DIE LINKE NRW verpasste den Einzug in den Landtag. Dortmunder Genossen schlugen sich gut und bedanken sich bei den Wählerinnen und Wählern

Kreissprecherin Christiane Tenbensel (Foto: DIE LINKE. Dortmund) bedankt sich bei den WählerInnen, welche der Partei ihre Stimme gaben.

Die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen ist Geschichte. Sie endete mit einer Klatsche für die Düsseldorfer Landesregierung. In erster Linie für die SPD, die das Land zusammen mit Bündnis 90/Die Grünen regierte. Der FDP gelang es zweistellig zu  werden. Auch die AfD schaffte den Einzug. Die CDU fuhr einen Sieg ein. Sie wird künftig den Ministerpräsidenten stellen.

DIE LINKE verpasste nach äußerst engagiertem Wahlkampf den Einzug ins Düsseldorfer Landesparlament, da sie die Fünfprozenthürde nicht zu überspringen vermochte. Demzufolge wird auch der hier auf dieser Seite im März vorgestellte Ingo Meyer nicht im Landtag sitzen. Das erste Mal für den NRW-Landtag kandidiert hatte der Dortmunder Ingo Meyer, der als Direktkandidat angetreten war (Bericht hier).

Der Pressedienst der Partei DIE LINKE Dortmund informiert über die Wahlergebnisse:

Die Wahlergebnisse für DIE LINKE in Dortmund im einzelnen:

Wahlkreis Dortmund I. Erststimmen für Ingo Meyer 8,3 % -Zweitstimmen 8,2 % Dortmund II.

Erststimmen für Iris Bernert-Leushacke 8,9 % – Zweitstimmen 8,7 % Dortmund III.

Erststimmen für Celine Erlenhofer 5,8 – Zweitstimmen 5,3 Dortmund IV

Erststimmen für Henning von Stoltzenberg 5,6 % – Zweitstimmen 5,7 %

DIE LINKE. Dortmund bedankt sich bei 17452 Dortmunderinnen und Dortmundern, die unseren DirektkandidatInnen bei der Landtagswahl ihre Stimme gegeben haben. Ebenso möchten wir uns für die 17135 Zweitstimmen ganz herzlich bedanken.

„Trotzdem müssen wir natürlich ganz nüchtern feststellen, dass wir unser Ziel, in den Landtag einzuziehen, verfehlt haben. Mit 6,9 bzw. 6,7 % der Erst- und Zweitstimmen haben wir in Dortmund allerdings einen guten Beitrag geleistet. Unsere DirektkandidatInnen haben einen sehr engagierten Wahlkampf gemacht, in dem sie von zahlreichen Mitgliedern und SympathisantInnen unterstützt worden sind. Ihnen allen gilt unser Dank! Diese Grundlage werden wir nun in einen intensiven Bundestagswahlkampf mit unseren Kandidatinnen Celine Erlenhofer und Ulla Jelpke mitnehmen.“, so Kreissprecherin Christiane Tenbensel.

Ingo Meyer zu seinem persönlichen Abschneiden

Ingo Meyer ist mit seinem persönlichen Ergebnis und dem Zweitstimmenergebnis der Linken im Wahlkreis 111 sehr zufrieden. Es spiegele die

Sprachen in Dortmund über Ungleichheit: Andreas Gora (AWO), Marco Bülow (MdB SPD), Gunther Niermann (Paritätischer), Renate Lanwert-Kuhn (KAB) und Ingo Meyer (Bündnis für Umfairteilen); v.l.n.r. (Foto: C. Stille)

Stärke der Linken im Dortmunder Nordwesten und westlichen Innenstadtbereich wieder. Bedauerlich sei allerdings das knappe Scheitern an der Fünfprozenthürde in NRW. Eine starke linke Opposition im Landtag werde, so Meyer, dem Land NRW  und seiner Bevölkerung fehlen. „Es gilt nun, die außerparlamentarischen Anstrengungen noch weiter zu verstärken und so direkt von unten Druck für eine gerechtere Landespolitik auszuüben. Die Linke bleibt unverzichtbar und wird aus der politischen Landschaft in NRW nicht wieder verschwinden.“ Ingo Meyer ist seit vielen Jahren politisch in seinem Dortmunder Stadtbezirk aktiv. Und auch darüber hinaus im „Bündnis für Umfairteilen“ engagiert ( mehr dazu hier, hier, hier und hier). Zudem ist Meyer Fraktionsvorsitzender der Partei DIE LINKE in der Bezirksvertretung Huckarde.

Nächsten Montag in Dortmund: Jonny Bruhn-Tripp und Wiebke Claussen zeichnen unter dem Titel „Ein deutscher Traum: die Renten-‚Reformen‘ von Beginn bis heute“ in einem musikalisch untermalten Vortrag die Geschichte der Rente in Deutschland nach

Die interessante Veranstaltung findet kommenden Montag in der Auslandsgesellschaft NRW e.V. Dortmund statt; Logo via AGNRW

Wie Attac Dortmund mitteilt, laden die Organisatoren DGB, Attac, Nachdenktreff und AG Globalisierung am kommenden Montag „zu einer ungewöhnlichen Veranstaltung ein“.

Aus der Pressemitteilung:

Unter dem Titel „Ein deutscher Traum: die Renten-‚Reformen‘ von Beginn bis heute“ zeichnen Jonny Bruhn-Tripp und Wiebke Claussen in einem
musikalisch untermalten Vortrag die Geschichte der Rente in Deutschland nach.

Von der Rentenreform 1957, mit Rückbezügen zu den Anfängen der Bismarckschen Sozialreformen im 19. Jahrhundert bis hin zur „Rente mit
67“ reichen die Texte um die jeweiligen politischen Hintergründe und die zentralen Reformbausteine. Und es wird dargestellt, wie sie sich in der
individuellen Lebenssituation von Senioren und Seniorinnen auswirken und zu mehr (und künftig weniger) materieller Absicherung und Unabhängigkeit führen.
Wiebke Claussen begleitet das Publikum und den Vortragenden auf dem Akkordeon als emotionales Sprungbrett, Kommentierung und Atempause. Das Zusammenspiel von Sach- und Lyriktexten und musikalischer Untermalung eröffnet dabei einen neuen Blick auf die Sachthemen und die Rententhematik und berührt in besonderer Weise. Im Anschluss an die Lesung ist eine Diskussion vorgesehen, in der wir uns über das Gehörte
austauschen und gemeinsam mögliche Handlungsansätze suchen können.

Jonny Bruhn-Tripp ist seit vielen Jahren in der Erwachsenenbildung und Sozialberatung in der Evangelischen Kirche, Gewerkschaftskreisen und
Vereinen tätig. Darüber hinaus hat er immer wieder lyrische und Prosatexte zu verschiedenen sozialen Fragestellungen erarbeitet und sie
mit der Lyrikgruppe Querköpfe vorgetragen.

Wiebke Claussen ist Stadtplanerin, Moderatorin von
Beteiligungsprozessen, Mediatorin, Musikerin und sichert die
musikalische Begleitung der Querköpfe und wirkt in dem Netzwerk
Freifrauen mit.

Wann und wo?

Grafik via Auslandsgesellschaft NRW.

Nächsten Montag, den 15. Mai 2017, 19:00 Uhr, im großen Saal der
Auslandsgesellschaft, Steinstr. 48 (neben Cinestar. Der Eintritt ist frei.

Felix Coeln zum Thema Bedingungsloses Grundeinkommen in Dortmund bei Bildung für Frieden

Eine weitere Veranstaltung von Bildung für Frieden findet am 2. Mai 2017 in der Auslandsgesellschaft NRW e.V. in Dortmund statt.Diesmal geht es um das Thema „Bedingungsloses Grundeinkommen (BGE) – Frieden herstellen durch Existenzsicherung“Dazu sprechen wird Felix Coeln. Coeln, Jahrgang 1965, ist Vorstand der Kölner Initiative Grundeinkommen e.V. und seit Jahren in Sachen BGE.

Zum BGE heißt es in Wikipedia einleitend:

Das Bedingungslose Grundeinkommen (BGE) ist ein sozialpolitisches Finanztransferkonzept, nach dem jeder Bürger – unabhängig von seiner wirtschaftlichen Lage – eine gesetzlich festgelegte und für jeden gleiche – vom Staat ausgezahlte – finanzielle Zuwendung erhält, ohne dafür eine Gegenleistung erbringen zu müssen (Transferleistung). Es wird in Finanztransfermodellen meist als eine Finanzleistung diskutiert, die ohne weitere Einkommen oder bedingte Sozialhilfe existenzsichernd wäre, in Form eines Bürgergelds.“

Zum BGE haben sich verschiedene Vorstellungen entwickelt. Es gibt unterschiedliche Modelle. Zu den drei Modellen hier mehr.

Die Vorstellungen zum BGE haben Befürworter aber stoßen auch auf fundierte Kritik

Das BGE hat nicht wenige Befürworter in der Gesellschaft wie auch in den Parteien. Aber es ruft auch Kritiker auf den Plan. Denn im Großen und Ganzen dürfte auch die Idee des Zahlens eines BGE in der Bevölkerung noch sehr umstritten zu sein. Geld bekommen, ohne etwas dafür zu tun? Das Bewusstsein dafür ist gewiss bei Vielen noch nicht entwickelt. Auch die Gewerkschaften sehen das skeptisch. Vielleicht aus guten Gründen?

Ökonomen wie Heiner Flassbeck und Friederike Spiecker betrachten das BGE als „Irrweg“. Denn es zerstöre die Grundlagen, aus dem es bezahlt werden müsste (dazu hier mehr). Auch der Sozialwissenschaftler Christoph Butterwegge hält nichts vom BGE und fordert vielmehr eine Solidarische Bürgerversicherung.

Was von den Befürwortern des BGE vergessen wird: staatliche Transferleistungen bis hin zur Krankenversicherung würden von ihm abgelöst

Jens Berger von den NachDenkSeiten beschied: Das „BGE ist zweifelsohne eine nette Idee, die jedoch nicht umsetzbar ist.“ In seinem Beitrag vom 20. November 2012 schreibt Berger über die „Konstruktionsfehler des Grundeinkommens“:

„Grundlage der meisten BGE-Modelle ist, dass das BGE nahezu alle staatlichen Transferleistungen ersetzt und das BGE somit auch die vorhandenen Sozialsysteme ablöst. Dabei wird von den Befürwortern gerne vergessen, dass auch die gesetzliche Krankenversicherung eines dieser Sozialsysteme ist.“

Reichlich Stoff also auch zum Diskutieren nach dem Vortrag von Felix Coeln am Dienstag in Dortmund.

Zum Thema auch ein Video von AktivsmTV mit Yanis Varoufakis.

Die Veranstaltung;

Grafik via Auslandsgesellschaft NRW.

Am Dienstag, dem 2. Mai 2017 in der.

Beginn 19 Uhr. Eintritt frei.

Friedensfragen:
– ist eine Talkrunde mit einem oder mehreren Gästen
– ist öffentlich, jedem zugänglich und kostenlos
– ist interaktiv und es können vor Ort auch Fragen gestellt werden
– ist eine monatliche Veranstaltung – jeden ersten Dienstag des Monats
– wird auch gefilmt und auf Weltnetz.TV publiziert

ORT: Auslandsgesellschaft NRW e.V. in Dortmund (direkt hinter dem Hbf) Raum V2

Weitere Links zum Thema BGE hier, hier und hier.

Werner Rügemer zur Situation nach der Wahl von US-Präsident Trump

Werner Rügemer verfolgt seit langem die Entwicklung der us-amerikani­schen Gesellschaft: Sein Buch „Bis diese Freiheit die Welt erleuchtet… Transatlantische Sittenbilder aus Politik und Wirtschaft, Kultur und Religi­on“ ist gerade in der 2. Auflage im Papyrossa Verlag Februar 2017 erschie­nen.  Seine aus drei Jahrzehnten aufgedeckten und wieder verdrängten Er­fahrungen aus den USA, aus Deutschland, der Europäischen Union und aus Köln lassen diese Vorgeschichten der Gegenwart wunde Punkte einer Herr­schaft erkennen, der die Zukunft nicht gehören darf. In Dortmund sprach er zur Situation nach der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten.

Clinton und Obama die Guten und Trump der ganz böse Präsident?

Seit der Wahl von Donald Trump schauen so manche Europäer erschrocken aus der Wäsche: Was tut eigentlich genau unsere Supermacht USA? Trump, tönte es, will eine Mauer zu Mexiko bauen, Migranten abschieben. Schlimm. Doch wer denke daran, dass während der acht Regierungsjahre von Barack Obama, dass pro Jahr im Durchschnitt 400 000 Migranten nach Mexiko abgeschoben wurden? Durch die rosarote Obama-Brille sahen der  höhere NATO-Beitrag, die Drohnenmorde, die Geheimdienstüberwachung, der erstarkende Rassismus sowie die von William Clinton begonnene Errichtung eines Hochsicherheitsgrenzzauns zu Mexiko gar nicht so schlimm aus. Sogar Migranten seien von der Grenzpolizei erschossen worden. Niemand sei je dafür verurteilt worden. Mit dem ungehobelten Klotz Trump jedoch ist anscheinend eine Gefahr heraufgezogen. Wenn der nun etwas sage, macht Werner Rügemer deutlich, „dann ist das ganz böse“. Mit einem Male hagele es nun Kritik aus Deutschland. Mit Angela Merkel habe sich erstmals ein deutschen Bundeskanzler „erfrecht“ nach der Wahl von Trump, die Bedingungen für die weitere Zusammenarbeit zu stellen“. Bei Adenauer, Willy Brandt – undenkbar. Bei Merkels Antrittsbesuch in Washington blieb von deren Kritik im Grunde indes nichts übrig. Weshalb Rügemer Merkel „als wichtigste Duckmäuserin der Europäischen Union“ zu bezeichnen pflegt.

Werner Rügemer: Trump kommt aus dem „Lumpenproletariat des amerikanischen Kapitalismus“

Werner Rügemer während seines Referats in Dortmund. Fotos: Stille

Mit Trump habe sich ein anderes kapitalistisches Milieu durchgesetzt. Rügemer bezeichnet Trump und seine ursprüngliche Milliardärsumgebung als das „Lumpenproletariat des amerikanischen Kapitalismus, der amerikanischen Highsociety“. Im Wahlkampf hätte es keine Berater von der Wallstreet, von der New York Times – sondern nur „Aufsteigermilliardäre“ gehabt. Nach der Wahl habe sich das geändert. Von manchem musste Trump nach der Wahl die Finger lassen. Was einmal erkennen ließ, so Werner Rügemer, dass amerikanische Präsidenten eigentlich nicht unbedingt auch die mächtigsten Entscheider sind. Sondern zum einen „Wahlstimmenfänger“ und zum anderen „sind sie noch ’ne Art Frühstücksdirektor“. Erst nach der Wahl bekäme ein amerikanischer Präsident „so richtig zu fühlen, wer in dem Land eigentlich das Sagen hat“. Nun sehe auch das Ministerteam ganz anders aus als Trumpfs Wahlkampfteam. Und die Konzerne und Banken diesseits und jenseits des Atlantiks scheinen sehr mit Trump zufrieden. Wall Street stellt den Finanz­minister und Goldman Sachs andere Minister, Exxon den Außenminister. Trump habe sich als sehr anpassungsfähig herausgestellt. Auf der transatlantischen Kapitalebene wird sich mit Trump nicht viel ändern, ist sich Rügemer sicher. Der Einfluss amerikanischer Investoren bei uns werde gewiss viel mehr zunehmen. Nach Widerstand dagegen sähe es nicht aus. Die Medien behandelt das Thema nicht.

Die US-Amerikaner kaufen sich hier verstärkt ein und regieren sogar mit bei uns

Der us-amerikanische Einfluss in Deutschland ist in den letzten Jahren größer geworden, stellt der Referent fest. Beispielsweise ist der größte amerikanische Investor Blackrock in allen 30 deutschen Dax-Unternehmen als Miteigentümer vertreten. In 28 dieser Unternehmen ist Blackrock der Hauptaktionär. Niemand habe so viel Insiderwissen über die Topetagen der deutschen Wirtschaft wie Blackrock. Der „normale von unseren Medien verbildete Deutsche“ hat kaum Kenntnis davon. Amerikanische Beratungsfirmen wie Mc Kinsey regieren quasi in Deutschland mit. Die Jobcenter werden beraten, wie Flüchtlinge schneller abgeschoben werden können. Das Verteidigungsministerium hat sogar eine von deren Mitarbeiterinnen eingestellt, um die Beschaffung zu verbessern. Diese Leute sind als US-Amerikaner dem Patriot Act unterworfen. Die US-Regierung hat dadurch Informanten in der deutschen Regierung. Die Bankenrettungspläne hat die US-Kanzlei Freshfields erarbeitet. Verschiedene deutschen Großkonzerne haben amerikanische Aufpasserteams. Etwa Daimler. Das Unternehmen war wegen Bestechung angeklagt. In Stuttgart sitzt seit drei Jahren ein ehemaliger FBI-Direktor mit seinem Team auf Kosten von Daimler und überwacht Finanzströme und 280 000 Mitarbeiter von Daimler weltweit, ob deren Gehaltszahlungen irgendwie zur Terrorismusfinanzierung verwendet werden. Auch die Commerzbank hat so ein Aufpasserteam. Weil sie ein Konto für eine iranische Firma führten. Über VW in Wolfsburg wacht seit dem Abgasskandal ein ehemaliger US-Justizminister mit einem zehnköpfigen Team.

Werner Rügemer: Zustimmung zu den Regierungen, Unternehmen, regierenden Parteien und deren „Hilfstruppen“, den Medien ist im Sinken begriffen

Werner Rügemer stellt fest: Mit der Wahl von Trump habe sich etwas verändert. Und zwar gleichzeitig in der „gesamten westlichen Wertegemeinschaft“.

Während der „gesamte westliche Kapitalismus, so wie er sich in den letzten Jahrzehnten entwickelt hat und die Mehrheit der Menschen vor allem der abhängig Beschäftigten verarmt hat, ist im gleichen Maße in Deutschland auch – in der EU – die Zustimmung zu den Regierungen und zu den regierenden Parteien, zu den Unternehmen, wie auch zu den Hilfstruppen wie den Medien geschwunden“. Nur noch eine Minderheit von zehn Prozent – rechnet Rügemer – ist es vielleicht, die für dieses System noch aktiv eintreten würde. Die Wehrpflicht sei in vielen Ländern abgeschafft worden. Privatarmeen übernähmen zunehmend diese Aufgabe. Trump sei gewissermaßen ein Beschleuniger dieser Entwicklung. Gerade „weil er vieles deutlicher“ ausspreche, „was eigentlich vorher schon klar war“.

Das Instrumentarium der US-Weltherrschaft. Einzig China könnte Paroli bieten

Auf Fragen aus dem Publikum ergaben sich dann noch einige interessante Aspekte. Auch wenn die USA das meist verschuldete Land auf der Erde sei, stütze sich deren Macht auf einen größeren Instrumentenkasten. Das Eigentum an produktivem Kapital. Etwa ist Blackrock Miteigentümer an 380 der größten Unternehmen auf der Welt. Zum anderen dominieren die USA die wichtigsten internationalen Institutionen: UNO, Weltbank, die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, den IWF, dazu kommen noch informelle Organisationen und die Ratingagenturen. Amerikanische Wirtschaftsprüfer von PricewaterhouseCoopers oder Ernst & Young prüften alle westlichen Konzerne. Rügemer: Das hieß auch „alle Schweinereien decken“. Gleichzeitig seien sie auch Steuerberater der großen Konzerne somit auch eine Art „Steuerhinterziehungsindustrie“. Dazu käme noch das militärische Potential der USA durch deren ca. 1000 Militärstützpunkte auf der ganzen Welt. Durch all das werde die Abhängigkeit der USA auf der Schuldenebene kompensiert. Werner Rügemer schätzt ein, dass sich dadurch das Imperium noch hält. Allerdings gebe es eine Macht, die das infrage stellen könnte, das wäre China mit seinem „kommunistisch gelenkten Kapitalismus“. China sei die einzige Volkswirtschaft die mächtig ist und gleichzeitig wächst. Und zwar wüchsen dort alle Einkommen kontinuierlich. Auch die unteren.

Fazit des Rezensenten

Nach Ansicht von Werner Rügemer stehen wir vor einer Entscheidungssituation, wo die Kräfte der Demokratie gegenwärtig noch schwächer sind. Und da es nur noch eine Minderheit der Bevölkerung ist – obwohl sie wahrscheinlich demokratisch gestimmt sei -, die ihren Willen zu einem Wechsel über demokratische Publikationen sowie in den demokratischen Parteien auszudrücken in der Lage ist. Und vor dem Hintergrund des Ausgangs der ersten Runde zu den französischen Präsidentschaftswahlen sagte Rügemer: Einer der deren Vertreter ist beispielsweise Jean-Luc Mélenchon mit seiner Partei La France insoumise (das aufsässige Frankreich). Leider aber käme der höchstens auf 20 Prozent. Die anderen Parteien hätten sich verkauft. Keine guten Aussichten. „Beängstigend“, schätzt Rügemer ein.

Veranstaltet wurde der Vortrag von DGB Dortmund, Attac Dortmund, Nachdenktreff und AG Globalisierung konkret in der Auslandsgesellschaft.

Zum Schluss legte Dr. Werner Rügemer den Zuhörerinnen und Zuhörern die neue Publikation Rubikon ans Herz. Er arbeitet nun ebenfalls dafür.

Dortmund: Kerem Schamberger sprach zur Situation in der Türkei vor dem Referendum über das Präsidialsystem

Am kommenden Sonntag wird mittels eines Referendums darüber entschieden, ob die Türkische Republik künftig ein Präsidialsystem erhalten soll. Das Ergebnis des Urnengangs dürfte sehr knapp – für ein Ja oder auch für ein Nein – ausfallen. Kerem Schamberger hat sich die letzten Umfrageergebnisse türkischer Institute angesehen: Zuletzt lagen die Nein-Stimmen etwas weiter vorn. Schamberger gibt jedoch zu bedenken, dass die Ergebnisse von Umfragen letztlich wenig belastbar seien. Was sich zuletzt ja bekanntlich bei der Volksabstimmung über einen Brexit in Großbritannien und bei den US-Wahlen herausstellt habe.

Was sicher auch für das Referendum in der Türkei gelte. Viele der von Umfrageinstituten befragten Menschen dürften nicht die Wahrheit darüber gesagt werden, wie sie letztlich wirklich am Sonntag abstimmen zu gedenken. Schließlich könnte man bei der „falschen“ Antwort rasch in die Bredouille kommen – vielleicht gar den Job verlieren.

Kerem Schamberger, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung und politischer Aktivist aus München, war vergangenen Donnerstag ins ver.di-Haus nach Dortmund gekommen, um über das Präsidialsystem und die aktuelle Situation in der

Foto: Veranstalter via Roter Tresen Dortmund.

Türkei zu sprechen.

Inhaftierte Journalisten und die Zunahme von Ausnahmezustandsdekreten

Eingangs erinnerte Schamberger an den in der Türkei inhaftierten Welt-Korrespondenten Deniz Yücel. Dessen Fall habe dazu beigetragen, dass die Situation von Journalisten in der Türkei hierzulande endlich einmal öffentlich diskutiert werde. Jedoch werde gleichzeitig über das Schicksal verhafteter kurdischer Kollegen geschwiegen. Weshalb darüber hier nicht diskutiert werde. Stellvertretend für ein Dutzend andere kurdische Zeitungsleute nannte der Gast aus München den kürzlich in Adana verhafteten Kollegen Kilic. Derzeit säßen, so Schamberger, 166 Journalisten in türkischen Gefängnissen.

Eine Ausnahmezustandsdekret reihe sich derzeit an das andere. Allein mittels des Dekretes 686 seien 4400 Staatsbedienstete – in erster Linie kritische Geister und Linke – entlassen worden. Allein 13 gewählte Parlamentarier der HDP befänden sich in Haft.

Bis heute unklar wer hinter dem Putschversuch steckte

Das Scheitern des Putsches im Juli vergangenen Jahres in der Türkei führt Schamberger auf dessen dilettantische Planung und Ausführung zurück. Keine der türkischen Parteien hätte diesen Putsch unterstützt bzw. gutgeheißen. Ebenso hätten die Kapital- und Industrieverbände – wie etwa TÜSIAD – sich dagegen gestellt. Eine Inszenierung des Putsches durch Recep Tayyip Erdogan schließt Kerem Schamberger aus. Der türkische Geheimdienst MIT habe vom Vorfeld vom Putsch Kenntnis gehabt und die „Putschisten ins offene Messer laufen lassen“. Bis heute indes sei unklar, wer wirklich hinter dem Putsch steckte. Fetullah Gülen, Chef der Gülen-Bewegung, die sich selbst HIZMET (Dienst)-Bewegung nennt, wurde von Präsident Erdogan (Gülen war einst dessen Mitstreiter) für den Putsch verantwortlich gemacht. Gülen, so informierte Schamberger, sei kein Unbekannter: Bereits Ende der 1950er Jahre habe dieser mit Unterstützung der CIA Vereine zur Bekämpfung des Kommunismus organisiert.

Westliche Geheimdienste und das britische Parlament sähen – so Schamberger – in Gülen keinen Verantwortlichen für den Putsch. Vielmehr schätzte man ein, dass der Putsch eher aus einem Zweckbündnis heraus ins Werk gesetzt wurde. Darin könnten sich durchaus „Gülinisten“ befunden haben. Vielleicht weil sie sich aufgrund ihres Heraushaltens seitens der das Militär lange dominierenden Kemalisten nicht hätten in der türkischen Armee entfalten konnten. Auch könnten Gülinisten Hand in Hand mit in der Erdogan-Ära verdrängten Kemalisten diesem Zweckbündnis angehört haben. Ebenfalls sieht Schamberger eine Beteiligung auch von Karrieristen im Rahmen des Möglichen, die sich nach einem gelungenen Putsch ein Aufstieg erhofft hätten. So habe es der ebenfalls in Haft genommenen investigative Journalist Ahmet Şık jedenfalls eingeschätzt.

Die Gülen-Leute sind keine Unschuldsengel

Kerem Schamberger sieht es kritisch, wenn hier in Deutschland die Gülen-Leute als friedliche Kräfte des Islams bezeichnet werden. In der Türkei seien sie immer auch „ein verlängerter Arm des Westens“ gewesen. Weshalb sie von ihm „weißgewaschen“ würden. Dabei wären Gülen-Leute auch an Verbrechen in der Türkei beteiligt gewesen. Möglich sei, dass der Westen darauf setze, in einer Zeit nach Erdogan auf diese Leute zurückzugreifen.

Auch AKP-Politiker wie der frühere Parlamentspräsident Bülent Arinc und Ex-Präsident Abdullah Gül hätten sich im Vorfeld des Referendums auffallend still verhalten.

Letztere zwei könnten dereinst der AKP die Macht sichern – jedoch ohne Erdogan an der Spitze.

Wussten AKP-Abgeordnete von den Putschplänen?

Die ranghöchsten Planer und die zivilen Anführer des Putsches blieben allerdings weiter im Dunkeln. Schamberger gab zu Bedenken, dass der in Haft sitzende Co-Vorsitzende der HDP, Selahattin Demirtaş seine Vermutung äußerte, dass achtzig bis neunzig Parlamentsabgeordnete der Regierungspartei AKP von den Putschplänen Kenntnis hatten. Obwohl es keine Belege dafür gibt, hält Schamberger es für möglich, dass auch Nato-Strukturen im Westen von Putschplänen wussten.

Selhattin Demirtaş: „Die Putschisten wollten nicht die Demokratie bringen, sondern sie wollten an die Spitze des sowieso schon antidemokratischen Systems kommen“

Zum Mittel des Putsches als solchen – wo auch immer – stellte Kerem Schamberger unmissverständlich klar: Linke und Gewerkschafter sollte dafür keinerlei Sympathie zeigen. Gerade die in der Türkei erfolgten Putsche hätten sich primär immer gegen Linke gerichtet. Schamberger blendet ein Bild von seinem Onkel ein. Dieser war nach einem Putsch für sechs Jahre ins Gefängnis geworfen worden. Wie seinerzeit 450 000 andere Menschen auch. Der Co-Vorsitzende der HDP hatte nach dem jüngsten Putschversuch folgendes erklärt: „Die Putschisten wollten nicht die Demokratie bringen, sondern sie wollten an die Spitze des sowieso schon antidemokratischen Systems kommen.“

Nach Ansicht von Schamberger sei der Putsch – nicht wie in deutschen Medien kolportiert – nicht von Demokraten verhindert worden. Es habe sich um einen Machtkampf der Herrschenden gehandelt. Vielmehr sei dies primär von polizeilichen, geheimdienstlichen und paramilitärischen Einheiten und Personen geleistet worden: „Es war nicht das Volk, das in der Putschnacht auf der Straße war.“ Hunderttausend Menschen seien etwa auf der Straße gewesen. Nicht besonders viel, meint Schamberger, immerhin habe die AKP eignen Angaben zufolge neun Millionen Mitglieder.

Es hat eine „Ummachtung“ stattgefunden

Den Putschversuch nutze die AKP, um gegen unliebsame Kritiker ihrer Politik mit immer stärkeren Repressionen vorzugehen. Der Umbau des Staates gehe rasant voran: 130 000 Personen wurden aus dem Staatsdienst entlassen und zeitweise befanden sich mehr als hunderttausend Menschen in Untersuchungshaft. Noch immer befänden sich 50 000 Menschen „wegen echten oder gefakten“ Putschvorwürfen in Haft. Im Militär habe eine Entmachtung – Schamberger nennt es mittlerweile „Ummachtung“ – stattgefunden. Innerhalb der Nato hatte das türkische Militär immer eine Sonderstellung eingenommen, indem der Generalstab sich selber kontrollierte. Nun würde das Militär – zumindest auf dem Papier – vom Verteidigungsministerium in Ankara kontrolliert. Ginge das Referendum am Sonntag zugunsten von Erdogan aus, zöge der dann sowieso die Strippen auch bei der Armeeführung.

Erdogantreue Truppen hätten sich bereits jetzt auch bei der Zerstörung kurdischer Städte – im Rahmen der „Terrorbekämpfung“ – besonders brutal und unmenschlich hervorgetan. An Ruinen, die denen, welche man aus Aleppo kennt betreffs der Schwere der Zerstörung in nichts nachstehen, hängen riesige türkische Flaggen. Man sieht das Foto von türkischen Soldaten in Siegerposen vor einer Häuserwand. Darauf steht: „Wir lieben dich großer Mann R.T.E“ (Recep Tayyip Erdogan).

Kerem Schamberger: „mit der etwaigen der formaljuristischen Einführung des Präsidialsystems nur das nachträglich legitimiert wird, was seit mehr als zwei Jahren der Fall ist“

Die AKP bediene sich, erklärt Schamberger, seit dem Juni 2015 einer gezielten Polarisierung als strategischem Mittel, um sich an der Macht zu halten. Der Putsch habe, stellt Schamberger fest, all dies nur katalysiert und beschleunigt. Das nächste Ziel der AKP wäre eben nun die Errichtung des Präsidialsystems. Dies habe die Abschaffung des Amtes des Ministerpräsidenten sowie die Schwächung des Parlaments zur Folge. Letzteres könne wohl klagen. Doch wer glaube dann einen Erfolg? Schon jetzt hat Erdogan das Rechtssystem mit Leuten besetzt, die ihm genehm sind.

Wichtig für Kerem Schamberger an diesem interessanten Abend ist, dass die Leute mit nach Hause nehmen, dass „mit der etwaigen der formaljuristischen Einführung des Präsidialsystems nur das nachträglich legitimiert wird, was seit mehr als zwei Jahren der Fall ist“. Das da wäre: „Erdogan ist de facto der Alleinherrscher. Die Gewaltenteilung ist schon lange aufgehoben. Und die Führung der AKP schon immer in den Händen Erdogans. Den schon jetzt bestehenden autokratischen Strukturen wird eine pseudodemokratische Fassade verpasst.“ Es werde mit der Volksabstimmung der Eindruck – auch vorm Ausland – von Rechtmäßigkeit erweckt.

Wahlbeteiligung bei türkeistämmigen Menschen in Deutschland beim Referendum nur wenig höher als bei den letzten Parlamentswahlen

Die Wahlbeteiligung der in Deutschland wahlberechtigten türkeistämmigen Menschen mit türkischer Staatsbürgerschaft (1,4 Milliarden) sei nur leicht höher gewesen, als bei den Parlamentswahlen 2015. Am Referendum beteiligten sich in Deutschland ca. 700 000 Türkinnen und Türken (48 Prozent). 2015 wären es 41 Prozent.

Fazit des Referenten

Kerem Schamberger stellt fest: „Die politische Verantwortung für die Entwicklung in der Türkei liegt auf Seiten der AKP. Es liegt an der AKP einen Friedensprozess mit den Kurden zu beginnen.“ Der Vorsitzende der PKK habe das erst kürzlich wieder angeboten. Es sei an der AKP „eine versöhnliche Sprache anzuschlagen“ und „zivile und politische Strukturen der Kurden und Linken zuzulassen“. Freilich mache er sich keine Illusionen betreffs der Umsetzung dieser Forderungen seitens der AKP angesichts der von ihr stetig forcierten Repressionen. Betreffs der Gesellschaftsform der Türkei „würde ich mittlerweile von einer Diktatur mit faschistoiden Zügen sprechen“, drückt sich Schamberger aus. Vielleicht „sogar von einer faschistischen Diktatur“. „Erdogan steht über dem Gesetz. Er ist das Gesetz.“

Wo die Reise hingehe, zeige eine beängstigende Zahl: Der türkische Justizminister gab bekannt, 175 neue Haftanstalten bauen zu wollen. Es fänden zunehmend Privatisierungen von Staatseigentum seitens der sehr neoliberal agierenden AKP-Regierung – sogar von riesigen Waldflächen – statt.

Buchempfehlung und scharfe Kritik an der Bundesregierung

Gegen Ende seines Vortrages empfiehlt Kerem Schamberger zur Situation unbedingt auch das Buch „Der Fall Erdogan“ von Sevim Dagdelen (die Abgeordnete der Linkspartei im Deutschen Bundestag stellte es vergangenes Jahr auch in Dortmund vor) zur Situation in der Türkei. Die „Nibelungentreue“ der Bundesregierung zu Erdogan und das Festhalten am verbrecherischen Flüchtlingsdeal“ kritisierte Kerem Schamberger scharf.

Überdies skandalisierte der Referent aus München noch, dass Erdogan die aktuelle Situation und Phase in der Türkei allen Ernstes als „fortgeschrittene Demokratie“ bezeichne.

Schambergers Hinweis: Man solle dies „nicht als eine nahöstliche Spielart eines irgendwie orientalischen islamischen Despotismus sehen, sondern als sehr wohl mit dem neoliberalen Kapitalismus vereinbar, wie die Privatisierungsgesetze der letzten Wochen und Monate gezeigt haben.“ Ähnliche Entwicklungen weltweit zeigten, dass sie autoritäre Demokratien oder der Autoritärismus eher das Rollenmodell einer globalen wirtschaftszugeordneten Zukunft sein wird.“ Und gibt zu bedenken: „Wenn wir mit dem Finger auf die Türkei zeigen, zeigen drei Finger auf uns zurück.“ Man brauche nur nach Polen, nach Ungarn zu schauen. Auch den Brexit oder die Wahl von Trump möchte Schamberger in diese Richtung

Einer der Veranstalter.

einordnen.

Die Ausgeschlossenen zu radikaldemokratischem Block zusammenführen

In der Türkei gehe es nun darum, alle ausgeschlossenen Gruppen gemeinsam zu einem radikaldemokratischen Block zusammenzuführen. Einem großen Bündnis, das den erfolgreichen Widerstand beinhaltet, den kurdischen Widerstand und die sozialen Bewegungen und die Kämpfe um die Umwelt. Aber auch die linken Teile der eher nationalistisch ausgerichteten Teile der Republikanischen Volkspartei CHP, Es gelte eine gesellschaftlichen Gegenmacht von unten zu schafffen, die die Hegemonie der AKP brechen kann. Kerem Schamberger zeigte sich überzeugt davon, dass am Sonntag das Nein beim Referendum obsiegen kann. Wie erklärt Schamberger seine Hoffnung? Als Kommunist sei er eben „ein historischer Optimist“.

Der Veranstaltung schloss sich ein Frageblock an, welchem sich noch eine angeregte Diskussion folgte.

Achtung Veranstaltungsabsage! BLACKBOX TÜRKEI 2 im Megastore in Dortmund muss leider ausfallen

Leider muss die gestern auch hier angekündigte Veranstaltung  BLACKBOX TÜRKEI 2 ausfallen. Die Veranstalter melden,

„das anstehende Referendum in der Türkei am 16. April wirft seinen langen Schatten voraus und nimmt die Arbeit von unseren Gästen David Schraven und insbesondere Hayko Bagdat von ÖZGURUZ voll und ganz in Anspruch. Allerdings werden wir die Vorstellung so bald wie möglich nachholen und suchen ab sofort nach einem neuen Termin – wir informieren dann selbstredend darüber!“

DGB-Jugend Dortmund-Hellweg fragt in Veranstaltungsreihe „Was ist an Marx noch aktuell?“ Am 16. Februar geht es um die Rolle der Ware im Kapitalismus

Marx-Darsteller auf dem vorletzten DKP-Pressefest in Dortmund. Foto: Stille

Marx-Darsteller auf dem vorletzten DKP-Pressefest in Dortmund. Foto: Stille

Der Kapitalismus steckt mindestens seit der letzten Finanzkrise einmal mehr in der Krise, welche sich zweifelsohne auf vielfältige Weise ständig weiter verschärft. Damit einhergehend bekam mancherorten sogleich ein Frohlocken auf, der Kapitalismus wäre an sein Ende gekommen. Doch wer ein wenig tiefer in die Geschichte zurückblickt weiß: Krisen sind dem Kapitalismus immanent. Und der Kapitalismus erfindet sich stets neu. Eines indes hat sich gezeigt: Karl Marx und der Inhalt seines Hauptwerks „Das Kapital“ ist aktueller denn je. Die Krise stößt uns gleichsam mit der Nase darauf.

  1. Dem Rechnung tragend, stellt sich die DGB Jugend – Dortmund Hellweg mittels einer neuen Veranstaltungsreihe die Frage „Was ist an Marx noch aktuell?“

Die Veranstaltungsreihe will sich unterschiedlichen Aspekten der Marxschen Theorie widmen

Die DGB-Jugend informiert:

„Denn die Frage nach der Aktualität von Marx treibt auch junge, an Politik interessierte Menschen regelmäßig an. Gerade in Anbetracht der Weltwirtschaftslage hat die Theorie von Marx wieder an Aktualität gewonnen. Den Auftakt machte im Dezember 2016 eine Pilotveranstaltung zu der Frage: Was können wir bei Marx über Geld lernen? Am 16. Februar 2017 geht es um die Frage, welche Rolle die Ware im Kapitalismus spielt. Warenproduktion gab es schon vor dem Kapitalismus – und sie erscheint als das Selbstverständlichste von der Welt, auch für neue Gesellschaftsentwürfe. Was kann man hier von Marx lernen, der sich mit der Warenanalyse so viel Mühe gab?

Für die Vortrags- und Diskussionsveranstaltung konnten wir Autoren des Buches Zurück zum OriginalZur Aktualität der Marxschen

Auf Dortmunder Pflaster. Foto: Stille

Auf Dortmunder Pflaster. Foto: Stille

Theorie“ von Johannes Schillo (Hrg.) gewinnen. Johannes Schillo ist Journalist. Er hat lange als Autor und Redakteur für die Fachöffentlichkeit der außerschulischen politischen Bildung gearbeitet. Uwe F. Findeisen, Manfred Henle, Freerk Huisken, Ulrich Irion, Hans-Jörg Tauchert sind die Buch vertretenden Autoren.

Weitere Veranstaltungen sind im ersten Halbjahr 2017 geplant

Und zwar zu den Themen:
„Der Fetisch von Ware, Geld & Kapital“
„Der Austausch oder die Wirtschaft für den Markt“
„Immer mehr Geld – die Bewegung des Kapitals“
„Kapitalistische Produktion: Produktivkraft & Rentabilität“
„Die Ware Arbeitsfähigkeit & der Lohn“

Auch der Deutschlandfunk hat sich vergangenem Jahr mit dem Marx-Werk Das Kapital beschäftigt. Die interessanten Beiträge von folgenden Autoren sind dort abrufbar:

Mathias Greffrath, Wolfgang Streeck, Michael Quante, Paul Mason, Sahra Wagenknecht, Robert Misik

Ort und Zeit der Veranstaltung

DGB-Jugend Dortmund-Hellweg Ostwall 17-21, 44135 Dortmund. Donnerstag, der 16. Februar 18 bis 21 Uhr.

Dortmund: Nordstadtblogger kommen mit „nord.mag“ auch gedruckt mit einer Auflage von fast 85.000 Exemplaren heraus

Jede Kommune hat wohl einen Stadtteil, der sozusagen als Schmuddelkind und Problemviertel gilt oder ausschließlich als solches angesehen wird. Doch nie ist das die ganze Wahrheit. Oftmals trägt die mediale Berichterstattung die Verantwortung dafür. Nicht selten wird die Berichterstattung von Nachrichten aus dem Drogen- oder dem Rotlicht-Milieu dominiert. Dazu kommen„Blaulicht“-Berichte der Polizei aus der Welt des Verbrechens. In Dortmund ist es die Nordstadt, die mit diesem Stempel versehen ist. Und ich wurde damit sofort in den Januartagen des denkwürdigen Jahres 1990 konfrontiert, als ich aus der DDR – mit vorangegangenen kurzem Stopp in Essen – nach Dortmund zugewandert war. Nachdem ich eine Arbeitsstelle in Dortmund erhalten hatte, war eine Wohnung ebendort von Vorteil. Und ich erhielt sie via eines Tipps einer Inspizientin am hiesigen Opernhaus. Deren Freund, ein Tenor, würde aus Dortmund wegziehen. Kurzerhand wurde ich quasi handelseinig mit dem Vermieter und bezog schleunigst mit sehr überschaubarem Hausrat in dessen verlassene Wohnung. Sie befand sich in der Nordstadt. Auf der Gneisenaustraße unweit des Dortmunder Hafens. Kollegen rümpften die Nase: „In die Nordstadt ziehst du? Das ist keine gute Gegend.“ Ich bereute den Schritt übrigens nie. Auch wenn sicher nicht alles Gold war; Glanz war in der Tat wenig. Schon gar nicht in meiner Hütte. Aber interessant war es allemal. Und auf manche Art sehr besonders.

Lange Rede, kurzer Sinn: Die Dortmunder Nordstadt hatte schon vor 150 Jahren ihren schlechten Ruf weg. Denn mindestens solange ist die Nordstadt auch schon Ankunftsort für Zuwanderer aus aller Herren Länder. Bastian Pütter vom Straßenmagazin „bodo“ referierte einmal darüber (hier). Die Gegend jenseits der Bahngleise galt vielen Dortmunder Bürgern damals – um einen Begriff aus heutiger Zeit zu verwenden: als No-Go-Area. Gegenwärtig ist das nicht viel anders.

Doch in der Nordstadt steckt allemal viel viel mehr als Rot- und Blaulichtgeschehen. Seit vier Jahren zeigen das Tag für Tag online die Nordstadtblogger mittels ihrer Berichterstattung – deren Fokus auf dem Stadtteil liegt – auf. Nun, wenige Tage nach Silvester, zündete die ehrenamtlich tätige Redaktion die nächste Stufe: Am heutigen Samstag, dem 7. Januar 2017, erscheint zum ersten Mal – und zwar in haptischer Variante – das nord.mag – Das Nordstadt-Magazin“. Greifbar in einer Auflage von fast 85.000 Exemplaren.

Die Nordstadtblogger informieren heute: Das Nordstadt-Magazin „nord.mag“ „liegt am Samstag den „Ruhr Nachrichten“ in Dortmund bei. In der kommenden Woche werden zudem 20.000 Exemplare kostenlos an verschiedenen öffentlichen Auslageorten in Dortmund erhältlich sein.“ Das „nord.mag“ soll alle drei Monate  erscheinen.  Redaktionell geleitet wird das Heft von Alexander Völkel. Mehr dazu bei den Nordstadtbloggern.

Den Nordstadtbloggern ist es in den letzten vier Jahren nie darum gegangen die Dortmunder Nordstadt schöner zu zeichnen als sie in Wirklichkeit ist. Aber sie hat mit ihrer engagierten, fairen Berichterstattung sehr dazu beigetragen, dass das Areal jenseits der Bahngleise des Dortmunder Hauptbahnhofs nicht mehr ausschließlich nur als Problemviertel angesehen wird. Wohl auch deshalb, weil das ganze Bild des jüngsten Dortmunder Stadtbezirks in den Blick genommen wird. Allem voran: die dort lebenden Menschen. Nun nicht mehr allein online zu lesen, sondern mit „nord.mag“ auch auf bedrucktem Papier. Kostenlos erhältlich.

Dortmund/Presse: Der Gründer des Magazins Free21, Tommy Hansen, hält Vortrag im Studieninstitut Ruhr

Via free21.

Via free21.

Wer den Zustand des Journalismus in diesem Lande in den letzten Jahren kritisch und mit wachen Augen verfolgt, schlägt die Hände über den Kopf zusammen. Nicht einmal bei den so genannten Leitmedien schaut besser aus. Auch über die journalistische Qualität unserer von unseren Beiträgen finanzierten öffentlich-rechtlichen Rundfunk- und Fernsehanstalten muss des Sängers Höflichkeit schweigen. Kurzum: Die Vierte Macht im Staate kommt der Erfüllung ihrer Aufgabe nur noch ungenügend war. Und das ist noch geschmeichelt ausgedrückt. Man muss auch gar nicht die doch letztlich fragwürdigen Begriffe „Gleichschaltung“ oder „Lügenpresse“ bemühen. Wie auch immer. Stimmen tut das, was Willam Shakespeare Hamlet in seinem gleichnamigen Stück sagen lässt: Da ist etwas faul im Staate Dänemark. Das sagte sich auch der dänische investigative Journalist Tommy Hansen. Und der Mann weiß: In Deutschland sieht es kein Stück besser aus.

Hansen tut was, dem etwas entgegenzusetzen. Dazu auch ein älterer Beitrag von mir.

Laut einer Presseinformation wird er am 8. Dezember nach Dortmund kommen, um einen Vortrag zu halten.

Aus der Pressemitteilung

Vortragsabend: Donnerstag, 08.12.2016, Dortmund, Königswall 44-46
Pressefreiheit vs. freie Presse – Der kleine aber feine Unterschied
Wer sich über Pressefreiheit und freie Medien informieren möchte, wer Tommy Hansen – Gründer und Herausgeber von Free21 – persönlich kennenlernen und ihm und anderen zu desem Thema diskutieren möchte: dieser Vortragsabend bietet die Gelegenheit dazu.

Wann & Wo
08.12.2016 – 19:00 Uhr
44137 Dortmund, Königswall 44-46, Studieninstitut Ruhr
Der Eintritt ist frei – über Spenden freuen sich alle.

Mehr zu diesem Abend
„Wer zahlt schafft an“ – Die Pressefreiheit wurde in Europa nicht abgeschafft. Aber gibt es überhaupt noch Medien, die frei berichten können? Sind die Medien nicht allein aufgrund von wirtschaftlichen Abhängigkeiten gezwungen, so zu berichten, wie es den zahlenden Anzeigenkunden passt?
Gibt es also Pressefreiheit nur noch für die, die es sich leisten können? Hier kommt die gute Nachricht – es gibt eine freie Presse!

Free21-Chefredakteur Tommy Hansen (links) und Vertriebsmitarbeiter Lukas Puchalski am Infostand des Magazins in Dortmund; Foto: C.-D. Stille

Free21-Chefredakteur Tommy Hansen (links) und Vertriebsmitarbeiter Lukas Puchalski am Infostand des Magazins in Dortmund; Foto: C.-D. Stille

Free21.org ist ein freies Medium. Die journalistische Plattform setzt alles daran, Fakten zu beschaffen, sich der Wahrheit so weit wie möglich anzunähern und darüber zu berichten. Die Plattform ist crowdfinanziert und dadurch unabhängig und frei von Zwängen, denen die Medienkonzerne oder die öffentlich-/rechtlichen Sender unterliegen. Ausführliche Recherchen in zahlreichen – auch widersprüchlichen – Quellen sind nur ein Indikator, worin sich diese Plattform von den klassischen Medien unterscheidet, die in vielen Fällen ihr „Wissen“ fast ausschließlich aus Reuters, Bloomberg oder APA/DPA beziehen.
Im Gegensatz zu vielen sehr erfolgreichen alternativen Online-Plattformen gibt es von free21.org auch eine handliche Papierfassung – die jene Leser erreicht, die sich bisher nicht im Netz informiert haben und dies auch nicht wollen.
Tommy Hansen erzählt von seinen Ideen, seiner täglichen Arbeit, seinen Zielen und er macht Vorschläge, wie sich jeder Einzelne dafür einsetzen kann, dass durch freie Medien die Pressefreiheit für alle auch in Zukunft sichergestellt werden kann. Für Diskussionen zu allen Fragen rund um das Thema Medien, Pressefreiheit und Medienkompetenz ist ausreichend Zeit.
Mehr zu Tommy Hansen
Der Gründer, Chefredakteur und Herausgeber von free21.org ist bereits seit 1982 journalistisch tätig. Ob als festangestellter Redakteur, Freelancer oder PR-Berater, ob in Tageszeitungen, Wirtschaftblättern oder Firmenmagazinen – er kennt den Medienmarkt in fast all seinen Facetten. Seit 2002 ist er als investigativer Journalist tätig – getrieben von Neugier, getrieben von kritischen Fragen, auf die er in den klassischen Medien keine Antwort fand. 2014 kam er auf die Idee, „das Internet auszudrucken“ und zog dafür von Dänemark nach Berlin. Ihm geht es darum, kritische Fragestellungen und Themen einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Dass hier ein großerBedarf besteht, zeigt die Auflage des 2015 erstmals erschienen Mediums: Bereits im ersten Jahr fanden knapp 150.000 Exemplare großes Interesse bei den Lesern. Tendenz für 2016: deutlich steigend.

Kontaktinformationen
Daniel Frank-Vetter
free21-ruhrgebiet@outlook.de
www.free21ruhrgebiet.tk

„Die haben gedacht, wir waren das“ – Buchvorstellung in Dortmund

Sprachen zum Thema und diskutierten über das Buch: Ali Sirin, Caner Aver und Bastian Pütter (v.l.n.r) Fotos: Stille

Sprachen zum Thema und diskutierten über das Buch: Ali Sirin, Caner Aver und Bastian Pütter (v.l.n.r) Fotos: Stille

Über Jahre hinweg konnten Rechtsterroristen ungehindert durch Deutschland ziehen und morden. Hatten sie wirklich keine Hintermänner, Mittäter? Welche Spuren hinterlassen Rassismus und rechte Gewalt in der migrantischen Community? Wie hat es sich auf die Opfer des NSU-Nagelbombenanschlags in der Kölner Keup­straße ausgewirkt, dass sie selbst dieser Tat verdächtigt wurden? Zu den Vorwürfen der Ermittler gehörten: Streit unter türkischen Geschäftsleuten, Verbindungen zum Rotlichtmilieu, dem Drogenhandel und zur Türsteherszene – Innenminister Otto Schily schloss am Tag nach dem Attentat einen terroristischen Hintergrund aus. Auch in unserer Stadt – in seinem Kiosk auf der Mallinckrodtstraße – wurde ein Dortmunder mit Migrationshintergrund, Mehmet Kubasik, ermordet. Die Polizei vermutete, der Türkischstämmige könnte in den Drogenhandel verwickelt gewesen sein. Die Hinterbliebenen traf dieser Vorwurf schwer. Bis heute haben sie damit zu kämpfen.

Das Buch versammelt 30 Autorinnen und Autoren samt deren Texte

Zum NSU-Komplex sind inzwischen zahlreiche Publikationen erschienen. Die Sichtweise der Betroffenen kam dabei meist zu kurz. Inzwischen liegt das Buch „Die haben gedacht, wir waren das“ vor. Darin äußern sich Migrantinnen und Migranten über rechten Terror und Rassismus. Der Verlag dazu: „Opfer und ihre Angehörigen, Persönlichkeiten aus Publizistik, Wissenschaft und Politik, Akteure der antirassistischen Arbeit, Bekannte und Unbekannte, allesamt mit Migrationshintergrund, nehmen in diesem Buch Stellung, geben ihre Erfahrungen wieder, beleuchten die Auswirkungen des NSU-Terrors sowie der um sich greifenden rassistischen Gewalt und schildern, wie das auf sie wirkt und was sie dabei bewegt.“ Beiträge von über 30 Autorinnen und Autoren versammelt das Buch. An diesem Mittwoch wurde das Buch in der Auslandsgesellschaft NRW in Dortmund vorgestellt, daraus gelesen und diskutiert.

Bedauerlich, dass die Autorin und Mitherausgeberin des Buches, Bahar Aslan (sie blieb mit ihrem Auto liegen) und der Musiker, „Initiative Keupstraße ist überall“, Kutlu Yurtseven (kam aufgrund einer Verkehrsstörung im Nahverkehr nicht aus Köln weg) nicht anwesend sein konnten. Es wurde dennoch ein interessanter, von Bastian Pütter (bodo e.V.) moderierter Abend vor einem hoch interessierten Publikum.

Den klugen Fragen des Moderators stellten sich Caner Aver (Präsident der Türkisch-Deutschen Studierende und Akademiker Plattform e.V.) sowie Ali Sirin (Sozialwissenschaftler, Planerladen e.V.).

Bindestrichidentitäten“ als Brückenbauer

Caner Aver wie auch die anderen Autorinnen und Autoren des Buches habe vor allem bewegt, wie es hatte sein können, dass in zehn Jahren ein Terrortrio nicht auffindbar gewesen sein soll. Und das „in einem der entwickeltesten Länder weltweit“! Sowie die Frage, wie war es möglich, dass so viele wichtige, den Fall betreffende Akten, geschreddert werden konnten. Ohne personelle Konsequenzen! Wo doch die deutschen Sicherheitsorgane eigentlich ansonsten immer recht effektiv arbeiteten. Aver nannte die oft rasche Ermittlung von islamistischen Terroristen.

Caner Aver ((Präsident der Türkisch-Deutschen Studierende und Akademiker Plattform e.V.).

Caner Aver ((Präsident der Türkisch-Deutschen Studierende und Akademiker Plattform e.V.).

Aber im Falle des NSU-Komplexes „maximal versagt“ hätten. Speziell fragte Moderator Pütter dann zum Anliegen von Caner Aver, der dies in seinem mit „Wir fordern Aufklärung!“ überschriebenen Text im Buch zum Ausdruck bringt. Aver sprach über die wichtige Funktion der Brückenbauer. Menschen mit Migrationshintergrund, die sich in beiden Kulturen auskennen. „Bindestrichidentitäten“ nennt sie Caner Aver : „Die sowohl Anwalt ihrer eigenen Community sind.“ Und gleichzeitig in die Mehrheitsgesellschaft eingebunden sind. Und so als Bindeglied agierten. Sie wollten ein neues Wir erstellen. Sie könnten sich differenzierter äußern. Auch im Falle des NSU-Komplexes. Allerdings schränkte Aver ein, kämen mittlerweile auch sie – die dieses Land immer als ehrlich und rechtsstaatlich (etwa im Vergleich mit der Türkei) empfunden hatten – in Konflikte. Die Widersprüche bei der Ermittlung oder Nichtermittlung der Hintergründe des Rechtsterrors seien einfach zu groß.

Der Dortmunder Ali Sirin beschrieb die Aufgabe des Planerladens, als Förderung des Miteinanders, der Solidarität im Stadtteil – der einen migrantischen Anteil von 70 Prozent hat. Der Planerladen liegt quasi um die Ecke nicht weit entfernt von der Stelle, wo Mehmet Kubasik ermordet worden ist. Die Ist-Situation im Stadtbezirk schätzt Sirin ein, sei eher „ein friedliches Nebeneinander als ein wirkliches Miteinander“. Selten kämen Menschen unterschiedlichster Herkunft zusammen. Dieses Jahr, berichtete Sirin, seien 500 Menschen zur Kundgebung, die an die Ermordung von Mehmet Kubasik erinnern soll, gekommen. Toll könne man meinen. Aber sei das „viel bei fast 600 000 Einwohnern momentan?“, stellte Sirin in den Raum. Allein im Stadtteil wohnten 70 000 Menschen. Der Sozialwissenschaftler sprach über seine Eltern. Die hätten früher immer sehr positiv vom deutschen Staat gesprochen. „Der sei keine Bananenrepublik.“ Inzwischen aber wären sie erschrocken. Über die zweifelhafte Rolle des Verfassungsschutzes im NSU-Fall etwa. Und die vielen rechten, mit Steuergeld bezahlten, V-Leute in dieser Szene. Und kann es wirklich Zufall sein, dass drei wichtige Zeuge unter fragwürdigen Umständen ums Leben kamen?

Ali Sirin sprach über seine Arbeit und „Ein Land im Unbehagen“

Dazu käme eine zunehmende Enttäuschung in der migrantischen Community über das bis heute unerfüllte Versprechen von Bundeskanzlerin Angela Merkel für Aufklärung im NSU-Fall zu sorgen.

Ali Sirin sprach von einem an bei einer Tagung an die Wand projiziertem Papier der Staatsanwaltschaft, wo hinter einem der Namen „Sinto (Zigeuner)“ gestanden habe. Das erinnere an finstere, längst überwunden geglaubte Praktiken. So etwas erschüttere das Vertrauen von Menschen mit Migrationshintergrund, mache unsicher. Zusätzlich würden Ängste geschürt. Sirin: „Gerade in Zeiten wo es Vielen schlecht geht.“ Der Aufstieg der AfD sei beängstigend. Was er kritisch sieht: Nicht einmal die migrantischen Menschen in Dortmunder Norden hielten zusammen. Höchstens, wenn es gegen Roma ginge. Jeder Mensch habe eben seine eigenen Probleme, Sorgen und Nöte. Wie es Menschen wie ihm oft ergeht, sagte er auch. Man frage ihn nicht selten wo er herkomme. Dann antworte er: Dortmund. Auf die Frage wo er ursprünglich herkomme mit Duisburg. Und die Eltern? „Aus Gladbeck“. Über seine Eindrücke schrieb Ali Sirin auch in seinem für das diesem Abend in Dortmund in Frage stehenden Buches unter dem Titel „Ein Land im Unbehagen – Sehnsucht nach Solidarität“. Woraus Sirin dann auch las.

Der gestiegene Rassismus und die Glaubwürdigkeitskrise der Institutionen

Caner Aver skandalisierte den nach der Wiedervereinigung massiv gestiegenen Rassismus. Erinnerte an die rassistischen Morde von Mölln und Solingen. Schon zuvor hätte die Gesellschaft massiv dem Rassismus vehement begegnen müssen. Bei nicht wenigen Migranten sei der Eindruck entstanden, „die wollen uns gar nicht haben hier in Deutschland“. Die ab dem Jahr 2000 gestiegene Abwanderung aus der Community der

Gedenkstein für den auf der Mallinckrodtstraße in Dortmund ermordeten Mehmet Kubasik. Fotos: C.-D. Stille

Gedenkstein für den auf der Mallinckrodtstraße in Dortmund ermordeten Mehmet Kubasik. Fotos: C.-D. Stille

Türkischstämmigen ins Land ihrer Eltern sieht Aver damit im Zusammenhang stehen. Eine Glaubwürdigkeitskrise der Institutionen stelle sich her. Der Eindruck entstehe, in den staatlichen Systemen existierten bestimmte Subsysteme, die möglicherweise einer eigenen Agenda folgen. Auf denen „vielleicht eine schützende Hand“ liege. Eine Mordserie, die über zehn Jahre hat nicht aufgeklärt oder überhaupt hat gestoppt werden können? Wie sei das möglich. Das sei ja mindestens ein Systemversagen. Oder existiere womöglich gar etwas wie ein „tiefer Staat“ oder „Staat im Staat“ auch in Deutschland? Wie könne das sein, in einem Deutschland in dem soviel von Menschenrechten die Rede sei? Immer im Auge behalten werden müsse die Demokratie. Die sei nichts, was selbstverständlich ist. Europaweit bestünden große Probleme. Aver: „Wir erleben möglicherweise so etwas wie die Geburtswehen einer neuen Gesellschaft.“

Caner Aver: Das Buch müsste an jeden Parlamentarier gehen

Das an diesem Abend in Dortmund besprochene Buch, empfahl Caner Aver, „müsste eigentlich an jeden Parlamentarier gehen“. Die demokratischen Politiker hätten angesichts der Wahl von Donald Trump und des fortschreitenden Rechtsrucks in Europa gerade im nächsten Jahr vor und während der Bundestagswahl und Landtagswahlen eine große Verantwortung.

Höre man Opfer-Anwälten im NSU Fall zu, falle man vor Empörung vom Hocker, sagte Aver. Zwar sitze manchmal einer von denen, Mehmet Daimagüler beispielsweise, in einer Talkshow, müsse sich aber eher selbst verteidigen als über Elementares zu Worte zu kommen.

Ali Sirin: Das Desinteresse aneinander überwinden

Ali Sirin rät den Menschen selbst etwas für eine solidarische Gesellschaft zu unternehmen. Wer kenne schon seinen Nachbarn – diesen manchmal nicht einmal mit Namen -? Was passiert auf der Straße? Sirin sprach den Fall eines alten Herrn in Essen an. Der hatte einen Herzinfarkt erlitten und lag auf dem Boden der Automatenhalle einer Bankfiliale. Menschen waren achtlos über ihn hinweg gestiegen und hatten ihr Geld gezogen. Hätte jemand eine Ambulanz gerufen, der Mann wäre noch am Leben. Das Desinteresse der Menschen an- und untereinander sei wirklich bedenklich zu nennen.

Leseprobe: Fatih Cevikollus Text nimmt den skandal satirisch aufs Korn

Fragen aus dem Publikum erhellten zusätzlich noch manch Aspekt rund um den Umgang mit dem NSU-Komplex. Ali Sirin las aus dem Beitrag von Fatih Cevikollu zum an diesem Abend vorgestelltem Buch „Die NSU-Nummer …“. Worin der Cevikollu u.a. das Schreddern von NSU-Akten satirisch aufgearbeitet hat.

Wir brauchen einen Paradigmenwechsel

Fazit des Abends: Wir brauchten auch, meint Caner Aver, einen Paradigmenwechsel. Auch was die Handhabung von Einwanderung anbelange.

Cover des Buches; via PapyRossa Verlag

Cover des Buches; via PapyRossa Verlag

Wünschenswert sei zwar, dass der von unten nach oben angstossen würde. Es ginge jedoch schneller, wenn er von Oben nach Unten eingeleitet würde. Ali Sirin ergänzte, man müsse trotz Rückschlägen ständig an der Integration weiterarbeiten. Alle Möglichkeiten und Veranstaltungen müssten dafür genutzt werden. Auch in die Schulen müssse immer wieder gegangen werden. Nochmal wurde zum Schluss kräftig für den Erwerb des Buches geworben. Denn es gehöre nicht nur unbedingt in die Hände von Politikern, sondern auch in die Hand einer jeden Staatsbürgerin, eines jeden Staatsbürgers. Jedenfalls, in die Hände derer, denen an einer solidarischen und sich gedeihlich entwickelten Gesellschaft und den Schutz unserer Demokratie gelegen ist.

Das Buch ist im PappyRossa Verlag erschienen und kostet 16, 90 Euro.