Dortmunder Kulturfestival DJELEM DJELEM: Junge Roma über ihr Leben in Deutschland

Von links nach rechts: Moderatorin Perjan Wirges, Behara Jasharaj und Jasar Dzemailovski; Fotos (3): C.-D. Stille

Von links nach rechts: Moderatorin Perjan Wirges, Behara Jasharaj und Jasar Dzemailovski; Fotos (3): C.-D. Stille

Schon beim ersten Roma Kulturfestival in Dortmund vor einem Jahr kamen Menschen aus der Roma-Community selbst zu Wort. So auch diesmal. Zur Veranstaltung „Roma im Gespräch“ hatten die Veranstalter zum diesjährigen 2. Roma Kulturfestival junge erwachsene Roma in die Auslandsgesellschaft NRW unweit des Dortmunder Hauptbahnhofes eingeladen. Die Diskussion am vergangenen Donnerstag unter dem Titel „Roma in Deutschland – junge Roma berichten“ war einmal mehr hervorragend dazu angetan Vorurteile gegenüber Roma zu hinterfragen. Wenngleich – muss angemerkt werden – die eingeladenen Gäste gewiss nicht repräsentativ für die Gesamtheit der Roma-Community sein konnten. Die jungen Roma aus Nordrhein-Westfalen berichteten über ihre Lebenswege, ihre Erfahrungen und ihre Erfolge. Das Publikum – ca. 100 Zuschauer – waren mit großem Interesse erschienen. Es traf auf gebildete und fest im Leben stehende junge Menschen, die Selbstbewusstsein, Lebensfreude und dazu jede Menge Zuversicht ausstrahlten.

Schauspieler und Sänger Mustafa Zekirov bot zu Beginn des Abends das Lied „Djelem Djelem“ („Ich ging“) dar. Es gilt als inoffizielle internationale Hymne der Roma. Und dient den Roma all überall als Erkennungszeichen.

Perjan Wirges: Wir müssen lernen, die diskriminierenden Bilder über Roma aus dem Kopf zu bekommen

Moderatorin Perjan Wirges wies eingangs der Diskussion daraufhin, was wir wohl alle – zuweilen, wie sie zugibt, sie selbst als in Mazedonien gebürtige Romni – ad hoc für Bilder in den Köpfe bekommen, wenn wir das Wort Roma nur hören: Dreckige Slums, Diebe, Bettler – die üblichen (antrainierten) Stanzen. Diese „diskriminierenden Bilder, die wir fast jeden Tagen sehen“ – sie müssten wir lernen, aus den Kopf zu bekommen. Die Roma, gerade auch die junge Roma, müssten gegen die von den Medien ständig in Wiederholung produzierten und den Zuschauern gezeigten Bilder und Klischees ankämpfen. Vielleicht so die Moderatorin von Funkhaus Europa, könne ja diese Podiumsdiskussion dazu beitragen, dass man in Zukunft an diese hervorragenden jungen Mitmenschen denke, wenn man wieder einmal auf diese  perpetuierend vorgetragenen Klischees – die Negativbilder –  von den Roma treffe.

Angemerkt: In dem Moment musste ich an einen Bekannten denken, dem ich erzählt hatte, dass ich zu Veranstaltungen des Roma Kulturfestivals ginge. „Was ist denn daran interessant?“ fragte er einigermaßen abschätzigen Tones. „Was hast du davon? Die Roma, die machen Musik, nicht?“ Dass er nicht noch sagte, die haben doch gar keine Kultur war, hätte gerade noch gefehlt.

Vier interessante Gäste an diesem Abend in Dortmund

Von links nach rechts: Anel Memedovski, Gianni Jovanovic und Perjan Wirges.

Von links nach rechts: Anel Memedovski, Gianni Jovanovic und Perjan Wirges.

Gianni Jovanovic, 1978 in der BRD geboren, ist Inhaber eines zahnmedizinischen Unternehmens in Köln. Er engagiert sich bei „Amaro Kher“, einem Projekt des Rom. e.V. in der Domstadt, gegen Homophobie und Rassismus. Die Eltern, erzählte Gianni, waren aus Jugoslawien (Gianni: „heute würde man sagen, als Wirtschaftsflüchtlinge“) in die Bundesrepublik gekommen und herzlich willkommen geheißen worden. Hetze und Diskriminierung gegen Roma erlebten sie und Gianni erst später. Die Eltern schärfte ihm ein: „Sag ja nicht, dass du ein Roma bist, sag du bist Serbe.“ Das Z-Wort, weil es „faschistisch und menschenverachtend ist“ hatte der Gast eigentlich nicht aussprechen wollen. Tat es dann später aber aus gegebenen Anlass doch. Weil eine Frau aus dem Publikum sagte, diskriminieren könne man jemanden aus dieser Minderheit sowohl mit dem Wort Zigeuner oder als auch mit Wort Roma. Jovanovic widersprach dieser Sicht vehement.

Eine Zeitlang bekannte der Kölner, lebte man in „einer Art Zwischenwelt – vielleicht, „man ist nicht Fleisch, man ist nicht Fisch – Tofu vielleicht“. Bis zu seinem Outing musste er einen Prozess durchlaufen.

Die einzige junge Frau in der Runde war Behara Jasharaj. Sie wurde in Deutschland geboren. Da aber die Eltern kein Bleiberecht hatten, zogen sie nach Schweden. Die junge Romni, die 2010 wieder nach Deutschland kam, belegt derzeit einen Wirtschaftsstudiengang an der Universität in Dortmund. Ein Kulturschock für Behara. War sie doch gewohnt, dass sich in Skandinavien grundsätzlich alle Menschen duzen. Man sage dort: „Wir sind alle Menschen. Wir sollen alle respektieren.“ Ein Fiasko erlebte die junge Behara als sie sich in Münster an der Uni bewarb. Sie wusste nicht ob sie an einer offenen Bürotür klopfen sollte. Schließlich ging Behara  hinein und aus skandinavischer Gewohnheit heraus duzte sie  den Mitarbeiter zum Überfluss auch noch. Der schrie sie an und warf sie hinaus. Ihre Kindheit in Schweden beschrieb die junge Frau als „positiv und angenehm“. Als Romni habe sie dort in dieser offenen Gesellschaft niemals Probleme gehabt. Die skandinavische Presse habe die Roma im Gegensatz zur hiesigen stets gut dargestellt. „Ich bin nicht ein Z, ich bin eine Romni. Das sollte die Gesellschaft verstehen.“ Die Medien, die Gesellschaft, rief sie auf, solle „andere Bilder von uns zu zeigen“. Auch das schwedische Schulsystem lobte sie. Da hatten ausländische Kinder zunächst Schwedisch als zweite Sprache. Und die Lehrerinnen und Lehrer verwandten mehr Zeit auf sie. Da gibt es nicht ein so frühe Auswahl der Schüler wie hierzulande in diesem antiquierten Schulsystem bereits ab der 4. Klasse. Sie .erlebe das nun bei einem Kind aus der Verwandtschaft. Die Kleine könne bereits vier Sprachen. Womöglich riete man den Eltern vom Gymnasium ab. In jungen Jahren würden also schon die Weichen für das spätere Leben und die Karriere gestellt. Das könne nicht richtig sein, befand Behara, dass man schon in jungen Jahren so fürs spätere Leben kämpfen müsse.

Jasar Dezmailovski lebt in Düsseldorf, studiert Politikwissenschaft an der Uni Duisburg-Essen und leistet gesellschaftliche Arbeit beim Verein Terno Drom. Geoutet habe er sich entgegen dem Rat der Eltern schon früh. Andere Roma in der Schule, erzählte er („Ich war es so einen Art Klassenclown damals), habe er ganz einfach selber als Roma geoutet. Einer sitze im Publikum. „Man soll sich nicht für das schämen, was man ist.“

Gleichfalls in Düsseldorf ist Anel Memedovski zuhause und arbeitet mit Jugendlichen bei Terno Drom. Er studiert Wirtschaft und arbeitet bei der Telekom. Er konstatierte, dass die Roma-Jugendlichen heute eine größeres Selbstbewusstsein hätten als früher. Die Frage der Moderatorin, ob den bei Bewerbungen für eine Arbeitsstelle jugendliche Roma bei gleicher Qualifikation wie Mitbewerber schlechtere Chancen haben, beantwortet Anel so: Wenn man sage ich bin ein Rom, eine Romni, und die gleiche Qualifikation wie die habe, würden die anderen Personen bevorzugt. Die Moderatorin: „Was denken dann Arbeitgeber? Oh Gott, ich werde beklaut! Da sind ja am nächsten Tag meine Tische und Stühle weg?“ – „Genau“, gab  Memedovksi zurück. Das liege an den Vorurteilen. Er selbst habe am Anfang bei der Telekom auch nicht gesagt, dass er Roma ist“. Verständlich: Als Buchhalter geht er mit Millionenbeträgen um. Würde ein Roma nicht täglich einen Cent auf sein eigenes Konto überweisen? „Ich dachte, ich muss mich erst mal beweisen.“ Heute sind Chefs und Kollegen aber im Bilde.

Gianni Jovanovic: Wichtig, schon früh über die eigene Identität Bescheid wissen, um einen Selbstwert entwickeln

Gast Gianni Jovanovic – neben der Moderatorin sozusagen ein Motor der Diskussion – hielt es für wichtig, dass jeder Rom, jede Romni, schon frühzeitig über die eigne Identität Bescheid wisse. Auch die Kinder schon. „Nicht um dieses Roma-Ding hochzuhalten. Nein, man sollte wissen, wo man her kommt. Und die Geschichte seines Volkes kennen.“ Man sollte einen Selbstwert entwickeln, so Jovanovic weiter. Um sich in der Gesellschaft zu behaupten. „Jeder, wir alle müssen uns in der Gesellschaft ständig behaupten.“ Im Jahr 2012 habe sich Deutschland immerhin zu den Roma und Sinti bekannt. Das Mahnmal in Berlin sei eingeweiht worden: „Ein Tag später, das ist kein Quatsch was hier erzähle“, sagte Gianni, „sind zweihundert Roma nach Kosovo abgeschoben worden!“

Besucher des Abends könnten als Kommunikatoren in die Gesellschaft hineinwirken

Unter Einbeziehung des Publikums entspann sich noch eine hochinteressante Diskussion. Ein Abend, welcher nicht nur hervorragend dazu angetan war, Vorurteile gegenüber Roma zu hinterfragen, sondern vielleicht gar auch welche abbauen zu helfen. Zumindest dann, wenn die um die hundert Besucher als Kommunikatoren in die Gesellschaft hineinwirkten.

Die jungen erwachsenen Roma jedenfalls vermittelten glaubhaft und engagiert, dass sie sich als Teil der Gesellschaft verstehen und sie auf ihre Weise mit Leben zu erfüllen gedenken.

Dieser Abend war gewiss gewinnbringend für die Gäste auf dem Podium wie auch die Besucher davor.

Ausklang mit balkanischen Spezialitäten und angeregten Gesprächen

Umrahmte die Veranstaltung virtuos: Mustafa Zekirov.

Umrahmte die Veranstaltung virtuos: Mustafa Zekirov.

Der mazedonische Theaterschauspieler, Sänger und begnadete  Gitarrenvirtuose Mustafa Zekirov, der schon mit einer  Darbietung auf den Abend eingestimmt hatte, übernahm es auch, diesen ebenso gefühlvoll zu beschließen. Im Anschluss wurde die Diskussion im Vorraum des Vortragssaales zu Mehreren oder im Zwiegespräch untereinander fortgeführt. Ein kleines Buffet, bestehend aus balkanischen Spezialitäten, dazu Weine aus dieser Region Europas, sorgte für ein Stärkung nach reichlich geistiger Kost.

Die Veranstaltung fand im Rahmen des Roma Kulturfestivals DJELEM DJELEM statt. Eingeladen hatten die Auslandsgesellschaft NRW e.V., Terno Drom e.V., der Planerladen e.V. und der AWO-Unterbezirk Dortmund.

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