Jochen Malmsheimer mit „Wenn Worte reden könnten“ bei den Ruhrfestspielen – Waaahnsinn!

Jochen Malmsheimer bei den Ruhrfestspielen im Theaterzelt. Alles andere als ein „Event“ – nein, ein Ereignis! Und das auch noch am 8. Mai, dem „Tag der Befreiung“. Leider noch immer kein gesetzlicher Feiertag. Malmsheimer aber im Theaterzelt macht mit seiner Vortragskunst daraus ein Feier – Tag für die Sprache! Doch zunächst bringt Jochen Malmsheimer eine Art „Waschzettel“ mündlich rüber. Der sagt aus, wie der Meister des gesprochenen Wortes sich den reibungslosen Ablauf des Abend so vorstellt. Besitzern mobiler Telefone räumte er noch die Möglichkeit ein, ihre Geräte auszuschalten. Die nennt er „Genuss spendende Vibrationsgeräte“. Und schon raschelt und wuselt es an doch ziemlich vielen Plätzen: mann/frau tut, wie Malmsheimer sie geheißen. Der nämlich versteht da kein Spaß: Einschneidende Sanktionen sind angedroht: „Sollte es zirpen und Sie sind kein Arzt, werden Sie zum Teil der Vorstellung. Und das finden andere total komisch.“ Der Laie staunt und der Fachmann in Sachen Zuschauen wundert sich: bis zum Schluss der Darbietung zirpt keines dieser „Genuss spendenden Vibrationsgeräte“!

Lambrusco für DM 1.98 und ein Druckknopf, der für eine sexuelle Erregung gehalten wurde

Und schon geht der Parforceritt über Stock und Stein durch die so reichhaltige Themenwelt. durch die Welt der Sprache. Hoch fliegt Malmsheimer dahin, verirrt sich auch einmal verbal durch eine Limbostange hindurch. Nichts ist dem Zufall überlassen. Und wir als Publikum, die meisten in Malmsheimers Alter oder älter – kennen da manches wieder. Etwa die ersten Partys, die wie Malmsheimer sich mit uns erinnert, ja damals noch Feten hießen. Und meist in speziell für Festivitäten ausgebauten Kellern bei Mitschülern stattfanden, deren Eltern verreist waren. Die Eltern hatten die köstlichsten Tropfen hatten wohlweislich gesichert – ging es rund.

Knutscherei „auf bewohnten Federkern-Matratzen“ zur aus dem Radio aufgenommener Musik aus Kassettenrekordern. Die Musik ständig von Verkehrsmeldungen unterbrochen!

Pubertäts-Beobachtungen vom Feinsten folgen. Übelster Fusel – ’ne Pulle Lambrusco, zwei Liter für 1,98 DM! – und der obligatorische Nudelsalat. Zustimmende Raunen im Zeltrund. Dann „Druckbetankung“, um die Schüchternheit gegenüber den anwesenden Mädchen zu überwinden. Und Jung-Malmsheimer erinnert sich noch an die Zeit des Erwachens sexueller Lüste als sei es erst gestern gewesen, die Härte eines Druckknopf an der Kleidung des für ein erstes Sexabenteuer ins Auge gefassten Mädchens für dessen sexuelle Erregung gehalten zu haben. Peinlich.

„Der erste Sex“, resümiert Malmsheimer unterbrochen ausgerechnet von „Verkehrs-“meldungen!, „wird von vielen total überschätzt und wurde von meiner damaligen Partnerin als solcher gar nicht erkannt.“ Aber ständig erinnere man sich an den ersten Sex, der selten etwas Schönes hatte. Ja…

Dann kam, was kommen musste: Der Fusel und der mit einem gehörigen Klecks Majonnaise beklacksten Nudelsalat hatten sich im Mageninneren von so manchem – eigene Erinnerungen steigen auf! – zu einem explosiven Gemisch entwickelt. Und wollte – fapp – schnellstens ins Freie. Entschied sich mit Blick Richtung des wenig appetitlich anmutenden Hinterausgangs für den oben. Und flutsch – plopp, plätscher war die Chose da. Sauerei. Und was für eine!

Ruhrpott-Omma mit drei „m“

Dann die Ruhrpottweisheiten der Ommma. Ja, natürlich mit drei „M“! Ihr Wahlspruch: „Früher war alles besser.“ Weil: „Wir hatten ja nichts früher.“ Da zucke auch ich als einst in den Westen gekommener Ossi auf: Das geht runter – die also auch!

Alles köstlich alles schön. Die Augen müssen Wasser lassen. Das geht ab wie Schmidts Katze!

Nichts kann „Sinn machen“ – nichts

Und manch Zuschauer zuckte wohl leicht schuldbewusst innerlich auf, als Jochen Malmsheimer klarstellte, dass nichts „Sinn machen“ könne. Eine Seuche heutzutage, die mir persönlich ebenfalls auf den Geist geht! Und sich in immer mehr Gespräche, die man gezwungen ist, zu führen eingeschlichen hat. „Das würde Sinn machen!“ Offenbar kommt dieser Blödsinn aus dem Englischen oder Amerikanischen: make sense. Und unsere sogenannte Qualitätspresse und diverse Fernsehheinis haben das in „Sinn machen“ übersetzt – und jeder quakt es nach. Richtig, Malmheimer: Es kann nur etwas Sinn ergeben, nichts aber auch gar nichts Sinn machen. Es ergibt wirklich Sinn, dass Malmsheimer sich um einer vernünftige Ausdrucksweise und die Anhebung des Niveaus der deutschen Sprache müht.

Das Programm läuft ohne zu haken rund

„Wenn Worte reden könnten oder 14 Tage im Leben einer Stunde“ ist das von Jochen Malmsheimer in Recklinghausen dargebotene Programm. Und wie die Worte mit und durch den Akrobat der Sprache reden! Im zweiten Teil gegen Ende des Programms. Wo sich die Worte, Pronomen, Verben, Substantive und das ganze andere Gschwirl in einer Kneipe – wo sie sich regelmäßig einfinden – durch- und übereinander reden. Und sich auf verschiedenste nicht unbekannte Weise vergnügen, sich verbal prügeln oder manche Wortgenossen, rassistisch eingestellt,  etwas gegen Fremdwörter haben – das ist einfach schön verrückt, zum Piepen komisch, die Tränendrüsen zur Produktion veranlassen. Der reinste Wahnsinn! Das Programm läuft ohne zu haken rund. Wie ein Weberschiffchen fährt Malmsheimer durch die Themen und holt allerhand aus ihnen hervor. Warum mehr erzählen? Selber zu Jochen Malmsheimer hin! Sehen Sie, liebe Leserin, lieber Leser, wo sie den Mann erwischen können. Auf Malmsheimers Website wird Ihnen geholfen.

Zur Person

Jochen Malmsheimer, geboren am 27. Juli 1961 in Essen, ist ein stimm- und wortgewaltiger deutscher Kabarettist. Aufgewachsen in Bochum. Sein Studium der Germanistik und Geschichte brach er zugunsten einer Buchhändlerlehre ab. Mit Frank Goosen, der ebenfalls am Bochumer Gymnasium am Ostring das Abitur machte, bildete er in den 1990er-Jahren das Duo Tresenlesen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s