9/11 auf LSD: „Leichter als Luft“ – Florian Kirners Romanerstling – Unbedingt empfohlen!

Schon der erste Satz eines Romans sollte für gewöhnlich zackig reinknallen. Und die LeserInnen mit sich in den laufenden Text hineinsaugen. Und dessen Rest so beschaffen sein, dass der Spannungsbogen nicht abbricht und die LeserInnen bis zum Schluss förmlich an das Buch gefesselt sind. Das ist für den Schreibenden – erst recht für einen Schriftsteller, der einen Roman schreiben möchte – gewiss verdammt schwer. Schon daran kann der jeweilige Text scheitern. Erst recht, denke ich mir, wenn es sich um den Erstlingsroman eines Autoren handelt. Für mich als Lesenden hat der folgende Satz das Zeug dazu, die LeserInnen von vorn herein gleich zu packen und fortan – bis zur letzten Zeile dieses Romans nicht mehr loszulassen:

Die Nutten hatten schon Feierabend, die Cracksüchtigen Schichtwechsel, die Bullen keinen Bock mehr – ein trügerischer Frieden lag über dem heimatlichen Rotlichtviertel.“

Bäm! So beginnt der Romanerstling von Florian Kirner aka Prinz Chaos II in „Erstes Buch – Shivas Paradize – Erster Teil – Ein Welthistorischer Trip“ mit dem Titel „Leichter als Luft“.

 

Mit dem Weazel – einem der Protagonisten des Romans – kommt man gleichsam mit auf einen via berauschender Mittel erlangten Trip.

Nicht in die Schlaf kommen könnend, schaltet das Weazel den Fernseher an:

„Das Weazel landete in einem Actionstreifen, der gerade auf dem Höhepunkt einer ganzen Abfolge mittelmäßiger Special Effects entgegenstrebte. Wahrscheinlich bestand der halbe Film aus Spezialeffekten. Auf den restlichen Kanälen Soaps und Talkshows: Arbeitslosen-TV (S. 10)“

Als das Weazel weiter zappt: Dieselbe Szene auch im ZDF. Ebenso auf RTL, WDR – überall – auch auf ausländischen Kanälen!

„Roland-Emmerich-Festspiele? Woche der amerikanischen Kinoapokalypse“, denkt das Weazel in seinem zugedröhnten Brummschädel.

LSD sollte man nicht alleine nehmen – das Weazel wusste es doch und denkt auf S. 13:

„Und jetzt bist Du alleine auf einem Trip und auf allen Sendern zeigen sie Dir, wie Passagierflugzeuge ins World Trade Center knallen und das Pentagon brennt.“

Wir alle – heißt es immer wieder – wüssten sicher noch, wo wir an diesem Tag gewesen sind. Und ja, die Rede ist von 9/11. Und ja, ich weiß tatsächlich, wo ich selbst gewesen bin: Während einer Arbeitspause im Mannschaftsraum der Abteilung Beleuchtung der Oper im Theater Dortmund. Erst hatte ich gedacht, das Flugzeug, das ich als erstes sah, sei eine kleine Privatmaschine. Doch schon bald wurde klar, dass es sich um Passagierflugzeuge handelte. Und ich wusste ad hoc und rief es sogleich, sozusagen instinktiv, aus: „Das gibt Krieg!“. Und verflucht: Dieser Krieg dauert bis heute an.

Heute jährt sich dieses Ereignis, 9/11, bereits zum 18. Mal.

Auf eine irre Reise durch stürmische und auch irgendwie irre Zeiten

Und schon geht’s los, liebe LeserInnen. Auf eine irre Reise durch mittlerweile hinter uns liegende zuweilen stürmische und auch irgendwie irre Zeiten. Über anderthalb Jahrzehnte hinweg. Mit dem bereits erwähntem Weazel zusammen haben wir es insgesamt mit drei mehr oder weniger schrägen Typen aus der Berliner Elektroszene zu tun. Donna Fauna und der Kanarienquex machen das schillernde Trio komplett. Hatte mich der Anfang des Romans noch so richtig angemacht, beschlich mich als Leser bald schon ein recht merkwürdiges, ja ungutes Gefühl: Hatte ich es beim Weazel, Donna Fauna und dem Kanarienquex etwa mit Tieren zu tun? Das hätte mir nun überhaupt nicht gefallen. Aber mit den weiteren Seiten beginnt man zu verstehen. Gott, war ich froh, dass die Protagonisten offenbar doch keine Tiere – aber dennoch: schon merkwürdige Gestalten sind. In der Beschreibung vom Verlag ist da von „Gewächsen der Berliner Elektroszene“ die Rede. Dies trifft es m.E. recht gut. Nur welches Geschlecht haben die jeweiligen „Gewächse“? Darüber darf man sich dann Gedanken machen. Und wenn man gewisse Hinweise im Text richtig deutet, geht einen das eine oder andere rasch Lichtlein auf.

Auf LSD schiesst 9/11 die Protagonisten hammerhart ab

Alle drei „Gewächse“ auf LSD, platzt ihnen das Ereignis 11. September 2001 in ihr Leben. Hammerhart schießt es sie erst recht ab – weiter hinein die Drogenkultur. Sogenannte Verschwörungstheorien betreffs 9/11 machen in ihrem Umfeld die Runde. Da wird an ähnliche „zündende“ Ereignisse Vietnam (Tonking!), wie sie seitens der USA immer wieder fabriziert wurden (und werden?), um als Grund für einen Krieg zu dienen. Auch er Tod Jim Morrisons, den der RAF-Gründergeneration und den des schwulen Bayernkönigs kommt da aufs Tapet.

Diverse Morde an diversen Kennedys rufen sich in Erinnerung (S.32). „Reichstagsbrand, Reichstagsbrand!! Genau wie beim Reichstagsbrand!!!“ – Fauna ist außer sich: „Bin Laden! Lächerlich! Das waren die Amis selber oder der Mossad oder irgendeine verschissene Psychosekte!“

Weiter lesen wir: „Was für ein Schlag! Die Symbole kapitalistischer Macht, Welthandelszentrum und Weltkriegszentrale, in Schutt und Asche! Pearl Harbor? – Eine zweite Tet-Offensive eher! Ein Stoß ins Herz der Bestie, ein Jahrtausendereignis. Wer auch immer das gewesen sein mochte. Die Zeile waren gut gewählt.“ Jubeln Fauna und ihr Mitbewohner, der sie vor den Bildschirm gezerrt hatte.

Kirner (Prinz Chaos II!) erweckt für uns LeserInnen verrückte Berliner Zeiten wieder

Partydrogen und Partys noch und nöcher. Sexuelle Ausschweifungen. In alten Berliner DDR-Hinterlassenschaften gehen nun die wildesten Partys ab. Freier und Stricher. KQ – der Kanarienquex – macht die Dauerparty zum Beruf. Das hält seine Depressionen nach den Drogenausschweifungen unter der Decke.

Shivas Paradize und die „Bar zum Krokodil“, immer nur mit einem Namen – „Mama Valente“ – geheißen, liegen in unmittelbarer Nähe.

„Es entwickelt sich ein reger Pendelverkehr. Und trotz anfänglicher Reibereien über die Lautstärke der Beats oder das ständige Geficke im Gebüsch erkannten die Betreiber beider Läden schnell den gegenseitigen Vorteil (S. 34/35).“ Später wird gar ein Durchgang eingerichtet. Es geht da ziemlich rund in und hinter den Objekten.

Und wir LeserInnen sind dabei und quasi mittendrin in diesen durch Kirner wiedererweckten verrückten Zeiten in Berlin. All die auftretenden Typen sowie diese oder ähnliche Locations dürfte er aus eigenem Erleben bzw. Anschauung kennen.

Auch acht Tage nach der Katastrophe von 9/11 beschäftigt diese die Protagonisten des Romans und die sie umgebende Klientel: „Entsetzt die einen, belustigt die anderen, skeptisch alle miteinander, schaute die Kneipe sprachlos zu, wie KQ zwei Becks-Flaschen vor sich aufbaute und laut mitsingend („Piloooten, ist nichts verboooten“) ein gelbes Feuerzeug in die grünen Pils-Türme steuerte (S. 51)“

Nach ertönender Empörung seitens einer Lady Gobbertin treibt es das Weazel weiter:

„Das Weazel fand es extrem gelungen und stieg ein. Es stellte die Türme seinerseits mit zwei Weißbiergläsern nach, während die Jukebox Grönemeyers „Flugzeuge im Bauch“ einspielte.“

Tiefschwarzer Humor, Zynismus – von jedem etwas. Der Slang der Szene, in welcher die drei Typen verkehren ist perfekt getroffen. Humorig ist das geschrieben.

Auch eine blaue „Schwalbe“ kommt zu meiner unbändigen Freude im Roman vor, der ich selbst einmal das Schwestermoped „Star“ besaß, die es Fauna angetan hat. Und dann auch selbst sich kauft. Ein echter DDR-Oldtimer: das Kleinkraftrad „Schwalbe“ aus dem (…) „VEB Ernst Thälmann, Jagdwaffen und Nutzfahrzeuge oder so ähnlich in Suhl. Fast vierzig Jahre alt, die Maschine, kein Rost und schnurrt wie ’n Tiger. Deutsche Wertarbeit. Das ideal Citymobil. (S. 63)“. Noch heute ist die „Schwalbe“ ein Kultmoped, das man sogar seit Jahren auch im Westen Deutschlands hin und wieder sichten kann. Fauna und der Kanarienquecks werden in eine wilde Verfolgungsjagd seitens eines schwarzen Golf verwickelt. Spannung pur.

Welch verrückte Zeitreise – gut festhalten!

Der von der Geschichte aufgewirbelte Wind pfeift einen da aus den zügig umgeblätterten Buchseiten nur so um die Ohren, dass die sich zuweilen am vom Gelesenen erhitzten Kopf anzulegen scheinen. Da drückt es einen tief ins Sesselpolster. Bitte festhalten! Der Mantel der Geschichte klatscht einen nur so um die Backen – der Wind of Change reißt uns mit sich hinweg. Zeitweise wäre es guz während der Romanlektüre fest angeschnallt zu sein. Aussteigen, das Buch zur Seite legen? Das wird schwer. Seien Sie gewarnt, liebe Leserin, lieber Leser: Schon zuckt es einen in den Fingern. Und im Kopf da kribbelt’s: Wie geht es weiter? Mal kurz zum Klo – das geht gerade noch – „einen abseilen“, um sich des Jargons an einer Stelle des Buches zu bedienen.

Bevölkerungsaustausch via Gentrifzierung – eine heiße Sache

Erwachen tut das Trio aus ihrer Drogenkultur plötzlich im gentrifizierten Berlin. Wo frühere Szenebezirke wie Kreuzberg (im Westen) und Prenzlauer Berg (im Osten) durch die Gentrifizierung einen wahren Austausch der Bevölkerungsschichten erleben musste. Wirklich harte Einschnitte für einstigen Bewohnter. Nebenbei bemerkt notierte ich einmal nach einer Stadtführung in Berlin: „Die Gentrifizierung etwa im Stadtbezirk Prenzlauer Berg brachte es mit sich, dass nicht selten 90 Prozent der ursprünglichen Einwohner fortzogen. Ob der nun höheren Mieten fortziehen mussten. Ihnen folgten besser Betuchte nach … Schwaben und andere.

Gebär-Einheiten Grüngroßdeutschlands reiten mit der Kinderwagenkavellerie ein (köstlich!)

Florian Kirner hat die Folgen auch einer in dem Falle sozusagen heiß angestoßenen Gentrifizierung perfekt beschrieben. Nach einer vermutlichen Brandstiftung in einem ehemals von Punks besetzten Haus gegenüber der Wohnung von Kanarienquecks heißt es im Buch auf Seite 146: „Jedenfalls war das besetzte Haus im Zuge der Löscharbeiten auch gleich geräumt worden, in einem Aufwasch quasi. Danach war saniert worden, und mit Fertigstellung der ersten Wohnungen war die Kinderwagenkavallerie eingeritten, die Gebär-Einheiten Grüngroßdeutschlands, die Alternativ-Spinner – die Brüter. Inzwischen hatten sie das Gebäude vollständig erobert. Im Parterre, das früher einen linksradikalen Infoladen, Antifa-Gruppen und einen Club samt polysexuellem Darkroom beherbergt hatte, gab es neuerdings eine lederbecouchte Whiskeybar und eine Backfactory und einen Internetshop.“ Passt wie Arsch auf Eimer!

Die drei Gewächse der Berliner Drogenkultur kommen in einen nicht vergnügungspflichtigen Konflikt mit einem Immobilienkonzern. In erster Linie der Kanarienquecks, der hatte erleben müssen, dass während seiner Abwesenheit der Balkon seiner Wohnung umgestaltet worden war. Ein Freund, der zu Kohle gekommene ziemlich figelante Anwalt Jonathan Rischke nimmt sich des Falles an. Freilich führt auch der etwas im Schilde.

Schillernde Personage!

Herrlich gezeichnet der Blick in die Welt der alternativen Medienleute – wie etwa die Journalistin und Bloggerin Lola – und der Neureichen sowie auf die Person des „Filmpapstes“ Berger-Grün. Und dann auch der mysteriöse Freiherr Tädeus von Tadelshofen, ein wegen einer „Teppichaffäre“ aus den Diensten des Auswärtigen Amtes ausgeschiedenen Diplomaten, welcher im Brandenburgischen ein Schloss namens Montgolfiére – benannt nach dem Prototypen des Heißluftballons – sein Eigen nennt. Köstlich dazu der von Kirner ersonnene Wikipediaeintrag zum Freiherrn: „Hubertus Albertus Albrecht Boreas Tädeus Anäas Hypolithe Valerius Freiherr von Tadelshofen (*16. November 1951 in Teheran)“. Wenn einen da nicht ein bestimmter Herr ins Gedächtnis rückt …

Übrigens wird in diesem Kapitel auch erklärlich, warum Kirner den Titel „Leichter als Luft“ für seinen Roman gewählt hat. Mehr sei hier nicht verraten. Wer bis jetzt nicht schon Blut geleckt hat …

„Das Projekt ‚gesellschaftlicher Aufstieg‘ erweist sich als Spiel mit dem Feuer“, schreibt der Westend Verlag. Ein faszinierender Ritt durch eineinhalb Jahrzehnte Zeitgeschichte. Glänzend beobachtet, mit brillantem Humor und Sprachwitz aufgeschrieben.“ – Das ist nicht zu viel versprochen.

Zur Person Florian Kirner

Florian Kirner, geb. 1975, ist unter dem Namen Prinz Chaos II. als Liedermacher und Kabarettist bekannt. In Südthüringen entwickelt er seit 2008 ein Kultur- und Gemeinschaftsprojekt auf Schloss Weitersroda. Alljährlich veranstaltet Kirner dort das Paradiesvogelfest. Er hat an der Universität zu Köln Anglo-Amerikanische Geschichte, Japanologie und Neuere und Mittelalterliche Geschichte studiert, sowie Internationale Beziehungen an der Sophia-Universität Tokio. 2013 verfasste er mit Konstantin Wecker einen „Aufruf zur Revolte“. Als Journalist schrieb er lange für die junge Welt. Seit dessen Gründung unterstützt er den politischen Blog Rubikon. Er gilt als äußerst belesen. Was man etwa in seinen Postings auf Facebook erfreulich anmerkt.

An seinem nun vorliegendem ersten Roman arbeitete Florian Kirner seit geraumer Zeit. Begonnen daran zu schreiben hat er nach 9/11 und seither den Text immer wieder verändert und ergänzt.

Lest diesen Kirner!

Das hat sich m.E. gelohnt, die lange Arbeit an diesem Roman. Er ist in drei Bücher gegliedert. Es ist ein großartiger, fesselnder Roman entstanden. In einem glänzenden, geschliffenen Stil geschrieben. Humorvoll, kenntnisreich mit viel Hintergrundwissen unterfüttert und wo nötig drastisch, um bestimmte Szenen, kenntlich zu machen. Ich verspreche: die LeserInnen werden ihre Freude damit haben. Da kommt keine Langeweile auf. Man möchte den Roman eigentlich in einem Rutsch durchlesen. Übrigens, wie der Roman knallig anhebt, ist auch dessen Ende nicht ohne. Aber er klingt durchaus mit nachdenklich machenden Zeilen aus. Auch das vom Leser vermisste Weazel ist dann mit einem Mal da wieder im Spiel. Die Menschheit ist offenbar an einem kritischen Punkt angekommen. Glimmt da am Ende auch ein im philosophisch werdendem „Epilog am Indischen Ozean“ Funkte Hoffnung auf? Aber das hängt von uns selber ab. Ein toller Satz weist uns auf Seite 315 darauf hin:

„Du bist die Kraft! Du bist die Welt! Tu etwa, oder lass es bleiben. Aber hat bitteschön die Fresse. Und sei so gut und verschwende Deine Lebens- und Segenskraft nicht an ferne Präsidenten und andere Schimären!“

Dem Roman sind viele LeserInnen zu wünschen. Gefesselt von ihm werden sie sein. Auch verfilmt wäre dieser faszinierende Ritt durch eineinhalb Jahrzehnte Zeitgeschichte unbedingt vorstellbar. Produzenten, Filmregisseure, lest diesen Roman! Welch Plot! Welch verrückte Protagonisten – da müsste es doch bei so manch SchauspielerIn jucken?

Ein Roman durchaus für eine breite Leserschaft. Die wünsche ich ihm jedenfalls. Lest diesen Kirner! Und sagt es weiter.

Der Autor liest aus seinem Werk:

 

Florian Kirner

Leichter als Luft

Erschienen im Westend-Verlag

Seitenzahl: 320

Ausstattung: Klappenbroschur

Artikelnummer ISDN: 9783864892752

Preis: 17,95 Euro

Anbei gegeben: ein wunderberes Gespräch via You Tube, das Jens Lehrich und Dirk C. Fleck für RUBIKON mit Florian Kirner geführt haben:

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