Deutschlandpremiere von „Ufer der Frauen“: Berührendes, fulminantes Moskauer Gastspiel

Die „Reise“ von Dortmund in die Stadt des Grimme-Preises, Marl, hat sich allemal gelohnt. Jetzt führen die Ruhrfestspiele das Zepter dort. Das Theater Marl ist eine der Spielstätten des größten europäischen Theaterfestivals. Gestern nun stand auf den Marler Bühne die Deutschlandpremiere von „Ufer der Frauen“ auf dem Spielplan. Ein Gastspiel vom  Vakhtangov-Staatstheater Moskau.

Spielort ist ein Café in Frankreich. Das sonore Tuten eines Dampfers aus der Ferne aktiviert schläfrige Kellner. Einige Tische und Stühle. Darüber drehen sich Ventilatoren. Rasch werden die Kellner zu dienstbaren Geistern. Und schon hat der unsichtbare Dampfer seine menschliche Fracht ausgespien. Fast wie Strandgut werden Frauen in unterschiedlicher Garderobe und aus den verschiedensten Klassen angelandet. Ersteigen samt ihrer verbliebenen, in Koffern und Taschen verstauten Habe dem Orchestergraben. Werden auf die Bühne geworfen, wo sie sich mehr oder weniger verloren umschauen.

Die Hoffnungen fahren gelassen

Es ist Zweiter Weltkrieg. Frauen aus allen möglichen Ländern und sozialen Milieus bevölkern die Bühne. Werden allmählich vertrauter mit der Lokalität. Sie befinden sich auf der flucht, andere wieder haben ihren Mann verloren und haben die Hoffnung nicht aufgeben, dass ihre Suche nach ihm am Ende erfolgreich sind wird. Andere Frauen haben offensichtlich alle Hoffnungen fahren gelassen. Sie drücken im Tanz ihre Verzweiflung aus. Teile eines sinnlos zerstörten Europas haben sie, selbst psychisch kaputt, vielleicht samt lieber Angehöriger und Geliebten panikartig hinter sich gelassen. Sie erwarten wohl keine Zukunft mehr. Überantworten ihr weiteres Leben, wenn man das denn noch so nennen kann, kommendem Schicksal. Hängen sich in ihrer Verzweiflung und dem Verlorenen nachtrauernd den Kellnern an den Hals. Dazu erklingen Chansons von Marlene Dietrich. Männer kommen und gehen. Einer wird in den Orchestergraben, respektive ins Meer, einen Fluss, geworfen.

Fulminantes Tanztheater

Die unterschiedlichsten weiblichen und männlichen Charaktere begegnen sich in kurzen oder längeren Bildern. Immer kurz abgeschlossen mit dem Ende einer Musikeinspielung. Die Bühne verqualmt und leicht düster blau. Nurmehr das monotone Flatsch-Flatsch der immerfort sich drehenden Deckenventilatoren ist zu hören.

Fulminantes Tanztheater erlebt man da. Welch Gesten, was für eine den jeweiligen Charakter der Darstellerin, dem Darsteller perfekt zeichnende – nie überzeichnende, was rasch peinlich wirken würde – ausgefeilte Mimik! Einige Minuten fühlte ich mich an den großartigen wortlosen Film „Le Bal – Der Tanzpalast“ erinnert. Aber „Ufer der Frauen“ ist kein befürchteter Abklatsch dieses Filmes. Allenfalls nimmt die ausgezeichnete Regie/Choreografie (Angelika Holina) – ob bewußt oder unbewusst – ganz leichte Anleihen, lehnt sich was die Zeichnung der köstlichen Charakere an diesen großartigen Streifen an. Große und kleinere Darsteller im freilich komisch wirkendem Kontrast zu einander in Szene gesetzt – dazu deren herrlich perfekt ausdrucksstark getanzten, bis winzigste Detail hinein erarbeiteten Charaktermerkmale. Man möchte aus seinem Zuschauersitz aufspringen und los jubeln. Zwischen den Szenen dann auch immer wieder Applaus. Dazu: Als Zuschauer ist man aus dem Alltag hineingezogen in diese hervorragende Inszenierung – geradezu hineingefallen in sie! Tief Berührend all das. Das hat was von Slapstick, von unfreiwilliger Komik. Aber dann doch auch wieder wohnt dem Ganzen eine zu Herzen gehende Melancholie inne. Die „Ureinwohner“ von Istanbul, Istanbuli genannt, dürfte das, was da durch das Moskauer Ensemble auf die Bühne gebracht wird in ihrer Wirkung mit dem Wort „hüzün“ (eine spezielle Melancholie, den Moloch der Bosporus-Metropole) kennzeichnen. Wie sagen wohl die Russen, die Moskauer dazu?

Pierre Cardin war beim Besuch einer Aufführung in Moskau sehr angetan

Pierre Cardin, so steht es im Programm der Ruhrfestspiele geschrieben, soll bei einem Theaterbesuch in Moskau so angetan von der Choreographie des Moskauer Vakhtangov-Ensembles gewesen sein, „dass er beim Applaus spontan auf die Bühne krabbelte, um sich bei den Akteuren zu bedanken. Am gleichen Abend noch kam ein Brief mit folgender Widmung: „In meinen Augen ist Marlene Dietrich eine Legende des zwanzigsten Jahrhunderts, eine bedeutende Frau und Künstlerin. Natürlich lässt es mich nicht unberührt, wenn ich so wie an diesem Abend meine, wieder ihre Stimme zu hören. Es war für mich heute sehr bewegend, die Lieder wieder zu erleben, die mir so vertraut und nahe sind.“

Ein perfekt aufeinander eingespieltes Ensemble

Immer wieder das Tuten des Dampfers zwischen den einzelnen Szenen. Das Flatsch-Flatsch der Ventilatoren an ihrem Schluss. Sehr gut gesetztes Licht all überall. Dazu die Kostüme, perfekt auf die Charaktere zugeschnitten. Zu Tränen fast gerührt ist man beim Tanz einer Frau, der von ihrem geliebten Mann nur noch der Mantel – ein Soldatenmantel – geblieben ist. Dazu der Gesang von Marlene Dietrich. Da drücken dann doch die Tränen. Am Stückschluss – das Theaterereignis läuft eineinhalb Stunden ohne Pause – dann sind bedrohlich klingende Stiefeltritte zu hören. Erschrecken und Furcht in den Gesichtern der Darstellerinnen und Darstellern auf der Bühne: Sie sind von Grauen eingeholt worden!

Einzigartig. Ein perfekt aufeinander eingespieltes Ensemble mit großartigen solistischen Leistungen und großen Emotionen. Das ist wirkliches Tanz-Theater! Ein Schau-Spiel von beachtlicher Art dazu.

Möge der Faden der Kultur zwischen Russland und Deutschland nicht reißen

Und: passt das Stück nicht so gut erschreckend auch in unsere krisenhafte Zeit? Wo der Kalte Krieg wieder auferstanden zu sein scheint. Wie sagte doch Egon Bahr warnend vor einiger Zeit: „Wir leben in Vorkriegszeiten.“ Dank an die Ruhrfestspiele, dass sie diese brillante Inszenierung eingeladen haben. Die Achse Moskau-Marl funktionierte! Möge wenigstens der Faden der Kultur zwischen Russland und Deutschland nicht abreißen. Wenn schon herrschende Politik in Brüssel und leider auch in Berlin dafür gesorgt hat, dass von den selbst im vormaligen Kalten Krieg in der Ära Brandt geknüpften gar nicht mal so schlechten Beziehungen zwischen beiden Ländern einiges an Porzellan bereits angeschlagen – hoffentlich nicht zerschlagen – ist.

Bis Pfingstmontag noch im Theater Marl

Das Vakhtangov-Staatstheater Moskau spielt das Stück noch zweimal in Marl. Heute ab 19 Uhr, morgen und auch am Pfingstmontag jeweils um 18 Uhr. Vielleicht gibt es ja noch Karten? Ich kann die choreographische Komposition nach Liedern von Marlene Dietrich in der Regie und Choreographie von Angelika Holina nur wärmstens empfehlen. Spasiba Vakhtangov-Staatstheater! Danke Ruhrfestspiele! Extraordinär. Meine „Reise“ von Dortmund nach Marl hat sich mehr als gelohnt.

Das Theater Marl am Abend; Foto: Claus Stille

Das Theater Marl am Abend; Foto: Claus Stille

Deutschlandpremiere

„Ufer der Frauen“ (kurzes Video via Ruhrfestspiele/Youtube)

Bühne: Marius Jacovskis

Kostüme: Juosas Statkevichus

Es tanzen: Ensemblemitglieder des
Vakhtangov-Staatstheaters Moskau

Im Theater Marl bei den Ruhrfestspielen

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