„Dortmunder Passagen“ – Ein Stadtführer erzählt Dortmund neu

Am Modell des Reinoldikirchturms im MKK: Michael Küstermann, Stefan Mühlhofer, Wolfgang Sonne und Barbara Welzel.

Der Deutsche Evangelische Kirchentag 2019 beginnt bekanntlich nächste Woche. Da ist es freilich gut und ausgesprochen passend, dass er nicht zuletzt aus diesem Anlass da ist: Der Stadtführer „Dortmunder Passagen“ soll Dortmund neu erzählen. Er dürfte über den Kirchentag hinaus Besuchern Dortmunds gute Dienste leisten.

Auf 287 Seiten werden fünf Themen-Routen beschrieben. Sie erschließen das Stadtgebiet anhand von Drehscheiben und Leitobjekten und machen dadurch Geschichte, Gegenwart und geografische Gegebenheiten an konkreten Orten sichtbar und an konkreten Orten sichtbar und verständlich. Flaneuren werden so verschiedene Möglichkeiten praktisch, im wahrsten Sinne des Wortes, in Form eines Lesebuches in die Hand gegeben, um die Stadt neu zu entdecken. Die Präsentation des im Jovis Verlag Berlin erschienen Stadtführers fand am Donnerstag während eines Pressegesprächs im Museum für Kunst und Kulturgeschichte (MKK) in Anwesenheit der HerausgeberInnen Stefan Mühlhofer, Wolfgang Sonne und Barbara Welzel statt. Der Stadtführer ist für 15 Euro im „reinoldiforum“ und während des Evangelischen Kirchentags (19. bis 23. Juni) im Pavillon „stadt paradies sanktreinoldi“ an der Reinoldikirche erhältlich. Später dann auch im Buchhandel. Initiatorin und Initiator des anlässlich des Deutschen Evangelischen Kirchentages entstandenen Stadtführers waren Prof. Barbara Welzel (TU Dortmund) und Dr. Stefan Mühlhofer (Geschäftsführender Direktor der Dortmunder Kulturbetriebe).

Die Geschichte und das Werden der Stadt Dortmund so erzählen, dass es zu unserer Jetztzeit passt

Eingeflossen in den Stadtführer, wie Pressesprecherin Katrin Pinetzki mitteilte, sind die Arbeiten von über 20 AutorInnen. Er dürfte in dieser Art derzeit konkurrenzlos auf dem Markt sein. Ein klassischer Reiseführer ist er hingegen nicht. Es geht darin darum, die Geschichte und das Werden der Stadt Dortmund zu erzählen. Und zwar so, dass es zu unserer Jetztzeit passe, wie Dr. Stefan Mühlhofer anmerkte. Lange genug sei die Geschichte von Kohle, Stahl und Bier erzählt worden. Manche Leute in Bayern, wo Mühlhofer herkommt – mittlerweile 17 Jahre in Dortmund ansässig -, meinten immer noch, dass in Dortmund die draußen aufgehängte Wäsche schwarz wird vom Kohlestaub. Die Stadt habe sich jedoch auf spannende Weise in eine positive Richtung entwickelt. Mit dem vorliegendem, handlichen Stadtführer könne man hier gut schlendernd durch die Stadt auf Reisen gehen. Oder auf dem Sofa liegend „gedanklich sozusagen durch diese Stadt reisen“. Sogar interessant könnten die „Dortmunder Passagen“ für Leute sein, die schon immer in Dortmund leben.

Debattiert darüber und geschrieben „wie man die Stadt heute erzählen kann“

Prof. Barbara Welzel formulierte ihre auf Reisen gemachten Erfahrungen um eine Nuance anders: Eigentlich wisse jeder, dass Dortmund heute ganz anders ist, „aber keine neue Erzählung hat“. Die Leute wüssten einfach nicht für was Dortmund heute stehe. Der Stadtführer sei von den Autoren zusammen auch kontrovers diskutiert und geschrieben worden. Eben nicht so, dass jeder nach einer gemachten Gliederung ein Thema bekommen und den entsprechenden Text eingereicht hat. In einer Kerngruppe von neun und dann 21 Autoren insgesamt plus drei Fotografen habe man darüber debattiert „wie man die Stadt eigentlich heute erzählen kann“.

Fünf erlebbare Routen, die jeweils mit einem Objekt aus der Sammlung des MKK verankert ist

Am Ende hätten sich fünf lohnend erlebbare Routen herauskristallisiert wie die Stadt am besten heute erzählt werden könne. Man müsse das alles einmal zusammen sehen. Die einzelnen Kapitel sind mit „Wege“, „Wasser“ (Emscher, Ruhr; seit wann gibt es in einer Stadt, die zur Großstadt wird, Abwässer?), „Materialien“ (z.B. im Mittelalter die Kirchen aus Stein, das normale Wohnhaus aus Fachwerk mit Lehm gefüllt, aber dann auch Gebäude aus Backstein als Gefach), „Stadt und Land“ und „Spielräume“ überschrieben. Die Route „Spielräume“ steuert die repräsentativen und politischen, kulturellen und wissenschaftlichen, sportlich oder geistliche bedeutsamen Orte an. Im Kapitel „Wege“ geht es um moderne und mittelalterliche Strukturen: Wall und Hellweg sind ebenso Thema wie Brücken, Kanal und Flughafen. Drehscheiben der möglichen Stadterkundungen sind dabei u.a. Museen, Industriedenkmäler, der Botanische Garten Rombergpark und die Stadtkirche St. Reinoldi, das Baukunstarchiv, die Kokerei Hans sowie das U.

Wolfgang Sonne, Stefan Mühlhofer, Michael Küstermann und Barbara Welzel vor dem Modell des Reinoldikirchturms.

Eine besondere Drehscheibe ist das MKK: Jede der fünf Routen ist mit einem Objekt aus der Sammlung des Museums verankert, so dass jeder Rundgang dort beginnen kann. Zu den Leitobjekten zählen u.a. ein Modell der Stadtkirche St. Reinoldi und ein Modell des historischen Lunaparks im Fredenbaumpark, der Dortmunder Goldschatz und glasierte Backsteine eines mittelalterlichen Partrizierhauses.

Alle Autoren brachten ihr spezielles Wissen ein, um Dortmund in ganzer Breite und Tiefe darzustellen

Alte Taufbecken finden im Stadtführer Erwähnung, weil die oft die ältesten und markantesten Zeugnisse für Zentren seien. Es wurde über die Eisenbahn geschrieben und nachgeschaut, wann die ersten Alleen angelegt worden sind.

Alle Autoren, so Prof. Welzel, hätten ihr ganz spezielles Wissen eingebracht. Aus dem Stadtarchiv, aus der Gedenkstättenarbeit, „mein kunsthistorisches Wissen“ und ganz viel Architekturwissen. Dazu trug Dr. Christian Walda, Sammlungsleiter des MKK, einige Informationen bei. Die Metropole Ruhr, höre man oft, sei anders. Aber man frage sich da zugleich: „Anders als was?“ Man schaue viel auf die Infrastruktur. Beispielsweise den Umbau, die Renaturierung der Emscher. Übersehen werden „ein bisschen, dass es im Ruhrgebiet Städte mit Stadtkern gebe, die wirklich Städte sein wollten und wollen“. Etwa in Brechten den alten Dorfkern mit steinerner Kirche und den alten Dorfplatz mit dem Fachwerk. Es sei durchaus eine alte Städteregion.

Wolfgang Sonne (TU Dortmund) fand, dass in Dortmund trotz der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg und der Abrisse danach, sei doch einiges Wichtiges erhalten geblieben. Etwa die vier mittelalterlichen Kirchen im Zentrum. Anliegen sei es gewesen im Stadtführer die Stadt in ihrer ganzen Breite und Tiefe darzustellen.

Pfarrer Michael Küstermann wies daraufhin, dass die Reinoldikirche in diesem Stadtführer öfter prominent vorkommt, weil sie Dortmund in vielerlei Hinsicht mit verkörpere. Sie habe sich immer neuen Herausforderungen stellen müssen.

Interessanter Aspekt: ein Reisepass aus dem Jahre 1800

Bei der Frage wie man Stadt und Land zeigen könne, sagte Frau Prof. Welzel, sei man auf einen Reisepass aus dem Jahre 1800. gestoßen. Der findet sich nun mit Ansicht und Beschreibung auf Seite 184 und 185 im Stadtführer. Ein interessanter Aspekt: Dortmund war damals freie Reichsstadt und umgeben von Preußen und lag damit sozusagen „mitten im Ausland“. Um aus der Stadt herauszukommen wurde ein Pass benötigt.

Das Entstehen des Stadtführers auf amüsante Weise karikiert

Mit einer Anekdote karikierte Werner Sonne das Zusammenschreiben des Stadtführers von so vielen Autoren (Prof. Welzel: „Wie beim Kindergeburtstag die Texte hin und hergeschickt“) und charakterisierte den Autorenkreis amüsant so: „Da sind verknöcherte Universitätsprofessoren und verstaubte Behördenleiter, alle die von Amts wegen mit dem Ort und mit der Geschichte zu tun haben. Die haben sich zusammengetan und einen lebendigen Stadtführer geschrieben. Und das in einer fast jugendlich-kollektiven Weise.“

Prof. Barbara Welzers Fazit: In zirka einem Jahr Arbeit an dem nun vorliegendem Stadtführer ist alles was man derzeit über die Stadt wissen kann zusammengetragen worden.

Der Stadtführer „Dortmunder Passagen“ entstand in Kooperation der Kulturbetriebe Dortmund und der Denkmalbehörde mit der TU Dortmund, der Stadtkirche St. Reinoldi sowie der Stiftung Industriedenkmalpflege und dem LWL-Industriemuseum Zeche Zollern.

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