„Cockpitpiloten“ bald in neuer Gewerkschaft INTERMODAL?

Die Transportbranche wächst stark. Die Bezahlung der "Fahrarbeiter" ist meist mies; Foto: Andreas Hermsdorf via Pixelio.de

Die Transportbranche wächst stark. Die Bezahlung der „Fahrarbeiter“ ist meist mies; Foto: Andreas Hermsdorf via Pixelio.de

Laut Akademie und Institut für Sozialforschung e.V. Verona ist der Bereich Transport und Logistik europaweit ein weiter wachsender Wirtschaftsbereich. Und zwar deshalb, weil dieser „als zentrales Funktionselement der Gewinnsteigerung durch räumliche Arbeitszerlegung“ diene. Die Akademie stellt fest, dass das Segment Transport und Logistik ein „per se transnationaler und zumindest ‚europäischer‘ Wirtschaftsbereich“ sei.

9,5 Millionen Beschäftigte in der EU im Bereich „Verkehr und Lagerei“  – 900 000 Berufskraftfahrer allein in Deutschland

In der EU sind im Segment Transport und Logistik  ca. 9,5 Millionen Beschäftigte im Bereich „Verkehr und Lagerei“ tätig. Allein in Deutschland arbeiten im Wirtschaftsbereich Transport und Logistik ca. 900 000 Berufskraftfahrer! Ab und zu berichten es die Medien: Um die Arbeitsbedingungen und die Gesundheitsversorgung insbesondere der Fernfahrer im EU-Transitverkehr ist es – beschönigt ausgedrückt – nicht gerade zum Besten bestellt. Zuweilen stellt sich deren Arbeitslage als verzweifelt da. Für die deutschen Beschäftigten ist traditionell die Gewerkschaft ver.di mit dem Fachbereich 10 (Postdienste, Speditionen und Logistik) zuständig. Doch offenbar tut ver.di zu wenig für die doch zahlenmäßig sehr umfangreich zu nennende Klientel.

Die zuständige Gewerkschaft ver.di offenbar mit wenig Engagement bei der Sache

Nach „jahrelangen Bemühungen um mehr Engagement dieser Gewerkschaft im Bereich Transport und Logistik“ ist die Akademie über die Lage in diesem Bereich ziemlich gut im Bilde. Seit Jahren werden nicht nur von der Akademie unermüdlich Verbesserungen angeregt. Enttäuscht wird jedoch nun resümiert: Es werde von der zuständigen Gewerkschaft eine „dezidierte Politik des Nicht-Engagements“ verfolgt.

Dieses wahrlich wenig schmeichelhafte Urteil wird durch die Tatsache gestützt, dass ver.di der Entscheidung der Bundesarbeitsministerin, den deutschen Mindestlohn für Fahrer aus den EU-Nachbarländern während des Deutschland-Transit auszusetzen, offenbar ohne ernstzunehmende Gegenwehr einfach hinnahm. Dies nennt etwa Prof. Albrecht Goeschel, Mitglied des Akademie-Präsidiums „typisch“. Dabei fehlt es an Vorschlägen aus der Accademia an die Adresse von ver.di nicht. Nicht einmal an dem von der Regierung der Autonomen Provinz Bozen-Südtirol finanzierten Konzept einer autobahnintegrierten europaweiten Gesundheitsinfrastruktur („Zentren für Kraftfahrergesundheit“) soll die ver.di-Bundesverwaltung Interesse gehabt haben. Im Sinne einer Verbesserung der Arbeits(um)welt der „Fahrarbeiter“ – wie die Berufskraftfahrer hier akzentuiert bezeichnet werden hat sich die Akademie unter den Überschriften „Logistik und Gesundheit“ bzw. „Kraftfahrergesundheit“ sowie „Autobahn-Stadt Europa“ umfassende Gedanken gemacht. Labournet zitiert aus einem Artikel von Albrecht Goeschel und Marion Fendt in der  Fachzeitschrift „Alternative Kommunal Politik“, Heft Mai/Juni 2014 :

(…) „Seine Fahrarbeiter sind der Inbegriff singularisierter und mobilisierter Arbeitsindividuen. Sie sind die Bürger der „Autobahn-Stadt Europa“ – und im Übrigen zu 96 Prozent Männer. (…) Es ist allerhöchste Zeit, Konzepte für eine angemessene Sozial- und Gesundheitsinfrastruktur für die wachsende Autobahnstadt, für eine „Soziale Autobahn-Stadt Europa“ auszuarbeiten und einzufordern. Bisher gibt es dazu das Konzept „Zentren für Kraftfahrer-Gesundheit“ an wichtigen Autobahn-Knotenpunkten und an wichtigen Logistik- und Transportstandorten in Europa. Entwickelt wird es von der Autonomen Provinz Bozen, der Straßenverkehrs-Genossenschaft Hessen (SVG), der Akademie und Institut für Sozialforschung Verona und vom Bildungszentrum Haus Brannenburg der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft. (…)

Beitrittsangebote seitens ver.di halten die Kapitäne der Straße entgegen: „Nichtvertreten können wir uns selber und billiger“

Nur wie wären wirksame Verbesserungen für die Fahrerschaften durchzusetzen? Ganz einfach: Über eine starke Gewerkschaft! Wie hieß es doch – lang ist’s her: Wenn unser starker Arm es will, stehen alle Räder still!“ (Bundeslied)!. Käme da nicht gerade ver.di, die mit 2,1 Millionen Mitgliedern größte Dienstleistungsgewerkschaft der Welt, als mächtige Interessenvertretung zu passe beziehungsweise quasi naturgemäß in Betracht? Doch über Beitrittsangebote seitens ver.di sollen die „Kapitäne der Straßen“ nur gelacht haben. Und zwar nach dem Motto „Nichtvertreten können wir uns selber und billiger“.

Apropos „…stehen alle Räder still“: Die Streiks – besonders der bislang letzte – der Gewerkschaft der Lokomotivführer (GdL) haben offenbar bei den Berufskraftfahrern gewissen Überlegungen in Gang gesetzt. Die Akademie in Verona will definitiv wissen, dass in den Fahrerschaften große Bewunderung für die GdL und ihren Vorsitzenden Claus Weselsky herrsche. Doch damit nicht genug: Unter ihnen soll gar der Wunsch verbreitet seit , dort organisiert zu sein.

Transportwirtschaft eine der schlimmsten Niedriglohnzonen bei geringer gewerkschaftlicher Organisierung

Mitarbeiter der Akademie und das Institut für Sozialforschung e.V. Verona befeuerten diese Überlegungen anscheinend.Im engeren Kreis Accademia zirkuliert wohl ein Strategiepapier.

Es ist bekannt, dass die Transportwirtschaft ohne Zweifel zu den schlimmsten Niedriglohnzonen in Europa zählt. Zudem ist die gewerkschaftliche Organsierung in diesem Bereich besonders dürftig. Dass unter den Fahrern „organizing“ nicht möglich wäre, dürfte eine faule Ausrede sein. Es liegt mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit daran, dass die sich für zuständig erklärende Gewerkschaft ver.di in diesem Fachbereich wenig bis keinerlei Engagement zeigt. Schlimmer noch – wie kritisch zu vernehmen ist – offensive und innovative Konzepte und Initiativen ignoriert und mit bürokratischer Raffinesse sabotiert und blockiert.

Medienhetze und gesellschaftliches Rollback

Zurück zum GdL-Streik: Die nicht selten unappetitliche Hetze der Medien, Politik, des Bahnkonzerns (hinter welchem sich der nach wie vor hundertprozentige Eigentümer, der Bund sich versteckte) und von Betongewerkschaften gegen die GdL und namentlich Claus Weselsky zeigt Wirkung. Die GdL mit ihm als Gesicht hat – obzwar eine kleine Gewerkschaft – bewiesen, was engagierte Gewerkschaften bewirken können – beziehungsweise erinnerten daran, was auch große Gewerkschaften einst einmal – lang ist es her – zu bewirken vermochten.

Vor diesem Hintergrund rückt plötzlich auch der Niedriglohnbereich „Transportsektor“ ins Blickfeld. Und damit die wichtigste Erkenntnis, dass es keine vergleichbar große Branche in Deutschland gibt, die so „in der Wolle“ transnational und europaweit angelegt ist wie der Transportsektor. Warum wird der drittgrößte und weiter wachsender Wirtschaftsbereich jedoch wirtschafts- und gesellschaftspolitisch kaum zur Kenntnis genommen?

Die internationale und die europäische räumliche Arbeitszerlegung gilt als ein Profittreiber ersten Ranges. In der Transportbranche ist unglaubliche Lohndrückerei an der Tagesordnung. Die vollkommen fehlende Gesundheitsversorgung ist anscheinend kein Thema.

In Deutschland sind etwa 900 000 Berufskraftfahrer auf den auf den Verkehrswegen unterwegs. „Wohnen“ tun sie die größte Zeit über in ihren Fahrerkabinen. In der EU sind es schätzungsweise 2,5 Millionen. Es dürften noch mehr werden.

Zu den bereits vorhandenen 68 000 Kilometer Fernstraßen in der EU sollen in den kommenden Jahren nämlich weitere 58 000 Kilometer hinzukommen. Eine nennenswerte Lobby haben die Berufskraftfahrer nicht.

Anti-Griechenlandterror soll den Süden disziplinieren, die Anti-GdL-Hetze hatte – wie zu vermuten ist – die Aufgabe die Dienstleister zu disziplinieren. An Negativem dazu kommt noch das ausgerechnet von der Sozialdemokratin (!) Andrea Nahles verantwortete Tarifeinheitsgesetz. Zornige Kritiker desselben sehen darin ein neues Ermächtigungsgesetz.

Wird das in vielen Bereichen losgetretene und immer weiter vorangetriebene gesellschaftliche Rollback mit seinen negativen Wirkungen auf die jeweils davon betroffenen arbeitenden Menschen weiter so klaglos hingenommen werden? In der Transportbranche grummelt es anscheinend.

Betrachtung der Transportwissenschaft

In der Transportwissenschaft werden die modernen gesamtwirtschaftlichen Transportprozesse als komplementär zusammenhängende und teilweise schon integrierte Prozesse aufgefasst und betrachtet. „Modal-Split“ bezeichnet die Verteilung des gesamtwirtschaftlichen Transportaufkommens auf die Verkehrsträger bzw. die Beanspruchung der Verkehrsträger durch die verschiedenen Transportaufgaben. Die Verkehrsträger: Schienenwege, Straßenwege, Luftwege und Wasserwege. „Intermodal“ sind Transportprozesse, bei denen die Verkehrsträger integriert werden.

Kampfstarke neue Gewerkschaft für die „Fahrarbeiter“

Im in der Accademia zirkulierenden Strategiepapier hat man – eigentlich naheliegend – all diese Aspekte zusammen gedacht. Und einen Schluss daraus gezogen: Eine noch zu gründende Gewerkschaft für die Cockpitpiloten im Bahnzug, im Lastkraftwagen und im Frachtflugzeug könnte den Namen INTERMODAL tragen. Mit einem Vorsitzenden namens Claus Weselsky an der Spitze? All das ist Zukunftsmusik. Und wäre Weselsky überhaupt dazu bereit? Spass beiseite: Unmöglich wäre es nicht. Die neue Gewerkschaft verfügte jedenfalls über die nötige Kampfkraft, um die Arbeitsbedingungen in der Transportbranche nachhaltig verbessern zu helfen.

Wie bereits erwähnt: der Bereich Transport und Logistik ist europaweit ein weiter stramm wachsender Wirtschaftsbereich. Und da soll natürlich für die Firmen auch ordentlich Profit herausspringen. Was zu befürchten steht: Auch weiter auf dem Buckel der vielen „Fahrarbeiter“ und wenigen „Fahrabeiterinnen“. Denn diese werden in diesem alles durchökonomierenden neoliberalen Zeiten als lästige – aber eben immer noch  notwendige – Kostenstellen betrachtet.

Propagandavergleich ZDF vs RT: Berichterstattung über Syrien und den Islamischen Staat

Leseempfehlung

Die Propagandaschau

zdf_80Die staatlichen Anstalten ARD und ZDF haben als Büchsenspanner der USA den Krieg in Syrien mit massiver Desinformation, Hetze und Lügen publizistisch begleitet, um den deutschen Bürgern dieses unvorstellbare Verbrechen am syrischen Volk schmackhaft zu machen und die wahren Ziele der USA zu verschleiern.

Diese vorsätzliche und verbrecherische Lügenkampagne, die Hundertausende Tote, Millionen Versehrte, Traumatisierte, Vertriebene und die Zerstörung eines verhältnismäßig toleranten, säkularen und fortschrittlichen Staates zur Folge hatte, veranlasste Peter Scholl-Latour in der Sendung „Maybrit Illner“ am 22.08.2013 “Steht Ägypten vor einem Bürgerkrieg?” zu der vernichtenden Feststellung:

Scholl-Latour“So lupenrein ist unsere Demokratie auch nicht mehr. Wenn manallein die Herrschaft der Medien betrachtet, da gibts eben doch sehrstarke Beein- flussungen. Die Einseitigkeit, die Irreführung deröffentlichen Mei- nung, hat man ja am Beispiel Syrien gesehen, das ist ein konzentrierter Beschuss….”

Wenn Teenager sich in Deutschland auf der Straße prügeln oder auch nur dabei Zuschauen, wie andere Teenager sich…

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Fotojournalist Andy Spyra mit beeindruckenden, apokalyptisch anmutenden Fotos bei der „Nacht der Religionen“ in Dortmund

Schlimmer als die Zerstörung von Häusern im Krieg sind die seelischen Zerstörungen der Menschen und bleibende Traumata; Foto: Henning Hraban Ramm  via Pixelio.de

Schlimmer als die Zerstörung von Häusern im Krieg sind die seelischen Zerstörungen der Menschen und bleibende Traumata; Foto: Henning Hraban Ramm via Pixelio.de

Der 1982 in Hagen geborene Fotograf Andy Spyra hat in vielen Ländern gearbeitet wo Kriege stattfanden beziehungsweise noch immer wüten. In die Schublade „Kriegsfotograf“ möchte der Hagen geborene und in Dortmund lebende Spyra keinesfalls gesteckt werden. Ihm kommt es darauf an mit der Kamera Schicksalen von Menschen nachzuspüren.

Bevorzugt Schwarz-Weiß-Fotografien

Anlässlich der „Nacht der Religionen 2015“ in der Pauluskirche in Dortmund hält Andy Spyra einen spannenden Vortrag über seine Arbeit in vielen Ländern des Mittleren und Nahen Ostens. Er spricht über interessante Begegnungen mit Menschen in Kriegs- und Krisengebieten. Dazu zeigte er einige seiner vielleicht ausdrucksstärksten Bilder. Allesamt Schwarz-Weiß-Fotografien. Spyra bevorzugt diese. In den meisten Fällen sind sie betreffs ihrer Aussage für die Betrachter ohnehin jedem Farbfoto haushoch überlegen. Oft vermögen sie sogar mehr an Inhalten vermitteln als der noch so ausgefeilteste Text dies tun könnte.

Es geht immer auch um Religion(en)

Spyras Bilder kommen sofort auf den Punkt. Sie haben die beste Wirkung auf den Betrachter. Andy Spyra ist natürlich – darüber hat er mit dem Pfarrer der Evangelischen Lydia-Kirchengemeinde Dortmund, Friedrich Laker im Vorfeld der Veranstaltung ausführlich gesprochen – an diesem Pfingstmontag aus gutem Grund in der Pauluskirche Weil es in den von Spyra bereisten Regionen immer auch um Religion(en) geht. Viele Menschen werden da spontan gleich an den Islam denken. Doch halt! Aber so einfach ist es nicht. Unsere Mainstream-Medien – auf tief abgesenktem Niveau angekommen -, machen dass alles für uns Rezipienten oft so einfach wirkt. Und die Zuschauer/Leser – leider in Vielzahl wohl eher unkritisches Medien-Konsumenten – springen schon fast automatisch darauf an: Islam gleich Krieg, gleich Terror. Punkt.

Andy Spyra im „islamischen Kerngebiet“

Spyra schaut da genauer hin. Und er sagt, er möchte da gar nicht als Experte – schon gar nicht für den Islam – gelten oder fungieren: „Da gibt es Leute, die das viel besser können als ich.“

Vielmehr möchte Spyra an diesem Pfingstmontag gerne „seine Erfahrung teilen über ‚meinen Nahen Osten und den Islam‘ über den es zwangsweise oft geht“. Bereist hat der Fotojournalist die Gebiete von Marokko bis Pakistan. „Islamisches Kerngebiet“, nennt Spyra diese Weltgegend. “ Neben Aufnahmen von dort zeigt Spyra in seiner kleinen Diashow welche aus Nigeria. Sowie aus Syrien und dem Irak.

Die Probleme ballen sich aus einer Mischung von Korruption, Armut und enormer Bildungsdefizite zusammen

Vordergründig geht es ihm also nicht um die Religion. Aber schon um den Kontext um sie herum. Er blickt auf die vergangenen 10 – 15 Jahre zurück. Da denke man an die Kriege im Irak, im Libanon und in Libyen – in fast allen muslimischen Ländern. Weshalb die Öffentlichkeit wohl auch die islamische Welt wie auf Knopfdruck (Medien!), den Islam als gewaltbereite Religion in Zusammenhang bringt. Doch als jemand, wie Spyra, der immer wieder vor Ort unterwegs ist und mit den Leuten spricht – „und aus einer distanzierten politischen Perspektive darauf schaut: „Ich sehe da gar nicht die Religion, ich sehe da eine Mischung aus Korruption, Armut und enorme Bildungsdefizite“, sagt der Fotograf. Ein Nährboden für Krieg und Dauerkrisen. Da hätten Rattenfänger wie von ISIS leichtes Spiel. Denen und andere terroristischen Vereinigungen spiele das in die Arme.

Oft beginnt es so: ein politischer Konflikt wird religiös aufgeladen und zu machtpolitischen Zwecken missbraucht

Spyras Reise hat 2007 in Kaschmir begonnen. Dort schwelte „ein politischer Konflikt, der religiös aufgeladen und zu machtpolitischen Zwecken missbraucht wurde“. Schreckliche Bilder! „Man stelle sich mal vor wie es wäre in so einer Region zu leben, gibt der Fotojournalist dem Publikum zu bedenken. „Und das noch aus den Augen eines Kindes sehen!“ Was wohl aus ihm wird, wenn es dereinst Fünfzehn ist, „wenn die Saat aus alledem aufgeht“ – man kann erahnen. Eine Spirale aus Armut Gewalt und wieder Gewalt, die sich immerfort weiterdreht.

Leben von weniger als zwei Euro am Tag und gefährliches Halbwissen

Schon blicken wir auf das Nächstschreckliche. Andy Spyra spricht von den Verhältnissen in Nordnigeria wo die Menschen von weniger als zwei Euro am Tag leben (müssen). „Da sind die Eltern froh, wenn die Kinder in eine Madrasa gehen können.“ Zu sehen ist ein kleines Mädchen, das von Boko Haram der Arm weg geschossen wurde. Es wird wie andere Kinder in der Koran-Schule wenigstens etwas Bildung erhalten. Kleine Schrifttäfelchen mit Koranversen sind im Bild zu sehen. Wenige Sätze, Koransuren, werden da auswendig gelernt. Was bringt das? Nicht einmal vom Islam werden sie viel wissen. Gefährliches Halbwissen wird das sein, was in den Köpfen der Kinder bleibt.

Anschläge „vermeintlich im Namen der Religion“

Und aus kleinen Jungen wie denen in Nigeria werden dann auch anderswo – wie ein Foto vom Tahrir-Platz in Kairo gleich wieder zeigt – junge zornige Männer, die radikale, islamistische Forderungen stellen. Andere gehen weiter. Sie zünden christliche Kirchen in Ägypten an. Ein Freund des Fotografen, kommentiert Spyra ein Foto, das einen Mann mit von einem Brand verstümmelten Hand zeigt, ist bei einem solchen Anschlag in Alexandria schwer verletzt worden. Ein Anschlag verübt „vermeintlich im Namen einer Religion“. Hier des Islam. Was wissen diese Leute vom Islam? Eine Spirale von Gewalt, die sich immer weiter auflädt, konstatiert Spyra. Irgendwann wisse dann keiner mehr, welchen Ursprung ein Konflikt überhaupt einst einmal gehabt habe.

Flüchtlinge ohne jegliche Perspektive

Dann springt er mit seinen Bildern auch schon nach Syrien. Und zeigt ein Foto, dass von oben ein riesiges Flüchtlingslager abbildet, wo aus dem Nachbarland Geflohene Aufnahme fanden. Ein weiteres Bild zeigt eine anscheinend schier endlose Schlange von Frauen. Sie stehen nach Wasser an. Mehrere Stunden. Es ist ihre täglich Aufgabe. Die Menschen sind völlig ohne Perspektive. Viele Kinder. „Die Hälfte der Bevölkerung ist unter 25 Jahre alt.“ Spyra: „Wenn ich mir meine Kindheit in einem dieser Lager vorstellen müsste … Da ist es doch leicht für die ISIS-Leute. Die brauchen doch nur durch solche Lager ziehen und sie werden junge Leute finden, die sie rekrutieren können.“ Er spricht vom Hauptkonflikt in der Region: den zwischen Schiiten und Sunniten. Jede Religionsgemeinschaft hat bereits eigene Kampfgruppen. Neben den bereits erwähnten, die Kurden, die Orthodoxen und auch die Jeziden. Die Menschen sind traumatisiert. Und Menschen um die Dreißig oder Vierzig hätten längst jegliches Vertrauen in staatliche Einrichtungen, etwa im Irak – soweit überhaupt noch vorhanden – verloren. Das wirke gewisse noch auf Jahre hinaus. Eine friedliche Zukunft, wer glaubt noch an sie? Als Betrachter von Spyras Fotos muss man nur in die Gesichter der Menschen, in ihre nicht selten wie erloschen, starr dahin blickenden Augen schauen.

Jede Konfession glaube (!), dass sie absolut im Recht sei. „Ist der Krieg einmal da, wird man ihn nicht wieder los“, so Spyra.

Hauptleidtragende in den Konflikten: die Frauen

Andy Spyra sieht die Frauen dieser Region als Hauptleidtragende in den Kriegen und Konflikten. Armut, Bildungsnotstand und Perspektivlosigkeit allenthalben. Lichtblicke auf einem Foto: Die leuchtenden Augen von Schülerinnen einer Mädchenschule. Aufgenommen in Afghanistan.

Selbst wenn politische Lösungen kommen: das Traumata der Bevölkerung wird bestehen bleiben

Doch schon erscheint ein wieder ein grausames Foto mit einem Knochenberg. „Sterbliche Überreste“, erklärt Spyra den geschockt dreinblickendem Publikum, „aus der Zeit des Völkermords an den Armeniern“ im Osmanischen Reiches auf dem Gebiet der heutigen Türkischen Republik. Auch ein Traumata: Die schrecklichen Ereignisse liegen hundert Jahre zurück. „Noch immer lebt das Traumata weiter.“ So, befürchtet Spyra, wird es auch in ähnlichen Fällen gegenwärtig in Syrien oder anderswo sein. „Dieser Dauerzustand von Krieg wird Jahrzehnte dauern, bis das verarbeitet ist. Politisch kann man das vielleicht in ein paar Jahren lösen“, schätzt Spyra, „aber die Traumata der Bevölkerung, der Vertrauensverluste – werden bestehen bleiben.“

Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch!“ – Hat Hölderlin recht?

Fast ist der Zuschauer während dieses Vortrags schon so auf das Schreckliche eingestellt, dass er nichts Positives mehr zu erwarten hofft. Doch dann: Hat vielleicht doch Friedrich Hölderlin recht?

„Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch!“ Andere Fotos; Ein koptischer Priester mit seinem salafistischen Kindergartenfreund, die gemeinsam und im Positiven einen gesamten Landstrich regieren. Ihnen ist der Fotograf begegnet. „Dialog der Religionen und Kooperation kann wunderbar funktionieren.“ Es sei nur eine Frage von Willen und Bildung, ist sich Spyra sicher. Und er erzählt von wundervollen Menschen, die er unterwegs traf. So den Bischof von Kirkuk. Ihm sei es gelungen das Christentum zu bewahren und sogar wieder neu zu definieren. Multiethnisch, multireligiös zu agieren: Im Libanon arbeitet eine Stiftung, der ist mithilfe von Geistlichen aller lokaler Religionen das vorher Undenkbare gelungen ist: Ein gemeinsames Kurrikulum mit einheitlicher Darstellung nationaler Geschichte. Anderswo hat Spyra einen schiitischen Geistlichen getroffen, der Flüchtlinge unterrichtet. Unweit von diesem Ort bekriegen sich diese Menschen.

Ein deutscher Mönch mit seiner „One-Man-Show“ – Leben, schlafen und beten in einem Gotteshaus

Dann spricht er von einem deutschen Mönch, der in 200 Flüchtlinge – wie Spyra sich ausdrückt .als „One-Man-Show“ betreute. Der Blick in die Kirche: Links leben und schlafen die Flüchtlinge. Rechts daneben beten Gläubige vorm Altar. Dazwischen eine provisorische Wand.

Was brauchen die Leute in der Region? „Bildung, Bildung, Bildung und die Vermittlung einer Vorstellung vom Sinn des Lebens. Und natürlich Perspektiven“, sagt Any Spyra fast beschwörend.

Pastor Friedlich Laker zeigte sich beeindruckt von der anderen Sicht des Fotografen auf die Region, die Menschen und deren Probleme. Es käme eben auf eine differenzierende Sicht an. Auf eine andere halt, welche uns die einschlägigen Medien tagtäglich anböten. Es reiche eben nicht, sich mit dem Einfachen – das viele von uns gern wollten – zufriedenzugeben. „Man muss halt genauer hinschauen.“ Das beträfe auch die Sicht auf die Religion(en).

Andy Spyra hat das getan. Und wird es weiterhin tun.  Für uns. Beeindruckende, vielfach apokalyptisch anmutende  Bilder. Differenzierendes Hinsehen. Vielleicht lernen wir Betrachter mit Spyras Aufnahmen im Hinterkopf künftig besser hinschauen? Es wäre dringend nötig.

Mehr über Andy Spyra hier.

 

Mitarbeiter der Jobcenter sind keine Idioten

Zur Kenntnis!

altonabloggt

Guten Tag Frau Hannemann!

Mit großem Entsetzen und Wut haben wir die neueste Ausgabe der internen „Propagandazeitung“ „Dialog“ zur Kenntnis genommen. Es ist so gekommen, wie wir geahnt haben: Gehirnwäsche wie immer, erneut werden Missstände verleugnet und die Vorstände Weise, Alt und Becker vertuschen ihre Fehler.

Das interne Interview von Herrn Becker ist eine bodenlose Frechheit. Er behauptet: “Mitarbeiter fühlen sich durch die Sendung Wallraff verunglimpft“. Wir haben uns den Bericht mehrmals angesehen, eine Verunglimpfung unserer Kollegen/innen ist absolut nicht zu erkennen. Ganz im Gegenteil: Sie haben endlich mal die Wahrheit über die jahrelangen Missstände gesagt, die von der Behördenleitung permanent verleumdet werden. Schade, dass Herr Wallraff nicht bei uns war. Danke Wallraff!

Die Einzigen, die hier durch die Bundesagentur für Arbeit-„Führung“ verleumdet werden, sind der Journalist Wallraff, die gezeigte Wahrheit und viele Kollegen bundesweit.

Weiter sagt Becker: (…) „es kann durchaus mal sein, dass eine Maßnahme…

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Dortmund: Nacht der Religionen 2015 mit vielen interessanten Gästen

Der Künstler Leo Lebendig vor seiner "Human Soul". Darunter Kinder aus dem Kindergarten der Pauluskirchen-Gemeinde; Fotos: Stille

Der Künstler Leo Lebendig vor seiner „Human Soul“. Darunter Kinder aus dem Kindergarten der Pauluskirchen-Gemeinde; Fotos: Stille

„An Pfingsten feiern die Christen das Kommen des Heiligen Geistes. Und in der Bibel steht, der Geist weht wo er will. Und unserer Überzeugung nach weht er in allen Religionen, selbstverständlich und unter den Religionen. Und wir wollen heute dazu beitragen, dass der Geist noch stärker weht in uns auch. Und ein Teil dazu leisten, dass die Religionen zusammenkommen, sich kennenlernen und sich gegenseitig bereichern.“ Dies sind die Worte, welche der hoch engagierte Pfarrer der Dortmunder Evangelischen Lydia-Gemeinde, Friedlich Laker, am Abend des Pfingstmontag zur Begrüßung der zahlreich erschienen Gäste der „Nacht der Religionen 2015“ in der Pauluskirche spricht. Einer Veranstaltung, die nunmehr bereits seit zehn Jahren an diesem Ort inmitten des spannenden Kiezes, der Nordstadt – wo Menschen aus über 120 Nationen (dazu auch hier) ihr Zuhause haben – traditionell stattfindet. „Das ist für uns ein Reichtum“, so Pastor Laker. Interessierte aus nahezu aller Altersgruppen, angefangen bei Kleinkindern bis Menschen hohen Alter haben im Kirchenschiff Platz genommen. Darunter Menschen aus verschiedenen Ländern dieser Erde. Gläubige die unterschiedliche Religionen leben oder überhaupt keiner Religion angehören sitzen nebeneinander.

Zur Ouvertüre leckere Speisen im Kirchgarten

Kulinarisches im Kirchgarten.

Kulinarisches im Kirchgarten.

Draußen im Kirchgarten werden sozusagen als Ouvertüre  vor späterer  geistiger und geistlicher  Kost leckere Speisen und Erfrischungen angeboten. Präsent sind  Alevitische Gemeinde Dortmund e.V.(türkisch, herzhaft), die Al Fath-Gemeinde (marokkanisch, süß, köstlicher Pfefferminztee) und die Dayemi (indische Dal-Suppe).

Kinder eröffnen das Programm unter Leo Lebendigs wieder „eingeflogenen“ weitgereisten Säule

Das Publikum ist mit einbezogen. Es wird mitgesungen. Und zwar unter der „Flying Human Soul“ des Künstlers, Lichtmalers, Leo Lebendig. Die Säule, sich stetig verändernd, ist längst Tradition und zur  Legende geworden. Bereits 2005, erklärt Friedrich Laker, hatte man ihr Vorgängermodell dabei.

Leo Lebendig (links) erklärt das Symbol "Zwei Menschen in einem Kopf" (rechts in den  Händen von Pastor Friedrich Laker.

Leo Lebendig (links) erklärt das Symbol „Zwei Menschen in einem Kopf“ (rechts in den Händen von Pastor Friedrich Laker).

Der Künstler spricht zu Bildern auf der Leinwand über seine nun vorm Altar der Pauluskirche schwebenden „Human Soul“. Die ist über die Jahre in vielen Ländern, darunter Israel und den Niederlanden, zu Gast gewesen. Nun hat sich die Säule – für die Zuschauer zu sehen – „ein Stück weit erhoben“, sagt Laker. Von ihrer Reise durch die Welt sei die fliegende Säule im letzten Jahr wieder nach Dortmund ins Rathaus zurückgekehrt und habe Werbung gemacht für die Abschaffung der Atombomben 2020. Leo Lebendig: „Zu diesem Anlass hat sich die Säule erhoben und fliegt seitdem mit dieser Bitte an die Politiker, die Menschen und Religionen der Welt“,  alle mögen sich sich „für die Abschaffung dieser fürchterlichen Waffen einsetzen“. Deshalb „hat sie sich vor einem Jahr erhoben und ist gen Himmel geflogen“, so Lebendig weiter. Jetzt sei sie wieder an ihren Ursprungsort, die Pauluskirche, zurückgekehrt. Der Künstler erklärt die an der Friedenssäule  angebrachten verschiedenen Symbole der Vielfältigkeit. Für die Hindus, die Buddhisten, die Muslime, die Christen, die Bahai und die Juden. Selbige Symbole finden sich ebenfalls auf einem von Leo Lebendig gestaltetem Hemd wieder. Genauer wird das „Happy Men“ erklärt. Es symbolisiert zwei Menschen, die sich in einem Kopf treffen. Lebendig selbst erblickt darin seine Frau und sich. Wer in das spiegelnde Objekt hinein schaut, wird sich selbst und den Himmel entdecken. Und mit sich selbst die Religion, verspricht Leo Lebendig.

Bahai-Tanzgruppe beeindruckte mit  ausdrucksvoll erzählten Geschichten für Frieden, Einheit, Gleichberechtigung und gegen Gewalt

Bahai-Tanzgruppe "Steps to Peace World" wirbelt über die Bühne.

Bahai-Tanzgruppe „Steps to Peace World“ wirbelt über die Bühne.

Einer der Höhepunkte ist der Auftritt der Bahai-Tanzgruppe „Steps to Peace World“. Die Mädchen und Jungen stellten in ihren Tänzen äußerst beeindruckend gesellschaftliche Probleme dar. Beginnend mit dem obligatorischen Tanz, der die Kraft und den Enthusiasmus der Jugend verkörpert. Und von der notwendigen Einheit, die die Grundlage für den Zusammenhalt ihrer Gruppe ist, erzählt. Eine der Tänzerinnen zitiert aus den Schriften der Bahai-Religion:

„So machtvoll ist das Licht der Einheit, dass es die ganze Erde erleuchtet.“

 

Weitere Tänze erzählten auf beeindruckende Art und Weise, sowie höchst professionell und sehr ausdrucksstark ausgeführt über Rassismus und Ausgrenzung und Liebe. Die Bahai-Religion erfahren wir, lege großen Wert auf die Kindererziehung und deshalb zugrunde, dass jedes Kind über Fähigkeiten und Talente verfüge, die mithilfe der Erziehung entfaltet werden könnten. In der Bahai-Religion heißt es dazu:

„Betrachte den Menschen als ein Bergwerk, reich an Edelsteinen von unschätzbaren Werte. Nur die Erziehung kann bewirken, dass es seine Schätze enthüllt und die Menschheit daraus Nutzen zu ziehen vermag.“

Wichtig: Die Vermeidung von Vorurteilen. Kinder, so die Tänzerin, müssen lernen, dass alle Menschen unabhängig von Religion, Rasse, Geschlecht und Nationalität gleichberechtigt seien.

Saad & Brothers brachten  Wärme und Liebe in die Herzen Besucher

Saad & Brothers.

Saad & Brothers.

Mit einer religiösen Botschaft, einer Botschaft des Friedens für diese Welt verstanden mit traditionellen Gesängen zu traditionelle Musik auf traditionellen Instrumenten, aber auch mit Liedern, die sehr modern interpretiert werden, das Kirchenpublikum die Saad & Brothers (YouTube-Video nicht von der Veranstaltung) in ihren Bann zu ziehen. Musiker, welche Pastor Friedrich Laker bereits vor Jahren in der 1999 in Dortmund gegründeten Al Fath-Moschee kennenlernte. Die Vier brachte Wärme und Liebe in die Herzen der so unterschiedlichen im evangelischen Gotteshaus Versammelten. Herzlicher, emphatischer Beifall aus dem Kirchenschiff.

Al Fath-Moschee: „Den Mensch in den Mittelpunkt stellen“

Im Anschluss interviewte Friedrich Laker einen Vertreter der Al Fath-Moschee. Der 1999 gegründeten Moscheegemeinde geht es darum einen positiven Beitrag für die Gesellschaft zu leisten. Das heiße, nicht nur intern aufzuklären, sondern den interreligiösen Dialog voranzubringen. Pastor Laker gefällt, dass diese Gemeinde ihren Glauben „mit wirklich viel Liebe, mit Herz und Leidenschaft lebt“. Denn bei manchen sehr traditionellen muslimischen, aber auch bei dementsprechenden christlichen Gemeinden, habe er erlebt, dass man „nur sehr stark darauf achtet, dass die Tradition nicht verloren geht. Und eher angstvoll reagiere“. Was aber erfreulicherweise bei der sehr offenen Al Fath-Moschee so überhaupt nicht der Fall sei. Sei aber eine zu starke Gefühlsbetonung in den Religionen – fragt Laker seinen Gast aus der Al Fath-Moschee –  nicht „auf der anderen Seite der Grund, warum Religionen missbraucht werden können?

Der Pastor spricht auf die Glaubensschwestern und Glaubensbrüder des Gastes in den Krisenländern, etwa in Syrien oder dem Irak an. Und erinnert daran, dass die meisten Opfer der lokalen Konflikte und des Terrors doch selber  Muslime seien. Der Moschee-Vertreter verweist auf die guten Beziehungen zur Pauluskirchen-Gemeinde und spricht von Spiritualität und Gemeinsamkeit. Herausgefunden habe man zusammen mit dem Pastor, dass Menschen egal welcher Religion – werde sie nicht spirituell und mit Leidenschaft gelebt –  sondern mit „oberflächlicher Religionspraxis, die viele Menschen in jeder Religion haben, leider zu Fundamentalismus oder Extremismus führt“. Barmherzigkeit stehe an oberster Stelle in den Religionen. Was auch für die Liebe mit gelte. Dafür gibt es reichlich Applaus. Ein weiteres Gemeindemitglied ergänzt: Werde Religion missbraucht, scheine es als wäre es Liebe und Herz, spreche aber mehr Emotionen an. Verunsicherte etwa,  mit nur bruchstückhafter  Kenntnis ihrer Religion könnten so rasch Extremisten auf den Leim gehen. Man habe gesellschaftliche Probleme im Jugendbereich, welche nicht oder „zu wenig angegangen“ würden. Die Jugendlichen müssten aufgenommen und ihnen eine Perspektive geboten werden. Ansonsten bestünde die Gefahr des Abdriftens. „Den Mensch in den Mittelpunkt stellen“, sei die Devise. Und zwar unabhängig von seiner Religion und seinem Herkommen. Weshalb es gelte „zuzuhören und die Sorgen des Menschen“ zu erkennen.

Bengalische Lieder mit Panne und ein leibhaftiger Sheikh

Nach dem gleichfalls interessantem, aber leider durch einige technische Pannen leicht beeinträchtigte (der zu bedauernde, herum wieselnde Techniker nahm’s mit Fassung: „Das ist halt life“) bengalischen Künstler Abdul Munim betrat ein leibhaftiger Sheikh – sein weiterer Name: Din Muhammad Abdullah al Dayemi – die Kirchenbühne. Pfarrer Friedrich Laker interviewte mithilfe eines Dolmetschers auch den Gründers der heutigen Dayemi Tariqat.  Die  Organisationwird  von den USA aus geführt. In Deutschland wird die Dayemi Tariqat durch die gemeinnützige Dayemi-Gemeinschaft e.V. mit Sitz in Dortmund vertreten. „Seit 1991 unterstützen wir die Finanzierung der Grundbedürfnisse (Nahrung, Kleidung, Unterkunft, Medizin und Lehrmaterialien) von über 2000 bengalischen Waisen- und Schulkindern“, so die Eigenauskunft der Organisation im Internet. Der Sheikh erklärt  Sinn und Arbeit des Tariqat mit einem US-Dichterwort:

„Es gibt in der ganze Welt nur einen Menschen, dessen Namen ist alle Menschen. Es gibt auch nur eine Frau auf der Welt und ihre Name ist alle Frauen. Und es gibt nur ein Kind auf der Welt und der Namen dieses Kindes  ist alle Kinder.“

Der humorvoll-mystische Sheikh Din:

„Wir müssen beispielhaft leben, bevor wir Frieden predigen oder lehren“

Sheikh Din (rechts) und Interviewer Friedrich Laker (links). In der Mitte der Übersetzer.

Sheikh Din (rechts) und Interviewer Friedrich Laker (links). In der Mitte der Übersetzer.

Pastor Friedrich Laker spricht gegenüber dem amerikanischen Gast an, dass das auf Shah Sufi Sayed Dayemullah zurückgehende Dayemi Tariqat stark vom Sufismus geprägt ist. Und davon, dass der Sufismus  ja mit Mystik zutun habe. Der mit einer guten Portion Humor ausgestattete Sheikh hat es dann auch mit dem Mystischen. Dass er und seine Mitstreiter („uns) zu dieser Organisation und Bangladesh kamen sei ein großes Geheimnis, wie es ein großes Geheimnis sei, wie man nach Deutschland gekommen sei. Ebenso sei es „a mystery“ wie man in die Pauluskirche gekommen ist, bleibt der Sheikh geheimnisvoll. Was ist die zentrale Aussage des Sufismus, will der evangelische Pastor wissen. Der Sheikh darauf:

„Das Herz aller Religionen ist die Liebe. Sufismus können wir nicht von einer Bewegung der Liebe trennen. Das Ziel aller Religionen ist Friede mit Gott. Sufismus können wir also auch nicht von dem Wunsch nach Friede mit Gott trennen. Das Ziel aller Religionen ist sein eigenes wahres Selbst zu finden. Wir können also Sufismus auch nicht von der Kenntnis des wahren eignen Selbst trennen.“

 

Und zu Laker spricht der Sheikh: „Du bist ein Sufi“. Sufismus werde oft missverstanden. Auch dieses Wort sei ein Geheimnis. Manche meinten, es käme von „Reinheit“.

„Man kann auch sagen, dass Sufismus von denen spricht, die in der vordersten Linie sind. Der Sheikh weist auf die „Frontline“, die erste Kirchenbankreihe: „Es gibt nicht viele, die ganz vorne sitzen. Es gibt auch nicht so viele Sufis. „Sufismus ist Teil des Islam.“ Und: „Da Islam Friede bedeute, kann auch der Sufismus nicht von der Bewegung des Friedens getrennt werden.“

Noch eine Fragen von Friedrich Laker nach den Krisen und Kriegen. Wie Frieden schaffen? Was können wir – von hier aus – was könnten die Sufis dafür tun?

Sheikh Din Muhammad Abdullah al-Dayemi dazu lachend: „Das ist die One-Million-Dollar-Question.“ Jeder müsse bei sich selbst damit anfangen und dann den Kreis um sich herum erweitern. Eine Binse zwar; aber – wie wir wissen: Das im Grunde Einfache, das schwer zu machen ist. Gestern in der Pauluskirche hat sich einer dieser größerer Kreise zusammengefunden. „Wir müssen beispielhaft leben, bevor wir Frieden predigen oder lehren“, meint der Sheikh.

Gespräche, stille Einkehr und leckere Speisen in der Pause

Ein Gemeindemitglied der Al Fath-Gemeinde im Gespräch mit Sheikh Din.

Ein Gemeindemitglied der Al Fath-Gemeinde im Gespräch mit Sheikh Din.

Die Pause nach drei Stunden auf harten Kirchenbänken aber abwechslungsreichem Programm und dazu unablässig durch Leo Lebendigs schwebenden Säule einfließenden Heiligen Geistes – oder wollen wir es einfach Lebens- und Friedensenergie nennen? – verbrachten die Zuschauer bei leckeren Speisen oder interessanten Gesprächen mit unterschiedlichsten Menschen, Sheikh Din oder einfach bei stiller Einkehr, sozusagen beim Sackenlassen im Kirchgarten.

Der Fotograf Andy Spyra mit berührenden Bildern aus den Kriegs- und Krisengebieten dieser Welt

Gestärkt, ausgeruht – wie auch immer – ging es nach der Pause wieder hinein in die Pauluskirche zwecks Rezeption des zweiten Teils der „Nach der Religionen 2015“. Der Fotograf Andy Spyra machte sogleich mit harten Fakten und ergreifenden Bildern den Anfang. Der aus der Region um Dortmund stammende junge Mann erstattete Bericht aus eigener Anschauung. Und zwar über die  unter Krieg und Krisen oft seit Jahrzehnten leidenden Einwohnern der Ländern Syrien, Afghanistan, dem Irak, Nigeria, Palästina, der Türkei und Ägyptens. Spyra lehnt es ab als Kriegsfotograf bezeichnet zu werden. Seine Schwarz-Weiß-Fotos sind gerade sehr eindrucksvoll. Sie  erzählen vom unermesslichen Leid und der Not in den von Spyra bereisten Ländern.

Spyra sieht nach vielen Gesprächen mit den Menschen dieser Länder  und mittels einer distanzierten politischen Perspektive auf die Länder blickend absolut nicht den Islam als vordergründiges Problem. Einen Eindruck den die Mainstream-Medien oft vermitteln. Sondern für ihn ist es eine Mischung aus Problemen – 25 Prozent der Menschen in den betroffenen Ländern sind Jugendliche! -, die sich aus Korruption, Armut und fehlender Bildung eine ungeheuren Perspektivlosigkeit zusammensetze.  Da haben Rattenfänger wie ISIS freilich leichtes Spiel. Spyra berichtet nicht nur von Negativem. Die Bilder erzählen auch von vielen einzelnen mutigen Menschen, die in den Kriegs- und Krisengebieten tagtäglich unter widrigen Umständen Hilfe für die Menschen leisten. Andy Spyras bittere Einschätzung: Die Krisen könnten womöglich politisch in absehbarer Zeit gelöst werden. Die Traumata der Menschen säßen allerdings tief. Spyra hat auch  über den „Völkermord an den Armeniern im Osmanischen Reich“ gearbeitet. Und habe dabei  festgestellt: bis heute wirke  das vergangene Schlimme in den Gesellschaften nach.

Hinweis: Zum hochinteressanten Vortrag von Andy Spyra demnächst ein Extra-Beitrag von mir.

Nahid Farshin vom Flüchtlings-Hilfprojekt „Ankommen“

Ein weiterer Höhepunkt des Abends war Friedrich Lakers Gespräch mit einer in der Flüchtlingshilfe engagierten Frau. Nahid Farshi, die einst selbst vor 31 Jahren als Flüchtling nach Dortmund gekommen war und um die Sorgen und Nöte der Flüchtlinge in der Fremde weiß: Wie fahre ich mit der U-Bahn? Wie miete ich eine Wohnung? Wo kann ich mir zum Sprachkurs anmelden? Wer hilft mir beim Ausfüllen vom Formularen? Heime mögen nicht so angenehm sein. Aber die Dame gibt zu bedenken: Vor allem Flüchtlinge in eigenen Wohnungen seien „wirklich, wirklich alleine gelassen“. Die Stadt Dortmund habe 6 (!) Sozialarbeiter für derzeit zirka 2000 Flüchtlinge. Die können sich gar nicht um alle und alles kümmern. Um etwas zu tun, ist ein Hilfsverein gegründet worden. Das ehrenamtliche Team des gemeinnützigen Projektes „Ankommen“, erfahren wir von der Vorsitzenden Nahid Farshi besteht aus 30 Helfern. Es wird kostenloser Deutschunterricht erteilt.

Pastor erinnert daran, dass für Hilfe immer Dankbarkeit und Liebe zurückbekomme. Und er erzählt noch von einer Flüchtlingsfamilie die derzeit in Kirchenasyl in Dortmund lebt. Bekanntgeben tue man den Ort, an welchen sie sich aufhalte, ausdrücklich nicht. Die Nazis haben schon eine Suche gestartet. Wohl um die Familie zu bedrohen. Zustände  anno 2015 in Deutschland. Im Anschluss an diesen Programmteil trug ein iranischer Flüchtlinge ein Stück zur Gitarre vor.

Die Geist wehte, die Energie strömte

Dicht an dicht folgten weitere interessante Auftritte. Nach dem Ensemble DRAJ mit jiddischen Liedern – nach Programmpunkt musste der Chronist leider die Pauluskirche aus Zeitgründen  verlassen – gab es laut Programmzettel „Alevitische Lieder“ mit Kilic Altundai und einen Auftritt von Spirit of India mit Dinesh Mishra, Ustad Hanif Khan und Rechnungpa. Für den Abschied mit Spiegelbild war ein Segen an der „Human Soul“ eingeplant.

Ein hervorragender Gastgeber und Moderator: Pastor Friedrich Laker.

Ein hervorragender Gastgeber und Moderator: Pastor Friedrich Laker.

Die Kirchturmspitze der Pauluskirche vom Kirchgarten aus gesehen.

Die Kirchturmspitze der Pauluskirche vom Kirchgarten aus gesehen.

Der Gastgeber diesen herrlich-besinnlichen, aber auch äußerst  facettenreichen untehaltsamen Abends in der Pauluskirche,  Friedrich Laker,  eingangs: „An Pfingsten feiern die Christen das Kommen des Heiligen Geistes. Und in der Bibel steht, der Geist weht wo er will.“ Der Geist hat in der Pauluskirche geweht. Energie fuhr  durch die Kirchturmspitze der Pauluskirche in die weitgereiste „Human Soul“ des Lichtmalers Leo Lebendig ein. Hauptsächlich entströmte diese positive Energie aber den vielen interessanten Wort- und Liedbeiträgen der Gäste dieser Nacht der Religionen 2015. Und als Besucher dieser nun schon seit zehn Jahren stattfinden Veranstaltung hat man diese Energie zu einem gewissen Teil verinnerlicht und mit nachhause getragen. Für den Frieden muss  nun jede/r selbst etwas tun. Sheikh Din  ist da unumwunden zuzustimmen. Es ist das eigentlich Einfache, das oft so schwer zu machen ist.

Deutschlandpremiere von „Ufer der Frauen“: Berührendes, fulminantes Moskauer Gastspiel

Die „Reise“ von Dortmund in die Stadt des Grimme-Preises, Marl, hat sich allemal gelohnt. Jetzt führen die Ruhrfestspiele das Zepter dort. Das Theater Marl ist eine der Spielstätten des größten europäischen Theaterfestivals. Gestern nun stand auf den Marler Bühne die Deutschlandpremiere von „Ufer der Frauen“ auf dem Spielplan. Ein Gastspiel vom  Vakhtangov-Staatstheater Moskau.

Spielort ist ein Café in Frankreich. Das sonore Tuten eines Dampfers aus der Ferne aktiviert schläfrige Kellner. Einige Tische und Stühle. Darüber drehen sich Ventilatoren. Rasch werden die Kellner zu dienstbaren Geistern. Und schon hat der unsichtbare Dampfer seine menschliche Fracht ausgespien. Fast wie Strandgut werden Frauen in unterschiedlicher Garderobe und aus den verschiedensten Klassen angelandet. Ersteigen samt ihrer verbliebenen, in Koffern und Taschen verstauten Habe dem Orchestergraben. Werden auf die Bühne geworfen, wo sie sich mehr oder weniger verloren umschauen.

Die Hoffnungen fahren gelassen

Es ist Zweiter Weltkrieg. Frauen aus allen möglichen Ländern und sozialen Milieus bevölkern die Bühne. Werden allmählich vertrauter mit der Lokalität. Sie befinden sich auf der flucht, andere wieder haben ihren Mann verloren und haben die Hoffnung nicht aufgeben, dass ihre Suche nach ihm am Ende erfolgreich sind wird. Andere Frauen haben offensichtlich alle Hoffnungen fahren gelassen. Sie drücken im Tanz ihre Verzweiflung aus. Teile eines sinnlos zerstörten Europas haben sie, selbst psychisch kaputt, vielleicht samt lieber Angehöriger und Geliebten panikartig hinter sich gelassen. Sie erwarten wohl keine Zukunft mehr. Überantworten ihr weiteres Leben, wenn man das denn noch so nennen kann, kommendem Schicksal. Hängen sich in ihrer Verzweiflung und dem Verlorenen nachtrauernd den Kellnern an den Hals. Dazu erklingen Chansons von Marlene Dietrich. Männer kommen und gehen. Einer wird in den Orchestergraben, respektive ins Meer, einen Fluss, geworfen.

Fulminantes Tanztheater

Die unterschiedlichsten weiblichen und männlichen Charaktere begegnen sich in kurzen oder längeren Bildern. Immer kurz abgeschlossen mit dem Ende einer Musikeinspielung. Die Bühne verqualmt und leicht düster blau. Nurmehr das monotone Flatsch-Flatsch der immerfort sich drehenden Deckenventilatoren ist zu hören.

Fulminantes Tanztheater erlebt man da. Welch Gesten, was für eine den jeweiligen Charakter der Darstellerin, dem Darsteller perfekt zeichnende – nie überzeichnende, was rasch peinlich wirken würde – ausgefeilte Mimik! Einige Minuten fühlte ich mich an den großartigen wortlosen Film „Le Bal – Der Tanzpalast“ erinnert. Aber „Ufer der Frauen“ ist kein befürchteter Abklatsch dieses Filmes. Allenfalls nimmt die ausgezeichnete Regie/Choreografie (Angelika Holina) – ob bewußt oder unbewusst – ganz leichte Anleihen, lehnt sich was die Zeichnung der köstlichen Charakere an diesen großartigen Streifen an. Große und kleinere Darsteller im freilich komisch wirkendem Kontrast zu einander in Szene gesetzt – dazu deren herrlich perfekt ausdrucksstark getanzten, bis winzigste Detail hinein erarbeiteten Charaktermerkmale. Man möchte aus seinem Zuschauersitz aufspringen und los jubeln. Zwischen den Szenen dann auch immer wieder Applaus. Dazu: Als Zuschauer ist man aus dem Alltag hineingezogen in diese hervorragende Inszenierung – geradezu hineingefallen in sie! Tief Berührend all das. Das hat was von Slapstick, von unfreiwilliger Komik. Aber dann doch auch wieder wohnt dem Ganzen eine zu Herzen gehende Melancholie inne. Die „Ureinwohner“ von Istanbul, Istanbuli genannt, dürfte das, was da durch das Moskauer Ensemble auf die Bühne gebracht wird in ihrer Wirkung mit dem Wort „hüzün“ (eine spezielle Melancholie, den Moloch der Bosporus-Metropole) kennzeichnen. Wie sagen wohl die Russen, die Moskauer dazu?

Pierre Cardin war beim Besuch einer Aufführung in Moskau sehr angetan

Pierre Cardin, so steht es im Programm der Ruhrfestspiele geschrieben, soll bei einem Theaterbesuch in Moskau so angetan von der Choreographie des Moskauer Vakhtangov-Ensembles gewesen sein, „dass er beim Applaus spontan auf die Bühne krabbelte, um sich bei den Akteuren zu bedanken. Am gleichen Abend noch kam ein Brief mit folgender Widmung: „In meinen Augen ist Marlene Dietrich eine Legende des zwanzigsten Jahrhunderts, eine bedeutende Frau und Künstlerin. Natürlich lässt es mich nicht unberührt, wenn ich so wie an diesem Abend meine, wieder ihre Stimme zu hören. Es war für mich heute sehr bewegend, die Lieder wieder zu erleben, die mir so vertraut und nahe sind.“

Ein perfekt aufeinander eingespieltes Ensemble

Immer wieder das Tuten des Dampfers zwischen den einzelnen Szenen. Das Flatsch-Flatsch der Ventilatoren an ihrem Schluss. Sehr gut gesetztes Licht all überall. Dazu die Kostüme, perfekt auf die Charaktere zugeschnitten. Zu Tränen fast gerührt ist man beim Tanz einer Frau, der von ihrem geliebten Mann nur noch der Mantel – ein Soldatenmantel – geblieben ist. Dazu der Gesang von Marlene Dietrich. Da drücken dann doch die Tränen. Am Stückschluss – das Theaterereignis läuft eineinhalb Stunden ohne Pause – dann sind bedrohlich klingende Stiefeltritte zu hören. Erschrecken und Furcht in den Gesichtern der Darstellerinnen und Darstellern auf der Bühne: Sie sind von Grauen eingeholt worden!

Einzigartig. Ein perfekt aufeinander eingespieltes Ensemble mit großartigen solistischen Leistungen und großen Emotionen. Das ist wirkliches Tanz-Theater! Ein Schau-Spiel von beachtlicher Art dazu.

Möge der Faden der Kultur zwischen Russland und Deutschland nicht reißen

Und: passt das Stück nicht so gut erschreckend auch in unsere krisenhafte Zeit? Wo der Kalte Krieg wieder auferstanden zu sein scheint. Wie sagte doch Egon Bahr warnend vor einiger Zeit: „Wir leben in Vorkriegszeiten.“ Dank an die Ruhrfestspiele, dass sie diese brillante Inszenierung eingeladen haben. Die Achse Moskau-Marl funktionierte! Möge wenigstens der Faden der Kultur zwischen Russland und Deutschland nicht abreißen. Wenn schon herrschende Politik in Brüssel und leider auch in Berlin dafür gesorgt hat, dass von den selbst im vormaligen Kalten Krieg in der Ära Brandt geknüpften gar nicht mal so schlechten Beziehungen zwischen beiden Ländern einiges an Porzellan bereits angeschlagen – hoffentlich nicht zerschlagen – ist.

Bis Pfingstmontag noch im Theater Marl

Das Vakhtangov-Staatstheater Moskau spielt das Stück noch zweimal in Marl. Heute ab 19 Uhr, morgen und auch am Pfingstmontag jeweils um 18 Uhr. Vielleicht gibt es ja noch Karten? Ich kann die choreographische Komposition nach Liedern von Marlene Dietrich in der Regie und Choreographie von Angelika Holina nur wärmstens empfehlen. Spasiba Vakhtangov-Staatstheater! Danke Ruhrfestspiele! Extraordinär. Meine „Reise“ von Dortmund nach Marl hat sich mehr als gelohnt.

Das Theater Marl am Abend; Foto: Claus Stille

Das Theater Marl am Abend; Foto: Claus Stille

Deutschlandpremiere

„Ufer der Frauen“ (kurzes Video via Ruhrfestspiele/Youtube)

Bühne: Marius Jacovskis

Kostüme: Juosas Statkevichus

Es tanzen: Ensemblemitglieder des
Vakhtangov-Staatstheaters Moskau

Im Theater Marl bei den Ruhrfestspielen

Kiewer Geheimdienst SBU steckt hinter Einreisesperre für RT-Journalistin Anna Schalimowa

Das amtliche ukrainische Papier ist die Einreisesperre für die deutsche Journalistin Anna Schamilowa; via RT Deutsch

Das amtliche ukrainische Papier belegt die Einreisesperre für die deutsche Journalistin Anna Schamilowa; via RT Deutsch

Es dürfte noch nicht vorgekommen sein, dass einem deutschem Journalisten oder einer Kollegin  die Einreise in die Ukraine verwehrt wurde. Erst recht nicht, dass dann auch noch ein dreijähriges Einreiseverbot über ihn/sie  verhängt wurde. Der deutschen Staatsbürgerin Anna Schalimowa geschah jedoch genau dies. Und zwar gestern. Die RT-Deutsch-Journalistin hatte zwecks einer Reportage über den Kiewer Flughafens Borispol in die Ukraine  einreisen wollen. Nach der Passkontrolle war sie von einem jungen Beamten zur Befragung herausgefischt worden. Schalimowa twitterte an ihre Redaktion in Berlin:

aschalimowa @anna_schalimowa

#SBU verhängt 3jähriges Einreiseverbot in #Ukraine gegen mich ohne Angabe von Gründen.

8:11 AM – 22 Mai 2015

Anna Schalimowa am Telefon

Der SBU ist der ukrainische Geheimdienst. Der SBU, teilte ihr der nette Beamte mit, habe mit Gültigkeit vom 19. Mai, ein dreijähriges Einreiseverbot verhängt. Das Einreiseverbot wurde nicht weiter begründet. Anna Schalimowa befand sich gestern im Transitbereich des Flughafens, ohne Zugang zu Essen und Trinken. RT Deutsch stand  im Kontakt zur deutschen Botschaft in Kiew. Der zuständige Konsularbeamte laut RT Deutsch dazu: “Da können wir auch nix machen”. Das Auswärtige Amt in Berlin wurde über den Vorfall informiert, verwies aber auf die Souveränität der Ukraine in solchen Angelegenheiten. Inzwischen dürfte die Journalistin nach Deutschland zurückgekehrt sein. RT Deutsch-Moderatorin Jasmin Kosubek berichtete in der gestrigen Sendung „Der fehlende Part“ eingangs über den Fall. Anna Schalimowa gibt darin telefonisch zu ihrer Lage Auskunft.

Im Telefongespräch erklärte Anna Schalimowa laut RT Deutsch, „dass selbst der Passbeamte sich darüber erstaunt zeigte, dass sie nicht zuvor über das Einreiseverbot informiert und auch keine weiteren Angaben zu den Gründen des Einreiseverbotes dargelegt wurden. Zudem meinte der Beamte, dass es seines Wissens nach der erste Fall sei, dass einem Journalisten mit deutschen Pass die Einreise in die Ukraine verweigert und ein dreijähriges Einreiseverbot verhängt worden sei.“ Jasmin Kosubek kündigte an, „Der fehlende Part“ werde sich am Dienstag ausführlicher mit der Sache beschäftigen.

Alles Russische ist in Kiew derzeit des Teufels

Über die Gründe für Abweisung der deutschen Journalistin muss man freilich nicht groß spekulieren. Sie arbeitet für den deutschen Ableger des russischen Staatssenders Russia Today. Und in der Ukraine wird von der Kiewer Regierung derzeit alles verteufelt, was nur im Entferntesten mit Russland zu tun hat. Da bleibt eben auch die Pressefreiheit auf der Strecke. Und Berlin schweigt dazu. Von einem Protest des Auswärtigen Amtes  habe ich jedenfalls bislang noch nichts gehört.

Geheimdienstsumpf BRD – Mit Leichen im Keller leben?

Ja, zum Donnerwetter! Haben wir Deutschen denn überhaupt keine Selbstachtung, geschweige denn einen Arsch in der Hose?! Geht uns so etwas wie ein Schamgefühl völlig am selbigen vorbei? Wie drückte sich doch einst Sir Winston Churchill aus: „Man hat die Deutschen entweder an der Gurgel oder zu Füßen.“ Womöglich lag der Mann mit seiner Einschätzung gar nicht so falsch?

Leichen im Keller

In unserer Republik stinkt es widerlich aus allen Ritzen. Und zwar von unten her. Die Bundesrepublik hat zeit ihres Bestehens Leichen im Keller. Und irgendwann riechen die eben. Es gibt einen gewaltigen Geheimdienstskandal. Die, wie etwa die NSA kann in Deutschland spionieren wie und wo sie will. Dass unser BND, ohnehin ein Kind des US-amerikanischen Geheimdienstes, dem seit Anbeginn zu Füßen liegt und gar als Filiale des US-Dienstes fungiert ist für Experten wie Erich Schmidt-Eenboom und Menschen, die eins und eins zusammenzählen können, ist das auch nicht neu.

Nur die deutsche Bundesregierung tut so, als wisse sie nichts davon. Auf Anfragen wird abgeblockt. Ja, und auch gelogen, dass sich die Balken biegen. Man muss sich doch nur mal die Bundespressekonferenz anschauen und wie sich dort  Regierungssprecher Steffen Seibert windet! Den anwsenden Vertretern der  Presse (Vierte Gewalt!) wird rotzfrech die Auskunft verweigert. Es nicht bekannt, ob Seibert bereits Magengeschwüre bekommen hat von seiner Arbeit Lautsprecher der Regierung. Aber der einstige ZDF-Mann dürfte ja immerhin  gut bezahlt dafür sein, Presse und Volk an der Nase herumzuführen, zu belügen. Und wir lassen uns das gefallen?

Eine Staatskrise? Ja. Interessiert es jemanden?

Dass nun herauskam, dass es offenbar gar kein No-Spy-Abkommen mit den USA – geschenkt! Der Sumpf wird nur immer tiefer. Der Skandal größer. Eine Staatskrise? Ja. Interessiert es jemanden? Kaum. Was ein weiterer Skandal ist. Die Regierungsdeutschen zu Füßen der „Partner“ (Freunde sagt man schon gar nicht mehr) in Washington. Sie dürften doch aus dem ganzen Sumpf kaum noch mit dem Köpfen herauslugen! Ihre ganze Kraft verwenden sie darauf, sich aus dem ganzen Schlamassel heraus zu lügen! Wie lange noch wird es ihnen gelingen? Solange es ihnen die Demokratie samt Presse durchgehen lassen. Eigentlich gehörten sie längst aus dem Tempel gejagt. Mit Schimpf und Schande!

Hoffnung SPD? Die ist ja „am Arsch“!

Ist in Gestalt der SPD und Generalsekretärin Fahimi Hoffnung und zupackendes Handeln zu entdecken? Immerhin bezichtigen Spitzenvertreter der SPD den Regierungspartner seit Tagen der Lüge. Mehr als ein Drohen mit dem Zeigefinger ist das wohl nicht. Die SPD hat sich so gut wie abgeschafft, ist „am Arsch“, wie Sahra Wagenknecht kürzlich über die einst sozialdemokratische Partei sagte. Wollten sie wirklich etwas tun, müsste Gabriel mit der Faust auf den Tisch hauen und die Groko verlassen! Aber steht dies zu Erwarten? Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr.

Denn die alte Tante SPD wird mit ziemlicher Sicherheit selbst Dreck am Stecken haben. Was ist etwa mit der „Grauen Effizienz“, dem früheren Kanzleramtschef Frank-Walter Steinmeier, als Geheimdienstkoordinator unter Schröder? Ist der etwa sauber geblieben? Oder war Steinmeier – wie man ihm nachsagt – besonders effizient. Wenn der Sozialdemokrat nun auch vom Untersuchungsausschuss geladen würde? Steinmeier dürfte mehr Dreck am Stecken haben, als nur den Fall Murat Kurnaz. Das ist jener  Bremer Türke, den er hat auf Guantanamo länger  vor sich rotten lassen, als das nötig gewesen wäre.

Gewiss auch Brandt unter Zwang

Überhaupt gründen die Probleme tiefer. Begonnen hat die ganze Chose bereits vor der Gründung der BRD. Was man noch verstehen kann, weiß man doch, was Deutschland unter Hitler verbrochen hat! Sogar Willy Brandt als Bundeskanzler hat wohl am Tun amerikanischer Dienste nichts zu ändern vermocht.  Das betrifft alle bundesdeutschen Kanzler ab 1949. Immerhin hat Brandt Anstand besessen und ist wegen der Guillaume-Affäre zurückgetreten. Was bedauerlich und schmerzlich Viele gewesen ist. Und heute, wo der Skandal die Grundfesten der Bundesrepublik erschüttern müsste – da passiert nichts. So viel zu den immer so groß beschworenen Werten, die es zu verteidigen gelte.

Merkel lässt Seibert lügen, doch erstere bringt keiner mit der Regierung in Verbindung

Und Angela Merkel, die allseits so beliebte Kanzlerin der Herzen – die wird es doch richten? Da lachen ja die Hühner! Heribert Prantl auf Süddeutsche.de. sagt: ‎Merkel‬, die sich immer grundehrlich gebe, ist nicht ehrlich. Merkels Auftritte aus dem Jahr 2013 wirkten aus der heutigen Sicht “beinahe frech”. Gegolten habe doch immer “No Interest” statt “No-Spy-Abkommen”. Merkel habe nicht nur nichts getan, sondern auch noch vorgegaukelt, etwas zu tun. Was “Wählerbetrug” zu nennen sei. Prantl: Es war nicht bestes Wissen und Gewissen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel habe es lange geschafft, sich als aufrichtig darzustellen. Die BND-Affäre zeige ein ganz anderes Bild. „Man hat gelogen und lügen lassen“, so Prantl. Wozu ist denn der Seibert da?! Der kriegt ja Schmerzensgeld dafür.

Doch der in der Sowjetunion studiert habende Physikerin Merkel gelingt es wie immer auch hier zu entschlüpfen. Der Kabarettist Volker Pispers bringt auf den Punkt, warum:

„In einer Umfrage fanden 70% die Regierung beschissen und 70% die Merkel gut. Die bringen Merkel gar nicht mit der Regierung in Verbindung!“

Digitalcourage hat für die Regierung schon mal ein Rücktrittsgesuch vorformuliert

Hat Angela Merkel nicht längst ihren Amtseid („Schaden vom deutschem Volk abzuwenden“) gebrochen? Gehörte sie nicht längst zurückgetreten? Dazu der Verein Digitalcourage e.V. aus Bielefeld:

„Ausspähen unter Freunden. Das geht gar nicht“ sagte Angela Merkel
2013 während der NSA-Affäre und jetzt ist die Politik- und
Wirtschaftsspionage des Bundesnachrichtendienstes in Europa
aufgeflogen. Gleichzeitig will der BigBrother-BND 300 Millionen Euro
mehr für seinen Spionagehaushalt und er will in Zukunft anlasslos auch
soziale Netzwerke ausspionieren.

 

Für seine Praktiken und Absichten hat der BND, vertreten durch den
Überwachungs-Präsidenten Gerhard Schindler, einen BigBrotherAward
erhalten. Die vorausschauend treffsichere Laudatio hielt Dr. Rolf
Gössner.

Inzwischen erschüttert die BND-Affäre die große Koalition – leider
bisher ohne Konsequenzen.Um es der Regierung etwas leichter zu machen,
haben wir ein Rücktrittsgesuch vorformuliert.

 

BigBrotherAwards: Die Machenschaften des BND (Video)

Rolf Gössners BigBrotherAward-Laudatio auf den BND

Geheimdienst-Affäre: Digitalcourage hilft beim Rücktritt“ und erhebt den Schuh.

Die Fragen bleiben

Ja, liebe Leut‘, der bundesrepublikanische Sumpf ist schon verdammt tief. Wer weiß schon, wer künftig noch so alles hinein glitscht? Weiter lügen mit Seibert und eine Merkel, die sich heraushält – das wird nicht ewig gut gehen. Es riecht ja bereits aus vielen Ritzen. Auch wenn sich noch zu wenige von uns die Nasen zuhalten oder wenigstens rümpfen: Eine Staatskrise, ja: die dürften wir bereits haben. Nur müssen wir das endlich wahrhaben! Was wehtun wird. Aber ein teilweise auf einem Lügengebäude Regierungswesen wird irgendwann zum gefährlichen Unwesen.

Warum wir den ganzen Skandal haben, erläutert der Historiker Josef Foschepoth u.a. sehr gut in einem Tagesschau-Interview.
Foschepoth sagt dazu auch einiges in seiner Rede „Überwachungsstaat Deutschland 1/2“ bei der Verleihung des Wistleblower Awards an Edward Snowden.

Was bleibt uns zu sagen übrig? Geht uns das alles so überhaupt nichts an? Die eingangs gestellten Fragen bleiben bestehen: Haben wir Deutschen denn überhaupt keine Selbstachtung, geschweige denn einen Arsch in der Hose?! Geht uns so etwas wie ein Schamgefühl völlig am selbigen vorbei?

Stéphane Hessel würde uns ein „Empört euch!“ zurufen, Rainer Kahni redet uns mit einem „Wehrt euch!“ ins Gewissen und mit Immanuel Kant bleibt es beim „Sapere aude!“ – befreit euch aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit.

Oder sagen wir uns: Schwamm drüber. Weiter lügen mit Seibert und Merkel? Es liegt in unserer Hand, Sir Winston Churchills Einschätzung der Deutschen entschieden zu widerlegen.

GEMA Youtube: Wer ist die Henne, wer das Ei? Und was steht auf dem Etikett?

Empfehlung!

Bruno Kramm

Katz und Mausspiel im GEMA Youtube Streit, neue Episode – Jeder hat Recht, bezogen auf die eigene Auffassung. Und eigentlich geht es ja nur um den Text der Sperrtafeln. Doch dieser Text ist natürlich der subtile Versuch Deutungshoheit in der Sache der Sperrungen zu behalten. Ich habe mir deshalb erlaubt eine Tafel zu gestalten, die den eigentlichen Grund der Sperrung auf den Punkt bringt: „Dieses Video ist in Deutschland nicht verfügbar, weil das Urheberrecht noch immer nicht im digitalen Zeitalter angekommen ist..“

Wie auch immer: Die Sperrungen bleiben bestehen, bis auf weiteres vor dem DPMA.

Zugegebenermaßen steht das Urheberrechtswahrnehmungsgesetz aus Deutschland auf der Seite der GEMA. Stichwort: Kontrahierungs-Zwang und GEMA Vermutung. Auf der Seite Youtubes steht ein global empfundenes Internetrecht das auf nationale Barrieren stößt. Klar, das die GEMA sagt, sie sind nicht die Schuldigen der Sperrung, denn das Recht verlangt ja ein Lizenzierung die mit einem entsprechenden Tarif bezahlt…

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