Flüchtlingshilfe: Für „lösungsorientierte“ Allianzen „Gelingensbedingungen“ schaffen

Das Duo Tobias und Tarek begleiteten den Abend musikalisch; Foto: C.-D. Stille

Das Duo Tobias und Tarek begleiteten den Abend musikalisch; Foto: C.-D. Stille

Flüchtlinge in Deutschland, das beschäftigt unsere Gesellschaft.  „Wir schaffen das“, meint die Bundeskanzlerin. „Nur gemeinsam“,  fügen Evangelische Kirche und Diakonie hinzu.

Diakonie-Präsident und Landtagspräsidentin auf dem Podium

Der Evangelische Kirchenkreis Dortmund gemeinsam mit der Diakonie Rheinland Westfalen Lippe und der Evangelischen Fachhochschule hatten vergangenen Dienstag zu einer hochkarätig besetzten Veranstaltung über „Erfolgreiche Allianzen in der Flüchtlingsarbeit“ in die Pauluskirche eingeladen.

Viele Menschen interessierte das. Gäste des Abends waren Ulrich Lilie (Präsident der Diakonie Deutschland), Carina Gödecke (Präsidentin des Landtags NRW. Als Vertreter eines Netzwerkes und der Wohlfahrtsverbände waren Uta Schütte-Haermeyer (Diakonie Dortmund), Superintendent i.R. Paul-Gerhard Stamm, Pfarrer Friedrich Stiller, ein Leiter einer Flüchtlingsunterkunft und ein Repräsentant des Flüchtlingsrates NRW mit dabei.

Ulf Schlüter spürte Euphorie: „Jetzt erst recht! Refugees are welcome!“

Superintendent Ulf Schlüter erinnerte in seinem Grußwort daran, worauf das „Wir schaffen das“ der Kanzlerin zurückgeht: Nämlich an das vor nunmehr acht Jahren von Barack Obama versicherte „Yes we can!“.

Schlüter: „Menschen auf der ganzen Welt waren fasziniert. Auf wunderbare Weise.“ Mehr als eine Million Geflüchtete hätten inzwischen „auf der Flucht vor dem mörderischen Bürgerkrieg in Syrien“ und anderen Ländern den gefährlichen Weg nach Deutschland gefunden.

Was auch mit der verheerenden Politik eines George W. Bush im Zusammenhang stehe. Andere Menschen in anderen Ländern wiederum flüchteten vor Hunger, Krankheit und Elend.

Nach Merkels „Wir schaffen das!“ hätten sich hierzulande quasi zwei Blöcke gebildet. Die Einen bezeichneten das Handeln der Kanzlerin als naiv, bei den Anderen – auch in der Kirche – habe eine Euphorie eingesetzt: „Jetzt erst recht! Refugees are welcome!“

Aktive der Flüchtlingshilfe erkennen Grenzen und Rückschläge

Gerade auch hier in Dortmund am Hauptbahnhof, als die Stadt Drehscheibe für Geflüchtete wurde. Auch die Bundeskanzlerin wusste, so Schlüter, es brauche den Einsatz, das Engagement und die Mühen vieler. Und vor allem Investitionen. Sowie politischen klaren Willen, das zu tun.

Aber es gebe eben auch Grenzen und Rückschläge. Die Pauluskirche gehört zur Lydia-Gemeinde. Superintendent Schlüter erklärte den Hintergrund: „Lydia war die erste Christin in Europa.“

Sie lebte in Philippi (Griechenland) und war eine Purpurhändlerin.“ Sie war besonders aufgrund ihrer Gastfreundschaft bekannt und beliebt. Schlüter: „Die Welt wandert schon immer.“

Diakoniepräsident fordert „Lösungsorientierte“ Allianzen für das Land

Gut besucht war die Veranstaltung „Gemeinsam für Flüchtlinge“ in der Pauluskirche.

Diakoniepräsident Ulrich Lilie, der eigens aus Berlin angereist war, stellte klar, niemand könne die entstandene Situation alleine stemmen. Stabile Netzwerke würden gebraucht.

Es sei Zeit für Allianzen. Auch „gegen die, die meinen, sie würden jetzt wieder Recht bekommen“. Ans Werk und die zu klärenden Fragen herangegangen werden müsse mit „großer Sachlichkeit und Sachkunde“.

Auch mit Zuversicht, was hieße „lösungsorientiert“ zu arbeiten. Leute, die uns (Schein-) Lösungen präsentierten, benötige man hingegen nicht. In Berlin, berichtete Lilie, habe man eine bundesweite Allianz geschmiedet – eine „Allianz für Weltoffenheit, Solidarität, Demokratie und Rechtsstaat – gegen Intoleranz, Menschenfeindlichkeit und Gewalt“.

Ulrich Lilie zitierte aus dem Aufruf. Wichtigster Punkt: Für alle die in diesem Lande leben – also auch für Flüchtlinge – müsse Grundgesetzartikel 1 gelten: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Des Weiteren müsse dringend eine gemeinsame europäische Lösung her, um die Fluchtursachen zu bekämpfen.

Forderung: Propagandisten von „Nichtlösungen“ wie der AfD entgegentreten

Wer dagegen mit „Nichtlösungen versuche zu reüssieren“, spielte Lilie auf zweistellige Umfragewerte für die AfD an, dem müsse Paroli geboten werden.

Lilie wollte nicht beschönigen, befand jedoch, dass manche von den Medien gezeichnete Bilder hinsichtlich der Flüchtlingssituation schlimmer sind, als die Realität. Der Diakoniepräsident wies auf die nächste Kanzlerrunde am 8. April hin, wo man abermals an einem runden Tisch zusammensitze, um sich auszutauschen.

Selten habe er so einen großen Zusammenhalt – nach dem Motto „Das wollen wir doch mal sehen“ erfahren. Lilie ist überzeugt: „2016 muss das Jahr der Integration werden“.

Großes ehrenamtliches Engagement dürfe nicht bürokratisch behindert werden. Ein Beispiel zum „Haareraufen“ nannte Lilie. Er erfuhr diese Woche in Wesel davon: Da im Jobcenter kein Übersetzer für einen Flüchtling da war, nahm eine Helferin einen Jugendlichen mit, der schon gut Deutsch konnte. Dieser wurde abgelehnt, weil er erst 17 Jahre alt war. „Absurd“, urteilte Lilie.

Warnung: Flüchtlinge nicht gegen andere gesellschaftliche Verlierer ausspielen

Einen sehr wichtigen Punkt benannte der Gast aus Berlin: „Wir müssen aufpassen, dass die Verlierer unsere Gesellschaft, die wir ohnehin schon haben, nicht zusätzlich verlieren.“ Meint: Nicht die Einen gegen die Anderen ausspielen.

Eine Spaltung der Gesellschaft wie in den USA oder anderen Staaten auch Europas müsse dringend aufgehalten werden. Ulrich Lilie machte Mut, indem er vom Projekt der Bundesdiakonie „Wir sind Nachbarn. Alle“ sprach.

„Macht mit, stellt euch nicht abseits! Bringt euch ein, werdet ein Teil des Wir!“

NRW-Landtagspräsidentin Carina Gödecke (SPD) kritisierte den innerkoalitionären Streit um das Asylpaket II.  Ihre Hauptforderung an die Gesellschaft in dieser schwierigen Zeit: Zuversichtlich und ruhig zu bleiben.

Die Bürger brauchten Orientierung. Und keinesfalls „eine parteipolitische Instrumentalisierung“ der Situation. Weshalb Carina Gödecke sich auch dazu entschlossen hatte, für eine überparteiliche Herangehensweise zu plädieren.

Deshalb sei es auch, lobte Gödecke die Veranstalter, eine gute Entscheidung gewesen, nicht irgendeinen Parteivertreter, sondern eben die Landtagspräsidentin einzuladen. Carina Gödecke regte an: „Wir schaffen das – nur gemeinsam!“, bedeute auch: „Macht mit, stellt euch nicht abseits! Bringt euch ein, werdet ein Teil des Wir!“

Viele Menschen sind bereit, ihren persönlichen Beitrag zu leisten

Die Wirklichkeit zeige, dass doch viele Menschen in dieser Gesellschaft in der momentanen  Situation bereit sind, ihren persönlichen Beitrag zu leisten.

Carina Gödecke wollte auch die europäische Verantwortung nicht außen vor lassen, äußerte allerdings große Sorge über den Zustand der EU und zitierte einen Kommentator, der kürzlich diesbezüglich formuliert hatte: Es sei momentan wenig Union in der Europäischen Union.

Gödecke wagte einen Ausblick und stellte fest, dass trotz bereits unternommenen großen Anstrengungen die finanziellen Mittel für die Flüchtlinge und deren Integration auch in diesem Jahr nicht ausreichen dürften. Hauptsächlich aber müsse es um die „Gelingensbedingungen“ gehen.

Die Ehrenamtlichen gelte es nicht nur zu loben, sondern auch nachhaltig zu unterstützen und manchmal auch darum „sie zu schützen“.  Sowie Grenzen des Ehrenamts zu erkennen und zu respektieren.

Politik muss „Gelingensbedingungen“ schaffen und gegen rechte Hetze eintreten

Politik sei für die Gelingensbedingungen zuständig; aber es würden zusätzlich viele Akteure und das Verständnis der Bürgerinnen und Bürger benötigt.  Weiter gehe es um die Stärke, welche aus dem Zusammenspiel vieler erwachse. Und um „das solidarische Miteinander“.

Unbedingt habe man sich gegen rechte Hetze zu stellen und Übergriffe auf Flüchtlingsheime zu verhindern, bzw. aufzuklären und die Täter zur Rechenschaft zu ziehen. Unverzichtbar sei ein festes Eintreten für die Demokratie und die Freiheitlich Demokratische Grundordnung.

Zu Rechtsextremismus, Hetze, Rassismus und Intoleranz müsse nein sagen, wer sich als Humanist, Christ und Demokrat verstehe.  Bürgerwehren seien abzulehnen. Wir müssten uns am gesunden Menschenverstand verlassen oder an christlicher Grundeinstellung orientieren, mahnte die NRW-Landtagspräsidentin an.

Carina Gödecke setzte dem Motto der Veranstaltung ein entschlossenes „Wir machen das!“ hinzu.

Kritik von Stamm: Ehrenamtliche laufen bei der Stadt vor Wände

Im Anschluss an die Ausführungen der Gäste führte Sabine Damaschke (Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe) Kurzinterviews mit Christina Kaiser, der Leiterin der Übergangseinrichtung Adlerstraße, die aus ihrer Arbeit mit Flüchtlinge berichtete.

Zwanzig hauptamtliche Mitarbeiter werden dort von ca. 100 Freiwilligen unterstützt. Pfarrer Michael Mertins sprach mit Sabine Damaschke u.a. über letztlich mittlerweile zunehmend positiven Einflüsse, die die Flüchtlingsarbeit und die Flüchtlinge selbst auf die evangelische Gemeinde habe.

Obwohl es in Lütgendortmund auch Proteste  gegen Flüchtlingsansiedlung im Ort gegeben hatte. Der pensionierte Superintendent Paul-Gerhard Stamm skizzierte seine vielfältige Arbeit als Koordinator für Ehrenamtliche.

Aber machte sich auch Luft: Bei der Stadt laufe man auch schon mal gegen Wände. Fehlende  Absprachen und lange Vorlaufzeiten machten Probleme.

„Die Stadt macht die Augen zu und schiebt das alles so ein bisschen vor sich her“. Die Stadt könne ja wohl auch nicht so flexibel sein wie sie es sein sollte.  Kritik übte Stamm auch an „Knebelverträgen“ mit den Wohlfahrtsverbänden.

Dies aber wies später  Uta Schütte-Haermeyer, Leiterin des Fachbereichs Flucht und Migration bei der Diakonie Dortmund, ausdrücklich zurück. Es entstand ein umfassendes Bild dieser facettenreichen und keineswegs leichten Arbeit in dem Bereich.

Diakonie: Das Asylpaket II strotzt nur so von populistischen Maßnahmen

Zum Podiumsgespräch stieß zu den Gästen, die zuvor bereits gesprochen hatten, noch Birgit Naujocks vom Flüchtlingsrat NRW hinzu.

Sie strich ihrerseits heraus, wie wichtig  ein gesellschaftliches Miteinander der Menschen sei. Lange sei der Flüchtlingsrat von Land als störender Faktor empfunden worden.

Pfarrer Friedrich Stiller erkannte, dass heute doch viele Menschen zu der Erkenntnis gekommen seien, dass man auch etwas abgeben müsse. Und lobte die gesellschaftliche Wirkungen von Kirchenasyl hin zu mehr Offenheit und der Übernahme von mehr Verantwortung.

Ulrich Lilie regte noch einmal Runde Tische an, die man anstelle von Talkshow-Formaten brauche. Demokratiegefährdend empfindet Lilie, wenn immer mehr Menschen der Eindruck vermittelt wird, nicht an Entscheidungen beteiligt zu werden.

Kritisch merkte er an, dass man die Bundesregierung Dinge wie das Asylpaket II  „durchpeitscht“, ohne dass man gefragt werde. Man habe als Diakonie exakt sechs Stunden Zeit bekommen, sich damit zu beschäftigen und Stellung zu beziehen. Das Asylpaket II strotze nur so von populistischen Maßnahmen.

Wort- und Rückmeldungen aus dem Plenum

Sich anschließende Wort- und Rückmeldungen aus dem Plenum zeigten noch einmal positive Aspekte und das Engagement von Ehrenamtlichen auf. Aber auch Kritisches wurde angemerkt.

Musikalisch wurde die Veranstaltung vom Duo Tarek und Tobias begleitet. Die Gäste erfuhren, dass Tarek erst im letzten Jahr aus Syrien als Flüchtling nach Nordrhein-Westfalen gekommen war.

Auf der Flucht verlor er sein Instrument namens Kanun. Eine Spendenaktion in Witten ermöglichte, dass Tarek zu einem neuen Instrument kommen konnte.

Evangelische Landeskirche Baden: „Frieden kann nicht mit Waffen gewonnen werden“

Achtung! Achtung!; Photo: W.R. Wagner via Pixelio.de

Achtung! Achtung!; Photo: W.R. Wagner via Pixelio.de

Dieser Tage sind einige Aufrufe gegen den Militäreinsatz der Bundeswehr in Syrien veröffentlicht worden. Sogar vom Stern-Autor stern-Autor Arno Luik erschien ein kritisches Essay: „Die Schlafwandler rücken aus“. Als Gegensatz zu Stern-Kolumnist Hans-Ulrich Jörges, in einer Video-Kolumne tönte: „Wenn Krieg, dann richtig!“ Womöglich noch unter den Eindrücken vom Flüchtlingselend, das er selber besichtigt hatte? Ansonsten scheinen viel zu viele Politiker und Medien voll auf Kriegsmodus eingestimmt sein zu bzw. umgeschaltet zu haben. Da kritische Beiträge noch immer in der Minderzahl sind, möchte ich nach der Veröffentlichung von anderen Aufrufen wider dem Kriegseinsatz der Bundeswehr in Syrien heute nun noch eine Stellungnahme der Evangelischen Landeskirche Badens hinzufügen. Ich selbst stieß via den NachDenkSeiten auf dieses Papier. NachDenkSeiten-Herausgeber Albrecht Müller seinerseits über die Zuschrift eines Pfarrers der der Evangelischen Landeskirche Badens. Dieser schrieb an Müller:

„Es ist das erste Mal in der Geschichte der Evangelischen Landeskirche in Baden, dass sich die Kirche gegen einen vom Parlament beschlossenen Bundeswehreinsatz ausspricht. 
Vorausgegangen ist der neu erwachten friedenspolitischen Kompetenz ein zweijähriger friedensethischer Konsultationsprozess in allen Kirchenbezirken Badens, 
der im Jahre 2013 zu einem Beschluss führte und die Landeskirche auf klaren Kurs in Sachen Friedensethik führt: 
Nein zu Militäreinsätzen, ja zu einer internationalen Polizei und die Befürwortung gewaltfreier Alternativen.“

Hier nun zum Papier:

„Frieden kann nicht mit Waffen gewonnen werden

Stellungnahme der Ev. Landeskirche in Baden zum geplanten Militäreinsatz in Syrien

Zahlreiche Terroranschläge in Paris, in Ländern des Nahen Ostens und Afrikas verbreiten Schrecken, Angst und Wut. Wir trauern mit den Familien der Opfer. Solidarisch mit ihnen, mit ihren Völkern und allen Menschen guten Willens fordern wir ein Ende von Terror und Gewalt und treten dafür ein, dass alle erdenklichen politischen Mittel eingesetzt werden, um diesem Ziel näher zu kommen. Der Beschluss des Bundeskabinetts zur Beteiligung der Bundeswehr an einem Militäreinsatz in Syrien, um mit Frankreich und anderen Verbündeten den islamistischen Terror zu bekämpfen, erfüllt uns mit Sorge. Er folgt einer Logik, durch militärische Gewalt mehr Sicherheit herzustellen. Uns erscheint dies nicht hilfreich, um den islamistischen Terror einzudämmen und Syrien einem Frieden näher zu bringen.

Es darf nicht vergessen werden, dass die Täter von Paris nicht aus Syrien, sondern aus Frankreich und aus Belgien stammten. Terroristische Anschläge sind kriminelle Akte und müssen wie alle Verbrechen mit polizeilichen Mitteln verfolgt und die Täter vor Gericht gebracht werden. Syrien noch mehr mit militärischer Waffengewalt zu überziehen, wird keinen Terroristen davon abhalten, weitere Attentate zu vollbringen. Im Gegenteil ist zu befürchten, dass ein solches Vorgehen den Terrorismus bestärkt, da dies den Hass auf den Westen noch steigert. Seit September 2014 wird gegen den Islamischen Staat mit militärischen Mitteln vorgegangen. Doch sie haben keinen Erfolg gebracht. Der Islamische Staat ist eine terroristische Organisation, die sehr unterschiedlich zusammengesetzt ist. Viele ehemalige Kämpfer Saddam Husseins haben sich inzwischen dem IS angeschlossen. Oftmals nicht aus ideologischen Gründen, sondern aus mangelnder Perspektive.

Der friedensethische Beschluss der badischen Landessynode „Richte unsere Füße auf den Weg des Friedens“ vom 24. Oktober 2013 kommt zur Erkenntnis, dass Konflikte gewaltfrei gelöst werden müssen „auf allen Ebenen“. Dabei orientiert er sich an den biblischen Grundaussagen. Das Pauluswort „Lasst Euch nicht vom Bösen überwinden, sondern überwindet das Böse mit Gutem“ (Röm 12,21) ist nicht Ausdruck naiver Weltferne – auf die aktuelle politische Situation übertragen bedeutet es die Aufforderung alle Anstrengungen auf Alternativen zu einem militärischen Vorgehen zu richten, um die Gewaltspirale zu durchbrechen!

Wir treten dafür ein, sorgsam zu prüfen, mit welchen Mitteln Frieden und Freiheit wirklich verteidigt und gesichert werden können und folgen dabei der Resolution der Kirchensynode der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau vom 28. November 2015: „Wir setzen uns dafür ein, Terror mit den zivilen Mitteln des Völkerrechts, durch wirtschaftliche Maßnahmen, Sanktionen, den Stopp von Rüstungsexporten in Krisengebiete und in Diktaturen und mit allen erdenklichen Mitteln der Diplomatie, des Gesprächs und des Aufbaus partnerschaftlicher Beziehungen einzudämmen und zu beenden. „ Dies ist eine gemeinsame Aufgabe aller friedliebenden Menschen, aller Staaten und aller Religionsgemeinschaften.

Auch wer den Einsatz von Waffen nicht grundsätzlich ausschließt, wird zu ähnlichen Einschätzungen gelangen. So macht der Friedensbeauftragte der EKD, Bischof Renke Brahms, in seiner Erklärung vom 2. Dezember 2015 deutlich, dass die Entscheidung für den geplanten Militäreinsatz die ethischen Prinzipien nicht erfüllt, welche die EKD in der Friedensdenkschrift 2007 „Aus Gottes Frieden leben – für gerechten Frieden sorgen“ benannt hat. Nach dem Verständnis der EKD Denkschrift darf militärische Gewalt nur als letztes Mittel bei andauernden schwersten Menschenrechtsverletzungen eingesetzt werden. Zwingend muss ein Mandat des UN-Sicherheitsrates vorliegen. Militärisches Eingreifen muss „begründete Aussicht auf Erfolg“ haben und Teil eines „friedens- und sicherheitspolitischen Gesamtkonzepts“ sein. Dies ist augenscheinlich bei dem Militäreinsatz in Syrien nicht der Fall. Die Versuche, den islamistischen Terror durch Militäreinsätze in Afghanistan und im Irak zu stoppen, haben eher das Gegenteil bewirkt: sie haben die Gesellschaften in diesen Ländern destabilisiert, den Terror gefördert und große Flüchtlingsströme ausgelöst. So trägt auch die Politik des Westens hier eine Mitverantwortung für die Entwicklungen der letzten Jahre.

Darum rufen wir auf zur Besonnenheit und fordern die politisch Verantwortlichen auf, keine vorschnellen Entscheidungen zu treffen, sondern genau zu prüfen, welche Instrumente gegen den Terrorismus tatsächlich helfen.

Wir rufen alle friedliebenden Menschen in allen Religionsgemeinschaften auf, die Stimme zu erheben,für friedliche Lösungen zu beten und tatkräftig einzustehen. Wir erinnern an die Friedensbotschaft Jesu, die den Christinnen und Christen den Weg weist. Mit unseren Schwestern und Brüdern aus der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau und in vielen Kirchen weltweit sind wir überzeugt: „Frieden kann nicht mit Waffen gewonnen werden“.

Karlsruhe, 03.12.15“

Dortmund: Tatort – Rudelgucken in der Pauluskirche

Der Dortmunder Tatort beginnt in der Pauluskirche; Fotos: C.-D. Stille

In der Dortmunder Pauluskirche: der Tatort beginnt; Fotos: C.-D. Stille

Ich weiß ja nicht wo Sie, werte Leserinnen und Leser, hingehen, um den Dortmunder Tatort zu gucken. In den Keller vielleicht? Gestern lief nun mit und um Tatort-Kommissar Faber der siebte aus Dortmund. Noch immer soll ja der Dortmunder einer der unbeliebtestes Tatorte der ARD sein. Sei’s drum. Für mich hat der was. Nicht nur weil ich sozusagen im „Tatort Dortmund“ lebe. Für mich war gestern Premiere. Den Dortmunder Tatort zuhause schnöde vor der Glotze anzuschauen – das war (für mich und eine Reihe anderer Menschen) einmal! Wo es doch seit dem ersten Dortmunder Tatort eine hochinteressante Alternative zum Anschauen vom heimischen Sofa aus gibt. Nämlich sitzend auf harten Kirchenbänken! Was?, fragen Sie. Ja, das gibt es. Und soviel wie mir bekannt ist, einmalig in Deutschland im Ruhrpott. Geografisch genauer in der einstigen Kohle-, Stahl- und „Bierstadt Nummer 1 in Europa“ – wie es vor über fünfundzwanzig Jahren noch auf Werbeplakaten auf dem Dortmunder Hauptbahnhof, der „Pommesbude mit Gleisanschluss“ (der inzwischen verstorbenen langjährige Oberbürgermeister Günter Samtlebe seinerzeit) – geheißen hatte. Trotz Frühdienstmüdigkeit rappele ich mich also am Sonntagabend fest entschlossen auf. Ich besteige die U-Bahn, wechsle einmal einmal und bin schon da. Sozusagen im Tatort Pauluskirche auf der Dortmunder Schützenstraße. Schließlich ist das Zeigen des Tatorts eine Tat. Und die Kirche der Ort, wo man sie begeht.

Huh, mitten im „sozialen Brennpunkt“

Die Dortmunder Pauluskirche von der Schützenstraße aus gesehen.

Die Dortmunder Pauluskirche von der Schützenstraße aus gesehen.

Gelegen im – oft so genannten „sozialen Brennpunkt“ Nordstadt. Wo ich nebenbei bemerkt selbst vor langem einmal wohnte. Die Kollegen rümpften damals die Nase: „Inne Nordstadt willse ziehen?“ Es war nicht die schlechteste Zeit, die ich dort verbrannte. Die Rolltreppe spuckt mich also auf die abendliche Schützenstraße hinauf. Vieles hat sich längst verändert. „Mein“ Fleischer ist weg. Die Stadtsparkasse, wo ich meinen ersten bundesdeutschen Kredit bekam, noch da. Nun, die Straße ist mehr multikulti geworden. Bunte Tupfer in einem grauen Viertel. Multikulti, ein Wort, dass manche heute mit Verachtung auszusprechen pflegen. Und hinzufügen: „gescheitert“. Aber Deutschland verändert sich nun mal. Wir sind ein Einwanderungsland – mag mancher es auch noch immer nicht wahrhaben wollen. Speisen aller möglichen Herren und Frauen Länder bekommt man auf der Schützenstraße. Das Beerdigungsinstitut ist noch da: Gestorben wird bekanntlich immer. Auch im Tatort. Wohin ich auf dem Weg war. Huh, mitten im „sozialen Brennpunkt“ auf vermeintlich heißem Pflaster. Ein Huh-Gefühl auch: der plötzlich vor mir in den Dortmund Nachthimmel aufragende Turm der Pauluskirche. Wie eine Antenne! Für den Empfang des Tatort-Fernsehfilms.

Wie der Tatort in die Kirche kam

Das Kirchenschiff ist bereits ordentlich gefüllt. Vorn auf der Großleinwand läuft der Weltspiegel. Gemurmel und Flaschenklirren. Letzterem folge ich. Auf der Empore gibt es Bio-Würstchen, alkoholfreie Getränke, Bier und Wein. Eine heimelige Atmosphäre! Wieder unten treffe ich Pfarrer Friedrich Laker. Einer von dreien der Lydia-Gemeinde, zu welcher die Pauluskirche gehört. Friedrich Laker erzählt wie man überhaupt darauf kam den Dortmunder Tatort in der Kirche zu zeigen. Schuld daran ist die verflossenen Fußballweltmeisterschaft. Da gab es schon mal Spiele im Rudel zu gucken im Kirchenschiff. Und als dann der erste Dortmunder Tatort sozusagen ins Haus stand, hatte eine Mitarbeiterin die Idee, diesen in der Pauluskirche zu zeigen. Und es war ad hoc ein Erfolg! Seitdem gibt es jedes mal wenn ein Dortmunder Tatort avisiert ist „Rudelgucken“ in der Kirche. Eine tolle Sache! Und jung und alt sind dabei. Kritik aus der Gemeinde daran habe es bis dato eigentlich nur einmal gegeben. Ausgerechnet von jemanden, der beim „Rudelgucken“ niemals dabei gewesen war. Gewiss, so der hoch engagierte Pfarrer, dürften wenige Gemeindemitglieder ein wenig im Stillen murren – im Wesentlichen tolerierten sie es aber. Man fördere ja mit der Veranstaltung Gemeinschaftssinn und erfülle auch einen gewissen Kulturauftrag. Im weitesten Sinne ja auch Aufgaben von Kirchen. Dazu gehört nicht zuletzt ebenfalls das In-den-Blick-nehmen und Thematisieren von gesellschaftlichen Problemen. Nun also! Dann muss Pfarrer Laker nach vorne, um ein paar organisatorische Ansagen zu machen. Ein Blick ins Publikum des heutigen Abends zeigt, dass die Kirchgemeinde auf einem gutem Weg ist. Da sitzen Leuten aus allen Bevölkerungsgruppen. Ob sie nun Mitglied in der Kirche sind spielt keine Rolle. Viele junge Leute darunter. Ich selbst treffe einen jungen Mann, den ich noch als Auszubildenden kenne. Ich vermute mal, er gehörte bislang nicht zu den typischen Tatort-Guckern, wie ich seit Beginn von dessen allererster Ausstrahlung eines Films aus dieser Reihe der ARD einer bin. Da geht er hin mit seiner Freundin. Beide ein geistiges Getränk in den Händen. Und dann wird der Ton höher gedreht. Das „Zuschauerlicht“ heruntergedimmt. Der bekannte Tatort-Vorspann läuft. Spannung.

Dunkle Ecken, Thrill und freche Sprüche

Hauptkommissar "Vollarschloch" Faber ( Jörg Hartmann) und Kollegin Bönisch (Anna Schudt) in den ersten Filmminuten am Tatort.

Hauptkommissar „Vollarschloch“ Faber ( Jörg Hartmann) und Kollegin Bönisch (Anna Schudt) in den ersten Filmminuten am Tatort.

Freilich auch dieser neue Dortmunder Tatort ist von der Thematik her ziemlich finster. Und ja: er spielt in dunklen Ecken. In denen finstre Typen dunkle Geschäfte treiben, auch wenn dessen Boss im gutem Zwirn steckt. Ecken, die das Stadtmarketing über die Jahre versucht vergessen zu machen. Aber es gibt sie eben doch. Auch anderswo. Was nicht heißt, dass Dortmund nicht auch anders ist und viele tolle Ecken hat und sich diesbezüglich durchaus auch mit anderen Städten in Deutschland messen kann. Und noch dazu der ganz besondere Menschenschlag! Dessen gewohnt Schlagfertigkeit scheint auch oft genug in den zackigen, geerdeten Dialogen der Film-Kriminalisten des Dortmunder Tatorts auf. Manch Lacher ob diverser frecher Sprüche aus dem Munde von dessen Protagonisten ist da aus den Pauluskirch-Bänken zu hören. Schnelle Schnitte treiben das Filmgeschehen voran. Und vor Aufregung fällt irgendwo eine Flasche um. Dabei hatte doch Pfarrer Laker gebeten, auf den empfindlichen Steinboden zu achten. Aber schon wieselt das offenbar schuldige Mädchen eine Reihe hinter mir zum Klo, um Papier zum Säubern zu holen.

Und das macht das besondere beim Tatort-Rudegucken aus: das Gemeinschaftsgefühl. Ganz anders als zuhause zu glotzen mit der Holden oder dem Holden auf dem Sofa! Tatort Kirche. Läuft! Das muss man erlebt haben.

Abgründe – auch persönliche der Kriminalisten – hält der Film wieder zuhauf bereit. Und Thrill – den hat der Film auch. Dass die Flüchtlingsthematik im Tatort mit dem Titel „Kollaps“ eine Rolle spielt, ist sicher Zufall. Jedoch lässt dies angesichts aktueller Entwicklungen eine gewissen Brisanz spürbar werden. Denken doch die Zuschauer beim Schauen dieses Tatorts die ergreifenden Bilder der vergangenen Wochen gewiss unweigerlich mit und somit zusammen mit dem Geschehen im Film, in der eignen Stadt, quasi direkt vor der Tür der Kirche in welcher sie sitzen.

Ein Fressen für die Kritiker

Mit ziemlicher Sicherheit hat dieser Tatort wieder unterschiedliche Reaktionen auch bei den Kritikern diverser Medien ausgelöst. Viele dürften abermals nicht positiv sein. Beispielsweise ist die Kritik von Mattthias Dell im „neuen deutschland“ folgendermaßen überschrieben „Schlechte Laune, tumbe Sprüche“ und darunter:

„Es ist erstaunlich, wie gut auch dieser Tatort mit der Angst des gegenwärtigen Mobs korrespondiert“

Dann bescheinigt Dell dem Dortmund Tatort: „So weit, so gut. Dann aber wird es übel. Oder auch nur üblich, wenn man sich die Darstellung von Menschen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen anschaut, die nicht so aussehen wie die Mehrheit in diesem Land. Der gewöhnliche Reflex wäre zu sagen, dass es doch nur darum geht, die Wirklichkeit abzubilden. Aber die Wirklichkeit im Fernsehen ist naturgemäß eine Konstruktion.“

Ganz großes Kino das Programm von Pauluskirche und Kultur

Auch die Tatort Rudelgucker dürften mit unterschiedlichen Meinungen und Urteilen nachhause gestrebt sein an diesem Sonntagabend. Das soll so sein. Doch geeint haben wird sie wohl eines: Dieses Filmübertragungsangebot seitens der Pauluskirche jeweils für den Dortmunder Tatort ist sozusagen ganz großes Kino. Diese Pauluskirche auf der Dortmund Schützenstraße ist selbst Täter und Tatort zugleich. Und die Taten häufen sich. Gott und Pfarrern wie Friedrich Laker sei Dank! Schaut doch nur das Programm von Pauluskirche und Kultur an! Musentempel und Gotteshaus zugleich. Wo geht so etwas schon so gut zusammen wie hier? Kirche beschreitet hier gottlob neue Wege, ist provokant und lebensnah. So die Eigenauskunft. Und dazu dies: „Erotik-Gottesdienst, Rock-Konzert in der Kirche, Nacht der offenen Kirche mit Tanz und  Weltmusik, BVB-Trauung in Schwarz-Gelb, Single-Brunch, Gottesdienst in einem Fitness-Studio. Neue Wege – das Motto ist Programm.“ Verantwortlich dafür zeichnet die Schwerpunktpfarrstelle der evangelischen Lydiagemeinde in der Dortmunder Nordstadt und seine Inhaber, das Pfarr-Ehepaar Sandra und Friedrich Laker, das bereits seit fast 10 Jahren das etwas andere kirchliche Programm zusammen mit vielen Ehrenamtlichen aufstellt. Provozierend und lebensnah, einladend und weltoffen“ möchte man sein. „Die breite Vielfalt der Angebote von Offener Kirche, Meditation, Erlebnisgottesdienst, Gesprächsabende, Nacht der Religionen bis hin zur Kulturkirche bietet für fast jeden etwas. Hier verändert sich Kirche, wird spannend, berührt und bewegt. Einfach mal reinschauen und ausprobieren.“

Hut ab und weiter so! Wie, Kirche ist tot? Diese jedenfalls nicht. Sie liegt mitten im „sozialen Brennpunkt“ der Stadt Dortmund.  In diesem wirkt sie über Konfessionen und Menschen aus verschiedenen Nationen hinweg und gemeinsam mit ihnen zusammen.  Die Austrahlung all dessen geht weit über den Stadtteil hinaus. Ob Gläubige unterschiedlicher Konfession, Atheisten, Zweifler und Philosophen – allen bietet sich in der Pauluskirche  ein Podium. Alle sind angesprochen.

Zurück an den Tatort

Ich bekenne: Ich bin zum Täter – na ja: Mittäter – geworden. Und als solchen zieht es mich hoffentlich schon bald wieder dorthin. Zum Schluss trete ich wieder aus der Kirche hinaus auf die Schützenstraße hinaus. Ich strebe zur U-Bahnstation. Die Rolltreppe „baggert“ mich zurück  in die Dortmunder Unterwelt. Voll mit schönen Eindrücken trotz des düsteren Tatorts rausche ich mit der Metro nach Hause. Und komme erst dort an, der sogenannte Polittalker  Günther Jauch mit der   Sendung und wohl auch mit seinem Latein  am  Ende ist. Wie ich im Netz lese, ist mir da einiges an Widerlichem erspart geblieben.

Wo gehen Sie demnächst hin zum Dortmunder Tatort gucken? Ich weiß es schon jetzt wo. Wie Sie sich denken können …