Dortmund: Ausstellung zum Thema Gemeinwohl. BesucherInnen sind eingeladen sich in die Gestaltung des Kunstwerks „Gemeinwohl“ einzubringen

Wieder einmal hat sich die bekannte Dortmunder Künstlerin Bettina Brökelschen auf ein Experiment eingelassen, welches diesmal im Rahmen ihrer vom 16. bis 22. Juli 2019 dauernden Ausstellung „Gemeinwohl“ stattfinden wird. Zusammen mit den BesucherInnen ihrer Ausstellung will sie während dieser Zeit für den Bundesverband Gemeinwohldemokratie ein Symbol/Bild anfertigen, in welchem sich der Begriff „Gemeinwohl“ widerspiegelt.

Gemeinsam ein Kunstwerk zum Thema „Gemeinwohl“ erschaffen

Die BesucherInnen sind dabei herzlich eingeladen, sich in die Gestaltung dieses Werkes mit Anregungen einzubringen, um für den Begriff „Gemeinwohl“ein vielschichtiges und damit möglichst realistisches Symbol/Bild entstehen zu lassen._

Zur Vernissage der Kunstausstellung von Bettina Brökelschen im Torfhaus im Westfalenpark Dortmund am 16. Juli 2019 um 18 Uhr sind alle interessierten Menschen herzlich eingeladen. Die Gäste werden mit einführenden Worten von Günther Ziethoff begrüßt.

Am Sonntag, dem 21. Juli 2019, ab 15 Uhr sind dann alle Interessierten eingeladen an einer offenen Diskussionsrunde teilzunehmen, die sich mit den Begriffen „Gemeinwohl“ und „Gemeinwohldemokratie“ auseinandersetzt.

Ausstellungsdauer: 16. – 22. Juli .2019
Öffnungszeiten: Montag bis Sonntag von 11 bis 18 Uhr

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Max Czollek („Desintegriert Euch!“) zu Gast beim „Talk im DKH“ in Dortmund

Max Czollek (li) und AladinEl-Mafalaani (re). Fotos: C. Stille

Am vergangenen Freitag gab es in der Reihe „Talk im DKH“ ein Novum. Erstmals fand die Veranstaltung nämlich als Freiluftveranstaltung auf einem Platz hinter dem Dietrich-Keuning-Haus statt. Gast war Dr. Max Czollek. Gastgeber und Moderator Aladin El-Mafaalani, der diesmal ohne seine Ko-Moderatorin Özge Çakirbey auskommen musste – sie war erkrankt -, stellte Czollek als „den schlauesten Dreißigjährigen den ich kenne“ vor. Die weiteren von El-Mafalaani aufgeführten Kennmarken zum Gast aus Berlin: „Jüdisch, ostdeutsch, in der DDR geboren, Künstler, promovierter Politikwissenschaftler. Desintegration ist für Max Czollek der Versuch der radikalen Vielfalt, welche die deutsche Gesellschaft heute schon ausmacht, gerecht zu werden. Bünde untereinander werde man aber hier und da schon schließen müssen.

Aladin El-Mafalaani: Den Aufruf „Desintegriert Euch!“ meint Czollek durchaus ernst. Bei Lehrern an einem Dortmunder Gymnasium löste er Beunruhigung aus

Czollek, erinnerte sich der Moderator, habe den „wunderschönen Satz“ gesagt: Dass die größte Integrationsleistung, die Deutschland bisher jemals vollbracht hat, die Integration der Nationalsozialisten nach 1945 gewesen sei.

Czollek stünde dem gesamten Integrationsprozess – wie er heute begriffen werde – sehr skeptisch gegenüber, erklärte El-Mafalaani. Was ihm auch der Antrieb dafür war, dass er das Buch „Desintegriert Euch!“ geschrieben habe. Mafalaani, der Czollek schon länger kennt, versicherte, der Buchautor meine diesen Aufruf zu einem Großteil durchaus ernst.

Verständlicherweise, erstattete El-Mafalaani Bericht, habe dieser Titel beim Besuch an einem Dortmunder Gymnasium an diesem Freitag bei den Lehrkräften Beunruhigung ausgelöst. Setzten die doch alles daran, dass sich die jungen Leute integrierten.

Zwei Bücher – zwei konträre Ansichten

Mit Max Czollek wollte Moderator Aladin El-Mafalaani darüber sprechen, wie er seine Polemik „Desintegriert Euch!“ meint und inwieweit seine Thesen mit dem Integrationsparadox zusammenpassen. Von El-Mafalaani stammt nämlich das Buch „Das Integrationsparadox. Warum gelungene Integration zu mehr Konflikten führt“. Eine Ansicht des Autoren daraus: „Deutschland war noch nie fairer als jetzt.“ Beide Autoren werden nicht selten mit ihren beiden konträren Büchern zusammen zu Veranstaltungen eingeladen. Dr. Max Czollek (geb. 1987) ist Lyriker, Essayist und Bestseller-Autor aus Berlin

Max Czollek: Der Begriff „Migration“ lässt sich deutschen Talkshow ohne den Begriff „Integration“ gar nicht thematisieren

Integration, hob Max Czollek in seinem Impulsreferat an, sei ein zentraler Begriff, gekoppelt an das Thema Migration. Migration ließe sich ohne Integration in deutschen Talkshows eigentlich gar nicht thematisieren. Damit einher gehe die Zuschreibung einer bestimmten Rolle, die von der migrantischen Seite bestimmte (positive) Informationen (Antworten) erwarte in Sachen Demokratiefähigkeit, zum Thema Frauenverachtung, sowie zum Thema Terror und Islam.

Czollek sei zu diesem Nachdenken darüber eigentlich über ein sehr jüdisches Nachdenken über die Rollen und Funktionen, die die jüdische Position in Deutschland nach 1945 spielte, gekommen. Es gebe ein Modell des Soziologen Michal Bodemann namens „Gedächtnistheater“. Er beschreibe darin die (symbolischen) „Jüdinnen“ und „Juden“, welche eine ideologische Arbeit leisten – eine bestimmte Funktion dabei erfüllen –, dass sich eine Position nach 1945 wieder positiv entwerfen kann.

Die plötzliche Bezugnahme auf Schwarz-Rot-Gold als „positiver deutschen Nationalismus“

Diesbezüglich kam Czollek über einige Stationen der bundesdeutschen Geschichte im Jahre 2006 an. Wo es bei der Fußballweltmeisterschaft plötzlich eine exzessiven Bezugnahme auf Schwarz-Rot-Gold als „positiver deutschen Nationalismus“ bis weit hinein in einen linksliberalen Mainstream gegeben habe. Man habe 2006 behauptet bis dato sei das eigentlichen Begehren, das Stolz-sein auf Deutschland unterdrückt – gar verboten – gewesen. Dabei gab es solche Verbote überhaupt nicht. Czollek selbst habe das nie unterdrückt (es habe ihm auch nicht gefehlt) und sich gefragt: Woher kommt das eigentlich? Was macht das möglich?

Quasi spätestens ab den 1980er Jahren mit der „zunehmenden Fokussierung auf Erinnerung an den Holocaust“ – es sei ein „Erinnerungstheater“ inszeniert worden – bei dem die JüdInnen eine ganz bestimmte Rolle gehabt hätten: Die der Überlebenden, die über Antisemitismus, Schoa und Israel reden. Czollek kam wieder auf Bodemanns „Gedächtnistheater“ zu sprechen Auf dem Skript stünde: Die guten Deutschen oder die „Wiedergutwerdung“ der Deutschen. Man inszeniert sich sozusagen als „Erinnerungsweltmeister“, um so etwas wie einen positiven Bezug auf Deutschland wieder möglich zu machen.

Weshalb JüdInnen nie gefragt werden, ob sie gut integriert seien

Dabei bestehe die überwiegende Zahl der JüdInnen gar nicht mehr aus Überlebenden des Holocaust. Sondern zu 90 Prozent aus JüdInnen, welche aus der Sowjetunion einwanderten. Das entspreche gar nicht mehr der realen Vielfalt, welche JüdInnen eigentlich hätten. Damit überschneide sich jüdische Perspektive mit der Perspektive einer Postmigrationsgesellschaft. Da finde Czollek eine Situation vor in der nur bestimmte Menschen mit einem Migrationshintergrund über Integration sprechen. Er habe nie erlebt, das JüdInnen gefragt werden, ob sie gute integriert seien. Was damit zu tun habe, dass diesen hinzugekommenen JüdInnen die symbolische Rolle zugewiesen wurde, die alten jüdischen Gemeinschaften zu ersetzen.

Dr. Max Czollek: „Ich glaube, dass das Integrationsmodell als Paradigma an sein Ende gelangt. Die deutsche Gesellschaft ist heute schon eine radikal vielfältige Gesellschaft“

Der Integrationsbegriff suggeriere, dass es ein gesellschaftliches Zentrum gibt, in das etwas hineinbewegt werde und, dass es eine Hegemonie gibt, die entscheidet, wer gut oder wer nicht integriert sei. Und der Integrationsbegriff sei begleitet von einer Phantasie von Harmonie.

Integration tendiere im politischen deutschen Denken schon zu Assimilation, so Czollek und behauptete: Dieses Konzept entspricht nicht mehr der politischen, gesellschaftlichen Realität in Deutschland: „Ich glaube, dass das Integrationsmodell als Paradigma eigentlich an sein Ende gelangt. Die deutsche Gesellschaft ist heute schon eine radikal vielfältige Gesellschaft.“ Ein Viertel der Gesellschaft habe, dass, was im Beamtendeutsch als Migrationshintergrund nenne. Spräche man ihnen Integration ab, würde man sie unter einen systematischen Verdacht stellen. „Weil sie erst mal beweisen müssten, dass sie demokratisch sind.“

Die Zustimmung zum Grundgesetz setzt Czollek allerdings schon als selbstverständlich für alle hier lebenden BürgerInnen voraus.

Dr. Max Czollek zu diesem systematischen Verdacht: „Das kann sich eine Gesellschaft die auf eine Weise unter Druck steht von Rechts, wie noch nie seit 1945, nicht erlauben.“

Den deutschen Nazis sage man unverständlicherweise nie, sie gehörten nicht zu Deutschland.

Wie ist eigentlich unser eigenes Denken beschaffen, dass so etwas wie die AfD innerhalb von wenigen Jahren möglich wurde?

Czollek wirft die Frage auf, wie eigentlich unser eigenes Denken beschaffen sei, dass so etwas wie die AfD innerhalb von wenigen Jahren möglich geworden sei. Czollek sieht in der AfD „eine Wiedergängerin des völkischen Denkens“

Er vermute, dass etwas in unserem eigenen Denken so eingerichtet war, dass man affin zu diesen Konzepten geblieben ist – eine Tendenz hatte, die reaktivierbar gewesen sei.

Dass das deutsche Selbstbild, dass man die Vergangenheit hervorragend bewältigt habe und jetzt wieder stolz auf Deutschland sein könne, nicht angemessen sei, um zu verstehen, was jetzt gerade passiere. Die angenommene Läuterung Deutschlands betrachtet Czollek als Irrtum. „Man hat es sich zu leicht vorgestellt.“ Czollek zitierte den Journalisten Heribert Prantl: Deutschland sei wie ein trockener Alkoholiker. Czollek: „Seit der WM 2006 hängen wir wieder an einer Flasche Korn am Tag.“ Ein Herr aus dem Publikum fragte später: „Hat das nicht auch mit der Frage zu tun: Das wird man ja wohl noch sagen dürfen?“ Er beklagte im Allgemeinen „eine sprachliche Enthemmung.“

Die Gesellschaft muss eine andere werden, damit radikale Vielfalt möglich werde, findet Max Czollek

Desintegration bezeichne einen Versuch der radikalen Vielfalt, welche die deutsche Gesellschaft heute schon ausmacht, gerecht zu werden. Es versuche Gesellschaft nicht zu denken als ein Ort mit einem Zentrum, sondern als einen Ort mit vielen Zentren und ein Ort, der auf vielfältigen Ebenen Identifikation ermöglicht.

Desintegration probiere eine Gesellschaft zu denken, als einen Ort der radikalen Vielfalt. Radikale Vielfalt sei da ein „Kippbegriff“. Ein Begriff, der eine „konkret utopische Qualität“ habe, der einen Umbau der Gesellschaft und ihre Institutionen anpeilt. Heiße: Die Gesellschaft müsse eine andere werden, damit radikale Vielfalt möglich werde. „Das Versprechen der pluralen Demokratie muss vorangetrieben werden. Und zwar gerade jetzt. Das Viertel der Gesellschaft (Menschen mit Migrationshintergrund), dass über das Integrationsdenken systematisch ausgeschlossen wird, muss anders animiert und aktiviert werden. “ Andernfalls werde die Gesellschaft keine plurale Demokratie mehr sein.

Desintegriert euch!“ ist ein Schlachtruf der neuen jüdischen Szene und zugleich eine Attacke gegen die Vision einer alleinseligmachenden Leitkultur

Max Czollek ist dreißig, jüdisch und wütend. Und begegnet Vielem mit Ironie. Was auch an diesem Talk im DKH auffiel. Denn hierzulande herrschen seltsame Regeln, findet Czollek: Ein guter Migrant ist, wer aufgeklärt über Frauenunterdrückung, Islamismus und Demokratiefähigkeit spricht. Ein guter Jude, wer stets zu Antisemitismus, Holocaust und Israel Auskunft gibt. Dieses Integrationstheater stabilisiert das Bild einer geläuterten Gesellschaft – während eine völkische Partei Erfolge feiert. Max Czolleks Streitschrift entwirft eine Strategie, das Theater zu beenden: Desintegration. „Desintegriert euch!“ ist ein Schlachtruf der neuen jüdischen Szene und zugleich eine Attacke gegen die Vision einer alleinseligmachenden Leitkultur. Wobei ja allein schon der Begriff andeute, dass es daneben halt noch andere Kulturen gibt.

Czollek bringt eine jüdische Perspektive in den Integrationsdiskurs ein, den er auch als „Integrationstheater“ bezeichnet.

Dass Czollek einer „schlauesten Dreißigjährigen ist“ mochten die Zuschauer an diesem Freitag im Freien hinterm Dietrich-Keuning-Haus Aladin El-Mafalaani (der dies eingangs geäußert hatte) sicher im Großen und Ganzen abgekauft haben. Sie werden Dr. Max Czollek darüber hinaus aus eigenem Erleben gewiss ebenfalls als einen sehr klugen und in der Sache glasklar und deutlich argumentierenden Mann erlebt haben. Ein Gelehrter auch, der mit Ironie gehörig zu spielen weiß. Aber es steht zu vermuten, dass die Talk-Besucher am Ende des Abends mit vollgepackten, heißen Köpfen nach Haus gegangen sind. Das von Max Czollek Vorgetragene dürfte Wort für Wort gut verstanden worden sein. Der tiefere Sinn dürfen sich dem Publikum aber vielleicht erst erschließen, wenn es das Ganze ein wenig sacken lässt. Vielleicht kann man sich erst dann auch zur Akzeptanz dieser Polemik „Desintegriert Euch!“ erschließen. Weil man unter Umständen spüren könnte: anders geht es gar nicht.

Die nächsten Gäste beim „Talk im DKH“

Der nächste Gast beim „Talk im DKH“ ist Armin Nasehi. Er kommt am 30. August nach Dortmund. Ihm folgt im September während des Roma-Kultur-Festivals „Djelem Djelem“ Simonida Selimović, eine serbische Roma-Aktivistin. Für den November hat der deutsch-türkische Welt-Journalist Deniz Yücel zugesagt.

Link:

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezension-sachbuch-erinnern-heisst-vergessen-11321183.html

LickLike-Festival 2019 Dortmund gelang es Kultur, Bildende Kunst und Leben mit Liedern für Herz und Seele in Einklang zu bringen

Moderator und Organisator des LickLike-Festivals Ulf Schrader begrüßt die Gäste in der Pauluskirche. Foto: Hans Lantzsch

Am 7. Juli fand im Rahmen der Internationalen Woche Dortmund in und um die Pauluskirche ein Musikfestival mit Kultur- und Kunstmarkt stattfinden. Mit dem LickLike-Sommerfestival trat erstmals der kürzlich gegründete Verein KULTUR UND LEBEN e.V. öffentlich in Erscheinung.

Das LickLike-Festival fand bereits im vergangenen Jahr statt. LICKLIKE ist eine eigene Wortkreation die sich zusammensetzt aus dem
Wort Lick = ein sich wiederholendes Thema in der Musik und Like = Mögen.

Beim diesjährigen LickLick-Festival gelang es prächtig Kultur und Leben zusammenbringen

Das Festival präsentierte eine Mischung aus unterschiedlichen Kulturwelten. Es traten mehrere SängerInnen/Songwriter in Verbindung mit Bildender Kunst, Bildung, Nachhaltigkeit und Umweltschutz auf. Ganz Sinne des oben genannten Vereins war es prächtig gelungen, Kultur und Leben in interessante Zusammenhänge zu bringen. Das spiegelte auch ein Kulturmarkt wider. Tolle KünstlerInnen mit sehr unterschiedlichen. ausgefallenen Projekten hatten sich im Kirchhof eingefunden. Grafiken und Malerei waren ausgestellt und konnten käuflich erworben werden. Persönliche Begegnungen untereinander waren erwünscht und wurden auch genutzt, um in einen Dialog einzutreten.

Das Programm fand abwechselnd in der Pauluskirche und wenn dort umgebaut wurde übergangslos weiter im Kirchgarten statt.

Künstlerin Anna Hauke begegnete mit ihr Kunst Tabuisierungen

Anna Hauke hat sich interdisziplinärer Kunst – zwischen Performance, Aktionskunst und Zeichnungen – verschrieben. Die Künstlerin stellte sich auf dem Festival mit Plastiken in Form von Seifen vor. Eine pfiffige Idee: Sie sind als Abdrücke weiblicher Geschlechtsteile, Vulven, von verschiedenen Frauen entstanden. Anna Hauke hat sie silikoniert, eine Form gefertigt und daraus handgesiedete Seifen gemacht. Als Seife wären die Objekte benutzbar. Der Künstlerin ging es bei diesem Projekt darum Tabuisierung und Schamgefühlen etwas entgegenzusetzen. Der Hintergrund: Anna

Anna Hauke (links) bereitet die Kärtchen für die Vulva-Seifen vor. Foto: C. Stille

Hauke ist im streng katholischen Polen aufgewachsen, wo alles was mit Geschlecht und Körper in Zusammenhang steht tabuisiert ist. Hauke fand das eine tolle Möglichkeit sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen: „Noch dazu sieht es gut aus.“ Und sie duften wunderbar. Es gibt die Plastiken mit Kräuterduft und der Geruchsrichtungen Rose/Geranie, Lavendel, Jasmin und Patschuli.

Stephan Schwabs Fotografie und die Spaßagentur „Bureau Hütchen“ war im Kirchgarten stellte im Kirchgarten aus

Mit dabei am 7. Juli war auch Stephan Schwab (Fotografie – Stilleben) mit einer Serie von Kunstwerken, die er sowie zusammen mit dem Illustrator Boris Bromberg unter der Marke „Bureau Hütchen“ (Spaßagentur) unters Volk bringt.

Nic Koray sorgt trotz einer schweren Verletzung mit ihrer Band für musikalische Höhepunkte. Im Kirchgarten brachte ihr Stand Menschen Achtsamkeit mit der Natur nahe

NIc Koray mit ihrem Handicap Sie kann schon wieder lachen. Foto: Hans Lantzsch

Auch Nic Koray hatte den Veranstaltern des Festivals am Samstag einen gehörigen Schrecken eingejagt. Eine schwere Verletzung an der linken Hand drohte zu einer Absage ihres Auftritts zu führen. Glück im Unglück: Nach dem Ende des Heilprozesses wird die Hand wohl wieder voll funktionstüchtig sein. Schließlich einigte man sich, nachdem klar war, dass sie körperlich auf dem Damm war, darauf, dass sie nicht mit ihrem Duo sondern nur zusammen mit ihrer Band, jedoch ohne ihre Gitarre, die sie ja unfallbedingt nicht spielen konnte, auftritt. Das machte einige kurzfristige Änderungen von Arrangements unter den Musikern nötig. Und auch Nic Koray musste sich gehörig umstellen. Aber es wurde letztlich ein großartiger und erfolgreicher Auftritt. Während des Spielens verständigten sich Musiker professionell und überwanden etwaige Irritationen sozusagen spielend. Und wer die gespielten Stücke nicht kannte, dürfte da nichts aufgefallen sein. Nic Korays einzigartige Stimme tönte wieder sensationell. Der Applaus fiel dementsprechend enthusiastisch aus.

Die Deutsch-Türkin Nic Koray kommt aus Herdecke vom Hof HerzBerg Herdecke, wo sie Tiergestützte Intervention und Umweltpädagogik anbietet.

Musikalische Eröffnung seitens der sympathischen und begabten LILOU (Indie – Pop -Folk)

Die Werke von Viola Welker. Foto: C. Stille

Aus den aufgeführten Gründen konnte Nic Koray verständlicherweise auch nicht die musikalische Eröffnung des LickLike-Festivals bestreiten.

Dies fiel nun LILOU zu, die der Kollegin gute Besserung wünschte und diesen Part glänzend zu erfüllen imstande war. LILOU erzählte berührende Geschichten zur Gitarre mit

Lilou. Foto: Hans Lantzsch

stimmungsvoll tönenden Melodien. Ihr melancholischer Gesang kam angenehm klar, herüber
während ihre Musik insgesamt befreiend wirkte. Schlechte Erinnerungen an Stuttgart – wo sie mal in einer Bande spielte – sang sie sich in einem ihrer begeisternden Songs quasi von der Seele.

Grafiken, Malereien, Illustrationen und Skulpturen von Viola Welker, Yeye Weller, Murat Kayi, Holga Rosen und Musik im Kirchgarten von

Gwendolyn & Ich. Foto: C. Stille

Gwendolyn&Ich

Die Dortmunder bildende Künstlerin Viola Welker zeigte auf dem Festival am vergangenen Sonntag Malereien, Illustrationen und Skulpturen.

Des Weiteren waren mit ihren Künsten vertreten: Yeye Weller, Illustrator neu gestalteter Produkte, Plakate und Kampagnen; Murat Kayi mit seiner ersten Ausstellung, Malerei, Zeichnung und Holga Rosen mit seinen satirischen Cartoons. Für Musik im Kirchgarten sorgte mit Gwendolyn&Ich (Offene Bühne)

Unvergessliche Höhepunkte mit Urbain N’Dakon

Ein weitere unvergesslicher Höhepunkt des Tages war zweifellos Urbain N’ Dakon. Der aus der Elfenbeinküste, vom afrikanischen Kontinent, der bekanntlich die Wiege der   Menschheit ist, stammt.

Urbain N‘ Dakon mit seinem Musikerkollegen Ablam Benjamin Akoutou aus Togo. Foto: Hans Lantzsch

Urbain N’ Dakon bestach mit seinem einfühlsamen Gesang, dabei perfekt mit unterschiedlichen Tonhöhe arbeitend, mit den Klängen seiner Akustikgitarre und seinen zwischendurch erzählten Geschichten über Afrika und sein Heimatland – die Elfenbeinküste.

Fesselnd und aus dem Leben gegriffen, die Geschichte von Ekèndèba, der Spinne mit dem dicken Bauch und der komischen Stimme, die von allem nicht genug bekommen kann. Ein Wesen, das kein Mitleid kennt und nur auf den eigenen Vorteil bedacht ist. Eine bekannte Geschichte in Westafrika, wie Urbain N’Dakon erklärte. Sie wollte etwa die Weisheit der Welt sammeln. Und sie auf einen hohen Baum in einem Tonkrug nur für sich aufbewahren. Ekèndèba band sich den Tonkrug vor den Bauch und versuchte den Baum hinaufzusteigen. Doch der Krug war dick und Ekèndèbas Bauch ebenfalls. Es gelang nicht. Eine vorbeikommende Schildkröte schlägt ihm vor, den Krug doch auf den Rücken zu binden. Ekèndèba setzt den Vorschlag um und klettert den Baum hoch. Doch der Krug zieht ihn so sehr nach hinten, dass er abstürzt. Der Krug zerbricht. Die Weisheiten fallen heraus und fliegen in alle Himmelsrichtungen. Auch nach Deutschland, auch nach Dortmund, scherzte Urbain N’Dakon. Die Weisheit der Menschen in Dortmund, so der Sänger, habe er sofort gespürt. Und er gab den ZuhörerInnen einen Tipp: „Wählen Sie nie einen Ekèndèba zum Bürgermeister …“ Charaktere wie Ekèndèba, erinnerte der Künstler mit der sympathischen Austrahlung, scheiterten irgendwann immer. Doch tauchten sie stets auch wieder auf in unseren Gesellschaften.

Urbain N’Dakon, Jahrgang 64, hat in der Elfenbeinküste Germanistik studiert und war dort einige Jahre als Gymnasiallehrer für Deutsch und als Berufsberater tätig. Der Sohn einer Hobbysängerin und eines Sportlehrers hatte die Musik immer als Hobby gepflegt, ehe er 1993 nach Deutschland kam. Im Hauptberuf arbeitet Dr. Urbain N’Dakon, dieser außergewöhnliche, kluge Zeitgenosse, als Referent für Qualitätsentwicklung in der Jugendhilfe beim Caritasverband Fulda. Ein Glücksgriff, dass Urbain `N Dakon, den aus Togo stammendem Musiker Ablam Benjamin Akoutou, getroffen hat, welcher ihn einfühlsam auf unterschiedlichen Trommeln begleitete. Beide Musiker gaben noch einige Zugaben im Kirchgarten.

Eine Runde Sache, dieses LickLike-Festival 2019. Hut ab vor dem rührigen Organisator Ulf Schrader und allen anderen MitstreiterInnen im Hintergrund. Und Nic Koray sei von dieser Stelle aus zugerufen: Gute Besserung!

Kirchenfenster der Pauluskirche. Foto: C. Stille

Im Kirchgarten. Foto: C. Stille

Stephan Schwabe und seine Kunst. Foto: C. Stille

Der Stand von HerzBerg Herdecke. Foto: C. Stille

Dortmund: „LickLike-Festival“ am kommenden Sonntag gleich nach dem 1. Klimadialog am Samstag in der Pauluskirche

KünstlerInnen und VeranstalterInnen des LickLike-Festivals: Johannes, Stephan Schwab, Viola Welker, Anna Hauke und Nic Koray (oben v.l.) und unten: Hans Lantzsch,Friedrich Laker und Sabine Laker. Foto: C. Stille

Im Rahmen der Internationalen Woche in Dortmund (29. Juni bis 07. Juli 2019) wird am 7. Juli in und um die Pauluskirche ein Musikfestival mit Kultur- und Kunstmarkt stattfinden. Pfarrer Friedrich Laker wies während eines Pressegespräch daraufhin, dass mit dem LICKLIKE-Sommerfestival erstmals der kürzlich gegründete Verein KULTUR UND LEBEN e.V. öffentlich in Erscheinung tritt.

Das „LickLike-Festival“ hat bereits im vergangenen Jahr stattgefunden, wie Organisator Ulf Schrader erwähnte. LICKLIKE ist eine eigene Wortkreation die sich zusammensetzt aus dem
Wort Lick = ein sich wiederholendes Thema in der Musik und Like = Mögen.

Das Festival möchte Kultur und Leben zusammenbringen. Hochkarätige Musiker und Künstler sind avisiert

Das Festival präsentiert eine Mischung aus Welten, Singer und Songwriter in Verbindung mit Bildender Kunst, Bildung, Nachhaltigkeit, Umweltschutz und Antifaschismus. Im Sinne des eben gegründeten Vereins solle Kultur und Leben zusammengebracht werden. Was sich auch einem Kulturmarkt widerspiegeln wird. Neben kreativen Angeboten ist im Kirchgarten der Pauluskirche auch für Speis‘ und Trank‘ gesorgt. Tolle KünstlerInnen mit sehr unterschiedlichen ausgefallenen Projekten hätten sich angemeldet, fand Ulf Schrader. Zu sehen werden seien Grafiken, Malerei und Aktionskunst wird zu erleben sein. Durchaus auch provokativer Art. Sabine und Friedrich Laker sind als Leiter der Kulturkirche engagiert. Leute, die sich auf dem Markt vorstellen tun das auf eigene Kosten. Auch die Künstler. Die Stadt hat dem Festival

Die Kirchturmspitze der Pauluskirche vom Kirchgarten aus gesehen.

dieses Jahr gerade einmal 4000 Euro zugeschossen. Der Integrationsrat der Stadt Dortmund unterstützt das Festival. Man mache also, sagte Ulf Schrader, Benefiz. Spenden an den Verein KULTUR UND LEBEN sind deshalb erwünscht. In erster Linie gehe es bei diesem Festival freilich um Begegnung und Dialog. Und dabei vorrangig um gesellschaftliche Fragen. KULTUR UND LEBEN als unabhängiger neutraler Verein – auch von der Kirche unabhängig – könne nicht nur beim „LickLike-Festival“ unterstützend tätig werden, da er in der Lage sein wird Förderanträge zu stellen.

Ulf Schrader freue sich auf „hochkarätige Musiker und Künstler“.

Vorgesehen ist, dass das Programm abwechselnd in der Pauluskirche und im Kirchgarten stattfindet.

Anna Hauke will mit ihrer Kunst gegen Tabuisierungen und Schamgefühl angehen

Beim Pressegespräch anwesend war die Künstlerin Anna Hauke, die sich interdisziplinärer Kunst – zwischen Performance, Aktionskunst und Zeichnungen – verschrieben hat. Die Künstlerin hat beispielsweise Plastiken gemacht – eigentlich Seifen, die jedoch aufgrund der Kosmetikverordnung nicht als Seifen gelten dürfen. Sie sind als Abdrücke weiblicher Geschlechtsteile, Vulven, von verschiedenen Frauen entstanden. Anna Hauke hat sie silikoniert, eine Form gefertigt und daraus handgesiedete Seifen gemacht. Die Objekte werden auf dem „LickLike-Festival“ zu erwerben sein. Als Seife wären sie benutzbar. Der Künstlerin ging es bei diesem Projekt darum etwas Tabuisierung und Schamgefühlen etwas entgegenzusetzen. Der

Hintergrund: Anna Hauke ist im streng katholischen Polen aufgewachsen, wo alles was mit Geschlecht und Körper zu tun hat sozusagen ein No-Go ist. Hauke fand das eine tolle Möglichkeit sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen: „Noch dazu sieht es gut aus.“ Und sie duften wunderbar. Es gibt die Plastiken mit Kräuterduft und der Geruchsrichtung Lavendel, Jasmin und Patschuli.

Stephan Schwabs Fotografie und die Spaßagentur „Bureau Hütchen“

Mit dabei am 7. Juli wird auch Stephan Schwab (Fotografie) mit einer Serie von Blumenbuketts sowie zusammen mit einem Kumpel Boris Bromberg, der Illustrator ist, als „Bureau Hütchen“ (Spaßagentur) vertreten sein.

Rentner um Unruhestand Hans Lantzsch wird die Höhepunkte des Festivals im Bild festhalten

Der Rentner im Unruhestand, Hans Lantzsch, früher Prokurist, kam schon während seiner Berufstätigkeit über Prof. Mandel zur Fotografie, die für ihn mehr als ein Hobby geworden ist. Auch Lantsch wird auf dem Festival vertreten sein und es dessen Höhepunkte im Bild festhalten.

Nic Coray sorgt im Duo und mit Band für musikalische Höhepunkte und bringt Menschen im Kirchgarten Achtsamkeit mit der Natur nahe

Auch Nic Coray stellte sich während des Pressegesprächs vor. Sie kommt aus Herdecke vom Hof HerzbergHerdecke, wo sie Tiergestützte Intervention und Umweltpädagogik anbietet. Auf dem „LickLike-Festival wird sie als Nic Coray (Duo) das Festival musikalisch eröffnen. Am Ende der Veranstaltung wird sie zusammen mit der fünfköpfigen NIC KORAY Band das reichhaltige Programm an diesem Sonntag musikalisch ausklingen lassen. Zwischendurch ist Nic Coray im Kirchgarten mit ihrem Stand vertreten. Dort wird sie den Menschen Umweltpädagogik, Achtsamkeit mit der Natur nahebringen und darlegen, was es heißt Nutztiere auf Augenhöhe zu begegnen.

Grafiken, Malereien, Illustrationen und Skulpturen stellt Künstlerin Viola Welker aus

Die Dortmunder bildende Künstlerin Viola Welker, die nebenbei anmerkte – als Anspielung auf Anna Haukes Seifen-Vulven – auch Bilder mit Phallussymbolen (als Fruchtbarkeitsbäume) vorweisen zu können, wird wahrscheinlich mit Grafiken, Malereien, Illustrationen und Skulpturen auf dem Festival am kommenden Sonntag vertreten sein.

Verein KULTUR UND LEBEN möchte die bereits bestehende Vernetzung zwischen Künstlern und Kooperationspartner in Dortmund in breiter Form fortsetzen

Friedrich Laker hob hervor, dass der nichtkirchliche Verein weit in die Zukunft ausgerichtete KULTUR UND LEBEN die schon bestehende gute Vernetzung zwischen Künstlern ganz unterschiedlicher Sparten sowie Kooperationspartnern in der Stadt fördern und damit in „einer breiten Form“ fortsetzen wolle. Dazu gehöre auch Ausstellungen in der Kirche zu präsentieren. Natürlich werde man auch den Erhalt der Pauluskirche als Gebäude (nur ein Förderungsziel des Vereins) im Auge haben. Um dieses als „wichtigen kulturellen und gesellschaftlichen Ort über religiöse Zwecke hinaus“ zu erhalten. Was nicht zuletzt eine Überlebensfrage als Gemeinde sei. Der Verein wolle sich aber auf ganz Dortmund beziehen. Insofern könnten sich

In der Dortmunder Pauluskirche. Foto: C. Stille

KünstlerInnen, die Unterstützung benötigen, an den Verein wenden.

Einen Tag vor dem LickLike-Sommerfestival dazu gut passend: der „1. Klimadialog“ in Dortmund

Dass nun zufällig der „1. Klimadialog“ unter dem Motto „Zukunft ist für alle!“ am 6. Juli – einen Tag vor dem „LickLike-Festival“ – stattfinde, passe sehr gut zu dessen Sinn und Zweck, meinte Pfarrer Friedrich Laker.

Das „LickLike-Festival“ beschließt erstes Halbjahr. Mit dem Musikfestival HALLELUYEH 2019 geht es dann ins zweite Halbjahr 2019

Beim LickLike-Sommerfestival solle auch kräftig gefeiert werden, so wünscht es sich Ulf Schrader. Gleichzeitig wird dieser Termin das Ende des ersten Halbjahres in Sachen Pauluskirche und Kultur quasi einläuten.

Nach den Sommerferien dann geht es in der Pauluskirche wiederum mit einem Musikfestival namens HALLELUYEH 2019 im Rahmen des Hafenspaziergang mit acht Bands hinein ins zweite Halbjahr.

LICKLIKE – Sommerfestival im Rahmen der Internationalen Woche

Singer/Songwriter International

12.00 Uhr: Eröffnung im Kirchgarten
Der kleine Kulturmarkt bietet, neben Speis‘ und Trank‘, interessante
kreative Angebote.
Wechselndes Programm (Pauluskirche/Kirchgarten)

13.00 Uhr: Musikalische Eröffnung mit NIC KORAY (Duo). Die Singer/
Songwriterin ist unterwegs mit Ihrer Gitarre und einem Koffer voller
Songs.

13.30 Uhr: LILOU Indie-Pop. LILOU erzählt berührende Geschichten mit
stimmungsvollen Melodien. Ihr melancholischer Gesang ist angenehm klar,
während ihre Musik insgesamt befreiend wirkt.

14.30 Uhr: URBAIN N’DAKON ist Liedermacher aus Afrika. Gesang,
Klänge der Akustikgitarre und Geschichten von der Elfenbeinküste
laden zum Erholen und Nachdenken ein.

16.00 Uhr: Die NIC KORAY Band erfüllt die Pauluskirche mit kontrastreichen
Stimmungsbildern. Die musikalische Leichtigkeit der 5 Musiker
verbindet sich zuweilen zu orchestral anmutenden Klangerlebnissen.
Das Programm im Kirchgarten wird ebenfalls musikalisch untermalt.

Mit LICKLIKE 2019 präsentiert sich erstmals auch der neu an der Pauluskirche gegründete Förder- und Kulturverein KULTUR UND LEBEN e.V.

Der Eintritt ist frei. Spenden für KULTUR UND LEBEN e.V. sind sehr erwünscht.

Alle Infos auch auf: LickLike 

Facebook & Instagram: „LickLikeLive“

LICKLIKE ist eine eigene Wortkreation die sich zusammensetzt aus dem Wort Lick = ein sich wiederholendes Thema in der Musik und Like = Mögen.

Veranstalter

Pauluskirche und Kultur  in Kooperation mit Kultur & Leben e.V.
Unterstützung von: Integrationsrat der Stadt Dortmund

 

Sonntag, 7.7.2019

PAULUSKIRCHE | Schützenstr. 35

Einlass: 12:00 Uhr | Beginn Programm: 13:00 Uhr

Eintritt: FREI

 

 

10. Afrika Ruhr Festival in Dortmund bot viele Höhepunkte und war Begegnungsplattform für viele unterschiedliche Menschen

Kolumbianerinnen vor der Friedenssäule in Dortmund auf dem Friedensplatz. Fotos: C. Stille

Zwanzig Jahre gibt es den Verein Africa Positive e.V. Dortmund. Die umtriebige Vereinsvorsitzende Veye Tatah hat dieses Jahr einmal mehr mit vielen ehrenamtlichen HelferInnen das nun bereits 10. Afro Ruhr Festival organisiert. Es ist das im Ruhrgebiet wohl größte interkulturelle Festival. Vom 28. bis 30 Juni standen im Dietrich-Keuning-Haus (DKH) Tanz, viel Life-Musik – bestritten u.a. von Instrumentalisten und Sängern aus Kolumbien und Jamaika, die verschiedene traditionelle Musikstile präsentierten – auf dem Programm. Des Weiteren zogen ein Jugendprogramm, Vorträge mit einer Podiumsdiskussion, Fachforen und ein Afrika-Markt die BesucherInnen an. Menschen unterschiedlichster Herkunft – bei weitem nicht nur mit afrikanischen Wurzeln, sondern auch aus Kolumbien, Chile, Vietnam und vielen anderen Gegenden unserer Welt viele davon zuhause in der Nordstadt – begegneten sich in vielfältiger Form, tauschten sich aus und hatten Spaß zusammen. Bei brütender Hitze boten draußen vor dem Dietrich-Keuning-Haus mehrere Stände kulinarische Speisen und Getränke an. Das Fazit von DKH-Chef Levent Arslan: „Es war

Kinder von einem tamilischen Verein. Hinten Mitte: DKH-Leiter Levent Arslan.

in der Tat in diesem Jahr eine ganz besondere Stimmung. Mittlerweile hat sich das Festival zu einem Ereignis über unsere Stadt- und Ruhrgebietsgrenzen hinaus entwickelt. Das freut uns natürlich sehr.“ Arslan sprach davon, dass zirka mehr als 4000 Gäste das Afro Ruhr Festival 2019 besucht hätten.

Parade der Vielfalt“ vom Friedensplatz mit Höhepunkten unterwegs in die Gefilde der Nordstadt

Die „Parade der Vielfalt“ bringt Lebensfreude in die Dortunder City.

Zu einem Höhepunkt auch des diesjährigen Festivals gestaltete sich die „Parade der Vielfalt“. Sie eröffnete das dreitägige Festival am vergangenen Freitag. DortmunderInnen mit oder ohne Migrationshintergrund, sowie Gäste der Stadt, fanden sich als bunte Truppe, darunter auch Kinder, bekleidet mit phantasievollen und traditionellen Kostümen und Gewändern am Freitagnachmittag auf dem Friedensplatz vor dem Rathaus ein und präsentierten sich zu Trommelklängen auf dessen Treppe mit Blick auf die Friedenssäule. Bürgermeisterin Birgit Jörder war zum Empfang der Parade erschienen. Dann starteten die Menschen zur „Parade der Vielfalt“, angeführt von der Formation Schwarz-Rot Atemgold 09 sowie anderen Musikern, ihren Marsch durch die Stadt. Es ging hinunter in die Stadt über den Westenhellweg zur Kampstraße. Unmittelbar an der Fußgängerzone wurde ein Kreis gebildet. Bei Blasmusik und zu leidenschaftlichen Trommelklängen und zu heißen Rhythmen tanzten kolumbianische Frauen leidenschaftlich und verkörperten, natürliche ungebremste Lebensfreude. Tamilische Kinder in ihren schönen Trachten und dem Schmuck im Gesicht eroberten die Herzen Menschen.

Ein Feuerspucker in der Dortmunder Innenstadt.

Ein Feuerspucker war das absolute absolute Highlight bei diesem Stopp der Parade. Dann ging es weiter über die Kampstraße und die Katharinentreppe hinab. Auf dem Platz davor gab es abermals ein Halt mit Tanz- und Musikdarbietungen, welche die Passanten neugierig machten. Dann zog die „Parade der Vielfalt“ unter wolkenlosem Himmel und bei brütender Hitze – die Menschen im Pulk schon von weitem als knallbunte Tupfer sichtbar – in die Gefilde der Nordstadt ein, um schließlich den Festivalort, das DKH, zu erreichen.

Das dreitägige Programm eröffnete nach Begrüßungsworten von Veye Tatah und Levent Arslan eine Kindergruppe eines tamilischen Vereins

Dort eröffneten Veye Tatah und Levent Arslan – sie hatten ebenfalls an der Parade teilgenommen – gemeinsam feierlich das 10. Afrika Ruhr Festival, das eine einzigartige Begegnungsplattform für möglichst viele unterschiedliche Menschen, sein will. Eine Kindergruppe eines tamilischen Vereins eröffnete das Programm. Musik und Tanzgruppen aus Europa, Afrika, Lateinamerika sowie Asien

Levent Arslan und Veye Tatah eröffnen im Dietrich-Keuning-Haus das Afro Ruhr Festival 2019.

trafen aufeinander und feierten drei Tage gemeinsam. Ein Glanzlicht des ersten Festivaltages dürfte Aicha Kouyate aus Oberguinea gewesen sein, die vor allem in Westafrika eine bekannte Griot-Sängerin ist.

Life-Musik unterschiedlicher Stile, Tänze mit Trommelbegleitung, ein Kinder- und Jugendprogramm – pickepacke voll das Programm am Samstag

Pickepackevoll auch das Programm des zweiten Tages des Afro Ruhr Festivals, der Samstag. Trotz kleiner Verzögerungen im Programmablauf war in der Agora des DKH fast ständig etwas los. Trommelaktionen und Tanz, ein Kinderprogramm und Programm von Jugendlichen mit Poetry Slam, Chorgesang und Tanz auf der offenen Bühne u.a. mit Voice of Tomorrow, Sing 4 you und der Gruppe Dance 4 you – als Aktion der Koordinierungsstelle des Jugendamtes Dortmund, Bereich Kinder- und Jugendförderung aus dem afrikanischen Kulturbereich.

Roughhouse.

Begeistert waren das Publikum vom traditionellen Tanz der Gruppe Mecuda NRW und nicht weniger von Auftritt von Roughhouse, der mit seiner Band und einer

Die Gruppe Mecuda NRW.

harmonisch-fließenden musikalischen Mischung aus Roots-Reggae und Dancehall zu gefallen wusste. Der für den Abend angekündigte Act es Kameruners „Mr. Leo“ musste entfallen: Der Künstler hatte kein Visum für Deutschland bekommen.

Weiter zu erleben waren Tänze aus dem Senegal mit Trommelbegleitung mit Dame Diop und Joe Camara & friends.

Alexandra Wiemer von Radio 91,2 interviewte Veye Tatah zum Thema „10 Jahre Afro Ruhr Festival – Rückblick und Ausblick“. Die Zuschauer erfuhren viel über

Als Miss und Mister Afro Ruhr 2019 gekürt: Geraldine und Khaled.

die nicht immer einfachen Anfänge des Festivals. Alexandra Wiemer überreichte Veye Tatah sozusagen als süßen Dank für das jahrelange Engagement nicht nur für das Afro Ruhr Festival eine Schale selbst gepflückter Kirschen.

Geraldine und Khaled wurden zu Miss und Mister Afro Ruhr 2019 gekürt

Nicht einfach gestaltete sich zunächst die Wahl Miss und Mister Afro Ruhr 2019 – zu viele aussichtsreiche KandidatInnen machten sie zu einer Qual der Wahl. Dann

Gruß- und Dankesworte vom Dortmunder Stadtdirektor und Kulturdezernenten Jörg Stüdemann.

aber eroberten Geraldine und Khaled die Herzen des Publikums. Ihr Preis: jeweils ein 100-Euro-Gutschein für jeweils zwei unterschiedliche Afro-Shops.

Gruß- und Dankesworte von Kulturdezernent Jörg Stüdemann

Stadtdirektor und Kulturdezernent Jörg Stüdemann überbrachte Grüße der Stadt Dortmund und beglückwünschte alle am Gelingen des nunmehr schon 10. Afro Ruhr Festivals zu ihrer wertvollen Arbeit und sprach ihnen seinen Dank aus.

Catalina Valencia und Baterimba Band vermittelten lateinamerikanisches Feeling

Auf eine rhythmische Reise zwischen Jazz, Funk, und lateinamerikanische Musik nahmen Catalina Valencia und Baterimba Band aus ihrem Projekt „Marices“ das Publikum mit. Ihre Songs erzählten vom Alltäglichen, der Liebe, bunten Charakteren und der Sehnsucht. Sie

Catalina Valencia and Baterimba Band.

vermittelten lateinamerikanischen Feeling. Große Emotionen! Kolumbischstämmige Frauen und auch ein paar Mutige aus dem Publikum tanzten, dass der Schweiß in Strömen floss.

Hochinteressant am Samstagnachmittag die Vorträge und eine Podiumsdiskussion unter dem Titel „Bald 60 Jahre Unabhängigkeit und immer noch in den Fängen des Kolonialismus?“. Unter anderen getragen Attac. Die brillant und kenntnisreich argumentierenden Experten die referierten, waren Dr. Boniface Mabanza Bambu (Kirchliche Arbeitsstelle Südliches Afrika KASA), der Wirtschaftswissenschaftler Martial Ze Belinga und Dr. Dereje Alemayehu (Executive Coordinator der Global Alliance for Tax Justice). Eine Erkenntnis daraus: Nach der Entlassung blieben bis heute viele afrikanische Staaten in Abhängigkeit der einstigen Kolonialherren. Ein negative Rolle dabei spielt der CFA-Franc, erfuhren die interessierten ZuhörerInnen im voll besetzen Raum 204 des DKH. 14 ehemalige französische Kolonien benutzen seit 1945 eine Währung, die in der Kolonialzeit von französischen Kolonialherren eingeführt wurde. Kritiker sprechen von einen System „freiwilliger Knechtschaft“ und verurteilen den CFA-Franc als „imperiales Machtinstrument“. Wirtschaftswissenschaftler Martial Ze Belinga erklärte wie der CFA-Franc afrikanische Länder, einstige Kolonien, in Abhängigkeit gefangen hält.

Moderator, Dr. Bonface Mabanza Bambu, Martial Ze Belinga und Dr. Dereje Alemayyehu (v.l.)

Auch mit einem immer wiederkehrenden Argument, wonach die afrikanischen Länder allein an ihrer Korruption krankten, wurde aufgeräumt. Freilich sei die nicht kleinzureden. Aber seien auch Ressourcenabflüsse aus Afrika durch die Ausbeutung seitens der westlichen Wirtschaft mit zu bedenken, die den afrikanischen Ländern für deren Entwicklung fehlen. Ein UN-Panel, so referierte Dr. Dereje Alemayehu habe 2013 herausgefunden, dass zu sechzig Prozent Ressourcenabflüsse aus Afrika Handels- und Wirtschaftsaktivitäten von meistens westlichen Unternehmen stammten. Vierzig Prozent aus Korruption und aus Kriminalität. Der OECD-Generalsekretär habe in einem Bericht einmal gesagt, für jeden Dollar der an Entwicklungshilfe in die Entwicklungsländer kommt, gingen drei Dollar als illegale Ressourcenabflüsse.

Es entwickelte sich eine lebhafte Diskussion.

Erzähl mal, wie du es geschafft hast! – zu Gast die künftige Intendantin des Schauspiels Dortmund

In der Afrika Positive-Reihe „Erzähl mal, wie du es geschafft hast! – Jugendliche sprechen mit einem Vorbild“ war Julia Wissert zu Gast, die ab der Spielzeit 2020/2021 Intendantin des Schauspiels Dortmund sein wird.

Familiensonntag zum Abschluss des Afrika Ruhr Festivals

Afrika Markt.

Der letzte Tag des Festivals ist traditionell ein Familiensonntag. Dargeboten wurde ein buntes Programm für alle Generationen. Sowohl im Außenbereich als auch im Haus fanden Aktionen und Workshops für Kinder- und Jugendliche statt. Das Bühnenprogramm war ebenfalls auf die ganze Familie und ausgerichtet und wurde mit Freude aufgenommen.

Weitere Impressionen im Bild

Dortmund: 10. Afro Ruhr Festival vom 28. bis 30. Juni 2019 feiert die Vielfalt der Kulturen – Viele Höhepunkte bei freiem Eintritt!

Patience Atanga Ngwecalar (Jugendamt), Sigrid Yanara P. Castillo (Mangrovo Culture), Veye Tatah (Africa Positive e.V.), Levent Arslan (Direktor DKH), Maria Schanda und Caroline Duenas (Tanzgruppe Etnia y Folclor) vorm Dietrich-Keuning-Haus  (v.li.) Foto: C. Stille

Im vergangenen Jahr konnte der Verein Africa Positive e.V. sein zwanzigjähriges Bestehen feiern. Gegenwärtig laufen die letzten Vorbereitungen für das vom Verein inspirierte Afro Ruhr Festival auf Hochtouren. Das im Ruhrgebiet wohl größte interkulturelle Festival findet nunmehr bereits zum zehnten Mal in Dortmund statt. Und zwar vom 28. bis 30 Juni im Dietrich-Keuning-Haus (Leopoldstr. 50 bis 58, U-Bahnstation Leopoldstraße). Während eines Pressegesprächs diese Woche im Dietrich-Keuning-Haus (DKH) erinnerte dessen Direktor Levent Arslan an die ersten Festivalauflagen im Dortmunder Fredenbaumpark. Damals wäre immer wenigstens ein Festivaltag ins Wasser gefallen. Weshalb das Afro Ruhr Festival nun seit fünf Jahren im DKH zusammen mit dem Kulturbüro der Stadt Dortmund veranstaltet werde. Neben anderen ähnlichen Veranstaltungen dieser Art im Haus, so Arslan, sei das dreitägige Afro Ruhr Festival das längste und vom Programm her umfangreichste. Denn es umfasse ein „riesiges Konzertprogramm“, spreche alle Generationen an und habe zum Abschluss einen Familiensonntag im Programm. Ein Highlight des diesjährigen Festivals dürfte die „Parade der Vielfalt“ sein.

DKH-Direktor Levent Arslan: „Afrika ist eigentlich überall auf der Welt“

Das Festival nehme nicht nur allgemein Afrika als Kontinent in den Fokus, darauf wies Levent Arslan hin. Oft werde ja nur verallgemeinernd über Afrika gesprochen und darüber hinweggegangen, dass auf diesem Kontinent recht vielfältige 54 Staaten existieren. Dieser Tatsache werde das Festival auch auf die eine oder andere Weise Rechnung tragen, so Arslan. Nicht zuletzt lebten ja Menschen aus diesen Ländern bzw. mit Wurzeln dort auch in der Dortmunder Nordstadt und seien zum Teil auch öfters im DKH anzutreffen. Was den Direktor sehr freut ist, dass nicht nur Menschen aus den afrikanischen Ländern zum Festival eingeladen sind. Sondern auch aus Ländern und von anderen Kontinenten, welche afrikanische Wurzeln haben, die „sozusagen in der Diaspora“ leben. So werde beispielsweise u.a. auch kolumbianische Musik während des Afro Ruhr Festivals zu erleben sein.

Levent Arslan: „Afrika ist ja eigentlich überall auf der Welt. Man sage ja auch, der Ursprung der Menschheit läge in Afrika …“

Dieses Jahr passe es zeitlich sehr gut, dass das Festival eingebettet in die Internationalen Woche 2019 ( 29. Juni in der Nordstadt) ist. Man erhoffe sich dadurch noch mehr Gäste anzulocken und damit eben auch neues Publikum auch für die nächsten Jahre zu gewinnen. Im vergangenen Jahr lockte das Afro Ruhr Festival rund 4500 Besucherinnen und Besucher an.

Das Programm wird im und vor dem Haus stattfinden. Wichtig zu erwähnen sei: „Der Eintritt ist komplett frei.“ Das betreffe auch die Abendkonzerte „mit richtig guten Leuten“.

Ziel des Afro Ruhr Festivals: Begegnungsplattform für möglichst viele unterschiedliche Menschen sein

Festival-Organisatorin Veye Tatah erwähnte, dass ein solches Festival nicht ohne viele zuverlässige Partner zu stemmen sei. Ziel des Afro Ruhr Festivals sei es, eine Begegnungsplattform für möglichst viele unterschiedliche Menschen – nicht nur für welche mit afrikanischen Wurzeln – zu sein. Diesem Ziel komme entgegen, dass alle Veranstaltungen kostenlos angeboten werden. Auf dem Festival möge man sich bei Tanz, Musik oder beim Essen begegnen und einander besser kennenlernen. Was helfen könne in der Gesellschaft vorhandene Vorurteile abzubauen. Dabei gehe es nicht nur um Kultur, sondern auch um die Menschen mit afrikanischen Wurzeln, die hier leben. Man werde also auch erfahren, wie es in deren Heimatländern aussehe. Es wird Diskussionen über soziale und politische Themen geben, damit deutlich werde, was Menschen aus Afrika dazu bringe hier her zu kommen. Und es könne einmal darüber nachgedacht werden, was Deutsche zusammen mit AfrikanerInnen machen könnten.

Musik und Tanzgruppen aus Europa, Afrika, Lateinamerika sowie Asien treffen aufeinander und feiern gemeinsam

Am Abend des 28. Juni steht die Sängerin Aicha Kouyaté aus Siguiri in Oberguinea auf der Konzertbühne. Sie sang schon als Kind traditionelle Lieder der Malinké (Senegal, Mali, Guinea). Heute ist sie eine international bekannte Griot-Sängerin und vor allem in Westafrika sehr populär.

Nach dem Konzertabend lädt die Afro Ruhr Partynight mit heißen Club-Sounds zum Tanzen und Feiern ein. Musik und Tanzgruppen  aus Europa, Afrika, Lateinamerika sowie Asien treffen aufeinander und feiern gemeinsam. Veye Tatah: „Die afrikanische Kultur, die Menschen leben überall. Wir müssen unsere vielfältigen Kulturen und unsere gemeinsame Herkunft zusammen feiern.“

Afrika-Markt, Musik aus Kolumbien, Jamaica und Kamerun. Workshops laden zum Mitmachen ein. Ausklang mit Afro Ruhr Partynight

Am darauffolgenden Samstag lädt der bunte Afrika-Markt bereits am 12 Uhr zum Stöbern ein. Mit „Catalina Valencia and Baterimba Band“ beginnt das Konzertprogramm am Samstag. Das kolumbianische Trio ist in diesem Sommer auf Tour durch Europa und präsentiert mit dem Projekt „Marices“ eine rhythmische Reise, die vom Alltäglichen, der Liebe und der Sehnsucht erzählt – eine mitreißende Musik, die von bunten Charakteren und großen Emotionen gezeichnet ist.

Roughhouse aus Jamaika wird die Reggae-Fans zum Tanzen bringen. Das Highlight des Abends ist aber sicher Mr. Leo aus Kamerun. Er singt landestypische Lieder zwischen Afro-Pop, Reggae und R & B. Seine kraftvolle und reich strukturierte Stimme verzaubert Kameruner und Menschen in ganz Afrika.

Diverse Workshops laden zum Mitmachen ein: „Capoeira“ mit Mestre Pé de Vento (Ivan), „Afro Beatz Style“ mit Antje Schepers, „Westafrikanischer Tanz“ mit Dame Diop  und „Kizomba“ mit Romaric Nzomwita. Nach den Konzerten folgt die Afro Ruhr Partynight.

Politische Informationsveranstaltungen mit hochkarätigen Referenten

In diesem Jahr habe man – freute sich Veye Tatah verkünden zu dürfen – für die politische Diskussion das globalisierungskritische Netzwerk Attac gewinnen können. Da werde auch das Thema Steuergerechtigkeit angesprochen.

Wie Nordstadtblogger von Anne Schulze-Allen von Attac Dortmund erfuhr, wird es am Samstagnachmittag von 16.30h – 18.30h als Bestandteil der Informationsveranstaltungen Vorträge und eine Podiumsdiskussion unter dem Titel „Bald 60 Jahre Unabhängigkeit und immer noch in den Fängen des Kolonialismus?“ im DKH geben. Die Referenten sind Dr. Boniface Mabanza Bambu (Kirchliche Arbeitsstelle Südliches Afrika KASA), Dr. Kako Nubukpo (ehem. Minister Togos und ehem. Direktor der Wirtschaftsabteilung der Frankophonie) und Dr. Dereje Alemayehu (Executive Coordinator der Global Alliance for Tax Justice).

Literaturlesungen

Des Weiteren gibt es Literaturlesungen. So wird die aus Sambia stammende und in Großbritannien lebende Schriftstellerin Ellen Banda-Aaku, die für ihr Buch „Imagine Africa 2060 – Geschichten zur Zukunft eines Kontinents“ die Erzählung „Froschaugen“ geschrieben hat, auf dem Festival vorstellen.

Kreativ-, Spiel und Sportprogramm am Familientag zum Festivalabschluss

Sonntag ist Familientag. Unter dem Motto „Spiel(t) mit uns!“ lädt der Kinderbereich alle Kinder und Junggebliebenen zu einem abwechslungsreichen Kreativ-, Spiel- und Sportprogramm. Am Abschlusstag des Festivals steht „The Griot Family Seck“ aus Senegal auf der Konzertbühne – ein Projekt von Samory Seck, der mit seinen Geschwistern in einer Griot-Familie aufgewachsen ist. Seit ihrer Kindheit musizieren sie zusammen und nutzen Musik als Vermittler zwischen den Kulturen.

Höhepunkt gleich zum Start des Festivals: Bunte Parade unter dem Motto „Vielfalt in Einheit“ durch die Stadt – Mitmachen erwünscht

„Parade der Vielfalt“ 2017. Foto: Torsten Tullius

Ein Höhepunkt des diesjährigen Afro Ruhr Festivals, stellte Organisatorin Veye Tatah besonders heraus und forderte die DortmunderInnen zum Mitmachen auf, werde am ersten Tag des Festivals (28. Juni) gewiss eine bunte Parade unter dem Motto „Vielfalt in Einheit“. Ab 16 Uhr will man sich auf dem Friedensplatz treffen. Dann ziehen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit Musik, Gesang und Performances in möglichst bunten Kostümierungen von der Friedenssäule durch die Dortmunder Innenstadt bis zum Dietrich-Keuning-Haus. Mit dabei sind Kulturschaffende, Vereine und Schulen, Kindergärten, Initiativen und Einzelpersonen – ein phantasievoller Walking Act für Respekt, gegenseitige Wertschätzung und Lebensfreude. BürgerInnen, die Lust zum Tanzen haben sind herzlich eingeladen. Dabei gehe es weder um Protest, Politik noch um Religion. Der Spaß allein stehe im Vordergrund. Tatah stapelte lachend gar nicht tief : „Unser Ziel ist es, dass das irgendwann mal in etwa wie der ,Karneval der Kulturen‘ in Berlin wird. Die haben ja auch mal klein angefangen“, sagte Organisatorin Veye Tatah von „Africa Positive“.

Veranstalter

Africa Positive e.V., Dietrich-Keuning-Haus, Kulturbüro Stadt Dortmund in Zusammenarbeit mit Netzwerk Afrikaner in Dortmund (AFRIDO), Africa Institute for Media, Migration and Development (AIMMAD), Jugendamt der Stadt Dortmund, Auslandsgesellschaft.de, BVB-Lernzentrum und Stadtteil-Schule Dortmund.

„Dortmunder Passagen“ – Ein Stadtführer erzählt Dortmund neu

Am Modell des Reinoldikirchturms im MKK: Michael Küstermann, Stefan Mühlhofer, Wolfgang Sonne und Barbara Welzel.

Der Deutsche Evangelische Kirchentag 2019 beginnt bekanntlich nächste Woche. Da ist es freilich gut und ausgesprochen passend, dass er nicht zuletzt aus diesem Anlass da ist: Der Stadtführer „Dortmunder Passagen“ soll Dortmund neu erzählen. Er dürfte über den Kirchentag hinaus Besuchern Dortmunds gute Dienste leisten.

Auf 287 Seiten werden fünf Themen-Routen beschrieben. Sie erschließen das Stadtgebiet anhand von Drehscheiben und Leitobjekten und machen dadurch Geschichte, Gegenwart und geografische Gegebenheiten an konkreten Orten sichtbar und an konkreten Orten sichtbar und verständlich. Flaneuren werden so verschiedene Möglichkeiten praktisch, im wahrsten Sinne des Wortes, in Form eines Lesebuches in die Hand gegeben, um die Stadt neu zu entdecken. Die Präsentation des im Jovis Verlag Berlin erschienen Stadtführers fand am Donnerstag während eines Pressegesprächs im Museum für Kunst und Kulturgeschichte (MKK) in Anwesenheit der HerausgeberInnen Stefan Mühlhofer, Wolfgang Sonne und Barbara Welzel statt. Der Stadtführer ist für 15 Euro im „reinoldiforum“ und während des Evangelischen Kirchentags (19. bis 23. Juni) im Pavillon „stadt paradies sanktreinoldi“ an der Reinoldikirche erhältlich. Später dann auch im Buchhandel. Initiatorin und Initiator des anlässlich des Deutschen Evangelischen Kirchentages entstandenen Stadtführers waren Prof. Barbara Welzel (TU Dortmund) und Dr. Stefan Mühlhofer (Geschäftsführender Direktor der Dortmunder Kulturbetriebe).

Die Geschichte und das Werden der Stadt Dortmund so erzählen, dass es zu unserer Jetztzeit passt

Eingeflossen in den Stadtführer, wie Pressesprecherin Katrin Pinetzki mitteilte, sind die Arbeiten von über 20 AutorInnen. Er dürfte in dieser Art derzeit konkurrenzlos auf dem Markt sein. Ein klassischer Reiseführer ist er hingegen nicht. Es geht darin darum, die Geschichte und das Werden der Stadt Dortmund zu erzählen. Und zwar so, dass es zu unserer Jetztzeit passe, wie Dr. Stefan Mühlhofer anmerkte. Lange genug sei die Geschichte von Kohle, Stahl und Bier erzählt worden. Manche Leute in Bayern, wo Mühlhofer herkommt – mittlerweile 17 Jahre in Dortmund ansässig -, meinten immer noch, dass in Dortmund die draußen aufgehängte Wäsche schwarz wird vom Kohlestaub. Die Stadt habe sich jedoch auf spannende Weise in eine positive Richtung entwickelt. Mit dem vorliegendem, handlichen Stadtführer könne man hier gut schlendernd durch die Stadt auf Reisen gehen. Oder auf dem Sofa liegend „gedanklich sozusagen durch diese Stadt reisen“. Sogar interessant könnten die „Dortmunder Passagen“ für Leute sein, die schon immer in Dortmund leben.

Debattiert darüber und geschrieben „wie man die Stadt heute erzählen kann“

Prof. Barbara Welzel formulierte ihre auf Reisen gemachten Erfahrungen um eine Nuance anders: Eigentlich wisse jeder, dass Dortmund heute ganz anders ist, „aber keine neue Erzählung hat“. Die Leute wüssten einfach nicht für was Dortmund heute stehe. Der Stadtführer sei von den Autoren zusammen auch kontrovers diskutiert und geschrieben worden. Eben nicht so, dass jeder nach einer gemachten Gliederung ein Thema bekommen und den entsprechenden Text eingereicht hat. In einer Kerngruppe von neun und dann 21 Autoren insgesamt plus drei Fotografen habe man darüber debattiert „wie man die Stadt eigentlich heute erzählen kann“.

Fünf erlebbare Routen, die jeweils mit einem Objekt aus der Sammlung des MKK verankert ist

Am Ende hätten sich fünf lohnend erlebbare Routen herauskristallisiert wie die Stadt am besten heute erzählt werden könne. Man müsse das alles einmal zusammen sehen. Die einzelnen Kapitel sind mit „Wege“, „Wasser“ (Emscher, Ruhr; seit wann gibt es in einer Stadt, die zur Großstadt wird, Abwässer?), „Materialien“ (z.B. im Mittelalter die Kirchen aus Stein, das normale Wohnhaus aus Fachwerk mit Lehm gefüllt, aber dann auch Gebäude aus Backstein als Gefach), „Stadt und Land“ und „Spielräume“ überschrieben. Die Route „Spielräume“ steuert die repräsentativen und politischen, kulturellen und wissenschaftlichen, sportlich oder geistliche bedeutsamen Orte an. Im Kapitel „Wege“ geht es um moderne und mittelalterliche Strukturen: Wall und Hellweg sind ebenso Thema wie Brücken, Kanal und Flughafen. Drehscheiben der möglichen Stadterkundungen sind dabei u.a. Museen, Industriedenkmäler, der Botanische Garten Rombergpark und die Stadtkirche St. Reinoldi, das Baukunstarchiv, die Kokerei Hans sowie das U.

Wolfgang Sonne, Stefan Mühlhofer, Michael Küstermann und Barbara Welzel vor dem Modell des Reinoldikirchturms.

Eine besondere Drehscheibe ist das MKK: Jede der fünf Routen ist mit einem Objekt aus der Sammlung des Museums verankert, so dass jeder Rundgang dort beginnen kann. Zu den Leitobjekten zählen u.a. ein Modell der Stadtkirche St. Reinoldi und ein Modell des historischen Lunaparks im Fredenbaumpark, der Dortmunder Goldschatz und glasierte Backsteine eines mittelalterlichen Partrizierhauses.

Alle Autoren brachten ihr spezielles Wissen ein, um Dortmund in ganzer Breite und Tiefe darzustellen

Alte Taufbecken finden im Stadtführer Erwähnung, weil die oft die ältesten und markantesten Zeugnisse für Zentren seien. Es wurde über die Eisenbahn geschrieben und nachgeschaut, wann die ersten Alleen angelegt worden sind.

Alle Autoren, so Prof. Welzel, hätten ihr ganz spezielles Wissen eingebracht. Aus dem Stadtarchiv, aus der Gedenkstättenarbeit, „mein kunsthistorisches Wissen“ und ganz viel Architekturwissen. Dazu trug Dr. Christian Walda, Sammlungsleiter des MKK, einige Informationen bei. Die Metropole Ruhr, höre man oft, sei anders. Aber man frage sich da zugleich: „Anders als was?“ Man schaue viel auf die Infrastruktur. Beispielsweise den Umbau, die Renaturierung der Emscher. Übersehen werden „ein bisschen, dass es im Ruhrgebiet Städte mit Stadtkern gebe, die wirklich Städte sein wollten und wollen“. Etwa in Brechten den alten Dorfkern mit steinerner Kirche und den alten Dorfplatz mit dem Fachwerk. Es sei durchaus eine alte Städteregion.

Wolfgang Sonne (TU Dortmund) fand, dass in Dortmund trotz der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg und der Abrisse danach, sei doch einiges Wichtiges erhalten geblieben. Etwa die vier mittelalterlichen Kirchen im Zentrum. Anliegen sei es gewesen im Stadtführer die Stadt in ihrer ganzen Breite und Tiefe darzustellen.

Pfarrer Michael Küstermann wies daraufhin, dass die Reinoldikirche in diesem Stadtführer öfter prominent vorkommt, weil sie Dortmund in vielerlei Hinsicht mit verkörpere. Sie habe sich immer neuen Herausforderungen stellen müssen.

Interessanter Aspekt: ein Reisepass aus dem Jahre 1800

Bei der Frage wie man Stadt und Land zeigen könne, sagte Frau Prof. Welzel, sei man auf einen Reisepass aus dem Jahre 1800. gestoßen. Der findet sich nun mit Ansicht und Beschreibung auf Seite 184 und 185 im Stadtführer. Ein interessanter Aspekt: Dortmund war damals freie Reichsstadt und umgeben von Preußen und lag damit sozusagen „mitten im Ausland“. Um aus der Stadt herauszukommen wurde ein Pass benötigt.

Das Entstehen des Stadtführers auf amüsante Weise karikiert

Mit einer Anekdote karikierte Werner Sonne das Zusammenschreiben des Stadtführers von so vielen Autoren (Prof. Welzel: „Wie beim Kindergeburtstag die Texte hin und hergeschickt“) und charakterisierte den Autorenkreis amüsant so: „Da sind verknöcherte Universitätsprofessoren und verstaubte Behördenleiter, alle die von Amts wegen mit dem Ort und mit der Geschichte zu tun haben. Die haben sich zusammengetan und einen lebendigen Stadtführer geschrieben. Und das in einer fast jugendlich-kollektiven Weise.“

Prof. Barbara Welzers Fazit: In zirka einem Jahr Arbeit an dem nun vorliegendem Stadtführer ist alles was man derzeit über die Stadt wissen kann zusammengetragen worden.

Der Stadtführer „Dortmunder Passagen“ entstand in Kooperation der Kulturbetriebe Dortmund und der Denkmalbehörde mit der TU Dortmund, der Stadtkirche St. Reinoldi sowie der Stiftung Industriedenkmalpflege und dem LWL-Industriemuseum Zeche Zollern.

Jahrhundertmensch Georg Stefan Troller im Gespräch mit Denis Scheck bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen 2019

Schon zu DDR-Zeiten sah ich zu, dass ich keinen seiner Filme in der ARD verpasste: Georg Stefan Troller bestach mit seinem ganz besonderem Blick auf die Stadt Paris und deren Menschen. Ob es nun Clochards, Dichter, Arbeiter, Schriftsteller, Filmstars, Marktfrauen oder Intellektuellen waren, die er porträtierte. Mit der Porträtserie „Personenbeschreibungen“ (ZDF) revolutionierte er – gewiss ohne das damals selbst gewusst, noch in irgendeiner Weise geplant zu haben das deutsche Fernsehen. Das geschah wohl in erster Linie durch Trollers radikal subjektive Art des Fragens und Betrachtens. Die wohl berühmteste von ihm verantwortete Sendung trug den Titel „Pariser Journal“.

Jahrhundertmensch Georg Stefan Troller im Gespräch mit Literaturkritiker Denis Scheck

Am Dienstag dieser Woche nun ergab sich die sicherlich einmalig bleibende Gelegenheit Georg Stefan Troller einmal persönlich zu erleben: und zwar

Jahrhundertmensch Georg Stefan Troller. Foros: C. Stille

bei den derzeit laufenden Ruhrfestspielen Recklinghausen. Der Literaturkritiker Denis Scheck. Scheck ist von der Intendanz für die Reihe „… im Gespräch mit Denis Scheck“ verpflichtet worden. Neben Herta Müller und Louis Begley stand ganz vorne auf dessen Gästewunschliste der Radio- und Fernsehjournalist, Schriftsteller und Dokumentarist Georg Stefan Troller. Mit 97 Jahren ohne Zweifel ein Jahrhundertmensch!

Womöglich kennen viele junge Leute Troller gar nicht mehr – ein Manko!

Der Saal des Großen Hauses im Ruhrfestspielhaus auf dem Grünen Hügel der Stadt Recklinghausen im Stadtgarten hatte sich gut mit vielen von Trollers AnhängerInnen gefüllt. Viele auch schon jenseits der 50 oder 60 und älter. Man muss fürchten, dass die jungen Leute – obgleich auch von ihnen welche im Saal waren – Georg Stefan Troller heute womöglich gar nicht mehr kennen. Ein Manko, dass ihnen – kennten sie seine Arbeiten (man wird durchaus auf You Tube diesbezüglich fündig) sicherlich also solches benennen würden.

Denis Scheck sprach mit Troller im ruhigen Plauderton

Als Georg Stefan Troller die Bühne betrat brandete rauschender, begeisterter, warmer, herzlicher Applaus auf. Den genoss der 97-Jährige sichtlich. Mit Literaturkritiker und Moderator Denis Scheck. nahm Troller an einem Tisch in der Bühnenmitte Platz. Das Licht war dezent auf beide Personen konzentriert. Denis Scheck stellte im ruhrigen Plauderton seine Fragen, um den Jahrhundertmenschen Troller und dessen ereignisreiches Leben für die ZuschauerInnen vorzustellen.

Ein schmerzlicher Einschnitt in Trollers Leben: Der Anschluss Österreichs ans „Dritte Reich“

Sie erfahren: Georg Stefan Troller, geboren am 10. Dezember 1921 in Wien als Sohn eines jüdischen Pelzhändlers. Ein Weltbürger, Menschenforscher. Der Anschluss Österreichs an das „Dritte Reich“ zwang den Siebzehnjährigen zur Emigration. Es sei ihm, so erzählte Troller, noch heute unbegreiflich, wie so viele ÖsterreicherInnen auf diesen Hitler mit kleinen Bärtchen hereinfallen konnten. Eine Erklärung: es waren für viele Menschen schwere Zeiten und in Hitler setzten sie Hoffnungen, dass er ihr Leben würde verbessern können. Furchtbar für Troller: Für seine MitschülerInnen, „… die in der Schule von mir und ich von ihnen abgeschrieben hatten“, sei er sozusagen von heute auf morgen zu einer Unperson – Luft – geworden, mit der man weder weiter verkehrte noch sprach. Schmerzlich sei das gewesen. Was ihn damals verwunderte: quasi über Nacht tauchten an den Armen von Polizisten und anderen Typen Naziarmbinden auf. Die mussten doch schon lange vorher hergestellt worden sein und ins Land verbracht worden sein! Die österreichischen Juden hätten das Vorgehen der Nazis gegen sie überhaupt nicht verstanden: waren sie doch bestens integriert gewesen, hatten im Militär gedient und im Ersten Weltkrieg für Österreich gekämpft!

Flucht vor den Nazis, Rückkehr über die USA als Corporal der US-Army nach Europa

Auf Trollers Flucht vor den Nazis , erfuhr das Publikum durch Denis Schecks Fragen, erlebte er das vom Krieg gezeichnete Paris und erreichte schließlich die USA. Nach Europa zurück, auch nach Deutschland, kam er zuerst als amerikanischer Soldat im Range eines Corporals. Seine ursprünglich Einheit in der US-Army verließ er wurde in einer anderen Gefangenenvernehmer. Schon damals – wie später bei seinen späteren Interviews – setzte er darauf, zwischen den deutschen Soldaten in Gefangenschaft eine Vertrauensbasis zu schaffen, damit sie redeten, womöglich Informationen preisgaben, die für US-Army dringend vonnöten waren. Und alle – bis auf einen – hätten sie schon recht rasch geredet. Geradezu ein Bedürfnis zu reden hätten sie gehabt. Freilich wären fast alle „Nazigegner“ gewesen, schmunzelte Troller. Dies träfe auch auf seine Landsleute, die Österreicher nach dem Ende der Nazizeit zu. Sie hätten sich gerne als Opfer gesehen. Viel später als etwa in Deutschland habe in der Alpenrepublik eine Aufarbeitung der Nazizeit zaghaft begonnen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg absolvierte Troller Studien der Literatur- und Theaterwissenschaft in Kalifornien, New York und Paris.

Das bevorzugte Sujet für den Radio- und Fernsehjournalist ist Paris. Viele Prominente hat er in aller Welt porträtiert

Seit 1949 lebt und arbeitet Georg Stefan Troller als Radiokorrespondent, Fernsehjournalist und Schriftsteller in Paris. Sein bevorzugtes Sujet ist die große Stadt an der Seine. Seine Arbeit als Dokumentarfilmer führte ihn darüber hinaus in die ganze Welt. Ob Muhammad Ali, den „Playboy“-Chef Hugh Hefner, Ezra Pound (einem einstigen Anhänger der italienischen Faschisten, den Troller nach seinem Aufenthalt im Irrenhaus – wohin ihn die Amis expediert hatten – trifft, wo er kaum noch zu sprechen versteht) Peter Handke, Charles Bukowski, Edtith Piaf, Georges Simenon, Coco Chanel, Russ Meyer, Leonard Cohen, Arthur Rubinstein, Liv Ullmann, Thomas Brasch, Roman Polanski, Romy Schneider oder Alain Delon. Die Liste der von ihm Porträtierten ist unvorstellbar lang. Der 97-Jährige ist Zeitzeuge vieler Umbrüche des 20. Jahrhunderts.

Denis Scheck hat das von Troller erzählte Paris nie gefunden

Denis Scheck erzählte, inspiriert und begeistert von Georg Stefan Trollers Fernsehgeschichten aus und über Paris, sei er in jüngeren Jahren für ein paar Jahre in die Stadt an der Seine gezogen. Doch zu seiner Enttäuschung, habe er das von Georg Stefan Troller erzählte Paris nie so vorgefunden. Troller selbst, gestand, dass Paris ihm am Anfang sehr abweisend, beängstigend und irritierend gegenüber getreten sei. Auch heute werde Paris immer zu sehr an den touristischen Highlights gemessen. Und eben dieses Paris wollten die Leute beim Besuch der Stadt halt wiederfinden. Seine Filme hätten allerdings schon die Realität abgebildet. Doch beim Einsprechen des dazu gehörigen Textes habe ihn manchmal etwas gepackt, dass er habe einfach sagen müssen. Das habe womöglich den Charakter des jeweiligen Stücks etwas gewandelt, einen andere Drive entstehen lassen.

Spannend war es Trollers, oft mit einem „Nun ja …“ eingeleiteten Antworten zu lauschen.

Journalisten, Reporter – findet Troller – sind eigentlich Menschenfresser

Nachdem Denis Scheck seine interessanten Fragen gestellt hatte – sie hatten mehr als sieben Minuten in Anspruch genommen (Troller hatte einmal seine Interview-Gäste nach Minuten eingeteilt, die sie hergeben würden – Troller selbst schätzt sich als einen Sieben-Minuten-Mensch ein) – ließ er den großen Troller mit dem Publikum allein. Troller hatte noch etwas – wenn man es genau bedenkt – sehr Wahres gesagt: Reporter, Journalisten seien eigentlich Menschenfresser. Denn sie müssten ja den Interviewten geschickt so viel wie möglich an Informationen entlocken, entreißen, ja: rauben. Nicht zuletzt, um selbst von den Geschichten dieser Menschen zu profitieren. Er hoffe wenigstens, dass er den von ihm interviewten Menschen mit den aus ihnen herausgeholten Informationen und dem, was er selbst daraus gemacht habe, nicht geschadet habe.

Ein großartiger Abend mit einem interessanten Jahrhundertmenschen

Ein großartiger Abend gestern im Ruhrfestspielhaus mit dem großen Georg Stefan Troller, einem Jahrhundertmenschen bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen 2019 (das größte europäische Theaterfestival mit tollen Höhepunkten läuft noch bis zum 9. Juni).

Spannendes, Skurriles, Amüsantes und persönliche Niederlagen verlesen von Georg Stefan Troller

Nach dem Gespräch mit Denis Scheck las Troller noch aus seinen Büchern. Er drehte vorher eine bis dato hinter einer Pappe verborgene Glühlampe heller. Ein Auge bedeckte Troller mit einer Augenklappe: „Eine der Erscheinungen des Alters. Jeder ist sich sein eigener Moshe Dayan.“ Dann kam die Lesebrille darüber und die ZuhörerInnen lauschten den spannenden, skurrilen oder amüsanten ausgewählten Stellen aus zwei Büchern. Etwa aus dem  „Traum von Paris“ (das wiederaufgefunde Fotos enthält). Ein weiteres kündet auch von den großen Niederlagen des Georg Stefan Troller: etwa von den aus Versehen im Schredder eines Pariser Müllwagens gelandeten einst verliehenen, nun unwiederbringlichen Preisen. Oder den am Abend aufgehängten Filmschnippseln für einen Film, welche die Putzfrau entsorgt hatte – mit dem was übrig war, habe dann halt der Film zusammengeschustert werden müssen. Auch eine der Niederlagen: Er sollte einen Preis bekommen und vor der Überreichung stellte sich heraus, die Veranstalter hatten eigentlich Peter Scholl-Latour gemeint! Troller milde lächelnd: „Na, das klingt ja fast auch ähnlich …“

Zum Schluss las Troller dann noch aus einem noch unveröffentlichtem Manuskript. Das neue Buch („Liebe, Lust und Abenteuer“)  soll im September 2019 erscheinen. Trollers Lebensfazit: Dass das „Leben die Summe der intensiv gelebten Augenblicke sei“. Die schönste Zeit, sei jedoch die, in der Wünschen und Können übereinstimmten.

Zum Schluss: Donnernder, langanhaltender Applaus. Stehende Ovationen

Troller im Dialog mit einer Leserin.

Anschließend signierte der Jahrhundertzeuge Georg Stefan Troller auf der Großen Bühne des Ruhrfestspielhauses noch Bücher von ZuhörerInnen. Zu diesem Behufe durften wir ZuschauerInnen über ein Treppchen links der Vorbühne – ein einmaliges erhebendes Gefühl! – die große Bühne der berühmten Recklinghäuser Ruhrfestspiele betreten. Eine lange Schlange von auf die Bühne strebenden Menschen musste „abgearbeitet“ werden. Ein großartiger Abend mit einem einzigartigen Gast.

Für mich selbst schloss sich ein Kreis. Hatte ich früher stets versucht keine von Georg Stefan Trollers Filmen zu verpassen, hatte ich – dank den Ruhrfestspielen – nun Gelegenheit diesem verehrten Menschen unmittelbar zu begegnen …

Rainald Grebe richtet der Dortmunder SPD eine große Geburtstagsfeier aus. Premiere am kommenden Samstag im Schauspiel Dortmund

Marlena Keil
Andreas Beck
Uwe Schmieder
Anke Zillich
Chormitglieder. Foto: Hupfeld

Herbert Wehner prägte einst den Begriff von Dortmund als „Herzkammer der Sozialdemokratie“. Inzwischen ist die „alte Tante“ SPD in die Jahre gekommen.

In diesem Jahr wird die Dortmunder SPD 150 Jahre alt. Bereits 1863 gründete Ferdinand Lassalle in Leipzig den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein (ADAV), aus dem später durch einen Zusammenschluss mit der SAP die SPD hervorging. Eine Ortsgruppe des ADAV wurde 5 Jahre später – 1868 – auf Anregung des Schneidergesellen Joseph Rönsch in Dortmund gebildet.
In ihrer 150jährigen Geschichte hat die Dortmunder SPD durchaus viel bewegt. Dortmund ist der größte SPD-Unterbezirk.

Große Geburtstagsfeier für die Jubilarin in Dortmund

Das Schauspiel Dortmund richtet der Jubilarin eine große Geburtstagsfeier aus. „Unsere Herzkammer“ heißt die neue große musikalische Schauspiel-Produktion. Premiere wird am kommenden Samstag, dem 30. März 2019, sein. Ein Glücksfall: Für für die Regie konnte der Sänger, Musiker, Kabarettist, Schauspieler, Autor, Regisseur, Komponist und Puppenspieler Rainald Grebe gewonnen werden.

Das Schauspiel Dortmund ist glücklich, dass Rainald Grebe mit dem Ensemble probiert

Rainald Grebe (links) mit Chefdramaturg Michael Eickhoff beim Pressegespräch im Schauspiel Dortmund. Foto: C. Stille

Während eines Pressegesprächs an diesem Dienstag bekannte Michael Eickhoff, Chefdramaturg am Schauspiel Dortmund, auch im Namen der SchauspielerInnen, man „sei sehr sehr glücklich, dass Rainald Grebe hier sei und mit ihnen probiert“. Dafür, dass man fünf Tage vor der Premiere sei“, gehe es „erstaunlich entspannt zu“, stellte Eickhoff zufrieden fest. Grebe erwiderte verschmitzt: „Das ändert sich noch.“

Nebenbei bemerkt: Rainald Grebe hat die Nordstadtblogger wahrgenommen. Er habe immer mal und wieder mal reingeguckt, sagte er.

Rainald Grebe entwickelte das Stück zusammen mit dem Ensemble

Das Stück, so Grebe, habe er mit dem Ensemble zusammen entwickelt. Das sei seine Art: Zu Probenbeginn gebe es von ihm nur einen Zettel mit ein paar Szenenvorschlägen. Es sei dabei keine historische Dokumentation entstanden, sondern „eine Mischung aus Ortsvereinssitzung, musikalischer Arbeiterlieder-Revue mit merkwürdigen Klängen und gewissen Personen aus der SPD-Geschichte, die aus der Pathologie kommen und mal was sagen“. Wo quasi die Parteigeschichte „bunt durcheinandergewürfelt wird“. Auf sie werden Schlaglichter geworfen.

Theater mit innewohnender Leidenschaft

Das Mittel der Ironie fände in der Inszenierung durchaus auch Anwendung, erfahren die Presseleute. Und es gehe darin u.a. auch darum, was uns etwa Rosa Luxemburg, Ferdinand Lassalle oder Kurt Schumacher – alle haben früher einmal in Dortmund gesprochen – heute zu sagen hätten. Ein Stück Zeitgeschichte werde also so auf diese Weise jeweils ebenfalls angerissen. Des Weiteren habe man Gäste da: Den Männergesangsverein „Harmonie“

Marlena Keil
Andreas Beck
Christian Freund
Anke Zillich. Foto: Hupfeld.

der Zeche Victoria, Lünen und den Chor der Dortmunder Tafel (von der wird es übrigens einen Stand im Theater geben). Alle anderen Jubiläumsgäste, informierte Rainald Grebe, spielten die SchauspielerInnen aus dem Dortmunder Ensemble alle selbst. Dabei sind Andreas Beck, Christian Freund, Caroline Hanke, Marlena Keil, Uwe Schmieder, Anke Zillich und Ingeborg May.

Das Stück habe mit dem auf der Bühne ablaufenden Jubiläum einen Rahmen und so handele es sich deshalb durchaus um Theater, merkte Rainald Grebe an. Und zwar eines mit Leidenschaft, „bei dem einen auch mal das Herz aufgeht – Stichwort: Herzkammer“.

Der im Stück vorkommende, „für 150 Euro engagierte DJ, der das Fest bespaßt“ gebe schon einmal ironische Kommentare von sich, „und ein paar Leiharbeiter“ kämen als Figuren zum Kellnern auf der Szene vor. Rainald Grebe: „Im Stück geht es schon auch mal zur Sache …“

Wenn man sich inhaltlich mit der Partei auseinandersetze, ist zu verstehen, woher der Antrieb der Genossen seine Energie bezieht

Eigentlich, war Rainald Grebe mit der Idee über die SPD etwas zu machen zunächst gar nicht so glücklich: „Schon wieder da draufhauen, nee …“ Aber man könne es ja auch anders machen. Und so habe er sich schließlich dann doch damit angefreundet etwas über die „alte Tante“ zu machen. Chefdramaturg Eickhoff: Je länger man sich nämlich inhaltlich mit dieser Partei beschäftige, desto mehr verstehe man , dass es da bei den Mitgliedern einen starken, leidenschaftlichen Antrieb gebe, sich dem Ringen um eine ganz bestimmte Politik zu verschreiben.

Gespräche mit alten SPD-Mitgliedern, aktiven Politikern der Partei und SPD-Landtagsabgeordneten wurden im Vorfeld geführt. Franz Müntefering wird die Aufführung besuchen

Für das Stück ist mit vielen alten SPD-Genossen, aber auch welchen aus der aktiven Politik gesprochen. Interviews seien, so Michael Eickhoff, im Vorfeld beispielsweise mit den beiden aktuellen SPD-Landtagsabgeordneten Nadja Lüders und Volkan Baran sowie mit der ehemaligen SPD-Landtagsabgeordneten Gerda Kieninger geführt worden. Ebenfalls getroffen habe man den 89-Jährigen SPD-Politiker Hans-Eberhard Urbaniak. Mit dem früheren SPD-Vorsitzenden Franz Müntefering sei ebenfalls ein Gespräch geführt worden. Müntefering übrigens, war zu erfahren, wird sich das Stück anschauen.

Man habe einfach wissen wollen, warum diese Menschen offenbar eine innere Notwendigkeit verspürt hätten sich als Politiker in der SPD zu engagieren und warum sie dafür ein Großteil der eigenen Lebenszeit bereit waren darauf zu verwenden.

Junge Leute haben heutzutage kaum etwas mit Parteien am Hut

Auch mit jungen Leuten ist man zu Informations- und Orientierungszwecken ins Gespräch gekommen. Die allerdings hätten heutzutage kaum noch etwas mit Parteien am Hut, erzählte der Chefdramaturg. Sie engagierten sich jedoch vielfältig anderweitig.

Hohen Respekt zollte Rainald Grebe Lokalpolitikern

Rainald Grebe gestand, er habe – gerade, wenn er Lokalpolitiker treffe – hohen Respekt vor deren Fachkompetenz, die die auf verschiedenen Gebieten haben müssten. Bedauerlicherweise könnten sie in Umfragen sowie bei Wahlen schnell „eine Arschkarte“ kassieren, für Geschichten – für die sie oft unmittelbar gar nicht verantwortlich seien.

Interesse am Stück bei der Dortmunder SPD sowie in der Berliner Parteizentrale

Interesse am Stück werde schon jetzt natürlich zuvörderst in Dortmund, aber wohl auch im Willy-Brandt-Haus in Berlin, wo Grebe Kontakte habe und schon mal vorgelassen werde, registriert.

In der Inszenierung wird der komplette Ablauf der 150-Jahrfeier bis in den Abend hinein dargestellt

Ensemble

Die Geschichte die das Stück transportiert ist die 150-Jahrfeier des Ortsvereins. Aufgenommen werde darin sozusagen eine tatsächlich im vergangenen Jahr am Phönix-See stattgefunden habende Feier des Ortsvereins der SPD. Rainald Grebe schildert kurz den Ablauf auf der Bühne: „Es gibt einen Vereinsaal, wo „Kuchen gespachtelt“ wird und Würstchen verspeist werden – das geht dann bis in den Abend hinein.

Rainald Grebe geheimnisvoll: Vielleicht tritt er selbst einmal zur Premiere auf

Ein Journalistenkollege fragte, ob Grebe denn auch selber auftreten werde. Der Regisseur entgegnete leicht geheimnisvoll: „Vielleicht – manchmal mache ich das – bei der Premiere. Ich bin ja dann noch da.“

Michael Eickhoff zur Inszenierung: „Es gibt auch was zu lachen“

Das potentielle Publikum (Stand: 26.3.: es gibt noch Restkarten) der Premiere am kommenden Samstag darf auf jeden Fall gespannt sein. Es wird keineswegs auf das Abspulen trockene SPD-Parteigeschichte hinauslaufen. Das wird garantiert. Chefdramaturg Eickhoff versprach: „Es gibt auch was zu lachen.“

Und „wer Rainald Grebe und seine Neigung zum schwarzen Humur kennt, weiß“, verrät die Presseinformation, dass dies nicht alles ist … sein wird: Wo und wofür steht die SPD heute, auf was darf sie hoffen? Gespannt wartet man auf die Gäste aus nah und fern zur Feier der Jubilarin und ihre musikalischen Überraschungen“.

Vier Multiinstrumentalisten musizieren auf einer Vielzahl von Instrumenten

Die erste Stückentwicklung und Regie Rainald Grebes am Schauspiel Dortmund wartet neben den SchauspielerInnen übrigens auch mit vier Multiinstrumentalisten auf. Gespielt werden von denen eine Vielzahl von verschiedenen Instrumenten. Zum Erklingen gebracht werden u.a. auch die türkische Langhalslaute Saz und gewissermaßen ihr indisches Pendant, die Sitar. Die Band besteht aus Umut Akkuş, Tobias Bülow, Jens-Karsten Stoll

Andreas Beck
Chormitglieder. Foto: Hupfeld.

sowie Markus Türk, der – wie Michael Eickhoff zu sagen wusste – als „Miles Davis vom Niederrhein“ gilt.

Vorkommen soll in der Inszenierung auch das – unvermeidliche? – Steigerlied, wurde verraten: allerdings, versprach Regisseur Grebe, in neuer Variante. So das Publikum mitsingen möchte, kann es das: Textzettel würden ausgelegt.

Die Uraufführung „Unsere Herzkammer“, die neue große musikalische Schauspiel-Produktion, läuft am Schauspiel Dortmund bis zum 5. Juli 2019. Premiere ist am kommenden Samstag um 19 Uhr 30. Mit Live-Musik und dem Ensemble des Schauspiel Dortmund.

Zu Rainer Grebe:

Rainald Grebe ist Sänger und Musiker, Kabarettist und Schauspieler, Autor und Regisseur, Komponist und Puppenspieler. Er liebt echten Indianerfederschmuck und falsche Bärte. Er ist der Großmeister des kabarettistischen Wahnwitzes und schenkte

Rainald Grebe im Foyer des Schauspiel Dortmund. Foto: C. Stille

Dörte ein Liebeslied und Brandenburg eine ganze Hymne. Er verführt mit seiner Sprachgewalt, spinnt uns ein in seine dadaistische Komik, seinen klugen anarchischen Unsinn und lässt uns hart in der Wirklichkeit aufschlagen. Vermutlich kann Rainald Grebe fast alles – und noch ein bisschen mehr. Wahrscheinlich kann er sich deshalb zwischen Kabarett und Theater nicht entscheiden. Jüngste Arbeiten am Theater widmete er dem Weltklima (Centraltheater Leipzig), analogen Aufbrüchen ins Digitale (Schauspiel Hannover) oder dem Effzeh! Effzeh! (Schauspiel Köln). Unsere Herzkammer ist seine erste Stückentwicklung und Regie am Schauspiel Dortmund.

Vor nunmehr 12 Jahren wurde der türkisch-armenische Journalist Hrant Dink in Istanbul feige ermordet

Hrant Dink. Quelle: Agos

Gestern vor zwölf Jahren wurde Hrant Dink, Journalist, Autor und Herausgeber der türkisch-armenischen Zeitung „Agos“ in Istanbul feige ermordet.

Zum Andenken an ihn nochmals mein Beitrag „Hrant Dink-Mord und die Folgen“ (am 31.01.2007 auf Readers Edition erschienen).

Hrant-Dink-Mord und die Folgen

Artikel von Claus-Dieter Stille vom 31.01.2007 – Readers Edition

Hrant Dink, der ermordete Journalist, Herausgeber und Chefredakteur der türkisch-armenischen Zeitung „Agos“, ist unter der Erde. Hunderttausende Menschen waren seinem Sarg ganze acht Kilometer auf Istanbuls Straßen gefolgt. Vom Tatort vor der „Agos“-Redaktion bis zu seiner letzten Ruhestätte, dem armenischen Friedhof. Diese Menschen waren keineswegs alle Armenier. Schließlich leben in der Türkei nur noch zirka 80 000 armenischstämmige Bürger. Dennoch führten viele der um Hrant Dink Trauernden Plakate mit der Aufschrift „Wir sind alle Armenier“ und „Hrant Dink, das sind wir alle“ mit sich. Fürwahr ein hoffnungsvolles Zeichen für die Türkei. Das war nicht immer so.

Nationalismus – Fundament der Türkei

Mustafa Kemal Atatürk ist es zu verdanken, dass nach dem Untergang des einst stolzen und mächtigen Osmanischen Reiches ein Rumpfstück des vormals riesigen Staatsgebietes durch Gründung der Türkischen Republik vor den Begehrlichkeiten westlicher Staaten – undsomit vor der endgültigen Aufteilung des Landes – bewahrt werden konnte. Mit eiserner Hand führte Atatürk sein Land in die Moderne. Mittel, um diese Republik und ihre sich aus unterschiedlichen Ethnien zusammengesetzten Bevölkerung zusammenzuhalten, war von Anfang an der Nationalismus. Nicht wegzudenken dabei ein starkes Militär, das sich bis heute als treuer Verwalter sowie unnachgiebiger und stets wachsamer Bewahrer von Atatürks Vermächtnis versteht.

Hrant Dink ist Opfer eines überhitzten Nationalismus rechtsfaschistischer Prägung geworden. Mit Atatürks Ideen hat das kaum etwas zu tun. Die Ursachen des Verbrechens bzw. der Umstand, dass es erst möglich wurde, erklären sich aber dennoch aus der Geschichte der Türkei. Das Staatsgebilde war stets und ist auch heute noch in diffiziler Verfassung. Auch ein noch so strammer Nationalismus konnte den in vielen türkischen Seelen wohl noch immer herumwabernden Phantomschmerz nicht übertünchen, der aus dem Verlust des Osmanischen Reiches herrührt. Ebenso mag die Angst, bestimmte Kräften in der Türkei mehr Rechte zuzugestehen – wie beispielsweise Minderheiten wie den Kurden – damit zu tun haben, dass man um die nationale Identität fürchtet. Würden nicht auch die Lasen, Tscherkessen, Tschetschenen u.a. die gleichen Rechte einfordern? Vielleicht tut man sich deshalb in Ankara auch so schwer mit der Abschaffung des § 301 des Türkischen Strafgesetzbuches („Beleidigung des Türkentums“).

Keine Zukunft ohne Vergangenheit

Die Wahrheit aber ist, dass die Geschichte der Türkei eben nicht erst 1923 mit Atatürk und er Republiksgründung beginnt. Langsam scheint dieses Einsicht Platz zu greifen. Dazu gehört auch, dass hier und da griechische Hinterlassenschaften, z.B. einstige Kirchen, inzwischen vom Staat restauriert werden. Auch diese gehören zur Historie der Türken. Um dies aber auch Schafhirten begreiflich zu machen, die in einem verlassenen griechischen Gotteshaus einen Stall eingerichtet haben, bedarf es vor allem einer verbesserten und von Ressentiments befreiten Schulbildung, die auch Mädchen in einsamsten anatolischen Dorf erreicht. Einiges nur weil 2007 Präsidentschafts- und Parlamentswahlen anstehen, kämpfen unterschiedliche politische Kräfte hart gegeneinander, sondern auch, weil es um den künftigen Platz der Türkei in der Weltgemeinschaft geht.

Orhan Pamuk sagt Deutschlandreise ab – Trügerische Hoffnung

Seit dem Mord an Hrant Dink vergeht kein Tag, an dem in der türkischen Presse nicht über Hintermänner jener Bluttat spekuliert wird. Fakt aber scheint zu sein: Es waren Feinde einer nach mehr Demokratie, Weltoffenheit und friedlich nach Westen zu Europäischen Union strebenden Türkei, wie es auch Premier Erdogan sieht.

In diesem Kontext betrachtet, macht es Hoffnung, das Hunderttausende in Istanbul auf ihre Plakate geschrieben haben hatten „Wir sind alle Armenier“. Offenbar begreifen viele türken, wie sehr auch u.a. Armenier untrennbar Teil und Geschichte der Türkei sind. So war der armenischstämmige Dink ein sein Land liebender türkischer Staatsbürger und eben nicht ein Feind der Türken und der Türkei, wie es die Anzeige wegen „Beleidigung des Türkentums“ und seine Verurteilung nach § 301 implizieren sollte. Viele Journalisten bewiesen ihre Verbundenheit mit Hrant Dink und der Zeitung Agos. Unentgeltlich stellten sie ihre Arbeitskraft der nach dem Mord an Dink täglich herausgebrachten Wochenzeitung zur Verfügung.

Wie trügerisch diese Hoffnung jedoch vorerst noch ist, zeigt eine heute zur Gewissheit gewordene Tatsache: Der „Kölner Stadtanzeiger“ berichtet, dem Hanser-Verlag zufolge habe der Literaturnobelpreisträger Orhan Pamum seine für diese Woche geplante Reise nach Deutschland aus Sicherheitsgründen abgesagt. Das betrifft Auftritte in Köln, Hamburg, Stuttgart und München. In Berlin sollte er am Freitag die Ehrendoktorwürde der Freien Universität erhalten. Einer der mutmaßlichen Drahtzieher des Ogün Samast verübten Mordes, Yasin Hayal, hatte Pamuk gedroht, als er dem Haftrichter vorgeführt worden war; so vermeldete die Nachrichtenagentur Anadolu Ajansi. Seither bekommt der Literaturnobelpreisträger Personenschutz.

Laut Mitteilung eine Funkhaus-Europa-Korrespondentin vom heutigen Tag aus Istanbul, befürchtet man, dass Orhan Pamuk ein ähnliches Schicksal bevorstehen könnte, wie einst dem wegen seiner „Satanischen Verse“ mit dem Tode bedrohten Salman Rushdie. Angeblich soll Pamuk planen, vorerst nach New York zu gehen. Dort steht dem Gastdozenten auf dem Campus der Columbis University eine Wohnung zur Verfügung. Die aus Sicherheitsgründen nun schon zweite Absage einer Deutschlandreise Pamuks ist zwar ein herber Verlust, jedoch nur zu verständlich.

Um so mehr sollten wir Pamuk lesen“ Empfehlenswert sind alle seine Bücher. Wer jedoch die türkei und ihre Situation besser verstehen und ein wenig tiefer in das Milieu jener Dunkelmänner aus nationalistischen oder islamistischen Kreisen der Türkei eintauchen will, sollte sich Orhan Pamuks Roman „Schnee“ vornehmen. Das Buch ist fesselnd bis zu letzten Zeile und nach dieser Lektüre wird so manches klarer …

Hinweis: Bitte beachten, dass der Beitrag im Kontext zur damaligen Zeit entstanden ist.