Grußwort

Eingangs spricht Bürgermeister Tesche die Wichtigkeit der Verteidigung der freiheitlich demokratischen Grundordnung an. Besonders im Fokus: das Asylrecht und die Koalitionsfreiheit. Tesche lobte die gegenüber den nach Deutschland gekommenen über eine Million Flüchtlingen (nach

Bürgermeister Christoph Tesche.

Bürgermeister Christoph Tesche.

Recklinghausen kamen gut 1600) geübten Solidarität. Aufgepasst werden müsse, dass Menschen die statt solidarische Hilfe zu leisten nur dumpfe Parolen im Munde führten, hierzulande nicht die Oberhand gewönnen.

Und Tesche macht aus seinem Herzen keine Mördergrube: Persönlich hält er es „für einen Fehler, dass der Bergbau komplett aus der Bundesrepublik Deutschland verschwindet“. Was die Bergleute über Jahrzehnte, über ein Jahrhundert geleistet hätten, dürfe die nicht der Vergessenheit anheimfallen. „Kohle und Stahl haben dieses Land – besonders das Ruhrgebiet – groß gemacht!“ Besonders erfreut zeigt sich Bürgermeister Tesche, dass dieses Jahr der Erste Bürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg, Olaf Scholz, die Ruhrfestspiele besuchen wird. Es geht dabei um die Erinnerung an die Geschichte der Entstehung der Ruhrfestspiele: Kohle für Kunst – Kunst für Kohle. Im bitterkalten Winter 1946/47 halfen Kohlekumpel der Zechen König Ludwig Hamburger Theaterschaffenden solidarisch mit Kohle zur Beheizung ihrer Musentempel – an den Besatzungsmächten vorbei – aus. Dafür revanchierten sich Hamburger Theaterleute mit einem Gastspiel in Recklinghausen. Ohne diese Aktion existierten die Ruhrfestspiele nicht.

Hauptredner ist Norbert Maus, Gesamtbetriebsratsvorsitzender der RAG Deutsche Steinkohle AG

Für Maus ist die Einführung des Mindestlohns der wichtigste Erfolg des DGB im letzten Jahr: „Sage und schreibe 3,7 Millionen Menschen profitieren inzwischen davon.“ Es bleibe aber noch viel zu tun hierzulande: „Die Vermögen sind extrem ungleich verteilt in diesem Land.“ Und er sagt klipp und

Gesamtbetriebsratsvorsitzender der RAG Deutsche Steinkohle, Norbert Maus.

Gesamtbetriebsratsvorsitzender der RAG Deutsche Steinkohle, Norbert Maus.

klar: „Wer als Arbeitgeber aus der Tarifbindung flieht, verhält sich definitiv verantwortungslos.“ Mit der Sozialpartnerschaft – sagt Maus – habe man gute Erfahrungen gemacht.

Auch Norbert Maus spricht das Flüchtlingsthema an. Die von Rechts erfolgten Angriffe (mehr als 1000 gab es letztes Jahr deutschlandweit) auf Flüchtlingsunterkünfte, auf Einsatzkräfte und Journalisten dürften nicht hingenommen werden. Das Schüren von Hysterie und das gezielte Aufwiegeln von Menschen gegenüber Fremden, gehe gar nicht. Er habe es eigentlich nicht machen wollen, sagt es dann aber doch: „AfD – Amateure für Deutschland oder wie die heißen, geht auch nicht.“ Man werde den Rassisten zeigen, dass sie nicht das Volk sind. „Wir sagen selbstbewusst: wir sind die Mehrheit in Deutschland. Wir lehnen Hetze und Gewalt gegen Menschen definitiv ab“.

Die falsche Krisenpolitik in Europa und die Politik der Schwarzen Null mache die Sozial- und Tarifsysteme kaputt. Europafeindlichkeit und Rechtspopulismus seien die Folge.

Im Bergbau, erinnert Maus, habe man immer schon Menschen aus vielen Ländern integriert. „Wir Bergleute labern nicht lange über Integration.“ Menschen- und fremdenfeindlich seien die Bergleute nicht. Und auf die derbe aber grundehrliche Art der Bergleute sagt Maus: „Ich unterscheide nicht zwischen Nationalität und Glauben. Ich unterscheide immer noch zwischen Arschloch oder Nichtarschloch.“ Beifall.

Zur geplanten Industrie 4.0 sagt Maus: „Wir wollen, dass die Chancen die darin stecken, auch bei den Beschäftigten ankommen.“

Zur ungleichen Vermögensverteilung gibt es für Norbert Maus nur einen Ansatz: „Starke Schultern müssen wieder mehr tragen!“

Nach wie vor stünde er als Bergmann zur Energiewende, sage aber auch ganz deutlich: „Wir brauchen bis dahin weiterhin Braun- und Steinkohle.“ Den völligen Rückzug aus dem deutschen Steinkohlenbergbau (er endet 2018) hält Norbert Maus nach wie vor für falsch. Verspricht aber: „Wir hinterlassen keine verbrannte Erde!“ Den noch verbliebenen 7800 Bergleuten in der Region, wo einst 27 Bergwerke tätig waren, ruft er zu: „Weiterhin keine Endzeitstimmung aufkommen lassen!“

Norbert Maus eröffnet mit „Kumpel“ Frank Hoffmann die 70. Ruhrfestspiele

Ruhrfestspielintendant Frank Hoffmann tritt ans Rednerpult. Norbert Maus führt Regie: „Auf drei sagen wir beide den Satz ‚Die 70. Ruhrfestspiele sind eröffnet‘.“ Und er zählt. Doch Regisseur Hoffmann patzt und spricht den Satz bereits vor drei. Frank Hoffmann dazu schmunzelnd: „Man sieht es

Ruhrfestspielintendant Dr. Frank "Kumpel" Hoffmann und Norbert Maus eröffnen die 70. Ruhrfestspiele.

Ruhrfestspielintendant Dr. Frank „Kumpel“ Hoffmann und Norbert Maus eröffnen die 70. Ruhrfestspiele.

ist sehr schwer für einen Regisseur auf einen anderen Regisseur im richtigen Moment das Richtige nachzusprechen.“

Hoffmann findet die Solidarität, der er jedes Jahr in Recklinghausen begegne, unglaublich toll. „Doch der Begriff“, beklagt Hoffmann, „ist irgendwie so ein bisschen mehr und mehr in Vergessenheit geraten.“ Heute morgen sei er in Gladbeck gewesen, wo ein Film von verd.i TV gelaufen sei. Junge Leute wurden für diesen Film zum Begriff Solidarität befragt. Ein paar hätten es gewusst. Einer habe gesagt: „Weiß nicht, habe ich nie gehört.“ Einer habe den Begriff so erklärt: „Das ist für mich Kompromiss .“ Frank Hoffmann fand das Unwissen furchtbar. Wir lebten in einer Zeit in der es normal geworden sei, „dass wir nur an uns denken.“ Eine Doktrin des Ich sei heutzutage anzutreffen. Er ist dem DGB deshalb dankbar, das Thema Solidarität zum Motto des diesjährigen 1. Mai gemacht zu haben.

Dr. Frank Hoffmann zum diesjährigen Motto der Ruhrfestspiele „Mare Nostrum?“

Die Literatur des Mittelmeerraumes, informiert der Intendant, stehe im Mittelpunkt des Festivals. Aus dieser Region komme ein Großteil unserer Kultur und unserer Werte. Erstmalig kommen mit Houcine Abassi, Generalsekretär des Gewerkschafts-Zentralverbandes, und Widet Bouchamaoui,

Frank Hoffmann zum diesjährigen Programm.

Frank Hoffmann zum diesjährigen Programm.

Präsidentin des Arbeitgeberverbandes aus Tunesien, Friedensnobelpreisträger (am 23. Mai um 18 Uhr) zu den Ruhrfestspielen.

Kunst und Kultur, meint der Ruhrfestspielintendant, ist der beste Schutz gegen Rassismus. Frank Hoffmann freut sich mitteilen zu dürfen, dass man

Gruppenbild zum Abschluss des Eröffnungszermoniells.

Gruppenbild zum Abschluss des Eröffnungszermoniells.

1200 Karten für Menschen aus der Region reserviert hat, die sich ein Ticket nicht leisten können. Zusätzlich gibt es 400 Karten für Flüchtlinge. Die Flüchtlinge aber zu instrumentalisieren, in Bühnenstücke einzubauen – wie es an bestimmten Theater getan worden sei – zur „eigenen Glorie“, das findet Hoffmann „ganz schrecklich“. „Zu uns kommen sie als Freunde.“

Mit einem herzlichen „Glückauf!“ rief Frank Hoffmann die Menschen auf: „Kommen Sie zahlreich!“

2002-02-17 23.56.02Unter dem Motto „Mittelmeer – Mare Nostrum?“ werden ab Dienstag bis zum 19. Juni mehr als 100 Produktionen in über 300 Vorstellungen gezeigt. Die Themen reichen von der Antike bis zur aktuellen Flüchtlingskrise. Als erste Premiere wird am Dienstag Carlo Goldonis „Diener zweier Herren“ gespielt.

2002-02-18 00.18.03Nach Angaben der Stimberg Zeitung drängten sich am Sonntag etwa 80 000 Menschen auf dem Grünen Hügel beim Großen Kulturvolksfest rundum das Ruhrfestspielhaus.

2002-02-18 00.08.05Mehr zu den diesjährigen Ruhrfestspielen hier.

 

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Die Ruhrfestspiele Recklinghausen starten traditionell mit großem Kulturvolksfest ins 69. Jahr

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Ankunft des 1.Mai-Umzuges am Ruhrfestspielhaus im Jahre 2011; Fotos (2) Stille.

In diesen Minuten dürfte der 1.Mai-Zug in Recklinghausen am Ruhrfestspielhaus angekommen sein. Nur noch kurze Zeit bis die 69. Ruhrfestspiele traditionell  mit einem  großen Kulturvolksfest ihren Anfang nehmen. Das „Fest für alle“ wartet nach Angaben der Veranstalter „mit einem vielfältigen Programm für alle Generationen auf. Kultur, Gewerkschaftspolitik und Familie stehen dabei im Vordergrund. Geboten werden Klassik und Pop, „Großes Theater“ und Kleinkunst, kurze Momente und bleibende Eindrücke.“

Und weiter: „Auftakt ist die traditionelle Maikundgebung des DGB um 12.00 Uhr auf der BÜHNE
VOR DEM RUHRFESTSPIELHAUS. Nach einem Grußwort von Bürgermeister Christoph Tesche hält Egbert Biermann, Mitglied des geschäftsführenden Hauptvorstands der IG BCE, die diesjährige Mai-Rede. Im Anschluss werden die 69. Ruhrfestspiele offiziell eröffnet.

„Wer vieles bringt“, heißt es in Goethes „Faust“, „wird manchem etwas bringen.“  Laut Programm wird im
„GROSSEN HAUS  Peter Schaar, 2003-2013 Bundesbeauftragter für den Datenschutz und die Informationsfreiheit, eindringlich vor zunehmender staatlicher Überwachung warnen. Anschließend bringt der über 100-köpfige menschenREchtechor unter der Leitung von Axel Christian Schullz das Große Haus zum Klingen. „Let us entertain you…“ heißt es im KLEINEN THEATER, wenn die Mini-Sinfos Recklinghausen/Herten, das Jugendsinfonie-orchester Recklinghausen und die Neue Philharmonie Westfalen Kompositionen von Antonio Vivaldi bis Andrew Lloyd Webber zum Besten geben. Musikalisch geht es weiter mit dem Akko Orchestra aus Recklinghausens israelischer Partnerstadt. Im ZEPPELIN erwartet die Besucher ein aberwitziges Bühnenspektakel mit musizierenden Figuren und Unwesen. Anschließend heißt es Bühne frei für die Kreativ-Ergüsse der Poetry Slammer Sulaiman Masomi und Lütfiye Güzel bis sich der Zeppelin in einen Kinosaal verwandelt, in dem der Dokumentarfilm zur Entstehung der Uraufführung „Ein Dorf im Widerstand“ im Rahmen der Ruhrfestspiele 2013 gezeigt wird. Darüber hinaus ist das FOYER Treffpunkt für Führungen zu der Kunstausstellung „Daniel Buren“ an der Glasfassade des Ruhrfestspielhauses.

Das Blockflötenquartett FLAUTANDO KÖLN wird das THEATERZELT mit französischer Musik vom 16. Jahrhundert bis heute zum Swingen bringen. Anschließend bittet Peter Shub zur Lachtherapie und Comedian Sabine Wiegand offenbart dem Publikum in Dat Rosi brennt durch! den ganzen Irrsinn dieser Welt.

Im FRiNGEZELT kombinieren die Clowns von ARTiX Pantomime, Akrobatik, Jonglage, afrikanische Tänze, HipHop und Breakdance zu einer irren Show und Emscherblut machen dem Publikum in ihrer fulminanten Impro-Show im wahrsten Sinne des Wortes eine Szene. Auch das Tanzbein wird im FRiNGEZELT geschwungen: Während American Dance und Tangetto maevo zum Zuschauen einladen, dürfen alle Besucher mit Rhythmus im Blut im RUNDBOGEN AM FRiNGEZELT selbst eine Tänzchen wagen.

Auf der MUSIKBÜHNE AN DER DORSTENER STRASSE geben lokale Bands den Ton an: ob gradliniger Deutschrock von Mission 13, Rockmusik von Noplasticinside, amerikanische Roots-Music von Harmonica-Pete & The Blues-Jukes, Musik aus Lateinamerika von Carretera Sur, Swing von Memphis PC, Funk und Soul von SocietyBe oder deutscher Gitarren-Rock gepaart mit Elektro-Sounds von ASTROLAUT – hier ist für jeden Musikgeschmack etwas dabei.

Die WIESE AM HIRSCHGEHEGE wird dank der 9 Musiker von Compagnie Zic Zazou zur musikalischen Baustelle, während bei sur mesure bis zuletzt die Frage offen bleibt: wer ist hier eigentlich Musiker und wer Artist?

Zum Programm der diesjährigen Ruhrfestspiele wird der deren Leuter, Dr, Frank Hoffmann (Foto von 2013) etwas sagen.

Zum Programm der diesjährigen Ruhrfestspiele wird deren Leiter, Dr, Frank Hoffmann (auf dem Foto von 2013 links) etwas sagen.

Auf der MITTLEREN WIESE HINTER DEM RUHRFESTSPIELHAUS macht die Initiative „Kinder stark machen“ der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) in Kooperation mit der Drogenhilfe Recklinghausen und Ostvest e.V. (DROB) und dem StadtSportVerband Recklinghausen e.V. ein spannendes Erlebnisland. An verschiedenen Mitmachstationen und auf der Aktionsbühne können Mut, Vertrauen, Teamgeist und Geschicklichkeit getestet werden. Mit dabei ist Singa Gätgens, KiKA-Moderatorin und Botschafterin von „Kinder stark machen“. Auf der WIESE AN DEN TENNISPLÄTZEN präsentieren sich Gewerkschaften, Vereine und Initiativen mit Info-Ständen.

Und ÜBERALL UND NIRGENDS tauchen schräge Gestalten und Akrobaten auf: die Besucher erwartet spektakuläre Hochseilakrobatik von retouramont vor dem Ruhrfestspielhaus, temperamentvolle Samba-Rhythmen, freches Stelzentheater, französische Chansons, magische Zaubertricks, es tummeln sich eigentümliche Wesen wie die Rhinos oder Schnappviecher und mit ein bisschen Glück lässt sich sogar Louis de Funès blicken.

Auch in diesem Jahr sorgen internationale Spezialitäten und Leckereien aus der heimischen Küche für das leibliche Wohl. Und die Vestische richtet zwischen dem Recklinghäuser Hauptbahnhof bzw. dem Kreishaus und dem Ruhrfestspielhaus ab 10.21 Uhr einen Bus-Pendelverkehr ein.

Das komplette Programm finden Sie hier.“

Informationen via Ruhrfestspiele.

Zum diesjährigen Programm mein Artikel.