„Dortmunder Passagen“ – Ein Stadtführer erzählt Dortmund neu

Am Modell des Reinoldikirchturms im MKK: Michael Küstermann, Stefan Mühlhofer, Wolfgang Sonne und Barbara Welzel.

Der Deutsche Evangelische Kirchentag 2019 beginnt bekanntlich nächste Woche. Da ist es freilich gut und ausgesprochen passend, dass er nicht zuletzt aus diesem Anlass da ist: Der Stadtführer „Dortmunder Passagen“ soll Dortmund neu erzählen. Er dürfte über den Kirchentag hinaus Besuchern Dortmunds gute Dienste leisten.

Auf 287 Seiten werden fünf Themen-Routen beschrieben. Sie erschließen das Stadtgebiet anhand von Drehscheiben und Leitobjekten und machen dadurch Geschichte, Gegenwart und geografische Gegebenheiten an konkreten Orten sichtbar und an konkreten Orten sichtbar und verständlich. Flaneuren werden so verschiedene Möglichkeiten praktisch, im wahrsten Sinne des Wortes, in Form eines Lesebuches in die Hand gegeben, um die Stadt neu zu entdecken. Die Präsentation des im Jovis Verlag Berlin erschienen Stadtführers fand am Donnerstag während eines Pressegesprächs im Museum für Kunst und Kulturgeschichte (MKK) in Anwesenheit der HerausgeberInnen Stefan Mühlhofer, Wolfgang Sonne und Barbara Welzel statt. Der Stadtführer ist für 15 Euro im „reinoldiforum“ und während des Evangelischen Kirchentags (19. bis 23. Juni) im Pavillon „stadt paradies sanktreinoldi“ an der Reinoldikirche erhältlich. Später dann auch im Buchhandel. Initiatorin und Initiator des anlässlich des Deutschen Evangelischen Kirchentages entstandenen Stadtführers waren Prof. Barbara Welzel (TU Dortmund) und Dr. Stefan Mühlhofer (Geschäftsführender Direktor der Dortmunder Kulturbetriebe).

Die Geschichte und das Werden der Stadt Dortmund so erzählen, dass es zu unserer Jetztzeit passt

Eingeflossen in den Stadtführer, wie Pressesprecherin Katrin Pinetzki mitteilte, sind die Arbeiten von über 20 AutorInnen. Er dürfte in dieser Art derzeit konkurrenzlos auf dem Markt sein. Ein klassischer Reiseführer ist er hingegen nicht. Es geht darin darum, die Geschichte und das Werden der Stadt Dortmund zu erzählen. Und zwar so, dass es zu unserer Jetztzeit passe, wie Dr. Stefan Mühlhofer anmerkte. Lange genug sei die Geschichte von Kohle, Stahl und Bier erzählt worden. Manche Leute in Bayern, wo Mühlhofer herkommt – mittlerweile 17 Jahre in Dortmund ansässig -, meinten immer noch, dass in Dortmund die draußen aufgehängte Wäsche schwarz wird vom Kohlestaub. Die Stadt habe sich jedoch auf spannende Weise in eine positive Richtung entwickelt. Mit dem vorliegendem, handlichen Stadtführer könne man hier gut schlendernd durch die Stadt auf Reisen gehen. Oder auf dem Sofa liegend „gedanklich sozusagen durch diese Stadt reisen“. Sogar interessant könnten die „Dortmunder Passagen“ für Leute sein, die schon immer in Dortmund leben.

Debattiert darüber und geschrieben „wie man die Stadt heute erzählen kann“

Prof. Barbara Welzel formulierte ihre auf Reisen gemachten Erfahrungen um eine Nuance anders: Eigentlich wisse jeder, dass Dortmund heute ganz anders ist, „aber keine neue Erzählung hat“. Die Leute wüssten einfach nicht für was Dortmund heute stehe. Der Stadtführer sei von den Autoren zusammen auch kontrovers diskutiert und geschrieben worden. Eben nicht so, dass jeder nach einer gemachten Gliederung ein Thema bekommen und den entsprechenden Text eingereicht hat. In einer Kerngruppe von neun und dann 21 Autoren insgesamt plus drei Fotografen habe man darüber debattiert „wie man die Stadt eigentlich heute erzählen kann“.

Fünf erlebbare Routen, die jeweils mit einem Objekt aus der Sammlung des MKK verankert ist

Am Ende hätten sich fünf lohnend erlebbare Routen herauskristallisiert wie die Stadt am besten heute erzählt werden könne. Man müsse das alles einmal zusammen sehen. Die einzelnen Kapitel sind mit „Wege“, „Wasser“ (Emscher, Ruhr; seit wann gibt es in einer Stadt, die zur Großstadt wird, Abwässer?), „Materialien“ (z.B. im Mittelalter die Kirchen aus Stein, das normale Wohnhaus aus Fachwerk mit Lehm gefüllt, aber dann auch Gebäude aus Backstein als Gefach), „Stadt und Land“ und „Spielräume“ überschrieben. Die Route „Spielräume“ steuert die repräsentativen und politischen, kulturellen und wissenschaftlichen, sportlich oder geistliche bedeutsamen Orte an. Im Kapitel „Wege“ geht es um moderne und mittelalterliche Strukturen: Wall und Hellweg sind ebenso Thema wie Brücken, Kanal und Flughafen. Drehscheiben der möglichen Stadterkundungen sind dabei u.a. Museen, Industriedenkmäler, der Botanische Garten Rombergpark und die Stadtkirche St. Reinoldi, das Baukunstarchiv, die Kokerei Hans sowie das U.

Wolfgang Sonne, Stefan Mühlhofer, Michael Küstermann und Barbara Welzel vor dem Modell des Reinoldikirchturms.

Eine besondere Drehscheibe ist das MKK: Jede der fünf Routen ist mit einem Objekt aus der Sammlung des Museums verankert, so dass jeder Rundgang dort beginnen kann. Zu den Leitobjekten zählen u.a. ein Modell der Stadtkirche St. Reinoldi und ein Modell des historischen Lunaparks im Fredenbaumpark, der Dortmunder Goldschatz und glasierte Backsteine eines mittelalterlichen Partrizierhauses.

Alle Autoren brachten ihr spezielles Wissen ein, um Dortmund in ganzer Breite und Tiefe darzustellen

Alte Taufbecken finden im Stadtführer Erwähnung, weil die oft die ältesten und markantesten Zeugnisse für Zentren seien. Es wurde über die Eisenbahn geschrieben und nachgeschaut, wann die ersten Alleen angelegt worden sind.

Alle Autoren, so Prof. Welzel, hätten ihr ganz spezielles Wissen eingebracht. Aus dem Stadtarchiv, aus der Gedenkstättenarbeit, „mein kunsthistorisches Wissen“ und ganz viel Architekturwissen. Dazu trug Dr. Christian Walda, Sammlungsleiter des MKK, einige Informationen bei. Die Metropole Ruhr, höre man oft, sei anders. Aber man frage sich da zugleich: „Anders als was?“ Man schaue viel auf die Infrastruktur. Beispielsweise den Umbau, die Renaturierung der Emscher. Übersehen werden „ein bisschen, dass es im Ruhrgebiet Städte mit Stadtkern gebe, die wirklich Städte sein wollten und wollen“. Etwa in Brechten den alten Dorfkern mit steinerner Kirche und den alten Dorfplatz mit dem Fachwerk. Es sei durchaus eine alte Städteregion.

Wolfgang Sonne (TU Dortmund) fand, dass in Dortmund trotz der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg und der Abrisse danach, sei doch einiges Wichtiges erhalten geblieben. Etwa die vier mittelalterlichen Kirchen im Zentrum. Anliegen sei es gewesen im Stadtführer die Stadt in ihrer ganzen Breite und Tiefe darzustellen.

Pfarrer Michael Küstermann wies daraufhin, dass die Reinoldikirche in diesem Stadtführer öfter prominent vorkommt, weil sie Dortmund in vielerlei Hinsicht mit verkörpere. Sie habe sich immer neuen Herausforderungen stellen müssen.

Interessanter Aspekt: ein Reisepass aus dem Jahre 1800

Bei der Frage wie man Stadt und Land zeigen könne, sagte Frau Prof. Welzel, sei man auf einen Reisepass aus dem Jahre 1800. gestoßen. Der findet sich nun mit Ansicht und Beschreibung auf Seite 184 und 185 im Stadtführer. Ein interessanter Aspekt: Dortmund war damals freie Reichsstadt und umgeben von Preußen und lag damit sozusagen „mitten im Ausland“. Um aus der Stadt herauszukommen wurde ein Pass benötigt.

Das Entstehen des Stadtführers auf amüsante Weise karikiert

Mit einer Anekdote karikierte Werner Sonne das Zusammenschreiben des Stadtführers von so vielen Autoren (Prof. Welzel: „Wie beim Kindergeburtstag die Texte hin und hergeschickt“) und charakterisierte den Autorenkreis amüsant so: „Da sind verknöcherte Universitätsprofessoren und verstaubte Behördenleiter, alle die von Amts wegen mit dem Ort und mit der Geschichte zu tun haben. Die haben sich zusammengetan und einen lebendigen Stadtführer geschrieben. Und das in einer fast jugendlich-kollektiven Weise.“

Prof. Barbara Welzers Fazit: In zirka einem Jahr Arbeit an dem nun vorliegendem Stadtführer ist alles was man derzeit über die Stadt wissen kann zusammengetragen worden.

Der Stadtführer „Dortmunder Passagen“ entstand in Kooperation der Kulturbetriebe Dortmund und der Denkmalbehörde mit der TU Dortmund, der Stadtkirche St. Reinoldi sowie der Stiftung Industriedenkmalpflege und dem LWL-Industriemuseum Zeche Zollern.

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Dortmund: Deutsche Stiftung Denkmalschutz überreichte zum Zeichen ihrer Verbundenheit mit St. Reinoldi eine Bronzetafel

Regine Vogt, Karin Lehmann, Michael Küstermann (Mitte vorn), Heike Proske und Susanne Kideys (v.l.n.r). Fotos: C. Stille

Nicht zum ersten Mal erhielt die Stadtkirche St. Reinoldi in Dortmund Unterstützung seitens der Deutschen Stiftung Denkmalschutz (DSD). Zum Zeichen ihrer Verbundenheit mit St. Reinoldi überreichte die Institution, vertreten durch Karin Lehmann und Regine Vogt (beide Ortskuratorium Bochum-Dortmund der DSD), am Mittwoch in der Stadtkirche eine Bronzetafel. Die 10 mal 17 Zentimeter große Tafel mit einer Dicke von drei Millimeter soll noch rechtzeitig vor dem Deutschen Evangelischen Kirchentag (19. – 23. Juni 2019 in Dortmund) an der seitlichen Außenfassade von St. Reinoldi in Nähe eines renovierten Kirchenfensters angebracht werden.

Im September 2017 erhielt die Reinoldi-Gemeinde einen symbolischen Scheck der Deutschen Stiftung Denkmalschutz – inzwischen sind die mit dem Geld finanzierten Arbeiten abgeschlossen

Karin Lehmann erinnerte rückblickend daran, dass sie am 14. September 2017 an die Reinoldi-Gemeinde einen symbolischen Scheck der Deutschen Stiftung Denkmalschutz über 260 000 Euro für die Renovierungs- und Instandsetzungsarbeiten der Reinoldikirche, „unserer geschätzten Stadtkirche im Herzen Dortmunds“, überreicht hatte. Inzwischen sind die Arbeiten abgeschlossen. Vertraglich zwischen der Kirchengemeinde und der DSD festgelegt worden sei damals, dass in Erinnerung an die finanzielle Unterstützung der DSD eine Bronzetafel „gut sichtbar an exponierter Stelle des geförderten Objektes angebracht wird“. Auf der Tafel steht: „Gefördert durch die Deutsche Stiftung Denkmalschutz mit Hilfe der Glücksspirale.“ Interessant zu erfahren: 9,8 Prozent der Spieleinnahmen von Westlotto fließen in regelmäßig an die DSD.

Karin Lehmann erklärte: „Historische Bau-, Boden-, Gründenkmale zu erhalten, das ist das Ziel und die Aufgabe der Deutschen Stiftung Denkmalschutz.“

Die Stiftung sei die größte private und unabhängige Initiative für den Denkmalschutz in Deutschland, so Lehmann. Sie besteht seit 1985. Bisher sei es gelungen, mehr als 5500 Denkmale in ganz Deutschland durch die Hilfe der DSD zu erhalten.

Karin Lehmann wies darauf hin, dass die Stiftung nicht nur Denkmale erhalten helfe, sondern Denkmale auch erlebbar mache. Etwa beim Tag des offenen Denkmals und während der sogenannten Monumente-Reisen (Monumente ist die Zeitschrift der DSD).

Superintendentin Heike Proske: „Das Engagement der Stiftung macht deutlich, welche historische Bedeutung die Kirchen, besonders aber St. Reinoldi für die Stadt haben“

Heike Proske, Superintendentin des Kirchenkreises Dortmund, bedankte sich herzlich für die Verbundenheit der DSD und deren Unterstützung bei der

St. Reinoldi Dortmund. Foto: Stille

Renovierung von St. Reinoldi. Sie fand, dass passe gerade sehr gut, da die Stadt Dortmund gerade die Reinoldikirche zum Denkmals des Monats Juni benannt habe. Die Reinoldikirche, habe sie in ihrem guten halben Jahr, das sie jetzt hier sei, festgestellt, sei nicht nur fußläufig von vielen Menschen bestens erreichbar und werde tagtäglich von ihnen passiert. Das Gotteshaus diene auch als Identifikationspunkt, an welchem man sich auch verabrede. Wenn der Westenhellweg abends zu bestimmter Zeit die Öffentlichkeit quasi abgebe, nehme diese die Kirche auf. Und innen sei es dann schon mal belebter als draußen. Dank der ganzen Pfarrstelle von Herrn Küstermann und einer landeskirchlich geförderten Pfarrstelle sowie vielen Ehrenamtlichen sei es möglich die Kirche oftmals zu öffnen – sowohl für normale Besuchende als auch sehr viele Veranstaltungen. An die VertreterInnen der DSD gerichtet, sagte Superintendentin Heike Proske: „Das Engagement der Stiftung macht deutlich, welche historische Bedeutung die Kirchen, besonders aber St. Reinoldi für die Stadt haben.“

Pfarrer Michael Küstermann lobte die an einem vollkommen renovierten Fenster vorgenommenen Bauarbeiten als großartige Leistung

Pfarrer Michael Küstermann hat bereits – wie von der DSD gefordert – „einen hervorgehobenen Ort“ für die Anbringung der Bronzetafel (Dübel und Befestigungsschrauben sind praktischerweise bereits mitgeliefert) ins Auge gefasst. Der wird sich also in der Nähe eines der vollkommen renovierten Kirchenfensters befinden. Küstermann sagte, an diesem sei eine großartige Leistung durch Bauarbeiten vollbracht worden. Man habe die Bestätigung bekommen, dass es bis dato nicht bekannt sei, dass es jemals gelungen wäre, ein Fenster dieser Größenordnung zu restaurieren. Das ursprüngliche Fenster von Professor Stockhausen (eingesetzt nach dem Zweiten Weltkrieg) habe nicht mehr restauriert werden können. Nun sei es den Steinmetzen gelungen, die ganze Glasstruktur wieder in eine neue Steinarbeit hineinzubekommen. Es habe einer äußerst filigranen Ausarbeitung bedurft.

Architektin Susanne Kideys: Wiederherstellung des Fensters „ganz hervorragend“ gelungene Arbeit

Die Architektin des Kirchenkreises, Susanne Kideys, berichtete Pfarrer Küstermanns Ausführungen fachlich ergänzend von den Schwierigkeiten und den damit notwendig gewordenen aufwändigen Arbeiten an dem betreffenden Fenster. Die ganze Verglasung habe herausgenommen werden

Das vollkommen renovierte Kirchenfenster in St. Reinoldi.

müssen. Das Maßwerk des Chors war in außergewöhnlichen schlechtem Zustand. Alle Maßwerke (so bezeichnet man in der Architektur die filigrane Arbeit von Steinmetzen in Form von flächigen Gestaltungen von Fenstern) mussten entfernt werden, weil sie viel Ersatzmörtel enthalten hätten. Das Gefüge und die Festigkeit konnte nicht mehr garantiert werden. Die Steinbögen der Fenster waren brüchig, die Windeisen für deren Befestigung korrodiert. Die Fenster mussten aufwändig bearbeitet werden. Das ganze Maßwerk sei dann in einer großen Halle der Firma Megalith Bau-Hammer GmbH in Hagen ausgebreitet und nummeriert ausgebreitet worden. Gemeinsam mit der Denkmalbehörde habe man feststellen müssen, dass 80 – 90 Prozent der Teile wegen fehlender Substanz so nicht hätten wieder eingebaut werden können. Kideys bezeichnete die Wiederherstellung des Fensters seitens der damit betrauten Steinmetze als„ganz hervorragend“ gelungene Arbeit. Spezialisten sagten, so wusste Susanne Kideys zu sagen, dass einen ein Maßwerk in dieser Größenordnung – sei es als Steinmetz oder Denkmalpfleger – wohl nur einmal im Leben begegne.

Susanne Kideys gab darüber hinaus einen Überblick über die gesamten Sanierungsarbeiten. Sie zählte die Neueindeckung des Chorraumes und die Restaurierung der kleinen Dachgauben, der Fassade und der teilweisen Erneuerung der Verglasung auf. Wie bei Sanierungsarbeiten an Bauwerken dieser Art üblich, habe man im Zuge der Arbeiten weitere Schäden der Kirche entdeckt. Nun sei aber alles weitgehend fertig geworden. Insgesamt sind zirka 1,6 Millionen Euro in das Kirchenbauwerk geflossen. Rechtzeitig vor dem Kirchentag sind die letzten Gerüste nun abgebaut.

Nächste große Baumaßnahme in St. Reinoldi – der Bau einer neuen Orgel – beginnt gleich nach dem Kirchentag

Pfarrer Michael Küstermann nannte als nächste große Baumaßnahme den Bau einer neuen Orgel für St. Reinoldi. Sie soll Ende 2020 fertig sein. Die Bauarbeiten sollen unmittelbar nach dem Kirchentag beginnen. 2020 werde man zwölf Jahre Arbeit „als Aufgabe unserer Generation“ an diesem großen Restaurierungsprojekt hinter sich gebracht haben, schätzte Pfarrer Küstermann ein.

Forum Sozialdemokratische Basisinitiative fordert mehr Basisbeteiligung, Raus aus der GroKo und Urwahl des Parteivorstandes – Ganz im Sinne Willy Brandts: „Mehr Demokratie wagen“

Da fragte doch kürzlich Jens Berger (NachDenkSeiten) auf Facebook: „Ist der Begriff ‚Suizidaldemokraten‘ eigentlich schon rechtlich geschützt?“ Gute Frage! Immerhin geht die älteste deutsche Partei stramm auf die null Prozent zu – die rote Null sozusagen. Und die – wenn man genau nachdenkt – korrespondiert mit der Schwarzen Null.

Selbst schrieb ich vor einiger Zeit hier (ein weiterer Text hier):

„Ich kann mir nicht helfen: Die über 150-jährige und damit älteste Partei Deutschlands, die SPD, will sich offenbar per Suizid abschaffen. Und die alte Tante, namentlich der Vorstand, zeigt sich anscheinend felsenfest sicher – anders kann ich mir das Handeln der SPD-Großkopfeten nicht erklären: Wir schaffen das! (…)“

Damals lag die Partei bei Sonntagsumfragen zwischen 16 und 19 Prozent. Nun bei um die 12 Prozent – Tendenz fallend!

Olav Mueller aus Offenbach in Hessen versteht seine Partei, die SPD, schon lang nicht mehr. Er hat sich 35 Jahre in der SPD für die Menschen engagiert. Er war Juso-Vorsitzender, SPD-Ortsvereinsvorsitzender und Bürgermeisterkandidat. Immer wieder meldet er sich in „Olav live“-Auftritten auf Facebook an die Menschen.

Prof. Heiner Flassbeck gegenüber RT Deutsch : “Die SPD hat alles falsch gemacht, was man falsch machen kann”

Der Ökonom Prof. Heiner Flassbeck war Staatsekretär unter Ex-Finanzminister Lafontaine und ist heute Herausgeber des wirtschaftspolitischen Magazins Makroskop. Er kritisiert vor allem die Agenda-Politik von Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder. Aus seiner Sicht muss die SPD wieder sozialdemokratisch werden und sich mit einem neuen ökonomischen Konzept gegen den „Mainstream“ stellen.
Quelle: RT Deutsch

Gestern nun ist er mit Freunden nach Berlin zum Willy-Brandt-Haus gefahren. Und zwar, um dort den Rücktritt des gesamten SPD-Vorstands, ein Raus der SPD aus der GroKo und die Urwahl des Parteivorstandes zu fordern. Siehe Facebook-Video (Quelle: Nicole Sandelbaum via Facebook).

Wie Mueller berichtete, wurden sie freundlich von einem jungen Mitarbeiter empfangen. Jedoch wurde ihnen verwehrt, ihre Forderungen im SPD-Parteihaus zu verlesen. Auch davor, an dem rostigen, auf der Spitze stehenden, Metallwürfel mit der Gravur SPD, durften sie das nicht. Begründung: Hausrecht! Eine Brandrede im Willy-Brandt-Haus bzw. davor – das sollte nicht sein. Gehört etwa der Bürgersteig auch der SPD? Übrigens, fand Olav Mueller, passe der rostige Würfel bestens zum verknöcherten Parteivorstand mit offenbar rostenden Hirnen, welchen er noch dazu als äußerst abgehoben bezeichnete.

Die Polizei traf ein. Schließlich durften die 20 Anwesenden gegenüber dem Parteihaus demonstrieren und ihre Forderungen vortragen. Hat die SPD so ein Schiss vor 20 Demonstranten? Unverständnis bei den Demonstranten und diversen Passanten.

Die Meinungen gehen gründlich durcheinander. Als Fazit lässt sich allerdings feststellen: Unsere Demokratie ist in einem bedenklichen Zustand. Und die Leute spüren das.

Was nur ist aus der einst stolzen Arbeiterpartei SPD geworden? Einst gegründet gegen den Wirtschaftsliberalismus, wie Mueller sagt. Heute kräftig den Neoliberalismus befördernd.

Eine Partei, die mit 12 Prozent das schlechteste Ergebnis seit über 130 Jahren eingefahren hat? Könnte da womöglich einen Zusammenhang bestehen?

Das „Forum Sozialdemokratische Basisinitiative“ hat diese Kampagne via Change.org gestartet: Gefordert wird ein Raus ihrer SPD aus der GROKO und die URWAHL des Parteivorstandes

„Der gesamte Vorstand und nicht nur Andrea Nahles trägt die Verantwortung für das Desaster in dem die SPD steckt. Deshalb fordern wir diese auch geschlossen zum Rücktritt auf.

Wir fordern grundsätzlich die Urwahl des Parteivorstandes durch alle Mitglieder, sowie stärkere Einbeziehungen von Mitgliedern und Bürgern bei Entscheidungsprozessen der SPD ( angelehnt an die Vorwahlen der Präsidentschaftswahl in den USA ).

Erklärung:

UNSERE SPD hat in den letzten 20 Jahren nicht ohne Grund über 10 Millionen Wählerinnen und Wähler, sowie 500.000 Mitglieder in den letzten 30 Jahren verloren. Nach dem schlechtesten Wahlergebnis seit 130 Jahren und einem Umfragetief von 12% ist unsere Geduld endgültig erschöpft!!!

Der Parteivorstand trägt für dieses Desaster die Verantwortung. Dieser hat sich von der stolzen Tradition der Sozialdemokratie gelöst und hat einen neoliberalen Kurs eingeschlagen. Dabei wurde unsere Partei 1863 doch als Widerstand gegen den Wirtschaftsliberalismus gegründet!!!

Die Freihandelsabkommen CETA und EPA wurden z.B. gegen die Interessen der Menschen durchgesetzt. Sie dienen vor allem der Wirtschaft. So wurde u.a. die Ausbeutung Afrikas durch Konzerne weiter verschärft und durch Waffenlieferungen in Krisengebiete die Migration gefördert. Sozial sieht anders aus!

Es gibt zwar immer weniger klassische Arbeiter, jedoch zunehmend mehr Menschen, die finanziell kaum über die Runden kommen und einen Zweit- und Drittjob annehmen müssen. Die Schere zwischen arm und reich klafft immer weiter auseinander und unsere Politik hat dies nicht verhindert.

Dieses wachsende Klientel von Unzufriedenen wurde in den letzten Jahren links und rechts liegengelassen, was man auch bei der Besetzung von Mandatsträgern unschwer erkennen kann. Die Parlamente sind manchmal voller und manchmal leerer, aber immer voller Lehrer und anderen Akademikern, welche keinen Schimmer haben, wie es Menschen mit einem Durchschnittseinkommen von 1.500 Euro geht.

Auch der politische Meinungsfindungsprozess wurde in den letzten zwei Jahrzehnten von den Beinen auf den Kopf gestellt. Wir müssen wieder viel stärker Anträge von unten nach oben delegieren und es darf nicht sein, dass beispielsweise der ESM an der Parteibasis vorbei durchgesetzt wird.

Ihr redet von Klimarettung und lasst nicht nur den Regenwald abholzen, sondern auch unsere Bienen sterben! Kein Mensch möchte Fracking oder eine Verdopplung der Rüstungsausgaben! Ihr lasst zu, dass unsere Bürgerrechte mit Füßen getreten werden. Ihr akzeptiert nicht nur, dass die NSA unsere Daten abfischt, sondern setzt die Vorratsdatenspeicherung durch und akzeptiert das Polizeischutzgesetz. Eine Schande, wie wenig ihr öffentlich für ASSANGE und EDWARD SNOWDEN eintretet.

DER PARTEIVORSTAND HAT LEIDER UNSER VERTRAUEN VOLLSTÄNDIG VERSPIELT. Unzählige Eigentore pflastern euren Weg ins Verderben. Darunter eine Wahlempfehlung bei den Abstimmungsunterlagen über die GROKO und der Versuch Andrea Nahles gegen die Parteisatzung als Übergangsvorsitzende durchzusetzen. Schluss mit Klüngelei in Hinterzimmern von einer selbsternannten Parteielite, die sich selbst überschätzt.

WIR FORDERN in allen Bereichen MEHR BASISBETEILIGUNG.

RAUS AUS DER GROKO & URWAHL DES PARTEIVORSTANDES – JETZT!!!

Verantwortlich:

Forum Sozialdemokratische Basisinitiative

Ausstellung „Justiz und NS-Zeit“ in Dortmund eröffnet. NRW-Justizminister Biesenbach: Mahnendes Gedenken unerlässlich, lebhafte Erinnerungskultur nötig

Begrüßung durch den Leitenden Oberstaatsanwalt Schmerfeld-Tophof der Staatsanwaltschaft Dortmund. Fotos: C. Stille

Der Leitende Oberstaatsanwalt Volker Schmerfeld-Tophof der Staatsanwaltschaft Dortmund hieß vergangenen Montag anlässlich der Eröffnung der Ausstellung „Justiz und NS-Zeit“ VertreterInnen der Justiz, Bürgermeister Manfred Sauer, der Bezirksregierung Arnsberg, der Polizei, der Bundeswehr und der Religionsgemeinschaften herzlich willkommen. Sinn und Zweck dieser Ausstellung sei, so Schmerfeld-Tophof, „die Erinnerung wachzurufen“. Junge Leute mögen sich sagen, dass sei doch Geschichte und habe mit ihnen nichts zu tun. Gerade aber in Zeiten, da „der Antisemitismus in Jahrhunderte gepflegter Manier“ wieder auflebe und in den in Europa und angrenzender Staaten rechtspopulistische Bewegungen und autokratisch geführte Regierungen die Unabhängigkeit der Justiz nicht nur infrage stellen, sondern teilweise bereits beseitigt haben“, müsse besonderes Augenmerk – mit einem Blick zurück in die Geschichte – auf diese bedenkliche Entwicklung gelegt werden.

Bereits 30 Schulklassen haben ihr Interesse an der Ausstellung angemeldet

NRW-Justizminister Peter Biesenbach stellte in seinem Grußwort die sachgerechte Aufarbeitung des Themas „Justiz und Nationalsozialismus“ besonders heraus. Er befand ein mahnendes Gedenken als unerlässlich. Der Minister wünschte der Ausstellung viele Besucher. Bereits 30 Schulklassen haben ihr Interesse an der Ausstellung angemeldet. Oberstaatsanwalt Andreas Brendels auf der Eröffnungsveranstaltung geäußerter Appell: Alle sind aufgerufen, zu verhindern, dass so etwas – wie das von den Nazis angerichtete Leid – noch einmal möglich wird. Er forderte eine lebhafte Erinnerungskultur.

Justizminister Biesenbach: Selbst im rot geprägten Dortmund hatte sich nur wenige Wochen nach Hitlers Regierungsantritt der Einfluss des NS-Regimes gefestigt

NRW-Justizminister Peter Biesenbach.

Der Minister der Justiz des Landes Nordrhein-Westfalen, Peter Biesenbach, MdL, erinnerte in seinem Grußwort daran, dass nicht nur schon am 8. März 1933 vor mehreren begeisterten Menschen die Hakenkreuzflagge am Dortmund Rathaus gehisst worden, sondern auch erstmals am Dortmunder Landgericht zu sehen gewesen war. So sei der Zuspruch der Dortmunder Justiz zum NS-Staat auch nach außen deutlich geworden. Kurze Zeit später, am 20. April 1933, habe die Stadt Dortmund Adolf Hitler das Ehrenbürgerrecht als Geburtstagsgeschenk verliehen. Im selben Jahr sei auf dem großen Hansaplatz eine öffentliche Bücherverbrennung inszeniert worden, „der besonders Werke aus der hiesigen Stadt- und Landesbibliothek zum Opfer fielen“. Biesenbach weiter: „Diese Geschehnisse sind ein unverkennbarer Beleg dafür, dass das NS-Regime selbst im damals traditionell rot geprägten Dortmund wenige Wochen nach dem Regierungsantritt Hitlers seinen Einfluss gefestigt hatte.“

Sachgerechte Aufarbeitung des Themas „Justiz und Nationalsozialismus“ sowie ein mahnendes Gedenken sind unerlässlich, befand Peter Biesenbach

Einer der traurigsten Höhepunkte des Wirkens der Nationalsozialisten in Dortmund sei die Deportierung von mehreren tausend Dortmunder Bürgerinnen und Bürgern, vor allem jüdischen Glaubens, gewesen, von denen mindestens 2200 in den Ghettos und den Konzentrationslagern umkamen.

Ein Blick auf die Justiz in Dortmund in Zeiten des Nationalsozialismus offenbare nach wie vor Erschreckendes. Eine berüchtigte Anordnung des kommissarischen Justizministers Preußen Hanns Kerrl hin wurde auch bald in Dortmund umgesetzt. Demnach hatten jüdische Richter, Staatsanwälte und Beamte ihre Beurlaubung zu beantragen. Wer dem nicht Folge leistete – das betraf auch Rechtsanwälte – sollte fortan kein Zugang mehr zu den Gerichten erhalten.

Eine menschenverachtende Justiz habe ihren Lauf auch in Dortmund genommen. Beispielsweise seien durch ein eingerichtetes Erbgesundheitsgericht im Zeitraum von 1934 bis 1945 zirka 3500 Menschen von der Anordnung der Unfruchtbarmachung betroffen worden. Die Sterilisationen aufgrund von „angeborenem Schwachsinn“ seien in den Städtischen Krankenanstalten Dortmunds vorgenommen worden.

Auch in Dortmund sei ein Sondergericht eingerichtet worden. Es habe in der Zeit von 1933 bis 1945 allein 181 Todesurteile gefällt. Das erste politisch motivierte Todesurteil sei bereits im Dezember 1933 verfügt worden. „Der vorsitzende Richter Ernst Eckardt war der blutigste der Dortmunder Richter“, so Justizminister Biesenbach: „Er war an mindestens 61 Todesurteilen beteiligt.“

In Dortmunder Haftanstalt „Lübecker Hof“, auch daran erinnerte Biesenbach, sei sogar im Jahre 1943 eine eigene Richtstätte installiert worden. Mehr als 300 Menschen seien dort hingerichtet worden.

„Gerade mit Blick auf die schrecklichen Entwicklungen in den Justizeinrichtungen in Dortmund während der NS-Zeit“ merkte Minister Biesenbach an, „erscheinen mir eine sachgerechte Aufarbeitung des Themas „Justiz und Nationalsozialismus“ sowie ein mahnendes Gedenken als unerlässlich.“

Diesem Ziel diene die am Montag eröffnete Ausstellung. Als bedenklich bezeichnete Biesenbach die schauerliche Tatsache, dass damals neunzig Prozent der deutschen Juristen hinter dem NS-Staat gestanden hätten. Er wünsche sich heutzutage nicht nur von den jungen Juristen, sondern von allen, dass die Verfassung geschützt werde. In der Lage seien sie dazu. So etwas wie zur NS-Zeit sei heute nicht möglich, meinte der Minister.

Rechtsdezernent Norbert Dahmen: Dortmund ist keine Stadt des Extremismus. Dortmund ist eine Stadt des Widerstands gegen Extremismus

In Vertretung des verhindert gewesenen Oberbürgermeisters der Stadt Dortmund, Ullrich Sierau, richtete der Rechtsdezernent der Stadt, Norbert Dahmen, das Wort an die Gäste. Er machte klar, dass die Stadt Dortmund Wert darauf lege, „weltoffen und vielfältig“ zu sein. Abermals sei das durch

Der Dortmunder Rechtsdezernent Norbert Dahmen.

das kürzlich ausgerichtete Stadtfest „DortBunt“ aus der Mitte der Zivilgesellschaft heraus unter Beweis gestellt worden. Dahmen sprach die Probleme „unserer Stadt mit Rechtsextremen“ offen an, unterstrich jedoch: „Dortmund ist keine Stadt des Extremismus“. Dortmund sei eine Stadt des Widerstands gegen Extremismus. Erst kürzlich am 25. Mai hätte über tausend DortmunderInnen gezeigt, „dass rechtsextremistisches Gedankengut in unserer Stadt keinen Platz hat“. Dahmen war neben anderen daran beteiligt, dass antisemitische Wahlplakate hätten abgehängt werden müssen. Ein Aktionsplan gegen Rechts sei in der Stadt Dortmund entstanden. Alle demokratischen Kräfte der Stadt Dortmund hätten sich dafür ausgesprochen. Dahmen: „Stadtgesellschaft, Politik und Stadtverwaltung, Polizei und Justiz gehen bei der Bekämpfung von Rechtsextremismus geschlossen vor.“

Die Zentralstelle Dortmund im Land NRW für die Bearbeitung von nationalsozialistischen Massenverbrechen hat bis heute 1482 Ermittlungsverfahren bearbeitet, berichtete Oberstaatsanwalt Andreas Brendel

Oberstaatsanwalt Andreas Brendel, Leiter der Zentralstelle Dortmund im Land NRW für die Bearbeitung von nationalsozialistischen Massenverbrechen, merkte in seinem Grußwort an, dass die Nachkriegsjustiz der BRD sicherlich bei der Aufarbeitung der angesprochenen Verbrechen des NS-Regimes vieles falsch gemacht, beziehungsweise vieles vernachlässigt hätte. Nach den Nürnberger Prozessen und der Strafverfolgung im Ausland (z.B. in der Sowjetunion und Polen) habe man es hierzulande nur noch mit wenigen Restverfahren zu tun gehabt. Brendel: „Zwischenzeitlich waren die mit Persilscheinen ausgestatteten Bundesbürger nicht nur vom Wirtschaftswunder erfasst, sondern auch von einer Schlussstrichmentalität.“ Im Jahre 1956 durch den sogenannten Ulmer Einsatzgruppen-Prozess habe diese einen Dämpfer erhalten. Im Sommer 1958 seien zehn Angeklagte wegen deren Beteiligung an der Tötung von mehreren tausend Juden durch das Schwurgericht des Landgerichts Ulm zu Freiheitsstrafen verurteilt worden. Dadurch sei bekannt geworden, welch schwerwiegende Verbrechen mit auch in Deutschland lebenden Tätern nicht verfolgt worden sind. Daraufhin habe man Herbst 1958 die Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltung in Ludwigsburg zur Aufklärung von NS-Verbrechen eingerichtet worden.

Oberstaatsanwalt Andreas Brendel.

Seit Beginn der 60er Jahre führt die Zentrale Stelle umfangreiche Vorverfahren durch und gibt die Verfahren sodann an die zuständigen Staatsanwaltschaften ab. Um diese Verfahren sachgerecht fortführen zu können, wurden in Nordrhein-Westfalen im Herbst 1961 Zentralstellen bei den Staatsanwaltschaften in Dortmund und Köln eingerichtet. Die Zentralstelle in Köln war für Taten innerhalb von Konzentrationslagern zuständig, die Zentralstelle in Dortmund für die Verfolgung von sonstigen nationalsozialistischen Gewaltverbrechen.

Sie hatte und habe, referierte Oberstaatsanwalt Brendel, auch heute noch die Aufgabe alle erreichbaren Erkenntnisse von außerhalb und innerhalb von Deutschland begangene Verbrechen sammeln, zu sichten und an die zuständigen Staatsanwaltschaften weiterzuleiten. Brendel berichtete: Bis heute habe allein die Zentralstelle in Dortmund 1482 Ermittlungsverfahren bearbeitet.

Vortrag des Leiters der Dokumentations- und Forschungsstelle „Justiz und Nationalsozialismus“ NRW

Der Leiter der Dokumentations- und Forschungsstelle „Justiz und Nationalsozialismus“ NRW, Stephan Wilms, hielt einen Vortrag über deren seit 30 Jahren währenden Arbeit. Er nahm die Anwesenden mit auf ein kleine virtuelle Führung durch die Wanderausstellung, welche erstmals im September 2016 auf dem 71. Deutschen Juristentag in Essen gezeigt wurde. Die Exposition besteht nun aus 6 Elementen mit 12 Tafeln. Diejenigen Besucherinnen und Besucher, die sich vertieft mit dem Thema „Justiz und Nationalsozialismus“ beschäftigen möchten, können sich mit Hilfe der Dokumentenhefte, die der jeweiligen Tafel beiliegen, eingehend informieren. Ergänzt wird dieses Angebot durch eine Vitrine, in der unter anderem das typische Handwerkszeug der Juristen ausgestellt ist. An einer Bildschirmstation werden kurze Filmaufnahmen gezeigt.

Die Verfolgung und Ahndung der Taten des NS-Regimes, referierte Wilms, sei in der jungen Bundesrepublik oftmals unzureichend gewesen. Richter und Staatsanwälte, die schon während der NS-Zeit in der Justiz Dienst taten, hätten ihre Karrieren im neuen Rechtsstaat zumeist unbehelligt fortsetzen können. Nach dem Ende der NS- Diktatur sei es zunächst nahezu unmöglich gewesen, das Geschehene offen und vorurteilsfrei aufzuarbeiten. Spätestens Mitte der 1980er Jahre habe hier ein breites Umdenken eingesetzt.

Die Wanderausstellung lädt dazu ein, sich mit der Rolle der Justiz im Nationalsozialismus zu beschäftigen. Sie bleibt aber nicht bei der Zeit des Nationalsozialismus stehen, sondern stellt auch gerade mit Blick auf die Justiz die Aufarbeitung des NS-Unrechts nach dem Kriegsende und seit der Gründung der Bundesrepublik bis in die heutige Zeit dar. Die in der Ausstellung aufgegriffenen Themen reichen insbesondere von der Machtergreifung der Nationalsozialisten über die personellen Kontinuitäten in der bundesdeutschen Nachkriegsjustiz und die Bemühungen um Wiedergutmachung (die es freilich ohnehin nicht geben könne, wie Stephan Wilms betonte) bis zu der in die heutige Zeit hineinreichenden strafrechtlichen Ahndung von nationalsozialistischen Gewaltverbrechen.

Die musikalische Begleitung der Veranstaltung hatte Marko Braun übernommen. Ausgewählt und interpretiert worden waren von ihm drei Musikstücke, welche drei Zeitbereiche, kennzeichnen sollten: Machtergreifung und Widerstand, Zeit des Vergessens und des Wirtschaftswunders sowie Zeit der Aufarbeitung

Öffnungszeiten

Mo. – Do. 10.00 – 15.00 Uhr Fr. 10.00 – 14.00 Uhr

Eine Wanderausstellung der Dokumentations- und Forschungsstelle

„Justiz und Nationalsozialismus“ Nordrhein-Westfalen

Eingangsbereich des Amtsgerichts und der Staatsanwaltschaft

Eingangsbereich des Amtsgerichts

der Staatsanwaltschaft Gerichtsplatz 1

44135 Dortmund

Der Eintritt zur Wanderausstellung und zu den Führungen ist frei.

Einige Tafeln der Ausstellung

Versammlung alternativer und neuer Medien auf dem Friedensfestival Pax Terra Musica im Juli in Friesack

Vorwort

Da gibt es nichts zu beschönigen: Der Journalismus in unserem Land ist vielfach auf den Hund gekommen. Freilich gibt es noch immer kritische Journalisten und kritische Sendungen im Fernsehen und Rundfunk. Aber die Mainstream-Medien, die sogenannte Qualitätspresse lässt seit Jahren – vermehrt und offensichtlicher seit der Ukraine-Krise – zu wünschen übrig. Vierte Gewalt soll der Journalismus im Lande, in einer Demokratie sein. Vielfach ist dies leider hierzulande nicht (mehr) der Fall. Oft wird da Regierungsmeinung unkritisch nachgeplappert. Papageienjournalismus ist das. Nur wenige große Nachrichtenagenturen werden von unseren Medien genutzt. Oft schreiben Zeitungen dern Meldungen ab und geben sie unkommentiert wieder. Dass dann viele Zeitungen und elektronischen Medien gleich tönen, verwundert demnach nicht: Nicht selten ist die Berichterstattung transatlantisch ausgerichtet (führende Journalisten sind Mitglied der Atlantikbrücke oder ähnlich ausgerichteter Thinktanks) und danach gefärbt sind ist nicht selten die Berichterstattung.

Um den deutschen Journalismus steht es nicht gerade zum Besten“, schrieb ich vor einiger Zeit als Vorwort zu meiner Besprechung der von Jens Wernicke (Rubikon) herausgegebenen und im Westend Verlag erschienenem Kompendium der Medienkritik „Lügen die Medien?“ hier auf diesem Blog.

Doch wohl bemerkt: den deutschen Journalismus gibt es ja so nicht. Noch immer gibt es einige Perlen. Dennoch: Früher – möchte ich mit Loriot anmerken – war mehr Lametta. Will sagen: Die Konturen waren klarer. Nicht nur im Journalismus. Auch in der Politik. Links und rechts, fortschrittlich und konservativ waren als Linie in Presseorganen und der Politik klarer und kenntlicher für Leser und Wähler. Heute haben wir hin und wieder den Eindruck – und dieser täuscht durchaus nicht immer – mehr Gleichklang in der journalistischen Berichterstattung. Weshalb manchen Menschen der böse belastete Begriff Gleichschaltung über die Lippen kommt.“ Doch so einfach ist es nicht.

Inzwischen gibt es viele alternative Medien unterschiedlicher Qualität und Reichweite. Darunter größere Medienportale wie die NachDenkSeiten, KenFM. Des Weiteren Blogger und Podcaster. Alle haben durchaus ihr Publikum und bieten eine Alternative zu den herkömmlichen Medien. Erstmals soll es nun eine Versammlung von MacherInnen alternativer Medien geben. Das teilten Paula P’Cay (RT Deutsch, Idealism Prevails) und Gunther Sosna (Neue Debatte) gestern via einer You Tube-Lifeschalte mit und erläuterten um was es geht.

Auf einen kurzen Nenner gebracht geht es den Initiatoren um einen Journalismus, welcher sich an folgenden Fragen orientiert: Nutzt es dem Menschen, nutzt es der Umwelt, nutzt es dem Frieden?

Versammlung der alternativen und neuen Medien auf dem Friedensfestival Pax Terra Musica

„Die Versammlung der alternativen und neuen Medien ist weder ein Bündnis noch eine Allianz oder eine Organisation. Es ist ein Treffpunkt unterschiedlicher, kritischer Medienmacher, die die Notwendigkeit von Vernetzung und Kooperation erkennen, weil es die Zeiten erfordern. Warum eine Versammlung? Uploadfilter, Angriffe auf die Presse- und Meinungsfreiheit, Einschränkungen der Persönlichkeitsrechte, Verdrehung wissenschaftlicher Erkenntnisse, Überlagerung des Diskurses über bedrohliche ökologische und soziale Entwicklungen durch den Aufbau von Feindbildern, einseitige Ausrichtung zugunsten wirtschaftlicher Interessen, Militarisierung, Kampf gegen die Armen, Hofierung der Reichen – die Liste der Punkte, die das gemeinsame Handeln zur Notwendigkeit machen, ist endlos.

Es gilt, dem Vormarsch institutioneller Gewalt, der Kriegstreiberei, der Diskriminierung, der Hetze und letztlich der gesellschaftlichen Spaltung eine Barrikade aus kritischer Medienarbeit und sachlicher Aufklärung in den Weg zu stellen. Was ist zu tun? Der fehlerhafte Gedanke der Konkurrenz soll dem zukunftsweisenden Anspruch auf Kooperation weichen. Neben der unverzichtbaren Vernetzung, die den kontinuierlichen Austausch der entschlossenen Akteure sicher stellt und das Entstehen und den Fortbestand jedes künftigen journalistischen Projekts garantieren kann, gilt es, gemeinsam Aufklärung in Sachthemen zu betreiben, diese mit gebündelter Kraft und Energie in die öffentliche Debatte einzubringen und Perspektiven aufzuzeigen, wie sich unhaltbare soziale und gesellschaftliche Zustände verbessern lassen. Einseitigkeit, hemmende Ideologien und Dogmen werden wie Ballast abgeworfen, um sich die wichtigen Fragen der Zeit zu stellen: Nutzt es dem Menschen, nutzt es der Umwelt, nutzt es dem Frieden? Alternative und neue Medien können gemeinschaftlich einen journalistischen Anspruch realisieren, der gesellschaftspolitische Fragen auf den Tisch bringt, die in den etablierten Medien nicht mehr stattfinden. Wir möchten Euch ermutigen und auffordern, den Weg zur Kooperation zu wagen. Wir müssen uns dafür kennenlernen und miteinander sprechen.

Der geeignete Ort für die Versammlung der alternativen und neuen Medien ist das Friedensfestival Pax Terra Musica vom 25. bis 28. Juli 2019 Freilichtbühne Friesack | Vietznitzer Straße 14 | 14662 Friesack http://www.pax-terra-musica.de

Was ist geplant? Freitag, 26. Juli 2019, ab 16 Uhr: Ungezwungener Treff Ungezwungenes Treffen bei Musik, Getränken und Essen. Einiges haben wir dabei, bringt bitte mit, was ihr mögt und lasst uns reden. Samstag, 27. Juli 2019, um 14 Uhr, 16 Uhr und 18 Uhr: Wer ist wer? Stellt Euch und Euer Medienprojekt in 5 Minuten vor! Jede Vertreterin/jeder Vertreter der neuen und alternativen Medien, aber auch Besucher des Friedensfestivals, sollen sich ein Bild von Euch und Eurem Medienprojekt verschaffen. Denn Leserschaft und Medienmacher sind Teil des Ganzen! Sonntag, 28. Juli 2019, von 14 Uhr bis 16 Uhr: Der erste Schritt zur Aktion! Authentizität ist unser stärkstes Argument! Lasst uns jede Form der Konkurrenz überwinden und besprechen, wie Kooperation in die Tat umgesetzt werden kann. Der erste Schritt ist der schwerste Schritt, aber auch der wichtigste: Die gemeinsame Aktion! Wie könnt ihr dabei sein?

Pax Terra Musica stellt kostenlose Tickets für Vertreter und Vertreterinnen der neuen und alternativen Medien zur Verfügung, die sich über die E-Mail presse (AT) pax-terra-musica.de akkreditieren, um an der Versammlung der alternativen und neuen Medien teilzunehmen – und weitere Infos über den Ablauf zu erhalten. Bitte gebt bei der Akkreditierung Euren Vornamen und Namen an, welches Medium ihr vertretet und wann ihr anreisen werdet. Wenn ihr über kurzfristige Änderungen telefonisch informiert werden wollt, gebt bitte eine Mobilfunknummer an. Am Eingang des Festivalgeländes werden die Karten für Euch hinterlegt sein! Wenn Euer Medium als Konferenzteilnehmer auf der Webseite des Pax Terra Musica Friedensfestivals aufgeführt werden soll, sendet bitte ein Logo, die Url der Homepage und eine kurze Beschreibung Eures Medienprojekts mit. Habt ihr Fragen? Bitte schreibt an presse (AT) pax-terra-musica.de oder kontakt (AT) neue-debatte.de (bitte AT durch @ ersetzen). PS: Verbreitet unsere Einladung zur “Versammlung der alternativen und neuen Medien“ bitte an geeigneter Stelle und leitet sie an entschlossene Menschen weiter!

Der fehlerhafte Gedanke der Konkurrenz soll dem zukunftsweisenden Anspruch auf Kooperation weichen.

Neben der unverzichtbaren Vernetzung, die den kontinuierlichen Austausch der entschlossenen Akteure sicher stellt und das Entstehen und den Fortbestand jedes künftigen journalistischen Projekts garantieren kann, gilt es, gemeinsam Aufklärung in Sachthemen zu betreiben, diese mit gebündelter Kraft und Energie in die öffentliche Debatte einzubringen und Perspektiven aufzuzeigen, wie sich unhaltbare soziale und gesellschaftliche Zustände verbessern lassen.

Einseitigkeit, hemmende Ideologien und Dogmen werden wie Ballast abgeworfen, um sich die wichtigen Fragen der Zeit zu stellen:

Nutzt es dem Menschen, nutzt es der Umwelt, nutzt es dem Frieden?

Alternative und neue Medien können gemeinschaftlich einen journalistischen Anspruch realisieren, der gesellschaftspolitische Fragen auf den Tisch bringt, die in den etablierten Medien nicht mehr stattfinden.“

Der geplante Ablauf der Versammlung noch einmal in Kürze:

Freitag, 26. Juli 2019

16:00 – 19:00

Ungezwungener Treff und inhaltlicher Austausch

Samstag, 27. Juli 2019

14:00 – 18:00

Wer ist wer? Stellt Euch und Euer Medienprojekt vor!

Sonntag, 28. Juli 2019

14:00 – 16:00

Angemerkt:

Es soll hier auch darauf hingewiesen werden, dass betreffs des Festivals Pax Terra Musica seitens einiger Zeitungen und anderen Medien regelmäßig auch Kritik daran geübt wird. Enttäuschend für mich: Darunter ist auch der Freitag.de (Community). In seiner Begründung, warum dieser Beitrag dort nicht online gestellt werden könne (er verstoße gegen die Netiquette). Etwa derart, das Pax Terra Musica sei „ein Anlaufpunkt von antisemitischen bis verschwörungstheoretischen Meinungen“. Möge sich jeder seine eigene Meinung bilden. Vielleicht entsendet ja der Freitag eine/n JournalistIn zum Festival, um sich selbst ein Bild zu machen?