Lutz Jahoda, alles Gute weiterhin! Das künstlerische Multitalent feierte seinen Neunzigsten

Das neueste Buch ist auch bereits angekündigt. Hier ist die Vorderseite des Covers abgebildet (via Lutz Jahoda).

Gleich wird es hektisch“, schrieb Lutz Jahoda gestern auf Facebook. Denn gewiss hatte er viele Gäste zu erwarten. Am gestrigen Sonntag bei hoffentlich herrlich-sommerlichem Wetter.  Zum neunzigsten Geburtstag des geistig stets jung gebliebenen Multitalents, das wie ehedem vor lauter Elan sprüht.

Geschichtsvergessenheit ist das Schlimmste

Geschichte gilt ja Vielen als etwas arg Trockenes. In der Schule ist es Pflicht. Das Fach wird irgendwie hingenommen. Und Viele lassen nach dem Verlassen der Schule Geschichte oft Geschichte sein. Derweil schreiben, machen und werden dieselben Menschen – oft ohne sich dessen bewusst zu werden – selber (zu) Geschichte. Geschichtsvergessenheit ist gewiss das Schlimmste, was daraus erwachsen kann. Schlimmer noch, wenn dann Geschichtsvergessene in verantwortliche Positionen gelangen.

Keine Zukunft ohne Vergangenheit

„Nur wer die Vergangenheit kennt, hat Zukunft“, schrieb Wilhelm von Humboldt. Später präzisierte, offenbar darauf aufbauend, Hans-Friedrich Bergmann: „Wer die Vergangenheit nicht kennt, kann die Gegenwart nicht verstehen. Wer die Gegenwart nicht versteht, kann die Zukunft nicht gestalten.“

Und beim Philosophen und Schriftsteller George Santayana heißt es schließlich:

„Wer die Vergangenheit nicht kennt, ist gezwungen, sie zu wiederholen“.

In Brünn (Brno) geboren

Lutz Jahoda kennt seine Vergangenheit gewiss. Lutz Jahoda wurde am 18. Juni 1927 in Brünn (Brno), Tschechoslowakei geboren. Gewesenen DDR-Bürgern dürfte der Schauspieler, Entertainer, Sänger und Autor mit Sicherheit ein Begriff sein. Menschen aus den Altbundesländern hingegen werden den vielseitigen Künstler, dessen Familienname Jahoda im Tschechischen das Wort für

Rückseite des Covers von „Lustig ist anders“ (via Lutz Jahoda).

Erdbeere ist, eher weniger kennen. Ein Verlust, wie ich meine. Was sich ändern ließe. Lutz Jahoda hat auch mehrere Bücher verfasst.

Eines davon kam mir erst jetzt unter die Hand. Warum geriet mir Jahoda als Buchautor erst so spät in die Hände? Der Titel „Up & Down“, Nervenstark durch ein verhunztes Jahrhundert“ (erschienen bei edition lithaus) war für mich in doppelter Hinsicht eine Premiere: Es war nämlich zugleich mein allererstes e-book.

Jahoda ist nicht nur ein vielseitiger Entertainer allererster Güte, sondern gleichzeitig auch ein hervorragender Autor. Dies muss dem Brünner sozusagen von Anfang an im Blut gelegen haben. Verständlich, dass Jahodas früher Berufswunsch Journalist gewesen ist.

Biografisches

Doch zunächst machte Lutz Jahoda eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann. Dann ergab es sich, dass er über Kontakte zu Feuerwehrleuten, die als Brandwache an einem Theater seiner Heimatstadt Dienst taten, als Kleindarsteller zur Bühne. Lutz Jahoda erhielt 1944 an den Kammerspielen seine erste Sprechrolle. Und zwar an der Seite von Hilde Engel. Der Mutter von Frank Elstner.

Jahoda war im August 1945 nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in Wien mit der Familie Elstner zusammengetroffen. Bei Erich und Hilde Elstner nahm Lutz Jahoda privat Sprechunterricht. Schon 1946 zog er mit den Elstners nach Berlin. Statt eine Reporterstelle anzutreten nahm Jahoda einen Rollenangebot des Theaters am Nollendorffplatz an. Wie der Zufall so spielt! Alles über die Karriere diese Künstlers finden Sie hier.

Böhmisch-österreichisches Lebensgefühl

Als Schüler in Halle an der Saale war der erste von Lutz Jahoda gesungene und von einem Radiogerät namens „Potsdam“ (mit magischem Auge, das

ich liebte) wiedergegebene Titel, den ich zu hören bekam: die „Blasmusik von Kickritzpotschen“. Später hörte ich ihn noch oft mit anderen Titeln im Radio, von der Schallplatte sowie verfolgte dessen vielen , Aufritte im Fernsehen (z.B. „Lutz und Liebe“). Jahoda strahlte dort aber auch in Filmen ein böhmisch-österreichisches Lebensgefühl aus, das ich schon früh zu lieben begonnen hatte. Man denkt dabei an Schwejk und Wiener Schmäh. Dieses Lebensgefühl, transportiert über Jahodas Aussprache und Gesang mit dem entsprechend darin wohltönendem Idiom korrespondierte für mich mit anderen Stimmen. Etwa der des Schauspielers Fritz Eckardt. Welche ich aus Krimi-Hörspielen, die ich im Österreichischen Rundfunk hörte, kannte. Oder später dann – gesprochen von mir auf Deutsch, aber mit jenen ganz gewissem Akzent, auf meine Fragen antwortenden Menschen – bei Besuchen der tschechoslowakischen Hauptstadt Prag, die den nämlichen Klang verlauten ließen. Den ich nach wie vor so liebe.

Geschichte, gar nicht staubtrocken

In „Up & Down“ berichtet Lutz Jahoda aus tschechoslowakischen-österreichischen Zeiten. Aus Brünn, seiner Heimatstadt. Von seiner Kindheit und Jugend. Was der Autor da präzise aus der Erinnerung erzählt ist gelebte Geschichte. Und die kann – wenn wir uns dafür interessieren – heute absolut lehrreich und hoch spannend sein. Immerhin ist sie von einem unmittelbaren Zeitzeugen so persönlich, detailreich und lebhaft nacherzählt. Daran ist nichts Staubtrockenes. Wie es uns zumeist aus Geschichtsbüchern entgegen stiebt. Auf das wir uns gelangweilt abwenden. Ganz im Gegenteil! Lutz Jahoda zieht uns, so gekonnt und fesselnd wie er es versteht (mit Geschichtskenntnis versehen und als früh politisch Denkender) spannend zu schreiben, mit jeder Zeile in sein Leben, mitten in die Geschichte (im Doppelsinne) hinein. Jahoda pflegt einen Schreibstil, der einen vom ersten Wort an begeistert. Ich gestehe: Wäre die Zeit dafür gewesen, das Buch hätte ich ohne es zwischendurch zuzuklappen in einem Rutsch ausgelesen!

Wir erfahren darin viel über das Verhältnis von Tschechen und Deutschen. Und bekommen eine Vorstellung darüber, wie Europa auf den Ersten Weltkrieg zusteuern konnte und später der Zweite Weltkrieg entfacht werden könnte. Lutz Jahoda, der ja erst nach dem Ersten Weltkrieg geboren wurde, hat dazu – wie man über Zeilen hinweg spürt – akribisch recherchiert. Mit Blick auf die aktuelle Lage könnten wir daraus durchaus unsere Lehren für die unmittelbare Gegenwart und erst recht: die Zukunft ziehen!

„Sie wurden mit schwachen Nerven in ein starkes Jahrhundert hineingeboren, Herr Lutz“, sagte die entnazifizierte Wahrsagerin, als sie mir in Wien aus dem Kaffeesatz eines Großen Braunen Vergangenheit und Zukunft zu deuten versuchte.“

So hebt Lutz Jahodas „Up & Down“ an. mit einem „Rückblick“.

Der Autor begann daran „im Jahr 2010“ zu schreiben „unter jungen Menschen, von denen man meinen könnte, nichts mehr wissen zu wollen von der Misere der vergangenen einhundert Jahre, weil die ersten neun der Zweinullreihe längst schon wieder neue Sorgen bereiten. Also ist es nicht verkehrt, die Enkelinnen und Enkel den Erkenntnissatz des griechischen Philosophen Aristoteles wissen zu lassen, dass bereits im Anfang die Hälfte des Ganzen liegt.“ (Kapitel „Rückblick“)

Daran anschließend zitiert Jahoda aus dem „Ahlener Programm“ der CDU:

Das kapitalistische Wirtschaftssystem ist den staatlichen und sozialen Lebensinteressen des deutschen Volkes nicht gerecht geworden. Darum kann Inhalt und Ziel dieser sozialen und wirtschaftlichen Neuordnung nicht mehr das kapitalistische Gewinn- und Machtstreben, sondern nur das Wohlergehen unseres Volkes sein. Die neue Struktur der deutschen Wirtschaft muss davon ausgehen, dass die Zeit der unumschränkten Herrschaft des privaten Kapitalismus vorbei ist.“

Und auf den einstigen DDR-Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht anspielend, der das nach Jahodas Meinung nach auch nicht hätte schöner sagen können, schreibt Jahoda: dass dem „der folgende Satz des Ahlener Programms so nicht über die Lippen gekommen wäre:

dass vermieden werden müsse, den privaten Kapitalismus durch den Staatskapitalismus zu ersetzen, weil dies noch gefährlicher für die politische und wirtschaftliche Freiheit des Einzelnen wäre.“

Ähneln sich die Muster?

Das vorausschickend erinnert der Autor an Börsenkrach vom 24. September 1869 und den „Schwarzen Freitag“ des Jahres 1929, dem nächsten Zusammenkrach der Finanzen. Und kommt dann Zeilen weiter zum Vorspiel des Ersten Weltkriegs zurück. Zu den beiden Kaisern, den deutschen und den österreichischen, notiert er: „Volksnah ausgedrückt: Der eine Kaiser war beknackt, der andere Monarch senil, beide waren in Ängsten um ihr Reich, und brauchten einander.“

Dieses Kapitel ist betreffs der im Ersten Weltkrieg gipfelnden und den ihm vorauslaufenden Ereignissen sehr zu empfehlen.

Kurz nimmt der Autor abschweifend auch die Tatsache in Betracht, dass am 15. Februar 2003 „weltweit neun Millionen Menschen auf die Straße gingen, um Bedenken gegen das vorschnelle Vorgehen der Herren Bush junior, Donald Rumsfeld und Tony Blair anzumelden.“ Dennoch sei „am 20. März 2003, ohne offizielle Kriegserklärung“, der Angriff auf den Irak gestartet worden.

Und hat auch nicht vergessen, dass der SPD-Politiker Struck meinte, „dass Deutschland am Hindukusch verteidigt werden müsse.“ Ähneln sich die Muster?

Tappen wir, ließe sich, das daraus lernen: so immer wieder in neue Kriegsfallen? Geschichtsvergessen?! Vernunft nicht walten lassend?

Geschichtliches und Biografisches atemberaubend-spannend geschrieben

Der folgende, komprimierte aber hochinteressante Reise, Buchzeile um Buchzeile, durch die Geschichte – zu welcher Jahoda einlädt, lässt beim Leser manches Licht auf- , jedoch auch etliche rote Warmlampen angehen. Betreffend geschichtlicher Entwicklungen und politischer Fehlentscheidungen und Irrationalitäten. Wir lernen, wie im Kapitel 3: „Geschichte hat keinen Rückwärtsgang“. Könnten, so wir es denn wollten für die Gegenwart daraus Lehren und für die Zukunft einige Schlüsse ziehen, um erneute Fehler zu vermeiden.

Selbst Michael Curtiz taucht in Lutz Jahodas zuweilen atemberaubend-spannend geschriebenen Buch auf. Der, damals noch den Namen Mihály Kerzész tragend – aber schon im Filmgeschäft werkelnd – hatte sich nämlich in Jahodas Tante verguckt. Da war Lutz Jahoda freilich noch nicht geboren.

Und schon sind wir von den Fotos aus der Zeit her angekommen in der Welt der 1920er Jahre Wiens.

Nicht minder interessant das Kapitel 5 „Money, Money, Money! Der Rundfunk wird geboren, aber ich bin immer noch in der Warteschleife“

Begierig liest man sich voran. Man meint wirklich in die jeweilige Zeit des aufkommenden neuen Mediums hineinversetzt zu sein.

In „Kurze Zeit Heimat“, lässt der Autor einleitend Erich Kästner zu Worte kommen:

„Wer das, was schön war, vergisst, wird böse.

Wer das, was schlimm war, vergisst, wird dumm.“

Dessen eingedenk schreibt Jahoda mitreißend nun vermehrt seine bewusst selbst erfahrenen (Lebens-)Geschichte fort.

Sechs Jahre müsse den Emigranten aus Deutschland die Tschechoslowakei „paradiesisch vorgekommen sein“, lesen wir:“ keine Braunhemden, kein Siegheilgebrüll, keine körperliche Bedrohung durch SA-Schläger, keinen nächtlichen Überraschungsbesuch mit dem Ruf an der Wohnungstür. „Aufmachen! Geheime Staatspolizei!“ Das war dann 1938 vorbei.

Chamberlain hatte erklärt, die deutschen Minderheit werde im Sudetenland von den Tschechen unterdrückt, hatte damit aber nur nachgeplappert, was Hitler ihm auf dem Obersalzberg eingeredet hatte.“

In Wirklichkeit jedoch begab sich das Gegenteil: Fensterscheiben von Amtsgebäude wurden zerschlagen „und tschechische Aufschriften heruntergerissen, tschechische Gendarmerieposten bespuckt und tschechische Einwohner im Schlaf überfallen.“

Das schreckliche und folgenschwere Münchner Abkommen kam. – Der Anfang vom Ende.

Ohne Groll

Der Autor verlor letztlich seine Heimat. Wurde ausgewiesen. Ist nach Lesart des so benannten Bundes also ein Vertriebener. Groll aber darüber findet sich im Buch nicht. Groll hat auch im Leben Jahodas nie Platz gegriffen.

Der Schriftsteller und von früh an politisch hell denkende Zeitgenosse Lutz Jahoda wusste und weiß die Dinge und Geschehnisse in ihrem Kontext einzuordnen. Er verwechselt nie und an keiner Stelle Ursache und Wirkung.

Vielleicht auch, weil der Autor weiß, dass die Dinge nicht so einfach liegen, wie sie Manche gerne hätten. Deshalb kommt es durch ihn zu einer differenzierten Darstellung. Wir erfahren, was wir vielleicht nie so in den Medien hören: „dass die Ausweisung der Deutschen aus der Tschechoslowakei auf einen Beschluss Winston Churchills zurückgehe, den das britische Kriegskabinett bereits am 6. Juli 1942 fixierte und ein Jahr darauf auch von Roosevelt bejaht, von den Franzosen bestätigt und zuletzt auch von Stalin akzeptiert wurde.“

Indes, diese Einschränkung lesen wir dann doch: „Exilpräsident Edvard Benes aus der Verantwortung zu entlassen, als er in einer Brandrede in Brno die radikale Formulierung „vyliquidovat“ gebrauchte – das „Hinausliquidieren“ der Deutschen, was kurz danach zum Todesmarsch der Brünner führte ., könne einer gültigen Geschichtsschreibung nicht zugemutet werden.“ Darauf weist Eberhard Görner dankenswerterweise in seinem Nachwort hin.

Hervorragend, in gut lesbarem Stil, mitreißend geschrieben

Aber lesen Sie Lutz Jahodas Buch selber. Ich verspreche: Sie haben vor diesem intelligent, in einem mit ganz persönlichen , hervorragenden und gut lesbarem Stil geschriebenen Buch nicht eher wieder Ruhe, bevor sie es nicht ganz ausgelesen haben. Nachwirkung garantiert! Eine fesselnde Reise in die Historie. Unterhaltsam dazu. Ein Buch in welchem Lutz Jahoda seine mitreißende eigene Geschichte im Kontext zur ablaufenden Weltgeschichte voller persönlicher Erlebnisse samt Berichten über interessante Begegnungen mit anderen Zeitgenossen unterhaltend und noch dazu auf hohem Niveau gut lesbar präsentiert. Uns Leserinnen und Leser lädt das Buch dieses so außerordentlich facettenreichen, am Leben des mit so vielen Talenten gesegneten Künstlers, des wie eh und je charmant durchs Leben und auf die Menschen zugehenden Lutz Jahoda, rückblickend teilzunehmen.

Jahodas Buch ist ohne Frage auch ansprechende Unterhaltungslektüre. Aber in Teilen immer auch ein Historie, vielfach mit persönlichen Lebenserinnerungen gefüttert, nachzeichnendes und deshalb auch ein politisches Buch. Zumal das eines klugen Autors, der weit über den eignen Gartenzaun hinausblickt. Nicht nur Vor- und Nachkriegszeiten werden darin thematisiert und im Kontrast zur eignen Biografie beleuchtet. Auch der gar nicht immer so leichte Lebensweg eines Künstlers zu Zeiten des gescheiterten Sozialismusversuchs der DDR wird ein Stück beleuchtet. Ebenfalls DDR-Ende und Problematiken des nun neuen (?) Deutschlands werden nicht ausgeklammert. Und nicht die Finanzmarktkrise und deren Ursachen bleibt ohne Betrachtung.

Lutz Jahoda, im hohen Alter, bemerkenswert jung geblieben, klug und schlagfertig obendrein, ist stets auf Draht. Zu vielen Themen der Gesellschaft hat etwas zu sagen und sagt das dankenswerterweise auch. Nicht selten online. Dass er noch Zeit fand und findet, sich verstärkt dem Schreiben (geschrieben hat er ja zwar immer: für Bühne und Fernsehen, für Kollegen) zu widmen ist für seine Leser ein wahrer Glücksfall. Ein Geschenk für uns Lesende! Mögen aus Jahodas Feder noch viele Textzeilen fließen!

Mit Gewinn zu lesen

Geschichte ist ja Vielen etwas gar zu Trockenes. Etwas, das nach dem Absolvieren der Schule gern vergessen wird. Nicht so bei Lutz Jahoda! Wer mit ihm in die Geschichte reist und sich dafür interessiert, was Jahoda auf der eigenen Lebensreise passiert und begegnet ist, wird hoch auf begeistert sein. Wir als Lesende nehmen etwas mit, das wir selbst gebrauchen und bei Bedarf an andere weitergeben können. Wahrlich. Ein Gewinn und Glück für ihn wie uns, dass er mit „Up & Down“ nervenstark durch ein verhunztes Jahrhundert ging.

Wenn ich mir die derzeitige weltpolitische Situation so anschaue, scheint mir, den zurückliegenden Verhunzungen werden von geschichtslos agierenden Regierenden weitere, noch schlimmere Verhunzungen hinzugefügt.

Übrigens erscheint es mir ratsam, vor dem hier wärmstens empfohlenen Buch, zunächst die Romantrilogie „Der Irrtum“ (1-3) von Lutz Jahoda zu lesen. Mein Beitrag dazu hier.

Produktinformation (Quelle: Amazon.de)

Ein politisches, aber gleichzeitig auch privates Buch eines Mannes, der nicht aufgibt, sein Fernseh- und Rundfunkmetier alters- und wendebedingt verlassen hat und ins neue Jahrtausend professionell zur schreibenden Zunft übergewechselt ist, als hätte er zeitlebens nichts anderes gemacht. Wer Lutz Jahodas Lebensweg über Rundfunk, Film und Fernsehen hat verfolgen können, wird wissen, dass er schon mit dreißig als Liedertexter Bewegung ins heitere Genre brachte und 1971 sein erstes Buch schrieb, dessen Titel „Mit Lust und Liebe“ der Fernsehreihe „Mit Lutz und Liebe“ diente und bis zu viermal im Jahr über ein Jahrzehnt hinweg erfolgreich das Fernsehprogramm der DDR bereicherte.

Wer Lutz Jahodas Lebensweg über Rundfunk, Film und Fernsehen hat verfolgen können, wird wissen, dass er schon mit dreißig als Liedertexter Bewegung ins heitere Genre brachte und 1971 sein erstes Buch schrieb, dessen Titel „Mit Lust und Liebe“ der Fernsehreihe „Mit Lutz und Liebe“ diente und bis zu viermal im Jahr über ein Jahrzehnt hinweg erfolgreich das Fernsehprogramm der DDR bereicherte.

Das e-book „Up & Down“ gibt es zum Preis von 9,99 Euro als Kindle-Edition via Amazon.

Gestern nun ist das Multitalent Lutz Jahoda 90 Jahre alt geworden. Alles Gute weiterhin! Erst kürzlich informierte Jahoda, dass

sein neuestes Buch (unter Mitarbeit des Karikaturisten Reiner Schwalme)  mit dem Titel „Lustig ist anders“ herauskommt. Das zu lesen dürfte wieder ein Vergnügen sein und gewiss auch Anlass zum Nachdenken geben. Auch weltnetz.tv hat an Lutz Jahodas 90. Geburtstag gedacht.

Unter Verwendung eines älteren Artikels.

Neuer „Ohrenkuss“ mit Update zum Down-Syndrom

Cover der Ohrenkuss-Ausgabe „2017 – Ein Update“
Foto: Sandra Stein, Grafik: Maya Hässig

Den Ohrenkuss zu lesen und die Bilder darin zu betrachten, ist immer wieder ein Erlebnis. Selbst wurde ich seinerzeit auf das damit verbundene Projekt über eine Sendung von Alfred Biolek aufmerksam. Es ließ mich seither nicht mehr los. Nun, so informiert, Ohrenkuss-Chefredakteurin, gibt es ein Ohrenkuss-Update.
Die neue Ohrenkuss Ausgabe „2017 ein Update“ ist ein Update der MacherInnen zum Thema Down-Syndrom.

Aus der Pressemeldung

Durch die Touchdown-Ausstellung (hier und hier) in der Bundeskunsthalle in Bonn sind viele Menschen über das Thema Down-Syndrom ins Gespräch gekommen.
Wir wollen das Gespräch fortsetzen. Menschen mit Down-Syndrom machen
ein Update.
Ein Update der Themen, die ihnen wichtig sind.
Ein Update der Themen, die in ihrem Leben eine Rolle spielen.
Ein Update zu ihrem Blick auf die Welt.

Natalie Dedeux ist 18 Jahre alt und Ohrenkuss-Autorin ihr Leben lang.
Sie schreibt über ihre Zukunft: „Ich möchte weiter Bildung lernen. Da
lerne ich andere Berufe kenne. Ich möchte zum Beispiel gerne Koch.
Besonders liebe ich indisch. Ich möchte gerne in einem Büro arbeiten.
Das Büro ist groß. Zum Beispiel Schrifthersteller sein. Ich schreibe es
so auf, dass es Sinn ergibt. Ich möchte gerne ein Diktat über
Spätabtreibung machen. Ich bin auf der Welt, um etwas zu lernen und
nicht abgetrieben werden.“

Florian Mühle ist 31 Jahre alt, er schreibt: „Der Sinn des Lebens ist,
dass sich die Eltern freuen, dass ich am Leben bin. Das ist ein Geschenk
der Natur, solche Menschen wie mich zu gebären. Weil die Menschen mit
Down-Syndrom auch wertvoll sind.“

David Blaeser ist 12 Jahre alt und neu im Ohrenkuss-Team. Er blickt
kreativ in die Zukunft und kann sich vieles vorstellen: „Ich erzähle
über einen Roboter. Dieser Roboter ist cool und er kann meinen Eltern
helfen. Ich finde es gut, dass der Roboter uns hilft. Es kann unseren
Garten rasen mähen, kann auch in unserem Haus helfen wie z. B. Müleimer

touchdown, Ausstellung, Bonn, 2016, Bundeskunsthalle, Ohrenkuss, Down.
Foto: Sandra Stein, Köln.

wegbringen. Wenn wir in unserem Auto rein setzen dann fährt das Auto
automatisch alleine weg. Das Auto fährt selber weil, dass ist ein
Roboter. Er kann Pakete liefern, unser Haus deckurieren. Das finde ich
gut. Er muß sogar Klavier, flöte, tromel spielen. Er muß allen in meiner
Familie helfen. Er muß unsere Haus und in mein Zimmer putzen und meine
Hausaufgaben machen.“

Es wird nicht nur Privates, sondern auch Politisches behandelt. Teresa
Knopp, 21 Jahre alt, schreibt: „Man hört ja sehr viel Schlechtes über
die Welt. In den USA wurde jetzt der Donald Trump gewählt, das ist jetzt
der neue Präsident. Oder so Kriege und Gewalt und Terror, hört man sehr
oft von der Welt. Jetzt meinen auch manche Menschen, dass die Angela
Merkel jetzt auch einen Fehler gemacht hat in der
Flüchtlingspolitik.Weil, wenn wir Menschen mit Down-Syndrom mehr wären,
dann können wir die Welt schöner machen. Einfach, weil mehr Liebe
entsteht.“

Die Kölner Fotografin Sandra Stein hat die Bilder der aktuellen
Ohrenkuss-Ausgabe gemacht. Die Fotos sind in der Bundeskunsthalle
entstanden. In der Ausstellung „Touchdown. Eine Ausstellung mit und über
Menschen mit Down-Syndrom.

(mit „Ohrenkuss“)

Ruhrfestspiele Recklinghausen 2017 vom 1. Mai bis 18. Juni: Vorverkauf gestartet

Platz vor dem Ruhrfestspielhaus. Foto: C. Stille

Platz vor dem Ruhrfestspielhaus. Foto: C. Stille

Die Ruhrfestspiele sind eines der ältesten, größten und renommiertesten Theaterfestivals Europas. Sie finden alljährlich in den Monaten Mai und Juni in Recklinghausen statt (zur Entstehung des Festivals hier mehr). Eröffnet werden die Ruhrfestspiele Recklinghausen traditionell auch in diesem Jahr wieder mit einem großen Kulturvolksfest am 1. Mai auf dem grünen Hügel rund um das Ruhrfestspielhaus.

Auch in der Saison 2017 hat die Festivalleitung unter Dr. Frank Hoffmann wieder einen bunten Strauß an Inszenierungen namhafter Regisseure und Darbietungen preisgekrönter Schauspielgrößen zusammengestellt.

Das diesjährige Motto der Ruhrfestspiele 2017: Kopfüber Weltunter

Dazu schreiben die Organisatoren:

„Die Welt ändert sich. Stetig. Und immer schneller, so zumindest ist der Eindruck. Angesichts des politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandels und der radikalen Umbrüche, die unsere Weltordnung zunehmend ins Wanken bringen, meint man mitunter, die Welt stehe Kopf. Oder schlimmer noch, sie stehe kurz vor dem Untergang. Ein Zustand, der Ängste schürt, Ratlosigkeit auslöst, Ungewissheit hervorruft, in welche Richtung die Zukunft führt: abwärts oder aufwärts? Dabei vergisst man häufig, dass der Veränderung auch stets eine Chance innewohnt: auf Fortschritt, Verbesserung, Neubeginn.

Unter dem Motto „Kopfüber Weltunter“ setzen sich die Ruhrfestspiele vom 1. Mai bis 18. Juni 2017 mit diesem schwer fassbaren Schwebezustand

auseinander, der allen Zeiten des Umbruchs innewohnt. Dabei richten sie den Blick auf große revolutionäre Momente: von der Reformation über die Französische, Industrielle und Russische Revolution bis hin zur Protestbewegung auf dem Maidan. Zugleich spiegeln sie die aktuellen Entwicklungen – von den Herausforderungen der Flüchtlingsbewegung über den wachsenden Zuspruch radikaler Parteien bis hin zum digitalen Wandel. Herausragende Werke von Goethe, E.T.A. Hoffmann, Strindberg und Pirandello über Kafka, Brecht und Canetti bis hin zu Günter Grass und Woody Allen offenbaren die Zeitlosigkeit jenes Gefühls, das uns noch heute erfasst: Kopfüber Weltunter.

Auch unser diesjähriges FRiNGE Festival stellt vom 23. Mai bis 17. Juni 2017 die Welt auf den Kopf. Internationale Ensembles aus allen vier Himmelsrichtungen erobern mit verrückten, komischen, bezaubernden und atemberaubenden Performances unsere Spielstätten – darunter auch einige neue, die es zu entdecken gilt.

Stürzen Sie sich kopfüber in unsere Spielzeit! Wir sorgen dafür, dass Sie nicht untergehen!“

 

Grafik via Ruhrfestspiele Recklinghausen.

Grafik via Ruhrfestspiele Recklinghausen.

Der Kartenvorverkauf hat am 19. Januar 2017 um 9.00 Uhr begonnen. Hier einige ältere Beiträge von mir rund um und über die Ruhrfestspiele.

 

Zu Gast bei #Friedensfragen in Dortmund: Journalist und Menschenrechtsaktivist Peter Donatus zum Ökozid im Nigerdelta

Der Journalist und Menschenrechtsaktivist Peter Donatus. Fotos: C.-D. Stille

Der Journalist und Menschenrechtsaktivist Peter Donatus. Fotos: C.-D. Stille

Der Verein Bildung für Frieden e.V. hatte dieses Jahr in der Veranstaltungsreihe „Friedensfragen“ schon einige kompetente Persönlichkeiten zu Gast. Es waren dies Rudi Trautvetter, Frieder Wagner, Reiner Braun, Jürgen Grässlin und Willi Hoffmeister. Sie alle standen Rede und Antwort. Immer ging es um die Bedrohung des Friedens und darum, wie eine friedliche Welt zu erreichen wäre. Naturgemäß musste dabei immer auch über Krieg und Rüstung gesprochen werden, da beides den Frieden zerstört bzw. auf längere Sicht bedroht. Und die Lebensgrundlagen der Menschen zunichte macht. Schließlich wissen wir: Jede Waffe findet ihren Krieg.

Die Menschenrechtsaktivist und Journalist beschäftigt sich seit gut 30 Jahren mit den Umweltsünden des Shell-Konzerns in Nigeria

Am vergangenen Dienstag nun war Peter Donatus unter der Rubrik „Friedensfragen“ bei Bildung für Frieden in den Räumlichkeiten der Auslandsgesellschaft NRW e.V. in Dortmund eingeladen. Peter Donatus ist ein in Nigeria geborener freier Journalist und Menschenrechtsaktivist. Als Umweltaktivist beschäftigt er sich seit gut 30 Jahren radikal kritisch mit den Umweltsünden des Shell-Konzerns, welche dieser bei der Ölförderung im Nigerdelta in Nigeria verursachte bzw. hinterlassen hat.

Donatus konnte vor fast 28 Jahren nach mehrmonatiger Incommunicado-Haft im Staatssicherheitsgefängnis und schwerer Folter aus Nigeria fliehen. Seither lebt er in Deutschland.

Inhaftiert worden war er und vieler seiner Komilitonen nach Studentenprotesten und einem Generalstreik in seiner Heimat unter der damaligen Diktatur. Nach einem Strukturanpassungsprogramm, erklärte Donatus, vergleichbar mit der Situation heute in Griechenland, sei das Leben in Nigeria damals nicht mehr zu finanzieren gewesen. Besonders für Studenten.

Wie Krieg zerstören auch Umweltverbrechen die Lebensgrundlagen der Menschen

Von Donatus war zu erfahren, dass Umweltverbrechen nicht weniger als Kriege geeignet sind, die Lebensgrundlagen der Menschen anhaltend zu zerstören. Sein Vortrag unter dem Titel „Nigeria – Ökozid, Flucht und Migration als Folge der westlichen Rohstoffpolitik“ sollte dem Publikum im

Gastgeber Mark Brill (Bildung für Frieden e.V.) mit Peter Donatus.

Gastgeber Mark Brill (Bildung für Frieden e.V.) mit Peter Donatus.

Verlaufe des Abends unglaublich tief unter die Haut gehen. Der Begriff Ökozid setzt sich aus den Worten Ökologie und Genozid zusammen. Der Gast gab zu bedenken, dass man bei einem Krieg zumeist jemanden benennen könne, der der Aggressor sei. Anders im Falle von Ökozid. Die Täter seien erst einmal einmal Vertreter von gesichtslosen, unsichtbaren globale kapitalistische Machtstrukturen.

Donatus: „Derzeit leben wir in einem Land, in der Fakten nicht mehr zählen. Sondern nur Gefühle“

„Jeden Tag“, hob Peter Donatus an, „wenn ich mich wasche, begrüßen mich meine Narben“ und erinnerten ihn an die Folter einst in nigerianischer Haft (zu Peter Donatus gibt es weitere, ausführliche Informationen im (Greenpeace Magazin) im Alter von 109 Jahren verstorbener Vater hatte ihn freikaufen können.

Indem Donatus davon sprach, dass dieser Ökozid in der Lage dazu ist Kettenreaktionen bis hin Kriegen zu uns nach Europa auszulösen, schlug er einen Bogen zur hiesigen Debatte über Geflüchtete. „Derzeit leben wir in einem Land, in der Fakten nicht mehr zählen. Sondern nur Gefühle“, stellte Peter Donatus betreffs der momentanen Situation hierzulande fest. „Automatismen ersetzen die Vernunft. Wir erleben eine Gefühlsdemokratie.“ Rechter Terror, Populismus, Rassismus, des Antisemitismus und die Islamophobie zögen sich bedrohlich durch unser Land. Auslöser, hieße es sei die „Flüchtlingskrise“. Und er fragte: „Haben wir wirklich eine Flüchtlingskrise in Deutschland, in Europa?“ Davon habe er nichts mitbekommen: „In Europa haben wir nichts weiter als eine Solidaritätskrise.“

Das arme Afrika hat 2014 Millionen Flüchtlinge versorgt, während Europa nur 700 000 Geflüchtete aufnahm

In arme Afrika habe im Jahr 2014 14 Millionen Flüchtlinge versorgt. Im selben Jahr habe das reiche Europa nur 700 000 Menschen aufgenommen. Wo also sei diese Krise? Noch nie zuvor sei Flucht für Afrikaner so schwierig bis unmöglich und vor allem so teuer gewesen wie derzeit. Über 4500 Menschen hätten dieses Jahr „in Europas größtem Massengrab, dem Mittelmeer“ ihr Leben verloren. In den letzten 20 Jahren weit über 30 000! Eine Reise ohne Rückkehr. Menschen, die es nach Europa geschafft hätten, müssten damit rechnen, wieder abgeschoben zu werden. Donatus wies daraufhin, dass die CDU gerade in Essen einen Schwerpunkt diskutiere: Abschiebung. „Das ist kein Kinderspiel!“ Leben werde ruiniert, Menschen stürben dabei. Fragwürdig sei, dass deutsche Behörden Botschaften afrikanischer Länder Kopfgelder (300 oder 350 Euro) zahle, für erfolgreiche Abschiebungen.

Bundeskanzlerin Merkel gehe es darum, Flüchtlinge zu reduzieren, meint Peter Donatus

Grenzen würden seitens der EU bis in die Mitte Afrikas verschoben. Um Menschen abzuhalten nach Europa zu fliehen. Das, so Donatus, erinnere gewissermaßen an die unrühmlichen Taten einstiger Kolonialmächte, die 1885 willkürlich Grenzen auf dem afrikanischen Kontinent (Berliner Afrika-konferenz) gezogen hätten. Donatus empörte sich über die neuerliche Arroganz der Europäer: „Was erlauben, Strunz? Europa ist nicht Afrika!“

Frau Merkel gehe es nicht darum Fluchtursachen zu bekämpfen, sondern darum Flüchtlinge zu reduzieren.

Der Referent: „Überall in der Welt hat der Westen Chaos angerichtet. Militärisch, politisch, wirtschaftlich und soziokulturell“

Dabei sorgte gerade auch die EU mit für leergefischte afrikanische Meeresgebiete, mit hoch subventionierten Importen (z.B. Tomaten und Hähnchenteile) nach Afrika für den Ruin der Farmer dort und neben China mittels des Land Grabbing dafür, die Lebensgrundlagen von Afrikanern

Peter Donatus prangerte die Machenschaften des Westens in der Welt an.

Peter Donatus prangerte die Machenschaften des Westens in der Welt an.

zu zerstören. Donatus sprach es deutlich aus: „Überall in der Welt hat der Westen Chaos angerichtet. Militärisch, politisch, wirtschaftlich und soziokulturell.“ Hinzu komme die ökologische Katastrophe.

Ken Saro-Wiwa benannte die Folgen ökologischer Zerstörung drastisch als Genozid

Peter Donatus sprach die juristische Definition, die er „akzeptabel aber schwach“ nannte, von Ökozid aus: „die erhebliche Beschädigung, Zerstörung oder der Verlust von Ökosystemen eines bestimmten Gebietes durch menschliches Handeln oder andere Ursachen in einem Ausmaß, das die friedliche Nutzung dieses Gebietes durch seine Bewohner stark einschränkt oder einschränken wird“.

Der nigerianische Bürgerrechtler Ken Saro-Wiwa (hingerichtet 1995) aber habe die Folgen der ökologischen Zerstörung des Nigerdeltas drastischer als Genozid benannt.

Donatus benannte hinsichtlich des Ökozids zwar Faktoren: Natur (Klimawandel, Erderwärmung) und Mensch (rücksichtslose Geschäftspraktiken westlicher Konzerne, Subventionspolitik). Eigentlich Unsinn, fand der Gast. Denn den Faktor Natur müsse eigentlich Faktor Mensch genannte werden. Schließlich sei der Klimawandel von Menschen verursacht.

Wohlstand für den Westen. Die Folgen der Ausbeutung müssen die Afrikaner ausbaden

Der Westen ziehe aus der Ausbeutung seinen Wohlstand. Die Menschen in Afrika oder anderswo hätten dagegen fast ausschließlich allein die Folgen der Ausbeutung von Mensch und Natur auszubaden.

Man rechne für das Jahr 2050 allein mit 200 Millionen Klimaflüchtlingen. Die Lage in Afrika spitze sich zu. Etwa trockne der Tschadsee in atemberaubender Geschwindigkeit aus. Jetzt aber bereits spreche man in Europa und Deutschland von einer „Flüchtlingskrise“. Wo die denn sei, hinterfragte Donatus. Und stets hieße es dann, wenn Flüchtlinge kämen: damit habe man nicht rechnen können. Darauf sind wir nicht vorbereitet. Obwohl das doch seit Jahrzehnten abzusehen gewesen war!

Ein Blick zurück zeigt: Die Benachteiligung Afrikas sind nicht neu

Rückblickend machte der Gast aus Köln klar, dass die Benachteiligung des afrikanischen Kontinentes nicht neu ist. Dabei seien doch Afrika und Europa Nachbarn. Aber immer gehe es um Rohstoffe. Wovon der Wohlstand und die Erweiterung des Wohlstandes in Europa unmittelbar mit Afrika verknüpft sei. Dagegen habe er nichts, so Donatus: „Aber bitte nicht auf Kosten anderer Menschen!“ Dabei seien die ersten Europäer in Afrika sehr willkommen geheißen worden. Und er musste schmunzeln: „Heute sprechen wir bezüglich der Flüchtlinge von Willkommenskultur.“ Die Europäer missbrauchten die afrikanische Willkommenskultur seinerzeit. „Die Menschen wurden beraubt“ und versklavt. Ganze Generationen der produktiven Gruppe von Menschen im Alter von 17 bis 35 Jahren sei Afrika so verloren gegangen. Wissenschaftler meinten, Afrika habe sich bis heute nicht davon erholt.

Donatus: Befreiung Deutschlands vom Faschismus war nicht ohne Afrika möglich

Die eingeblendete Folie brachte es mit einer simplen Gleichung auf den Punkt: „Wir sind arm, weil ihr reich seid. Ihr seid reich, weil wir arm sind.“ Und Peter Donatus ging sogar soweit, zu sagen, nicht einmal die Befreiung Deutschlands vom Faschismus wäre ohne die Beteiligung von Millionen von Afrikanern gelungen: Zu Soldaten für europäische Armeen (in der französischen waren 25 Prozent der Soldaten Afrikaner) gemacht dienten sie als „Kanonenfutter“. Sogar der Marshall-Plan habe mit Afrika zu tun: Afrikaner seien gepresst worden, Lebensmittel, Kakao, Kaffee, ja gar Bettwäsche, Geschirr und vieles andere mehr zu spenden, um es in zerstörte Gebiete in Deutschland und anderswo zu liefern. Geld habe ebenso gespendet werden müssen. Den Massai seien 6000 Rinder abgepresst worden. Hungersnöte habe das ausgelöst. So habe sozusagen Afrika den darniederliegenden ehemals faschistischen Staaten Italien, Japan und Deutschland wieder auf die Beine geholfen! Und wieder brach Donatus das praktisch aufs Heute herunter. Hier höre man manchmal, Deutschland sei nicht das Sozialamt der Welt. Afrika aber sei einmal quasi das Sozialamt für Europa gewesen.

Donatus zitierte Konrad Adenauer aus dem Jahr 1928, der vor 1933 nicht nur Oberbürgermeister von Köln, sondern auch stellvertretender Präsident der Deutschen Kolonialgesellschaft war:

„Das Deutsche Reich muss unbedingt den Erwerb von Kolonien anstreben. Im Reiche selbst ist zu wenig Raum für die große Bevölkerung. Gerade die etwas wagemutigen, stark vorwärts strebenden Elemente, die sich im Lande selbst nicht betätigen konnten, aber in den Kolonien ein Feld für ihre Tätigkeit finden, gehen uns dauernd verloren. Wir müssen für unser Volk mehr Raum haben und darum Kolonien.“

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hätten afrikanische Länder, so auch Nigeria, bis in die 1960er Jahre gebraucht, um unabhängig zu werden. Sie mussten riesige Schuldenberge abtragen.

Sittenwidrige „Freihandelsabkommen“ mit afrikanischen Staaten

Peter Donatus erzählte, wie er mit tausenden anderen Menschen gegen TTIP und CETA demonstriert hat. Richtig fand er das. Doch im gleichen Moment sei ein sittenwidriges „Freihandelsabkommen“ der EU mit afrikanischen Staaten geschlossen worden. Dagegen habe er keinen Protest gesehen.Es gehe einfach darum, der EU die Märkte Afrikas zu öffnen. Afrika kann aber nicht mithalten mit diesem starken Europa.

Unwort „Wirtschaftsflüchtling“

Donatus wäre sehr dafür, das Wort „Wirtschaftsflüchtlinge“ zum Unwort des Jahres zu machen. Weil es nämlich scheinheilig sei. Weil es verblende,

Peter Donatus ist dafür, dass Wort "Wirtschaftsflüchtling" zum Unwort des Jahres zu machen.

Peter Donatus ist dafür, dass Wort „Wirtschaftsflüchtling“ zum Unwort des Jahres zu machen.

warum die Menschen aus Afrika flüchteten. Also müsse die Frage „Wer sind die Täter?“ gestellt und Täter zur Rechenschaft gezogen werden. Freilich sei das nicht zu erwarten. Hinsichtlich dessen müssten wir eigentlich auch über uns selbst reden.

Nigeria und dessen spätere Abhängigkeit vom Erdöl

Nach diesem vorausgehenden etwas langen, aber zum Verständnis des Ganzen m.E. notwendigen Schlenker in die Geschichte, kam Peter Donatus auf sein Geburtsland Nigeria zu sprechen. Nebenbei bemerkt erfuhren die ZuhörerInnen von der Frechheit, dass der Brite Lord Frederik Lugard (dazu hier mehr) einst als der Vater Nigerias galt. Der Ländername geht auf dessen Gattin zurück: Niger Area. Daraus wurde letztlich Nigeria. Einst sei das Land der größte Exporteur von Kakao, Erdnüssen und Palmöl gewesen. Später aber wurde es dann sehr abhängig von seinen Erdölexporten. Heute muss Nigeria Lebensmittel importieren.

Im Nigerdelta findet man ein Desaster vor

Das Nigerdelta gehört zu den größten Mangrovenregionen der Welt. Heute finde man ein Desaster dort vor. Es ist ölverseucht. Und die von Peter Donatus vorgeführten aktuellen Bilder sprachen für sich. Und das Schlimmste: inmitten der apokalyptisch anmutenden, verseuchten Gegend leben weiterhin 20 Millionen Menschen, die 40 verschiedenen Ethnien angehören. Sie essen giftigen Fisch oder schwer belastete Lebensmittel. Pipelines schlängeln sich mitten durch die Dörfer. Immer wieder träten Lecks auf. Entstehen Brände und ereignen sich Explosionen. Der Konzern Shell schicke irgendwann Trupps, die Sand über das ausgelaufene Öl kippten. Der Konzern deklariere das Gebiet hernach als „saniert“. In Ogoniland sei seit den großen Protesten von 1996 Shell nicht mehr tätig. Aber die Ölanlagen habe man zurückgelassen. Diese spuckten manchmal noch Öl aus. An manchen Stellen – das ist bekannt – ist der Boden bis in fünf Meter Tiefe verseucht. Die Frauen trocknen Maniok am abgefackelten Gas. Paradox, meint Donatus. Während die Wälder für Brennholz abgeholzt würden. Wo es manchmal nur drei Stunden am Tag Strom gibt. Und das Gas vergiftet das wichtige Lebensmittel. „Die Zukunft für mein Land“, sagte Peter Donatus, „sieht schwarz aus“. Er zeigte das Foto eines Kindes: „Es hat wahrscheinlich keine Zukunft. Außer vielleicht später als Zwangsprostituierte zu arbeiten.“

In zwanzig bis dreißig Jahren steht Nigeria vermutlich eine Krebsepedemie bevor

Nigeria sei nach Russland Nummer 2 beim Thema Gasabfackeln. „Die Umweltgesetze sind verdammt gut. Gut auf dem Papier“, so Donatus. In zwanzig bis dreißig Jahren, hat der Gast gelesen, stehe Nigeria vermutlich eine Krebsepedemie bevor. Fünfundzwanzig Prozent der Bevölkerung Nigerias, habe es da geheißen, wird Krebs bekommen. Illegal stelle die Not leidende Bevölkerung Benzin her. Explosionen seien keine Seltenheit.

Das Grundwasser im Nigerdelta ist durch Kohlenwasserstoff verseucht. Die Regierung muss Wasser in Tanks anliefern.

Schizophren, stellte Peter Donatus gegen Ende seines Vortrags fest: Das Nigerdelta gilt als reichste Region der Welt, ist jedoch die ärmste Region Nigerias.

Noch einmal erinnerte der Gast an die Verdienste von Ken Saro-Wiwa im Kampf gegen die Umweltzerstörung und dessen Hinrichtung.

Bislang sei es nur einmal gelungen, dass vier nigerianische Bauern und Fischer vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag Recht bekamen und mit Shell erstmals ein europäischer Konzern für außerhalb Europas vergangene Verbrechen verurteilt wurde.

Peter Donatus appellierte: Die politisch Verantwortlichen unter Druck setzen!

Seinen Vortrag schloss Peter Donatus mit drei Zitaten von Ken Saro-Wiwa (im Video, sh. unten, zu hören)

Hartes Brot war dieser interessante Vortrag bei „Friedensfragen“. Schwer danach, einfach wieder zur Tagesordnung überzugehen.Im Anschluss entspann sich noch eine interessante Diskussion mit dem Gast aus Köln.

Peter Donatus appellierte an seine ZuhörerInnen, die ein Parteibuch hätten, in einem Verein organisiert seien bzw. an die Menschen als WählerInnen. Speziell die Partei DIE LINKE sei bekannt dafür, wichtige Kleine Anfragen im Deutschen Bundestag einzubringen. Dadurch könnten die politisch Verantwortlichen unter massiven Druck setzen. Auch im Fall des nun in Dortmund diskutierten Ökozids. Bereits in 1990er Jahren sei es Donatus gelungen zwei Hearings zum Thema im Bundestag zu machen. Er hoffe, dass das nochmals gelinge.

Hinweis: Das Weltnetz.tv-Video mit der Rede Fidel Castros vor der UNO im Jahre 1979 habe ich in den Text eingefügt, weil es m. E. bestens zum Thema passt und die Worte des Comandante nach wie vor aktuell geblieben sind.

Der Vortrag wurde auf Video aufgezeichnet. Er ist auf  Weltnetz.tv veröffentlicht worden

 

Passendes zum Thema auch hier und hier.

Ausstellungstipp: TOUCHDOWN in der Bundeskunsthalle Bonn. Schau mit und über Menschen mit Down-Syndrom

Wolfgang und Robert Petkewitz, fotografiert für das Ohrenkuss-Heft VÄTER Foto: Martin Langhorst, Köln. 

Wolfgang und Robert Petkewitz, fotografiert für das Ohrenkuss-Heft VÄTER
Foto: Martin Langhorst, Köln.

Eine Ausstellung mit und über Menschen mit Down-Syndrom ist am 28. Oktober 2016 in der Bundeskunsthalle in Bonn eröffnet worden. In der Ausstellung TOUCHDOWN dreht sich alles um das Down-Syndrom. Gezeigt werden Spuren von Menschen mit Down-Syndrom in verschiedenen Zeiten und Ländern. Sowie in Filmen im Theater und der Gesellschaft.

Die Besucher der Exposition können erfahren, wie Menschen mit Down-Syndrom leben. Wie sie früher gelebt haben. Und wie sie in Zukunft leben möchten. Leserinnen und Leser des Magazins Ohrenkuss (hier mehr) dürften in dieser Hinsicht bereits bestens informiert sein. Die Ausstellung, die informieren und Fragen über Unterschiede und Gemeinsamkeiten stellen will, ist von Menschen mit und ohne Down-Syndrom gemacht und im Team erarbeitet worden. Bei Führungen können die Besucher mit ihnen ins Gespräch kommen. Es geplant, dass sie dann weiter wandert. Wohin ist noch nicht bekannt. Die Schau kam in Kooperation mit dem Forschungsprojekt Touchdown21 (dazu auch hier) zustande. Die Veranstalter sprechen von der ersten Schau dieser Art. Laut dpa betonte der Intendant der Bundeskunsthalle, Rein Wolfs, am vergangenen Freitag: „Es ist keine Inklusionsausstellung“. Die Schau verknüpfe auf einzigartigen Weise Kunst, kulturhistorische Aspekte und aktuelle Informationen zum Thema. Vorurteile sollen abgebaut und eine Debatte um gesellschaftliche Vielfalt befördert werden.

Das Ausstellungs-Team:

Dr. Katja de Bragança, Biologin und Humangenetikerin, Gründerin und Chefredakteurin von „Ohrenkuss … da rein, da raus“, dem Magazin, gemacht von Menschen mit Down-Syndrom, Dr. Heinz Greuling, Regisseur und Wissenschaftsjournalist, Rikola-Gunnar Lüttgenau, Historiker, Stellv. Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora.

Beirat:

Julia Bertmann, Autorin beim Magazin „Ohrenkuss …da rein, da raus“, sie hat das Down-Syndrom

Prof. Dr. Dr. Heinz Schott, Leiter des Instituts für Geschichte der Medizin an der Universität Bonn bis 2014 und Anne Leichtfuß, Online-Redakteurin, Übersetzerin für Leichte Sprache. Ausstellungsleiterin ist Henriette Pleiger (Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland).

Die Ausstellung „Touchdown“ ist noch bis zum 12. März 2017 in Bonn zu sehen.

Dortmunder Roma-Kultur-Festival „Djelem Djelem“ ging mit Demonstration und Familienfest zu Ende

Demozug für Vielfalt statt Einfalt in der Dortmunder Nordstadt. Fotos: Stille

Demozug für Vielfalt statt Einfalt in der Dortmunder Nordstadt. Fotos: Stille

Am brütend heißen Sonntagabend des 28. August war das 3. Roma Kultur Festival „Djelem Djelem“ mit dem feurig-rasanten, das Publikum mitreißenden Auftritt der Ausnahmeband „Fanfare Ciocârlia“ famos gestartet. Nun, am 11. September, einem angenehmen Sonn(en)tag mit leicht bewölktem Himmel – dem letzten Festivaltag – führte die „Balkan Brass Band Deutschland“, eine Roma-Band aus dem Süden Serbiens, am frühen Nachmittag einen Demonstrationszug durch die Dortmunder Nordstadt an. Von der Stollenstraße aus ging es über Alsenstraße und Schleswiger Straße, dabei zweimal die Mallinckrodtstraße querend – zum Nordmarkt.

Bürgerinnen und Bürger der Stadt zeigten Gesicht, um „Für Vielfalt, Toleranz und Solidarität – gegen Antiziganismus!“ zu demonstrieren. Kurz und knapp – dafür eindeutig unmissverständlich – die Botschaft auf dem Transparent der Arbeiterwohlfahrt, welches dem Demonstrationszug vorangetragen wurde: „Vielfalt statt Einfalt! Gegen Rassismus!“

Dortmund bleibt weltoffen und tolerant

Dortmund geht den Menschen entgegen, die zu uns kommen! Wir heißen sie willkommen! Denn wir alle sind Dortmund. Wir alle stehen zusammen. Unsere
Stadt bleibt weltoffen und tolerant. Wir zeigen Gesicht gegen Fremdenfeindlichkeit, Diskriminierung, Rassismus und Antiziganismus! Wir wollen mit dem Demonstrationszug durch die Nordstadt ein klares Zeichen setzen: Für einen toleranten Umgang miteinander. Gegen Abgrenzung von vermeintlich Fremdem. Gegen Vorurteile und Ausgrenzung. Für ein entschiedenes Aufstehen gegen kollektive Feindbilder. Für die gesellschaftliche Anerkennung aller Menschen. Gegen Rassismus, Hass und Gewalt“

So lautete die zu überbringende Botschaft in der Langfassung. Der Aufruf zur Demonstration war ein gemeinsamer. Und zwar vom AWO Unterbezirk Dortmund, Pro-Dortmund e.V. und dem SPD Unterbezirk Dortmund. Im Demozug vertreten waren u.a. Gerda Kieninger (MdL SPD u. Vorsitzende der AWO Dortmund, Stadtdirektor Jörg Stüdemann, Sami Dzemailovski (JuRoma u. Carmen e.V.) und Volkan Baran (Mitglied im Rat der Stadt).

Der Demonstrationszug erregte Aufmerksamkeit

Die gut aufgelegten Bläser der Band machten mit ihrem Blech ordentlich Rabatz. In den Häusern rechts und links der Straßen, welche die Demonstranten passierten, flogen die Fenster auf. Und heraus schauten Menschen – manche noch verschlafen im Pyjama, um zu schauen, was sich

Für die Anwohner ein Ereignis.

Für die Anwohner ein Ereignis.

da unter ihnen tat. Bewohner der Nordstadt, Zugewanderte aus aller Herren Länder mit unterschiedlichen Hautfarben. Die meisten von ihnen schauten zunächst erstaunt, waren aber dann sichtbar begeistert. Von der Straße wurde aus dem Demonstrationszug zu ihnen herauf gewinkt. Viele der Menschen an ihren Fenstern drückten mit erhobenen Daumen ihre Zustimmung für das einmalige Spektakel aus. Smartphones wurden gezückt und damit gefilmt oder fotografiert. Kinder am Straßenrand begannen ausgelassen zu tanzen. Frauen und Männern, die eben noch ein wenig ernst geschaut hatten, huschte ein Lächeln übers Gesicht. Es drückte wohl auch Anerkennung für das aus, was ihnen da vor Augen kam. Möglicherweise mochten die Menschen diesen Aufzug auch ein wenig als freundliches Entgegenkommen getreu dem im Aufruf proklamiertem „Denn wir alle sind

Die Balkan Brass Band war gut aufgelegt.

Die Balkan Brass Band war gut aufgelegt.

Dortmund“ ihnen gegenüber empfunden haben.

Familienfest auf dem Nordmarkt

Herzlich und jubelnd wurde der Demonstrationszug schließlich auf dem für das Familienfest vorbereiteten Nordmarkt empfanden. Vor der Bühne waren Zelte aufgebaut. Es war alles dafür getan, dass sich Neuzugewanderte und Alteingesessene in einer netten Atmosphäre begegnen konnten. Es bestand die Möglichkeit vor Ort Beratungs- und Integrationsangebote kennenzulernen. Ein buntes Fest nahm seinen Lauf. Kinder konnten sich schminken lassen. Und auf dem Nordmarkt roch es verführerisch nach den angebotenen leckeren internationalen Speisen. Auch an musikalisch abwechslungsreicher Unterhaltung fehlte es nicht. Informative Gesprächsrunden mit wichtigen Akteuren aus Politik, Vereinen und Organisationen waren geplant. Moderationen auf Deutsch, Romanes, Rumänisch und Bulgarisch sollten für die rechte Verständigung sorgen.

Wie das 3. Roma Kultur Festival im Nachhinein gesehen wird

Über sein persönliches Fazit betreffs des 3. Roma Kultur Festivals „Djelem Djelem“ befragt, gab Stadtdirektor Jörg Stüdemann an, einfach begeistert von diesjährigen Programm gewesen zu sein. Die meisten Veranstaltungen seien gut besucht gewesen. Regional und sogar überregional habe das Festival ordentlich Interesse geweckt.

Sami Dzemailovski ergänzte, dessen Qualität habe sich ebenfalls gesteigert. Auch die Organisation sei besser gewesen. Positiv bewertete Dzemailovski zudem, dass mit den Werken von Ruždija Russo Sejdović, der auch auf Romanes schreibt, erstmals Roma-Literatur bei „Djelem Djelem“ habe präsentiert werden können.

Mirza Demirovic, Fachfreferent für Kinder- und Jugendförderung, berichtete von der dieses Jahr überaus gut frequentierten Blockparty mit HipHop- und Rapgruppen im Dietrich-Keuning-Haus. Des guten Wetters wegen sei der Spaß auch unter Teilnahme von Skatern sogar vor dem Haus bis in den späten Abend gehen können.

Ricarda Erdmann (AWO) freute sich sagen zu können, dass „Djelem Djelem“ inzwischen zu einer Normalität geworden sei. Betreffs der in der Stadt lebenden Roma habe das Festival dazu beigetragen, dass, wenn es um sie gehe, nicht mehr nur über „Müllhäuser“ gesprochen werde. Man sei mit ihnen ganz gut ins Gespräch gekommen. Auch komme bei den Roma eine Selbstorganisation in Gang.

Berthold Meyer (Theater im Depot) blickte, um ein Fazit gebeten, ins Entstehungsjahr 2014 von „Djelem Djelem“ zurück. Es sei für ihn eine Zufallsbegegnung gewesen. Das damit verbundene Thema habe sozusagen auf der Straße gelegen. Meyer war voll des Lobes darüber, dass viele Menschen und Organisationen wie die AWO in der Stadt für das Roma Kultur Festival an einen Strang zögen. Nicht klein zu reden sei, das große Engagement der Stadt Dortmund. Nicht zuletzt sei das stellvertretend an der Person von Kulturdezernent Jörg Stüdemann und dessen unermüdlichem Einsatz für „Djelem Djelem“ festzumachen. Das Festival wachse von Jahr zu Jahr. Erstmals sei mit einer Filmaufführung und einer Freelance-Fotoausstellung neue Kunstformen eingeführt worden. Beides unerwartet erfolgreich. Dass sich im nächsten Jahr auch Nachbarstädte am Festival beteiligen wollen, findet Meyer gut. Dass es in Zukunft in der Stadt ein Haus der Roma-Kultur geben soll, so der Theaterleiter, werde positive Effekte haben.

Das 3. Roma Kultur Festival ist nun Geschichte. Das 4. „Djelem Djelem“ steht für 2017 sicher in Aussicht. Dortmund darf stolz darauf sein. Das diesjährige Festival war einmal mehr reich an facettenreichen und hochinteressanten Programmpunkten.

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Heiß, heißer, Fanfare Ciocârlia. Balkan-Brass-Band kündigte das 3. Roma-Kulturfestival DJELEM DEJLEM mit rasendem Tempo an

 

Fanfare Ciocârlia in Aktion; Fotos: C.-D. Stille

Fanfare Ciocârlia in Aktion; Fotos: C.-D. Stille

Offiziell beginnt das 3. Roma-Kulturfestival DJELEM DJELEM in Dortmund ja erst am 2. September.  Am gestrigen Sonntag allerdings fand das statt, was als eigentlicher  Startschuss des Festivals in Erinnerung bleiben wird: Der unvergessliche Gastaufritt der Balkan-Brass-Band „Fanfare Ciocârlia“ im Jazzclub domicil.

Leicht verspätet, dann aber dafür mit ein paar kräftigen Paukenschlägen begann das Konzert. Was dann folgte, war salopp ausgedrückt ein Gebläse vom Allerfeinsten. Die Hitze der vergangenen Tage hockte nicht nur noch draußen in der Stadt. Auch drinnen im domicil herrschten sommerliche Temperaturen. Die sich aber im Verlauf des Abends noch beträchtlich steigern sollten. Die Fanfare riss nämlich nahezu alle Zuhörer im unbestuhltem Saal mit. Und zwar von der ersten Sekunde an! Alt und jung, Kinder konnte nicht mehr still am Fleck bleiben. Die Musik der außergewöhnlichen Band geht ins Blut. Da kam selbst der ansonsten größte Tanzmuffel nicht umhin die Beine zu schwingen. Das war der Rythmus, der einen mitriss.  Die Körper der Besucher waren gleich wie ein Akkumulator von diesem aufgeladen. Erzeugt von den bis in die letzte Sehne mit gewaltig Puste hinein hoch  engagierten Musikern auf teuflisch-vibrierendender Bühne. Wer einmal eine Hochzeit auf dem Balkan erlebt hat, weiß: Die engagierten Musiker können das spielend über drei Tage hinweg durchhalten. Wenn Wikipedia schreibt,

In der Musikwelt gelten Fanfare Ciocărlia als Pioniere des Balkan Brass und der Balkan Beats. Mit ihrer Geschwindigkeit und Dynamik, ihrem Spielwitz und unverwechselbar osteuropäischem Sound haben sich Fanfare Ciocărlia seit dem Start ihrer internationalen Karriere im Jahr 1997 weltweite Anerkennung erspielt.

dann kann man jedes Wort davon unterschreiben. Für den Laien kaum vorstellbar, wie dieses rasante Tempo Brass-Band – noch dazu ohne schräge Töne – auf Dauer des Konzert bis hin zum Schluss und zuzuzüglich der Zugaben – durchzuhalten ist.

Und noch einmal aus dem Wikipedia-Eintrag:

Alle Mitglieder der Band sind Roma und die Formation gilt als eine der erfolgreichsten Roma-Ensembles Europas. Fanfare Ciocărlia sind bekannt für ihr schnelles und energetisches Spiel, komplexe Rhythmen und die temporeichen Soli von Klarinette, Saxophon und Trompete bei bis zu 200 beats per minute.

Fanfare Ciocărlias energiegeladene Live-Auftritte fallen dank ihres Esprits und Sinn für kontrolliertes Chaos aus dem üblichen Rahmen. Bei den Konzerten kommen zum Großteil alte und zerbeulte Blasinstrumente zum Einsatz. Partituren oder Notenblätter werden bei der ausschließlich mündlich tradierten Musik nicht verwendet. Die Band hat ihr traditionelles Repertoire um eigene Arrangements bekannter Evergreens erweitert (Born To Be Wild, James Bond Theme, Caravan, Summertime) und diesen Songs ihren eigenen Stempel aufgedrückt.

Seit ihrem internationalen Durchbruch hat Fanfare Ciocărlia mehr als 2.000 Konzerte in über 70 Ländern gespielt. 2016 feiert die Band ihren 20. Geburtstag mit einer Welttournee.

20160828_202909Die Fanfare hatte das Publikum von Anfang an in ihren Bann gezogen. Und die Akteure auf der Bühne genossen das sichtlich. Der Funke zum Publikum war zackig übergeschlagen. Und die Stimmung blieb durchweg fantastisch und ausgelassen. Die Musik erfasste einen. Der Alltag war für die Zeit des Konzertes ausgeblendet. Und das war gut so. An den heranrückenden Montagmorgen dachte wohl niemand. Es blieb völlig egal, ob man nun ein großer Tänzer ist oder nicht: Die vom Sound erzeugten Gefühle waren die 20160828_193929Hauptsache. Und die setzten sich in Bewegungsenergie um. Fast Derwischen gleich – wie in Trance versetzt – packte es manche Frauen. Sie flogen förmlich übers Parkett. Und Sandalen und Schuhe in die Ecke: Barfuss tanzte es sich besser. Doch auch die Herren der Schöpfung ließen sich nicht lumpen und legten eine flotte Sohle aufs Parkett. Natürlich waren diejenigen Gäste mit Balkan-Hintergrund klar im Vorteil: Ihnen steckt diese Musik gewissermaßen im Blut. Aber auch Biodeutsche hielten ordentlich mit. Dazu hat nicht zuletzt dieses Festival in den zwei vergangene Jahren beigetragen. Stocksteif sind viele von ihnen längst nicht mehr. Fremde Kulturen sind vielfach – manchem gar nicht bewußt – in unsere eingegangen und vermögen diese zu bereichern. Heiß, heiß, heiß ging es zur Sache.  Und auch Kulturdezernent Jörg Stüdemann ging in der Pause ordentlich erhitzt aus dem Saal, um Kühlung zu suchen. Nur wo an diesem doppelt heißen SonDer zweite Teil des Konzerts gestaltete sich nicht minder ausgelassen.

Gegen Ende der tollen Show hielt es einige Damen nicht mehr: sie sprangen energiegeladen auf die Bühne, umtanzten Musiker – diese mit ihren Instrumenten um die Frauen. Die Instrumentalisten fühlten sich regelrecht angefeuert! Und noch einmal steigerte sich das Tempo. Apropos Feuer: Feurig-balkanisch raste, tobte der Saal im domicil. Auf der Bühne wie Unten: Der Schweiß floss in Strömen.

Als die Ausnahmeband dann Born To Be Wild intonierte, gab es kein Halten mehr. Da sang der Saal aus voller Kehle mit. Teufelskerle sind das, die Jungs von „Fanfare Ciocârlia„! Brava! Kommt bald wieder. Dortmund, wo ihr nun zum zweiten Male gastiertet, war begeistert.  Es gibt eine Steigerung von heißer: Fanfare Ciocărlia.

Logo via Kulturfestival Djelem Djelem.

Logo via Kulturfestival Djelem Djelem.

Also nicht vergessen: Am 2. September beginnt  DJELEM DJELEM und hält jede Menge Höhepunkte bereit. Möge man zahlreich nach Dortmund strömen.

 

 

 

 

3. Roma-Kulturfestival „Djelem Djelem“ in Dortmund. Balkan-Brass-Band Fanfare Ciocârlia heizt schon am Sonntag ordentlich ein

Logo via Kulturfestival Djelem Djelem.

Logo via Kulturfestival Djelem Djelem.

Es ist kaum zu glauben, aber wahr: Das nun bereits dritte Roma-Kulturfestival „Djelem Djelem“ steht in Dortmund sozusagen in den Startlöchern. Das Festival ist ein Glücksfall für Dortmund. So sehen es inzwischen viele Menschen in der Ruhrgebietsmetropole und darüber hinaus. In der Stadt leben inzwischen zirka 8000 Roma. Das Festival bringt nicht nur hier und da ordentlich Leben in die Bude, sondern trägt auch von Mal zu Mal mehr dazu bei, die Roma und deren Kultur kennenzulernen und sich allmählich von Vorurteilen (Norbert Mappes-Niediek hat darüber geschrieben; dazu mein älterer Beitrag im Freitag) gegenüber dieser größten ethnischen Minderheit in Europa (zwischen 10 und 15 Millionen sollen es sein) zu verabschieden.

Viele unterschiedliche Menschen haben die vorangegangenen Festivals nun schon zusammengebracht. Die Dortmunder Politik lag mit der Unterstützung dieses Kulturfestivals goldrichtig. Inzwischen dächten sogar Städte wie Hagen, Gelsenkirchen und Duisburg darüber nach, sagte kürzlich Stadtdirektor und Kulturdezernent Jörg Stüdemann, das Konzept zu übernehmen und sich daran zu beteiligen.

„Djelem Djelem“ („Ich gehe“; Youtube via Boris Popovic) ist die Hymne der Roma allerorten.

Zum Festival:

Begeisterte zum Abschluss des 2. Roma-Kulturfestival in Dortmund: Esma Redzepova, die Köinigin der Roma-Musik; Foto: Claus Stille

Begeisterte zum Abschluss des 2. Roma-Kulturfestival in Dortmund: Esma Redzepova, die Köinigin der Roma-Musik; Foto: Claus Stille

Über den Ablauf und die Veranstaltungen des Roma-Kulturfestivals „Djelem Djelem“ schreibt mein Kollege Joachim vom Brocke von Nordstadtblogger.de, dessen Beitrag ich meinen Leserinnen und Lesern gern empfehle:

Podiumsdiskussion im letzten Jahr mit einer jungen Leuten. Von links nach rechts: Moderatorin Perjan Wirges, Behara Jasharaj und Jasar Dzemailovski; Fotos: C.-D. Stille

Podiumsdiskussion im letzten Jahr mit einer jungen Leuten. Von links nach rechts: Moderatorin Perjan Wirges, Behara Jasharaj und Jasar Dzemailovski; Fotos: C.-D. Stille

„Mit ganz viel Musik, aber auch mit Lesung, Diskussion, Filmabenden, einer Schauspielaufführung und etlichen Partys gibt es vom 28. August bis 11. September die dritte Auflage von „Djelem Djelem“, dem Roma-Kulturfestival in Dortmund. Zentrum des Veranstaltungsreigens ist die Nordstadt als Stadtteil, der am stärksten von Zuwanderung und kultureller Vielfalt geprägt ist.

Schon vor dem offiziellen Beginn am 2. September wird ins Programm gestartet. Im domicil an der Hansastraße ist am Sonntag, 28. August, 19 Uhr, die Balkan-Brass-Band ‚Fanfare Ciocârlia‚ zu Gast, die ‚wohl bekannteste Band aus Rumänien‘, wie Berthold Meyer“ (Theater im Depot Dortmund) versicherte“. (Links: Claus Stille)

„Nach fast 20 Jahren sind die zwölf Musiker wieder in Dortmund zu erleben, die bereits – damals noch unbekannt – das Microfestival bereicherten. Karten für 25 Euro, ermäßigt 12,50, gibt es an allen bekannten Vorverkaufsstellen.“

Zu den vorangegangen zwei Roma-Kulturfestivals „Djelem Dejlem“ lesen Sie, so Sie mögen, meine Beiträge hier und hier.

Podiumsdiskussion im Dortmunder Rathaus: „Globaler Rohstoffhandel – wer zahlt, wer profitiert?“

Die Diskutanten v.l.n.r: Vincent Neussl, Dr. Médard Kabanda, Johanna Sydow und Matthias Baier; Fotos: C.-D. Stille

Die Diskutanten v.l.n.r: Vincent Neussl, Dr. Médard Kabanda, Johanna Sydow und Matthias Baier; Fotos: C.-D. Stille

Eine interessante Diskussion zum globalen Rohstoffhandel fand am Dienstagabend im Dortmunder Rathaus statt.

Konkret ging es um folgenden Fragen: „Wer und was macht Coltan zum Konfliktrohstoff? Wer sind die Gewinner, wer die Verlierer der globalen Wirtschaftsbeziehungen? Welche Forderungen gilt es an Regierungen, internationale Konzerne und Konsumenten zu stellen, um ein faires und zukunftsfähiges Wirtschaften zu fördern?“ Die Veranstaltung stand unter dem Motto „Globaler Rohstoffhandel – wer zahlt, wer profitiert?“

Begrüßung der Gäste durch Birgit Jörder

Begrüßt die Gäste: Bürgermeisterin Birgit Jörder.

Begrüßt die Gäste: Bürgermeisterin Birgit Jörder.

Bürgermeisterin Birgit Jörder begrüßte die Gäste. Sie wies daraufhin, dass wir alle u.a. durch Nutzung der nicht mehr aus unseren Leben wegzudenkenden Smartphones mit dem Thema in Berührung stehen: Denn Smartphones sind ohne den Rohstoff Coltan nicht herstellbar.

„Global denken – lokal handeln ist die Maxime. Auf nachhaltiges Handeln kommt es an.“ Sie denke, in Dortmund sei man da ganz gut eingestellt.

Coltan-Fieber“ auf NRW-Tournee

Zum Auftakt der NRW-Tournee des Bildungs- und Theaterprojektes „Coltan-Fieber“ für Schulen und Erwachsene informierte Christa Morgenrath, Projektleitung „stimmen afrikas/ Allerweltshaus Köln“ und „africologne/ Theater im Bauturm/Köln“ über das Projekt. Dieses könne beispielhaft über die Problematik globaler Rohstoffhandel informieren.

Über die Entstehungsgeschichte des Theaterprojektes

Gerhardt Haag, Theaterleitung & Künstlerische Leitung africologne, berichtete über die Entstehungsgeschichte des Theaterprojektes „Coltan-Fieber“.

Christa Morgenrath und Gerhardt Haag (links) zum Theaterprojekt.

Christa Morgenrath und Gerhardt Haag (links) zum Theaterprojekt.

Den Anstoß dafür lieferte die Goethe-Gesellschaft in Kigali/Rwanda. Doch das Thema war für das Land zu heiß. Man sei dennoch dran geblieben und habe das von Jan-Christoph Gockel inszenierte Stück zusammen mit dem Theater FALINGA Ouagadougou/Burkina Faso entwickelt. Autor ist Aristide Tarnagda. Dessen Skizze wurde in Köln gezeigt.

Coltan-Fieber“: Aufführung am 11. Juni im Theater im Depot

Letztlich kristallisierten sich daraus zwei Stücke heraus. „Coltan-Fieber“ hatte am 31.10.2014 in Ouagadougou verspätet nach einem Volksaufstand in sehr aufgeheizter Situation Premiere. Das deutsche Auswärtige Amt hat das Projekt unterstützt. Das Stück konnte dann auch in Kinshasa in der Demokratischen Republik Kongo – wenngleich nicht direkt in der Coltan-Region im Ostkongo – aufgeführt werden. Einer der damaligen Schauspieler, freute sich Gerhardt Haag, sei nun auch endlich dank Hilfe des deutschen Außenamtes nach mehrmaliger Ablehnung eines Visas, am Montagabend in Deutschland eingetroffen. Er befand sich im Publikum.

Das Stück „Coltan-Fieber wird übrigens am 11. Juni im Dortmunder Theater im Depot um 20:00 Uhr zu sehen sein.

Die Diskutanten

Die von Sandrine Blanchard, Redaktion frankophones Afrika, Deutsche Welle, moderierte Diskussion ging auf viele Aspekte des sehr komplexen

Johanna Sydow von Germanwatch.

Johanna Sydow von Germanwatch.

Themas der Veranstaltung ein. Die Expertin in der Runde, Johanna Sydow, Referentin für Ressourcenpolitik, Germanwatch Berlin, und deren männliche Expertenkollegen, Vincent Neussl, Referent der Afrika Abteilung, Misereor Aachen, Dr. Phil Médard Kabanda, Dozent der Kultur- und Sozialwissenschaften der Uni Osnabrück und des Otto-Suhr-Instituts der Freien Universität Berlin, sowie Matthias Baier, Internationale Kooperationen – Afrika, Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe, Hannover informierten über den aktuellen wissenschaftlichen und politischen Stand der Debatte und das komplexe Gefüge der Konfliktlage in der Region der Großen Seen zu durchleuchten.

Sandrine Blanchard wies daraufhin, dass allein dort 50 bis 60 bewaffnete Gruppen den Coltanabbau kontrollierten. Wobei die Rohstoffe nicht die Ursache der Konflikte seien, sie jedoch anheizten.

Die Lage aus Sicht der einzelnen Diskutanten

Zunächst zeigte Matthias Baier zwecks Einführung den interessanten Film eines Journalisten über die Arbeitsbedingungen in einer zertifizierten

Martin Baier.

Martin Baier.

Coltanmine im Osten Kongos. Er handelt u.a. von einem einstigen Farmer, der sich – verschuldet – in einer Coltanmine verdingt hat. Dort wird mit Schaufeln und bloßen Händen wie zu Goldgräberzeiten gearbeitet. Reich kann davon niemand werden. Eine Zertifizierung ermöglicht die Bestimmung der genauen Herkunft der Rohstoffe.

Zwei Drittel der Minen gelten immerhin als konfliktfrei. Heißt, dort gibt es keine bewaffneten Auseinandersetzungen oder Kinderarbeit. Von dort kommt auch das Coltan, das etwa im Fairphone, dass Beier auch privat nutzt, verarbeitet ist.

Verbindliche Vorschriften statt freiwilliger Selbstverpflichtungen

Die weitere Diskussion erbrachte, dass freiwillige Selbstverpflichtungen der Importeure von Rohstoffen sowie der Hersteller von Handys, Laptops oder Autos bezüglich der Konfliktfreiheit der verwendeten Rohstoffe nicht zielführend sind. Sondern ausschließlich verbindliche Vorschriften. Daran ließ Johanna Sydow keinen Zweifel.

Kritik an Staat und Medien der Demokratischen Republik Kongo

Dr. Médard Kabanda beschrieb und skandalisierte die Ohnmacht des Staates gegenüber dem stattfindenden Unrecht sowie dessen beklagenswerte

Dr. Médard Kabanda.

Dr. Médard Kabanda.

Handlungsunfähigkeit in weiten Bereichen im Kongo. Der doch eigentlich ein reiches Land sei. Profitieren vom Rohstoffabbau würde hauptsächlich – und dass bereits seit Kolonialzeiten – Cliquen und Clans im Lande. Viele Menschen rackerten sich dagegen in den Rohstoffminen barfuß und mit bloßen Händen für lächerlich geringen Lohn ab. Auch kriegerische Auseinandersetzungen nicht nur in Rwanda, sondern auch im Kongo hätten tiefe Spuren in der Bevölkerung hinterlassen. Der Staat komme seinen Aufgaben nicht nach. Rohstoffe verschwänden in die Nachbarländern. Es gebe weder Kontrolle, noch würden Zölle erhoben. Ein Manko an ermöglichter Bildung sei zu konstatieren. Die aus den Ressourcen des Landes erzielten Gewinne würden nicht gerecht über die Bevölkerung verteilt. „Die Masse der Bevölkerung leidet.“

Die eigene „Verfassung wird mit Füßen getreten“. Kabanda: „Der Staat ist eine Katastrophe.“ Die Medien seien alle von der Regierung gekauft.

Kongo hat sogar einen Minen-Kodex. Dieser werde aber nicht angewandt, wusste Sandrine Blanchard. Der Staatshaushalt des Kongo, auch das darf nicht unbedacht bleiben, beträgt gerade einmal um die acht Milliarden Euro.

Bemühungen um fairen Rohstoffabbau

Vincent Neussl sprach über die starken Bemühungen betreffs fairen Rohstoffabbaus

Vincent Neussl.

Vincent Neussl.

der fest in der kongolesischen Zivilgesellschaft verankerte katholischen Kirche des Landes. Er wollte dank der Dodd-Frank-Gesetzgebung in den USA und der Europäischen Richtlinien, die kein zahnloser Tiger sein dürften, zwecks fairen Rohstoffhandels zarte Verbesserungen der Situation auch der Kleinschürfer sehen.

Hundertfünfzig Euro verdiene ein General, schob die Moderatorin ein. Wie solle der denn zu ordentlicher Kontrolle motiviert sein und Bestechungsversuchen gegenüber immun sein?

Keine einfachen Lösungen

Matthias Baier wandte ein, einfache Lösungen gebe es nicht. Auch verbindliche Verpflichtungen der Industrie hätten nicht unbedingt Verbesserungen zur Folge. Schließlich gingen auch die Kosten für Kontrollen letztlich zulasten der Minenarbeiter. Und natürlich sei auch die katholische Kirche zwar Teil der – aber letztlich nicht die Zivilgesellschaft an sich. Viele Kongolesen hätten keinerlei Stimme.

Die Runde war einig in de Analyse der Situation. Doch die Probleme sind komplex

Die spannende Diskussion zu einem hochwichtigen Thema hatte zum Ergebnis, dass die Probleme und die daraus resultierenden Notwendigkeiten des Handeln erkannt sind. Man war sich, wie Martin Baier einvernehmlich für die Runde feststellte schon ziemlich einig. Es ging gar nicht so kontrovers zu wie zu erwarten gewesen war. Dennoch sind die Probleme sehr komplex. Einfache Lösungen zu finden zu wollen, hieße naiv sein. Wobei auch zu beachten wäre, was Dr. Kabanda sagte:

„Die Worte der Politiker sind oft sehr groß, die Wirkungen vor Ort jedoch klein. Auf Menschlichkeit kommt es an.“

Ruhrfestspiele Recklinghausen: Claudia Amm und Günter Lamprecht lasen Pirandello

Claudia Amm und Günter Lamprecht während der Signierstunde im Buchshop der Ruhrfestspiele Recklinghausen; Fotos (3) C.-D. Stille

Claudia Amm und Günter Lamprecht während der Signierstunde im Buchshop der Ruhrfestspiele Recklinghausen; Fotos (3) C.-D. Stille

Eine bravouröse Lesung erlebten gestern Besucherinnen und Besucher der Ruhrfestspiele Recklinghausen. Claudia Amm und Günter Lamprecht, über viele Jahre nun schon hochgeschätzte Begleiter des einzigartigen Festivals fesselten, amüsierten und berührten das Publikum zu früher Uhrzeit mit Texten von Luigi Pirandello. Eigentlich hatte sich Pirandello vorgenommen für jeden Tag des Jahres eine Geschichte zu schreiben. Er hat’s nicht ganz hinbekommen: 240 sind es „nur“ geworden.

Aus der Ankündigung der Ruhrfestspiele:

Claudia Amm im Gespräch mit Besuchern.

Claudia Amm im Gespräch mit Besuchern.

„Viele seiner Geschichten spielen in Sizilien, der Insel, auf der Pirandello geboren wurde, die in der Zeit, als Italien fortschrittlich werden sollte, schwermütig und schön wie ein altes, schweres Schiff in ihrer Vergangenheit, ihren Sitten, der Art zu leben verankert blieb. In dieser Spannung zwischen Veränderung, Moderne, Nationalstaat und der Beharrlichkeit der Seele, dem Wunsch, im Althergekommenen zu leben, bewegen sich die Menschen, von denen Pirandello erzählt.

Günter Lamprecht signiert das Exemplar eines seiner Bücher.

Günter Lamprecht signiert das Exemplar eines seiner Bücher.

Ralf Vollmann hat in einer Liebeserklärung an Pirandello das besondere Fluidum seiner Prosa beschrieben: „Man will oft nicht glauben, dass ein Mensch, der geistvoll ist, Sensibilität genug für die Wahrheit des Inneren hat, aber Pirandello ist ein solcher Mensch. Er gibt nichts auf, er bleibt geistvoll, etwas ironisch, fast witzig; aber nun (…) beginnt die Realität (…) in einen sonderbaren schwebenden Zustand zu geraten; der Autor nimmt ihr die Schwere, dieses Lastende, das sie immer so undurchschaubar, so lichtlos macht.“

Im Anschluss an die mit großem Beifall aufgenommene Lesung signierten Claudia Amm und Günter Lamprecht eigene Bücher im Buchshop im Foyer des Ruhrfestspielhauses. Günter Lamprecht gilt als großer Freund des Ruhrgebietes. Einige Zeit spielte er heute 86-Jährige  in Oberhausen Theater und lebte auch in der Stadt.