„Salafistische und jihadistische Szenen in Deutschland – Anziehungskraft, Rekrutierung, Akteure“ – Ein Vortrag von Claudia Dantschke an der Fachhochschule Dortmund

Referierte zum politischen Salafismus und Djihadismus; Fotos: C. Stille

Referierte zum politischen Salafismus und Djihadismus; Fotos: C. Stille

Gestern hatte die Fachhochschule Dortmund zu einer weiteren interessanten Veranstaltung im Rahmen „Offene Fachhochschule – Vortragsreihe Salafismus als Jugendkultur, Salafismus als jugendkulturelle Provokation, eingeladen. Gastreferentin war die jetzt in der Extremismus-Prävention arbeitende ehemalige Journalistin Claudia Dantschke aus Berlin. „Dantschke studierte Arabistik an der Universität Leipzig und schloss als Dolmetscherin und Übersetzerin aus demArabischen und Französischen ab. Von 1986 bis 1990 arbeitete sie als Fremdsprachenredakteurin in der arabischen Redaktion der DDR-Nachrichtenagentur ADN.[1] Seit 2002 ist Dantschke Mitarbeiterin des Zentrums Demokratische Kultur“ (Quelle: Wikipedia). Bekannt geworden ist Claudia Dantschke u.a. durch ihre geschätzte Mitarbeit bei AYPA-TV (dazu mein älterer Artikel in der Istanbul PostAYPA-TV). AYPA-TV hat seine Arbeit inzwischen ins Internet verlagert. Claudia Dantschke hat, wie sie gestern informierte, leider keine Zeit mehr journalistisch zu arbeiten.

Ihr gestriger Vortrag stand unter dem Titel „Salafistische und djihadistische Szenen in Deutschland – Anziehungskraft, Rekrutierung, Akteure“.

Zum Hintergrund der vierteiligen Vortragsreihe merkt die Fachhochschule Dortmund an:

„Der Salafismus, eine erzkonservative theologische Auslegung des Islam, die einen eng umgrenzten Korpus an Texten wortgenau in die Tat umsetzen möchte und sich im Spannungsfeld zwischen konservativem Islam und politischem Islamismus bewegt, ist mittlerweile in den deutschen Mainstreamdebatten angekommen. Beim Salafismus handelt sich um eine radikale Gegenposition des gesellschaftlichen Mainstreams, von dessen Attraktivität sich nicht nur muslimische Jugendliche angesprochen fühlen. Salafistische Angebote sind im Internet ohne Probleme zu finden und liefern einfache Antworten auf die komplexen Fragen des Lebens rund um Identität, Religion, Moral und Werte.“

Sprach das Grußwort: Prodekan Prof. Dr. Marcel Hunecke.

Sprach das Grußwort: Prodekan Prof. Dr. Marcel Hunecke.

Das Grußwort am gestrigen Abend sprach Prodekan Prof. Dr. Marcel Hunecke, seines Zeichens Psychologe. Er hob die Wichtigkeit einer interkulturellen Perspektive und Notwendigkeit der Reflexion dessen hervor. Hunecke sprach, eingehend auf einen Artikel in der Zeitschrift „PSYCHOLOGIE HEUTE“, die darin hergestellte Kombination von Sozialarbeit und Salafismus an.

Stellte die Gastreferentin vor: Dekan Prof. Dr. Ahmet Toprak.

Stellte die Gastreferentin vor: Dekan Prof. Dr. Ahmet Toprak.

Dekan Prof. Dr. Ahmet Toprak kennt Claudia Dantschke schon länger. Sie hatte einmal ein Interview mit ihm geführt. Toprak unternahm es die Referentin, welche auch als Publizistin tätig ist, vorzustellen. Ahmet Toprak informierte darüber, dass Dantschke in Berlin die Beratungsstelle „HAYAT“ (Leben) leitet. Toprak nannte die Referentin „eine ausgewiesene Expertin“.

Symbolik, Evolution und grüner Vogel

Evolution bis hin zum grünen Vogel.

Evolution bis hin zum grünen Vogel.

Dantschke sprach zunächst über die Symbolik von Rechtsextremen, die sie benutzen, um bestimmte Verbote zu umgehen (18, 88, oder altgermanische Runen) und darüber, was Rechtsextreme und Salafisten unterscheide. Die Referentin machte das an einem Evolutionsbild deutlich, das beginnend von der Darstellung eines Kleinkindes in einem Symbol in Form eines grünen Vogels des Paradieses gipfelt. Dieses Symbol sei jedoch ein rein islamisches, kein radikales, islamistisches oder djihadistisches. Djihadisten greifen islamische Symbole des Mainstreams auf und füllen diese mir ihren eigenen radikalen Inhalten. Das Vorgängersymbol, die höchste Stufe dieser „Evolution“ zeigt einen Kämpfer mit Waffe. Werde man in diesem Kampf als Mudschahid zum Märtyrer, fliege sozusagen die Seele in Form dieses grünen Vogels ins Paradies. Und zwar auf die höchste Stufe. Des Weiteren sprach Dantschke über die Einteilung des Salafismus und seiner Strömungen. Da gibt es eine puristische, im religiösen Sinne fundamentalistisch zu nennende Szene. Sie hängen der konservativen Islaminterpretation an: „Du musst so leben wie der Prophet Mohammed und die ersten drei Nachfolgegenerationen.“ Diese Menschen seien, so Dantschke, jedoch religiös verpflichtet – lasse man sie ihre Form Religionsausprägung leben – die herrschende Staatsordnung zu achten. Auch wenn diese von ihren Ansichten abweicht. Diese Szene wird nicht vom Verfassungsschutz beobachtet, weil nicht verfassungsfeindlich. Dantschke: „Ich vergleiche das manchmal ein bisschen mit den Amish-People in den USA.“ Die Puristen verträten die Ansicht jede Herrschaft ist besser als Chaos, weshalb diese nicht hinterfragt und hingenommen werde. In der Beratungsarbeit seien die Puristen z.T. wichtige Partner in der Auseinandersetzung mit Jugendlichen, die den Djihadisten folgen und auf dem Absprung zum IS nach Syrien seien. Während in bestimmten arabischen Ländern die Puristen in der Mehrheit seien, geht Dantschke aus eigener Erfahrung davon aus, dass sie hierzulande eine Minderheit bildeten. Zahlen gibt es jedoch keine, denn alle existierenden Zahlen zum salafistischen Milieu stammten ausschließlich von den Sicherheitsorganen, die die Puristen nicht beobachten..

Nicht jeder Salafist ist gleich militant

Der politische Salafismus unterteile sich noch einmal. Die Mehrheit geht missionarisch und ideologisch vor. Gegen die Gesellschaft, gegen Demokratie gerichtet. „Sie wollen aber das Ziel nicht durch Gewalt und Terror erreichen“, sagte Claudia Dantschke, „sondern von unten durch Mission und Überzeugung“. Ein kleinerer Teil des politischen Salafismus sei aber auch in bestimmtem Falle dazu bereit, Gewalt auszuüben. Freilich hüteten sie sich, zum Kampfe aufzurufen, weil dies ja justitiabel wäre. Sie begreifen aber Gewalt als legitim, wenn der Islam und die Muslime angegriffen würden und legen damit die Rechtfertigungsgrundlage für diejenigen, die nicht mehr nur reden, sondern handeln – die Djihadisten. Die Behörden ordnen 7900 Personen der salafistischen Szene zu. Es gibt aber darüber hinaus ein riesiges „Dunkelfeld“, meint Dantschke. Nach eigner Erfahrung schätzt sie das ganz nahe Umfeld auf 10 bis 20 000 Personen. Was aber durch nichts belegt sei. Allerdings sei nicht jeder Salafist gleich militant. Jeder siebte (1100 Personen; davon 420 „Gefährder“) gilt als militant. Die Mehrheit sei jedoch „ideologisch geprägt, antidemokratisch, demokratiefeindlich“.

Wer sozusagen schnell zu den 72 Jungfrauen will, lässt sich auf eine Warteliste setzen“

Nach Syrien ausgereist sind wohl 790 Personen (Multiplikator für die Dunkelzahl 2 – 4) aus Deutschland. Dantschke: „Wahrscheinlich sind 1500 weg. 120 der Ausgereisten sind tot. Mindestens 20 kamen bei Selbstmordanschlägen ums Leben. Rückkehrer soll es 270 geben. Davon 70 mit Kampferfahrung. Man weiß: Viele kommen desillusioniert und traumatisiert zurück. Wer im IS-Gebiet ankommt, weiß Dantschke, kommt erst einmal ins Auffanglager. Es werde abgefragt, welche Fähigkeiten oder Kompetenzen die Kämpferinnen und Kämpfer mitbringen und auch was sie machen möchten. Einer will vielleicht an die Front, der andere zur Polizei. Ein anderer ist womöglich ein guter Manager, der den Staat mit aufbauen will. „Wer sozusagen schnell zu den ‚72 Jungfrauen‘ will, lässt sich auf eine Warteliste setzen“.

Es wird über Emotionen gearbeitet

Verbreitet wird die salafistische Ideologie in sogenannten Islam-Seminaren. Claudia Dantschke spielte einige YouTube-Clips ab, wo Prediger und auch Menschen zu Wort kommen, die über das, was sie in diesen „Islam-Seminaren“ erleben, in den höchsten Tönen schwärmen. Es werde, so kommentierte Dantschke, „hier unheimlich über Emotionen gearbeitet“. Als eine andere Form der Einflussnahme seitens der politischen Salafisten stellte die Referentin die Ansprache auf der Straße vor. Viele Jugendliche, die oft von ihrer Religion wenig bis nichts wissen, sollen auf den „richtigen Weg“ geführt werden. Die wiederum würden dann ihrerseits auf die Straße geschickt, um andere Jugendliche vom vermeintlich falschen Weg abzubringen und zu bekehren.

O Schwester, bedecke dich!“

Zielt diese Art von „Streetwork“ in erster Linie auf männliche Jugendliche, wendet sich die Aktion „O Schwester, bedecke dich!“ explizit an Mädchen. Wir kennen das: Mädchen, für die ihre Identität Muslima sehr wichtig ist, tragen oft ein Kopftuch, unterscheiden sich aber Schulter abwärts in der Kleidung nicht von den anderen Mädchen. Manchmal tragen sie auch Schmuck oder schminken ihr Gesicht. „Für sie ist es wichtig Kopftuch zu tragen“, sagte Claudia Dantschke, „vielleicht ist es auch Familientradition.“ Sie sagten, als gute Muslima muss ich das Kopftuch tragen, „erklären können sie es aber nicht“. Dantschke: „Sie sind oft nicht in ihrer Religion sprechfähig.“ Hier setzen die Salafisten ein. Sie erklären – auch anhand von Bildern – die muslimische Frau muss alle Rundungen verhüllen. Heißt, den Hidschab tragen. Nur Hände, Füße und Gesicht (umstritten) dürfen zu sehen sein. Der Hidschab darf nicht durchsichtig und auch nicht parfümiert sein, nicht am Körper anliegen.

Die Rundungen, Brust, Oberschenkel und Hintern dürfen sich nicht abzeichnen. Also scheidet auch das Tragen von Hosen aus. Die Salafisten fragten dann: „Du willst doch eine gute Muslima sein?“ Und schon hätten sie oft ein Bein in der Tür. Es entsteht für diese Mädchen so etwas wie „eine Mobbingsituation“. Es werde Scham und Schuld impliziert. Aber gleichzeitig haben die Salafisten auch eine Lösung parat. „Komm zu uns, wir zeigen dir wie eine richtige Muslima zu sein hat!“ Manche Mädchen können sich dem entziehen, andere aber nicht.

Bist du Muslim?“

Die arabischen und türkischen Jungs, die auf der Straße angesprochen werden, kriegen die Salafisten schon über die Frage: „Bist du Muslim?“ Sie werden natürlich mit einem Ja antworten, da das „Muslim sein“ ein wichtiger Teil ihrer Identität ist. Doch bei Fragen, wann sie das letzte Mal in der Moschee waren, kommen die, die vielleicht die Fastenzeit gerade mal drei statt dreißig Tage durchgehalten haben, für gewöhnlich schon ins Schleudern. Ein „Einfallstor“, sagte Claudia Dantschke. Auch hier entsteht Schamhaftigkeit und Schuld bei den Jungen. Dann werden Flyer und CDs von Pierre Vogel, Sven Lau oder noch radikaleren Predigern verteilt oder auf eine Jugendgruppe hingewiesen. Und manch ein Junge beißt dann schuldbewusst wegen seiner religiösen Defizite an. In den Jugendlichen, die mit dieser Missionsaufgabe betraut werden, erwächst Stolz, dass ihnen von Erwachsenen Vertrauen entgegengebracht wird. Vielleicht das erste Mal. Und so sind sie sehr engagiert und sehr überzeugend. Dantschke: „Jugendliche, bei denen gerade ein offenes Fenster ist, die unsicher sind und nach Orientierung suchen“, sind besonders empfänglich für derlei missionarische Ansprache der z.T. ebenso alten Salafisten. Es finde eine Art, wie Dantschke es sarkastisch ausdrückte, „salafistische Sozialarbeit“ statt. Es gehe im Selbstverständnis dieser „Sozialarbeiter“ darum, „die Jugendlichen aus dem dekadenten System Demokratie herauszuholen“. Dahinter stehe eine Lesart, die man allerdings nicht allein von den Salafisten, sondern auch von anderen konservativ-religiösen Leuten anderer Religionen hören könne. Eingedenk dessen: Ein mit Moral und Ethik ausgestatteter Mensch werde man erst „durch die Lenkung von Gott“. Die Demokratie sei sozusagen von Übel, „weil der Menschen sich an die Stelle Gottes gesetzt hat“, gab die Referentin zu bedenken. Oftmals sind sogar die Eltern der Jugendlichen – wenn auch nicht begeistert – damit zufrieden. Sollen die Kinder doch beten. Besser als saufen und kiffen! Zu spät bemerken sie oft, wo die Jugendlichen da hinein geraten sind. Die salafistischen Einflüsterer schwören die Jugendlichen geschickt auf die Zeit im Paradies ein. Das Hier und Jetzt sei doch nur eine Zwischenwelt. Und Reichtum ein Scheinvergnügen. Die Belohnung warte im Paradies. Der materielle Reichtum werde gewandelt in eine andere Orientierung und die Hoffnung darauf, was im Paradies kommt. Die Jugendlichen gehen in keine Diskothek mehr, hören keine Musik, treffen sich nicht mit Mädchen. Sie versuchten diesen strengen Weg zu folgen. Claudia Dantschke: „Wenn man sie dann fragt, wie stellst du dir denn das Paradies vor, antworteten sie: da habe ich dann alles, da habe ich Weiber, da kann ich trinken, da kann ich Party machen, da habe ich Highlife …“ Dies sei eine „ganz plakative Vorstellung vom Paradies, über die Mainstream-Muslime gewiss den Kopf schütteln“.

Sehr bedenklich: Das Predigernetzwerk „Die wahre Religion“

Als sehr bedenklich bezeichnete Claudia Dantschke das in NRW ansässige Predigernetzwerk „Die wahre Religion“ um Abou Nagie, Abu Dujana und Abu Abdullah, die in Hinterzimmern und separaten Veranstaltungen Jugendliche ideologisieren und damit radikalisieren. Sie erinnerte an die Ausschreitungen in Solingen und Bonn im Mai 2012. Bekannt wurde das Netzwerk mit der kostenlosen, an sich harmlos daherkommenden und überhaupt nicht radikal anmutenden Verteilung von Koran-Exemplaren innerhalb der Straßenaktion „LIES!“. Gegendemonstrationen mit der Verteilung des Grundgesetzes hält Dantschke für kontraproduktiv. „Damit bestätigt man genau das Narrativ, das die Jugendlichen überhaupt erst mal dorthin geführt hat, nämlich die Verschwörung von Politik, Sicherheitsapparat, staatlichen Lehrern und Medien gegen den Islam und die Muslime.“ Eine Gegenaktion sollte ihrer Meinung nach von sunnitischen Gläubigen kommen, die sich neben den „Lies!“-Stand stellen und Koran-Stellen heraussuchten und laut vorläsen, worin es um das Gemeinsame der Religionen geht. Etwa die Barmherzigkeit von Allah. Damit könnte gegen salafistische Selbsterhöhung angegangen werden und die Religionshardliner unter Umständen verwirren.

Der „Pop-Djihad“

Es hat sich vor diesem Hintergrund ein, wie es Claudia Dantschke zu nennen pflegt „Pop-Djihad“ entwickelt. Auch gezeigt an einem Plakat, das einen Salafisten zeigt, der einem Weihnachtsmann einen Kinnhaken versetzt. Dieser stehe für westliche Kultur, Demokratie, Christentum, für alles Dekadente. Diese Jugendkultur sei eine radikale Subkultur und komme aus Westeuropa, erklärte Dantschke, und sei nicht aus dem Nahen Osten „eingeschleppt worden“. Die Jugendlichen seien hier geboren und sozialisiert worden. Sie haben in irgendeiner Form Frust in ihrem Leben oder emotionale Ausgrenzung erfahren. Erreicht werden könnten heute Jugendliche bis sogar in ein abgelegenes ostdeutsches Dorf. Ganz einfach via Chats im Netz und über die jugendkulturellen Medien. Auch von dort gingen Jugendliche zum IS nach Syrien. Sogar Mädchen.

Vom Outfit her sehen die Jugendlichen gar nicht aus wie klassische Salafisten etwa in Pluderhosen und Kaftan. Zu diesem „Pop-Jihad“ (Quelle: Tagesspiegel) gibt es nämlich auch die passenden hippen Klamotten. Die Gruppen ähneln mit ihrem Outfit eher einer Jugendgang mit Bart. Ungestutzt, wie bei Mohammed. Sweatshirts mit speziellen Symbolen oder Militarylook. Claudia Dantschke projizierte Bilder von T-Shirts. Eines könne man verbieten. Aber nur, weil es dem Verein „Tauhid Deutschland“ zuzuordnen ist und der im März 2015 verboten wurde. „Tauhid“ selbst ist der Begriff für das islamische Verständnis des „Monotheismus“ und wäre als religiöser Begriff nicht angreifbar. Ebenso T-Shirts mit dem Glaubensbekenntnis. Oder das T-Shirt mit dem Shahada-Finger. Claudia Dantschke hält die Erklärung mancher Medien, dies sei das Handzeichen des IS für problematisch. „Zeigefinger der rechten Hand noch oben, heißt nichts anderes als ich bezeuge den Tauhid, dass nur Allah der Souverän ist.“ Die IS-Leute instrumentalisierten wie zuvor Al-Qaida dieses Zeichen, zögen dies zu sich, um für sich in Anspruch zu nehmen, als einzige „den wahren Islam“ zu vertreten. „Ein Handzeichen bei Massenveranstaltungen schafft Gruppenidentität“, so waren es zunächst die Muslimbrüder, die dieses religiöse Handzeichen politisiert haben.

Supermuslim und Supermuslima und der Löwe Osama

Die Kids wüchsen ja mit den ganzen US-amerikanischen Comic-Streifen auf. So wird Superman zum Supermuslim. Auf YouTube fände man hochprofessionell gemachte Supermuslim-Filme, hergestellt von einem Deutsch-Türken.

Für Frauen, die den Hidschab nicht schmücken dürfen, gibt es Handtaschen mit einer neuen Stilisierung von Tauhid, mit einem zum Schwert gemachtem T, oder mit dem Emblem der „Supermuslima“. Juristisch ist das alles nicht zu verbieten. Mit dem Schriftzug „mein kleiner Löwe“ auf einem Babystrampler kommt der Löwe als das Tier der Djihadisten zu Ehren. Das mutet witzig an. „Ist aber gar nicht witzig“, gibt Claudia Dantschke zu bedenken: „Osama bin Laden, Osama übersetzt heißt Löwe.“ Mit dem Bild der Löwin bzw. des Löwen werde sowohl bei Al-Qaida als auch beim IS gearbeitet. Was implizieren diese T-Shirts und Strampler also: „Wir sind die Löwen des Islam.“

Dieser „Pop-Djihad“ sei also überhaupt nichts Harmloses. Es ist nichts anderes „als die mit den Mitteln der Popkultur an die Jugendlichen herangebrachte radikale Ideologie und Menschenverachtung“.

Es gibt charismatische radikale Prediger, die ihre Predigten aufzeichnen und auf YouTube einstellen. „Doch“, fragte Claudia Dantschke in den vollbesetzten Hörsaal hinein, „welcher Jugendliche folgt schon so einer einstündigen Aufzeichnung mit Standbild bis zum Ende?“ Wohingegen kurze rasant geschnittene hippe Videos auf YouTube Jugendliche fesselten. Da ist wieder die Popkultur. Die gleiche radikale Botschaft ist so viel leichter herüberzubringen.

Wenn sich die zum IS Ausgereisten bei den Eltern melden

Mit den zum IS Ausgereisten bestünde Kontakt. Sie melden sich fast alle bei den Eltern oder alten Freunden, die noch nicht ausgereist sind. Sie posteten sogar Fotos. Da würden dann graue Leichen oder welche mit schwarzen Gesichtern gezeigt. Vielleicht sind die Leichen vom Wüstensand grau. Es handelt sich um Leichen der Feinde: Assad-Kämpfer oder Kurden. Kommentiert werden diese Fotos dann so: „Siehst du diese schwarzen Leichen, siehst du von den Sündigen die Gesichter, wie sie schwarz werden.“ Das ist der Beweis für sie, dass diese Toten nun in der Hölle sind. Dem setzen diese Jugendlichen dann andere Bilder gegenüber – Großaufnahmen vom Gesicht der gefallenen Freunde, auf denen vermeintlich ein Lächeln zu sehen ist. „Siehst du das Lächeln in seinem Gesicht? Er hat schon im Tod das Paradies gesehen“. Das exklusive Versprechen sowohl der politischen als auch der djihadistischen Salafisten an die Jugendlichen, ihnen den Einzug ins Paradies und damit ewiges Glück garantieren zu können, wenn diese nur ihrem Weg folgen, während alle anderen auf ewig in der Hölle die schlimmsten Qualen erleiden müssen, ist sehr wirkungsmächtig und soll durch diese nach Deutschland geposteten Bilder untermauert werden.

Gegen Ende ihres Vortrags wies Dantschke darauf hin, dass wir es nicht mit einem „männlichen Problem“ zu tun haben. „Auch für Mädchen ist das Thema sehr attraktiv.“ Und die Referentin warnte: „Faktisch ist keine Familie in Deutschland davor gefeit, dass ihr Kind sich radikalisiert. Wir haben Ausreisen aus der Ganz-Deutschland.“ Gemeinsam hätten diese Jugendlichen, dass sie „religiöse Analphabeten“ seien. Sie erlebten Islam oder Christentum meist nur als Familientradition. Es gäbe ja auch Christen, die nicht erklären könnten was Pfingsten ist. Die Jugendlichen seien auf der Suche nach Erklärungen. Was ist denn eigentlich Islam? Die Prediger sprächen ihre Sprache, auch in Deutsch und nicht über ihre Köpfe hinweg. Sie böten Erklärungen entlang des Lebensalltages der Jugendlichen. Und wenn die Jugendliche das Gefühl bekämen: „Das ist es! Das kann ich nachvollziehen, das kann ich praktizieren, das gibt mir was – dann ist das für diese Jugendliche der wahre Islam.“ Dann hülfe es auch nicht sie zum nächsten Imam zu schleppen, damit der ihm was über „den richtigen Islam“ erzähle. Wenn der Jugendliche emotional getroffen ist, dann ist das für ihn der Islam. In der salafistischen Gemeinde habe er zudem jemanden, der ihn an die Hand nimmt. Und Struktur ins Leben bringt. Allein schon fünf Mal Beten am Tag erfüllt diese Aufgabe. Viele der Jugendliche sehnen sich danach, dass irgendwer sich endlich mal um sie kümmere und ihnen Orientierung gibt. Und mit der salafistischen Ideologie kann man sich von den Eltern abgrenzen. Was ja doch typisch für Jugendliche jedweder Generation war und ist. In der Gruppe erlebt er Gemeinschaft, Akzeptanz unabhängig der Herkunft oder des Reichtums seiner Familie und vermeintliche Gerechtigkeit. Nach dem Motto: Ich bin der wahre Muslim, wer ist mehr?

Was tun?

Gefragt seien behutsame Pädagogik und Sozialarbeit. Hat man es mit einem Schrei nach Aufmerksamkeit, nach Liebe zu tun oder steckt bei Auffälligkeiten mehr dahinter? Herausfinden müssten das in einem ersten Schritt die Sozialarbeiter und die Pädagogen „mit ihrem Handwerkszeug“ – nicht der Staatsschutz, meint Expertin Dantschke.

Ein hochinteressanter, fesselnder Beitrag und kluge Fragen zum Schluss

Ein sehr informativer und vor allem plakativer Vortrag, lobte Dekan Prof. Dr. Mehmet Toprak, sei das gewesen. In der Tat hochinteressant und fesselnd. Lebendig vorgetragene Fakten und Erkenntnisse aus erster Hand machten dieses Referat aus. Anschließend wurden aus dem Publikum heraus nicht wenige interessante und kluge Fragen gestellt, welche Claudia Dantschke kompetent zu beantworten verstand. Wegen sozialer Ausgrenzung, zeigte sich die Referentin überzeugt, radikalisiere sich in Deutschland niemand. „Das sind zwar Push-Faktoren, aber keine Ursachen.“ Sie gab noch einmal ausdrücklich zu verstehen, dass sie an diesem Abend nicht vom Islam sondern ausschließlich vom politischen Salafismus und Djihadismus gesprochen habe. Wir hätten hier vier Millionen Muslime und massenhaft islamische Einrichtungen. Der Islam könne in einer Demokratie kompatiblen Form kennengelernt werden. Der Punkt sei nur, dass viele der Einrichtungen noch auf Arabisch oder Türkische predigten und statt die Jugendlichen anzusprechen sich vielleicht nur um den Bau der nächsten Moschee kümmerten. Was sie in den Schaubildern grün oder rot (gewaltlos/gewalttätig) gekennzeichnet habe, sei ähnlich im Rechtsextremismus. Müsse man sich nur mit dem NSU oder auch mit der NPD auseinandersetzen? Die NPD sei nicht gewalttätig. „Ihre Ideologie ist aber die Basis auf der bestimmte Leute gewalttätig sind.“

Die politisch-missionarischen Salafisten seien auch nicht gewalttätig. Aber die Ideologie, ihr Fundamentalismus kann von anderen Gruppen in Gewalt umgesetzt werden. „Politischer Salafismus ist eine der Ideologien der Ungleichwertigkeit“, meinte Dantschke.

Wo setzt Beratung an?

Im sozialen Umfeld wird angesetzt. Bei den individuellen Ursachen. Angesprochen auf die Rolle der Medien und ihre Darstellung des Islam äußerte sich die Referentin hoffnungsvoll. Auch betreffs der Meinungsfreiheit und Vielfalt. Trotz „bescheuerter Medien“ und „plakativer Talkshows, die quasi alles kaputtmachen, was wir vorher an Verständnis aufgebaut haben“.

Wie Dekan Toprak informierte, wird Claudia Dantschke in der nächsten Sendung von „Hart aber Fair“ zu sehen sein. Allerdings, so schränkte die Referentin ein, nur für fünf Minuten.

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