„Das Lachen der Täter“ kam mit Klaus Theweleit nach Dortmund

Klaus Theweleit (rechts) mit dem Dortmunder Dramaturgen Alexander Kerling bei der Lesung in der Reihe Blackbox des Schauspiel Dortmund; Foto: C.-D. Stille.

Klaus Theweleit (rechts) mit dem Dortmunder Dramaturgen Alexander Kerling bei der Lesung in der Reihe Blackbox des Schauspiel Dortmund; Foto: C.-D. Stille.

Engagiert und verdienstvoll nimmt das Schauspiel Dortmund mit der Reihe BLACKBOX den Terror vom rechten Rand in den Fokus. Am Donnerstag dieser Woche erwartete das zahlreich im Studio des Hauses zur aktuellen Lesung und anschließender Diskussion erschienene Publikum (es mussten zusätzlich Stühle gestellt werden) einen weiteren Höhepunkt. Zu Gast war Schriftsteller, Literaturwissenschaftler und Querdenker Klaus Theweleit. Theweleit erregte 1977 mit seinem umfassenden Werk „Männerphantasien“ ziemliches Aufsehen. Mit diesem Werk erlangte Klaus Theweleit Berühmtheit. Er hatte darin das „faschistisches Bewusstsein und die soldatische Prägung des ich“ (Wikipedia) untersucht. Im Spiegel veröffentlichte Rudolf Augstein damals einen mehrseitigen Text („ Frauen fließen, Männer schießen“) dazu. Hier ein Auszug (via Spiegel):

„Da der Faschismus nicht vom Himmel gefallen ist, entlarvt Theweleit nicht so sehr die Freikorpssoldaten und -literaten (denen er mit einer Art höherem Recht Ernst Jünger hinzuschlägt), sondern die gesamte männerrechtlichpatriarchalische Geschichte (leider nur) Europas, die er im Faschismus auf die Spitze getrieben sieht. Opfer, mehr als die Männer selbst, sind die Frauen, deren Wirklichkeit von Theweleit ausgespart bleibt. Sie kommen nicht als eigene Wesen vor, sondern nur als die Ausgeburten männlicher Phantasie. Was er anhand seiner Freikorpsmänner und sonstiger „faschistischer“ Militärpersonen und -schriftsteller (unter ihnen der Auschwitz-Kommandant Rudolf Höß und der junge Goebbels), was er aus Briefen, Selbstbiographien und Romanen zu Tage gefördert hat, muß auch jenen männlichen Leser verblüffen, der sich bislang für einen „Nicht-Faschisten“ gehalten hat. Er findet Chiffren. die er tags gedacht und nachts gesagt, nach denen er erst recht gehandelt hat. Zugespitzt so: Kratz an der Oberfläche des Mannes, und ans Licht kommt der Faschist vom Anfang der Welt.“

Mit seinem 2015 erschienen Buch „Das Lachen der Täter: Breivik u.a. Psychogramm der Tötungslust“ knüpft Theweleit quasi an „Männerphantasien“ an. Und ist damit wieder bei der Faschismustheorie und der Theorie der Gewalt. Anhand zurückliegender Gewaltexzesse – etwa die von Anders Behring Breivik, der NSU sowie in jüngster Zeit des sogenannten Islamischen Staates stellt Theweleit die zeitlos schmerzhafte Frage: Wie wird ein Mensch zum Killer? Und wieso gibt es so viele Zeugnisse darüber, dass Mörder nach der Tat in Lachen ausbrechen?

Terror in nah und fern

Zu Beginn stellte Dramaturg Alexander Kerlin (Moderator des Abends) den Gast vor und erinnerte an zahlreichen Terroranschläge der letzten Zeit in u.a. in Paris, Ankara, Pakistan und von Istanbul. Aber auch an das Wüten rechter Horden kürzlich  im linksalternativen Leipziger Stadtteil Connewitz. Dort, so Kerlin, seien auch Dortmunder Autokennzeichen gesichtet worden. Offenbar waren auch Dortmunder Rechte zwecks Randale nach Sachsen gereist. Auch dies, was „unter dem Stichwort ‚Köln‘ abgelegt worden sei“ fand Erwähnung. Zudem erinnerte der Moderator  an die bislang unaufgearbeiteten Morde der NSU.

Anders Behring Breivik jubelte beim Töten: „Juhu!“

Klaus Theweleit, dessen Buch stofflich mit dem Attentat auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ beginnt, stieg in seiner Lesung mit Anders Breivik ein. Der Norweger, der nach dem er am 22. Juli 2011 bereits in Oslo Anschläge verübte und dann  in einer Polizeiuniform  im Ferienlager der norwegischen sozialdemokratischen Jugend auf der Insel Utøya wahllos Menschen totschoss.

Und eiskalt läuft es einen den Rücken hinunter, wenn Theweleit, aus seinem Buch lesend, wiedergibt, was eine Jugendliche – nachdem sie dem aus sie anlegenden Breivik durch einen Sprung ins Wasser entkommen war – später schilderte: In Todesangst panisch fort schwimmend, hörte sie den Mörder Breivik hinter sich von der Insel her lachen.

Mehrere Zeugen hätten Ähnliches geschildert. Immer wenn Anders Breivik jemanden getroffen hatte, habe er „Juhu!“ geschrien. Wie beim Fußball, wenn ein Tor fällt. Ein anderer schildert, wie Breivik einem Mädchen mit seiner großen Pistole in den Oberkörper schoss, weil sie angezweifelt hatte, einen Polizist vor sich zu haben. Nachdem das Mädchen ins Gras gefallen war, sei Breivik noch einmal an sie herangetreten und habe ihr aus nächster Nähe in den Kopf geschossen. Dann habe er sich umgedreht und gelächelt. Sollte wohl heißen: Gleich seid ihr auch dran. Theweleit liest: „Der Täter lächelt, lacht und tobt sich aus.“

Die Körper der lachend tötenden sind nicht imstande irgendeine Emotion für irgendwen oder etwas außerhalb ihrer selbst aufzubringen

Sodann sprang der Autor thematisch nach Indonesien. Mitte der 1960er Jahre waren dort hunderttausende Anhänger der Kommunistischen Partei umgebracht worden. Etwa eine halbe Million Menschen (möglicherweise sogar drei Millionen) wurden damals ermordet. Theweleit erinnert daran, dass die Mörder später im Joshua Oppenheimers Film „The Act of Killing“ sich selbst und ihre Opfer spielten. Die Mörder tanzten und sangen, lachten. Theweleit stellt fest betreffs der “Körper der lachend tötenden, dass irgendeine Emotion für irgendwen oder etwas außerhalb ihrer selbst nicht aufbringen können.“ Und: „Ihre Psychophysis ist vollkommen absorbiert vom Akt des Tötens“.

Vergewaltigungen als Kriegswaffe

Weitere Beispiele, fast unerträglich – aber so hat es sich immer wieder zugetragen (Theweleit: die schlimmsten Beschreibungen erspare er dem Publikum) – werden benannt. Den Irak betreffend. Eine schlimme Vergewaltigung eines jezidischen Mädchens. Das seien, so der Autor weniger sexuelle Übergriffe, als vielmehr gezielte Gewaltakte: Vergewaltigungen als Kriegswaffe.

Mörder höheren Rechts“ sind davon angetrieben, uns zu heilen

Klaus Theweleit stellt zwischen der Motivation und den davon abgeleiteten Mord-(Bestrafungs-) Begründungen eines Anders Breivik eine Beziehung zu den Taten des sogenannten Islamischen Staates her. Ein anderes Recht außerhalb der eignen Rechtsetzung würde da wie dort nicht anerkannt. Breivik begründet sein Recht mit der Zugehörigkeit zu einer (höhergestellten) europäisch-christlichen Rasse, die Dschihadisten berufen sich auf den Koran. „Der Killer grinst“, so Theweleit. Breivik beim Morden auf Utøya . Die dem „Islamischen Staat“ dienenden Mörder auf YouTube beim Köpfen ihrer Opfer.

Psychisch Kranke? „Wir sind in deren Augen krank“, sagte Theweleit. Diese Menschen, „Mörder höheren Rechts“ dürfe man nicht mit dem Typus Patient verwechseln. Klaus Theweleit: „Wir haben es mit Weltrettern zu tun. Leuten, die davon angetrieben sind, uns zu heilen. Und zwar mit hochmodernem Killergerät.“

Ähnliche Motivationen hätten die Mörder des Naziregimes zur Begründung ihres Mordens, des Ausrottens von Menschen, ins Feld geführt. Ein Unterschied: Bei den Nazis geschah es im Auftrag des Staates. Wohl auch deshalb nennt Klaus Theweleit Breivik „einen frei flottierenden SS-Mann“.

Der Killer wolle zu alle erst, dass seine Taten wahrgenommen werden und zu Veränderungen führten. Breivik habe vor Gericht gesagt, er habe die 69 Jugendlichen auf der Insel nur erschossen, damit die Leute sein Manifest läsen.

Weitere „Orte des Lachens der Täter“

Und weiter ging mit dem Vortragenden nach Afrika und den mordenden Kindersoldaten. Weitere „Orte des Lachens der Täter“. Ob sie nun in Ruanda, Abu Ghuraib oder Guantánamo oder im einstigen Jugoslawien oder vorm Jugoslawien-Tribunal in Den Haag – wo die Täter die Angehörigen der Opfer angrinsten – zu verorten sind. Die Menschen vergäßen schnell. Natürlich wohl, „denn das alles ständig im Kopf zu haben schafft kein Mensch.“

Auch bei den Paulchen-Panther-Filmen spiele das Sich-lustig-machen der NSU-Täter über die Opfer eine Rolle.

Klaus Theweleit: „Bestimmte Menschen unter bestimmten Bedingungen tun nicht einander, sondern anderen diese Dinge an. Sie tun sie an, vorzugsweise mit einer schützenden, alles erlaubenden Institution im Rücken.“

Klaus Theweleit mit einer Feststellung von Susan Sontag zu Gewalttaten: „Menschen tun einander diese Dinge an“. Worauf er einschiebt: „Bestimmte Menschen unter bestimmten Bedingungen tun nicht einander, sondern anderen diese Dinge an. Sie tun sie an, vorzugsweise mit einer schützenden, alles erlaubenden Institution im Rücken.“

Klaus Theweleit bescheinigt abschließend: „Das Ich in Anführungszeichen das gilt für die meisten der an solchen Killings beteiligten, ist einem Sinne wie wir das gerne verstehen wollen, als ausgleichende Kraft zwischen den verschiedenen Realitätsebenen“ nach Freud „nicht vorhanden. Sie sind in ihrem Leben nie dazu gekommen ein Ich im Sinne von selbstständiges Subjekt herauszubilden. Die jungen europäischen Männern aus den Weltkriegen nicht. Und die afrikanischen Kindersoldaten erst recht nicht.“

Erklärungsversuche

In der sich anschließenden Diskussion kam Theweleit u.a. auf die Psychoanalyse zu sprechen, die man nicht ohne die Kinder-Pychoanalyse begreife. Kinder würden ja sehr dadurch geprägt, wie sie in den ersten drei Kinderjahren behandelt würden. Nach Auffassung des Vortragenden entwickle der Großteil der Menschen, das was ein „Ich“ heiße, nicht. Die meisten Menschen versuchten das über soziale Bindungen zu kompensieren bzw. zu lösen. Auch eine „Klarsicht auf die Welt“ bildete sich wohl auch bei den meisten Menschen nicht aus. Des Weiteren tippte Theweleit, betreffs dessen auf was Tötende zusteuerten noch Erscheinungen wie „Der blutige Brei“ und „Der leere Platz“) an. Dazu hier mehr.

Eingehend auf eine „Kartografie“ des kindlichen Körpers in den ersten drei Lebensjahren, sagte Theweleit, diese könne zwar negativ sein und Negatives zeitigen, bedeute jedoch nicht, dass spätere positive Erfahrungen nicht auch ein Schwenk der Persönlichkeitsentwicklung hin zum Positiven bewirken könnten.

Jeder Mensch habe Fragmentierungsgrenzen. Die man herausfinden müsse. Dann könne man aus der Haut fahren. Explodieren. Während früheren Vätergenerationen regelmäßig die Hand ausrutschte, sei dies heute auch aber viel weniger zu verzeichnen.

Über eine Publikumsfrage kam man auf die Kölner Silvesterereignisse sowie auf Militär und Krieg zu sprechen. Soldaten etwa erhielten von den Generälen quasi für eine Zeitlang einen Freibrief fürs Töten. „Am Tag danach ist das schon wieder verboten“. Das habe mit einem „Machtvakuum“ zu tun. Wahrscheinlich könne so etwas, meint Theweleit, ebenfalls Silvester auf der Domplatte in Köln (vermeintlich „Rechtsfreier Raum“) eine Rolle gespielt haben.

Ein Zuhörer kritisierte den in der Presse oft verwendeten Begriff „Sex-Täter“. Der Herr machte in Bezug auf Vergewaltigung geltend, dass es in den meisten Fällen um Machtausübung und um die Unterdrückung der Frau gehe. Theweleit stimmte zu. Auf die  Frage einer jungen Frau aus dem Publikum wurde deutlich, dass es zwar auch „fragmentierte“ Frauen gebe – Frauen, die gewalttätig sind –  jedoch bei weitem nicht in dem Maße wie es bei den männlichen Geschlechtsgenossen der Fall ist.

Hoffnungsvoller Ausgang

Zum Schluss diesen hochinteressanten Abends im Studio des Schauspiel Dortmund dann noch eine hoffnungsvoll stimmende Aussicht. Ist das in Kindheit, fragte Moderator Alexander Kerlin in Ermangelung weiterer Zuhörerfragen, oder Jugend eines Menschen Verkorkste wirklich unheilbar – ist ein negativ fragmentiertes Kind sozusagen wirklich verloren – oder gibt es dennoch Möglichkeiten der Korrektur? Dazu Autor Theweleit: „Ja, ich glaube immer. Die menschlichen Körper sind ungeheuerlich flexibel.“ Allein eine glückliche Liebesbeziehung könne die ganze Körperlichkeit umwälzen. Negative Erfahrungen können sich wiederholen. Und erfreuliche auch. In unserer Gesellschaft könne heute beobachtet werden, dass auch Gewalt etwa einen geringeren Stellenwert einnähme als in früheren Generationen. Klaus Theweleit zeigte sich davon überzeugt, dass heute Menschen nicht so schnell zur Gewaltausübung oder zum Gang in einen Krieg bewegt könnten wie es früher der Fall gewesen sei. Der „Giftpegel“ sei gesenkt. „Man braucht nicht verzweifeln vor den Kindern.“

Werner Seppmann: „Neoliberalismus, Prekarisierung und zivilisatorischer Verfall“ – Neu im pad-Verlag

Zehn Jahre hat das Hartz-IV-Reglement nun schon auf dem Buckel. Wer diesbezüglich Feierlaune empfindet, muss sich den Vorwurf gefallen lassen, ein Zyniker zu sein. Prof. Christoph Butterwegge hat keine Feierlust. Warum, das führte er in seinem Buch „Hartz IV und die Folgen – Auf dem Weg in eine andere Republik?“ (hier mehr) aus, mittels dessen er ein bisschen Wasser in einen möglicherweise zur Zehnjahresfeier aufgetischten Wein zu gießen gedachte. In einer neuen Publikation des pad-Verlags Bergkamen befasste sich ebenfalls der Gelsenkirchner Sozialwissenschaftler Werner Seppmann mit den dunklen Seiten von Hartz IV.

Wie vor ihm Christoph Butterwegge stellt auch dieser Autor heraus, dass die durch das Hartz-IV-System verstärkten Verarmungstendenzen und Ausgrenzungsprozesse keine „Unfälle“, sondern gewissermaßen aus einem bestimmten Kalkül heraus ins Werk gesetzt wurden. Mit gravierenden Folgen für die von Hartz IV Betroffenen sowie die verbliebenen Lohnabhängigen. Letztere, schreibt Werner Seppman auf Seite 12 seiner Arbeit, „leiden auch unter einem intensiven Gesundheitsverschleiß“. Auch stürben sie früher: „Zwischen Oben und Unten beträgt die Differenz inzwischen mehr als 10 Jahre!“

Hartz IV und die Folgen

Und auf Seite 14 lesen wir: „Die zunehmenden Abgrenzungsbedürfnisse auch bei denjenigen, die noch in gesicherten Verhältnissen leben, sind Ausdruck einer verbreiteten Angst vor der sozialen Rückstufung. Man distanziert sich sich nach ‚Unten‘, gerade aus der Sorge heraus, dass man dort selbst einmal landen könnte, an allen Ecken und Enden macht es sich bemerkbar, dass ein einmal erreichter Status nicht mehr als sicher angesehen werden kann und die Orientierungsmuster der Vergangenheit nicht mehr verlässlich sind.“

Die Hartz-VI-Betroffenen erlebten, führt Seppmann aus, ein System der „Disziplinierung durch Einschüchterung“ (S.16). Die „Armuts-Verwaltung“ habe sich „zu einem Bürokratiemonster entwickelt“. Der Autor zitiert aus der Süddeutschen Zeitung: „Die durchschnittliche Akten eines der 3,4 Millionen Hartz-IV-Haushalte ist etwa 650 Seiten dick.“

Menschen fühlten sich wie Dreck behandelt. Der auf sie ausgeübte Druck, Repression allenthalben, raube Motivation. Seppmann bilanziert bitter: „Aus dem Selbstanspruch der Agenda 2010 zu ‚fordern‘ und zu ‚fördern‘ ist noch nicht einmal ein zielgerichtetes Fördern, sondern oft nur die Einschüchterung geblieben.“ Lag also DIE LINKE mit ihrem Verdikt, Hartz IV sei Unrecht per Gesetz, doch nicht ganz falsch?

Hartz IV ist nur ein Instrument von gleich mehreren im verstärkt grassierenden Neoliberalismus, dass mit einer beängstigenden Prekarisierung von immer breiteren Schichten der Gesellschaft (Leiharbeiter, Aufstocker, Armutsrenten) einhergeht und mit diesen Erscheinungen direkt in Korrespondenz steht.

Man konnte also wissen. Und wusste wohl auch.

Werner Seppmann weist auf Seite 28 beginnend daraufhin, dass „die durch Arbeitslosigkeit verursachten psychischen Destabilisierungswirkungen“ bereits „in der Studie ‚Die Arbeitslosen von Mariental‘ beschrieben“ worden (siehe auch hier sowie den Film von Günter Kaindlstorfer) waren.

Man konnte also wissen. Und wusste wohl auch. Die Betroffenen Anfang der 1930er im österreichischen Marientag reagierten oft hilflos und lethargisch auf ihre Lage.

Heute wir nicht wenigen Arbeitslose oder Hartz-IV-Betroffenen gar as Gefühl vermittelt, sie seien selbst schuld an ihrer Lage.

Wieso ein System wie Hartz-IV überhaupt hat installiert werden können, tönt Seppmann im Kapitel „Kapitalismus und Krise“ (Anleihen aus den Marx-Engels-Werken nehmend) an. Bekanntlich sind ja Krisen dem Kapitalismus immanent. Zu einer „stabilen Machtposition des Kapitals“ kommt eine „Schwäche der Gewerkschaften“. Auf Seite 52 erklärt Werner Seppmann: „Beides wird durch eine krisenbedingte Verunsicherung der Lohnabhängigen gefördert, wie sie gegenwärtig existiert“.

Seppmann erinnert daran, wie wirksame Stereotype zur Verleumdung von Arbeitslosen verwendet werden, indem man sie als „arbeitsunwillig“ hinstellt“. Und zusätzlich das bei Vielen im Hirn verankerte „Wer arbeiten will, findet auch Arbeit“ bedient.

Die Folgen für den Einzelnen sind nicht selten verheerend. Irrationale Protesthaltungen kämen auf, „die eine hohe Anfälligkeit für den Rechtsextremismus aufweisen.

In der BRD sei – konstatiert der Autor – sei mit “besonderen Nachdruck an der Etablierung einer neuen Unterklasse“ gearbeitet worden.Und weiter: „Die Deklassierung eines Millionenheeres von Menschen war kein ‚Betriebsunfall‘, sondern zentrales Motiv der Umgestaltungsinitiativen, ’normativ‘ durch die neoliberale Formel flankiert, dass Ungleichheit sozial produktiv wirke, weil es die Menschen diszipliniere und zur Leistung antreibe.“

Wieder zurück beim Dahrendorf-Wort

Gesellschaftliche Randständigkeit sei institutionalisiert worden. Wer hierzulande arm ist, schreibt Seppmann, könne mittlerweile an einem schlechten Zahnzustand der Betroffenen erkannt werden. Noch müsse in Deutschland keiner Hunger leiden. Dennoch, schränkt er ein, „nicht in den ersten beiden Dritteln des Monats, also so lange, wie die ‚Hilfe zum Lebensunterhalt‘ einigermaßen reicht.“

Und der Autor vergisst nicht an vergangenen Zeiten in diesem Lande zu erinnern, wo eine Lebensplanung einigermaßen planbar und ein Leben in Würde durchaus vielen Menschen als gesichert galt. Mittlerweile jedoch gäbe in der BRD nicht nur materielle Armut. Hilfsorganisationen sprächen davon, „dass jedes vierte Kind in Deutschland ohne Frühstück in die Schule geht“. Und Werner Seppman zitiert dazu Ralf Dahrendorf. „

„Es war von Ralf Dahrendorf zur Illustration der relativen Verbesserung der Lebenslage der Lohnabhängigen in den ‚Wirtschaftswunder‘-Zeiten (die es ja tatsächlich gegeben hat!) gedacht, als er in einer dem Kapitalismus legitimierenden Absicht darauf verwies, dass es etwa anderes sei, ‚wenn die einen Kaviar und die anderen Hering essen, als wenn die einen Kaviar und die anderen gar nichts essen“. Seppmann bilanziert: „Es gehört zur bitteren Ironie der sozialpolitischen Rückschrittsentwicklung, dass dieser Zustand wieder eingetreten ist!“

Des Weiteren spricht Werner Seppmann davon, dass Hartz IV „nicht die alleinige Ursache allen Übels“ sei, sondern auch von „Vergesellschaftungskrise und Zivilisationsverlust“ (S. 61) dten ie Rede sein müsse.

Psychiater etwa berichteten nicht nur davon, dass es sich bei ihren Patienten aus den höeren Management-Etagen sehr oft um egozentrische und psychisch schwer gestörte Menschen handelt, sondern auch, dass gerade diese Dispositionen, die Garanten ihrer Karriere sind.“ Angst und bange kann es einen werden, wenn man lesen muss, dass bestimmte Unternehmen sogar gezielt Führungskräfte mit psychischen Störungen (!) suchten, „weil diese von einer pedantischen Zuverlässigkeit und Zielstrebigkeit wären.“

In seiner Ankündigung von Seppmanns Broschüre schreibt der pad-Verlag:

„Innerhalb einer bemerkenswert kurzen Zeitspann haben sich die Sozialverhältnisse in den kapitalistischen Kernländern dramatisch verändert. Auch in den ehemaligen ‚Wohlstandsgesellschaften‘, ist ein sozialer Abwärtssog unübersehbar geworden, der immer weitere Schichten erfassst. Die Armutsquote bewegt sich in der Bundesrepublik auf die 20-Prozentmarke zu.“

Realistische Einschätzung und Aussichten

Viel Hoffnung auf Besserung der Verhältnisse kann uns der Autor nicht machen: „Trotz seiner Auflösungsdynamik und der ökonomischen Krise in Permanenz, ist ein Ende des Kapitalismus nicht in Sicht, ist zu befürchten, dass er sich noch lange über die Runden retten kann – auch wenn der zivilisatorischen Praxis immer höher wird.“

Seppmann fragt betreffs des Kapitalismus: „Stellt er nicht doch das ‚Ende der Geschichte‘ dar?“ Und antwortet darauf: „Jedoch widerspricht eine solche Einschätzung aller historischen Erfahrung: In vielen historischen Sackgassen sind dennoch nach vorne weisende Bewegungen entstanden.“

Anlass für „einen vordergründigen Optimismus“ gebe es dennoch keinen. Doch wie stets stirbt wohl trotz alledem auch bei Seppmann die Hoffnung zuletzt: „Möglichkeiten der Veränderung entstehen aus dem Gang der historischen Entwicklung.“ Und er schließt: „Aber diese Möglicheiten müssen von veränderungsbereiten Subjekten ergriffen werden. An der Profilierung dieses ’subjektiven Faktors‘ gilt es zu arbeiten.“

Eine in weitem düster stimmen müssende, aber nötige Bestandsaufnahme nicht nur der dunklen Seiten von Hartz IV, welche am Ende ein weit hinten am Ende des Tunnels erkennbares Lichtlein erkennen lässt.

Die Broschüre:

Werner Seppmann

Neoliberalismus, Prekarisierung und zivilisatorischer Verfall

Die dunklen Seiten von Hartz IV

(73 Seiten, 5 € beim pad-verlag – Am Schlehdorn 6 – 59192 Bergkamen / pad-verlag@gmx.net)

Dazu auch: „Ausgrenzung und Verarmung in Kauf genommen“.

Kenntnisreich und fesselnd geschrieben: Dr. Michael Lüders „Wer den Wind sät“

Buchcover via CH Beck Verlag.

Buchcover via CH Beck Verlag.

Wir als Menschen werden und können nie alles wissen. Aber wir können uns immerhin schlau machen. Also uns informieren. Dann kämen wir beispielsweise – nehmen wir Hochaktuelles – relativ schnell darauf, warum derzeit so viele Flüchtlinge auf dem Weg zu uns oder in andere westeuropäische Länder sind. Die „besorgten Bürger“ einmal ausgenommen. Die sehen ja offenbar nur die Flüchtlinge auf uns zukommen. Die Ursachen nehmen sie nicht in den Blick. Und wenn sie es denn täten, akzeptierten sie es nicht: ihr Weltbild bekäme wohl Risse …

Bei Wikipedia steht zu lesen: „In seinem berühmten Text, der Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? von 1784 schreibt Kant:

Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. ‚Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!‘ ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“[1]

Kenntnisreich und fesselnd geschrieben

Gesetzt den Fall, wir strebten an, uns aus unserer selbst verschuldeten Unmündigkeit zu befreien, rate ich, sich der Leitung von Dr. Michael Lüders anzuvertrauen. Respektive unbedingt zur Lektüre seines neuesten Buches „Wer den Wind sät – Was westliche Politik im Orient anrichtet“ zu greifen.

Ob dieses hochinteressante, fesselnd geschriebene und zu kenntnisreichen Informationen verhelfende Sachbuch vom US-amerikanischen Politologen Andrew B. Denison (Transatlantic Networks) gelesen worden ist, scheint zumindest fraglich. Denn Denison bügelte in der gestrigen Phoenix-Runde Kritik an dem Vorgehen seines Landes im arabischen Raum gewissermaßen als die ewige Leier eines Antiamerikanismus ab. Läse Denison aber Lüders Buch, verstünde er welche Verantwortung die Politik seines Landes für die Destabilisierung der Welt und speziell im Nahen und Mittleren Osten trägt. Aber zugeben täte er es wohl gleich den „besorgten Bürgern“ nicht. Stichwort: eigenes Weltbild, dass im Sinne des Amerikanischen Imperiums zusammen gedacht ist.

Sündenfall Mossadegh

Immerhin können wir nach Lektüre des Buches von Lüders Mister Denison soweit beruhigen: Die USA sind nun nicht an allem Unheil in der Welt (allein) schuld. Sondern wie im Falle des Sturzes der ersten demokratischen Regierung des Iran in 1950er Jahren unter Premier Mossadegh war es Großbritannien – dessen Ölfirmen von Mossadegh verstaatlicht worden waren – das dabei voranschritt, erst später beim schmutzigen Komplott eingestiegen. Der Sündenfall nach 1945!

Inzwischen zugängliche CIA Dokumente – Dr. Lüders hat sie eingesehen-, belegen, wie der Sturz Mossadeghs durch Großbritannien und die USA geplant wurde.

In der Sendung „Titel Thesen Temperamente“ sagte Dr. Michael Lüders kürzlich über Mossadegh: „Er war ein Bewunderer gerade der amerikanischen Demokratie“, namentlich von Abraham Lincoln. Das alles nützte ihm aber nichts, denn es galt als unbotmäßig, dass ein Staatschef in einem Land der Dritten Welt sich anmaßte, gegen westliche Wirtschaftsinteressen politisch vorzugehen.“

Herr, die Not ist groß!/Die ich rief, die Geister/werd ich nun nicht los“

Lüders skizziert samt wichtigen Hintergründen 60 Jahre westliche Politik und deren teils schwerwiegenden Fehler. Heraus kommt u.a., dass die Entstehung der Taliban (via vorausgehender US-amerikanischer Unterstützung der Mudschaheddin ) in Afghanistan, von Al Quaida bis hin zur Entstehung des Islamischen Staates ohne eine unmittelbare Täterschaft (bzw. ein Gewährenlassen) ohne US-amerikanische Politik nicht möglich gewesen wäre. Diktatoren , mit denen die USA zuvor bestens und zwar nach dem Motto „Er mag ja ein Hurensohn sein, aber er ist unser Hurensohn“ zusammengearbeitet hätten. würden von Washington immer erst dann ins Visier genommen, wenn sie nicht mehr nach dem Willen und den Interessen Washingtons tanzen wollten. Dann bezeichne man sie als die „Bösen“ – ja sie bekämen das vernichtende Prädikat „Hitler“ verpasst. Dann kommen die USA, um Demokratie zu bringen. Meist fehle der Plan, wie es nach dem Regimewechsel weitergehen solle. Alles erinnert dann immer an eine Stelle in Goethes „Zauberlehrling“: Herr, die Not ist groß!/Die ich rief, die Geister/werd ich nun nicht los.“

Nicht nur Blechschäden

Das alles sind keine bloßen Ausrutscher mit Blechschäden. Nebenbei bemerkt sind die USA laut einer Studie, auf welche der Schweizer Historiker und Friedensforscher Daniele Ganser einmal hinwies, höchstwahrscheinlich für den Tot von 20 bis 30 Millionen Menschen durch Kriege und Konflikte in der ganzen Welt verantwortlich.

Und die blutige Spur westlicher Politik, auch EU-Politik begleitet von Menschenrechtsheuchelei und dem Gerede von hehren Werten zieht sich bis hin zu den Ereignissen in der Ukraine.

Büchse der Pandora geöffnet

Dem ARD-Kulturmagazin „ttt“ sagte Lüders: „Einer der größten Fehler, die die Amerikaner gemacht haben nach dem Sturz von Saddam Hussein, war, dass sie die Armee aufgelöst haben, die Geheimdienste und die Baath Partei von Saddam Hussein. Damit waren über Nacht Hunderttausende Sunniten arbeitslos, die dann in den Untergrund gegangen sind und sich heute den Reihen des Islamischen Staates wiederfinden. Man hat gewissermaßen die Büchse der Pandora geöffnet, und jetzt ist man nicht mehr in der Lage, diese Geister, die man da gerufen hat, wieder kontrollieren zu können.“

Lesen!

Wo wir wieder bei den zu uns strömenden Flüchtlingen wären. Aufgemerkt? Mehr sei hier nicht verraten. Lesen! Dieses Sachbuch von Dr. Michael Lüders möchte ich unbedingt zur Lektüre empfehlen. Jedenfalls denen, die frei nach Immanuel Kant den Ausgang aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit suchen. Damit sind gewiss nicht alles Probleme gelöst – wie auch?! – aber die Leserinnen und Leser wissen zumindest woher sie rühren. Das ist nicht nichts. Im Gegenteil. Es ertüchtigt womöglich auch zu eigenem Handeln.

Zwecks Einstimmung auf das Buch empfehle ich zusätzlich ein Video mit einer Aufzeichnung eines Vortrags von Michael Lüders über sein Buch an der Deutsch-Amerikanischen Akademie in Heidelberg (via SWR-Teleakademie).

Rezension: Monsieur Rainer „Luise Kautt: Blutfreitag“ – Spannend, nahe an der Realität

Buchcover Blutfreitag via Book on Demand

Buchcover Blutfreitag via Book on Demand

Hat man erst einmal ein Buch von Monsieur Rainer (Rainer Kahni) gelesen will man mehr. Es ist nicht nur sein einzigartiger Schreibstil, der es einen antut. Es durchaus – ganz im Gegenteil! – gut und keineswegs ein Manko, dass beim Schriftsteller Monsieur Rainer die ursprüngliche Profession des in Deutschland geborenen Wahlfranzosen, Journalist, durchscheint. Monsieur Rainer hat ein enormes Hintergrundwissen angesammelt, kennt sich in den Höhen und noch mehr: den Niederungen der Politik und erst recht in der Justiz aus. Hätte er das in seinen Büchern Vorkommende in Zeitungsartikel gegossen – gewiss würde er mit Klagen überzogen bzw. überhaupt nicht gedruckt. Die Form des Romans, des Thrillers im vorliegendem Falle – die es dem Autor erlaubt, die Wirklichkeit fiktional zu verarbeiten.

Vom Schwäbeln nicht abschrecken lassen

„Luise Kautt: Blutfreitag“ ist als „Politthriller – nicht nur für Schwaben“ ausgewiesen. Davon sollte sich niemand abschrecken lassen, weil er Angst hat die schwäbelnde Heldin des Thrillers nicht zu verstehen. Weil: Bekanntlich können ja Schwaben. bekanntlich alles außer Hochdeutsch können. Keine Angst: Ran an den Speck! Das derbe, oft unter die Gürtellinie zielende Schwäbisch der Polizistin Luise Kautt ist nämlich geradezu Salz in der Suppe dieses Thrillers! Man kann sich schnell einlesen, versprochen. Ich las das Buch in meinem Türkei-Urlaub in einem Rutsch durch. Erst recht ein interessanter Kontrast: zwischen Türkisch und Schwäbisch quasi hin- und herzuschalten.

Nicht nur mundartlich eine Wucht in Tüten: Heldin Luise Kautt

Die Kriminaloberrätin Luise Kautt, im Dezernat „Organisierte Kriminalität“ im Stuttgarter Landeskriminalität tätig, ist eine Wucht Tüten. Gerne schleudert sie mal – auch in Richtung ihrer Vorgesetzten – „Du daube Sau, du!“ hinaus. Köstlich.

Am Anfang steht  ein Anschlag

Ihr Fall beginnt mit den Ermittlungen nach einem folgenschweren Anschlag im oberschwäbischen Weingarten, wo alljährlich am Freitag nach Christi Himmelfahrt der traditionelle Blutritt stattfindet. Bei ihren Ermittlungen trifft die Kriminalistin bald schon auf gewaltige Widerstände vonseiten der oberen Etagen von Polizei und Justiz. Doch Kautt lässt sich nicht einschüchtern. Von nichts und niemanden. Bald schon hilft ihr eine gewissermaßen unsichtbare Hand.

Das Buch bezieht sich auf wahre Ereignisse

Monsieur Rainer gibt an, sich betreffs seines Stoffes auf eigne Recherchen und wahre Ereignisse bezogen zu haben. Auf diese Weise dürfte er sich sehr nahe an die Realität heran geschrieben haben. Dass macht seinen Thriller äußerst brisant. Und manche Leserinnen und Leser dürften bei der Lektüre den Glauben an den deutschen Rechtsstaat ein Stück weit verlieren. Deutlich wird wie bescheiden es hierzulande um Trennung von Judikative und Exekutive sowie um die Trennung von Staat und Kirche ausschaut.

Also Warnhinweis: Die Lektüre dieses Buches könnte das eigne Weltbild zum Einstürzen bringen! Wagen Sie es dennoch – es lohnt sich.

Immer wieder hat  es Spannungspitzen

Monsieur Rainer hat die Handlung äußerst geschickt konstruiert. Immer wieder hat  es Spannungsspitzen. Die Spannung wird zuweilen durch humorige Einsprengsel aufgelockert, aber sofort wieder aufgeladen, um hart vorangetrieben zu werden. Langeweile kommt nicht auf. Ich vergaß im von der Sommerhitze aufgeladenen Izmir oft die Stirn zu trocknen und der Schweiß tropfte auf die Buchseiten. Ganz einfach: Weil ich lieber zügig umblätterte, um ja in der Spur und auf dem Laufenden zu bleiben.

Irgendwann bekommt es Kriminaloberrätin Kautt mit so etwas wie einem tiefen Staat zu tun. Und zwar einem, der – wie mehr und mehr offenbar wird – europäisch vernetzt ist und dementsprechend agiert. Dessen Akteure versuchen die unbequeme Ermittlerin kleinzukriegen. Sie wird gar inhaftiert und psychischer Folter unterworfen. Angeblich regierende Politiker scheinen plötzlich als Marionetten auf. Da muss man doch glatt an Horst Seehofer denken, der wohl ausnahmsweise die einmal ehrlich sprach: „Diejenigen die entscheiden, sind nicht gewählt.
Diejenigen die gewählt werden, haben nichts zu entscheiden“

Kautt wird in ein Schlamassel verstrickt, steckt mal im behördlichen Unwesen fest und flucht in ihrer m.E., dazu bestens geeigneten schwäbischen Mundart über den Sumpf, die  Korruption im Staate und das Unvermögen der Justiz. Unterhaltsam. Spannend. Mitreißend. Und aufrüttelnd für die, nicht länger hinzunehmen gedenken, was in diesem unseren Lande und anderswo in Europa an Ungeheuerlichem geschieht. Das Buch passt wie die Faust aufs Auge und diese miese Zeit, eines heruntergekommenen Europas. Leserinnen und Leser, die vor der Lektüre dieses Thrillers meinten, Korruption und Mafia seien etwa nur in Italien zu Hause und in Deutschland sei alles in bester, eben deutscher Ordnung, wird nach dem Zuschlagen von „Blutfreitag“ bitterlich ins Kissen weinen oder empört nach Veränderung schreien! Oder man kann sich damit belügen, das sei ja alles nur Literatur und frei erfunden.

Monsieur Rainer: „Es ist schlimmer als allgemein vermutet!“

Aber man hat doch schon von gewissen Geheimlogen gehört oder von Gladio, oder? Lesen Sie mal nach: unter Gladio.

Dazu: Rainer Kahni am 02.10.12 zu seinem Buch auf Facebook Journalistenseite:GLADIO lebt! Die internationale Loge des Verbrechens ist lebendiger denn je! In diesem exakt recherchierten Politthriller werden die wahren Machtverhältnisse in der Welt bis ins Detail beschrieben. Es ist schlimmer als allgemein vermutet!“

Ich möchte meinen Leserinnen und Lesern diesen Politthriller – der m.E. nach Verfilmung schreit – wärmstens ans Herz legen. Er enthält auch manches  Klischeehaftes, was vielleicht in der Wirklichkeit der Polizeiarbeit so keinen Bestand hätte –  dies aber findet sich auch bei manchem Tatort im Fernsehen. Aber die spannungsgeladene Handlung macht das wett und fesselnt die Leser durchweg.

Also: Lesen!

Mehr sei hier nicht verraten. Appetit dürfte nunmehr gemacht sein. Also: Lesen! Spannung, Amüsement sind garantiert. Und Hintergrundinformationen werden von Monsieur Rainer anbei mitgeliefert. Er stützt sich dabei auf seinen großen Erfahrungschatz, eigene Recherchen während seiner Zeit als aktiver Journalist in vielen Krisengebieten der Welt und auf persönlich gewonnene Kenntnis der Zustände in der deutschen Justiz.

Ich möchte hier nicht enden, bevor ich nicht auch auf andere von Monseur Rainer geschriebene Bücher hingewiesen habe. Neue wird es wohl leider keine weiteren mehr geben: Rainer Kahni liegt derzeit sterbenskrank – im „Todestrakt“, wie heute auf seiner Facebook-Seite zu lesen stand – in einem Hospital seiner  Wahlheimat Frankreich. Er musste  diese Zeilen diktieren.

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Buch (Taschenbuch)

Luise Kautt: Blutfreitag

Politthriller – nicht nur für Schwaben

von Monsieur Rainer

ISBN

978-3-8423-8082-0

EAN

9783842380820

392 Seiten; 25,00 €

Buchcover Blutfreitag via Book on Demand

Buchcover Blutfreitag via Book on Demand

Rezension: „Der Winkeladvokat“ von Monsieur Rainer

Foto: Claus-Dieter Stille

Foto: Claus-Dieter Stille

Rainer Kahni (Monsieur Rainer) kann als Schriftsteller aber auch als Journalist als Geheimtipp gelten. Eigentlich vereint er beides in sich. Indem nämlich der Schriftsteller Monsieur Rainer ungemein viel von den Erfahrungen des einst viel in der Welt  herum gekommenen Journalisten Rainer Kahni profitiert. Was seinen Büchern guttut. Ich selbst stieg in Rainer Kahnis Werk mit der Lektüre seines Romans „Der Winkeladvokat“ ein. Die Information zum Buch:

„Als traumatisierter Bettnässer ist Tristan Wöhrlin mit einem schlechten Abiturzeugnis zitternd vor Angst vor seinen mitleidlosen Eltern in die französische Fremdenlegion geflüchtet. Er verpflichtet sich für fünf Jahre und studiert nach seiner ehrenvollen Verabschiedung Jura an den Universitäten Nizza und Tübingen. Viele Jahre später kehrt er unter neuem Namen und mit einer Anwaltszulassung in der Tasche heim. Er lässt sich genau in dem Landgerichtsbezirk nieder, in dem sein Vater als gefürchteter Oberstaatsanwalt und seine hartherzige Mutter als Richterin amtieren. Ein gnadenloser Kampf zwischen Eltern und Sohn spielt sich vor und hinter dieser so ehrbaren bürgerlichen Kulisse ab.“

Spannend, denkt man und: Das riecht nach nach einem außergewöhnlichen Abenteuer! Und so ist es dann auch. Rainer Kahni gelingt es seine Leserinnen und Leser von der ersten Zeile seines Romans an zu packen und bis zur letzten Zeile und dem letzten Wort darin: „Scheißleben“ nicht wieder auszulassen.

Wir bekommen neben einer gekonnt erzählten Geschichte immer wieder Informationen an die Hand. Zum Beispiel über die Fremdenlegion, in der der Held des Romans, Tristan Wöhrlin, gedient hat. Die dieser jedoch – obwohl ihm von seinem Vorgesetzten ein verlockendes Angebot unterbreitet worden war – verlässt, um den Rachefeldzug gegen seine Eltern zu führen. Aus dem einstigen Bettnässer ist durch die harte militärische Ausbildung und Praxis in der Fremdenlegion ein mit allen Wassern gewaschener selbstbewusster Mann mit dem neuen Namen Jean-Paul Malin geworden. Er schließt ein Jurastudium in Frankreich erfolgreich ab. Später geht er auch in der BRD aus einer juristischen Staatsexamensprüfung erfolgreich hervor. Die Grundlage, um auch in der BRD als Rechtsanwalt tätig sein zu dürfen und eine Kanzlei zu eröffnen.

Dann nimmt uns Monsieur Kahni durch die uns als Leser nur so durch die Hände raschelnden und rauchenden Seiten seines Romans auf einen wahren Parforceritt mit durch das Privat- und Berufsleben des französisch-deutschen Advokaten Jean-Paul Malin. Malin erregt Aufsehen. Schon als Referendar an einem deutschen Gericht. Da bringt Jean-Paul Malin den muffigen Gerichtsalltag unkonventionell auf Trab. Er arbeitet liegengebliebene Akten durch und schließt die auf seine Art unbürokratisch ab. Nachdem er das Gericht verlässt, verfällt dort wieder alles in den alten Trott. Niemand dort hat ein Interesse diesen abzuschaffen.

Jean-Paul Malins äußeres Erscheinungsbild passt ganz und gar nicht zu dem Bild eines deutschen Rechtsanwalts, wie es sich die einschlägigen bürgerlichen Eliten von einem Juristen für gewöhnlich machen. Aber auch sein Auftreten ist nicht so. Eigentlich passt er nicht in diese elitären Kreise. Kreise, die sich für die Elite des Landes halten. Malin nimmt kein Blatt vor den Mund. Ihm ist schlichtweg wurscht, was andere von ihm denken. Manchem der Juristen mit denen er zu tun hat stößt das bitter auf. Anderen, denen der unkonventionelle Rechtsanwalt begegnet, imponiert das.

Malin nimmt sich als Anwalt anscheinend aussichtslosen Fällen an und verteidigt Mandanten auch aus zwielichtigen Milieus. Sowie Leute, die einfach ziemliches Pech im Leben hatten. Und an die falschen Leute gerieten. Malin schaut nicht aufs Honorar. Was hinten rauskommt ist ihm wichtig. Wenn er einem armen Teufel, den vielleicht ein anderer Kollege nicht mit dem Hintern angeschaut hätte, helfen kann – warum nicht? Von Anfang seiner Arbeit an in der Bundesrepublik Deutschland macht der Deutsch-Franzose keinen Hehl daraus, wie ihm das deutsche Rechtssystem mit seinen gravierenden Fehler zu wider ist. Denn aus Frankreich kennt er derlei nicht. Und die Tatsache, dass einstige stramme Nazis unter den Juristen in der Bundesrepublik wieder zu Ämtern und Würden gelangen konnten, ist ihm ohnehin jede Menge Empörung wert. Überhaupt zieht sich Kritik am deutschen Rechtsstaat wie ein roter Faden durch das Buch. Eines der Hauptthemen von Rainer Kahni.

Um zu verstehen was er am deutschen Rechtsstaat so unbarmherzig und bereits über Jahre kritisiert muss man nur seinen auf freitag.de erschienen Beitrag „Deutschland ist kein Rechtsstaat“ lesen. Hier ein Auszug daraus:

„Der Generalbundesanwalt und seine nachgeordneten Bundesanwälte sind weisungsabhängige politische Beamte, die vom Bundesjustizministerium vorgeschlagen und vom Bundespräsidenten ernannt werden. Spuren sie nicht im Sinne der jeweiligen politischen Machthaber, dann können sie jederzeit wieder abberufen und in den einstweiligen Ruhestand versetzt werden. Die Generalstaatsanwälte der Länder sind ebenfalls weisungsgebundene politische Beamte der Länder und können jederzeit wieder abberufen werden, wenn sie den Weisungen ihres Dienstherren, also dem Justizminister, nicht Folge leisten.“

Klingelt da nicht was? Wir müssen uns zu diesem Behufe da momentan nur einmal vor Augen führen, was sich rund um die hanebüchene Landesverratsgeschichte betreffs des Blogs netzpolitik.org für ein Skandal aufbaut! Rainer Kahni wiederholt nicht nur in seinem Roman seit Jahren fast gebetsmühlenartig die fehlende beziehungsweise ungenügende Trennung von Exekutive, Judikative und Legislative in diesem unseren Deutschland.

Was hinsichtlich dessen in „Der Winkeladvokat“ geschrieben wird, erweitert entlang einer mitreißend erzählten Story auch unseren gewiss nicht besonders ausgeprägtes Wissen über die Funktion von Gerichten, den Sinn oder Unsinn von Paragraphen und das Treiben von Staats- und Rechtsanwälten. Und somit unseren Horizont überhaupt. Rainer Kahni in seinem Blog dazu:

„Juristen sind zu allem fähig und zu nichts in der Lage, sagt der deutsche Volksmund. Schon Ludwig Thoma, ein Dichter und Amtsrichter in Dachau machte sich über die Juristen lustig: „Er war Jurist und auch sonst von eher mässigem Verstande!“

Monsieur Kahni versteht es, seine Kritik an der Justiz geschickt in einer fiktiven Geschichte zu verpacken und bisweilen amüsant oder mit Sarkasmus zu verkaufen. Hier kommt der Journalist in ihm zur Geltung. Ebenso Kahnis Lebenserfahrung. Sein Schreiben offenbart, dass er in der Materie der Juristerei sehr gut bewandert ist; aber ebenso in der Weltpolitik bewandert ist. Wir Leser erfahren einiges an Details aus Alltag wie der Juristerei. Aus dem Alltag im Großen und Ganzen. Kahni gerät ist beim Schreiben seines Roman nie in Versuchung gekommen ins Furztrockene zu verfallen, noch ins Belehrende abzudriften. Alles Geschriebene steht ganz im Dienste der zu erzählenden Geschichte. Uns Lesern wird es so an keiner Stelle dieses Romans langweilig. Und ganz en passant erhalten wir noch spannende Einblicke in das deutsche Rechtswesen und Kenntnis seiner innewohnende, nicht jedem Mitmenschen bekannten Missstände. Wenn uns dabei ab und an der Hut hochgeht, ist das ein guter Nebeneffekt. Und gewiss beabsichtigt. Möge etwas davon hängen bleiben und im Alltag Anstoß zu Einforderung Abänderung geben! Dabei kommt dieser Roman keinesfalls als „Juristen-Bashing“ daher, wie man nun denken könnte. Sehr klar werden darin stets feine Unterschiede herausgearbeitet. Es finden Differenzierungen statt. Der Leser erhält so ein ziemlich klares und in weiten Teilen objektives Bild von der Welt der Juristen. Es gibt eben sowohl unter Richtern, als auch und Staats- und Rechtsanwälten sone und solche. Nicht alle sind geldgierig und machtgeil.

Die Familiengeschichte des Romanhelden Wöhrlin/Malin ist die ganze Zeit über mehr oder weniger präsent. So wie Malin alle Kraft in die Verteidigung und Vertretung seiner Mandanten steckt, so wenig lässt er im Verlaufe des Romans von seinen Rachefeldzug gegen den Vater ab. Dabei könnte er mit der Frau die er in Deutschland fand und dem gemeinsamen Kind ein glückliches Leben führen. Doch Wöhrlins/Malins Seele ist tief und schwer verletzt. In den Reihen der französischen Fremdenlegion ist der einst der schwer gedemütigte und schwache Tristan zu einer starken Persönlichkeit namens Jean-Paul Malin, die hart im Nehmen und Härte gegen Feinde auszuüben imstande ist, geworden. Allein die schwer verletzte Seele ist der Mensch gezwungen ein Leben lang mit sich herumzuschleppen. Ab und an meldet sie sich mit schneidenden psychischen Qualen. Qualen, die durch die Betäubung mit Alkohol nur zum seelischen Zusammenbruch führen können. Bevor Jean-Paul Malin aber seelisch zerbricht, kehrt er zusammen mit seiner Familie nach Südfrankreich zurück. Letztlich ist sein Rachefeldzug an der Bösartigkeit der Familie gescheitert und musste vor der unbarmherzigen Maschine des deutschen Rechtssystem im Grunde kapitulieren. In Deutschland ist einmal mehr nicht sein Platz.

Ein hoch spannendes und noch dazu in vielerlei Hinsicht informatives, ja unter Umständen auch aufrüttelndes Buch von diesem Monsieur Rainer alias Rainer Kahni! Es lohnt sich. Manche etwas zu klischeehaft geratene Szene im Buch verzeiht man dem Autor. Dewegen: Empfehlung! Ich hatte es rutzputz durchgelesen. Unterhaltsam und sehr informativ. Sarkasmus inklusive.

Übrigens soll das Buch verfilmt werden. (Video Indiegogo)  Derzeit läuft eine Crowdfundingkampagne.

Monsieur Rainer

Der Winkeladvokat (Roman)

Taschenbuch (EUR 15,80)

Books on Demand GmbH, Norderstedt

ISBN: 978-3-8370-3251-2

„Der Irrtum“: 1038 Seiten exzellent geschriebene Literatur von Lutz Jahoda – Lesenswert!

Die Roman-Trilogie aus der Hand Lutz Jahodas ist in der edition lithaus erschienen; Foto: C.-D. Stille

Die Roman-Trilogie aus der Hand Lutz Jahodas ist in der edition lithaus erschienen; Foto: C.-D. Stille

Nicht zuletzt durch die Eskalation der Ukraine-Krise ist eine gefährliche Situation in Europa entstanden. Mit Europa, respektive der EU, welche sich aufgrund gleich mehrerer schwerwiegender Probleme selbst im Wanken befindet, steht es ebenfalls nicht eben zum Besten. Deswegen und darüber hinaus büßt die Institution beim Wahlvolk wegen Demokratiedefiziten stetig an Legitimation ein. Gewinner der sich abzeichnenden Misere dagegen sind zunehmend Parteien des rechten politischen Spektrums. Überwunden geglaubter Nationalismus keimt wieder auf. Sogar die Gefahr eines möglich werden könnenden dritten Weltkrieges wird hier und da an die Wand gemalt. Aber ist es auch  ohne eine solche – wohl eher nicht eintretende – Katastrophe nicht schon schlimm genug bestellt um Europa? Einer neuer Kalter Krieg – die Hauptverantwortung dafür liegt zweifelsohne beim Westen – hat bereits begonnen.

Neue Schlafwandler?

Der australische Historiker Christopher Clark hat in seinem Buch „Die Schlafwandler“ nach Erklärungen dafür gesucht  wie es zum Ersten Weltkrieg kommen konnte. Clark meint, die Handlungen (oder das Nichthandeln) der politischen Akteure in den wichtigsten Machtzentren des damaligen Europa, die dabei entstandenen Wechselwirkungen aufeinander sowie deren Versagen in entscheidenden Momenten und gravierende Fehleinschätzungen hätten seinerzeit dazu geführt, dass man sozusagen „schlafwandelnd“ in den Ersten Weltkrieg geraten sei.

Am ehesten nachvollziehbar für die Nachgeborenen werden einschneidende gesellschaftliche Veränderungen an Biografien einzelner Menschen vorheriger Generationen. Wie und unter welchen Bedingungen lebten sie etwa vor einem Krieg – wie in ihm, nachdem er vom Zaun gebrochen wurde?

Lektüre, die in die momentan hochbrisante Zeit passt

Der Zufall – oder soll ich schreiben: günstige Umstände? wollte(n) es, dass ich ausgerechnet in dieser momentan hochbrisanten Zeit (was leider viele meiner Mitmenschen überhaupt nicht zu bemerken scheinen) auf eine spannende und sehr gut erzählte Roman-Trilogie stieß. Für mich passte diese wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge zur derzeitigen Krisensituation!

Multitalent Lutz Jahoda

Der dreibändige Roman trägt den Titel „Der Irrtum“. Geschrieben hat ihn ein bekannter DDR-Unterhaltungskünstler: Lutz Jahoda. In den Altbundesländern wird der Name des in Brünn/Brno geborenen grandiosen Künstlers – des Moderators, Schauspielers und Autors Lutz Jahoda leider wohl kaum geläufig sein. Nur eine von vielen bedauerlichen Fehlstellen. In der DDR dagegen war der Mann ein Publikumsliebling. Unterhaltungskünstler – gar noch Schlagersänger? Da werden manche an dieser Stelle vielleicht die Nase rümpfen. Denen empfehle ich wärmstens das Buch „Achtung! Vorurteile“ von Sir Peter Ustinov. Multitalent Lutz Jahoda selbst drückte es in seiner Autobiografie so aus: „Vorurteile kleben wie Schusterpech am Leben.“

Lutz Jahoda, 1927 geboren, aber – das walte Hugo: wie eh und je geistig-frisch,  nun aufs neunte Lebensjahrzehnt zu schreitend, versteht es fesselnd ausdrucksstark und stilsicher zu schreiben. Er hat historische Hintergründe im Kopf bzw. weiß sie anhand von Archivmaterial exakt einzuordnen. Jahoda  war stets und ist es  nach wie vor:  weltpolitisch hoch interessiert. Weshalb er Zusammenhänge und Vorgänge – und zwar auch nach wie vor die aktueller Natur – einzuordnen vermag. Ob er Lateiner ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Aber Jahoda dürfte dem in dieser Sprache verfassten Satz Nihil fit sine causa – Nichts geschieht ohne Grund – gewiss zustimmen. Nach einer erfolgreichen Karriere als Unterhaltungskünstler widmete sich Lutz Jahoda verstärkt dem Schreiben. Von vornherein hatte der gebürtige Brünner nämlich Journalist werden wollen. Doch ein sich schneller ergebendes Theaterengagement, das er annahm, setzte Jahoda auf ein anderes Geleis. Aber das Schreibtalent nutzte der vielseitige Künstler auch auf diesem gekonnt immer wieder.

Das Leben von Tschechen und Deutschen vor und in düsterer Zeit

Besagte Roman-Trilogie „Der Irrtum“ handelt von der Brünner Familie Vzor. Die Geschichte von Josef Vzor, dessen Frau, seiner Söhne, Freunde und Feinde –  die tatsächlich, wenn auch unter anderen Namen lebten, ist von Anfang an spannend erzählt. Nur „Handlung und Personen“, merkt der Autor an, „folgen einer fiktiven Dramaturgie.“ Was den dreibändigen Roman u.a. auszeichnet: er gibt aus eigenem Erleben – nämlich des Verfassers höchstselbst – heraus einen interessanten Einblick in das Zusammenleben von Tschechen und Deutschen in der 1918 gegründeten Tschechoslowakischen Republik (ČSR). Das sicher nie ganz unproblematisch gewesen war, jedoch im Großen und Ganzen funktioniert hat. Doch die Zeiten sollten sich verdüstern: Am 15. März 1939 marschierten Truppen der faschistischen deutschen Wehrmacht in den Restteil der ehemaligen ČSR ein. Fortan – lange vierundsiebzigeinhalb Monate bis Fronleichnam 1945 – musste der Rumpfstaat den Namen Protektorat Böhmen und Mähren tragen. Das Leben der Menschen veränderte sich einschneidend. Selbstredend blieb auch die Familie Vzor nichtvon  teils tragischen Lebensereignissen  verschont. Die Beziehungen zu den tschechischen Mitmenschen  pflegte man zwar in der Regel mehr oder weniger weiter.  Doch wurden diese mehr und mehr von Misstrauen getrübt. In jener düsteren Zeit wurde Erbarmen und Menschlichkeit kleingeschrieben. Dennoch hatten Empathie und Liebe Platz in manchem Herzen. Schmerzhafte Erinnerungen ritzten die Umstände und Geschehnisse in die Seelen von Tschechen und Deutschen.

Jahoda versteht es die Leser mittels eines vorzüglichen Schreibstils an die Geschichte der Familie Vzor zu fesseln

Lutz Jahoda führt die Leser zunächst sanft in das Leben der Familie Vzor ein. Und es dauert gar nicht lange, da hat er uns mittels seines ganz vorzüglichen Schreibstils gepackt. Immer weiter lässt man sich – neugierig geworden –  in das Geschehen hineinziehen. Und man folgt den Zeilen eines so versiert zu Werke gehenden, im wahrsten Sinne des Wortes Schrift – Steller zu nennenden  Autors,  bald mit hüpfendem, dann wieder fast stehenzubleiben drohenden Herzen. Mir ging es so: Eigentlich wollte ich das Buch gar nicht mehr zuschlagen. Ich war  von dem ausgefeilten Schreibstil angesogen und überließ mich  dem Strudel mit Vergnügen. Mit bangend und hoffend, mitleidend mit den Protagonisten – fragend, was einem wohl zum Anhänger oder Mitläufer einer schlimmen Ideologie und derem Regime werden lassen kann – hängt man an dieser Geschichte von A bis Z.

Bis ins kleinste, selbst technische Detail perfekt erzählt

Der Untertitel des ersten Bandes „Das Schöne war nichts als des Schrecklichen Anfang“ lässt schon Düsteres vorahnen. Aber da gibt es immer einiges an Humorvollen, köstlich beschriebenen heiteren Augenblicken, die vorangegangene Vorahnungen für den Moment wieder vergessen lassen. Die Orte des Geschehens, die Stadt Brünn selbst und das Leben der Menschen – all das ist vom Autor so brillant beschrieben, dass man meint selbst mittendrin zu stehen in den Geschichten. Dazu immer wieder tschechische Wort- und Satzeinsprengsel. Lokalkolorit eben. All das, das  gesamte  Drumherum ist  perfekt bis ins kleinste und selbst technische Details hinein beschrieben. Die damalige Lebenssituation von Tschechen und Deutschen wird sehr klar wiedergegeben. So wird nachvollziehbar  wie das Eine mit dem Anderen – Bürger verschiedener Zunge, aber eines gemeinsamen Staates – neben oder miteinander ganz gut zu leben verstanden hatten. Und Jahoda erzählt, was sich an Rudimenten des Menschlichen davon selbst unter deutsch-faschistischer Besetzung noch zu erhalten vermochte.

Menschliches in unmenschlichen Zeiten

Darüber wird der Leser von Lutz Jahoda anrührend – immer auch die Ängste in lebensbedrohlichen Situationen mit transportierend – im Teil 2  mit dem Untertitel „Die Hütte Gottes bei den Menschen“ unterrichtet.

Trauriges Ende

Der dritte Teil „Nur die Toten durften bleiben“ nimmt seine Leser schlussendlich mit hin zum im ersten Band bereits angekündigtem Schrecklichen. Bei allem auch an Humor in Jahodas Text Vorkommenden: Wir haben es in seiner Gesamtheit doch eher mit einer traurigen Geschichte zu tun.

Epilog mit komödiantisch gefärbter Feder niedergeschrieben

Der dem dritten Teil hintan gesetzte Epilog lässt die Leserschaft aber dann immerhin mit einigermaßen Erfreulichem – dank sozusagen mit komödiantisch gefärbter Feder niedergeschriebenem Schlussakkord – wieder aus dem Strudel gleiten, welcher sie  1038 Seiten durchweg begeistert gefangen gehalten hat. Prädikat: Lesenswert! Literatur, welche zu unterhalten versteht, gleichzeitig fesselnd Geschichte nahebringt und höchsten literarischen Ansprüchen genügt. Sprachkultur vom Feinsten. Umgesetzt mit einem beim Lesen begeisterndem Schreibstil. Der Dreibänder schreit m. E. nach einer Verfilmung.

Erstklassiger Text zur Völkerverständigung

Dieser Text, obschon einige Jahre auf dem Markt, passt perfekt in unsere von Krisen erschütterte Zeit. Die Roman-Trilogie kann als ein erstklassiger Beitrag zur Völkerverständigung gelten. Tschechen und Deutschen mögen auch heute noch nicht völlig vom Druck und gegenseitigen Schuldzuweisungen, die aus jener von Lutz Jahoda beschriebenen Zeit herrühren, befreit sein. Psychologen haben dafür Erkenntnisse. Von Völkern erlittene Traumata lagern noch mehr oder weniger im Unterbewusstsein von deren Nachfahren. Nicht selten Jahrzehnte lang. Lutz Jahoda hat selbst Heimat, wie auch seine Heimatstadt Brünn verloren. Aber ein verbissener Vertriebener vergleichbar mit der Berufsvertriebenen Erika Steinbach, die anscheinend wenig dazu gelernt hat, ist er nie gewesen. Denn er  wußte und weiß um Ursache und Wirkung. Hat es selbst erlebt. Krieg rangierte vor Vertreibung. Freilich weiß Jahoda, dass auch den Deutschen  Unrecht widerfuhr. Als man sie aus der Nachkriegstschechoslowakei austrieb und viele von ihnen unweit von Brno im Straßengraben ihr Leben aushauchten. Jahoda klagt nicht an. Nein. Er schrieb dieses in so gut wie in jeder Hinsicht empfehlenswertem Dreibänder „Künftigen Generationen zur Mahnung“. Nicht nur an die Adresse an die nachfolgenden Generationen Deutschlands und Tschechiens gerichtet, sondern auch an die aller „Bürger in mehrsprachigen Ländern. In der Hoffnung auf ein gesund zusammenwachsendes friedliches Europa in einem Klima weltumspannender Duldsamkeit“, wie zu lesen steht.

Jahoda zu  lesen ist eine Bereicherung

Doch lernt der Mensch aus seinen Fehlern? Eingangs war von den derzeitigen Krisen Europas, der der  EU und sogar von Kriegsgefahr die Rede. Lutz Jahoda muss nun gegenwärtig  beinahe Tag für Tag mitansehen, dass  das von ihm so sehr gewünschte „friedliche Europa in einem Klima weltumspannender Duldsamkeit“ in immer weitere Ferne rückt. Dass von früheren Herrschern schon einmal gemachte Fehler in ähnlicher Weise von den derzeit Regierenden wiederholt werden. Wer Jahoda auf Facebook folgt, kann dazu seine pointierten von hohem Geschichtswissen und politisch wie humanen Einfühlungsvermögen hintersetzten Kommentare lesen. Wie dessen Zeilen in seinen Büchern sind auch diese intelligenten kurze Texte von hoher Sprachkultur geprägt. Weshalb sie auf den Punkt sitzen. Vielleicht sollten die Herrschaften, von denen wir uns derzeit regieren lassen müssen, sich diese einmal zu Gemüte führen. Beim G7-Gipfel zum Beispiel. Ich wiederhole mich: Jahoda lesen ist eine Bereicherung. Als Urlaubslektüre durchaus zu empfehlen. Womöglich werden die drei Bände nicht reichen.Weil man sie regelrecht verschlingt. Tipp: Auch Jahodas andere Texte sind nicht minder lesenwert.

Das Buch:

Lutz Jahoda

DER IRRTUM Band 1 – 3; erschienen bei edition lithaus

Mehr zu Lutz Jahoda auf seiner Website.

Buchtipp – Ekkehard Lieberam: „Die Wiederentdeckung der Klassengesellschaft“

Die Massen sind nicht (wie hier beim Arbeitskampf von ver.di in Dortmund) so leicht zusammen zu bekommen, um einen wirklichen Politikwechsel zu befördern; Foto. C. - D. Stille

Die Massen sind nicht (wie hier beim Arbeitskampf von ver.di in Dortmund) so leicht zusammen zu bekommen, um einen wirklichen Politikwechsel zu befördern; Foto. C. – D. Stille

Inzwischen sind die Klassenbegriffe zumindest verwischt. Jedenfalls nicht mehr eindeutig zuordenbar. Und Klassenkampf? Davon können höchstens noch gewesene DDR-Bürger ein Lied singen. Ein Lied, das ihnen mehr als zur Genüge im Staatsbürgerunterricht gesungen wurde.

Weniger etwa in der alten Bundesrepublik. Da sangen allenfalls die Linken dieses Lied. Mit wenig Erfolg. Denn die Arbeiterklasse für die sie kämpften waren (auch aufgrund der bloßen Existenz der DDR nebenan) vormals sehr alimentiert. Sie kämpfte kaum. Höchstens vielleicht fürs zweite Auto und mehr Urlaub. Ausnahmen bestätigten die Regel.

Begriffe wurden negiert oder verschwammen mit Hilfe von Meinungsmache

Nach der sogenannten Wende und der Angliederung der DDR an die BRD zum „neuen“ Deutschland verschwammen plötzlich sogar Begriffe wie „Links“ und „Rechts“. Diese Unterscheidung, so wollte man den Massen weismachen, hätten ausgedient. Nach dem Motto, nun geht es nur noch voran. Bald schon merkte man, was damit gemeint war: voran zurück. Ein Rollback setzte ein. All dies kulminierte dann auch noch in dem Begriff vom „Ende der Geschichte“, den Francis Fukuyama prägte.

Schon länger vor ihm war Margaret Thatcher der Meinung, so etwas wie ein Gesellschaft gäbe es gar nicht, sondern nur Individuen („There is no such thing as society“).

Nicht zuletzt wurden diese Urteile bewusst und somit mit Vorsatz hergestellt: gemacht. Ekkehard Lieberam schreibt in seiner neuesten Veröffentlichung „Die Wiederentdeckung der Klassengesellschaft“:

 „Im Rahmen der alltäglichen Meinungsmache zur Verschleierung der gesellschaftlichen Zustände und Vorgänge hat die systematische Verbreitung von untauglichen Begriffen ihren festen Platz.“

Nach Noam Chomsky, einem der bekanntesten US-amerikanischen Linguisten, gibt es eine Vielzahl von Techniken, um Massenloyalität und Zustimmung der Regierten für die Regierenden zu gewährleisten („Manufactoring Consent“) mittels Auswahl der Themen und spezifischer Stimmungsmache, mittels der Art der Darstellung und des Filtern von Informationen, mittels der Gewichtung von Informationen und nicht zuletzt eben auch der ‚Wortwahl der Berichterstattung‘.“ (siehe: „10 Strategien der Manipulierung“).

Die Arbeiterklasse gibt es nicht mehr

Einmal ungeachtet dessen ist heute zu konstatieren, dass es zum Beispiel die Arbeiterklasse – erst recht das Proletariat wie man es kannte – in ihrer früheren Masse und damit großen gesellschaftlichen Kraft kaum mehr zu finden ist. Dieser Tatsache geschuldet ist auch die dadurch logischerweise gesunkene Macht der Gewerkschaften. Die Dezimierung des gesellschaftlichen Gewichts der Arbeiterklasse hat nicht zuletzt auch mit der fortgeschrittenen und rasant weiter fortschreitenden Automatisierung der Produktionsprozesse und dem zunehmenden Wandel hin zu einer Dienstleistungsgesellschaft zu tun.

Doch kaum etwas ist besser dadurch geworden. Im Gegenteil: Die Schere zwischen arm und reich in unserer Gesellschaft klafft immer weiter auseinander.

Klassenkampf? Klar gibt es den noch. Nur wird der inzwischen aufgrund von Überlegenheit hauptsächlich von oben ausgeübt. Wer als der Milliardär Warren Buffett hätte das wohl unverblümter ausdrücken können:

„Wenn in Amerika ein Klassenkampf tobt, ist meine Klasse dabei, ihn zu gewinnen.“

Buffetts Aussage lässt unschwer erkennen, welche Klasse die mächtigere ist. Dazu kommt, wie bereits erwähnt: Eine Arbeiterklasse vom ursprünglichen Begriff her gedacht gibt es nicht mehr. Stattdessen eine Zersplitterung.

Veränderte Reichtumsverteilung

Im Kapitel „Soziale Ungleichheit/Unsicherheit als Klassenerfahrung“ ab Seite 15 der Broschüre schreibt Lieberam über die „erneute Popularität des Klassenbegriffs in der öffentlichen Debatte und im politischen Alltagsdenken“. Und er nimmt Bezug auf die „nicht zu übersehende(n) gesellschaftlichen Entwicklungen“ (…), und „die erfolgte Reaktion des politischen Denkens der Menschen (und besonders von kritischen Intellektuellen) auf die sich verschlechternde Klassenlage der abhängig Arbeitenden, auf veränderte Reichtumsverteilung, anwachsende soziale Unsicherheit und Armut auf eine regelrechte Explosion von sozialer Unsicherheit, auf einen verschärften Klassenkampf von oben.“

Der Autor verweist darauf, dass diese Entwicklung „besonders ausgeprägt“ in Deutschland vonstatten ging und geht.

Wird dies auch zu einer verschärften Reaktion seitens der davon Betroffenen führen? Wir wissen es (noch) nicht.

Allerdings können wie diese Reaktion durchaus für möglich halten, denn Ekkehard Lieberam hat diesem Kapitel folgende Bemerkung des Historikers Hans-Ulrich Wehler von 2013 vorangestellt:

„Wie lange kann es noch gut gehen, diese extreme Verzerrung nach oben, ohne, dass es politisch gefährlich wird.“

Demnach stellte sich mir ebenso die Frage, wie lange sich (frei nach Bert Brecht) die allerdümmsten Kälber noch ihre Metzger selber wählen werden.

Eine Erklärung, warum das weiterhin geschieht, könnte ein von Lieberam auf Seite 29 verwendetes Zitat von Wladimir Iljitsch Lenin von 1913 liefern:

„Die Menschen waren in der Gesellschaft stets die einfältigen Opfer von Betrug und Selbstbetrug und sie werden es immer sein, solange sie nicht lernen, hinter allen möglichen moralischen, religiösen, politischen und sozialen Phrasen, Erklärungen und Versprechungen die Interessen dieser oder jener Klasse zu suchen.“

Klassentheorie“ als „Schlüssel zum Gesellschafts- und Geschichtsverständnis“

Ab dieser Seite des Heftes setzt sich Ekkehard Lieberam mit der „Klassentheorie“ als „Schlüssel zum Gesellschafts- und Geschichtsverständnis“ auseinander.

In seiner Arbeit befasst sich Lieberam intensiv mit dem Gesellschaftsbegriff und der Geschichte der Klassen und des Klassenkampfes, der Klassentheorie sowie der Klassenstruktur.

Er zeigt u.a. dabei, dass Erkenntnisse von Hegel, Marx, Engels und anderen nach wie vor Bestand haben.

All die Exkurse in die weiter zurückliegende und jüngere Geschichte, das Thema betreffend, sind wichtig, um die Situation in der Gegenwart zu begreifen, um daraus Schlüsse ziehen zu können.

Ein paar Fehler, die mir bei der Lektüre ins Auge sprangen, tun dem Ganzen keinen Abbruch. Etwa wird auf Seite 33 unten die französische Revolution in das Jahr 1989 verlegt.

Auf Seite 38 oben erinnert Lieberam daran, dass „Klassentheorie“ (…) „eine Gesellschaftstheorie (ist), „die eine Neubestimmung der Politik-, Staats- und Rechtstheorie einschließt.

Ebenso daran, dass „Klassentheorie“ (…) „eine Theorie der Gesellschaft (ist), die soziale Klassen in ihrer Entwicklung und Veränderung begreift.“ (S. 39 oben)

Und sie „schließlich Handlungstheorie“ sei, die sich „mit der politischen Klassenbildung, Klassenhandeln, mit Fragen der politischen Organisiertheit und der politischen Handlungsorientierung“ (beschäftigt).

Diesbezüglich arbeitet sich der Autor im nächstem Kapitel (ab S. 42) an den entsprechenden „geschichtlichen Erfahrungen“ ab.

Gegen Ende des Heftes geht Lieberam der Frage nach, welcher Begriff (anstelle von Arbeiterklasse) „der heutigen Wirklichkeit“ entspricht.

„Ist der Begriff der Arbeiterklasse heute für die fragmentierte, sich strukturell und politisch differenzierende Klasse der den Eigentümern von Kapital gegenüberstehenden Klasse der Lohnarbeiter tauglich?“

Lieberam stellt fest, dass für „nicht wenige Angehörige dieser Klasse“ (…) der Begriff Arbeiterklasse nicht überzeugend (sei)“.

Er meint, „für Verwaltungsangestellte oder finanzielle Dienstleister“ sei beispielsweise die Bezeichnung „arbeitende Klasse (oder arbeitende Klassen) politisch sinnvoller.

Krasse Ignoranz unter den Linken gegenüber den Klassenmachtverhältnissen

„Klassenkampf“, führt Lieberam (S. 61 oben) aus, jeweils auch „der Kampf gegen die vom großen Kapital bedrohten Lebensinteressen – „gegen Umweltzerstörung, gegen unsinnige Großprojekte, gegen ein Steuersystem der Superreichen, gegen neue Kriege, gegen wachsende Armut, Überwachung und Verdummung“.

Im Kapitel „Klassenmobilisierung und Gegenmachtstrategie“ (ab S. 62) überprüft der Autor wie hoch die Chance, einen „Richtungswechsel hin zu sozialen und ökologischen Reformen und zur Bändigung des entfesselten Kapitalismus“ (…) „im Falle“ einer rot-rot-grünen Bundestagsmehrheit wohl wäre. Lieberam beurteilt die „damit verbundenen Illusionen“ bezüglich der Erwartungen des linken politischen Spektrums und speziell vonseiten der Partei DIE LINKE beinahe als naiv. Ekkehard Lieberam:

„Selten in der Geschichte des Kapitalismus hat es in Deutschland unter Linken, die den Kapitalismus ‚überwinden‘ wollen, eine derartige krasse Ignoranz gegenüber den Klassenmachtverhältnissen gegeben.“

Realistische Lageanalyse

Trotz nach der Bundestagswahl von 2013 vorhandener linken Mehrheit „mit immerhin neun Abgeordneten“ sein „ein wirklich ‚linkes Lager‘ offensichtlich aber nicht entstanden.

Und noch schwärzer, jedoch vollkommen  reell: „auch nirgendwo zu erkennen, nicht im Bundestag, nicht im Parteiensystem und nicht in der Gesellschaft.“

Nun, so der Autor, ruhten die Hoffnung auf einen Politikwechsel auf der Bundestagswahl 2017.

Und sogleich gibt er zu bedenken: „Da aber in der Politik weiterhin die machtpolitischen Gegebenheiten entscheiden werden, wird das gewiss nichts werden.“ Es drohte viel mehr die weitere Einbindung der Linken „in den herrschenden Politikbetrieb.“  Wie also weiter?

„Die bestehende politische Macht des Kapitals kann nur durch eine gegenüber dem derzeitigen Zustand deutlich gestärkte Gegenmacht, eine neue Qualität von Widerstand der arbeitenden Klasse und ihrer Verbündeten, eingeschränkt werden.“

Lieberam schlägt hier gewissermaßen eine konzertierte Aktion vor.

Und auf Seite 63 unten: „Aus der Sicht der derzeitigen Hegemonieverhältnisse“ sei „eine realistische Lageanalyse angesagt; „aus der Sicht einer realistischen Handlungsorientierung von links eine längere mühevolle Wegstrecke des politischen Kräftesammelns, des Ausbaus von gewerkschaftlicher und politischer Gegenmacht im Zuge sozialer und politischer Kämpfe, einschließlich der Vernetzung der antikapitalistischen Linken auf der Grundlage eines an den gemeinsamen Interessen der arbeitenden Klasse orientierten politischen Klassenprojektes.“

Lieberam: Großes Kapital sitzt derzeit fest im Sattel

Was mit Sicherheit nicht einfach ist und künftig womöglich lange Zeit sein wird. Den richtig verweist Ekkehard Lieberam daraufhin, dass das „große Kapital“ derzeit in der „Bundesrepublik politisch fest im Sattel“ sitze.

Dazu käme, dass die Formel von der „Krise ohne Widerstand“ ziemlich genau ins Schwarze treffe.

Die „strategische Kernaufgabe der LINKEN“ bestehe (der Autor zitiert dabei aus dem Programm der Partei DIE LINKE im Oktober 2011) „darin, zu einer Veränderung der gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse beizutragen, um eine solidarische Umgestaltung der Gesellschaft“ anzustoßen.

Gleichzeitig schränkt Lieberam ein, indem er etwaige Träumer auf den Teppich zurückholt, ein:

„Ohne wirkliche Erfolge auf diesem Weg ist weder eine politische Wende noch gar ein ’neuer Sozialismus‘ zu machen.“

Alles andere sei als „illusionär“ zu betrachten und führe nur auf einen Weg, „sich anzupassen, bereit, den Brückenschlag zu organisieren“. Wohin das führt sieht man bei Bündnis90/Die Grünen.

Wirklicher Politikwechsel nötig

Lieberam analysiert (auf S. 65 unten) richtig, dass „Klassenbewusstsein und Klassenhandeln“ über einen längeren Zeitraum rückläufig gewesen waren.

Nicht nur die (zwar inzwischen wieder fast eingeschlafene) Occupy-Bewegung sind Anzeichen dafür, dass hinsichtlich dessen ein zartes Pflänzchen zu wachsen im Begriff ist.

Es gelte die Zersplitterungen zusammenzuführen. Doch ein Politikwechsel allein bringe nichts, wenn er nicht die ganze Palette der gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten abschaffe, zu mehr sozialer Gleichheit führe, eine deutliche Arbeitszeitverkürzung herbeiführe und überhaupt eine Umverteilung des Reichtums von oben nach unten einleite. Von prekären Arbeitsverhältnissen, die Forderung, Auslandseinsätze der Bundeswehr „und überhaupt die Militarisierung der Außenpolitik zu beenden“.

Günter Gaus‘ Einschätzung bleibt gültig: (…) „dies ist eine Klassengesellschaft. Außer dem Bewußtsein davon fehlt ihr keines der einschlägigen Kriterien“

Dazu gehöre auch, die „Macht der medialen Meinungsmache“ zu durchbrechen.

Freilich stünden dann – wie am Ende der Broschüre ausgeführt – auch „Fragen der Ausbruchsstrategie aus der kapitalistischen Produktionsweise sowie einer überzeugenden Konzeption für einen zukünftigen Sozialismus“ auf der Tagesordnung.

Doch dies,fürchte ich, dürfte erst einmal noch einige Zeit schön klingende Zukunftsmusik bleiben.

Die Klassenbegriffe sind noch verwischt. Hier und da ist ein zartes Erwachen widerstrebender Kräft zu erwachen.

Als Fazit ist dem im  Verlagstext zitiertem Günter Gaus  zuzustimmen:

„Auch wenn die Solidarisierung der von dauerhafter Ausgrenzung Betroffener von vorherrschenden gesellschaftlichen Denkweisen noch erschwert wird, gilt ‚dies ist eine Klassengesellschaft. Außer dem Bewußtsein davon fehlt ihr keines der einschlägigen Kriterien“.

Diese Worte haben weiter Gültigkeit. Die Klassengesellschaft existiert. Es gilt nur, sie zu entdecken und die nötigen Schlüsse daraus zu ziehen. Ekkehard Lieberams Buch ist dabei sehr hilfreich.

Eine weitere empfehlenswerte Broschüre im Rahmen des pad-Projektes „Ökonomisches Alphabetisierungsprogramm“.

Es passt treffend in die Zeit. Und sollte daher im Buchregal interessierter Leserinnen und Leser nicht fehlen.

Ekkehard Lieberam

Die Wiederentdeckung der Klassengesellschaft

Klassenohnmacht, Klassenmobilisierung und Klassenkampf von oben

78 Seiten, 5 Euro

pad-Verlag/Bergkamen; pad-Verlag@gmx.net

„Starke Thesen“ von Heiner Flassbeck zeigen: Am deutschen Wesen wird Europa nicht genesen

BildBuchcover zu Heiner Flassbecks Buch; via Westend Verlag

Ökonomie ist für die meisten von uns ziemlich trochene Materie. Wer schon intessiert sich  dafür, wen er es beruflich nicht muss? Die da oben werden schon wissen, was für uns gut ist – so denken Viele. Unter uns gibt es nicht Wenige, die obrigkeitshörig sind. Und auch den Medien, die – von noch viel zu Wenigen unbemerkt – in Größenordnungen selbst immer unkritischer in ihrer Berichterstattung werdend, stehen viele Mitmenschen unkritisch bis desinteressiert gegenüber. Erst recht, wenn es um wirtschaftliche Zusammenhänge geht. Dass das ein großer Fehler ist, sollten wir eigentlich spätestens mit Ausbruch der Finanzkrise begriffen haben.

Sich aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit befreien

Sapere aude!, meinte einst Immanuel Kant: Befreit euch aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit! Doch was geschieht in praxi? Gewiss unbewußt handeln hierzulande und auch anderswo Menschen nach Bertold Brecht: „Nur die dümmsten Kälber, wählen sich ihren Metzger selber.“ Ja, die Krise, höre ich einen Bekannten oft tönen, aber Deutschland hat doch alles richtig gemacht! Der Mann hat Abitur und studiert. Woran man mal wieder sieht: Bildung schützt weder vor Torheit noch vor Ahnungslosigkeit. Nun gut: der Herr ist SPIEGEL-Leser. Vielleicht ist das einer Erklärung?

Die „schwäbische Hausfrau“ als Vorbild, europaweit?

Deutschland hat alles richtig gemacht, erzählen uns Regierungspolitiker und Mainstream-Medien. Und die brav sparende, berühmte „schwäbische Hausfrau“, die in Form von Schuldenbremsen und Kürzungspolitiken fröhliche Urständ feiert und von Deutschland sogar europaweit zur Nachahmung angepriesen – ja förmlich penetrant oktroyiert wird, sollte Vorbild für den Staat sein? Aufwachen! Deutschland meint nur, alles richtig gemacht zu haben. Dass das dicke Ende irgendwann kommt und das Pendel auch in Richtung Deutschland zurückschlagen und viel Unheil anrichten wird, steht zu befürchten.

Das ist kein bloßer Defätismus. Sondern eigentlich letztlich doch nur die logische Konsequenz aus der jahrezehntelang von Deutschland, nahezu mit blinder, orthodoxer Inbrunst verfolgten und auf immer mehr gesellschaftliche Bereiche angewendeten neoliberalen Ideologie. Was erkennt, wer bereit ist, sich einmal näher damit zu befassen.

Flassbecks 66 Thesen

Der-, Demjenigen empfehle ich sehr das kürzlich erschienene Buch „66 Thesen zum Euro, zur Wirtschaftspolitik und zum deutschen Wesen“. Geschrieben hat es Heiner Flassbeck. Heiner Flassbeck, ehemaliger Direktor bei der UNO (UNCTAD) in Genf und Staatssekretär im Finanzministerium zur Amtszeit des Finanzministers Oskar Lafontaine während der rot-grünen Bundesregierung unter Gerhard Schröder.

Dank Heiner Flassbecks Gabe sich allgemeinverständlich auszudrücken, kommt uns Ökonomie auch in seinem aktuellem Buch alles andere als trockene Materie unter. Wer Vorträge von ihm gehört, oder Texte von ihm gelesen hat, weiß, dass er ökonomische Zusammenhänge lebendig und mit eingestreutem tiefgründigen Humor spannend und leuchtend klar zu erklären vermag. Flassbeck ist nebenbei bemerkt ebenfalls ein äußerst brillanter Redner. Ebenso schreibt er. Bewundernswert sein Durchhaltevermögen in all den Jahren. Schließlich muss er aus innerer Überzeugung und auch zur Ehrenrettung seiner Profession gegen eine Übermacht neoliberaler Ökonomen und den inzwischen fast alle gesellschaftliche Bereichen durchdrungen habenden (Un-)Geist des Neoliberalismus anrennen.

Aber das ist gut so. Ohne Ökonomen wie Flassbeck müsste man als noch selbst denkender Mensch schier verzweifeln! Warum beraten eigentlich solche Ökonomen nicht die wirtschaftspolitisch weiter auf dem neoliberalen Holzweg (dem Abgrund entgegen?) wandelnde Regierung Merkel? Gute Frage. Heiner Flassbeck hat es versucht, erhört zu werden. Doch seine Ratschläge wurden offensichtlich hochmütig in den Wind geschlagen. Wohl weil sie nicht der neoliberale Glaubenslehre huldigen.  Es kann ja nur der Mainstream Recht haben! Augen zu und durch. Auch Erich Honecker meinte ja kurz vorm Untergang der DDR noch, die Mauer werde es in fünfzig und hundert Jahren noch geben.

Und plötzlich versteht wirtschaftliche Zusammenhänge auch der Laie

Was hat Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit mit unseren Einkommen zu tun? Warum der Arbeitsmarkt kein Kartoffelmarkt ist? Warum Lohnsenkungen Arbeitslosigkeit steigern. Bei Heiner Flassbeck steht es zu lesen: Wer soll denn die produzierten Waren kaufen, wenn die Kaufkraft vieler Menschen sinkt? Und der Markt richtet eben bei weitem auch nicht alles, wie uns die Apologeten des Neoliberalismus immer gerne glauben machen wollen.

Die Themen Rente, Steuern, Gesundheit, Arbeitsmarkt oder Finanzpolitik werden von Professor Flassbeck tiefgründig beackert. Und plötzlich versteht wirtschaftliche Zusammenhänge auch der Laie. Vielleicht besser als manche BWL-Studenten, die stur auf einzelwirtschaftliche Sicht getrimmt werden und denen gesamtwirtschaftliche Zusammenhänge anscheinend heute gar nicht mehr beigebracht werden.

Flassbeck führt aus, bis zu welcher Höhe Inflation nichts ist, wovor uns bange  sein müsste. Vielmehr, warnt er, sollte uns eher erschrecken, dass Deflation  und Rezession drohen.

Was Lohnstückkosten sind wird uns plausibel dargetan. Ebenso wie eine Währungsunion aufgebaut sein müsste, dass sie funktionert. Also keine populistischen Angriffe auf den Euro per se, wie sie die AfD reitet.

Uns erhellt sich durch Heiner Flassbecks Ausführungen, dass Exportweltmeister zu sein im Grunde etwas ist, das  als Idiotie gebrandmarkt gehörte.  Und wenn alle Exportweltmeister sein, nach Wettbewerbsfähigkeit streben wollten – wem gegenüber müsste die Welt denn demnach nach mehr Wettbewerbsfähigkeit hecheln? Vielmehr müssten die Ländern für einen ausgeglichenen Handel sorgen, bei dem alle Partner gewinnen können.

Austeritätspolitik wird großen Schaden anrichten

Von wegen Deutschland geht es gut. Ja noch, sollten wir sagen. Jahrelang haben wir alle Nachbarn niederkonkurriert. Nun empfiehlt die Bundesregierung quasi allen diesen Ländern so nach Wettbewerbsfähigkeit zu streiben wie Berlin es tut. Kann das funktionieren? Bei klaren Verstande betrachtet: Nein! Ebenso verhält es sich mit der von Berlin proklamierten Austeritätspolitik. Sie wird im Endeffekt großen Schaden anrichten. Zu diesem klaren Verstande kann uns Flassbecks Buch verhelfen.

Wir müssen nur zugreifen, lesen und verstehen wollen

Wenn wir das nicht wollen – Flassbeck kann und will uns ja nicht dazu zwingen – werden wir es eines vielleicht gar nicht mehr allzu fernen Tages bitter beigebracht bekommen. Von der uns einholenden Wirklichkeit. Dann könnte es zu spät sein.

Und seien wir ehrlich: auch für das europäische Projekt. Vor einem Ruin der EU warnt Heiner Flassbeck ausdrücklich. Kassandra-Rufe? Auch wir könnten sehen (erkennen). Und handeln! Es wäre immerhin besser wie sehenden Auges (und Flassbecks Buch unternimmt alles, um uns sehend zu machen) weiter einer Katastrophe entgegenzulaufen. Wie weiland Brechts Kälber, die sich ihren Metzger selber wählen! Sind wir wirklich so dumm? Werden wir dereinst tatsächlich so dumm gewesen sein? Oder werden wir nach einer allein nicht ausreichenden Empörung á la Stéphane Hessel Widerstand leisten, was nach ihm bedeutete Neues zu schaffen? Handeln, um uns frei nach Kant aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit zu befreien?

Lassen wir uns kein X für ein U vormachen!

Heiner Flassbecks 66 Thesen geben uns viel Rüstzeug an die Hand, um gegen populistische Parolen der Politiker halbwegs immun zu werden. Sie versetzen uns, glänzend geschrieben und bis ins Detail hinein klar zu uns sprechend, in die Lage bei wirtschaftlichen Dingen mitzureden. Lassen wir uns doch kein X mehr für ein U vormachen! Lesen wir unsern Flassbeck, denken wir nach und bilden uns unsere eigene Meinung. Mucken wir bei Bedarf (dieser besteht zuhauf!) gegen Medien und Politiker auf, die nicht begreifen wollen oder dürfen.

Wie vor hundert Jahren: Unfähigkeit zum Dialog

Am Schluss seines Buches unternimmt Flassbeck noch einen Versuch uns wachzurütteln: „Nicht anders als vor einhundert Jahren ist die Unfähigkeit zum Dialog das prägende Zeichen unserer Zeit“

Dass Flassbeck dabei an das Jahr 1914 erinnert, das „in vielerlei Hinsicht eine Zeitenwende“ (S. 216) markiert habe, kommt nicht zuletzt angesichts der nachdenklich stimmenden Ereignisse in der Ukraine gewiss nicht von ungefähr.

Heiner Flassbeck öffnet uns warnend die Augen, die eigentlich schon viel früher hätten  aufgerissen gehört: „Schon unmittelbar nach der Jahrtausendwende hätte es Anlaß genug gegeben, dieser Ideologie und ihren Apologeten das Ruder zu entreißen. Schwere globale Erschütterungen durch Finanzkrisen stellten das herrschende Dogma von der Selbstregulierung der Märkte fundamental in Frage. Vor allem aber die offenkundige Unfähigkeit, einen erneuten dramatischen Anstieg der Arbeitslosigkeit zu verhindern, obwohl die neoliberale Agenda bis dahin schon für zwanzig Jahr Umverteilung von unten nach oben gesorgt hatte, hätte kritische Wissenschaftler, Bürger und Medien auf den Plan rufen müssen. Doch kaum etwas geschah.“ S. 217)

Das Aufstehen gegen Irrationaliät und Kleingeistigkeit  „muss in Deutschland beginnen“

Nun müsse, so Flassbeck weiter auf Seite 218, „jetzt der Teil der Menschen, die den Kopf noch nicht verloren haben, gegen eine Politik aufstehen, die nicht nur irrational ist, sondern auch kleingeistig. Das muss in Deutschland beginnen, weil Deutschland mit seiner durch die Finanzkrise gewonnenen Gläubigermacht eine wichtige, bisher aber unrühmliche Rolle in dem europäischen Drama spielt. Einerseits profitiert es mehr als alle anderen von der globalen Enwicklung, ohne allerdings die Verpflichtungen, die sich daraus notwendigerweise ergeben, anerkennen zu wollen. Die Unfähigkeit zum Dialog ist in diesem Land ganz besonders ausgeprägt.“

Wirtschaftswissenschaft, Medien und Politik hätten „die Reihen fest geschlossen, um der internationalen Kritik am deutschen Modell zu begegnen“ (S. 219).

Begriffen wir doch nur die von Flassbeck skizzierte Gefahr endlich massenhaft: „Kein Argument, gleich welcher Güte, wird dabei ausgelassen, um zu zeigen, wer wir wieder sind.“

In hundert Jahren, so Flassbeck, „wird man sich vielleicht fragen, wie es möglich war, dass ein Volk von seinen Medien verordnet wurde, in Jubel über einen Rekord bei seinem Exportvolumen auszubrechen, statt darüber nachzudenken, was dieser Rekord für die Handelspartner bedeutet.“ Und wachen wir doch endlich auf: „Die Dimension des Absurden ist eine andere, aber gleichwohl: Sind wir heute nicht alle schockiert von den Bildern junger Männer, die 1914 jubelnd in den Krieg zogen?“

Die „eigentliche Gefahr“ sieht Heiner Flassbeck „in der Gleichschaltung der öffentlichen Meinung entlang einer nationalen Linie.“

Es lohnt sich wirklich einmal darüber nachzudenken. Und es ist m.E. höchste Zeit dafür!

Gegen die Unvernunft aufbegehren

Mag sein, dass Flassbeck richtig liegt, wenn er meint  wir seien noch nicht „bei einer Dimension, vergleichbar mit 1914. Aber „die Gefahren“ – und da ist ihm betreffs seines Schlusssatzes nicht zu widersprechen, sind groß genug, um die Vernünftigen auf den Plan zu rufen, damit sie viel lauter als bisher gegen die Unvernunft aufbegehren“.

Ansonsten, steht meines Erachtens zu befürchten, könnten wir wie „Die Schlafwandler“ (Christopher Clark) in die nächste große Katastrophe …

Wärmstens empfohlen, dieses Buch! Sage hinterher keiner, er habe nichts wissen können. Ich schließe mich der Einschätzung vom Wirtschaftsweisen Prof. Dr. Peter Bofinger an: „Heiner Flassbeck bringt die Dinge auf den Punkt. Eine exellente und zugleich spannend zu lesende Analyse der aktuellen Wirtschaftspolitik.“

Unbedingt auch ökonomischen Laien empfohlen! Flassbecks Buch taugt als Kraut gegen die in Deutschland weit verbreitete Ahnungslosigkeit.

Der Autor

Heiner Flassbeck arbeitete von 2000 bis 2012 bei den Vereinten Nationen in Genf und war dort als Direktor zuständig für Globalisierung und Entwicklung. Zuvor war er Staatssekretär im Bundesministerium für Finanzen. 2005 wurde Flassbeck von der Hamburger Universität zum Honorar-Professor für Wirtschaft und Politik ernannt. 2012 ist sein Blog flassbeck-economics.de mit täglichen Analysen und Kommentaren zu Wirtschaft und Politik online gegangen.

Das Buch

Heiner Flassbeck

„66 starke Thesen zum Euro, zur Wirtschaftpolitik und zum deutschen Wesen“

ISBN: 978-3-86489-055-0

224 Seiten, Broschur

EUR 14.99

EUR 15.50 (AT), SFR 21.90 (CH)

Georg Ringsgwandl beglänzte die Ruhrfestspiele Recklinghausen

BildGeorg Ringsgwandl bei seinem Auftritt in Recklinghausen; Fotos: C.-D. Stille

Kabarett hat neben der Theaterkunst stets einen festen Platz bei den Ruhrfestspielen. So auch in diesem Jahr. Dass sich die Leitung der Ruhrfestspiele immer auch um Brettl-Künstler bemüht, die noch nicht auf dem Grünen Hügel der Stadt Recklinghausen im blauen Kabarettzelt hinter dem Festspielhaus aufgetreten sind, ist dankens- und äußerst lobenswert. Vergangene Woche hatte man das Vergnügen mit dem Liedermacher Georg Ringsgwandl.

Der promovierte Mediziner, einst als Oberarzt in der Kardiologie tätig, gab sein Debüt bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen. Und er kam hochmotiviert, begleitet von Top-Musikern nach Recklinghausen. Was die Profis auf den jeweiligen Instrumenten an Tönen zum Klingen brachten – Daniel Stelter (Jazz-Gitarre, spielte im Bundesjugendjazzorchester, für Till Brönner, Helen Schneider, Lena Meyer-Landruth), Tommy Baldu (Schlagzeug, u.a. für Triband, Sebastian Studnitzky) und Christian Diener (Bassist, spielte für Wolfgang Haffner, Pee Wee Ellis, Chuck Loeb) – war echt sensationell.

Georg Ringswandl will es nach wie vor wissen

BildDass der inzwischen 64 Jahre alte Barde nun weitaus weniger schrill daherkommt wie einst, hat nichts mit seinem Alter zutun: Georg Ringsgwandl ist topfit. Und zeigt: Etwas, das man gern und immer wieder mit Freude macht hält körperlich und geistig jung.

Einleitend spricht Ringsgwandl vom Imagewandel, den ihn das Musikmanagement für die neue Scheibe sozusagen verschrieb. Das war amüsant. Die Erzählung des in der Heimat Murnau vorgenommenen Klamotteneinkaufs. Auch die Seitenhiebe auf die Schnodderigkeit des jugendlichen Verkäufers erntete zahlreiche Lacher. Nicht, dass es ein Beinbruch gewesen wäre: dieser Einstieg geriet ein wenig zu lang. Schwamm drüber!

Die Unsicherheiten des Künstlerlebens halten wach

Ringsgwandl will es nach wie vor wissen. Obzwar ihm seine ärztliche Tätigkeit Freude und Genugtuung brachte, trauert er dieser offenbar nicht nach. Vor Jahren war er noch einmal an seinen früheren Arbeitsplatz im Krankenhaus zurückkehrt. Als Aushilfsarzt. Doch abermaligen Appetit auf die Arbeit als Doktor  machte das nicht. Dieser ganze  bürokratische Apparat Gesundheitswesen! Damit, so Ringsgwandl, kann er nichts mehr anfangen.

Lieber dann die Unsicherheiten des Künstlerslebens. Einmal sagt Georg Ringsgwandl: „Wenn mir jemand jeden Monat 10000 Euro überweisen würde, das wäre ganz schlecht für mich. Meine finanzielle Unsicherheit hält mich wach.“

Das „Dschungel-Gewächs aus dem Glasscherben-Viertel“

Geboren in Bad Reichenhall nennt sich Ringsgwandl selbst ein „Dschungel-Gewächs aus dem Glasscherben-Viertel“. Sein Jugend war nicht einfach. Die Familie war arm. Der Vaters, einen Granatsplitter aus dem Zweiten Weltkrieg im Kopf behalten habend, war nicht einfach zu ertragen. In diesen „kleinen“ und wohl die Seele eines jungen Menschens berührenden und dessen Leben (vor-)zeichnenden Verhältnissen wuchs Ringsgwandl zu dem heran, was ihn heute ausmacht. Mit Humor meisterte er schwierige Lebensabschnitte. Er studierte Anfang der 1970er Jahre. Wurde später ein guter Oberarzt. Heute proftieren wir davon, dass er schlussendlich ganz zum Liedermacher wurde. Reminisenzen an frühere Aufritte: Er machte ziemliche Krachmusik, Punk, der ordendlich die Ohren wackeln ließ, also reinhaute und eckte – noch dazu in Bayern – nicht selten an. Grell geschminkt und auch mal in Frauenkleidern auftretend. Georg Ringswandl: „Nur Irre haben mein Zeug im Plattenschrank.“ – So what?

„Hühnerarsch sei wachsam!“

Gemessen an den einstigen Aufritten kommt Ringsgwandl heute beinahe serös daher. Was jedoch nicht heißt: langweilig. Im Gegenteil! Ringsgwandl ist einer geblieben, der durchaus weiter gegen den Stachel löckt. Sein Aufreten ist nach wie vor clownesk. Das Publikum hat seine Freude. Nicht nur, wenn er singt „Hühnerarsch sei wachsam!“ (vor dem was sich von hinten anschleicht) und die Band mitsingend einfällt: „Chicken Ass be watchful!“

Selbstironie

Georg Ringsgwandl nimmt sich gern auch selbst auf die Schippe. Nach dem bekannten Goethe-Satz handelnd „Wer sich selbst nicht zum Besten haben kann, der zählt gewiß nicht zu den Besten:  „Für die wirklich hohe Kunst bin ich zu primitiv, für die Popmusik zu kompliziert.“

Fluffiger Glanz

Die neue CD, das Programm auch, das es in Recklinghausen zu erleben gab, trägt den Titel „Mehr Glanz!“. Es kommt geradezu fluffig daher. Funk vom Feinsten. Die Instrumentalisten, die mit Ringsgwandl musizieren, sind ein wahrer Glücksfall für ihn und’s Publikum! Groovig verbreitet sich schallwellenartig der  im Programmtitel versprochenen Glanz im Theaterzelt der Ruhrfestspiele. „Mehr Glanz!“ lässt jedoch auch auf aufscheinen, dass in unserer Welt Glück und Leid verdammt dicht beisammen zu passieren pflegen. „Ruhm und Glanz sind öffentlich, nur das Elend ist privat.“ – Wie wahr!

Einmal mehr der berüchtigte Pfau

Wie konnte es anders sein: Auch der schon berüchtigte Pfau, im kleinen Tierpark hinterm blauen Chapiteau, schreit einmal mehr durchdringend in die Pause zwischen zwei Liedern. Ringsgwandl um eine Erklärung nicht verlegen: „Was ist das denn? Wird da jemand missbraucht?“

Betreffs der eignen Wirkung selbstironisch

Von Anfang an ist Ringsgwandl hörbar gemüht, das bayrische Idiom zu bezähmen – schad‘ für Bayrischfans. Gut für Menschen aus dem Ruhrpott.

Immer wieder Tragikomisches in seinen Liedern. Oder wieder Selbstironie betreffs der eignen Wirkung respektive Vermarktung: „Nicht mal die kleinste Brauerei int‘ressiert mein Konterfei.“ Und: „Nicht mal der Pferdemetzger glaubt, dass ich ihm Kunden zieh.“ Auch das: „Nicht mal die Linke freut sich, wenn ich Wahlkampf mach für sie. Mit mir, da krieg’n sie nicht mal vier Prozent.“

Gesellschaftskritisch: „So geht’s net!“

BildIm leichten Gewand kommt bissige Gesellschaftskritik im Titel „So geht’s net“ von der Brettl-Bühne herunter. Sie zielt auf die kriminellen Finanzjongleure unserer Tage: „Im warmen Büro sitzen, und fremdes Geld verblitzen, doch wenn die Kurse stürzen, dann wollns vom Staat a Spritzen, was sind denn das für Sitten: So geht’s net!“

Auch der „Gartennazi“ darf im Repertoire nicht fehlen: Das Denzunziantentum beißend geißelnd.

Herrlich skurril kommen einige der Texte daher. Sie lassen einen schallend lachen und bald darauf manches Mal beinahe an jenem Lachen fast ersticken. Zumindest aber machen sie Schlucken.

Zither statt Smartphone

Im zweiten Teil kommt dann auch die rechts auf der Bühne im Fastdunkeln „geparkte“ Zither zu Ehren. Augenzwinkernd empfiehlt Ringsgwandl Eltern heute auf ihren Smartphones allgegegenwärtig herumwischenden Kindern, zum Erlernen dieses Instrumentes zu ermuntern.

Bravo! Spitzentexte

13 Lieder beglänzten vergangene Woche die Ruhrfeststpiele Recklinghausen. Bravo! Spitzentexte, musikalisch hervorragend instrumentiert. Welch Liebeserklärung hier: „Ich habe keinen Sponsor, mich stützt keine Industrie. Ich steh mit dem Rücken an der Wand. Ich hab nur di.“

Mehr von diesem Glanz!

Fast vermisste ich den weitaus skurrileren, schrilleren, mit verrückten Kleidern und irre anmutenden Performances natürlich provozieren wollenden Georg Ringsgwandl der früheren Jahre ein bisschen. Doch bedenkt man’s ganz genau, ist Ringsgwandl sich im Innersten treu geblieben, nur eben ein wenig anders. Man mag es seriös nennen, gefällig ist sein Vortrag auch heute nicht. Ringsgwandl ist romantisch, bissig, gesellschaftskritisch und wie früher auch heute etwas ganz außergewöhnlich Spitzenmäßiges. Mehr davon, von diesem Glanz!

Wer Georg Ringsgwandl irgendwo erwischen kann: Nix wie hin! (Tourdaten) Diesen Tragikomik und viel Humor versprühenden bayrischen Philosophen sollte man erlebt haben. – Ein schöner Abend. Alles passte auf so wundervolle Weise.

Beschwingt, im Herzen berührt und geistig befeuert – nicht zuletzt auch nachdenklich – rauschte ich mit der Eisenbahn durch die westfälische Nacht über das für mich – aus hier nicht näher zu bezeichnen wollenden Gründen – unvermeidliche Wanne-Eickel zurück nach Dortmund. Glänzend!

„Die Echse“, gespielt von Michael Hatzius bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen

BildFoto: Claus-Dieter Stille

Kleinkunst-Freunden ist er längst ein Begriff. Die Meisten dürften ihn aus dem Fernsehen kennen. Die Rede ist von Michael Hatzius. Und natürlich – wie könnte es anders sein: auch von dessen vorwitzig-frecher Echse. Kleinkunst, welch Untertreibung! Kreiert wurde die Echse von Michael Hatzius. Der 1982 in Berlin Geborene hat seine Kunst gelernt! Er ist Absolvent der renommierten  Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ Berlin.

Michael Hatzius ist ein Puppenspieler, ist ein Puppenspieler

Manche, die Hatzius mit seiner Echse im Fernsehen oder auf You Tube begegnet sind, halten ihn für einen Bauchredner. Wohl aber für keinen besonders guten. „Man sieht ja, wie der seinen Mund bewegt“, bekommt man dann nicht selten zu hören. Diese Leute irren sich. Michael Hatzius ist nämlich ein Puppenspieler. Ist ein Puppenspieler! Seine Mundbewegungen läßt er bewußt die Leute sehen. Aber die sind rasch vergessen. Wenn Hatzius die Echse erst zum Leben erweckt hat, ist sie die Hauptperson. Diejenige die quasi das Zepter in der Hand hält. Und zwar ein im wahrsten Wortsinne ausgezeichnerter Puppenspieler. Hatzius ist Gewinner zahlreicher Preise, u.a. des Deutschen Kleinkunstpreises. Als Puppenspieler haucht Michael Hatzius nicht nur der Echse gekonnt Leben ein.

Das volle Programm

Am vergangenen Sonnabend gastierte Michael Hatzius mit „Die Echse & Freunde – das volle Programm“ bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen im Theaterzelt.

Bekommt man im Fernsehen ja meist nur einen Kurzauftritt von Hatzius und der Echse zu sehen, bot sich in Recklinghausen nun die Möglichkeit das „volle Programm“ zu erleben. Und das war ein Erlebnis der Sonderklasse!

Zunächst einmal gab ein stotternder wegen Zahnfehlstand zischelnder Brandschutzbeauftragter, schon mal hervorragend gespielt von Hatzius, „nützliche“ Anweisungen. Etwa der Natur, dass eigens im Zelt Ecken mit Benzin imprägniert worden seien, um ein eventuell auftretendes Feuer anzuziehen und es so geschickt vom Publikum abzulenken.

Herrlich politisch unkorrekt

Michael Hatzius betritt die Szene. Bat aufzuzeigen, wer ihn und die Echse kenne. Es war eine Minderheit. Aber der große Rest des Publikum sollte die Beiden kennen- und lieben lernen.Er zeigt ein paar Untensilien, die er aus Kisten holt. Etwa süße Küken, die den Hunger der Echse stillen sollen. Dazu ein Maus, die erkältet ist und niesen muss. Hatzius impft sie. Und einer gleichfalls verschnupften Zuschauerin spritzt er auch gleich einmal die „ätzende“ Medizin ins Parkett. Hatzius prüft den medinzinischen Erfolg bei der Maus mittels „Schwanztest“. Er stößt des Mäuseschwanz an und ist zufrieden: „Schwingt schön frei!“ Herrlich politisch unkorrekt, das alles!

Dann erst der Auftritt der Echse. Stöhnend ließ die sich auf dem bereitstehenden plumpsend Sessel nieder. Verständlich, hat die Echse doch schon ein paar Jährchen auf dem Buckel. Die Echse rekapitulierte ihr Leben nach dem Urknall. Man bekamm die Version der Echse von Evolution zu hören. Sie offenbarte wie schwierig das Leben gewesen einst war. Betonte aber dennoch (schöne Anspielung auf die verflossene DDR): “Unter Wasser war nicht alles schlecht.” Und als man schließlich an Land kam, schuf man Bedeutendes. Die obligatorische Zigarre in der Hand betont die Echse nicht ohne Stolz und im Brustton der Überzeugung- nur vielleicht Helmut Schmidt noch, fällt mir dazu schmunzelnd ein, wäre man wohl bereit Ähnliches abzunehmen – das sie vor mehr als zweitausend Jahren zusammen mit Ari(s) Toteles das erste Theater der Welt aufgemacht habe.

Die Echse ist freilich auch ein Sexualprotz. Nicht nur, dass der Echserich  die Anekdote mit Cleopatra  in der Badewanne – wo sie entgegen den in Geschichtsbüchern Kolportiertem – zum Besten gibt, wonach die Schöne in Wirklichkeit nach dem sexuellen Abenteuer mit ihm ihre Leben aushauchte. „Wenn ich mit dir fertig bin“, rief die Echse einmal ins Publikum, dann sind meine Hoden leer!“ So politisch unkorrekt das sich anhören mag: es wird nie wirklich peinlich. Es ist ja auch die Echse, die das sagt, nicht Michael Hatzius.

Hatzius immer auf dem Sprung

Michael Hatzius bringt anscheinend so schnell nichts aus dem Konzept. Er ist immer auf dem Sprung. Das macht den professionellen Theaterkünstler aus. „Knister, knister, knister“, unterbricht er, als eine Zuschauerin irgendwo vor der Bühne offenbar ein Bonbon auswickelte: „Knister nur zu Ende. Nimm zwei?“ Gelächter. Dann geht’s weiter, als sei nichts gewesen, als gehöre es zum Programm. Was alteingesessene Theaterzeltbesucher der Ruhrfestspiele seit Jahren kennen, trifft freilich auch Hatzius: Der in einem kleinen Tiergehege unweit des Zeltes residierende Pfau stösst auch 2014 seine schrillen Laute in die Abendluft: „Hi, hi, hi“. Dieter Hildebrandt, Hagen Rether und Wiglaf Droste gingen diese Schreie einst auch durch Mark und Bein. Und sie reagierten auf jeweils eigne Art und Weise und mehr oder weniger souverän auf den frechen Störenfried.  Dazu mehr hier und hier. Hatzius baute den Burschen sozusagen einfach ein ins Programm, gab ihm anscheinend nebenbei Saures. Bei ihm hatte der keine Chance sich zu profilieren.

Das mit dem zerschmetterten Schädel wäre nicht notwendig gewesen

Die süssen Küken wurden von der Echse ohne Rücksicht auf Verluste verspeist. Die Maus von ihr mit Kopf gegen die Tischkante geknallt, um dann festzustellen, das diese (wegen der ihr zuvor verpassten Spritze) vollkommen ungenießbar ist. Die Echse: „Tut mir leid Maus, das mit dem zerschmetterten Schädel wäre ja nicht notwendig gewesen.“ Politisch unkorrekt? Ja, aber richtig! Gut. Da blieb keine Auge trocken.

Auszubildende halten im ersten Jahr immer auf

Dem eingangs von Hatzius eingeführten (natürlich unbezahlten) Praktikant wird versprochen, am Schluss noch eine Chance zu erhalten. Und die kommt: Er durfte schlussendlich ein Klappe aufhalten, auf den Hatzius ein makabres Spiel mit zwei Gummispinnen trieb. „Sie kennen das vielleicht: Auszubildende halten im ersten Jahr immer auf.“

Echsenfilme

Zwischendurch gab es herrliche Einspielfilmchen mit der Echse in der Hauptrolle. Es war köstlich zu sehen, wie sie auf „Verwandte“ im Zoo trifft, oder ihre Spässchen mit Besuchern oder Passanten in der Stadt treibt.

Leise Hiebe

Dann wieder bekommt das Publikum leise Hiebe. Die Publikum ist stellenweise etwas behäbig. Die Echse als Orakel hat wenig Arbeit. Kaum jemand aus dem Zelt wollte ihr Fragen stellen. Nur ein paar zum Fußball wurden eingeworfen. Und das Wetter. An diesem Tage ist es ziemlich nass. Auch dafür hatte Hatzius kalauernd eine Erklärung: „Ist doch klar: Reglinghausen! Sonst würde die Stadt ja auch Sonnlinghausen heißen.“

Humorvoll und keineswegs kopfschüttelnd wurde auch dieser Kalauer, der sich im Sitzen an den Rücken greifenden Echse aufgenommen: „Ich habe Echsenschuss!“ Man muss eben das richtige Maß kennen. Hatzius kennt es.

„Eigentlich lehne ich Puppentheater ab“

Nach der Pause wurde der zweite Teil von einem zurückhaltenden Huhn, das Michael Hatzius herrlich gackern und „pick, pick, pick“ machen ließ, eingeleitet. Versehntlich legte es ein Ei, das vom Huhn wieder zurück, dahin, wo es hergekommen war gesteckt wurde. Weil, so das Federvieh, nicht so we „die Echse sein“ wolle, „die immer im Mittelpunkt steht“

Das Puppentheater selbst wurde ebenfalls nicht von der Echse verschont: „Eigentlich lehne ich Puppentheater ab“, hörte wie sie sagen, „das ist albern und über weite Strecken konzeptlos.“

Brillant auch die Castingshow die mittels kleiner Puppen, hinter einem konventionellen Kaspertheateraufbau gezeigt wurde. Zu erleben war, die Echse diesen Ausscheid gewann. Zum Schreien, das Gejammer der ausgeschiedenen sächselnden „Fleschersfrau“!

Ganz großes Kino

Kasperle-Theater aber ist das nicht, was Michael Hatzius macht. Heute würde man sagen: Was der zeigt, ist ganz großes Kino! Hatzius ist ein exellenter Puppenspieler und jemand, der das Handwerk der Improvisation bestens auszuüben versteht. Durch ihn wird die Echse vor den staunenden Augen des Publikums förmlich zu etwas Lebendigen. Wer das erlebt hat, wird nie wieder bekritteln, dass man den die Echse (be-)spielenden Michael Hatzius den Mund bewegen sieht. Hatzius selber hat das einmal in einem im Gespräch mit http://www.liveundlustig.de so beschrieben: “Der Blick der Echse, der sich naturgemäß nicht verändert, wirkt auf den Betrachter wie ein bewegtes Mienenspiel. Die Puppe selbst denkt nichts, aber der Zuschauer, denkt, dass sie denkt.”

Die Puppe als Metapher

Der Puppenspieler Michael Hatzius tritt während der Vorstellung in den Hintergrund. Wie ein Bühnenschauspieler sein Ich ausblendet, wenn er die Rolle in einem Theaterstück gibt, nehmen die Zuschauer den Puppenspieler Hatzius gewissemaßen nicht wahr. Obgleich der ja für die immer sichtbar bleibt. Michael Hatzius weiter: “Die Puppe ist in sich eine Metapher, ein zugespitztes Bild, das für etwas anderes steht”.

Spitzenmäßig. Einmalig! Wird aber, so denke und hoffe ich, nicht einmalig bleiben bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen. Man wird Hatzius, die Echse und Freunde bestimmt dort wiedersehen.

Weitere Auftritte des Künstlers und eine TV-Show im RBB

Übrigens wer nicht in Recklinghausen sein konnte, kann das Programm auch woanders life sehen, wenn noch Karten zu haben sind: Weitere Auftrittstermine hier.

Unterdessen ist auch eine TV-Show mit Michael Hatzius und der Echse angelaufen. Die trägt den Titel „Weltall.Echse.Mensch“ und ist bei RBB immer freitags 20:15 Uhr zu sehen. Dass der Titel an das große Buch „Weltall Erde Mensch“ erinnert, das alle Jugendweihlinge zu DDR-Zeiten auf der Schwelle zum Erwachsenwerden erhielten, ist gewiss kein Zufall.

Ich gebe zu, wenn ich’s nicht schon vorher war, dann bin ich spätestens seit dem Besuch im „Blauen Zelt“ der Ruhrfestspiele Recklinghausen völlig verechst von Hatzius und Freunden …