Gedenkveranstaltung zum Antikriegstag in Dortmund

 

Die Gedenkveranstaltung zum Antikriegstag in Dortmund war gut besucht; Fotos: C. - D. Stille

Die Gedenkveranstaltung zum Antikriegstag in Dortmund war gut besucht; Fotos: C. – D. Stille

Gestern war Antikriegstag. Oder wie man es andernorts auch nennt: Weltfriedenstag. Am 1. September vor nunmehr 75 Jahren brachen die deutschen Nationalsozialisten den 2. Weltkrieg vom Zaun.

In vielen Orten fanden Veranstaltungen statt, um den Opfern dieses schrecklichsten aller Kriege zu gedenken. So auch in Dortmund.

Zum achten Mal bereits fand eine derartige Gedenkveranstaltung im Innenhof der Mahn- und Gedenkstätte Steinwache, einer in der Nazizeit berüchtigten Folterstätte der Gestapo mit angeschlossenem Hafttrakt.

In diesem Jahr stand die Gedenkveranstaltung unter dem Motto „Gegen Krieg – Nie wieder Faschismus“

Die Veranstaltung fand vor der Hintergrund der bedauerlichen Tatsache statt, dass die Bundesregierung eine Waffenlieferung an Kriegsparteien beschlossen hatte. Um der Lieferung ein demokratischen Mäntelchen umzuhängen, hatte sich Bundeskanzlerin Angela Merkel ausgerechnet am Antikriegstag herabgelassen, das Parlament über die Waffenlieferung debattieren zu lassen. Ohne jeglichen Einfluss auf die bereits beschlossene Sache.

Jutta Reiter, DGB-Vorsitzende Region Dortmund – Hellweg: „Dass hundert Jahre nach dem Beginn des Ersten Weltkrieges deutsche Truppen mit und durch die NATO wieder an den Grenzen Russlands stehen, hätte ich mir nie träumen lassen.“

DGB-Vorsitzende Dortmund - Hellweg Jutta Reiter.

DGB-Vorsitzende Dortmund – Hellweg Jutta Reiter.

Nach kurzer Begrüßung durch Martina Plum (Auslandsgesellschaft Dortmund) erfolgte eine musikalische Einstimmung durch die Sängerin und Songwriterin Vanessa Voss.

In der Ansprache äußerte die DGB-Vorsitzende der Region Dortmund Hellweg, Jutta Reiter, die Befürchtung, dass den fürchterlichen Ereignissen des 2. Weltkrieges zu wenig Lehren gezogen wurden. De facto sei zwar die Zahl der kriegerischen Auseinandersetzungen zurückgegangen, entstünde bei ihr ein „gegenteiliger Eindruck“. Jutta Reiter: „Die Kriege werden mehr. Und sie kommen näher. Afrika, Afghanistan, Gaza, Irak, Syrien, Ukraine seien hier als Beispiel mal genannt.“ Reiter gab zu bedenken, welche Gründe für die kriegerischen Auseinandersetzungen auch immer ausschlaggebend seien, sie würden durch militärische Intervention nicht gelöst.

Immer seien die militärischen Intervention zu groß und die humanitären zu klein. Kriege, so die Gewerkschafterin weiter, wären vielfach Zeichen von Hilflosigkeit: „Weder gut gemeint. Noch gut gemacht.“ Oft würden die sozialen Hintergründe von schwelenden Konflikten nicht beachtet oder bewusst übersehen. Aufgrund von „interessensgeleiteter Informationspolitik, Schuldvertuschung, des Untertünchens von Machtinteressen sei oft hinterher“ niemand mehr in der Lage „und zu verstehen, „was in den Krisengebieten wirklich vorgeht und wie komplett sich die Zusammenhänge darstellen.

Heute Freund. Morgen Feind. Heute Terrorist. Morgen Verbündeter“ gegen die Verbrecher des IS. „Krieg ist nicht die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln, sondern das Versagen der Politik auf ganzer Linie.“

Niemand von uns, versicherte Jutta Reiter, „sei nicht erschüttert .über den Völkermord der IS-Terroristen. Aber die Frage nach dem Warum scheint auch niemanden genauer zu interessieren. Die DGB-Chefin erinnerte daran, das der Westen eine Mitschuld an der Situation im Nahen Osten trage. Bezüglich der deutschen beschlossenen Waffenlieferungen stellte Jutta Reiter den naiven Glauben mancher infrage, die Waffen könnten irgendwann „wieder eingesammelt werden“.

Als Beispiel für die Fragwürdigkeit solcher Waffenlieferungen führte Reiter den Fall der IS-Terroristen an.

Die hatten ja mit regulären Waffen der irakischen Armee – die die zurückgelassen hatte – Morde an den Jesiden verübt. „Jede Waffe, die wir verkaufen ist potentiell auch auf uns gerichtet und mit dieser Grundannahme im Bewusstsein der Staaten kämen wir vielleicht einer Friedenspolitik schon bedeutend näher. Mit Waffen bringt man Waffen nicht zum schweigen“

Damit würde nur das „Eskalationslevel“ erhöht.

„Hilflose Lösungsversuche statt UN-Einsätze und eine vernünftige EU-Sicherheitspolitik.“

Die DGB-Vorsitzende sagte, wenn die litauische Ministerpräsidentin sage, Russland befinde sich im Krieg gegen die EU, dann sei das nicht nur eine verbale Aufrüstung, sondern eine Vorbereitung darauf, dass die NATO-Strategie gegen Russland sich ändern wird. Russland werde als Bedrohung für die euro-atlantische Sicherheit gesehen. Deshalb erhöhe die NATO ihre Präsenz an der Ostgrenze. „Zurück in die Zukunft?“, fragte Reiter: „Dass hundert Jahre nach dem Beginn des Ersten Weltkrieges deutsche Truppen mit und durch die NATO wieder an den Grenzen Russlands stehen, hätte ich mir nie träumen lassen.“

Die Gewerkschafterin fordert die Aufnahmefähigkeit für Flüchtlinge aus Krisen- und Kriegsgebieten hierzulande bedeutet zu erhöhen.

Diese Menschen müssten ein Recht auf Würde haben.

Aus diesem Grund sei an diesem Antikriegstag auch Flucht und Asyl ein Thema der Gedenkveranstaltung „hundert Jahre nach dem 1. Weltkrieg und 75 Jahre nach dem Beginn des Zweiten Weltkriegs“.

Interview mit Flüchtlingen

Martina Plum (rechts) interviewt Peyman Azhari (links) und Mohamad Alkadah (Mitte)

Martina Plum (rechts) interviewt Peyman Azhari (links) und Mohamad Alkadah (Mitte)

Des Weiteren stellte Martina Plum die Flüchtlinge Peyman Azhari (Iran) und Mohamad Alkadah (Syrien) vor, indem sie ein kleines Interview mit de erzählen beiden jungen Männern führte.

Mohamad erzählte, dass er im Oktober 2013 nach Deutschland gekommen sei. Dank der guten Betreuung seitens der Auslandsgesellschaft und eines ungeheuren Fleißes Mohamad bereits in bemerkenswert gutem Deutsch.

In seinem jungen Leben hat der mutige junge Mann schon dreimal Bekanntschaft mit syrischen Gefängnissen machen müssen. Martina Plum fragte, ob er sich denn all die schrecklichen Nachrichten im Fernsehen anschaue. Mohamad Alkadah sagte er gucke sich das an: „Aber ich glaube nicht alles. Nicht alles was sie sagen, kann man glauben.“

Insgesamt 73 Familienmitglieder habe er bereits in Syrien verloren, erzählte Mohamad.

Jetzt sei er in der Schule, mache seinen Hauptschulabschluss. Werden wolle er Flugzeugmechaniker.

Heimat 123

Dann wandte sich die Moderatorin dem 30-jährigen Peyman zu. Der aus wohlhabender Mittelschicht stammende Iraner – die Familie:vier Kinder, Vater, Mutter – ist bereits seit vielen Jahren in Deutschland. Über Nacht war die Familie im ersten Golfkrieg mit einem kleinen Fiat über die Türkei nach Deutschland geflohen. Peyman war damals gerade einmal vier Jahre alt. Auf Nachfrage erklärte Peyman sich hier in Deutschland gut aufgenommen zu fühlen. Tolle Menschen habe er kennengelernt, ein Studium sei ihm ermöglicht worden. Peyman ist Fotokünstler. Mit ihm zusammen hat die Auslandsgesellschaft das Projekt „Heimat132“ gestartet.

Peyman ist in Dortmund mit dem Fahrrad unterwegs und fotografiert und interviewt Menschen aus 132 Nationen – so viele Kulturen und Nationalitäten leben in der Dortmunder Nordstadt. Es geht um deren persönliche Geschichte.

Die einst im Iran einen gewissen Wohlstand gewohnte Familie hatte zunächst in einem einzigen Zimmer leben müssen.

Peymans Vater, so erzählt dessen Sohn habe den Verlust der Heimat und der Firma bis heute nie verwunden. Peyman Azhari: „Er ist, glaube ich, nie angekommen.“

Über sein Projekt hat Azhari ein Buch geschrieben, das demnächst herauskommen soll.

Nach diesem Interview sang die sympathische Vanessa Voss das gemeinsam mit Flüchtlingen aus Kamerun, Marokko und der Elfenbeinküste Xavier Naidoos „Dieser Weg“ (wird ein schwerer sein) – wie passend auf die Biografien der Flüchtlinge. Berührend.

Frank Siekmann (SLADO): „Hundertdreiundzwanzig Jahre lang hat der Paragraph 175 Homosexuellen das Leben zur Hölle gemacht.“

Schließlich trat noch – last but not least – Frank Siekmann vom Dachverband Schwuler, Lesbischer und Transidenten Vereine und Initiativen in Dortmund e. V. (SLADO) ans Rednerpult

Siekmann erklärte, warum der 1. September für die Lesben und Schwulen ein besonderer Tag ist. Am 1. September 1935 wurde der Paragraph 175, der Homosexualität unter Strafe stellt, gnadenlos verschärft. „Gezielt wurde schwule Männer verfolgt und in Konzentrationslager gesteckt.“ Nur wenige haben diesen Terror überlebt. Frank Siekmann erinnerte daran, dass nach dem Ende der Naziherrschaft und des 2. Weltkrieges dieser Paragraph keineswegs abgeschafft worden sei, sondern auch in der neuen Bundesrepublik bestehen blieb.

Weiter seien schwuler Männer nach diesem Paragraph verfolgt worden. Siekmann: „In der neuen Republik wurden viermal mehr schwule Männer verfolgt als in der Weimarer Republik. Zwischen 1949 und 1969 kam es in Westdeutschland zu 50.000 rechtskräftigen Verurteilungen nach dem Paragraphen 175. Die bis heute ihre Gültigkeit haben. Im Namen des Gesetzes wurden nach 1945 ganze Biografien zerstört.“

Für die Betroffenen hätten allein schon Verdacht schwul zu sein oder ein aufgenommenes Ermittlungsverfahren genügt, um sie ins Unglück zu stürzen. „Das kann man mit Worten nicht wieder gutmachen.“

Bis 1994 habe es (in der BRD) gedauert bis der Paragraph 175 insgesamt aufgehoben worden sei. „Hundertdreiundzwanzig Jahre lang hat der Paragraph 175 Homosexuellen das Leben zur Hölle gemacht.“ Man solle sich einmal vergegenwärtigen, dass mit dieser Aufhebung die Angst der Homosexuellen längst nicht vorbei gewesen sei, „dass die Diskriminierung fortdauerte.“

„Der Bundestag hat sein Bedauern ausgesprochen, dass Homosexuelle nach 1945 verfolgt wurden. Sein Bedauern. Aber nicht mehr. Die Verurteilungen sind weiter rechtskräftig. Es gibt keine Entschädigung für die Opfer. Keine Wiedergutmachung“, so Frank Siekmann. „Vorurteile und Homophobie sind weiterhin vorhanden.“ Die richtige Konsequenz aus der Geschichte des Paragraphen 175 müsse lauten: „Endlich die volle Gleichstellung. Aufklärung an Schulen und Jugendfreizeitstätten. Homo- und Transphobie müssen gesellschaftlich geächtet sein.“

Frank Siekmann berichtete an eine gemeinsam mit anderen Organisationen an eine Samstag vor einer Woche während des Christopher-Street-Day innerhalb eines breiten gesellschaftlichen Bündnisses durchgeführte Demonstration in Dortmund für ein Verbot der Partei „Die Rechte“. Siekmann: „Ich habe mich gefragt, warum uns die Presse zum Teil ignoriert hat, oder als ‚Gegendemo‘ bezeichnet hat. Die Gegendemo war die Partei „Die Rechte“, die die Wiedereinführung des Paragraphen 175 forderte.“

Kranzniederlegung für die schwulen und lesbischen Opfer der Nazidiktatur und Schweigeminute.Nach der Demo, berichtete Siekmann, habe er eine Mail von einem schwulen Mann bekommen. Der habe ihm geschrieben, die Demo habe ihm Mut gemacht. Es wäre eine andere Stadt gewesen.

.Der niedergelegte Kranz von SLADO

.Der niedergelegte Kranz von SLADO

Anschließend wurde ein Kranz zum Gedenken an die in der Nazizeit verfolgten und hingerichteten Schwulen, Lesben und Transidenten nieder- und eine Schweigeminute und eine Schweigeminute für sie   eingelegt. Das Gedenken galt aber auch ausdrücklich den derzeit verfolgten und getöteten Lesben und Schwulen weltweit.

Noch einmal griff Vanessa Voss in die Saiten ihrer Gitarre und sang ein selbstgeschriebenes Lied: „Lay Your Weapons down“.

Dirk Loose vom Jugendring und ein Wort von Kierkegaard

Dirk Loose vom Jugendring Dortmund

Dirk Loose vom Jugendring Dortmund

Abschließend sprach Dirk Loose vom Jugendring Dortmund. Loose mahnte mit den Worten des dänischen Philosophen Sören Kierkegaard: „Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden.“ Dirk Loose beklagte die vielen Flüchtlinge weltweit. Er kritisierte, dass das Gewehr G36 weltweit zu finden sei. Statt militärischer Rüstung bräuchte es „ein Heer von zivilen Akteuren, die Technologien dorthin brächten, wo sie notwendig sei und Hilfe zur Selbsthilfe.

Die Gedenkveranstaltung klang mit einem weiteren Gesangsbeitrag von Vanessa Voss aus.

Information: Vom 2. bis zum 5. September findet zum vierten Mal in Folge das Dortmunder Friedensfestival am Katharinentor (am Hauptbahnhof) statt.

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