Dortmund: Roma-Flagge über der Stadt – DJELEM DJELEM läuft bis 12. September

Dortmunds Stadtdirektor Jörg Stüdemann (links) eröffnet im Beisein der Mitorganisatoren Ersoj und Armida das 2. Roma Kulturfestival DJELEM DJELEM im Theater im Depot; Fotos. C.-D. Stille

Dortmunds Stadtdirektor Jörg Stüdemann (links) eröffnet im Beisein der Mitorganisatoren Ersoj und Armida das 2. Roma Kulturfestival DJELEM DJELEM im Theater im Depot; Fotos. C.-D. Stille

Nach der Performance „Schubladen“, draußen in der Tramreparaturhalle des einstigen Depots auf der Dortmunder Immermannstraße, begrüßte Stadtdirektor Jörg Stüdemann die Gäste zur Eröffnung des 2. Roma Kulturfestivals DJELEM DJELEM auf der Bühne des Theaters im Depot. Stüdemann sagte eingangs, man wolle neben den Kulturbegegnungen, die sich nun aneinander reihten und zu besichtigen seien, auch „auf die Lebenszustände und Lebensumstände der Neubürger in Dortmund aufmerksam machen“. Es gelte vor allem „Arbeit und Wohnen“ dieser Menschen zu organisieren. Derzeit lebten in Dortmund viele tausend Menschen „vor allem aus Bulgarien und Rumänien, aus Spanien und auch aus Mazedonien.“ Die Lebenssituation der Menschen mit vielen Kindern sei „alles andere als rosig“, Jörg Stüdemann in seiner Ansprache.

Stadtdirektor Jörg Stüdemann: Nicht von Vorurteilen und antiziganistischen Verwirrungen verblenden lassen

„Wir alle als Wohlfahrtsorganisationen, aber auch als Stadtverwaltung sind dazu aufgerufen hier eine Veränderung herbeizuführen.“ Man sei „glücklich darüber, dass so viele Kinder in die Stadt gekommen sind: Die Zahl der Kinder ist im Verlaufe eines Jahres um fast 2000 gestiegen.“ Vor noch wenigen Monaten bzw. vor zwei Jahren „gab es hier düstere Prognosen wie sich die Kinderzahlen in Dortmund entwickeln würden. Das Gegenteil ist mittlerweile eingetreten.“ Aber dazu gehöre eben auch, „dass wir eine Verantwortung für einander empfinden und sagen, wir müssen dann dafür Sorge tragen, dass diese Kinder in dieser Stadt aufwachsen können, die Beschulung funktioniert, der Kindergarten besucht werden kann und dass man sich in dem Miteinander nicht von Vorurteilen und antiziganistischen Verwirrungen verblenden lässt.“ Was sozusagen an die deutsche Stadtgesellschaft gerichtet sei.

An die Roma gerichtet, sagte Stüdemann: Haben Sie den Mut und habt den Mut, euch selbst zu organisieren, Projekte auszurufen, Aufmerksamkeit zu organisieren. Lebt stolz die Kultur, die ihr mitbringt!“ Man wolle auch darüber sprechen, „ob es Sinn machen kann ein Haus der Romakulturen für das Ruhrgebiet in Dortmund zu etablieren.“ Jörg Stüdemann wünschte dem Festival ein gutes Gelingen.

AWO Geschäftsführer Andreas Gora: Die Arbeit für das Festival hat auch uns „den Blick zurechtgerückt“

AWO-Unterbezirksvorsitzender Andreas Gora während seiner Ansprache.

AWO-Unterbezirksvorsitzender Andreas Gora während seiner Ansprache.

Der Geschäftsführer Arbeiterwohlfahrt des Unterbezirks Dortmund, Andreas Gora, drückte seine Freude darüber aus, dass man dieses Festival organisiere. „Das hat uns auch ’ne Menge gebracht. Und hat uns auch den Blick zurechtgerückt in einer Stadt, die sich häufig zwar als modernistisch und populär und weltoffen präsentiert – aber vielleicht nicht immer ist.“ Gora bedankte sich bei allen, die am Festival mitarbeiten und es ermöglichten. Ausdrücklich erwähnte Andreas Gora die beiden Schirm“herren“ des Roma Kulturfestivals, die da seien, Peter Maffay – „Ich mag den ja nicht“, so Gora, (Lachen im Publikum),  „freue mich aber trotzdem, dass es gelungen ist  ihn zu gewinnen“ sowie Aydan Özuguz, Staatsministerin und Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration.

Theatervertreter: DJELEM DJELEM ein „Glücksfall“

Ein Vertreter des gastgebenden Theaters im Depot erinnerte daran, dass das „im wahren Sinne Naheliegende, nämlich der Stadtteil in welchem wir arbeiten, die Menschen die hier leben, die soziale Wirklichkeit der Stadt in der wir uns bewegen“ aus dem Blickfeld gerate. Man wolle Kulturort, Treffpunkt, Ort des Austausches und Ort der Unterhaltung für all die zu sein, die in unserer Nachbarschaft, der Dortmunder Nordstadt wohnen.“ DJELEM DJELEM bezeichnete der Theatermann als „Glücksfall“. „Wir finden es großartig und beispielhaft, dass die Veranstaltungspartner der AWO, des Kulturdezernats, der Auslandsgesellschaft, der verschiedenen Selbstorganisationen der Roma wie Terno Drom“ und anderer in diesem Sinne tätigen Organisationen „sich mit uns in diesem Projekt zusammengetan haben für diese kulturell und gesellschaftlich wichtige Arbeit in der Wirklichkeit unserer Stadt“. Und weiter: „Kultur in all ihren Ausprägungen ist für alle und per se nicht an nationale oder ethnische Grenzen gebunden. Und Kultur kann grundsätzlich in jeder Gemeinschaft jedem Zusammenleben Identität und Zusammenhalt stiften.“ Dass man die Roma-Kulturen in den Fokus des Festivals stelle, „ist ein Ausdruck des Respekts vor den kulturellen Leistungen dieses so häufig unterdrückten Volkes, ebenso wie es Fanal sein soll für den Zusammenhalt aller Menschen in dieser Stadt – seien sie hineingeboren, geflohen, gewandert oder auf sonstigen Wege dahin geraten.“

„Willkommen ist der erste Schritt zur Heimat.“ Man würde sich glücklich schätzen, wenn man an den „Geburtsvorbereitungen“ eines guten Zusammenlebens in der Stadt einen Anteil geleistet habe.

Programmheft via AWO-Unterbezirk Dortmund.

Programmheft via AWO-Unterbezirk Dortmund.

Seit gestern nun  „weht“ vom U-Turm der Stadt Dortmund herab und als Videoprojektion weithin sichtbar die Flagge der Roma. Zu verdanken ist das dem Dortmunder Kult-Regisseur und Film-Professor  Adolf  Winkelmann und seinen  MitarbeiterInnen.

Das Kulturfestival DJELEM DJELEM findet vom 2. bis zum 12. September 2015 an unterschiedlichen Orten in Dortmund statt. Den Veranstaltungskalender finden Sie hier.

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Dortmund: 2. Roma Kulturfestival DJELEM DJELEM mit der Performance „Schubladen“ eröffnet

Ouvertüre zum Festival: Das Projekt "Schubladen" im Dortmunder Theater im Depot; Fotos. C.-D. Stille

Ouvertüre zum Festival: Das Projekt „Schubladen“ im Dortmunder Theater im Depot; Fotos. C.-D. Stille

Jeder Mensch hat Vorurteile. Besser gesagt: eignet sie sich im Laufe des Lebens an. Denn mit Vorurteilen kommen niemand auf die Welt. Wer Vorurteile teilt oder selbst welche fällt, tut sich sich schwer damit, diese zu bekämpfen oder gar abzubauen. Eine empfehlenswerte Medizin, dies zu tun, ist das Buch „Achtung! Vorurteile“ des leider zu früh verstorbenen Sir Peter Ustinov.

Damit alles schön einfach bleibt

Und wo es Vorurteile gibt, existieren auch Schubladen. Schubladen, um Menschen hineinzustecken. Damit alles schön einfach bleibt. Damit das eigne Weltbild bloß nicht ins Wanken gerät.

Am 2. September ist das 2. Roma Kulturfestival „DJELEM DJELEM“ im Dortmunder Theater im Depot auf der Immermannstraße eröffnet worden.

Sozusagen als Ouvertüre zum Festival ging das interessante Projekt „Schubladen“ über die „Bühne“, wo einst Dortmunder Straßenbahnen repariert und gewartet wurden.

Nicht einfach, aus Schubladen wieder herauszukommen

Die zündende Idee dahinter war, dass „Schubladen“ im Sprachgebrauch nicht selten Synonyme für begrenztes, vorurteilsbehaftetes Denken sind. Im Alltag erweist sich ihr Gebrauch als überaus nützlich, um das eigene Weltbild zu pflegen und nur nicht revidieren zu müssen. Gerade in Deutschland sind Schubladen reichlich in Gebrauch. Wer einmal – sei es als Einzelperson oder gar als Volksgruppe in eine solche hineingesteckt wurde, kommt schwerlich wieder heraus. Auch die Medien sind da keine große Hilfe: eher ist das Gegenteil der Fall.

Das Projekt

Blick in eine der Schubladen.

Blick in eine der Schubladen.

Das Projekt „Schubladen“ von kulturpflanzen e. V. hat gemeinsam mit Akteuren in der Nordstadt, insbesondere Roma und anderen Migranten ein Projekt auf die Beine gestellt, das gestern nun erstmalig im Rahmen des Roma Kulturfestivals „DJELEM DJELEM“ präsentiert wurde. Bespielt wurde ein Objekt aus gebrauchten Schubladen, die von bodo e. V. gesammelt wurden.

Hier geht es um Fußball ...

Hier geht es um Fußball …

Zusammengefügt und gebaut wurden sie von der Jakob-Muth-Schule in Bochum. Gefüllt sind die Schubladen mit Geschichten und Gegenständen, die erzählen, wie Roma und andere Migrantinnen und Migranten Deutschland sehen.

Was sie u.a. beschäftigte:

„Wie die Deutschen mit Tieren umgehen, gefällt mir. In Rumänien und Spanien werden sie mit Füßen getreten.“

 

„Ich habe geglaubt, dass in Deutschland mehr Licht ist. U-Bahnen kannte ich vorher nicht.“

 

„Meine Tante in Rumänien wohnt in einem Haus mit Schlangen. Hier gibt es sowas nicht.“

 

„Es ist gut, dass es im Kindergarten so viel Platz zum Spielen gibt.“

Die Akteure, Kinder und Jugendliche, geboren in Spanien, Rumänien oder Deutschland, die alle zusammen in Dortmund leben, vermochten den Grundgedanken dieser Performance mit Bravour herüberzubringen. Jeder und jede hat eben (von Außen) bestimmte Vorstellungen (bzw. Vorurteile) über ein Land und seine Menschen. Nicht selten müssen diese Vorstellungen bei Eintritt in die Wirklichkeit dieses Landes und seiner Menschen revidiert werden. Das Gleiche gilt für hier geborene Menschen, betreffs ihres Blickes auf Ausländer.

Schlummernde Potentiale bei den Zugewanderten

Einer der Höhepunkte von "Schubladen".

Einer der Höhepunkte von „Schubladen“.

Im Verlaufe der kleinen Vorstellung wurde gerade bei der  Eigenvorstellung der Kinder deutlich, welche Potentiale in Migranten vorhanden sind: „Ich heiße … und komme aus Rumänien. Ich spreche Rumänisch, Romanes und etwas Deutsch.“ Oder: „Ich komme aus Spanien und spreche Spanisch, Romanes, Englisch und bisschen Deutsch.“ Und die deutschen Mädchen: „Ich spreche Deutsch und Englisch und … Deutsch.“  Bei den Zuschauern schien für Momente eine Idee auf, wie das Zusammenleben von Migranten und Mehrheitsbevölkerung gegenseitig befruchtend sein könnte.

Künstlerische und pädagogische Leitung des Projektes und Umsetzung:
Manuela Wenz und Lena Leniger, kulturpflanzen e. V.. Förderer & Veranstalter: Interkulturelles Zentrum, bodo, Kultur Rucksack NRW sowie kulturpflanzen e. V.

Guter Start ins Festival

Ausgelasse Stimmung bei den Gästen.

Ausgelassene Stimmung bei den Gästen.

Ein zu Herzen gehendes – engagiert vorgetragenes und mit Leben erfülltes Projekt! Eine hervorragende Ouvertüre zum Start des 2. Roma Kulturfestivals in

Bulgarische Straßenmusiker gaben alles. Im Hintergrund ein Büffett mit Balkanspezialitiäten.

Bulgarische Straßenmusiker gaben alles. Im Hintergrund ein Buffet mit Balkanspezialitiäten.

Dortmund. Für Stimmung sorgten bulgarische Straßenmusiker – dazu wurde ausgelassen getanzt. Dazu bestens passend, stand für die Gäste ein Buffet  mit leckeren Balkanspezialitäten bereit. Wenn das kein guter Start in das Festival war!