Imamin, Rechtsanwältin und Frauenrechtlerin Seyran Ates in Dortmund: „Der Islam lässt sich mit der Moderne vereinbaren“

Prof. Dr. Ahmet Toprak, Seyran Ates, Prof. Dr. Prof. Dr. Katja Nowacki (v.l.n.r.) Fotos: Claus Stille

Die jüngste, von Prof. Dr. Ahmet Toprak initiierte Vortragsreihe der Fachhochschule Dortmund, „Gehört der Islam zu Deutschland?“ beschloss am 6. Dezember 2018 ein Gastauftritt von Seyran Ates (Rechtsanwältin, Frauenrechtlerin und Imamin aus Berlin). Die in Abständen immer wieder neu aufgeworfene Frage ging auf ein Bekenntnis von Christian Wulff zurück. Der damalige Bundespräsident hatte am 03.10.2010 in seiner Rede betont, dass der Islam zu Deutschland gehört. Altbundespräsident Wulff war es auch, welcher die benannte Vortragsreihe in Dortmund eröffnete. Dabei erweiterte er seine These nochmals und unterstrich seine damalige Äußerung nochmals ausdrücklich.

Gast diesmal Seyran Ates: „Der Islam lässt sich mit der Moderne vereinbaren!“

Am 6. Dezember verteidige Frau Ates nun im Teil 3 der FH-Dortmund-Reihe die von ihr vertretene These: „Der Islam lässt sich mit der Moderne vereinbaren!“

Seyran Ates (55) hat sich zur Imamin ausbilden lassen und in Berlin-Moabit eiIbnne liberale Moschee gegründet. Deren Name: Ibn-Rushd-Goethe-Moschee. Dort können Frauen und Männer zusammen beten. So sie das denn wollten.

Beklage ein Mann , wenn er neben oder hinter einer Frau bete, sexuelle Gefühle zu bekommen, „dann“, so befand Seyran Ates, „soll er zum Therapeuten gehen“. In der Moabiter liberalen Moschee sind auch Homosexuelle willkommen. Trauungen werden ebenfalls in der Moschee, die in einem Nebengebäude einer evangelischen Kirche eingemietet ist, vorgenommen. Als Moderator Ahmet Toprak vom Gast erfuhr, dass der Eingang zur Moschee über einen Hof führe, spöttelte in Anspielung auf frühere Örtlichkeiten von Moscheen

Prof. Dr. Ahmet bei der Begrüßung des Publikums und des Gastes.

Deutschland anspielend: „Also quasi eine Hinterhofmoschee?“ Seyran Ates konterte geistesgegenwärtig: „Im hinteren Hof. Aber im dritten Stock.“ Nachher ergänzte sich noch: „Wenn wir aus dem Fenster auf den angrenzenden Friedhof sehen, haben wir sogar ein Brunnen.“ Ihnen war nämlich von einem Kritiker vorgeworfen worden, eine Moschee ohne Brunnen sei keine.

Seyran Ates sieht in ihrer Moschee kein Angriff auf traditionelle Moscheen

Wie man sich denken kann, ist diese Moschee äußerst umstritten. Aber gleichzeitig wird sie von Muslimen, die bekennen, sich in anderen, traditionellen Moscheen nie richtig wohlgefühlt zu haben, begrüßt und gut frequentiert. Seyran Ates sieht in ihrer Moschee aber kein Angriff auf traditionelle Moscheen. Sehr wohl aber gegen einen politischen Islam und die Islamisten.

Seyran Ates und Ahmet Toprak beim Vorbereitung.

Auf die Frage des Moderators, wie sie mit scharfer Kritik und Anfeindungen umgehe, antwortete Frau Ates selbstbewusst und entschlossen, sich nicht

unterkriegen zu lassen Sigmund Freud: „Nicht verteidigen, weiter arbeiten.“

Besuch aus aller Welt. Anfeindungen, bis hin zu Morddrohungen an Seyran Ates

In der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee werde nicht nach Sunniten, Schiiten oder Alawiten unterschieden. Seyran Ates sagte, deshalb sei es ihr ein Bedürfnis zu sagen: „Ich bin Muslimin.“ Dabei komme ihre Familie eher einen aus einer sunnitischen Tradition. Ihr Vater ist Kurde, die Mutter Türkin.

Gäste aus aller Welt kommen mittlerweile zu Besuch in die Moabiter Moschee. Gleichzeitig wird Seyran Ates angefeindet. Sie erhält regelmäßig nicht nur E-Mails, die übelste Beschimpfungen, die meist unter die Gürtellinie gehen, enthalten, sondern auch ernstzunehmenden Morddrohungen. Seyran Ates kann ohne Personenschutz seitens des Landeskriminalamtes gar nicht mehr das Haus verlassen. Die Beamten schützten die Imamin auch bei ihrem Auftritt in Dortmund.

Unterdessen lernt die Imamin, wie sie in der Fachhochschule bekannt gab, nun auch Arabisch, um den Koran in Originalsprache lesen zu können.

Für die Eröffnung und Grußworte war Prof. Dr. Katja Nowacki, Studiendekanin Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften, zuständig. Die Moderation lag abermals in den Händen von Prof. Dr. Ahmet Toprak, Dekan, Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften.

Seyran Ates: „Wir dürfen das öffentliche Bild des Islam nicht länger den konservativen islamischen Verbänden überlassen“

Zugunsten einer ausführlicheren Diskussion hatte Seyran Ates auf ein längeres Referat verzichtet und sich auf etwa eine halbe Stunde Redezeit beschränkt.

Darüber, ob der Islam nun zu Deutschland gehört mochte sie gar nicht überschwänglich reden, sondern „darum, worum es eigentlich geht“. Auch von Integration per sei mag sie nicht mehr sprechen: „Der Begriff ist verbrannt. Nennen wir es lieber das gute Zusammenleben miteinander.“

Als Juristin sei sie es gewohnt Probleme bezüglich eines Sachverhalts aufzuzeigen.

Sie verteidige das Recht, sehr breit zu denken, Fehler zu finden – aber am Ende eine Lösung für ein Problem zu finden. Als liberale Muslima gehe es ihr darum, keine Schubladen zu öffnen.

Ates machte deutlich: „Wir dürfen das öffentliche Bild des Islam nicht länger den konservativen islamischen Verbänden überlassen.“ Auch wenn diese hierzulande in allen möglichen Gremien säßen. Die Imamin kritisierte ebenfalls die Türkeilastigkeit in diesen Verbänden. Es müsse darauf gesetzt werden den Einfluss der DITIB (Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion e.V.) – weil maßgeblich via der türkischen staatlichen Religionsanstalt Diyanet dirigiert, erst recht unter Präsident Erdogan, einzudämmen. Überhaupt sei es ein Unding, dass Ankara türkische Imame in die DITIB-Moscheen nach Deutschland schickten, die weder Deutsch sprächen, „noch die deutsche Kultur kannten, noch schätzten“. Als wichtigen Schritt bezeichnete die Referentin, dass hier inzwischen Islam-Kundelehrer und islamischen Theologen an deutschen Universitäten ausgebildet werden.

Traditionelle muslimische Theologen bestritten eine Veränderbarkeit (eine Reform) des Islam. Andererseits befürchteten glücklicherweise ein Teil der deutschen Muslime nicht den Untergang ihrer Religion, wenn die Schriften zeitgemäß interpretiert würden. Die es nicht in Gewissensbisse stürze, wenn sie christliche oder jüdische Freunde hätten, die es nicht als „Fremdgehen“ verstünden, die Hand zum Gruß zu reichen, die nicht Kopftuch tragenden Frauen nicht als nackt empfänden, die Alkohol tränken.

Eine Anekdote aus der inzwischen ins faschistoide abgleitenden Türkei

Frau Ates erzählte eine Anekdote aus ihrer Kinderzeit in der Türkei. Ihr Onkel und andere Männer hätten schon hin und wieder an einem Tisch gesessen und Raki (Anisschnaps) zu Vorspeisen getrunken. Und wenn der Muezzin zum Gebet rief, dann sei das Glas Raki einfach unter den Tisch gewandert und danach wieder hervorgeholt worden. Heute jedoch, wusste Ates in der Diskussion zu sagen, beteten dieselben Leute manchmal beinahe zwei Stunden lang. Ein trauriges Resultat, der Erdogan-Politik, der die einst in der muslimischen Welt als relativ fortschrittlich geltende Türkei Richtung eines islamischen Staates, führe. Eine tragische Entwicklung erlebe die Türkei. Erdogan selbst bezeichnete Seyran Ates als einen Verbrecher und kennzeichnete dessen Politik als „faschistoid“.

Widerspruch einer jungen Muslima

Später, in der Diskussion warf ihr eine junge Muslima mit bedecktem Haupt vor, Alkohol sei im Islam von Allah grundsätzlich verboten und eben nicht in Ordnung. Wie immer man das selbst auch sehe. Die Angebote, die Seyran Ates den Menschen in ihrer Einrichtung mache – schickte sie hinterdrein – seien gewiss aller Ehren wert. Doch die junge Frau beschied der Imamin hart: „Sie haben etwas gegründet, unter dem Namen Islam, was gar nicht zum Islam gehört.“

Ebenso wies diese junge Frau, dass von Frau Ates unverheirateten jungen muslimischen Frauen zugestandene Recht (es gehöre einfach zu einer Entwicklung hinzu, so Ates, auf Wilhelm Reich, Psychiater, Psychoanalytiker, Sexualforscher und Soziologe, verweisend) Sex vor der Ehe zu haben strikt als dem Islam widersprechend zurück.

Aufgeklärte Muslima kommen gut mit der Demokratie klar. Aber: „In der Demokratie ist kein Platz für die Scharia“, so Seyran Ates

Wer in der Religion vor allem das sehe, was Seyran Ates darin sieht: nämlich Spiritualität, eben was naturwissenschaftlich und wissenschaftlich halt nicht zu erklären sei, was sich zwischen einen selbst und Gott abspiele, könne durchaus mit einer demokratischen verfassten Gesellschaft und deren Grundsätzen im Einklang leben.

Weshalb, so Ates, „für uns aufgeklärten Muslime der Islam mit Demokratie vereinbar ist“. „Das Eine ist die Religion. Das Andere ein politisches System.“ So verhalte es sich auch mit der Moderne: „Wir reden über gesellschaftliche Strukturen und gesellschaftliche Modelle, wie Menschen zusammen leben.“ Doch es ginge eben nicht, das alles in einen Topf zu werfen, wenn es um den Islam gehe. Man frage doch inzwischen auch nicht mehr, ob das Christentum mit der Demokratie vereinbar ist. Lege sie, verdeutlichte Ates, die Bibel auf die eine Seite und das Grundgesetz auf die andere Seite, „dann haben wir teilweise große Probleme“. Ebenso verhalte sich das mit dem Koran. Es gelte auf die sehr souveräne und ehrliche

Seyran Ates im Gespräch mit Ahmet Toprak.

Trennung von weltlicher Macht und religiöser Macht zu setzen. Es gehe um eine Pluralität. Und zu dieser gehöre hierzulande selbstverständlich eben auch der Islam zu Deutschland, zu Europa. Voraussetzung: Die Trennung von Religion und Staat werde anerkannt. Die Frage sei doch: „Akzeptiert man, dass die weltliche Macht – Menschenrechte, Grundrechte, Verfassung – über die Religion, heilige Schriften gestellt wird oder nicht.“ Für sie „als Juristin und Verfassungspatriotin“, stellte Ates heraus, „ist das selbstverständlich“. Und die Juristin manifestierte unmissverständlich: „In der Demokratie ist kein Platz für die Scharia.“

Seyran Ates: Es geht ganz einfach um eine historisch-kritische Lesart des Koran, welcher aus dem historischen Kontext heraus betrachtet werden müsse

Sie erklärte: „Menschen, die den Koran, eine Schrift aus dem siebten Jahrhundert, heute Wort für Wort als einzig gültiges Gesetz ansehen, die in der Scharia das einzige Leitbild sehen, was sie verfolgen wollen“, kämen freilich mit der Demokratie in Konflikt. Ergo müssten fried- und demokratieliebende, um die Freiheit ihrer Religion kämpfende Muslime, die Suren und Hadithe (islamische Berichte, Überlieferungen) „in unsere Zeit zu übersetzen ohne den Kern unserer Religion zu verändern“, machte Frau Ates klar: „Was würde Mohammed heute sagen.“ Es gehe ganz einfach um eine historisch-kritische Lesart des Koran, welcher aus dem historischen Kontext heraus betrachtet werden müsse.

Ebenso wies die Referentin daraufhin, dass es im Übrigen weder den Islam, noch die Muslime gebe.

Als liberale Muslime verstünde man sich als BürgerInnen einer demokratischen Gesellschaft, die die Rechte aller BürgerInnen schützt und vertritt.

Nicht weniger Religion, sondern mehr für alle

In der Schule, diese Meinung vertritt Seyran Ates, brauche man nicht weniger Religion, sondern mehr Religion für alle. „Schon lange hätten unsere Kinder alle in den deutschen Schulen – und das gilt für ganz Europa und weltweit – Kenntnisse erlangen müssen über alle Religionen – die sehr viele Parallelen aufweisen – , aber auch über das Recht nicht oder an andere Götter zu glauben.“

Unangemeldete Filmaufnahme – Ein Eklat

Kurz nach Beginn der Diskussion mit Moderator Ahmet Toprak ein Eklat: Schon während ihres Referates hatte sie einen Zuhörer in der ersten Reihe des mit um die 300 Menschen gefüllten Hörsaals ausgemacht, der mit seinem Smartphone filmte. Diesen stellte sie zur Rede. Seine Rechtfertigung: Er filme das für sich selbst. Ates zeigte sich empört, fand das „unanständig“: „Normalerweise kündigt man so etwas an. Welche Absichten haben sie mit dem Film?“ Prof. Dr. Toprak machte einen Vorschlag zur Güte: Der junge Mann solle das Video dann im Beisein Frau Ates löschen. Was er im Anschluss an die Veranstaltung auch tat. Ahmet Toprak und der Berichterstatter wohnten dem Löschvorgang persönlich bei.

Moschee-Beitrag? Seyran Ates arbeitet zur Zeit nur für die Moschee

Kürzlich hatte Ahmet Toprak in einem Rundfunkinterview mit dem NDR eine Finanzierung der Moscheen, durch einen „Moschee-Beitrag“ der Gemeindemitglieder ins Spiel gebracht. Um nicht dem finanziell unterstützten Einfluss muslimischer Regierungen aus dem Ausland ausgesetzt zu sein.

Ates‘ Meinung nach ist das nicht die Lösung. Sie beweise es, dass es auch allein gehe. Ates ist prinzipiell gegen Moscheefinanzierungen aus der Türkei, Saudi Arabien oder seitens der Muslimbrüder: „Denn mit dem Geld kommt ja auch die Gesinnung.“

Ates: „Ich arbeite zur Zeit nur für die Moschee“, so die Imamin. Alle persönlichen Einnahmen flössen in dieses Projekt. Sie finanziere es etwa zu neunzig Prozent. Seyran Ates, die Gründerin der liberalen Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Berlin, wurde kürzlich in Hamburg mit dem Marion-Dönhoff-Preis für internationale Verständigung und Versöhnung ausgezeichnet. Der Preis war mit 20.000 Euro dotiert. Auch diese Summe sei in die Moschee geflossen.

Interessante Fragen, auch provokativer Art, Kritik, Lob, Beifall und Buh-Rufe in der Fragerunde

Aus dem Publikum gab es eine Reihe von interessanten, zum Verständnis des Islam in der Gesellschaft wichtigen, aber auch provokativen Fragen und Statements. Von einem anderen jungen Mann wurde der Imamin übten scharfe Kritik an den Absichten der liberalen Moschee. Überdies hätte Seyran Ates auf Facebook nur 9000 Follower. Er verortete Frau Ates als zu nahe am Staat. Auch führte er das bereits erwähnte Preisgeld an. Impliziere damit, so die Referentin in ihrer Antwort, das sie von Gier getrieben sei, was ihr immer wieder vorgeworfen werde. Auch fände sie es mittlerweile äußerst suspekt, dass man immer häufiger an der Anzahl der Follower auf Facebook bewertet werden würde. Aus den Worten des jungen Herrn höre sie Gehässigkeit heraus. Habe er überhaupt das Grundgesetz gelesen? Der Mann hielt Ates seinerseits entgegen, keine Argumente zu haben. Die Referentin stellte aber fest, gerade dieser Mann. welcher eben durch das Grundgesetz ermächtigt sei, seine Meinung vorzutragen, wäre ein Beispiel für das Funktionieren einer Demokratie.

Ein interessiertes Publikum im Hörsaal der FH Dortmund.

Aus dem Publikum kam ab und an Applaus, aber es ertönten immer wieder auch Buh-Rufe – wohl aus den Mündern von Gegner der liberalen Moschee. Aber es blieb friedlich. Der Moderator musste höchstens einmal übereifrig ausufernde Äußerungen aus dem Publikum stoppen, aber auch ab und an einmal Seyran Ates‘ Redefluss ausbremsen.

Vertreterinnen von Terre de Femmes lobten ausdrücklich die Ausführungen von Frau Ates.

Der CDU warf Seyran Ates Heuchelei vor, wenn sie jetzt von einem Einwanderungsgesetz rede, wo die Partei es doch Jahrzehnte abgelehnt habe. Europa könne durchaus 5 Millionen Geflüchtete aufnehmen „und das gut ertragen“.

Auf die Rechtsentwicklung in Deutschland angesprochen, sprach Frau Ates allgemein „den etablierten Parteien“ in Deutschland die Schuld am Aufwuchs der AfD zu.

Seyran Ates am Schluss der Veranstaltung: „Der Worte werden immer viele gewechselt. Es kommt auf die Taten an“

Seyran Ates bekräftigte gegen Ende der Fragerunde, es müsse gemeinsam für einen friedlichen Islam gearbeitet werden: „Der Worte werden immer viele gewechselt. Es kommt auf die Taten an.“

Betreffs Anfeindungen nehme sie sich das Wort ihres Vaters, als Beispiel: „Reagiere auf Hass mit Liebe. Lass sie, beschäme sie mit deiner guten Tat.“ Im Koran stünde nach auch: „Überzeuge mit der guten Tat.“

Homepage Seyran Ates

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Vortragsreihe der FH Dortmund „Gehört der Islam zu Deutschland?“ schließt mit Seyran Ates‘ Gastauftritt ab: „Der Islam lässt sich mit der Moderne vereinbaren!“

Altbundespräsident zu Gast bei „Train of Hope“ Dortmund. Fotos: Claus Stille

Die jüngste, von Prof. Dr. Ahmet Toprak initiierte Vortragsreihe der Fachhochschule Dortmund, „Gehört der Islam zu Deutschland?“ geht am 6. Dezember 2018 ihrem Ende entgegen. Sie geht auf die sich immer wieder stellende Frage ein: Gehört der Islam zu Deutschland? Es wurde darüber diskutiert, warum diese Debatte alle vier Jahre (neu) geführt wird. Denn wir waren in der Debatte auch schon weiter: Christian Wulff hat am 03.10.2010 in seiner Rede betont, dass der Islam zu Deutschland gehört. In der genannte Reihe, die er sozusagen in Dortmund eröffnete, erweiterte Altbundespräsident Wulff seine These und unterstrich seine damalige Äußerung nochmals ausdrücklich. Hier mein Bericht über Wullfs Besuch in Dortmund.

Am 6. Dezember wird es im Teil 3 der Reihe heißen: „Der Islam lässt sich mit der Moderne vereinbaren!“ Zu Gast ist Seyran Ates.

 

 „Der Islam lässt sich mit der Moderne vereinbaren!“

Im Juni 2017 hat Seyran Ates in Berlin eine Moschee gegründet, in der Männer und Frauen nebeneinander und gleichberechtigt beten können. Die Frauen dürfen auch mit offenem Haar beten und auch das Gebet leiten – für die konservative Auslegung zu viele moderne Einflüsse. Seitdem wird Ates angefeindet, erhält Morddrohungen und steht unter Polizeischutz. Wie hat sich die neue Moschee entwickelt? Seyran Ates zieht Bilanz. Quelle: Veranstalter

Die engagierte Rechtsanwältin und ausgewiesene Frauenrechtlerin Seyran Ates hat sich zur Imamin ausbilden lassen und im Berlin-Moabit eine liberale Moschee gegründet. Deren Name: Ibn-Rushd-Goethe-Moschee. Über die Moschee und Seyran Ates gibt es die Dokumentation des ZDF „Mutig, cool und unverschleiert“ von Güner Balci.

Termin: 06.12.2018, 18.00 – 20.30 Uhr
Ort: Fachhochschule Dortmund Sonnenstraße 96 44139 Dortmund Raum A101
Referentin: Seyran Ates, Rechtsanwältin, Imamin, Frauenrechtlerin
Eröffnung und Grußworte: Prof. Dr. Katja Nowacki, Studiendekanin Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften
Moderation: Prof. Dr. Ahmet Toprak, Dekan, Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften

Eintritt frei! Es wird darum gebeten sich anzumelden: Kontakt: reihe-islam@fh-dortmund.de

Für meine verehrten LeserInnen werde ich über die Veranstaltung berichten.

„Das Kopftuch unter 14 Jahren muss verboten werden!“ Pro: Serap Güler, Contra: Jasamin Ulfat

Jasamin Ulfat, Ahmet Toprak, Serap Güler (v.l.n.r), hinten rechts Jörg Stüdemann. Fotos: C. Stille

Die Vortragsreihe der Fachhochschule Dortmund, „Gehört der Islam zu Deutschland“, wieder initiiert von Prof. Dr. Ahmet Toprak, ging am 24. November Christian Wulff, Bundespräsident a.D., erfolgreich an den Start. Wulff hatte seinerzeit mit seiner Bekundung, der Islam gehöre zu Deutschland, stark polarisiert. Auf zwei Veranstaltungen in Dortmund unterstrich er nochmals diese Aussage und sagte. sie stimme heute mehr denn je.

Teil 2 der Vortragsreihe unter dem Titel: „Das Kopftuch unter 14 Jahren muss verboten werden!“

An diesem Montag erwartete die FreundInnen dieser Reihe nun Teil 2. Und zwar unter der Überschrift „Das Kopftuch unter 14 Jahren muss verboten werden!“

Staatssekretärin Serap Güler auf der Pro-Seite

 

Prof. Dr. Ahmet Toprak moderierte.

Auf der Pro-Seite erlebte das zahlreich erschienene Publikum, der wieder engagiert von Ahmet Toprak moderierten Veranstaltung, Serap Güler, Staatssekretärin für Integration im Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration des Landes NRW. Sie plädiert für ein Verbot des Kopftuches für Mädchen in Kindertageseinrichtungen und Schulen. Einem jungen Mädchen den Stoff überzuziehen sei keine Religionsausübung, sondern pure Perversion, meint Güler, denn dies sexualisiere das Kind.

Journalistin Jasamin Ulfat auf der Contra-Seite

Auf der Contra-Seite brachte Jasamin Ulfat ihre Kernbotschaft „Das Kopftuch hat an Kindern nichts zu suchen.“, selbstbewusst über. Ulfat ist Journalistin und Doktorandin an der Universität Duisburg-Essen. Sie plädiert für Stärkung der elterlichen Kompetenzen, die ihre Kinder positiv beeinflussen sollen. Der Staat soll sich aus den Erziehungsfragen nach Möglichkeit heraushalten. Ein Kopftuchverbot würde die Probleme nur verschleiern.

Von den Eingangsstatements der beiden Damen bis zum Ende des Abends ging es kontrovers aber immer sachlich zu

Nach den Eingangsstatements der beiden Damen trat man in eine kontrovers, stets aber sachlich geführte Diskussion ein, die Moderator Toprak wie immer pfiffig und kompetent zu befeuern verstand, ein. Dabei trat zutage, dass die beide Diskutantinnen gar nicht so weit auseinander liegen. Auch in der sich daran anschließenden zum Publikum geöffneten Runde, das Fragen stellen konnte ging es trotz einiger Meinungsverschiedenheiten sehr sachlich und rücksichtsvoll zu.

Jörg Stüdemann erstaunt über den Titel „Gehört der Islam zu Deutschland?“ Verfassungsrechtlich wie soziologisch ist die Sache doch entschieden

Stadtdirektor Jörg Stüdemann, der zur Eröffnung der Veranstaltung sprach, fand es sehr gut, dass „heftig und auch berechtigt, kontrovers“ diskutiert würde, wie das Zusammenleben aussehen solle. Jedoch verlieh er seinem Erstaunen darüber Ausdruck, wie man eine Veranstaltungsreihe „Gehört der

Einleitende Worte: Stadtdirkektor Jörg Stüdemann.

Islam zu Deutschland?“ überschreiben könne. Stüdemann: „Ein bisschen Nachdenken müsste eigentlich schon reichen.“ Denn wir hätten ja nun mal ein Grundgesetz, danach sei ja verfassungsrechtlich geregelt, dass niemand wegen seines Glaubens bevorzugt oder benachteiligt werden dürfe. Auf der anderen Seite sage das Grundgesetz ebenfalls, dass jeder seinen Glauben ausüben dürfe, wozu auch die dementsprechenden Praktiken gehörten. Verfassungsrechtlich wäre die Sache also entschieden. In Dortmund lebten etwa 70 000 Muslime bei einer Einwohnergröße von 600 000. Damit sei auch klar, dass der Islam „zu unserer Stadt dazu gehört“. So sei die Sache damit auch soziologisch entschieden. Dass man in den letzten Jahren eine Debatte hierzulande über eine christlich-jüdische Leitkultur führe sei ja eine unglaubliche Phantasmagorie. Denn da käme eine „Täter und eine Opferperspektive“ zusammen. Schließlich seien über viele Jahrhunderte die Juden vernichtet worden. Die ganze Übung habe wohl nur den Sinn, zu sagen, der Islam gehöre eben nicht dazu. Stüdemann meint, dass auch die Debatte über das Kopftuch „in diesem Kontext gedacht und besprochen werden muss“. Es müsse auch mal darüber nachgedacht werden, was ausgesprochen und was nicht ausgesprochen wird. Zum Beispiel in der Integrationsdebatte. Von der neuen NRW-Landesregierung hätte man sich mal gewünscht, dass man über die Bildungssituation von Kindern und Jugendlichen spreche. Über die Diskriminierungssituation an Schulen und über die Schwierigkeiten seinen Berufsweg einschlagen zu können. Auch über Wertevermittlung in Einwanderungsfamilien. Aber gerade die Kopftuchdebatte werde prominent geführt. Jörg Stüdemann fand, dass der Schaden durch eine so medial aufgeheizte Debatte größer sein könne, als der Nutzen. Zumal man wisse, dass es rechtlich nicht zulässig sei, Kopftücher an Bildungseinrichtungen zu verbieten.

Serap Güler geht es um die freie Entfaltung eines jeden Kindes

Staatssekretärin Serap Güler bezeichnete Äußerungen, wonach der Islam nicht zu Deutschland gehöre, die Muslime aber sehr wohl, als politischen

Serap Güler auf der Pro-Position.

Eiertanz. Auf Jörg Stüdemann replizierend , stellte sie klar, diese Debatte an diesem Abend sei keine über das Kopftuch sondern über das Kindeswohl. Auf den Tisch sei die Kopftuchdebatte durch Äußerungen des österreichischen Bundeskanzlers Sebastian Kurz gekommen, der vorhabe Kopftücher an Schulen zu verbieten. Daraufhin habe sie, Güler, gesagt, diese Debatte müsse auch hierzulande geführt werden. Nicht aber explizit als Politiker, sondern vor allem von und als Frauen. Es gehe darum die freie Entfaltung eines jeden Kindes zu ermöglichen.

Kein Problem mit religiösen Symbolen

Als gläubiger Mensch habe sie überhaupt keine Probleme mit religiösen Symbolen. Aber damit, dass „diese religiösen Symbolen dazu benutzt werden, um Kinder zu sexualisieren“. Darum ginge es in der Debatte um das Kinderkopftuch in Kindertageseinrichtungen und Schulen.

Ihres Wissens nach gebe es auch keine religiöse Vorschrift im Islam, dass die Praxis der Verhüllung kleiner Mädchen vorschreibe oder rechtfertige.

Die NRW-Landesregierung hat Gutachten zur Kinderkopftuchfrage in Auftrag gegeben. Das Ergebnis wir im ersten Quartal 2019 erwartet

Güler habe bei früheren Begegnungen als Abgeordnete oft gehört, dass LehrerInnen nicht selten versuchten mit Eltern von muslimischen Kindern über die Kopftuchfrage ins Gespräch zu kommen, diese aber dafür nicht erreicht werden können. Aber man müsse halt auch diesen Mädchen, die so nicht erreicht würden, die freie Entfaltung ihrer Persönlichkeit ermöglichen. Weshalb die NRW-Landesregierung nun ein Gutachten in Auftrag gegeben habe, um zu überprüfen, ob das Tragen einen Kopftuchs in jungem Alter die Entwicklung eines Kindes beeinträchtige könne. Man rechne mit einem Ergebnis im ersten Quartal des nächsten Jahres.

Serap Güler wolle, dass sich jede Frau „bewusst und selbstbewusst aus freien Stücken“ für ein Kopftuch entscheide. In diesem Falle müsse eine freie demokratische Gesellschaft „nicht nur einfach zu akzeptieren – wie haben das zu respektieren“. Güler glaubt, dass Kindern dieses Selbstbewusstsein fehlt.

Auch müsse sich gegen extremistische Kräfte (etwa salafistische Szenen) gewendet werden, die das Kopftuch an Kindern propagieren, um das für ihre Zwecke zu missbrauchen.

Es muss nicht zum Verbot zum Kinderkopftuch kommen. Man kann es auch über die Schulhausordnungen regeln

Serap Güler gestand zu, dass diesen Überlegungen der NRW-Landesregierung nicht unbedingt in einem Gesetz zum Verbot von Kinderkopftüchern enden müsse. Immerhin gebe es auch die Schulleitungen, die so etwas auch über das die Hausordnung regeln könnten.

Etwa sei ihr bekannt, dass es Schulen gebe, wo generell jegliche Art von Kopfbedeckungen – auch Käppis bei Jungen – untersagt seien.

Die Einbeziehung von Islamverbänden in die Diskussion am Ministerium sei bislang wenig fruchtbar verlaufen. Die stimmten zwar in geschlossenen Räumen bestimmten Erkenntnissen zu, wären jedoch nicht bereit, dies auch öffentlich zu vertreten.

Jasamin Ulfat, selsbt Kopftuchträgerin, würde ihrer Tochter niemals ein Kopftuch aufzwingen

Jasamin Ulfat, die selber ein Kopftuch trägt, würde ihre kleine Tochter – auch später mit siebzehn oder mehr Jahren – nie unter ein Kopftuch zwingen,

Jasamin Ulfat vertrat die Contra–Seite.

wie sie deutlich machte. Allerdings empfinde sie das Ansinnen der Landesregierung das Kinderkopftuch zu verbieten als im Raume stehenden Vorwurf, etwa als Eltern nicht selbst eine entsprechende Entscheidung treffen zu können.

Ulfat erzählte, sie habe das Kopftuch kurz nach ihrem dreizehnten Geburtstag freiwillig aufgesetzt. In der Grundschule hätten es ihre konservativen Eltern jedoch verboten und seien auch später diesbezüglich eher skeptisch gewesen. Jasamin Ulfat habe damals erwachsen sein wollen und habe das Tuch „voller Stolz“ getragen.

Das Kopftuch kann schwer auf einem Kind lasten

Dennoch sei das Kopftuch als Kind zu tragen nicht einfach durchaus mit Schwierigkeiten verbunden. Wie schwer es auf einem Kind lasten kann. Im Rückblick meint sie, sie wäre wohl eigentlich erst mit Alter von 25 Jahren reif dafür gewesen das Kopftuch zu tragen.

Religionsmündig sei man erst mit 14 Jahren. Ihrer Meinung ist das Kopftuch im Islam für Kinder nicht vorgesehen. Sie selbst habe drei Jahre im Jemen gelebt, wo Frauen meist vollverschleiert in Schwarz und manchmal gar mit Handschuhen auf der Straße unterwegs sind. Niemals aber habe sie dort kleine und größere Mädchen gesehen, die bedeckt gewesen seien. Im Gegenteil: sie wären in kunterbunter Kleidung, in Röcken und mit freien Armen und mit offenen Haaren auf der Straße zu sehen gewesen.

Familien in denen Zwang herrscht ist auch mit einem Kopftuchverbot nicht beizukommen

Ulfat stimmte ihrer Mitdiskutantin Serap Güler zu, dass es schlimm sei wenn auch nur ein kleines Mädchen unters Kopftuch gezwungen würde.

Der Hörsaal der FH Dortmund war mit einem interessierten Publikum gefüllt.

Wo Kopftuchzwang herrsche, herrsche „nämlich vor allen Zwang“. In solchen Familien könne es durchaus zu Zwangsheiraten und vielleicht auch zu Ehrenmord kommen.

„Durch ein Kopftuchverbot“, ist sich Jasamin Ulfat felsenfest sicher, „lösen wir die Probleme all dieser Kinder nicht“.

Ein Kopftuchverbot kann kontraproduktiv wirken

Ein Verbot könne sogar dazu führen, dass solche Familien ihre Kinder noch weniger in den Kindergarten schicken als das schon jetzt der Fall wäre, meint die Journalistin.

Schon der wissenschaftliche Dienst des Deutschen Bundestages habe vor einiger Zeit festgestellt, dass betreffs eines Kopftuchverbotes stets eine Abwägung zwischen Einschränkung der Grundrechte und dem Schutz des Kindeswohls zu treffen sei. Einschränkungen der Grundrechte sei zu recht relativ schwierig. „Zu solchen Maßnahmen sollte nur im absoluten Notfall gegriffen werden“, sagte Ulfat. Solch ein Notfall bestünde ihrer Meinung nach, wenn es ein Trend zum Kinderkopftuch gebe. Den gebe es jedoch nicht. Genaue Zahlen darüber habe auch die NRW-Landesregierung nicht.

Jasamin Ulfat erinnerte daran, dass sobald etwas verboten werde, dies an Attraktivität gewinne.

Überdies war sie der Meinung, ein solches Verbot dürfte gerade extremistische Kräfte stärken, die gewiss darauf abheben würden, der Staat schränke gerade im Falle des Islam die Religionsfreiheit ein. Mit einer Regelung der Kinderkopffrage über die Schulhausordnungen, sagte Ulfat in der Diskussion könne sie eher leben, als mit einem Gesetz, das gewiss von vielen Muslimen als explizit gegen den Islam gerichtet empfinden könnten.

Bewegung und Wandel in der weiblichen muslimischen Community

Auch erlebe sie, wie innerhalb der weiblichen muslimischen Community durchaus Bewegung und Wandel stattfinde. Dies könne man schon daran sehen, wie muslimische Frauen heute immer öfters auch ganz unterschiedliche, gar nicht so konservativ wirkenden Kopfbedeckungen wählte und mit Stolz trügen.

Lebhafte Diskussion förderte Interessantes zutage

Während Fragerunde.

Die Diskussion war lebhaft. Auch wenn mal Emotionen hochkamen, ging es doch immer sachlich zu. Es kristallisierte sich auch an Hand von gestellte Fragen oder kurzen Statements heraus, dass nicht selten auch muslimische Männer in Mädchen- und Frauenfrage eher konservative Haltungen einnähmen und beibehalten wollen. Ein Zuhörer wollte per se nicht Serap Güler angreifen, fragte sich allerdings generell, ob es der Politik tatsächlich immer um die Sache – hier das Wohl der Kinder – gehe, oder ob da nicht auch manchmal sozusagen ganz andere Süppchen gekocht würden.

Mehr muslimische Lehrer an den Schulen wären hilfreich

Die fehlenden Lehrer (in NRW etwa 6000) wurden angesprochen. Und auch angeregt, dass sich bemüht werden müsse, mehr muslimische LehrerInnen einzustellen. Prof. Dr. Toprak konnte aus einer Praxis als Hochschullehrer bestätigen, dass da mache StudentInnen ihm als Muslim gegenüber vielleicht manchmal weniger Hemmungen hätten. Ein anderer Zuhörer teilte seine Vermutung mit, dass manche Muslime so keinerlei Probleme mit religiösen Verboten hätten, jedoch säkularen

Die zwei Gäste mit Gastgeber Ahmet Toprak.

Verboten zuweilen mit Skepsis und Ablehnung begegnen.

Fazit: Sehr interessanter Abend, aus welchem das Publikum vielleicht mit anderen Gedanken herausging, als mit denen man hergekommen war

ZuhörerInnen empfanden auch diesen zweiten Teil der Vortragsreihe „Gehört der Islam zu Deutschland?“ sehr interessant, wie man auch in Gesprächen untereinander feststellen konnte. Und es kann durchaus so gewesen sein, wie Serap Güler eingangs gehofft hatte: Dass man vielleicht mit

Blick auf die Diskussionsrunde.

etwas anderen Gedanken aus der Veranstaltung herausgehen würde, als man zu hier hingekommen war. Prof. Toprak überreichte allen drei Gästen kleine Geschenke – Kartons mit möglicherweise Süßigkeiten darin.
Getreu dem türkischen Sprichwort „Tatli yiyelim, tatli konusalim= Lass uns süßes essen, lass uns süß reden“? Die Süßigkeiten vor dem Streitgespräch zu überreichen war wirklich nicht notwendig gewesen. Denn so richtig, in die Haare bekommen haben sich die Gäste wahrlich nicht. Das war auch nicht angedacht worden. Also: Eine Geschenk fürs Dabei-gewesen-sein.

Der dritte und letzte Teil der Vortragsreihe am 6. Dezember mit Seyran Ates

Der dritte und letzte Teil dieser Vortragsreihe findet am 6. Dezember 2018 wieder in FH Dortmund in der Sonnenstraße statt. Gast ist diesmal die Rechtsanwältin, Frauenrechtlerin und Imamin Seyran Ates. Das Thema lautet: „Der Islam lässt sich mit der Moderne vereinbaren!“ Beginn ist wieder 18 Uhr. Der Eintritt frei.

Vortragsreihe „Gehört der Islam zu Deutschland?“ mit zweitem Teil am 12. November: „Das Kopftuch unter 14 Jahren muss verboten werden!“

Die neue Vortragsreihe der Fachhochschule Dortmund, „Gehört der Islam zu Deutschland“, wieder initiiert von Prof. Dr. Ahmet Toprak, Dekan, Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften, ging am 24. November mit einem prominenten Gast, nämlich Christian Wulff, Bundespräsident a.D., erfolgreich an den Start. Wulff hatte seinerzeit mit seiner Bekundung, der Islam gehöre zu Deutschland, einiges Aufsehen erregt und die Gesellschaft

Begrüßung und einleitende Worte: Stadtdirektor Jörg Stüdemann.

stark polarisiert. Auf zwei Veranstaltungen in Dortmund unterstrich er nochmals diese Aussage und sagte sie stimme heute mehr denn je.

Nun erwartet die FreundInnen dieser Reihe schon Teil 2. Und gewiss wird diese weitere Veranstaltung in der FH Dortmund nicht weniger interessant sein und mit Sicherheit wohl auch polarisieren und Kontroversen hervorrufen.

Teil 2 steht unter der Überschrift „Das Kopftuch unter 14 Jahren muss verboten werden!“

Serap Güler (im Beitragsbild rechts), Staatssekretärin für Integration im Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration des Landes NRW, plädiert für ein Verbot des Kopftuches für Mädchen in Kindertageseinrichtungen und Schulen. Einem jungen Mädchen den Stoff überzuziehen sei

Dekan Prof. Dr. Ahmet Toprak. Fotos (3): Claus Stille

keine Religionsausübung, sondern pure Perversion! Denn dies sexualisiere das Kind, so die Argumentation von Güler.

„Das Kopftuch hat an Kindern nichts zu suchen“. Das ist die Kernbotschaft von Jasamin Ulfat (im Beitragsbild links), Journalistin und Doktorandin an der Universität Duisburg-Essen. Sie plädiert aber für Stärkung der elterlichen Kompetenzen, die ihre Kinder positiv beeinflussen sollen. Der Staat soll sich aus den Erziehungsfragen nach Möglichkeit heraushalten. Ein Kopftuchverbot würde die Probleme nur verschleiern. Ein Fach- und Streitgespräch! Die Moderation liegt wieder in den bewährten Händen von Prof. Dr. Ahmet Toprak.

 

Serap Güler.

Pro: Serap Güler, Staatssekretärin für Integration im Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration des Landes NRW

Contra: Jasamin Ulfat, Journalistin und Doktorandin an der Universität Duisburg-Essen

Eröffnung und Grußworte: Jörg Stüdemann, Stadtdirektor

+++ Eintritt frei, Anmeldung erforderlich! +++

Adresse:
Fachhochschule Dortmund, Raum A101
Sonnenstraße 96
44139 Dortmund

Kontakt: reihe-islam@fh-dortmund.de

Datum und Zeit: 12. November 2018, 18 bis 20.30 Uhr

Anmeldung hier.

Hinweis: Ich werde für meine LeserInnen über die Veranstaltung berichten.

Angemerkt

Anbei ein älterer Beitrag von mir in der Istanbul Post („Ziemlich normale Köpfe unterm Tuch“) von mir, in welchem es sich auch um die Kopftuch-Frage dreht. Allerdings geht es da um erwachsene Frauen.

Interessante Vortragsreihe der FH Dortmund „Gehört der Islam zu Deutschland?“ startet mit Christian Wulff, Bundespräsident a. D.

Die neue Vortragsreihe der Fachhochschule Dortmund, „Gehört der Islam zu Deutschland“, wartet gleich mit einem prominenten Gast, nämlich Christian Wulff, auf. Der Bundespräsident a.D., hatte seinerzeit mit seiner Bekundung, der Islam gehöre zu Deutschland, einiges Aufsehen erregt.

Laut den Daten der Deutschen Islam Konferenz sind Muslime nicht viel religiöser als die Mehrheitsgesellschaft.
Da stellt sich die Frage, warum diese Debatte alle vier Jahre (neu) geführt wird. Denn wir waren in der Debatte auch weiter: Christian Wulff hat am 03.10.2010 in seiner Rede betont, dass der Islam zu Deutschland gehört. Er wird seine These erweitern und darüber referieren, wie der gesellschaftliche Zusammenhalt in Vielfalt und Respekt funktionieren kann.

Teil 1: „Gesellschaftlicher Zusammenhalt in Vielfalt und Respekt – über Offenheit und Haltung“
Termin: 29.10.2018, 18.00 – 20.30 Uhr

Ort: Fachhochschule Dortmund, Sonnenstraße 96, 44139 Dortmund, Raum A101
Referent: Christian Wulff, Bundespräsident a. D.
Moderation: Prof. Dr. Ahmet Toprak, Dekan, Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften Eröffnung und Grußworte: Prof. Dr. Wilhelm Schwick, Rektor der Fachhochschule Dortmund

Referent:
Christian Wulff , Bundespräsident a. D.

Eröffnung und Grußworte:
Prof. Dr. Wilhelm Schwick, Rektor der Fachhochschule Dortmund

Moderation:
Prof. Dr. Ahmet Toprak, Dekan, Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften

Adresse:
Fachhochschule Dortmund, Raum A101
Sonnenstraße 96
44139 Dortmund

Kontakt: reihe-islam@fh-dortmund.de

Flyer Vortrag 1

Teil 2: „Das Kopftuch unter 14 Jahren muss verboten werden!“
Termin: 12.11.2018, 18.00 – 20.30 Uhr
Ort: Fachhochschule Dortmund Sonnenstraße 96 44139 Dortmund Raum A101
Pro: Serap Güler, Staatssekretärin für Integration im Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration des Landes NRW
Contra: Jasamin Ulfat, Journalistin und Doktorandin an der Universität Duisburg-Essen
Moderation: Prof. Dr. Ahmet Toprak, Dekan, Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften
Eröffnung und Grußworte: Jörg Stüdemann, Stadtdirektor


Kontakt: reihe-islam@fh-dortmund.de

Flyer Vortrag 2

Teil 3: „Der Islam lässt sich mit der Moderne vereinbaren!“
Termin: 06.12.2018, 18.00 – 20.30 Uhr
Ort: Fachhochschule Dortmund Sonnenstraße 96 44139 Dortmund Raum A101
Referentin: Seyran Ates, Rechtsanwältin, Imamin, Frauenrechtlerin
Eröffnung und Grußworte: Prof. Dr. Katja Nowacki, Studiendekanin Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften
Moderation: Prof. Dr. Ahmet Toprak, Dekan, Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften
Kontakt: reihe-islam@fh-dortmund.de

Flyer Vortrag 3

Der Eintritt ist jeweils frei, eine Anmeldung ist erforderlich unter www.fh-dortmund.de/reihe-islam oder  Kontakt unter reihe-islam@fh-dortmund.de!

Ort

 

Dortmunder „Talk im DKH“: Mit Imamin Rabeya Müller kontrovers und konstruktiv über den Islam in der Gesellschaft diskutiert.

Auf dem Podium: Moderator Aladin al-Mafaalani, Imamin Rabeya Müller und Comedian Özan Cosar (v.l.n.re). Fotos: Claus Stille

Am Freitagabend dieser Woche stand einmal mehr ein „Talk im DKH“ auf dem Plan. Dieser fand aber wegen einer parallel stattfindenden Veranstaltung nicht im Dietrich-Keuning-Haus, sondern in der Aula des Helmholtz-Gymnasiums auf der Münsterstraße statt. Der Direktor der Schule, Dr. Dirk Bennhardt, zeigte sich erfreut darüber, diesen „Talk im DKH“ in seinem Hause stattfinden lassen zu dürfen. Das diesmalige Thema: „Der Islam – eine missverstandene Religion?“ Bereits am Nachmittag, so informierte der kommissarische Leiter des DKH, Levent Arslan, das Publikum, war darüber mit hundert SchülerInnen intensiv diskutiert worden.

Kaum ein Thema wurde in den letzten 11 Jahren sooft in den Talkshows „aufgerührt“ wie der Islam

Davon, dass das Thema mit ziemlicher Sicherheit kontrovers würde diskutiert werden. war auszugehen. Und zwar in doppelter Hinsicht. Bot allein schon der vielschichtige daherkommende Islam allerhand Stoff zur Diskussion – würde erst recht die Tatsache, dass zu diesem Talk mit der 1957 geborenen deutschen Muslima Rabeya Müller aus Köln eine Imamin eingeladen war – gewiss kritische Fragen aufwerfen.

Der kommissarische Leiter des DKH (links) und der Direktor des Dortmunder Helmholtz-Gymnasium (rechts).

Die zum Islam konvertierte Rabeya Müller griff gleich zu Anfang ihres Referats kritisch auf, dass zahlreiche Talkshows in den letzten elf Jahren im deutschen Fernsehen kaum ein Thema – nicht selten in Verbindung mit dem Stichworten Integration oder Migration – sooft „aufgerührt“ worden ist wie der Islam. Das habe aber eben nichts mit dem Islam zu tun.

Dann war der Islam auf Dauer halt einfach da

Müller sprach von einem für sie schmerzlichen Erlebnis während ihrer Studienzeit. Da sei sie einmal zu spät zu einer Vorlesung gekommen. „Da meinte der Professor, dass die Putzsachen weiter hinten wären.“ In den 1980er und 1990er Jahren allerdings habe sie durchaus miterleben dürfen, „dass sich das allmählich

Imamin Rabeya Müller während ihres Referats.

gelegt hat“. Irgendwie sei „der Islam zwar nicht akzeptiert in dem Sinne, aber auf Dauer war er halt einfach da.“

Mit 9/11 „war es plötzlich irgendwie so als würde eine Welt zusammenbrechen“

Dann sei aber der 11. September gekommen. Rabeya Müller: „Da war es plötzlich irgendwie so als würde eine Welt zusammenbrechen.“ Auch im interreligiösen Dialog, den man schon damals gepflegt habe. Damals habe sie etwas respektlos vom Tee-und-Börek-Dialog gesprochen. Den diskutierenden Herren hätten seinerzeit die Damen Tee und Börek serviert und hinterher habe man dann festgestellt: „Es war nett, dass wir miteinander gesprochen haben.“ Nie sei es in irgendeiner Weise an die Substanz, „ans Eingemachte“, gegangen. Nach 9/11 habe es allerdings doch Leute gegeben, „die denn interreligiösen Dialog, den Humanismus, Das-füreinander-verantwortlich-da-Sein ernst genommen hätten. Christen hätten damals Hilfe angeboten: „Wenn es euch dreckig geht und wenn ihr Angst habt – wir haben ein Ferienhäuschen, da könnt ihr ein paar Wochen untertauchen.“ Und Müller erinnert sich an eine Demonstration viele muslimische Frauen aus ihrem Zentrum, welche „gegen diese Gewaltakte“ der Terroristen gerichtet war. Der WDR, der filmte, habe genau in dem Moment die Kamera ausgemacht, als die Musliminnen ins Bild kamen. Müller: „Jetzt kann man von natürlich von Verschwörungstheorie reden. Aber ich glaube das fing an sich immer weiter fortzusetzen.“

Moderator Aladin al-Mafaalani hatte eingangs davon gesprochen, was sich in unserer Gesellschaft nach 9/11 zu entwickeln begann: Eine diffuse Angst vor einer Islamisierung – bis hin zu Erscheinungen wie PEGIDA und AfD. In der islamischen Welt dagegen beklage man eine „Verwestlichung“. In Indien, wo Mafaalani

Moderator Aladin al-Mafaalani.

weilte, gar grassiere beides. Der Soziologe vertrat in der Diskussion dann die Ansicht, dass Muslime heute hierzulande noch nie so gut integriert waren wie heute, aber ein kleiner Teil von ihnen gleichzeitig noch nie so schlecht integriert ist wie heute. Auch sei Intellektualität noch nie so extrem gut wie heute. Rabeya Müller erklärt dazu, wir litten heute unter der verfehlten Integrationspolitik der 1980er und 1990er Jahre.

Rabeya Müller: Ein Satz wie „Der Islam gehört nicht Deutschland“ hat eine tiefe Wunde gerissen

Viele Muslime hätten die Staatsangehörigkeit und zahlten hier ihre Steuer. Dennoch stoße man sie immer wieder vor den Kopf. Und in unseren Tagen habe ein Satz wie „Der Islam gehört nicht zu Deutschland“ habe „einfach eine tiefe Wunde gerissen“. Habe man einen bestimmten Migrationshintergrund in einem bestimmten Land und sage man sich womöglich: Dort bin dann aber was. Da dürfte die Referentin an die Türken und Deutschtürken gedacht haben.

Rabeya Müller: „Was sollen denn aber meine Kinder und Enkelkinder, gebürtige deutsche Muslime, machen? Ihr ältester Sohn habe ihr einmal gesagt: „Das ist ein schmaler Grat, sich entweder in irgendeiner Weise versuchen zurechtzufinden oder sich zu radikalisieren.“ Rabeya Müller: „Er hat es als seinen persönlichen Dschihad betrachtet sich nicht zu radikalisieren.“ Die Kinder ihres Sohnes hätten plötzlich mit den gleichen Vorurteilen zu tun wie er einst. Ein Enkel der Imamin sei aus der Schule nachhause gekommen und habe berichtet: „Die sagen, ich kann nicht Deutscher sein, weil ich Muslim bin.“

Comedian Özcan Coşar klinkte sich ein und beklagte, dass man etwa seine Tochter im Kindergarten noch immer unter „die türkischen Kinder“ einordne. Als positives Beispiel führte der Künstler Finnland an. Dort, so habe er gelesen, nenne man dorthin gezogene Migranten vom ersten Tage an „Neufinnen“. Das erfolgreichste Gymnasium in Europa befinde sich in Finnland. Dort hätten achtzig Prozent der Kinder einen Zuwanderungshintergrund. Nebenbei bemerkt: Am Helmholtz-Gymnasium lernen 98 Prozent Muslime, wie Aladin al-Mafaalani erfragte. * Der Comedian warf die Frage ein: „Wo ist das Minarett?“

Für die Unterhaltung mit Köpfchen zuständig: Özcan Coşar.

Schwäbisches Kraftwerk“ sorgte zum wiederholten Maße für köstliche Unterhaltung

Mit originellen, die Lachmuskeln der BesucherInnen strapazierenden Comedy-Beiträgen verstand Özcan Coşar, bekannt als „Schwäbisches Kraftwerk“, das Publikum zum nun schon wiederholtem im „Talk im DKH“ Mal köstlich zu unterhalten.

Zijah Jusufovic: Wie kann man im Namen Gottes ein Kind Gottes töten?

Der in Bosnien gebürtige Künstler Zijah Jusufovic, der während des Krieges in Jugoslawien in der BRD lebte, dann wieder in die Heimat gegangen war, um wegen einer dort festgestellten Radikalisierung seiner Landleute nun fest hier zu leben, brachte seine Sicht auf den Islam feinfühlig und „ganz aus seiner Sicht“ zu Gehör. Allahu Akbar“ sei für ihn „das schönste Wort“. Heute werde das Wort jedoch von Terroristen zum Töten missbraucht. Wie könne man im Namen Gottes ein Kind Gottes töten? Algebra etwa sei im Namen des Gottes erfunden

Kein Töten im Namen Gottes (gestaltet von Zijah Jusufovic).

worden. Kaffee sei so erfunden worden. Chirurgie sei erfunden worden, um den Menschen zu helfen. „Zum Leben retten. Nicht zum Töten. Universitäten zum Weiterbilden. Nicht zum Töten.

Alle müssten wir hier in Deutschland näher zusammenrücken – zusammenleben

Jedem dieser Themen hat Zijah Jusufovic ein Bild entgegengestellt. So z.B. bei Algebra: „Algebra erfinden – ALLAHU AKBAR – oder töten“, darunter drei

Künstler Zijah Jusufovic.

Patronen. Die Rechten glichen in ihrem Denken nicht zuletzt dem der islamistischen Terroristen, stimmte Özcan Coşar zu. Burka-Verbote – ob man diese Bekleidung nun mag oder nicht – und die ganze Hetze in den Medien dazu vergifteten die Gesellschaft. Muslimische Jugendliche fühlten sich provoziert und reagierten nicht weniger fragwürdig. Alle müssten wir hier in Deutschland näher zusammenrücken – zusammenleben. Auch um Vorurteile auszuräumen.

Imamin Rabeye Müller: Die einen wissen zu wenig über ihre Religion, die anderen hätten nie ein Blick ins Grundgesetz geworfen

Das Problem, das so viel unserer muslimischen Geschwister haben, so Rabeya Müller, ist, „dass sie so hilflos Angriffen gegenüberstehen, hat damit zu tun, dass wir viel zu wenig über unsere eigene Religion wissen“. Und, dass man sich untereinander viel zu wenig auseinandersetze. Ebenfalls dringend in Richtung Mehrheitsgesellschaft zu bedenken gab die Imamin: „Wir müssen aufhören tägliche Probleme zu theologisieren.“ Ein Verbrechen sei ein Verbrechen. Dafür gebe es ein Strafgesetzbuch. Muslime wie nicht Nichtmuslime müssten aufhören sich gegenseitig als Problem zu betrachten. Es gelte Hand in Hand zu gehen. Das Grundgesetz sei gut und dahinter müssten wir alle stehen.

Gerade die dritte und vierte Generation muslimischer Jugendlichen hierzulande lebten „in einer islamischen Erziehung die weitesgehend geprägt sei von Tradition“. Die jedoch hätten oft nichts mit der Religion zu tun. Davon hätten sie oft so gut wie keine Ahnung. Wie übrigens – bemerkte die Imamin am Rande – auch diejenigen in unserer Gesellschaft, die immer davon schwafelten, unsere Verfassung müsse geschützt werden, zumeist nie einen Blick ins Grundgesetz geworfen hätten.

Und junge Muslime zögen sogar von Europa aus in einen – wie sie meinen – zur Verteidigung ihrer Religion und zum Schutz des Koran in einen Heiligen Krieg, ohne zu wissen was im heiligen Buch der Muslime steht.

Sich mit unterschiedlichen Meinungen innerhalb der eigenen Religionsgemeinschaft auseinandersetzen

Die Imamin findet: „Wir haben innerislamisch einfach wirklich den Auftrag uns auch mit unterschiedlichen Meinungen innerhalb unserer eigenen Religionsgemeinschaft auseinanderzusetzen.“ Die Ereignisse der Silvesternacht von 2015 in Köln im Hinterkopf habend, habe man anzustoßen versucht mit anderen muslimischen Gruppierungen etwas Vernünftiges über das Frauenbild im Islam zu veröffentlichen. Die hätten freilich vorwiegend aus Männern bestanden und die überhaupt kein Interesse daran. Stichwort: Ängste vor Machtverlust.

Als Müller von ihrer Gemeinde zur Imamin gewählt worden war, erzählte sie, tauchte ein Bild von ihr im Netz auf, wo Männer hinter ihr beteten und löste einen Aufschrei aus. Rabeya Müller dazu: „So als hätten wir ein Verbot von Frauen in Ämtern, als hätten wir eine Ordination die das verbietet.“

Ein kleiner Eklat

Just in dem Augenblick da Rabeya Müller über Frauen als Imaminnen sprach, machten sich zwei männliche Jugendliche in der ersten Reihe eifrig Notizen, beziehungsweise studierten Texte (vermutlich aus dem Koran) auf einem Smartphone. Warum wurde in der Fragerunde klar: Sie forderten von Rabeya Müller, sie möge doch die Hadith (Erzählung, gesammelte Aussprüche, die dem Propheten Mohammed zugeschrieben werden) nennen, welche Frauen als Imaminnen gestatte. Da hatten die Schüler des Immanuel-Kant-Gymnasium und des Stadtgymnasiums die Imamin zunächst gewissermaßen auf dem falschen Fuße erwischt. Ja, so Müller, diese Hadith gebe es auf Arabisch, doch im Moment habe sie die nicht griffbereit. Überdies sei es im Islam so, dass man ihr nicht beweisen müsse, dass etwas erlaubt ist, sondern, dass etwas verboten ist.

Moderator al-Mafaalani hatte seine liebe Not, die Jugendlichen, die weiter nach bohrten, Beweise aus dem Koran einforderten, dass es Imaminnen geben dürfe, in ihrer Hartnäckigkeit zu stoppen. Ein kleiner Eklat. Rabeya Müller wiederum wollte es nicht hinnehmen, dass der 15-Jährige ihre Reputation infrage stellte. Der Schüler zog sich vorlaut auf das Recht auf „Meinungsfreiheit“ zurück. Comedian Özcan Coşar hatte übrigens noch die entsprechende Stelle im Koran zu weiblichen Vorbetern gefunden. Die beiden jungen Muslime indes waren bereits gegangen.

Sich nicht über andere erheben

Die Imamin gab etwas Grundlegendes zu bedenken: „Sich besser zu fühlen als jemand anderes, als ein Mensch ein anderer Hautfarbe, als ein Mensch einer anderen Religion, des anderen Geschlechts, eines anderen sozialen Status – das heißt laut Koran nach dem satanischen Prinzip zu handeln.“

In diesem Sinne denke Müller, „dass es sehr viele Leute gibt, die versuchen Musliminnen und Muslime zu diskriminieren und den Islam zu diskreditieren – etwas wogegen wir uns gemeinschaftlich wehren sollten.“ Und zwar egal ob man immer einer Meinung sei oder eben unterschiedliche Ansichten habe. Sie kritisierte, dass manche „in den muslimischen Reihen“ immer forderten, wir müssten die Scharia einführen und so leben wie zu Zeiten des Propheten: „Ich finde das immer etwas schade, weil die Leute, die das hauptsächlich behaupten, immer im Auto kommen statt auf’m Kamel.“

Scharia, der Weg zur Quelle

Es sollte gewusst werden, dass Scharia „Der Weg zur Quelle“ heißt und eben nicht islamisches Recht, wie immer wieder gesagt werde. Rabeya Müller unterstrich und bat darum folgendes nicht zu vergessen: „Wer mit dem Strom schwimmt, also durchaus traditionell – Mainstream -, der erreicht die Quelle nie.“ Die Muslime müssten endlich aufhören die Jugendlichen in eine Zwickmühle zu bringen, sich zu entscheiden entweder ‚anständige‘ Musliminnen und Muslime zu sein oder in dieser verwestlichten Welt zu leben.“ Dafür habe der Koran in Sure 10 Yunus (Jonas) einen sehr guten Ratschlag parat: „Gott ist wütend über die, die ihren Verstand nicht benutzen.“

Den Koran aus der Zeit seiner Entstehung heraus verstehen

In der Diskussion auf dem Podium machte Rabeya Müller auch mehrfach deutlich, dass der Koran immer auch aus der Zeit seiner Entstehung heraus verstanden

Foto: C. Stille

werden müsse. Was u.a. auch Aufrufe zur Gewalt und der Tötung von Ungläubigen – wie immer wieder von Islamkritikern ins Feld geführt – beträfe. Dies habe zu Mohammeds Zeit nur gegolten, wenn man angegriffen wurde.

Der Koranvers, der angeblich erlaubt Frauen zu schlagen, kann vielmehr ganz anders ausgelegt werden

Als Frauenzentrum habe man auch sehr intensiv über den Koranvers 4:34 gearbeitet, „der ja, so die Imamin, „angeblich das Schlagen von Frauen legitimiert“. Da habe es muslimische Männer gegeben, die froh waren, nicht zu einem Geschlecht gehören, das schlagen darf. Die meisten jedoch hätten sich trotzdem geziert – „geärgert darüber, dass man Frauen nicht schlagen darf?“ -, interpretierte Aladin al-Mafaalani das und Imamin Müller bejahte das. Schließlich könnte der Vers aber auch dahingehend ausgelegt werden könnte, dass man getrennter Wege geht, wenn man sich gestritten hat und nicht mehr zusammenfindet.

Zuviel Integration von Übel?

In der Fragerunde machte sich eine künftige Lehrerin Sorgen, dass ein Zuviel an Integration auch Probleme aufwerfe. Als Beispiel nannte sie eine Begebenheit auf einem Dortmunder Amt. Da hatte sich ihr gegenüber ein Mann darüber erregt, dass die Angestellte am Schalter Kopftuch trug. Würde man ihr als Lehrerin mit Migrationshintergrund etwa wegen ihrer schwarzen Haare auch mit Vorbehalten entgegentreten?

Fazit: Nach kontroverser Diskussion hoffnungsvolle Aussichten

Trotz zuweilen kontroverser Diskussion während diesem „Talk im DKH“ wurde auf dem Podium auch der Hoffnung Ausdruck verliehen, dass nicht zuletzt

hinsichtlich des diskutierten Themas „Der Islam – eine missverstandene Religion?“ in Zukunft durchaus ein positiver Trend erwartbar erscheint. So Aladin al-Mafaalani aus einem Blick in die Vergangenheit schließend.

Mehr Geschichtsunterricht mahnte Imamin Rabeya Müller an. Und Comedian Özcan Coşar erwartet mehr gegenseitigen Respekt – auch wenn jemand eine andere Meinung sei. Özcan Coşar erachtete es für ebenfalls wichtig auch mit AfD-Anhängern zu sprechen. Ansonsten fühlten die sich doch nur in ihrer Sicht bestätigt. Das Fazit von Zijah Jusufovic ist ebenfalls positiv: „Ich glaube wir sind auf einem guten Weg.“

Zu Rabeya Müller

Eine der ersten Imaminnen in Deutschland. Sie ist Religionspädagogin, Islamwissenschaftlerin und Theologin. Mehrfach ausgezeichnet, u.a. Trägerin des Toleranzrings der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste. Gemeinsam mit anderen AutorInnen hat sie 2008 den Europäischen Schulbuch-Award der Frankfurter Buchmesse gewonnen.

*Update vom 27. Juni 2018: Es stellte sich inzwischen heraus, im Dortmunder Helmholtz-Gymnasium lernen 98 Prozent der SchülerInnen mit Migrationshintergrund. 80 Prozent von ihnen sind Muslima bzw. Muslime.

Heute ist wieder „Talk im DKH“ in Dortmund. Zu Gast: Imamin Rabeya Müller und Comedian Özcan Coşar

Der „Talk im DKH“ ist eine interessante Veranstaltungsreihe im Dietrich-Keuning-Haus Dortmund. Darin werden Themen aus Politik und Gesellschaft behandelt.

Heute findet der nächsten Talk im DKH statt. Ausnahmsweise findet die Veranstaltung am heutigen Freitag in der Aula des Helmholz-Gymnasiums in Dortmund statt.

Aus der Pressemeldung des DKH

Logo DKH.

Über keine Religion wird in der Öffentlichkeit so kontrovers diskutiert wie über den Islam. Ob Kopftuch, Beschneidungen, Fasten, Gebetsräume oder Schächten –  alles wird derzeit hinterfragt. Gleichzeitig wachsen fundamentalistische und orthodoxe Strömungen. In diesem Spannungsfeld findet das breite muslimische Leben statt. Wir wollen fragen: Handelt es sich um Missverständnisse oder um eine Krise?

Wir freuen uns, dass wir Rabeya Müller, Imamin aus Köln, und Özcan Coşar, deutsch-türkischer Comedian, für die Veranstaltung gewinnen konnten.
Mit ihren Denkansätzen und ihrem Selbstverständnis ist Rabeya Müller eine der wenigen deutschen Theologinnen, die sich für einen Feminismus im Islam einsetzen. Die in Köln lebende Muslima ist an der Gestaltung von Lehrbüchern beteiligt, bildet Religionspädagogen aus und verantwortet zahlreiche Veröffentlichungen.
Özcan Coşar gehört zu den gefragtesten Comedians Deutschlands. Selbstbewusst und kritisch hält er in seinem Programm der deutschen Gesellschaft den Spiegel vor. Aktuell tourt er mit seinem Programm „Old School – Die Zukunft kann warten“ durch die Republik.

Führt durch den Abend: Aladin El-Mafaalani. Fotos (2): C. Stille

Für die künstlerische Umsetzung des Themas sorgt Zijah Jusufovic. Wie immer führt Aladin El-Mafaalani durch den Abend.

Freitag, den 22. Juni 2018
Wo: Helmholz-Gymnasium: Münsterstraße 122 in 44147 Dortmund


Einlass/ Beginn: 18.30 Uhr/ 19.00 Uhr
Eintritt: frei
Youtube-Beiträge:
https://www.youtube.com/channel/UCV0PtFEtVDMDrpNDwbDwg5w/videos

„Rechtspopulismus und Angst vor dem Islam“ – Veranstaltung in Dortmund mit dem Soziologen Prof. Dr. Wilhelm Heitmeyer

Foto: C. Stille

Foto: C. Stille

Gewiss ist es nicht falsch, eine verstärkte Ablehnung des Islam in der Bevölkerung mit den Anschlägen von 9/11 in Zusammenhang zu bringen. Zuvor dürfte dieser Religion aber auch nicht gerade mit großem Wohlwollen begegnet worden sein. Der Islam wurde hierzulande eher mit Desinteresse bedacht. Selbst Türkinnen und Türken sind kaum bewusst als Muslime wahrgenommen worden. Das änderte sich nach den Anschlägen von New York schlagartig, welche von muslimischen Attentätern verübt worden sind. Der Islam wurde danach meist mit Terrorismus assoziiert. Und Islamismus mit dem Islam gleichgesetzt. Muslime weltweit – auch in Deutschland – standen quasi unter Generalverdacht. Auch wenn das von offizieller Seite so nie so vertreten worden war: es fehlte an differenzierenden Darstellungen, den Islam und die Muslime betreffend. Weshalb der Eindruck, Islam gleich Islamismus und Terror – vor allem aufgrund der unsäglichen Politik der USA unter Präsident George W. Bush und seinem „Krieg gegen den Terror“ (der doch nur immer neuen Terror und neue Terroristen gebar) – der frühere Feind Kommunismus ward durch denen neuen, den Islam abgelöst – zusätzlich noch durch bestimmte Medien auf fahrlässige Weise verstärkt und so im Unterbewusstsein der Menschen befördert worden ist. Entstanden ist auf diese Weise über einen längeren Zeitraum ein vergiftetes gesellschaftliches Klima. Rechtspopulisten und Ausländerfeinde nutzen es für ihre Zwecke.

„Die Ablehnung des Islam ist in der Bevölkerung weit verbreitet.Dazu kommt, dass jetzt viele Flüchtlinge vor allem aus muslimischen Ländern im Nahen Osten und aus Afrika nach Deutschland gekommen sind. Die Migrationsbewegung stellt die deutsche Gesellschaft vor große Herausforderungen. In dieser Situation greifen rechtspopulistische Gruppierungen antimuslimische und ausländerfeindliche Klischees auf und instrumentalisieren sie. Die Veranstaltung geht der Frage nach, was getan werden kann und muss, um Rechtspopulismus und Islamfeindlichkeit zu begegnen – mit offenem Blick für aktuelle Problemstellungen im Miteinander der Religionen und Kulturen“, schreibt das Christlich-Islamische Forum NRW in seiner Einladung zu einer interessanten Veranstaltung am Mittwochabend in Dortmund.

Der bekannte Soziologe Prof. Dr. Wilhelm Heitmeyer wird zum Thema „Rechtspopulismus und Islamfeindlichkeit in einer entsicherten Zeit“ referieren. Anschließend stehen er und Vertreter der Landtagsfraktionen bzw. Parteien zum Gespräch bereit.

Mit dabei sind Andrea Asch (MdL, Die Grünen), Marc Herter (MdL, SPD), Christian Leye (Die Linke, Landessprecher) und Ahmad Aweimer (Dialog- und Kirchenbeauftragter des Zentralrats der Muslime in Deutschland). Angefragt sind Henning Rehbaum (MdL, CDU) und Dr. Joachim Stamp (MdL, FDP).

Zugegen sein werden ebenfalls Pfarrer Ralf Lange-Sonntag (Referent der Evangelischen Kirche von Westfalen für Fragen des christlich-islamischen Dialogs) und Pfarrer Friedrich Stiller (Referatsleiter im Evangelischen Kirchenkreis Dortmund).

Angesichts der heutigen Welt und des Rechtsrucks bekommt die Auschwitz-Überlebende Esther Bejarano Angst. Sie hat den Aufstieg der Nazis erlebt und erkennt gewisse Parallelen zum Erstarken rechter Kräfte heute. Foto: C. Stille

Angesichts der heutigen Welt und des Rechtsrucks bekommt die Auschwitz-Überlebende Esther Bejarano Angst. Sie hat den Aufstieg der Nazis erlebt und erkennt gewisse Parallelen zum Erstarken rechter Kräfte heute. Foto: C. Stille

Friedrich Stiller: „Die anhaltende Ablehnung des Islam in der Mehrheit der Bevölkerung ist seit langem ein gesellschaftliches Problem. Wenn das jetzt von Populisten in Stimmen umgesetzt wird, bekommen wir ein noch größeres Problem.“

„Wir müssen engagiert auf die Probleme aufmerksam machen und für den Dialog werben nüchtern und in aller Offenheit“, fügte der evangelische Pfarrer hinzu.

Der Vortrags- und Gesprächsabend „Rechtspopulismus und Angst vor dem Islam“ mit Vertretern der NRW-Fraktionen und Parteien findet am Mittwoch, den 8. Februar, ab 18.30 Uhr in der Abu-Bakr-Moschee, Carl-Holtschneider-Str. 8.a in Dortmund. Der Eintritt ist frei.

Update vom 17. Februar 2017

Hier finden Sie einen Bericht über die Veranstaltung meines Nordstadtblogger-Kollegen Clemens Schröer.