„Ukrainian Agony – Der verschwiegene Krieg“ von Mark Bartalmai im Kölner Odeon gesehen

Über den Krieg in der Ukraine hören und sehen wir derzeit so gut wie nichts. Doch nichts ist dort gut. Davon kann ausgegangen werden. Und als wir noch über die Maßen vom Krieg in der Ukraine hörten war auch nichts gut. In der Ukraine nicht. Und erst recht was die Berichterstattung unserer Medien angelangt. Nicht ohne Grund ist diesen Medien, der Presse der Vorwurf der Einseitigkeit in in Sachen Berichterstattung über die Vorgänge in der Ukraine gemacht worden. Den Westen und die Ukraine, die neuen Machthaber in Kiew nach dem Maidan-Putsch – die Guten. Die Aufständischen in der Ostukraine und Putin – die Bösen. Dazu nahm Eckart Spoo auch in einem Vortrag in Dortmund Stellung. Aber die Welt ist nicht so einfach gestrickt. Wer all der Schwarzweißmalerei überdrüssig war, suchte nach objektiveren Berichten aus der Ukraine. Ich fand sie in der Zeit im Bild (ZIB) des ORF und den Beiträgen von Christian Wehrschütz. Der erfahrene und in vielen Sprachen bewanderte Reporter bemühte und bemüht sich m. E. stets um größtmögliche Objektivität. Gleich ob er nun aus den selbsternannten Volksrepubliken in der Ostukraine, aus Kiew, der Westukraine oder aus Moskau berichtete. Zeitweilig war der einzigen westliche Report vor Ort, der nicht selten unter Lebensgefahr Bericht erstattete. Andere Kollegen, auch aus Deutschland, zogen es dagegen vor über ukrainische Agenturen oder ukrainische Kamerateams an Material zu kommen.

Der freie Journalist Mark Bartalmai lebt seit einem Jahr in Donezk

In der Ostukraine, im Donbass  war auch der Fotograf und Journalist Mark Bartalmai. Eigentlich hatte er  sich nur über die Hilfstransporte informieren wollen. Schließlich blieb er ein Jahr im Kriegsgebiet. Bartalmai wohnt mit kurzen Unterbrechungen in Donezk. Und damit in der Region der Ukraine, wo ein blutiger Bürgerkrieg und somit Tod und Zerstörung den Alltag der Menschen bestimmen. Ist Russlands Präsident Putin wirklich für den Konflikt verantwortlich, wie westliche Medien ständig tönen?

Mark Bartalmai ging dem nach und mit seiner Kamera direkt an die Kriegsfront. Dort entstand reichlich Filmmaterial. Daraus wurde in Zusammenarbeit mit Frank Höfer ein bewegender Film. Am Mittwoch  nun zeigte ihn das Odeon Lichtspieltheater in Köln. Zu danken ist das der Initiative und dem unermüdlichen Engagement von Lukas Puchalski vom Magazin Free21. Das Kino war ausgesprochen gut besucht.

Der Film, weil eine Antithese zur Mainstream-Medien darstellend, ist umstritten

Die Vorführung dort ist  (wie zuvor auch die Premiere in Berlin) umstritten, da er eine Antithese zur Mainstreamberichterstattung aufzeigt und aus diesem kühlen Grunde offenbar von gewissen Kreisen nicht erwünscht ist. Kino-Chef Jürgen Lütz weist  nach den einführenden Worten von Lukas Puchalski daraufhin. Er merkt  jedoch an, die Kinobesucher seien ja alle alt genug, um sich selbst eine Meinung bilden.

Filmemacher Mark Bartalmai stellt, wohl um Irritationen von vornherein vorzubeugen, klar: „Es ist mein Film“ (das ist dann auch am Anfang des Films eingeblendet) „und es ist auch meine Sichtweise“. Der Film sei nämlich „auf eine bestimmte Art und Weise gemacht worden … quasi als eine dokumentarische Erzählung“. Schon weil er in Donezk wohne, habe er „eben eine ganz eigene Sichtweise auf die Dinge dort“. Mark Bartalmai spricht  von „seinem ganz persönlichen Blickwinkel“. Der Film zeige deshalb Dinge aus einer anderen Perspektive „als wir sie hier, nicht nur in Deutschland – sondern grundsätzlich hier in den westlichen Medien wahrnehmen. Die Gesprächsrunden im Anschluss an den Film seien bisher „immer sehr fruchtbringend gewesen“.  Man sei „inzwischen an einem Punk,t wo man auch kontrovers werden muss, weil wir uns in einer Situation befinden in Europa, die sehr sehr gefährlich ist und die vor allem geschürt wird in den Köpfen von Menschen und durch Medien.“

Deshalb wäre es wichtig die Dinge von verschiedenen Seiten zu betrachten. Er nähme für sich nicht in Anspruch – „weil ich nicht an allen Stellen gleichzeitig sein konnte“- „die allumfassende Wahrheit zu sagen“. Bartalmai: „Ich wünsche Ihnen erhellende Momente.“

Und die gibt  es durchaus in diesem Film mit seinen oft düsteren, traurig und nachdenklich stimmenden Bildern. Als Zuschauer bekommt man schon in den ersten Minuten des Films den Hauch einer Ahnung davon, was Krieg bedeutet. Krieg in einem Teil von Europa! Gar nicht einmal so weit von uns entfernt. Die  wir Feste feiern, grillen und uns bei Sport und Spiel tummeln. Ist uns das bewusst? Dies alles, wie überdies viele Menschen sind – ist inzwischen wohl mehr als 6000, ist in der Ostukraine er- und gestorben. Bartalmais Film macht uns deutlich, was Krieg bedeutet. In der Kriegsregion hatten die meisten der Menschen bestimmt nicht einmal einen bescheidenen Wohlstand. Aber sie lebten in teils schönen Städten in intakten Häusern und schmuck eingerichteten Wohnungen. Sie hatten Kindergärten, Schulen, Spielplätze, Kinos, Kulturhäuser, Theater und Parks. Vieles von dem ist heute nicht mehr. Einer der seinerzeit modernsten Flughäfen, die Airport von Donezk, ist heute nahezu vollständig zerstört.

Nebenbei bemerkt: Es gibt Bilder von der Eröffnung des schicken Flughafens, die auch Petro Poroschenko zeigen. Den Mann, der neben anderen heute für dessen Zerstörung verantwortlich zeichnet. Die noch intakten weitläufigen Tunnelsysteme darunter werden heute als Basar benutzt.

Wir erfahren, dieser Flughafen war schon im Zweiten Weltkrieg – weil schon damals strategisch wichtig – hart umkämpft. Viele Böden in der Ostukraine sind blutgetränkt. Neues kommt in unseren Tag hinzu. Völlig sinnlos vergossen.

Die Menschen sind ratlos, verzweifelt und wütend

Besonders nahe geht einem der Film, wenn vom Krieg betroffene Menschen darin zu Wort kommen. Die Alten etwa. Sie haben noch den Krieg der Deutschen gegen ihr Land erlebt. Weinend verstehen sie nicht was heute mit ihnen geschieht. Eine Frau meint: Nicht einmal die Deutschen hätten so brutal gehandelt. Die eigne Bevölkerung zu bombardieren! Warum macht das Poroschenko? Die Menschen sind ratlos, verzweifelt und wütend. Auch die im Film zu Wort kommenden Rentner, die in langen Schlangen vor der Bank stehen, um an ihre fällige Rente zu kommen. „Fünfzig Jahre“, sagt dabei weinend eine Seniorin,  „habe ich  in einem Betrieb schwer gearbeitet. Und jetzt? Nicht einmal die Rente bekomme ich!“

Ihr Landsmann und Präsident hat dafür gesorgt, dass sie und andere die Rente nicht bekommen. Im Film ist ein Einblendung von einer Poroschenko-Rede. Die Ostukrainer hat er abgeschrieben. Kaltschnäuzig und zynisch klingen seine Worte (sinngemäß): Die Menschen, die mit uns sind, werden Rente bekommen. Die Menschen in den Rebellengebieten nichts. Die Kinder in der Westukraine werden in Kindergärten gehen. Die in Rebellenland nicht. Und so weiter und so fort. So redet der Präsident eines Landes!

Die Kinder – welches Leben können, werden sie später führen?

Und erst die Kinder! Drei Mädchen erzählen vor Bartalmais Kamera über ihre Erlebnisse im Krieg. Freundinnen, Klassenkameraden oder Familienmitglieder – Papa oder Mama, Bruder oder Schwester sind tot oder gesundheitlich beeinträchtigt. Die Kinder in Westeuropa, sagen sie, sollen froh sein, dass sie in Frieden leben können. Was macht all das mit den gewiss traumatisierten Kindern? Welches Leben können, werden sie später führen? Wie werden sie mit den schrecklichen Erfahrungen umgehen? Machen sich, kam mir in den Sinn, führende   Politiker im Westen – wo sie doch immer die europäischen Werte und die Menschenrechte so verdammt hochhalten – darüber Gedanken?

Auf dem Maidan fing alles an

Noch einmal erinnert uns der Film daran, wie alles anfing, nachdem sich die Ukraine unter Präsident Viktor Janukowitsch vorläufig gegen das Assoziationsabkommen mit der EU entschieden hat. An die Kämpfe vom friedlichen Protest in ein blutiges Chaos abdriftenden Bürgerkriegsszenario auf dem Kiewer Maidan. Der Film berichtet von einer Weisung, wonach die Janukowitsch-Regierung selbst nach der Eskalation der Situation auf dem Platz die Polizei angewiesen hatte, sich in keiner Weise provozieren zu lassen und keine Gewalt anzuwenden. Zu sehen sind auf Archivaufnahmen, wie Molotowcocktails auf Polizisten geworfen werden. Wie diese dann als lebenden Fackeln über den Platz wanken und von Kollegen gelöscht werden müssen. Wie sie mit Fäusten und Stangen verprügelt werden. Wie sich nicht zur Wehr setzen

Mit der Frage, wer die Sniper gewesen sein könnten, die von den Dächern des Maidans, vom Hotel „Ukraina“ auch, auf Polizisten und Aufständische schossen, sagte Mark Bartalmai später, hat er sich im Film absichtlich nicht beschäftigt.

Tod in Odessa

Wir bekommen auch schreckliche Szenen aus dem Archiv zu sehen, die zeigen, was sich in der Schwarzmeerstadt Odessa zutrug, als das Gewerkschaftshaus in Brand gesetzt wurde und viele Menschen dabei den Tod gefunden haben. Welchen Kräfte haben warum dieses Gewerkschaftshaus angezündet, zuvor die Zelte der Anti-Kiew-Protestler zerstört? Im Film sieht man, während die Zelte zerstört werden,  einen Streifenwagen der Polizei.  Jedoch keine Polizisten, die gegen die Zerstörer einschreiten und die Angegriffenen vor dem tobenden Mob zu schützen. Sollte diese Tat – von wem auch immer sie angeordnet und begangen wurde – die gegen die neue Regierung protestierenden Menschen in der Ostukraine abschrecken? Als Kinobesucher schaut an zur Leinwand und in die Gesichter der Mütter und Eheleute, die um ihre Lieben, die am lebendigen Leib verbrannt wurden oder sich aus den Fenstern des Gewerkschaftshauses zu Tode gestürzt haben und fühlt mit ihnen. Man versteht mit ihnen nicht: Warum das alles?

Das Grauen steht Mark Bartalmai ins Gesicht geschrieben

Nach heftigen und aufwühlenden Szenen kommt weich überblendet immer wieder Mark Bartalmai ins Bild. Wenn er Situationen beschreibt, schaut der Kinozuschauer in dessen Gesicht. Kennt man ältere Fotos von ihm, dann sieht man, dass der Krieg auch einen Kriegsreporter, einen Menschen, der Furchtbares mit hat ansehen müssen, diesen Mark Bartalmai von den Erlebnissen gezeichnet. Das Gesicht ist gealtert. In den Augen Erschrecken und Trauer. In den Pausen zwischen den Sätzen istzu  hören, wie der Kriegsberichterstatter schlucken muss. Das sitzt ein Mensch vor der Kamera, der dem Grauen, dem Tod ins Gesicht geschaut hat.

Im Krieg

Dieser Mark Bartalmai ist mit den Kämpfern der Ostukraine auf einem Schützenpanzer mit ins Gefecht gefahren. Zuvor erzählen diese Leute woher sie kommen, warum sich sich freiwillig in Gefahr begeben. Sie tun es, weil sie ihre Region vor den Faschisten – wie sie sagen – in Kiew bewahren wollen. Ja, auch Kämpfer aus Russland sind dabei. Der eine erzählt, er habe einen Großvater hier und oft die Schulferien bei ihm verbracht. Diese Verbänden der nationalen Befreiung sind nicht die furchterregenden Verbrecherbanden, die mancher sich vielleicht vorstellt, wenn er von ihnen in den westlichen Medien hört.

Es sind Ingenieure, Bankangestellte oder IT-Spezialisten die eine gute und nicht schlecht bezahlte Arbeitsstelle hatten. Es sind Menschen, die die Heimat verteidigen und Eltern oder Geschwister beschützen wollen. Die Panzer fahren in die dunkle Nacht. Weit hinten brennt es lichterloh. Man hört die Geschosse pfeifen und einschlagen. Hinterher, tags, wird das Schlachtfeld besichtigt. Verwüstung, Verbranntes und tote ukrainische Soldaten, die von Poroschenko verheizt wurden. Sie werden samt ihren Ausweispapieren an die andere Seite übergeben werden. Andere, anderswo – noch lebende – sind gefangen. Die Ortsbevölkerung beschimpft sie. Eine ältere Frau ist außer sich, ruft ihnen Schlimmste hinterher. Eine andere Frau kann sie gerade noch beiseite und wegziehen, sonst hätte sie sich wohl in ihrer Wut vergessen.

Aber, auch das wird im Film deutlich: Gängige Klischees treffen ebenso nicht auf in die Ostukraine beorderte reguläre junge ukrainische Soldaten zu. Die Gezeigten sind entweder der Kiewer Propaganda auf den Leim gegangen oder belogen worden. Wie etwa die zwei jungen Männer, die Bartalmai als Gefangene der Rebellen trifft. Ihren Aussagen im Film zufolge sind sie anständig behandelt worden. Sie dürfen mit Bartalmai mitfahren und werden ihren weinende Müttern übergeben. Mögen sie nie wieder in diesen Krieg zurückkehren (müssen), hofft der Filmautor an dieser Stelle des Streifens.

Und im Film steht immer wieder eine Frage im Raum. Sie wird auch von Menschen vor Ort wieder und wieder gestellt: Warum schießt die Armee auf die eigene Bevölkerung? Warum wirft sie Bomben auf sie? In anderen Ländern, sagen Leute im Film, wird bei Aufständen die Polizei geschickt.

MH 17

Mark Bartalmai hat auch die Absturzstelle des malaysischen Flugzeug MH17 besucht. Und er stellt Fragen im Film. Warum sind Blackbox und Voicerecorder – die sich in London befinden – bis heute nicht ausgewertet, bzw. warum werden die Auswertungen nicht öffentlich gemacht? Er, viele andere Reporter, kamen immer an die Absturzstelle heran. Warum mussten aber OSZE-Mitarbeiter mehrfach ihre Fahrt dorthin unterbrechen?

Der kleine tote Junge

Sehr authentisch wirkt der Film immer dann auf seine Zuschauer, wenn persönliche Schicksale, Leid und Verzweiflung ins Bild gerückt sind oder in den Berichten der von Bartalmai befragten Menschen darüber zu hören ist. Das ist vor allem deshalb so, weil Bilder zu sehen bekommen, die uns unsere Medien vorenthalten. Aus Rücksicht auf uns? Der kleine tote Junge im Film zum Beispiel. Und wie er später dann mit einem Anzug bekleidet im Sarg im von nackten Leichen förmlich übersäten Leichenschauhaus liegt. Ein Mitarbeiter streicht ihm noch über den Kopf, um sich dann rasch wieder anderen Leichen zuzuwenden.

Noch einmal mit dem Leben davongekommen

Bartalmai selber ist zu sehen, wie er durch Donezk läuft. Wieder sind irgendwo Granaten eingeschlagen. Die Straßenbahnschienen sind zerstört worden. Deshalb läuft man. Andere Berichterstatter sind schon da. Plötzlich wieder ein Einschlag. Wieder  einmal ist man mit dem Leben davongekommen. Die Leute sind in Agonie und froh, dass es nicht in ihrem Block oder Hauseingang eingeschlagen hat. Sie sind müde, wollen das all das Schreckliche endlich aufhört.

Die Ukraine, wie sie einmal war, wird es nicht wieder geben

Wer diesen, wie ich meine wichtigen – weil so anders gemachten – Film gesehen hat, weiß: Die Ukraine, wie sie einmal war, wird es so nicht wieder geben. Bartalmai: „Dazu ist zu viel passiert.“

Ergriffenheit, Trauer und auch Wut bei den Zuschauern im Odeon

Am Ende Applaus. In ihm schwingt Trauer mit Ergriffenheit  und auch Wut. Die Zuschauer im Kölner Odeon sind betroffen. Aus dem Applaus ist jedoch auch Anerkennung für den Regisseur herauszuhören. Fraglos ein wichtiger Film.

Der Wunsch von Odeon-Chef Lütz dürfte in Erfüllung gegangen sein: Die Menschen haben sich eine eigene Meinung gebildet. Und Mark Bartalmai kann wohl ebenfalls zufrieden sein. Erhellende Momente in diesem dürsteren Film dürften die Kinobesucher gehabt haben. Nun ist auch der Saal erhellt. Bartalmai steht vor dem geschlossenen Vorhang. Mit dem von Marcel Reich-Ranickis Abwandlung eines Brecht-Zitats könnte man sagen: „Und so sehen wir betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen.“

Bereit für die Fragen des Publikums. Der Filmemacher steht vor eben diesen Vorhang des Kinos auf der Kölner Severinstraße. Sein Gesicht wirkt von der Fußrampenbeleuchtung angestrahlt mystisch. Schon kommen erste Fragen von unten aus dem Parkett. Mark Bartalmai schien nur darauf gewartet zu haben. Jede Frage beantwortet in äußerster Ausführlichkeit. Das Saalmikrofon wandert von Reihe zu Reihe.

Golineh Atais Film als Antithese zu Mark Bartalmais Film

Seinen Film betreffend sagt Bartalmai: „Wenn wir diesen nun einmal als These bezeichnen wollen, gibt es auch dazu eine Antithese“. Er weist damit auf die vor sechs Wochen erschienen TV-Reportage der ARD-Korrespondentin Golineh Atai, „Die zerrissene Ukraine“ hin. Diesen Film möge man sich ansehen und mit dem seinen vergleichen. Weil er freilich eine ganz andere Sichtweise habe. Mark Bartalmai habe Atai selbst einmal getroffen, als über die Wahlen in den selbsternannten Volksrepubliken berichtet wurde. Seiner Meinung nach waren die frei gewesen und die Menschen hätten sogar freudig ihre Stimme abgeben. Vergleiche man jedoch seine Bildern mit denen von Golineh Atais Team gedrehten, bewirke die dabei gewählte  Kameraeinstellung – man nahm die Führer und deren Begleiter  der Volksrepublik von unten auf. Das bewirke schon eine gewisse Dämonisierung in den Augen der Zuseher.

Antworten auf Fragen aus dem Publikum

Mark Bartalmai beantwortet nach der Filmvorführung Fragen der Zuschauer; Foto: C.-D. Stille

Mark Bartalmai beantwortet nach der Filmvorführung Fragen der Zuschauer; Foto: C.-D. Stille

Auf die Frage nach russischen Truppen in der Ostukraine – Poroschenko behaupte ja immer wieder, 200 000 russische Soldaten sein dort – antwortet der Regisseur: „Das sind ja mehr als die Bundeswehr hat. Ich sehe sie dort nicht.“ Zu einer Geschichte, wonach ein – britischer Reporter einen russischen Militärkonvoi gesehen habe, sagt Bartalmai: „Es gab keine Fotos. Nichts.“ Irgendwann habe es ein offizielle Verlautbarung Kiews worin gesagt wurde: „Man konnte den Konvoi nicht sehen, weil er sofort vernichtet worden sei.“ Mark Bartalmai spricht von „unfreiwilliger Komik“ betreffs solcher Meldungen. Momentan, so berichtet der Journalist kreisten des Öfteren Drohnen über Donezk. Geschützfeuer war überdies zu hören gewesen.

Wie ist Kräfteverteilung im Krieg? Derzeit stünden ungefähr 80 000 reguläre ukrainische Soldaten, antwortet Bartalmai, 40 000 NAV-Leute (bewaffnete Separatisten der Ostukraine (Novarussia Armed Forces, der LNR und DNR – Lugansker Volksrepublik und Donezker Volksrepublik; d. Verf.) gegenüber. Wir hörten hier bloß immer in den Medien die Rebellen hätten den Waffenstillstand gebrochen. Was solle man sich darunter vorstellen? Um diesen Abstraktionen ein Gesicht zu geben, habe man diesen Film gemacht. Im Film komme nicht ein „profaschistisches Monster vor“. Abgesehen einmal von den Bataillonen Asow und Ajdar seien wohl keine ukrainischen Truppen in die Ostukraine gekommen, um „im Blutrausch zu morden“.

Sie verstehen nicht, dass der Westen sie quasi verarscht“

Bartalmai erklärt: „Das Volk wird instrumentalisiert.“ Auf der einen und auf der anderen Bürgerkriegsseite finden man durchaus auch Leute, die in den Krieg zögen, weil sie vielleicht im Leben gescheitert seien, die auch auf Krawall stünden. Aber es gibt eben auch die anderen, die den Kampf hier oder dort als gerecht und richtig empfänden. Überhaupt werde das Land vorwiegend (vom Westen) instrumentalisiert und benutzt, damit es für NATO-Stützpunkte nutzen kann. Oder für „eine EU als Absatzmarkt“. Mark Batalmai: „Ich rate den Ukrainiern skeptisch zu sein.“ Viele glaubten einfach den Worten Poroschenkos oder anderen bald in die EU zu kommen und im Wohlstand zu leben. „Sie verstehen nicht, dass der Westen sie quasi verarscht.“ Monsanto hat quasi das Monopol auf Saatgut in der Ukraine. Das Land galt einst als Kornkammer der Sowjetunion!

Der SPIEGEL-Mann und die Nachtwölfe

„In Moskau“, erzählt Mark Bartalmai, „im Hauptquartier dieser ach so furchtbaren Nachtwölfe“, habe er einen Spiegel-Reporter getroffen. Will sagen: Man stünde sich als Kollegen nicht einmal feindlich gegenüber. „In bestimmten Bereichen herrscht durchaus Konsens. Warum sie es dann nicht schreiben, konnte er mir auch nicht erklären.“

Sie haben der Ukraine die Heirat versprochen. Aber sie wollten sie nur für eine Nacht“

Und noch einmal kommt der Filmemacher auch die EU zu sprechen: „Sie haben der Ukraine die Heirat versprochen. Aber sie wollten sie nur für eine Nacht.“ Die Menschen in der Westukraine täten ihm leid. „Sie werden fallengelassen wie eine heiße Kartoffel. Sie haben das Pech in einer strategisch wichtigen Gegend zu wohnen.“ Der nun kaputte Flughafen von Donezk wäre inzwischen zu einem „Marktplatz“ geworden. Auch für Waffen. Die wechselten auch die Seiten. „Es gibt in diesem Krieg kein Schwarz und kein Weiß“, so Bartalmai. „Es gibt in diesem Krieg furchtbar viel Grau. Und es gibt in diesem Film furchtbar viel Rot. Ohne, dass wir es zeigen.“ Blut überall. Weg habe man von den Abstraktionen gewollt: „Bruch eines Waffenstillstands“, oder „Artillerie beschießt Positionen“ – „Nein, da sterben die Kinder! Und Zivilisten. Auf der anderen Seite sterben Soldaten“.

Mark Bartalmai wird  momentan von in der Ukraine verfolgt. Er sei „angeklagt der Spionage und des Terrorismus und bezichtigt, offiziell wegen diesem Film“.

Auch mal das eigene Weltbild hinterfragen

Zur durchaus berechtigten Kritik an den Mainstreammedien sagt der Filmemacher etwas, dass jeder für sich mit nachhause nehmen und darüber nachdenken kann. Der Umkehrschluss nämlich daraus, wenn man den Mainstream generell als unseriös verteufelt, sei ja: „Was in den Alternativmedien steht, ist alles richtig. Das ist Käse.“ Die Menschen seien so gestrickt, dass sie sie gerne ihre einmal erlangte Meinung, ihr Weltbild, immer wieder bestätigt sehen haben wollten. Sie meinten sozusagen, alles sei grün. Und wenn die dann um die Ecke guckten und plötzlich rot sähen, seien sie verunsichert. Da gebe es eine Gruppe von Leuten, „die sagt, das will ich gar nicht wissen. Kann nicht sein.“ Die Einen hätten eben ihr Narrativ und die Anderen das ihre. Es spielten eben auch Erziehung und Erfahrung jedes Einzelnen eine Rolle. Auch käme hinzu, „was die Gesellschaft transportiert“. Dies im Hinterkopf, sagt uns nichts weiter als das: Wir sollten alles und jedes einem gesunden Zweifel unterziehen. Selbst auf die Gefahr hin, dass unser festgefügten und eingeschliffenes Weltbild aus den Fugen gerät.

Da kommt Bartalmai darauf zu sprechen, dass er in der DDR aufgewachsen ist. Als er in die BRD gekommen sei, habe man ihm erzählt, dieses DDR-System sei der völlige Schrott gewesen. „Ich bin quasi aus meiner Höhle gekommen und hatte keine Ahnung, was da abgeht.“ Dann in der Freiheit und der Demokratie der BRD – „und ich hab‘ daran geglaubt und ich habe auch lange in diesem BRD-System funktioniert“ – musste Bartalmai feststellen, dass „PR eigentlich heute der Journalismus ist und nicht mehr so wie früher“: dann musste der BRD-Neubürger ein zweites Mal im Leben konstatieren, dass auch das neue journalistische System „vorsichtig ausgedrückt, nicht hält was verspricht“. „Da ist für mich das zweite Mal eine Welt zusammengebrochen“, so der freie Journalist in Köln.

Kritik von Grimme-Preisträger Frieder Wagner

Dann meldet sich ein Mann, den man kennen sollte: Frieder Wagner, der in letzten dreißig Jahren freier Journalist und Filmemacher. Die Blicke gehen nach hinten. Und anerkennender Beifall brandet auf. Manche erinnern sich: der Herr ist u.a. Grimme-Preisträger. Er, sagte Wagner, er hätte sich am Filmende eine größere Spanne erwartet. Vermisst habe er Hinweise darauf, was die USA und ihre Koalitionen der Willigen, auch die NATO, für eine Politik betreibe, die das Ziel verfolge, den Machtbereich der USA immer mehr auszuweiten. In Bosnien, im Kosovo, im Irak, Afghanistan, in Libyen, im Libanon, in Gaza. Da stecke ein System dahinter, so Wagner. Gefehlt habe ihm der Hinwies darauf, dass „die ukrainische, schreckliche Auseinandersetzung die Fortsetzung ist, dessen ist was lange, lange geplant gewesen sei. Wagner: „Es gibt ja Präsidentenberater, die haben Bücher geschrieben, da steht das alles drin. Man hätte den Teufel schon beim Namen nennen müssen.“ Es könne durchaus sein, dass in den nächsten Jahren schwerst missgebildete Kinder geboren werden.“

Mark Bartalmai erklärt, daran habe man gedacht, sich aber – damit der Film jetzt herauskommen könne – ein tieferes Loten zunächst zu unterlassen. Allerdings verspricht der Regisseur, dies „ist jetzt nicht der letzte Film, der nächste ist in Planung“.

Möge der Film auch den Weg in andere Kinos finden

Was zu begrüßen ist. Beifall. Ein ergreifender Film und eine sachliche, befruchtende Diskussion im Anschluss. Übrigens reißt die Diskussion selbst noch nicht ab, als sich Türen des Kinos Odeon längst geschlossen hatten. Auch die Fragen gehen nicht aus. Kurzerhand wird Diskussion und Fragestunde hinaus auf die  nächtliche  Kölner Severinstraße verlegt.

Dank an das Engagement betreffs des Organisierens der Filmvorführung seitens Lukas Puchalski von Free21, sowie an Odeon-Chef Lütz. Möge der Film Mark Bartalmais den Weg auch in andere Kinos der Republik finden, denn er ist eine Art fehlender Part. Ein andere Seite der Medaille gewissermaßen. Mark Bartalmai zeigt sich bereit, zu Film- und Diskussionsabenden in anderen Städten anzureisen. Der Film funktioniert besonders gut, wenn sich ihm eine Diskussion anschließt.

Alles über den Film hier. Übrigens steht er auch zum Kauf bereit. Den Trailer kann man hier anschauen. Zu einem Interview zum Film mit Lukas Puchalski geht es hier.

Nachtrag

Es soll hier nicht verschwiegen werden, dass nicht nur der Film „Ukrainian Agony“ neben viel Lob auch Kritik hervorruft, wie die Person Mark Bartalmai selbst. Hier und hier. Jeder mag sich eine eigene Meinung darüber bilden und schauen, von wem die Kritik geübt wird. Fakt scheint jedenfalls: Wer vom Mainstream abweicht wird leicht in die Ecke der Verwörungstheoretiker oder gar der Neurechten und sogenannten Querfrontler gerückt. Ich sage es einmal angelehnt an die Wortes des Kölner Kino-Chefs: Meine Leserinnen und Leser alt genug sein, sich selbst eine Meinung zum Film wie zur Person Mark Bartalmai, der ja eigentlich Mirko Möbius heißen soll. In manchen dieser Ergüsse, schreibt ein gewisse Sven. Dessen Profil soll jedoch inzwischen gelöscht sein. Dieser Nachtrag erfolgt hier nur der journalistischen Sorgfalt wegen. Wie bereits erwähnt: Jeder soll sich eine eigene Meinung dazu bilden.