Neue Vortragsreihe „Sind Türkischstämmige integrationsunfähig?“ an der Fachhochschule Dortmund startet am Donnerstag Toprak & Toprak

Dekan Prof. Dr. Ahmet Toprak.

Im Rahmen der „Offenen Fachhochschule“ wird die Integrationsfrage  in zwei Veranstaltungen anhand von persönlichem Bildungsaufstieg und (traditionellen) Geschlechterrollen thematisiert.

Drei Mio. Türkischstämmige in Deutschland – 1,6 Millionen mit deutschem Pass

In Deutschland leben rund drei Millionen Menschen mit türkischem Migrationshintergrund. Ein Großteil von ihnen davon – 1,6 Millionen – ist eingebürgert. Wenn die Anzahl der Einbürgerungen als messbare Größe für die Integration herangezogen wird, kann konstatiert werden, dass mehr als die Hälfte der Migrantinnen und Migranten mit türkischen Wurzeln in Deutschland gut integriert ist.

Jedoch sagt diese Zahl wenig über die tatsächliche Integration aus, denn die Kriterien für die Einbürgerung sind z. B. Aufenthaltsdauer, Erwerbstätigkeit u.v.m.  Andererseits wird die Integrationsbereitschaft bestimmter Gruppen – auch wenn sie eingebürgert sind – in Frage gestellt: so auch die der Türkeistämmigen Bevölkerung.

Prominentes Beispiel dafür aus jüngster Zeit war die Integrationsdebatte am Rande des Verfassungsreferendums in der Türkei. Weil viele Wahlberechtigte für die Verfassungsänderung gestimmt haben, wurde intensiv die Frage diskutiert, ob Türkeistämmige in Deutschland überhaupt integriert seien.

„Toprak & Toprak“ diskutieren am 9. November über Geschlechterrollen

In der ersten Veranstaltung „Toprak & Toprak“ am 9. November liest die Schriftstellerin und Journalistin Menekse Toprak aus ihrem aktuellen Buch zum Thema Geschlechterrollen und Sexualität aus der Perspektive einer türkischen Frau vor.

Die deutsch-türkische Autorin und Journalistin Menekse Toprak  wird aus „Die Geschichte von der Frau, den Männern und den verlorenen Märchen“ lesen.

Zu Menekse Toprak

Menekşe Toprak ist eine türkische Schriftstellerin, Übersetzerin und Radiojournalistin. Sie lebt in Istanbul und Berlin.
Toprak schreibt Erzählungen und Romane. Ihre Erzählung Valizdeki Mektup (Der Brief İm Koffer) wurde 2007, Hangi Dildedir Aşk (In Welcher Sprache ist die Liebe) 2009, ihr Debütroman Temmuz Çocukları (Julikinder) 2011 veröffentlicht. Zuletzt erschien von ihr der Roman Ağıtın Sonu (Das Ende des Klagelieds), 2014. Auch arbeitete sie insbesondere auf dem Gebiet der literarischen Übersetzung. So erschienen ab 1999 Werke von Arseni Tarkovski, Zafer Şenocak, Ralf Thenior und Akif Pirinçci von ihr ins Türkische übertragen.
Dem deutschen Sprachraum erschloss sie Türkische Erzählungen des 20. Jahrhundert (2008) für eine Anthologie des Suhrkampverlages und der Kulturzeitschrift „freitextmagazin“ die Erzählung „der Brief im Koffer.“ Ihre Erzählungen wurden auch ins englische und französische Sprachen übersetzt, 2015 erscheint ihr Debütroman Temmuz Çocukları in Italien. Mit ihrem Roman Ağıtın Sonu ehielt sie den Duygu-Asena -Roman-Preis 2015

Nach der Lesung diskutiert Menekse Topra  mit ihrem Bruder Prof. Dr. Ahmet Toprak – unter anderem Autor des Buches „Das schwache Geschlecht die türkischen Männer“ – zu den Themen Migration, Flucht, ehrbezogene Gewalt, Geschlechterrollen und Sexualität.

Die Veranstaltung findet in der: Fachhochschule Dortmund, FB Angewandte Sozialwissenschaften, Emil-Figge-Straße 44, in Dortmund statt. Der Eintritt ist frei. Eröffnung und Grußwort kommen von Prof. Dr. Wilhelm Schwick, Rektor der Fachhochschule Dortmund. Durch den Abend führt Elmas Topcu vom Westdeutschen Rundfunk.

Fortsetzung mit „Toprak & El-Mafaalani“ am 7. Dezember 2017

Der zweite Teil der Veranstaltung „Toprak & El-Mafaalani“ folgt am Donnerstag, 7. Dezember, zu gleicher Uhrzeit und am gleichen Ort. Der Eintritt ist frei; eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

Veranstalter sind die Fachhochschule Dortmund in Kooperation mit Auslandsgesellschaft NRW, Dietrich-Keuning-Haus, Multikulturelles Forum, Planerladen und VMDO.

(mit Nordstadtblogger.de)

Hier ein früherer Beitrag von mir in der Istanbul Post zu einem Buch von Ahmet Toprak.

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Dortmund: Mittelalterliches Fest zum Reformationstag – Zwölf Stunden nonstop Programm

Am 31.10.1517 schlug Martin Luther seine 95 Thesen an die Türe der Schlosskirche zu Wittenberg. Der Thesenanschlag in Wittenberg gilt als Beginn der Reformation. 500 Jahre später – im Luther-Jahr 2017 – wird auf vielfältige Weise daran erinnert. So auch in Dortmund.

Zwölfstündiger „Luther-Marathon“ in der und um die Pauluskirche

Am gestrigen Reformationstag stemmte die Pauluskirche auf der Schützenstraße zu diesem Behufe gar einen zwölfstündigen, sozusagen, Luther-Marathon. Schon vor 12 Uhr waren die Türen zum Kirchgarten aufgetan worden. Rund um die Kirche tummelte sich allerlei Volk zum anberaumten mittelalterlichem Fest in entsprechender Kleidung. Einzelne BesucherInnen aus der Jetztzeit wirkten fast mehr und mehr wie Fremdkörper.   Das Fest stand unter dem Motto:

„Lasset uns versammeln, frey, fröhlich und frohen Mutes!“

Auf dem Markt rund um die Kirche: Handwerker, ein Foltermönch, eine „Weyssagerin“, das Mäuseroulette und ein Schminkstand für Kinder

Mittelalterliches Marktreiben. Fotos: Stille

Die Festbesucher bestaunten wie hinter einem flackerndem Feuer im Kessel von einem Handwerker Leder verarbeitet wurde. Gleich daneben ein Stand mit anregenden Getränken und Mittelchen – hergestellt nach alten Rezepten. Etwas gruselig ging es bei einem Mönch zu, der Waffen und Folterwerkzeuge ausstellte und ohne seine Begeisterung dabei im Geringsten zu verbergen dessen Wirkungsweise erläuterte. Große Kinderaugen wurden gemacht, als ihnen ein mittelalterlich gewandeter Mann zeigte, wie man mit Feuersteinen Funken schlagen kann, um ein Feuer zu entfachen. „Da kannst du in der Schule mal ein kleinen Vortrag halten, wie das geht“, gab der Herr einem begeisterten Jungen mit auf dem Weg, dem das gerade gelungen war. Im Zelt um die Ecke thronte eine „Weyssagerin“ in ihrem von einem Fell belegten Sessel und wartete in ihrem Zelt, aus welchem oben Rauch aus einem Öfchen aufstieg, auf potentielle Kundschaft. Ein Schmied bearbeitete kunstvoll Metall und versetzte eine Besucherin in Erstauen: „Dass es so etwas noch gibt heutzutage!“ Wiederum daneben warteten Schmuckstücke keltischer Art darauf den Besitzer zu wechseln.

An Stand „Mäuseroulette“ verkündete ein Schild vorerst: „Mäusepause“

Gleich gegenüber schminkte eine junge Mittelalterfrau mit feschem grünen Hut Kinder nach deren speziellen Wünschen. „Eine Meerjungfrau? Oder doch etwas anderes?“, fragte sie eine noch schwankende Kleine.

Speis‘ und Trank im Kirchgarten

Die Taverne im Kirchgarten füllte sich Stunde um Stunde mehr mit durstigen BesucherInnen. Besonders angetan zeigten sich nicht wenige von ihnen vom süffigen – der Chronist kann es bestätigen – „Herr Käthe“-Bier, das vom Fass ausgeschenkt wurde, aber auch in Flaschen zum Mitnehmen erhältlich war. Das obergärige Vollbier wird von der Brauerei Thombansen in Lippstadt mit den Zutaten aus den Malzsorten Pilsener, Roggen, Dinkel und Weizen-Eigenrauchmalz

Kinderschminkstand.

hergestellt. Nach einer Rezeptur, welche dem Trunk – die Erklärung der Brauerei – eine für das Mittelalter typische dunkle Bierfarbe und einem Hauch von Raucharoma gibt. „Herr Käthe“, ein für ein Bier ungewöhnlicher Name, ist als kleine Verbeugung vor Luthers Frau Katharina „Käthe“ von Bora gedacht. Die soll ja den Überlieferungen nach im Hause Luther die Hosen angehabt und die Wirtschaft geschmissen haben, weshalb sie von ihrem Mann respektvoll „Herr Käthe“ genannt wurde.

Andere Gäste bevorzugten Kräuterlikör, Apfel- oder roten Glühwein.

Gleich vis-á-vis neben dem Seiteneingang zur Pauluskirche ward mit deftiger Suppe und leckeren Bratwürsten für eine gute Grundlage für den Besuch in der Taverne gesorgt.

Die Mittelalterwelt-Folk-Band bestach durch enorme Professionalität

Um 15 Uhr herum spielte das Ensemble „Triskilian“ zunächst im Freien auf, um dann hernach ein Konzert im Inneren der Kirche zu spielen, das für

Die Mittelalterwelt-Folkband „Triskilian“.

große Begeisterung sorgte. Die professionellen Instrumentalisten waren eigens aus den fernen Städten Aschaffenburg und Heidelberg ins Ruhrgebiet gereist. Und das Publikum war fasziniert von der enormen Professionalität ihres Spiels. Die drei: Dirk Kilian (Gesang, Sackpfeife, Nyckelharpa, Drehleier, Cister, Harfe, Nay), Jule „Sonnenklang“ Bauer ( Gesang, Schalmei, Flöte, Nyckelharpa, Tzouras, Rahmentrommel) und „Herzblutmusikerin“ Christine Hübner (Percussion, Gesang, Rahmentrommel, Darbuka, Riqq, Davul, Daf, Tamburello, Cister) stimmten sich während ihres virtuosen Musizierens fabelhaft und mittels winzig kleiner Gesten bis aufs Feinste aufeinander ab.

Die Zuhörer wurden von „Triskilian“ mit auf eine musikalische Reise in das klangreiche Mittelalter genommen. Die musikalische Zeitreise der Musiker durch verschiedenste Kulturwelten führt von Irland, Schweden, England, Deutschland über Italien und Frankreich bis nach Galizien, Kastilien, Portugal und den vorderen Orient. Auch die Ud oder auch Oud (eine Laute), die Jule Bauer liebevoll als „die Urgroßmutter unserer Gitarren“ bezeichnete, wurde gespielt. Über die Kreuzzüge und den Gewürzhandel, erfuhren die ZuschauerInnen, sei neben anderen auch dieses Instrument wie u.a. auch die Mathematik aus dem Orient in unsere Gefilde gelangt. Besonders unter die Haut ging den BesucherInen gewiss ein von „Triskilian“ dargebotenes Lied der Mystikerin Hildegard von Bingen (1098 – 1179).

Käthes nächtlicher Traum mit dem Blick 500 Jahre weiter in unsere Gegenwart im Theaterstück „Käthes Reformation heute“

Das Ehepaar Luther (links: SandraLaker als Käthe, rechts, rechts: Friedrich Laker als Luther.

Die Triskilians wirkten als Spielleute auch im sich etwas anderen Gottesdienst „Talk to Heaven“ mit. In dessen Rahmen diesmal das Schauspiel „Käthes Reformation heute“ gegeben wurde. In dessen Mittelpunkt Luthers Frau Katharina von Bora (Käthe) steht.

Der plötzlich im Kirchenschiff auftrumpfende Ablassmönch Johann Tetzel wird von Martinus Luther und den Kirchenbesuchern postwendend des Gotteshauses verwiesen. Zum Stück: Im nächtlichem Traum hat „Herr Käthe“ erfahren, wie es um die Welt und die Kirche 500 Jahre nach der Reformation steht: Immense Ausbeutung der Natur durch den Menschen, welche zu schlimmen Naturkatastrophen führt, Kriege, die Flüchtlinge zur Folge haben und unermessliches Tierleid, verursacht durch Massentierhaltung. Unterstützt wurde die Erzählung der Käthe durch Videoeinblendungen.

Käthe (Sandra Laker) spricht sich gegenüber ihrem zunächst skeptischen Doktor Martinus Luther (Friedrich Laker) im Stück dafür aus, Menschen aus allen Kreisen der Bevölkerung in die Reformation einzubeziehen, um diese so zu erweitern und mit allen Kräften zu verteidigen.

Thesenanschlag-Mitmachaktion vor dem Hauptportal der Pauluskirche

Thesenanschlag

Im weiteren Verlauf des Dortmunder Luther-Marathons hatten die Festbesucher nach Luther, Käthe und Melanchthon Gelegenheit vorbereitete Thesen an die Kirchentüre zu schlagen. Viele BesucherInnen nahmen sie wahr und hatten auch im weiteren Verlauf des Abends noch die Möglichkeit das zu tun.

Projektion auf dem Kirchturm: Glauben bewahren und verändern“

Aber schon wartete das nächste Highlight auf die Festbesucher: Von einem gegenüberliegendem Haus auf der Kirchenstraße projizierte ein Beamer gegen 18 Uhr 30 in großen Lettern (die sicher auch von weiter weg zu sehen waren) den Reformationsspruch „Glauben bewahren und verändern“. Auch andere Dortmunder

Einige Thesen.

Kirchengemeinden beteiligten sich an dieser Aktion.

Bis zum Tagesende …

Des Weiteren war noch eine Feuerschau, ein weiterer Auftritt der Mittelalter-Folk-Band „Triskilian“,

Auf den Kirchturm projizierter Spruch.

die Wiederholung des Theaterstücks „Käthes Reformation heute“ und ein zweiter Thesenanschlag vor dem Hauptportal der Pauluskirche geplant.

Konferenz in Leipzig: „Selbstbestimmt und solidarisch! Zu Migration, Entwicklung und ökologischer Krise“

Morgen beginnt in Leipzig eine interessante Konferenz, auf welcher wichtige Themen unserer Zeit beackert werden. Sie steht unter dem Motto „Selbstbestimmt und solidarisch! Zu Migration, Entwicklung und ökologischer Krise“. Die Konferenz vom 6. – 8. Oktober 2017 ist intitiert, geplant

Vor einiger Zeit war das Fluchtschiff im Dortmunder Hafen zu Besuch, um auf die Situation von Flüchtlingsfrauen aufmerksam zu machen. Foto: C.-D.Stille

und wird durchgeführt von Geflüchteten und Migranten zusammen mit Einheimischen. Bis zu 400 TeilnehmerInnen werden erwartet. Auch aus Afrika, Lateinamerika und Asien. Die Konferenz wird organisiert von einem basisdemokratischen Vorbereitungskreis mit AktivistInnen von afrique-europe-interact, corasol, glokal e.V. und dem Konzeptwerk Neue Ökonomie Kooperation mit Brot für die Welt. Das Programm als pdf (dreisprachig) finden Sie hier.

Wie degrowth.info auf seiner Website mitteilt, ist Konferenz voll. Weitere TeilnehmerInnen können deshalb leider nicht mehr angenommen werden. Auf der Konferenz, die im Westbad, einem umgebauten Schwimmbad, stattfindet (hier mehr), treffen sich Aktivisten Bewegungsfreiheit, welche sich mit Antirassismus, Landwirtschaft, Degrowth, Klimagerechtigkeit beschäftigen.

Die Veranstalter informieren:

„Was verbindet die Diskussionen über eine gerechte Gestaltung von Migration mit der Bewegung für eine ökologisch und sozial verträgliche Wirtschaftsweise? Wie hängen alternative Konzepte wie „Degrowth“ oder „Post-Development“ mit einer dekolonialen Perspektive auf Fluchtursachen zusammen?

Flüchtlingscamp in der Dortmunder Innenstadt 2015. Foto: Stille

Diese Konferenz will die Zusammenhänge zwischen Flucht und Migration, selbstbestimmter Entwicklung und ökologischen Krisen aufzeigen. Damit wollen wir auf den ersten Blick voneinander unabhängige Fragen verknüpfen und in einem größeren Zusammenhang stellen. Und wir wollen mit der Konferenz Brücken zwischen unterschiedlichen Bewegungen schlagen.“

Zu Awareness:

to be aware = sich bewusst sein, sich informieren, für gewisse Problematiken sensibilisiert sein

„Manche von Euch“, schreiben die Veranstalter dazu, „werden sich schon mit Awareness auseinandergesetzt haben, andere lesen vielleicht zum ersten Mal davon. Wir halten es für wichtig uns alle darüber Gedanken zu machen, weil wir mit Euch zusammen ein Konferenz gestalten wollen, auf der sich niemand unwohl fühlen sollte. Awareness ist nicht nur Aufgabe des Awareness-Teams, sondern aller Teilnehmenden.

Auf dieser Konferenz treffen sich Menschen mit den unterschiedlichsten Hintergründen, gesellschaftlichen Positionierungen, vielfältigen Erfahrungen, Geschichten und Idealen. Das ist eine Vielfalt, die wir bereichernd finden. Damit sich dabei alle wohl und sicher fühlen, ist es wichtig, dass wir uns unserer eigenen Position bewusst und offen für die Positionen anderer sind. Dieses Bewusstmachen ist Teil unseres Awareness-Konzepts.

Rassismus, Sexismus, Homo- und Transphobie und jegliche Form von Diskriminierung werden auf der Konferenz nicht gedultet. Deshalb bitten wir euch, achtsam und respektvoll miteinander umzugehen und offen für die Postionen anderer zu sein. Diskriminierungen und Grenzen verletzendes Verhalten werden klar als solche benannt, ebenso deutlich wird einem solchen Verhalten entschlossen entgegengetreten und Betroffene werden unterstützt.“ […]

Gastgeber Mark Brill (Bildung für Frieden e.V.) mit Peter Donatus (re.) Foto: Stille

Der Journalist Peter Donatus (Köln) gehört dem Organisationsteam (Presse u.a.) an. Er wird in Leipzig den Workshop Ökozid im Nigerdelta: Flucht und Migration als Folge westlicher Rohstoffpolitik (zum Thema hielt Donatus u.a. einen spannenden und hochinformativen Vortrag bei #Friedensfragen in Dortmund) leiten. Darüber hinaus wird er am Samstag (7.10.) das Große Podium am Samstag moderieren.

Eine Konferenz für alle will die Veranstaltung mit Podien, Workshops, Theater, Kultur, Open Space und ganz viel Freiraum in Leipzig sein. Und allen Beteiligten ein Höchstmaß an Austausch untereinander ermöglichen.

 

 

4. Roma-Kultur-Festival vom 3. bis 9. Oktober in Dortmund

Nachdem das Roma-Kulturfestival „Djelem Djelem“ im Jahre erstmalig 2014 in Dortmund stattfand, beginnt in der kommenden Woche bereits „Djelem Djelem“ Nummer Vier. Es lädt abermals dazu ein, die Kultur der Roma kennenzulernen. Längst hat sich das „Djelem Djelem“ als feste Größe in der Festivallandschaft Dortmunds und über die Stadt hinaus etabliert. Vom 3. bis 9. Oktober finden Konzerte, Theater und Filme, Lesungen, ein Jugendkunstprojekt, eine Fachtagung sowie das große Familienfest an sieben verschiedenen Orten der Stadt Stadt – u.a. im Theater im Depot, im Domicil und im Dietrich-Keuning-Haus.

Die Balkan Brass Band war gut aufgelegt.

Die Schirmherrschaft des Festivals übernommen haben Dr. Joachim Stamp, stellvertretender Ministerpräsident des Landes NRW, und Romani Rose, Vorsitzender des Zentralrates Deutscher Sinti und Roma. Beteiligt sind über 30 beteiligte Partner, die mit dem Festival ein deutliches Zeichen setzen gegen jahrhundertealte Vorurteile, gegen Antiziganismus und neu belebte Feindbilder. Es wirbt für ein unverkrampftes Miteinander und den kulturellen Austausch. Der Titel „Djelem Djelem“ bezieht sich auf ein Lied und ist die internationale Hymne der Roma.

Eröffnung am Mittwoch

Offizielle Eröffnung am Mittwoch, 4. Oktober, 18 Uhr im Theater im Depot (auch hier) steht unter dem Motto „Wie tickst du eigentlich? – Rhythmus und Heimat“. Zu sehen ist eine multimediale Performance mit Roma- und anderen Dortmunder Jugendlichen. Anschließend liest der junge und bereits preisgekrönte Autor Samuel Mago (Jahrgang 1996) aus seinen Texten und lädt zum Gespräch. Der Eintritt ist frei. Eine weitere kostenlose Lesung gibt es einen Tag später in der Auslandsgesellschaft NRW: Gianni Jovanovic liest aus Katja Behrens Roman „Nachts, wenn Schatten aus dunklen Ecken kommen“ über ein Roma-Leben zwischen Tradition und Aufbruch (5.10., 20 Uhr).

Familienfest

Beim großen Familienfest am 8. Oktober, 14 bis 18 Uhr sind besonders herzlich Menschen eingeladen, die neu in Dortmund angekommen sind. Im Dietrich-Keuning-Haus kommen neue und alte Dortmunder in Kontakt und feiern gemeinsam. Viele Beratungsstellen und Institutionen sind mit ihren Angeboten präsent, außerdem gibt es Musik, kulinarische Spezialitäten und viele Spiele für Kinder. Bereits um 13.30 Uhr startet am selben Tag ein Demonstrationszug für Vielfalt, Toleranz und Solidarität sowie gegen Antiziganismus am Nordmarkt. Gemeinsam zieht der bunte Zug bis zum Familienfest im DKH.

Djelem Djelem Blockparty“

Die „Djelem Djelem Blockparty“ versammelt am 6. Oktober ab 18 Uhr die HipHop-Szene im Dietrich-Keuning-Haus: Angesagt haben sich Gipsy Mafia, SBK Basement, IndiRekt, DJ Marshall Artz, Punkt und Komma und viele andere. Der Eintritt ist frei.

Normalität des Anderssein

Am gleichen Abend gibt es im Depot einen Theaterabend über die Normalität des Andersseins:

Der Roma-Aktivist Gianni Jovanovic bringt sein verrücktes Leben auf die Bühne – als schwuler, verheirateter Rom, der in jungen Jahren bereits Großvater ist („Rotationseuropäer – Intersektional und trotzdem sexy“ am 6.10., 20 Uhr, Theater im Depot, Eintritt frei).

Angebote für Schulsozialarbeiter

Während des Festivals können sich Schulsozialarbeiter zum Thema Antiziganismus qualifizieren (5.10., Theater im Depot), es gibt einen Tanzwettbewerb für Mädchen („Djelem Djelem Dance Contest“ am 7.10., 13 Uhr im Dietrich-Keuning-Haus), eine Film-Doku über die politische und

Begeisterte zum Abschluss des 2. Roma-Kulturfestival in Dortmund: Esma Redzepova, die Köinigin der Roma-Musik; Foto: Claus Stille

soziale Lage der Roma in Europa („The Awakening“ am 8.10., 19 Uhr im Kino sweetSixteen, Eintritt frei) und ein Symposium zum Thema „Roma in Europa – der Kampf für ein würdiges Leben“ (9.10, ab 9.30Uhr im Dortmunder U).

Eröffnungskonzert

Bereits am Vortag der offiziellen Eröffnung bringt die „Mahala Rai Banda“ in einem Konzert die einzigartige Musikkultur aus den Vororten von Bukarest auf die Bühne des Jazzclubs domicil (3.10., 19 Uhr, Eintritt 28 Euro). Zu hören sind Melodien und Grooves zwischen HipHop, Pop, Jazz und Gypsyfolk.

Die Veranstalter

„Djelem Djelem“ wird veranstaltet von: AWO Unterbezirk Dortmund, Kulturdezernat der Stadt Dortmund, Jugendamt Dortmund, Carmen e.V., Junge Roma Aktiv, Theater im Depot in Kooperation mit Kulturbüro Stadt Dortmund, der Auslandsgesellschaft NRW e.V., Planerladen e.V., Quartiersmanagement Nordstadt, Dietrich-Keuning-Haus, Jazzclub Domicil sowie zahlreichen weiteren Partnern und Förderern.

Nach den erfolgreichen letzten Jahren veranstaltet der AWO-Unterbezirk Dortmund gemeinsam mit dem Kulturdezernat der Stadt und vielen weiteren Partnern das Roma-Kulturfestival „Djelem Djelem“. Das Festival findet inzwischen zum vierten Mal vom 3. bis 9. Oktober statt. Standorte sind unter anderem das Depot und das Dietrich-Keuning-Haus in der Nordstadt.

Das Kulturfestival soll dabei helfen, Vorurteile abzubauen und für mehr Toleranz zu werben

Viele Roma leben insbesondere in der Dortmunder Nordstadt unter sehr schlechten Bedingungen, die Häuser in einem Viertel mit hoher Arbeitslosigkeit haben Sanierungsbedarf. Dadurch entstehen auch Vorurteile, die mit dem Festival abgebaut werden sollen.

In den vergangenen Jahren hat das Festival eine sehr positive Resonanz erhalte. Dadurch hoffen die Veranstalter, dass „Djelem Djelem“ in Zukunft auch bundesweit an Bedeutung gewinnt.

Konzerte, Feste und auch eine Fachtagung sind Teil des Programms von „Djelem Djelem“

Der Dortmunder Stadtdirektor Jörg Stüdemann tritt für würdevolle Behandlung der Zuwanderer ein.

Bereits am Vortag der offiziellen Eröffnung findet im Domicil ein Konzert der Mahala Rai Banda statt. Eine wilde Mischung aus modernen und traditionellen Klängen lädt zum Tanzen ein.

Nach der offiziellen Eröffnung im Theater im Depot, bei dem es eine Theateraufführung und eine Lesung gibt, geht es mit einer Fülle an Programmpunkten weiter.

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Programmpunkte

  • Dienstag, 3. Oktober, 19 Uhr, domicil: Konzert Mahala Rai Banda
  • Mittwoch, 4. Oktober, 18 Uhr, Theater im Depot: Eröffnung „Djelem Djelem“ – Multimediale Theaterperformance und Lesung
  • Donnerstag, 5. Oktober, 9 bis 15:30 Uhr, Theater im Depot: Qualifizierung zum Thema „Antiziganismus“ für SchulsozialarbeiterInnen
  • Donnerstag, 5. Oktober, 19:30 Uhr, Dietrich-Keuning-Haus: Come Together im Roma Kids Club
  • Donnerstag, 5. Oktober, 20 Uhr, Auslandgesellschaft NRW: Lesung und Gespräch mit Gianni Jovanovic
  • Freitag, 6. Oktober, 18 Uhr, Dietrich-Keuning-Haus: Djelem Djelem Blockparty
  • Freitag, 6. Oktober, 20 Uhr, Theater im Depot: Theaterabend – Rotationseuropäer – Intersektional und trotzdem sexy
  • Samstag, 7. Oktober, 13 bis 18 Uhr, Dietrich-Keuning-Haus: Djelem Djelem Dance Contest – Tanzwettbewerb für Mädchen
  • Sonntag, 8. Oktober, 13:30 Uhr, vom Nordmarkt bis zum Dietrich-Keuning-Haus: Demonstrationszug für Vielfalt, Toleranz und Solidarität sowie gegen Antiziganismus
  • Sonntag, 8. Oktober, 14 bis 18 Uhr, Dietrich-Keuning-Haus: Familienfest
  • Sonntag, 8. Oktober, 19 Uhr, sweetSixteen Kino im Depot: The Awakening von Kenan Emini
  • Montag, 9. Oktober, 9:30 bis 18 Uhr, Dortmunder U: Symposium „Roma in Europa – der Kampf für ein würdiges Leben“

Einer der Höhepunkte von „Schubladen“ im Theater im Depot. Fotos: Claus-D. Stille

Frühere Berichte über die vorangegangenen Roma-Kultur-Festivals in Dortmund hier, hier, hier hier und hier.

Bessie Gräfin von Brühl – Ein kurzer Nachruf. Die vielseitige, hochsensible Künstlerin hat uns am 9. August 2017 verlassen …

Es war vergangenen Sonntag gegen 22 Uhr. Ich schaute mal kurz in Facebook hinein. Und lese da die Meldung eines Fb-Freundes via TAXI: „Bessie Brühl. 8. 7. 1959 – 9. 8. 2017. Wir sind erschüttert“

Ein Schock! Vor drei Tagen war also Maria Elisabeth Annaberta Desiree Gertrud Henriette Gräfin von Brühl, wie sie in voller Länge qua Geburt hieß, von dieser Welt abgetreten. Wir kannten uns nicht persönlich. Leider! Waren uns nie über den Weg gelaufen. Gern hätt‘ ich sie mal getroffen. Ich kannte Bessie Brühl – wenn man das im weitesten Sinne überhaupt wagen kann, so auszudrücken – über ihre Kolumnen „2 Augen für die Nacht“. Welche sie regelmäßig für „TAXI Magazin für Soziales und Kultur“ (Schweiz), für das ich auch hin und wieder Beiträge verfasse, schrieb. Ich mochte ihre Kolumnen. Und verpasste keine. Sie kamen ungeschminkt daher. Nahmen sozusagen kein Blatt vor den Mund. Freilich wusste ich um den desolaten Gesamtzustand von Bessie Brühl. Aber, dass sie jetzt so plötzlich – denn keine Kunde von einer Verschlechterung ihres Zustandes war über das TAXI zu mir gedrungen – einfach fort war und es nun keine Kolumne von ihr mehr zu lesen geben würde! Vor Kurzem hatte ich noch im TAXI 149 ihr jüngste Kolumne mit dem Titel „Dr. Brinkmann, bitte kommen … Teil 13 gelesen. Ob der Redaktion noch eine weitere vorliegt ist mir nicht bekannt.

Ich unterbrach den aufgezeichneten Film, den ich im Augenblick der Todesnachricht zu schauen gerade noch im Begriff gewesen war. Bessies Tod berührte mich. Ich schaute das Video, welches sie in jüngeren Jahren und in einer wohl auch für sie insgesamt besseren Zeit (1985) mit einem

Gesangsvortrag am Klavier während einer Freiluftveranstaltung zeigte. Dann eines (von 2013), worin Bessie Brühl (wohl während ihrer Wiener Zeit) äußerlich schon stark verändert – nach einem Unfall war sie körperlich angeschlagen – aufgezeichnet ist.

Kurzbiografie von Bessie Gräfin von Brühl (via Café Concerto Wien)

„geb. 1959 als Maria Elisabeth Annaberta Desiree Gertrud Henriette Gräfin von Brühl,
keimte in einer halbadligen Künstlerfamilie mit Hang zur Dramatik.

Nach intensiven Fluchttätigkeiten ab dem 4. Lebensjahr – Arbeit als Filmkomponistin, Synchronsprecherin, Theatermusik u. Tourneen traf sie anlässlich ihrer 1. Solo-LP in Wien bei ihrem Auftritt in d. Fernseh-Sendung „Live aus dem Alabama“ den „Ostbahnkurti“ und Günther Brödl, der sie und ihren Song „Blaua Montag“ als Gast für die nächste Live-LP einlud.
Es folgten gemeinsame Tour-Auftritte und künstlerische Zusammenarbeit mit G. Brödl samt Freundschaft („Samtfreundschaft“)

Bessie Brühl blieb in Wien „bappen“, spielte und komponierte für Filme, Wiener Theater, schrieb f. d. Wiener Frauenverlag, veranstaltete die ersten „Wiener Erotikwochen“ und entdeckte ihre Liebe zur Wiener Unterwelt.
In der „Oberwelt“ wurde sie mehrmals für „Playboy“ fotografiert, welche Fotos jedoch nie erschienen, weil diverse Artdirektoren zu Tode kamen …

1992 zog sie in die Schweiz, lebte in besetzten Häusern, tourte, komponierte, spielte und schrieb – und arbeitete in der Gastronomie, als Regisseurin und Privatlehrerin.

Nach einem schweren Unfall seit 1999 wieder in ihrer Heimatstadt München, schreibt sie seltsame Kochbücher, als Ghostwriter und für Undergroundmagazine.“

Bessie Brühls Kolumnen sind erhalten und nachzulesen

Das TAXI über die Autorin:

„Bessie Gräfin von Brühl schreibt in der Kolumne regelmässig und polarisierend über ihren Alltag und ihre Befindlichkeit. Einerseits als Alkoholikerin, andererseits als hochsensible Musikerin, Autorin und Komponistin.
Die Kabarettistin, Musikerin, Autorin und Komponistin.“

Wer ihre Kolumnen nachlesen möchte, der wird hier (auf Kolumnen klicken und dann unter „2 Augen für die Nacht“ auswählen) fündig. Ich kann es nur empfehlen. HaPe Muff (© Film, Foto by muffart.com) hat dieser Tage noch ein paar Videos vom letzten Auftritt der Bessie von Brühl in der Schweiz aus dem  September 2016 in Luzern auf You Tube (u.a. hier und hier) eingestellt. Vielen Dank dafür!

Hier schon einmal einer ihrer Texte, sozusagen als Vorgeschmack. Dieser Kolume vorangesetzt schreibt Bessie Gräfin von Brühl:

ich hab den Tod gesehn. Gestern im Biergarten unter den Kastanienbäumen.

Er sass in einem roten Rollstuhl und ass spanischen Wein mit Oliven. ..“

Wir sind erschüttert“, heißt es auf dem Facebook-Eintrag vom Taximagazin. In dem „Wir“ fühle ich mich mit eingeschlossen. R.I.P., Bessie Brühl …

Am 4. August 2017, wenige Tage also vor Bessie Brühls Tod, entstand das Video ( von Uli Bez) vom Vortrag des Gedichts „In kleinen miesen Momenten“ . Es ist höchstwahrscheinlich die letzte Aufnahme von der Künstlerin.

 

Hinter den Bahngleisen in Dortmund: Gott an der Gitarre und Sascha aus „Bisleyland“ – Nordstadt pur

Boris Gott (links) und Sascha Bisley. Fotos: C.-D. Stille

In diesem Jahr organisierte das  Dietrich-Keuning-Haus (DKH) in Dortmund ein neues Sommerprogramm. In einem Zirkuszelt. Am Vormittag war das Chapiteau in Beschlag von Kindern. An jeweils drei Abenden standen im Zirkuszelt unweit der U-Bahnstation Leopoldstraße im Park am DKH Tanz, Musik und Lesungen auf dem Programmzettel. Vergangenen Freitagabend  veranstaltete TAPIR in Kooperation mit dem Dietrich-Keuning-Haus:

„Bisley spricht zu Gott und Gott singt zurück!“

Aus der Einladung (via Facebook) zitiert:

„Bisley spricht zu Gott….
… und Gott singt zurück.

Ein Zirkuszelt im Herzen der Nordstadt wird für einen Abend zu einem Ort für den offenen Gedankenaustausch zweier Stadtteilbewohner. Die Welt hinter den Bahnschienen fasziniert beide und sie beobachten ihre Umwelt nicht nur, sondern machen sie der breiten Öffentlichkeit zugängig. Und so treffen sie sich endlich, Boris Gott, der Barde des Ruhrgebiets und Autor und Tausendsassa Sascha Bisley im Diskurs über den Stadtteil über den sich die Geister scheiden.
In einem Wechsel zwischen Musik und Lesung loten sie die Grenzen zwischen Nord- und Südstadt aus und finden zwischen Klischees und Trinkhallen hoffentlich auch ein Stück Wahrheit.
Sascha Bisley, Blogger, Autor seiner eigenen Biographie (Zurück aus der Hölle) und nominiert für den Grimme Preis 2017 für „Szene Deutschland“ (ZDF) Mit „Bisleyland“ hat er endlich seine Kurzgeschichten herausgebracht.
Boris Gott feierte mit den CDs „Bukowski-Land“, „Nordstadt E.P.“ und „Es Ist Nicht Leicht Ein Mensch Zu Sein“ nicht nur im Ruhrgebiet Erfolge. Mit luftigem Folk-Pop und dunklem Ü-30 Blues singt BORIS GOTT über die Wechselfälle des Lebens im neuen Jahrtausend.“

Das Zelt am Dietrich-Keuning-Haus.

Der Dortmunder Norden hat schon seit 150 Jahren den Schwarzen Peter

Um es gleich vorwegzunehmen: Der Weg über die Bahnschienen (selbst unterquerte ich sie mit der U-Bahn) an diesem Abend hat sich fürwahr gelohnt. In die Welt der Dortmunder Nordstadt einzutauchen gibt Mensch mehr als man für gewöhnlich zu denken wagt.

Jedenfalls sollte man sich nicht von Schwarzmalern, Vorurteile verbreitenden Zeitgenossen verschrecken lassen. Ich kann das sagen: wohnte ich doch einst selbst sieben Jahre in der Nordstadt. Die Nordstadt ist besser als ihr Ruf. Als ich dort eine Wohnung fand, hieß es aus Kollegenmund jedoch, die Nase rümpfend: „Nordstadt?! Na, dat würd‘ ich mir noch mal überlegen.“

Schon vor hundertfünfzig Jahren übrigens war die Ruf der damals entstehenden Nordstadt kaum besser als gegenwärtig.  Das Areal nordwärts des Bahnhofs war zunächst mit schäbigen Baracken bebaut worden. Bestimmt für die in den Zechen und der aufstrebenden Industrie in Dortmund dringend benötigten Arbeitskräfte aus Schlesien. Für das Bürgertum dagegen war ein Schritt über die Bahnschienen in die Nordstadt tabu. Diese trennten – so wurde es gesehen – die Stadt in gut und böse. Und schieden sich anständig dünkende Menschen von vermeintlichen Gaunern und Vergewaltigern unschuldiger Bürgertöchter (hier mehr darüber). Später kamen die sogenannten „Gastarbeiter“ – Italiener, Griechen und Türken. Die trafen nun die nahezu  gleichen Vorurteile wie zuvor die Schlesier. Die Buhmänner und Buhfrauen von heute sind Bulgaren und Rumänen. Die Roma unter ihnen – obwohl mit den gleichen Staatsangehörigkeiten ausgestattet – und ebenfalls  EU-Bürger – rangieren, was deren Ruf anbelangt, auf der tiefsten Stufe.

Klar, es stimmt (auch): Die Dortmunder Nordstadt hat ihre Probleme. Sie ist berüchtigt. Auch das. Nicht alles sind nur Vorurteile, was man sich über den Kiez erzählt. Rau kann es zugehen. Aber wer will, kann da auch viel Herz entdecken, sieht er mit selbigem. Allerdings ist alles letztlich doch ganz anders als manch ferne Zeitungsredaktion sich denkt, die mal ein Reporter schickt, um für eine Topstory immer wieder bedienten Vorurteilen abermals ein Mantel von Wirklichkeit umzuhängen. Um dann der Nordstadt den Stempel „No-Go-Area“ aufzudrücken. Wobei Lichtblicke – die es gewiss neben Kritikwürdigem in Dortmunds Norden ebenfalls zu entdecken gibt – geflissentlich übersehen werden.

Themen aufgegriffen, die auf der Straße liegen

Da kann der Autor schon einmal auch über eine seiner gelungenen Geschichten lachen.

Um all das und noch viel mehr ging es Freitagabend im Chapiteau am Keuninghaus. Die Nordstadt, die Themen, die im wahrsten Sinne auf der Straße liegen, sprachen aus den musikalischen Beiträgen von Boris Gott, der an diesem Abend mit seinem musikalischen Vortrag vorlegt. Aus den Kurzgeschichten von Sascha Bisley, der, wie er sich selbst beschreibt „Dortmunder Junge mit sauerländischem Migrationshintergrund“ ist, springen die Themen einen förmlich an. Da kann es schon mal schmutzig zugehen, wenn Bisley ein paar Schwänke aus der Jugend und von später zum Besten gibt. Etwa über sein Praktikum bei Karstadt in Iserlohn Bericht erstattet. Und der Betriebsfeier da bei reichlich Alkohol, der den Praktikanten dazu verführte, sein Geschlechtsteil vor allem zu entblößen. Ein anderes Mal hatte er im Kaufhaus in einem Bärenkostüm („Steiff wie ein Bär“) herum zu wandeln. Kinder die ihm am „Bärenpürzel“ zogen, kriegten da schon einmal ein Tritt in den dicken Blagenarsch.

Menschen sind komisch“

Auch heute beobachtet Bisley die Menschen Alltag genau. Da geht ihm die blöde Tankstellentussi auf die Nerven. Und erst recht die immer mehr um sich greifende Verbreitung kotzdämlicher Anglizismen – wie etwa die Bezeichung Facilitymanager für Hausmeister (!). Es kommt zur Sprache, wie er seine mitunter nervenden Mitmenschen („Menschen sind komisch“) sieht und wie er sie mit schlimmsten Ausdrücken bedenkt- Oder was er da manchmal eigentlich gerne mit ihnen machen würde. Das entspannt! Auch wenn er es letzlich  gar nicht macht, sondern eben nur denkt. Und den Verhassten einfach nett, den

Gott in Aktion.

Kopf zur Seite lehnend, zulächelt. Wie er sich echauffiert über die Unruhe in einem Café, wo überdies ein Baby an der vertrockneten Schrumpeltitte seiner Mutter lutscht. Und überhaupt: Die vollgestopften Kinder von heute, die umfallen, wenn sie rückwärts laufen sollen. Schließlich die Geschichte in Erinnerung an Bisleys eingeschläferten Hund. An den gemeinsamen  Besuch im  „Hunde-Ghetto“ und die Blicke der Passanten, die je nachdem wie der Hundehalter handelt, den Gesichtsausdruck ändern. Entsorgt man als Halter die Hundekacke, oder lässt man diese schnöde liegen? Es gibt eben „Hundemenschen“ und Katzenmenschen“, meinte Sascha Bisley. Eine „Hundemenschin“ ist mit ihrem Freund mit der kalten Schnauze im Publikum. Quatsch sei es doch, hat Bisley für sein Buch notiert, dass Katzen schlauer seien als Hunde! In Wahrheit sehe es doch nur so aus, dass der Kater zuhause so klug von der Fensterbank aus das Leben betrachte – der hocke da doch nur, weil unterm Fensterbrett der Heizkörper sitze! Und: „Hat man schon von Lawinensuchkatzen gehört?“ Bölkt auch einmal ein vom Alkohol enthemmter Zuschauer in Richtung Podium, klingelt ein Handy Publikum. Bisley pariert die Störungen souverän.

Wahrscheinlich saugt man die Bisley-Geschichten auf wie ein Süchtiger

Cover von „Bisleyland“ via Bücher.de.

Vierzig solch köstlicher, schlimmen, , komischen, irren – kein Blatt vor den Mund nehmenden – Geschichten versammelt Bisleys neues Buch „Bisleyland“. Eine kleine Auswahl daraus brachte der Autor gestern im Zelt zu Gehör. Da wird das Leben ohne Rücksicht auf Verluste ins Buch geklatscht, das zu lesen sich lohnen dürfte: Abenteuer im Abseits. Wahrscheinlich saugt man als Leser die Bisley-Geschichten auf wie ein Süchtiger.

Immer wieder warfen sich Boris Gott und Sascha Bisley gegenseitig die Bälle zu

Lieder folgten auf Geschichten. Geschichten auf Lieder. Boris Gott hatte nach einer Zeit mit einmal die Leute gepackt. Da wurde geklatscht, mitgesungen und beinahe auch geschunkelt. Nach der Pause wurden die Bisley-Geschichte noch einmal einen Tacken drastischer – und das Publikum goutierte es!

Integration hätte besser gelingen können

Im Anschluss an Konzert und Lesung bekam das Publikum noch die Möglichkeit, Fragen und Ansichten in die Diskussion mit einzubringen. Man kam überein: die Nordstadt ist besser als ihr Ruf. Bisley kritisierte, dass die Stadt einst die Ballung von Migration in diesem Stadtteil zuließ. „Hätte man die Leute im Stadtgebiet besser verteilt, die Integration wäre bestens gelungen. Die Leute hätten wohl die Kehrwoche schon verinnerlicht“, zeigte sich Bisley sicher. Ob das nun wünschenswert wäre oder nicht.

Und was Sascha Bisley jedes Jahr auffalle: Während schon kurz nach Neujahr in anderen Stadtteilen die

Sascha Bisley folgt der Diskussion.

Straßen wieder vom Dreck der Silvesternacht sauber seien, lägen hier im Norden noch tagelang die Böllerschnipsel herum. „Ob da Absicht dahinter steckt?“, entfuhr es Bisley.

Alles in allem ein runder Abend, da im Zelt am U-Bahnhof Leopoldstraße. Menschliches, allzu Menschliches frisch von der Leber weg. In einem Stadtteil, wo die Menschen oft das Herz auf der Zunge tragen.

Ein Video von Sascha Bisley

Ruhrfestspiele 2017: Mit politischem Programm „eines der besten Ergebnisse“ erzielt

„Kopfüber Weltunter“ – Motto der 71. Ruhrfestspiele. Foto: C. Stille

Die Welt ist wieder einmal aus den Fugen. Und Besserung ist anscheinend nicht in Sicht. Insofern konnte deren prekärer Zustand nicht besser durch das Motto der Ruhrfestspiele 2017 „Kopfüber Weltunter“ Ausdruck finden.

„Die Welt ändert sich. Stetig“, erklärten die Ruhrfestspiele Anfang dieses Jahres. „Und immer schneller, so zumindest ist der Eindruck. Angesichts des politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandels und der radikalen Umbrüche, die unsere Weltordnung zunehmend ins Wanken bringen, meint man mitunter, die Welt stehe Kopf. Oder schlimmer noch, sie stehe kurz vor dem Untergang. Ein Zustand, der Ängste schürt, Ratlosigkeit auslöst, Ungewissheit hervorruft, in welche Richtung die Zukunft führt: abwärts oder aufwärts? Dabei vergisst man häufig, dass der Veränderung auch stets eine Chance innewohnt: auf Fortschritt, Verbesserung, Neubeginn.“

Unter dem Motto „Kopfüber Weltunter“ (meine Ankündigung) also setzten sich die Ruhrfestspiele vom 1. Mai bis 18. Juni 2017 mit diesem schwer fassbaren Schwebezustand auseinander.

Resümee der Ruhrfestspiele

Das Programm der Ruhrfestspiele sei in diesem Jahr „so politisch wie selten zuvor“ gewesen.  82.668 Besucher sahen die präsentierten Aufführungen auf Recklinghausens grünen Hügel im Stadtpark.

„Unter dem Leitthema „Kopfüber Weltunter“ setzten sich die diesjährigen Festspiele mit dem Gefühl des Chaos und der Unsicherheit in Zeiten des politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandels und der radikalen Umbrüche künstlerisch auseinander.

„Das Thema ‚Kopfüber Weltunter‘ traf ins Schwarze, die Ruhrfestspiele sind am Puls der Zeit“, so Festspielleiter Frank Hoffmann. „Das Programm veranschaulicht mehr denn je, wie die politische Lage auf die menschliche Psyche einwirkt, wie sie Einfluss nimmt auf jeden Einzelnen und auf die Gesellschaft als Ganzes. Das Interesse, Politik zu hinterfragen, nimmt gegenwärtig merklich zu. Mit unserem Spielzeitprogramm haben wir diese Diskussionskultur noch befeuert.“

Blick von der Bar im Ruhrfestspielhaus ins Freie. Foto: C. Stille

Produktionen wie Strindbergs atemloser „Rausch“, Akhtars pointiertes „Geächtet“ und Canettis entgleiste „Hochzeit“ beschäftigten sich ganz konkret mit der Angst und Verunsicherung des Menschen, der sich zunehmend selbst in Frage stellt. Fundamentale Wende­punkte standen im Fokus: von der Reformation über die Russische Revolution bis zur ukrainischen Revolution, die in „Counting Sheep“ besonders bewegend auf die Bühne gebracht wurde. Inszenierungen wie die Uraufführung von „Hool“ und die atemberaubende Street Dance-Performance „FLEXN“ in der Regie von Peter Sellars und Reggie (Regg Roc) Gray setzen sich eindrucksvoll mit dem Thema Gewalt auseinander, Stücke wie „Bomben­stim­mung“ und „Schlaraffenland“ sprachen das Thema Terror mit durchaus bissigem Humor an.

Die Ruhrfestspiele 2017 spiegeln die neuesten Entwicklungen der Theaterlandschaft in all ihrer Vielfalt. Die einzelnen Produktionen zeigen eine beachtliche Bandbreite an Inszenierungsansätzen in der Auseinandersetzung mit dem Motto „Kopfüber Weltunter“, die jeweils einer ganz eigenen Bühnenästhetik folgen. Von Robert Wilsons bildgewaltiger Inszenierung von „Der Sandmann“ über die avantgardistischen Choreogra­phien „Lego/Antitesi“ und den dekonstruierten „Berlin Alexanderplatz“ bis hin zu der szenisch-musika­lischen Lesung von „Prome­theus/ Egmont“ und dem chorischen Doppelabend „Die Maß­nahme/Die Perser“. In jeder Insze­nierung wurde eine andere Facette des Themas beleuchtet – und dies genreübergreifend: Von Schauspiel über Musiktheater und Tanz bis hin zu den Lesungen und der dies­jäh­ri­gen Kunstausstellung „Zwischen Krieg und Frieden – Der schwie­­rige Weg zur Avantgarde“ – das Leitthema „Kopfüber Weltunter“ war allgegenwärtig.

Nicht nur Genre- auch Landesgrenzen wurden in der Spielzeit 2017 überwunden, denn auch in diesem Jahr war das Festival wieder international aufgestellt. „Your Love is Fire – Deine Liebe ist Feuer“ stellte den Krieg in Syrien in den Mittelpunkt, mit „Ein Mann, der hoch zum Himmel fliegt“ bereicherte ein regimekritisches Stück aus China den Spielplan und der südafrikanische Autor und Regisseur Mpumelelo Paul Grootboom blickte in „Out in Africa – Tief in Afrika“ aus der verzerrten Perspektive des Europäers auf den afrikanischen Kontinent.

Bemerkenswert in Hinblick auf die Besucherzahlen ist in diesem Jahr die überdurchschnittliche Anzahl verkaufter Karten während des Festivals. Viele Besucher haben sich offenkundig auf Grund von Empfehlungen zum Kartenkauf entschlossen – sei es durch Berichte anderer Besucher oder durch die Presseberichterstattung. 14.784 Karten wurden seit dem 1. Mai verkauft, so viele wie nie zuvor.“

Insgesamt seien bei den Ruhrfestspielen 2017 108 Produktionen in 328 Aufführungen und 21 Spielstätten zu erleben gewesen. Darunter 10 Uraufführungen, 1 Weltpremiere, 1 Europa­premiere, 1 Deutsche Erstaufführung, 1 Deutschsprachige Erstaufführung, 5 Deutschland­premieren und 25 FRiNGE Produktionen. Erfreulich: „Das Gros der 17 Koproduktionen der Ruhr­­­­festspiele wird an renommierten nationalen und internationalen Theatern weitergespielt.“

Nach Informationen der Veranstalter erzielten die 71. Ruhrfestspiele mit 82.668 Besuchern eines der besten Ergebnisse der Ruhrfestspiele. Dies entspreche einer Auslastung von 83,9 %. Das Kulturvolksfest am 1. Mai besuchten trotz Regenwetters immerhin noch 40.000 Menschen. Im vergangenem Jahr waren ca. 100.000 Menschen gekommen.

Der persönliche Blick. Vorm Ruhrfestspielhaus und der Henry-Moore-Plastik. Foto: C. Stille

Meine persönlichen Favoriten des Festivals 2017

In diesem Jahr waren dies folgende Veranstaltungen: „Der Sandmann“ nach E.T.A. Hoffmann in einer Inszenierung (Ruhrfestspiele Recklinghausen/Düsseldorfer Schauspielhaus) bei der jedes Theaterzahnrädchen perfekt ineinandergriff und das SchauspielerInneensemble betrefffs seiner  Leistungen dem nicht nachstand. Kein Wunder, hatte doch Robert Wilson („The Black Rider“) als Theatermagier alle Fäden (Regie, Bühnenbild und Lichtkonzept) in der Hand. Frappierend. Grandios!

Nicht weniger begeisterte mich Sebastian Hartmanns „Berlin Alexanderplatz“ (Deutsches Theater Berlin) trotz der Spieldauer von 4 Stunden 30 Minuten. Ist aber nur Menschen e2mfohlen, welche Döblins Roman oder Fassbinders Film kennen. Denn, wie auch Stück berlinernd zum Besten gegeben wird: Wer eines von beiden nicht kennt, „der vasteht sowieso nüscht“.

Zu früher sonntäglicher Stunde gab ich mich der nachdenklich machenden Lesung

Claudia Amm und Günter Lamprecht beim Signieren. Foto: Stille

von „Der Engel schwieg“ (Heinrich Böll). Seinerzeit hatte man dies despektierlich „Trümmerliteratur“ genannt. Einfühlsam gelesen von Günter Lamprecht und seiner Frau Claudia Amm. Am meisten freute es mich für Lamprecht, dass der nun wieder ohne Stock laufen konnte. Seinerzeit hatte man dies despektierlich „Trümmerliteratur“ genannt. Ein großartiger Vormittag!

Und last but not least nach zwei Jahren wieder einmal Late-Night-Kabarett mit Hagen Rether. In der neuen Ausgabe seines Programmes „Liebe“ bekam wieder so mancher auf den Hut. Und es konnte einem passieren, dass einem selbst das Lachen im Halse steckenblieb. Denn keiner ist ohne Fehler. Rether stellt wie angekündigt den sogenannten gesellschaftlichen Konsens vom Kopf auf die Füße. Bravourös. Das saß wieder einmal!

(mit Ruhrfestspiele)

 

 

 

Tjerk Ridder unterwegs im Licht von Martinus: Was bedeutet den Menschen das Teilen und Solidarität heute?

Tjerk Ridder dürfte meinen Leserinnen und Lesern bekannt sein. Der niederländische Theatermacher und Musiker aus der Domstadt Utrecht hat bereits mit zwei interessanten Projekten auf sich Reden gemacht. Sie waren stets mit einer Reise verbunden. In „Trekaak Gezocht!“ („Anhängerkupplung gesucht!“) im Jahre 2010 ging es darum mit einem Campingwagen (ohne Zugfahrzeug) von Utrecht nach Istanbul zu gelangen. Der Grundgedanke dabei: Man braucht andere, um voranzukommen.

Erlebnisse und Eindrücke von unterwegs flossen in Videos, ein Buch und Bühnenprogramme ein

Ridders fünf Jahre später unternommenes zweites Projekt trug den Titel „A Slow Ride – Sporen van Vrijheid“ („Langsame Reise – Spuren der Freiheit“). „A Slow Ride – Spuren der Freiheit“ wurde eine symbolische und poetische Reise über Freiheit und Befreiung. Aber spürte auch Gefühlen der Unfreiheit nach. Tjerk Ridders Ziel: „Dich und alle unterwegs Beteiligten auf der Suche nach ihrer persönlichen Bedeutung von Freiheit zu

Tjerk Ridder mit Esel Lodewijk. Foto via Tjerk Ridder

befragen, um anschließend das eigene Erleben von Freiheit weiter zu entwickeln.“

Auf jeweils beiden Reisen entstanden Videos und Songs, welche von den Begegnungen mit Land und Leuten erzählen. Zu „Anhängerkupplung – gesucht!“ kam ein Buch heraus. Songs fanden Eingang in die jeweiligen Bühnenprogramme. Welche der Utrechter in den Niederlanden, Deutschland und im niederländischen Konsulat in Istanbul aufführte und welche auch jetzt weiter gezeigt (hier) werden.

Begleitet wurde Ridder auf der Anhängerkupplung-gesucht-Tour von einem Freund, dem Journalisten Peter Bijl, sowie seinem Hund Dachs. In „Slow Ride – Sporen van Vrijheid“ war eine kleine Kutsche ein wichtiges Transportmittel, das vom belgischen Arbeitspferd Elfie gezogen wurde.

Tjerk Ridder – In het Licht van Martinus“ mit „ezeltje Lodewijk“

Nun wirft ein weiteres Reiseprojekt von Tjerk Ridder seine Schatten voraus.

Logo der Grande Parade Saint-Martin Tours. Grafik via Stadt Tours.

Ridder wird am 1. Juli 2017 mit dem Esel Lodewijk (Ludwig) anlässlich der Internationalen Martinus-Parade in Tours in Frankreich sein.

Die Geschichte von Sankt Martin (Martinus) wird den meisten von uns gewiss geläufig sein. Sankt Martin teilte am Stadttor der französischen Stadt Amiens seinen Mantel mit einem Bettler. Seither symbolisiert die Mantel-Teilung Mitgefühl und Solidarität für viele Menschen in Europa und andernorts auf der Welt.

Eine soziokulturelle Wallfahrt entlang Martins europäischer Kulturroute möchte Tjerk Ridder unternehmen. Der Pilgerweg soll am 4. Juli 2017 von Paris aus beschritten werden. Die Reise führt über Arras, Ieper, Gent, Brüssel, Antwerpen, Bergen op Zoom und Breda nach Utrecht. Es ist geplant, dass Tjerk Ridder mit Lodewijk am 2. September 2017 auf dem Domplein ankommt. Dort soll die Heimkehr gefeiert werden.

Was bedeutet Teilen für uns?

Tjerk Ridder erforscht wiederum wie wir in unserer Gesellschaft miteinander umgehen. Was bedeutet Teilen für die Menschen in Zeiten der Veränderung? Wie ist es mit der Solidarität mit unseren Mitmenschen bestellt? Wie teilen wir gemeinsame Zeit, Wissen, Trauer, Liebe, Essen und vielleicht Eigentum? Wie sind wir sind in der Lage, miteinander in unserem täglichen Leben wirklich zu kommunizieren, wenn es um unsere eigene Nachbarschaft geht – in Europa und auf unseren Planeten? Inspiriert ist die Reise von der Tat, der Mantel-Teilung, des barmherzigen Martins. Tjerk ist einmal mehr an einem Erfahrungsaustausch über das Thema des Teilens mit Menschen, welche er auf dem Weg wird, interessiert.

Unterstützt werden kann das Projekt via Crowdfunding. Informationen auf YouTube und in den sozialen Medien

Verfolgt werden kann die Reise via eines wöchentlichen Blogs (ab dem 15. Juni jeden Donnerstag um 17:00 Uhr online auf dem YouTube-Kanal Tjerk Ridder) und auf dessen Socia-Media-Kanälen (Facebook und Twitter). Ridder wird die unterwegs gemachten Erfahrungen mit uns teilen.

Unterstützer

Die Pferdeklinik der Universität Utrecht kümmert sich tierärztliche Versorgung für „ezeltje Lodewijk“. Die Firma „Anemone – Pferde, Trucks und Triorep“ sorgt für einen guten und sicheren Transport.

Es wird gewiss wieder ein Projekt, von dem wir auf die eine oder andere Weise profitieren werden

Wir können uns also abermals auf ein interessantes Projekt – über das auch an dieser Stelle berichtet werden wird – des Künstlers Tjerk Ridder aus Utrecht freuen. Es läuft unter dem Titel „Tjerk Ridder – In het Licht van Martinus“ und kann über Crowdfunding unterstützt werden. Wer Lust hat, schreibt Ridder, kann Tjerk Ridder auf der letzten Strecke vor Utrecht begleiten.

Update vom 14. Juli 2017 Tjerk Ridders Reiseblog

Lutz Jahoda, alles Gute weiterhin! Das künstlerische Multitalent feierte seinen Neunzigsten

Das neueste Buch ist auch bereits angekündigt. Hier ist die Vorderseite des Covers abgebildet (via Lutz Jahoda).

Gleich wird es hektisch“, schrieb Lutz Jahoda gestern auf Facebook. Denn gewiss hatte er viele Gäste zu erwarten. Am gestrigen Sonntag bei hoffentlich herrlich-sommerlichem Wetter.  Zum neunzigsten Geburtstag des geistig stets jung gebliebenen Multitalents, das wie ehedem vor lauter Elan sprüht.

Geschichtsvergessenheit ist das Schlimmste

Geschichte gilt ja Vielen als etwas arg Trockenes. In der Schule ist es Pflicht. Das Fach wird irgendwie hingenommen. Und Viele lassen nach dem Verlassen der Schule Geschichte oft Geschichte sein. Derweil schreiben, machen und werden dieselben Menschen – oft ohne sich dessen bewusst zu werden – selber (zu) Geschichte. Geschichtsvergessenheit ist gewiss das Schlimmste, was daraus erwachsen kann. Schlimmer noch, wenn dann Geschichtsvergessene in verantwortliche Positionen gelangen.

Keine Zukunft ohne Vergangenheit

„Nur wer die Vergangenheit kennt, hat Zukunft“, schrieb Wilhelm von Humboldt. Später präzisierte, offenbar darauf aufbauend, Hans-Friedrich Bergmann: „Wer die Vergangenheit nicht kennt, kann die Gegenwart nicht verstehen. Wer die Gegenwart nicht versteht, kann die Zukunft nicht gestalten.“

Und beim Philosophen und Schriftsteller George Santayana heißt es schließlich:

„Wer die Vergangenheit nicht kennt, ist gezwungen, sie zu wiederholen“.

In Brünn (Brno) geboren

Lutz Jahoda kennt seine Vergangenheit gewiss. Lutz Jahoda wurde am 18. Juni 1927 in Brünn (Brno), Tschechoslowakei geboren. Gewesenen DDR-Bürgern dürfte der Schauspieler, Entertainer, Sänger und Autor mit Sicherheit ein Begriff sein. Menschen aus den Altbundesländern hingegen werden den vielseitigen Künstler, dessen Familienname Jahoda im Tschechischen das Wort für

Rückseite des Covers von „Lustig ist anders“ (via Lutz Jahoda).

Erdbeere ist, eher weniger kennen. Ein Verlust, wie ich meine. Was sich ändern ließe. Lutz Jahoda hat auch mehrere Bücher verfasst.

Eines davon kam mir erst jetzt unter die Hand. Warum geriet mir Jahoda als Buchautor erst so spät in die Hände? Der Titel „Up & Down“, Nervenstark durch ein verhunztes Jahrhundert“ (erschienen bei edition lithaus) war für mich in doppelter Hinsicht eine Premiere: Es war nämlich zugleich mein allererstes e-book.

Jahoda ist nicht nur ein vielseitiger Entertainer allererster Güte, sondern gleichzeitig auch ein hervorragender Autor. Dies muss dem Brünner sozusagen von Anfang an im Blut gelegen haben. Verständlich, dass Jahodas früher Berufswunsch Journalist gewesen ist.

Biografisches

Doch zunächst machte Lutz Jahoda eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann. Dann ergab es sich, dass er über Kontakte zu Feuerwehrleuten, die als Brandwache an einem Theater seiner Heimatstadt Dienst taten, als Kleindarsteller zur Bühne. Lutz Jahoda erhielt 1944 an den Kammerspielen seine erste Sprechrolle. Und zwar an der Seite von Hilde Engel. Der Mutter von Frank Elstner.

Jahoda war im August 1945 nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in Wien mit der Familie Elstner zusammengetroffen. Bei Erich und Hilde Elstner nahm Lutz Jahoda privat Sprechunterricht. Schon 1946 zog er mit den Elstners nach Berlin. Statt eine Reporterstelle anzutreten nahm Jahoda einen Rollenangebot des Theaters am Nollendorffplatz an. Wie der Zufall so spielt! Alles über die Karriere diese Künstlers finden Sie hier.

Böhmisch-österreichisches Lebensgefühl

Als Schüler in Halle an der Saale war der erste von Lutz Jahoda gesungene und von einem Radiogerät namens „Potsdam“ (mit magischem Auge, das

ich liebte) wiedergegebene Titel, den ich zu hören bekam: die „Blasmusik von Kickritzpotschen“. Später hörte ich ihn noch oft mit anderen Titeln im Radio, von der Schallplatte sowie verfolgte dessen vielen , Aufritte im Fernsehen (z.B. „Lutz und Liebe“). Jahoda strahlte dort aber auch in Filmen ein böhmisch-österreichisches Lebensgefühl aus, das ich schon früh zu lieben begonnen hatte. Man denkt dabei an Schwejk und Wiener Schmäh. Dieses Lebensgefühl, transportiert über Jahodas Aussprache und Gesang mit dem entsprechend darin wohltönendem Idiom korrespondierte für mich mit anderen Stimmen. Etwa der des Schauspielers Fritz Eckardt. Welche ich aus Krimi-Hörspielen, die ich im Österreichischen Rundfunk hörte, kannte. Oder später dann – gesprochen von mir auf Deutsch, aber mit jenen ganz gewissem Akzent, auf meine Fragen antwortenden Menschen – bei Besuchen der tschechoslowakischen Hauptstadt Prag, die den nämlichen Klang verlauten ließen. Den ich nach wie vor so liebe.

Geschichte, gar nicht staubtrocken

In „Up & Down“ berichtet Lutz Jahoda aus tschechoslowakischen-österreichischen Zeiten. Aus Brünn, seiner Heimatstadt. Von seiner Kindheit und Jugend. Was der Autor da präzise aus der Erinnerung erzählt ist gelebte Geschichte. Und die kann – wenn wir uns dafür interessieren – heute absolut lehrreich und hoch spannend sein. Immerhin ist sie von einem unmittelbaren Zeitzeugen so persönlich, detailreich und lebhaft nacherzählt. Daran ist nichts Staubtrockenes. Wie es uns zumeist aus Geschichtsbüchern entgegen stiebt. Auf das wir uns gelangweilt abwenden. Ganz im Gegenteil! Lutz Jahoda zieht uns, so gekonnt und fesselnd wie er es versteht (mit Geschichtskenntnis versehen und als früh politisch Denkender) spannend zu schreiben, mit jeder Zeile in sein Leben, mitten in die Geschichte (im Doppelsinne) hinein. Jahoda pflegt einen Schreibstil, der einen vom ersten Wort an begeistert. Ich gestehe: Wäre die Zeit dafür gewesen, das Buch hätte ich ohne es zwischendurch zuzuklappen in einem Rutsch ausgelesen!

Wir erfahren darin viel über das Verhältnis von Tschechen und Deutschen. Und bekommen eine Vorstellung darüber, wie Europa auf den Ersten Weltkrieg zusteuern konnte und später der Zweite Weltkrieg entfacht werden könnte. Lutz Jahoda, der ja erst nach dem Ersten Weltkrieg geboren wurde, hat dazu – wie man über Zeilen hinweg spürt – akribisch recherchiert. Mit Blick auf die aktuelle Lage könnten wir daraus durchaus unsere Lehren für die unmittelbare Gegenwart und erst recht: die Zukunft ziehen!

„Sie wurden mit schwachen Nerven in ein starkes Jahrhundert hineingeboren, Herr Lutz“, sagte die entnazifizierte Wahrsagerin, als sie mir in Wien aus dem Kaffeesatz eines Großen Braunen Vergangenheit und Zukunft zu deuten versuchte.“

So hebt Lutz Jahodas „Up & Down“ an. mit einem „Rückblick“.

Der Autor begann daran „im Jahr 2010“ zu schreiben „unter jungen Menschen, von denen man meinen könnte, nichts mehr wissen zu wollen von der Misere der vergangenen einhundert Jahre, weil die ersten neun der Zweinullreihe längst schon wieder neue Sorgen bereiten. Also ist es nicht verkehrt, die Enkelinnen und Enkel den Erkenntnissatz des griechischen Philosophen Aristoteles wissen zu lassen, dass bereits im Anfang die Hälfte des Ganzen liegt.“ (Kapitel „Rückblick“)

Daran anschließend zitiert Jahoda aus dem „Ahlener Programm“ der CDU:

Das kapitalistische Wirtschaftssystem ist den staatlichen und sozialen Lebensinteressen des deutschen Volkes nicht gerecht geworden. Darum kann Inhalt und Ziel dieser sozialen und wirtschaftlichen Neuordnung nicht mehr das kapitalistische Gewinn- und Machtstreben, sondern nur das Wohlergehen unseres Volkes sein. Die neue Struktur der deutschen Wirtschaft muss davon ausgehen, dass die Zeit der unumschränkten Herrschaft des privaten Kapitalismus vorbei ist.“

Und auf den einstigen DDR-Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht anspielend, der das nach Jahodas Meinung nach auch nicht hätte schöner sagen können, schreibt Jahoda: dass dem „der folgende Satz des Ahlener Programms so nicht über die Lippen gekommen wäre:

dass vermieden werden müsse, den privaten Kapitalismus durch den Staatskapitalismus zu ersetzen, weil dies noch gefährlicher für die politische und wirtschaftliche Freiheit des Einzelnen wäre.“

Ähneln sich die Muster?

Das vorausschickend erinnert der Autor an Börsenkrach vom 24. September 1869 und den „Schwarzen Freitag“ des Jahres 1929, dem nächsten Zusammenkrach der Finanzen. Und kommt dann Zeilen weiter zum Vorspiel des Ersten Weltkriegs zurück. Zu den beiden Kaisern, den deutschen und den österreichischen, notiert er: „Volksnah ausgedrückt: Der eine Kaiser war beknackt, der andere Monarch senil, beide waren in Ängsten um ihr Reich, und brauchten einander.“

Dieses Kapitel ist betreffs der im Ersten Weltkrieg gipfelnden und den ihm vorauslaufenden Ereignissen sehr zu empfehlen.

Kurz nimmt der Autor abschweifend auch die Tatsache in Betracht, dass am 15. Februar 2003 „weltweit neun Millionen Menschen auf die Straße gingen, um Bedenken gegen das vorschnelle Vorgehen der Herren Bush junior, Donald Rumsfeld und Tony Blair anzumelden.“ Dennoch sei „am 20. März 2003, ohne offizielle Kriegserklärung“, der Angriff auf den Irak gestartet worden.

Und hat auch nicht vergessen, dass der SPD-Politiker Struck meinte, „dass Deutschland am Hindukusch verteidigt werden müsse.“ Ähneln sich die Muster?

Tappen wir, ließe sich, das daraus lernen: so immer wieder in neue Kriegsfallen? Geschichtsvergessen?! Vernunft nicht walten lassend?

Geschichtliches und Biografisches atemberaubend-spannend geschrieben

Der folgende, komprimierte aber hochinteressante Reise, Buchzeile um Buchzeile, durch die Geschichte – zu welcher Jahoda einlädt, lässt beim Leser manches Licht auf- , jedoch auch etliche rote Warmlampen angehen. Betreffend geschichtlicher Entwicklungen und politischer Fehlentscheidungen und Irrationalitäten. Wir lernen, wie im Kapitel 3: „Geschichte hat keinen Rückwärtsgang“. Könnten, so wir es denn wollten für die Gegenwart daraus Lehren und für die Zukunft einige Schlüsse ziehen, um erneute Fehler zu vermeiden.

Selbst Michael Curtiz taucht in Lutz Jahodas zuweilen atemberaubend-spannend geschriebenen Buch auf. Der, damals noch den Namen Mihály Kerzész tragend – aber schon im Filmgeschäft werkelnd – hatte sich nämlich in Jahodas Tante verguckt. Da war Lutz Jahoda freilich noch nicht geboren.

Und schon sind wir von den Fotos aus der Zeit her angekommen in der Welt der 1920er Jahre Wiens.

Nicht minder interessant das Kapitel 5 „Money, Money, Money! Der Rundfunk wird geboren, aber ich bin immer noch in der Warteschleife“

Begierig liest man sich voran. Man meint wirklich in die jeweilige Zeit des aufkommenden neuen Mediums hineinversetzt zu sein.

In „Kurze Zeit Heimat“, lässt der Autor einleitend Erich Kästner zu Worte kommen:

„Wer das, was schön war, vergisst, wird böse.

Wer das, was schlimm war, vergisst, wird dumm.“

Dessen eingedenk schreibt Jahoda mitreißend nun vermehrt seine bewusst selbst erfahrenen (Lebens-)Geschichte fort.

Sechs Jahre müsse den Emigranten aus Deutschland die Tschechoslowakei „paradiesisch vorgekommen sein“, lesen wir:“ keine Braunhemden, kein Siegheilgebrüll, keine körperliche Bedrohung durch SA-Schläger, keinen nächtlichen Überraschungsbesuch mit dem Ruf an der Wohnungstür. „Aufmachen! Geheime Staatspolizei!“ Das war dann 1938 vorbei.

Chamberlain hatte erklärt, die deutschen Minderheit werde im Sudetenland von den Tschechen unterdrückt, hatte damit aber nur nachgeplappert, was Hitler ihm auf dem Obersalzberg eingeredet hatte.“

In Wirklichkeit jedoch begab sich das Gegenteil: Fensterscheiben von Amtsgebäude wurden zerschlagen „und tschechische Aufschriften heruntergerissen, tschechische Gendarmerieposten bespuckt und tschechische Einwohner im Schlaf überfallen.“

Das schreckliche und folgenschwere Münchner Abkommen kam. – Der Anfang vom Ende.

Ohne Groll

Der Autor verlor letztlich seine Heimat. Wurde ausgewiesen. Ist nach Lesart des so benannten Bundes also ein Vertriebener. Groll aber darüber findet sich im Buch nicht. Groll hat auch im Leben Jahodas nie Platz gegriffen.

Der Schriftsteller und von früh an politisch hell denkende Zeitgenosse Lutz Jahoda wusste und weiß die Dinge und Geschehnisse in ihrem Kontext einzuordnen. Er verwechselt nie und an keiner Stelle Ursache und Wirkung.

Vielleicht auch, weil der Autor weiß, dass die Dinge nicht so einfach liegen, wie sie Manche gerne hätten. Deshalb kommt es durch ihn zu einer differenzierten Darstellung. Wir erfahren, was wir vielleicht nie so in den Medien hören: „dass die Ausweisung der Deutschen aus der Tschechoslowakei auf einen Beschluss Winston Churchills zurückgehe, den das britische Kriegskabinett bereits am 6. Juli 1942 fixierte und ein Jahr darauf auch von Roosevelt bejaht, von den Franzosen bestätigt und zuletzt auch von Stalin akzeptiert wurde.“

Indes, diese Einschränkung lesen wir dann doch: „Exilpräsident Edvard Benes aus der Verantwortung zu entlassen, als er in einer Brandrede in Brno die radikale Formulierung „vyliquidovat“ gebrauchte – das „Hinausliquidieren“ der Deutschen, was kurz danach zum Todesmarsch der Brünner führte ., könne einer gültigen Geschichtsschreibung nicht zugemutet werden.“ Darauf weist Eberhard Görner dankenswerterweise in seinem Nachwort hin.

Hervorragend, in gut lesbarem Stil, mitreißend geschrieben

Aber lesen Sie Lutz Jahodas Buch selber. Ich verspreche: Sie haben vor diesem intelligent, in einem mit ganz persönlichen , hervorragenden und gut lesbarem Stil geschriebenen Buch nicht eher wieder Ruhe, bevor sie es nicht ganz ausgelesen haben. Nachwirkung garantiert! Eine fesselnde Reise in die Historie. Unterhaltsam dazu. Ein Buch in welchem Lutz Jahoda seine mitreißende eigene Geschichte im Kontext zur ablaufenden Weltgeschichte voller persönlicher Erlebnisse samt Berichten über interessante Begegnungen mit anderen Zeitgenossen unterhaltend und noch dazu auf hohem Niveau gut lesbar präsentiert. Uns Leserinnen und Leser lädt das Buch dieses so außerordentlich facettenreichen, am Leben des mit so vielen Talenten gesegneten Künstlers, des wie eh und je charmant durchs Leben und auf die Menschen zugehenden Lutz Jahoda, rückblickend teilzunehmen.

Jahodas Buch ist ohne Frage auch ansprechende Unterhaltungslektüre. Aber in Teilen immer auch ein Historie, vielfach mit persönlichen Lebenserinnerungen gefüttert, nachzeichnendes und deshalb auch ein politisches Buch. Zumal das eines klugen Autors, der weit über den eignen Gartenzaun hinausblickt. Nicht nur Vor- und Nachkriegszeiten werden darin thematisiert und im Kontrast zur eignen Biografie beleuchtet. Auch der gar nicht immer so leichte Lebensweg eines Künstlers zu Zeiten des gescheiterten Sozialismusversuchs der DDR wird ein Stück beleuchtet. Ebenfalls DDR-Ende und Problematiken des nun neuen (?) Deutschlands werden nicht ausgeklammert. Und nicht die Finanzmarktkrise und deren Ursachen bleibt ohne Betrachtung.

Lutz Jahoda, im hohen Alter, bemerkenswert jung geblieben, klug und schlagfertig obendrein, ist stets auf Draht. Zu vielen Themen der Gesellschaft hat etwas zu sagen und sagt das dankenswerterweise auch. Nicht selten online. Dass er noch Zeit fand und findet, sich verstärkt dem Schreiben (geschrieben hat er ja zwar immer: für Bühne und Fernsehen, für Kollegen) zu widmen ist für seine Leser ein wahrer Glücksfall. Ein Geschenk für uns Lesende! Mögen aus Jahodas Feder noch viele Textzeilen fließen!

Mit Gewinn zu lesen

Geschichte ist ja Vielen etwas gar zu Trockenes. Etwas, das nach dem Absolvieren der Schule gern vergessen wird. Nicht so bei Lutz Jahoda! Wer mit ihm in die Geschichte reist und sich dafür interessiert, was Jahoda auf der eigenen Lebensreise passiert und begegnet ist, wird hoch auf begeistert sein. Wir als Lesende nehmen etwas mit, das wir selbst gebrauchen und bei Bedarf an andere weitergeben können. Wahrlich. Ein Gewinn und Glück für ihn wie uns, dass er mit „Up & Down“ nervenstark durch ein verhunztes Jahrhundert ging.

Wenn ich mir die derzeitige weltpolitische Situation so anschaue, scheint mir, den zurückliegenden Verhunzungen werden von geschichtslos agierenden Regierenden weitere, noch schlimmere Verhunzungen hinzugefügt.

Übrigens erscheint es mir ratsam, vor dem hier wärmstens empfohlenen Buch, zunächst die Romantrilogie „Der Irrtum“ (1-3) von Lutz Jahoda zu lesen. Mein Beitrag dazu hier.

Produktinformation (Quelle: Amazon.de)

Ein politisches, aber gleichzeitig auch privates Buch eines Mannes, der nicht aufgibt, sein Fernseh- und Rundfunkmetier alters- und wendebedingt verlassen hat und ins neue Jahrtausend professionell zur schreibenden Zunft übergewechselt ist, als hätte er zeitlebens nichts anderes gemacht. Wer Lutz Jahodas Lebensweg über Rundfunk, Film und Fernsehen hat verfolgen können, wird wissen, dass er schon mit dreißig als Liedertexter Bewegung ins heitere Genre brachte und 1971 sein erstes Buch schrieb, dessen Titel „Mit Lust und Liebe“ der Fernsehreihe „Mit Lutz und Liebe“ diente und bis zu viermal im Jahr über ein Jahrzehnt hinweg erfolgreich das Fernsehprogramm der DDR bereicherte.

Wer Lutz Jahodas Lebensweg über Rundfunk, Film und Fernsehen hat verfolgen können, wird wissen, dass er schon mit dreißig als Liedertexter Bewegung ins heitere Genre brachte und 1971 sein erstes Buch schrieb, dessen Titel „Mit Lust und Liebe“ der Fernsehreihe „Mit Lutz und Liebe“ diente und bis zu viermal im Jahr über ein Jahrzehnt hinweg erfolgreich das Fernsehprogramm der DDR bereicherte.

Das e-book „Up & Down“ gibt es zum Preis von 9,99 Euro als Kindle-Edition via Amazon.

Gestern nun ist das Multitalent Lutz Jahoda 90 Jahre alt geworden. Alles Gute weiterhin! Erst kürzlich informierte Jahoda, dass

sein neuestes Buch (unter Mitarbeit des Karikaturisten Reiner Schwalme)  mit dem Titel „Lustig ist anders“ herauskommt. Das zu lesen dürfte wieder ein Vergnügen sein und gewiss auch Anlass zum Nachdenken geben. Auch weltnetz.tv hat an Lutz Jahodas 90. Geburtstag gedacht.

Unter Verwendung eines älteren Artikels.

Neuer „Ohrenkuss“ mit Update zum Down-Syndrom

Cover der Ohrenkuss-Ausgabe „2017 – Ein Update“
Foto: Sandra Stein, Grafik: Maya Hässig

Den Ohrenkuss zu lesen und die Bilder darin zu betrachten, ist immer wieder ein Erlebnis. Selbst wurde ich seinerzeit auf das damit verbundene Projekt über eine Sendung von Alfred Biolek aufmerksam. Es ließ mich seither nicht mehr los. Nun, so informiert, Ohrenkuss-Chefredakteurin, gibt es ein Ohrenkuss-Update.
Die neue Ohrenkuss Ausgabe „2017 ein Update“ ist ein Update der MacherInnen zum Thema Down-Syndrom.

Aus der Pressemeldung

Durch die Touchdown-Ausstellung (hier und hier) in der Bundeskunsthalle in Bonn sind viele Menschen über das Thema Down-Syndrom ins Gespräch gekommen.
Wir wollen das Gespräch fortsetzen. Menschen mit Down-Syndrom machen
ein Update.
Ein Update der Themen, die ihnen wichtig sind.
Ein Update der Themen, die in ihrem Leben eine Rolle spielen.
Ein Update zu ihrem Blick auf die Welt.

Natalie Dedeux ist 18 Jahre alt und Ohrenkuss-Autorin ihr Leben lang.
Sie schreibt über ihre Zukunft: „Ich möchte weiter Bildung lernen. Da
lerne ich andere Berufe kenne. Ich möchte zum Beispiel gerne Koch.
Besonders liebe ich indisch. Ich möchte gerne in einem Büro arbeiten.
Das Büro ist groß. Zum Beispiel Schrifthersteller sein. Ich schreibe es
so auf, dass es Sinn ergibt. Ich möchte gerne ein Diktat über
Spätabtreibung machen. Ich bin auf der Welt, um etwas zu lernen und
nicht abgetrieben werden.“

Florian Mühle ist 31 Jahre alt, er schreibt: „Der Sinn des Lebens ist,
dass sich die Eltern freuen, dass ich am Leben bin. Das ist ein Geschenk
der Natur, solche Menschen wie mich zu gebären. Weil die Menschen mit
Down-Syndrom auch wertvoll sind.“

David Blaeser ist 12 Jahre alt und neu im Ohrenkuss-Team. Er blickt
kreativ in die Zukunft und kann sich vieles vorstellen: „Ich erzähle
über einen Roboter. Dieser Roboter ist cool und er kann meinen Eltern
helfen. Ich finde es gut, dass der Roboter uns hilft. Es kann unseren
Garten rasen mähen, kann auch in unserem Haus helfen wie z. B. Müleimer

touchdown, Ausstellung, Bonn, 2016, Bundeskunsthalle, Ohrenkuss, Down.
Foto: Sandra Stein, Köln.

wegbringen. Wenn wir in unserem Auto rein setzen dann fährt das Auto
automatisch alleine weg. Das Auto fährt selber weil, dass ist ein
Roboter. Er kann Pakete liefern, unser Haus deckurieren. Das finde ich
gut. Er muß sogar Klavier, flöte, tromel spielen. Er muß allen in meiner
Familie helfen. Er muß unsere Haus und in mein Zimmer putzen und meine
Hausaufgaben machen.“

Es wird nicht nur Privates, sondern auch Politisches behandelt. Teresa
Knopp, 21 Jahre alt, schreibt: „Man hört ja sehr viel Schlechtes über
die Welt. In den USA wurde jetzt der Donald Trump gewählt, das ist jetzt
der neue Präsident. Oder so Kriege und Gewalt und Terror, hört man sehr
oft von der Welt. Jetzt meinen auch manche Menschen, dass die Angela
Merkel jetzt auch einen Fehler gemacht hat in der
Flüchtlingspolitik.Weil, wenn wir Menschen mit Down-Syndrom mehr wären,
dann können wir die Welt schöner machen. Einfach, weil mehr Liebe
entsteht.“

Die Kölner Fotografin Sandra Stein hat die Bilder der aktuellen
Ohrenkuss-Ausgabe gemacht. Die Fotos sind in der Bundeskunsthalle
entstanden. In der Ausstellung „Touchdown. Eine Ausstellung mit und über
Menschen mit Down-Syndrom.

(mit „Ohrenkuss“)