Buchtipp – Ekkehard Lieberam: „Die Wiederentdeckung der Klassengesellschaft“

Die Massen sind nicht (wie hier beim Arbeitskampf von ver.di in Dortmund) so leicht zusammen zu bekommen, um einen wirklichen Politikwechsel zu befördern; Foto. C. - D. Stille

Die Massen sind nicht (wie hier beim Arbeitskampf von ver.di in Dortmund) so leicht zusammen zu bekommen, um einen wirklichen Politikwechsel zu befördern; Foto. C. – D. Stille

Inzwischen sind die Klassenbegriffe zumindest verwischt. Jedenfalls nicht mehr eindeutig zuordenbar. Und Klassenkampf? Davon können höchstens noch gewesene DDR-Bürger ein Lied singen. Ein Lied, das ihnen mehr als zur Genüge im Staatsbürgerunterricht gesungen wurde.

Weniger etwa in der alten Bundesrepublik. Da sangen allenfalls die Linken dieses Lied. Mit wenig Erfolg. Denn die Arbeiterklasse für die sie kämpften waren (auch aufgrund der bloßen Existenz der DDR nebenan) vormals sehr alimentiert. Sie kämpfte kaum. Höchstens vielleicht fürs zweite Auto und mehr Urlaub. Ausnahmen bestätigten die Regel.

Begriffe wurden negiert oder verschwammen mit Hilfe von Meinungsmache

Nach der sogenannten Wende und der Angliederung der DDR an die BRD zum „neuen“ Deutschland verschwammen plötzlich sogar Begriffe wie „Links“ und „Rechts“. Diese Unterscheidung, so wollte man den Massen weismachen, hätten ausgedient. Nach dem Motto, nun geht es nur noch voran. Bald schon merkte man, was damit gemeint war: voran zurück. Ein Rollback setzte ein. All dies kulminierte dann auch noch in dem Begriff vom „Ende der Geschichte“, den Francis Fukuyama prägte.

Schon länger vor ihm war Margaret Thatcher der Meinung, so etwas wie ein Gesellschaft gäbe es gar nicht, sondern nur Individuen („There is no such thing as society“).

Nicht zuletzt wurden diese Urteile bewusst und somit mit Vorsatz hergestellt: gemacht. Ekkehard Lieberam schreibt in seiner neuesten Veröffentlichung „Die Wiederentdeckung der Klassengesellschaft“:

 „Im Rahmen der alltäglichen Meinungsmache zur Verschleierung der gesellschaftlichen Zustände und Vorgänge hat die systematische Verbreitung von untauglichen Begriffen ihren festen Platz.“

Nach Noam Chomsky, einem der bekanntesten US-amerikanischen Linguisten, gibt es eine Vielzahl von Techniken, um Massenloyalität und Zustimmung der Regierten für die Regierenden zu gewährleisten („Manufactoring Consent“) mittels Auswahl der Themen und spezifischer Stimmungsmache, mittels der Art der Darstellung und des Filtern von Informationen, mittels der Gewichtung von Informationen und nicht zuletzt eben auch der ‚Wortwahl der Berichterstattung‘.“ (siehe: „10 Strategien der Manipulierung“).

Die Arbeiterklasse gibt es nicht mehr

Einmal ungeachtet dessen ist heute zu konstatieren, dass es zum Beispiel die Arbeiterklasse – erst recht das Proletariat wie man es kannte – in ihrer früheren Masse und damit großen gesellschaftlichen Kraft kaum mehr zu finden ist. Dieser Tatsache geschuldet ist auch die dadurch logischerweise gesunkene Macht der Gewerkschaften. Die Dezimierung des gesellschaftlichen Gewichts der Arbeiterklasse hat nicht zuletzt auch mit der fortgeschrittenen und rasant weiter fortschreitenden Automatisierung der Produktionsprozesse und dem zunehmenden Wandel hin zu einer Dienstleistungsgesellschaft zu tun.

Doch kaum etwas ist besser dadurch geworden. Im Gegenteil: Die Schere zwischen arm und reich in unserer Gesellschaft klafft immer weiter auseinander.

Klassenkampf? Klar gibt es den noch. Nur wird der inzwischen aufgrund von Überlegenheit hauptsächlich von oben ausgeübt. Wer als der Milliardär Warren Buffett hätte das wohl unverblümter ausdrücken können:

„Wenn in Amerika ein Klassenkampf tobt, ist meine Klasse dabei, ihn zu gewinnen.“

Buffetts Aussage lässt unschwer erkennen, welche Klasse die mächtigere ist. Dazu kommt, wie bereits erwähnt: Eine Arbeiterklasse vom ursprünglichen Begriff her gedacht gibt es nicht mehr. Stattdessen eine Zersplitterung.

Veränderte Reichtumsverteilung

Im Kapitel „Soziale Ungleichheit/Unsicherheit als Klassenerfahrung“ ab Seite 15 der Broschüre schreibt Lieberam über die „erneute Popularität des Klassenbegriffs in der öffentlichen Debatte und im politischen Alltagsdenken“. Und er nimmt Bezug auf die „nicht zu übersehende(n) gesellschaftlichen Entwicklungen“ (…), und „die erfolgte Reaktion des politischen Denkens der Menschen (und besonders von kritischen Intellektuellen) auf die sich verschlechternde Klassenlage der abhängig Arbeitenden, auf veränderte Reichtumsverteilung, anwachsende soziale Unsicherheit und Armut auf eine regelrechte Explosion von sozialer Unsicherheit, auf einen verschärften Klassenkampf von oben.“

Der Autor verweist darauf, dass diese Entwicklung „besonders ausgeprägt“ in Deutschland vonstatten ging und geht.

Wird dies auch zu einer verschärften Reaktion seitens der davon Betroffenen führen? Wir wissen es (noch) nicht.

Allerdings können wie diese Reaktion durchaus für möglich halten, denn Ekkehard Lieberam hat diesem Kapitel folgende Bemerkung des Historikers Hans-Ulrich Wehler von 2013 vorangestellt:

„Wie lange kann es noch gut gehen, diese extreme Verzerrung nach oben, ohne, dass es politisch gefährlich wird.“

Demnach stellte sich mir ebenso die Frage, wie lange sich (frei nach Bert Brecht) die allerdümmsten Kälber noch ihre Metzger selber wählen werden.

Eine Erklärung, warum das weiterhin geschieht, könnte ein von Lieberam auf Seite 29 verwendetes Zitat von Wladimir Iljitsch Lenin von 1913 liefern:

„Die Menschen waren in der Gesellschaft stets die einfältigen Opfer von Betrug und Selbstbetrug und sie werden es immer sein, solange sie nicht lernen, hinter allen möglichen moralischen, religiösen, politischen und sozialen Phrasen, Erklärungen und Versprechungen die Interessen dieser oder jener Klasse zu suchen.“

Klassentheorie“ als „Schlüssel zum Gesellschafts- und Geschichtsverständnis“

Ab dieser Seite des Heftes setzt sich Ekkehard Lieberam mit der „Klassentheorie“ als „Schlüssel zum Gesellschafts- und Geschichtsverständnis“ auseinander.

In seiner Arbeit befasst sich Lieberam intensiv mit dem Gesellschaftsbegriff und der Geschichte der Klassen und des Klassenkampfes, der Klassentheorie sowie der Klassenstruktur.

Er zeigt u.a. dabei, dass Erkenntnisse von Hegel, Marx, Engels und anderen nach wie vor Bestand haben.

All die Exkurse in die weiter zurückliegende und jüngere Geschichte, das Thema betreffend, sind wichtig, um die Situation in der Gegenwart zu begreifen, um daraus Schlüsse ziehen zu können.

Ein paar Fehler, die mir bei der Lektüre ins Auge sprangen, tun dem Ganzen keinen Abbruch. Etwa wird auf Seite 33 unten die französische Revolution in das Jahr 1989 verlegt.

Auf Seite 38 oben erinnert Lieberam daran, dass „Klassentheorie“ (…) „eine Gesellschaftstheorie (ist), „die eine Neubestimmung der Politik-, Staats- und Rechtstheorie einschließt.

Ebenso daran, dass „Klassentheorie“ (…) „eine Theorie der Gesellschaft (ist), die soziale Klassen in ihrer Entwicklung und Veränderung begreift.“ (S. 39 oben)

Und sie „schließlich Handlungstheorie“ sei, die sich „mit der politischen Klassenbildung, Klassenhandeln, mit Fragen der politischen Organisiertheit und der politischen Handlungsorientierung“ (beschäftigt).

Diesbezüglich arbeitet sich der Autor im nächstem Kapitel (ab S. 42) an den entsprechenden „geschichtlichen Erfahrungen“ ab.

Gegen Ende des Heftes geht Lieberam der Frage nach, welcher Begriff (anstelle von Arbeiterklasse) „der heutigen Wirklichkeit“ entspricht.

„Ist der Begriff der Arbeiterklasse heute für die fragmentierte, sich strukturell und politisch differenzierende Klasse der den Eigentümern von Kapital gegenüberstehenden Klasse der Lohnarbeiter tauglich?“

Lieberam stellt fest, dass für „nicht wenige Angehörige dieser Klasse“ (…) der Begriff Arbeiterklasse nicht überzeugend (sei)“.

Er meint, „für Verwaltungsangestellte oder finanzielle Dienstleister“ sei beispielsweise die Bezeichnung „arbeitende Klasse (oder arbeitende Klassen) politisch sinnvoller.

Krasse Ignoranz unter den Linken gegenüber den Klassenmachtverhältnissen

„Klassenkampf“, führt Lieberam (S. 61 oben) aus, jeweils auch „der Kampf gegen die vom großen Kapital bedrohten Lebensinteressen – „gegen Umweltzerstörung, gegen unsinnige Großprojekte, gegen ein Steuersystem der Superreichen, gegen neue Kriege, gegen wachsende Armut, Überwachung und Verdummung“.

Im Kapitel „Klassenmobilisierung und Gegenmachtstrategie“ (ab S. 62) überprüft der Autor wie hoch die Chance, einen „Richtungswechsel hin zu sozialen und ökologischen Reformen und zur Bändigung des entfesselten Kapitalismus“ (…) „im Falle“ einer rot-rot-grünen Bundestagsmehrheit wohl wäre. Lieberam beurteilt die „damit verbundenen Illusionen“ bezüglich der Erwartungen des linken politischen Spektrums und speziell vonseiten der Partei DIE LINKE beinahe als naiv. Ekkehard Lieberam:

„Selten in der Geschichte des Kapitalismus hat es in Deutschland unter Linken, die den Kapitalismus ‚überwinden‘ wollen, eine derartige krasse Ignoranz gegenüber den Klassenmachtverhältnissen gegeben.“

Realistische Lageanalyse

Trotz nach der Bundestagswahl von 2013 vorhandener linken Mehrheit „mit immerhin neun Abgeordneten“ sein „ein wirklich ‚linkes Lager‘ offensichtlich aber nicht entstanden.

Und noch schwärzer, jedoch vollkommen  reell: „auch nirgendwo zu erkennen, nicht im Bundestag, nicht im Parteiensystem und nicht in der Gesellschaft.“

Nun, so der Autor, ruhten die Hoffnung auf einen Politikwechsel auf der Bundestagswahl 2017.

Und sogleich gibt er zu bedenken: „Da aber in der Politik weiterhin die machtpolitischen Gegebenheiten entscheiden werden, wird das gewiss nichts werden.“ Es drohte viel mehr die weitere Einbindung der Linken „in den herrschenden Politikbetrieb.“  Wie also weiter?

„Die bestehende politische Macht des Kapitals kann nur durch eine gegenüber dem derzeitigen Zustand deutlich gestärkte Gegenmacht, eine neue Qualität von Widerstand der arbeitenden Klasse und ihrer Verbündeten, eingeschränkt werden.“

Lieberam schlägt hier gewissermaßen eine konzertierte Aktion vor.

Und auf Seite 63 unten: „Aus der Sicht der derzeitigen Hegemonieverhältnisse“ sei „eine realistische Lageanalyse angesagt; „aus der Sicht einer realistischen Handlungsorientierung von links eine längere mühevolle Wegstrecke des politischen Kräftesammelns, des Ausbaus von gewerkschaftlicher und politischer Gegenmacht im Zuge sozialer und politischer Kämpfe, einschließlich der Vernetzung der antikapitalistischen Linken auf der Grundlage eines an den gemeinsamen Interessen der arbeitenden Klasse orientierten politischen Klassenprojektes.“

Lieberam: Großes Kapital sitzt derzeit fest im Sattel

Was mit Sicherheit nicht einfach ist und künftig womöglich lange Zeit sein wird. Den richtig verweist Ekkehard Lieberam daraufhin, dass das „große Kapital“ derzeit in der „Bundesrepublik politisch fest im Sattel“ sitze.

Dazu käme, dass die Formel von der „Krise ohne Widerstand“ ziemlich genau ins Schwarze treffe.

Die „strategische Kernaufgabe der LINKEN“ bestehe (der Autor zitiert dabei aus dem Programm der Partei DIE LINKE im Oktober 2011) „darin, zu einer Veränderung der gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse beizutragen, um eine solidarische Umgestaltung der Gesellschaft“ anzustoßen.

Gleichzeitig schränkt Lieberam ein, indem er etwaige Träumer auf den Teppich zurückholt, ein:

„Ohne wirkliche Erfolge auf diesem Weg ist weder eine politische Wende noch gar ein ’neuer Sozialismus‘ zu machen.“

Alles andere sei als „illusionär“ zu betrachten und führe nur auf einen Weg, „sich anzupassen, bereit, den Brückenschlag zu organisieren“. Wohin das führt sieht man bei Bündnis90/Die Grünen.

Wirklicher Politikwechsel nötig

Lieberam analysiert (auf S. 65 unten) richtig, dass „Klassenbewusstsein und Klassenhandeln“ über einen längeren Zeitraum rückläufig gewesen waren.

Nicht nur die (zwar inzwischen wieder fast eingeschlafene) Occupy-Bewegung sind Anzeichen dafür, dass hinsichtlich dessen ein zartes Pflänzchen zu wachsen im Begriff ist.

Es gelte die Zersplitterungen zusammenzuführen. Doch ein Politikwechsel allein bringe nichts, wenn er nicht die ganze Palette der gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten abschaffe, zu mehr sozialer Gleichheit führe, eine deutliche Arbeitszeitverkürzung herbeiführe und überhaupt eine Umverteilung des Reichtums von oben nach unten einleite. Von prekären Arbeitsverhältnissen, die Forderung, Auslandseinsätze der Bundeswehr „und überhaupt die Militarisierung der Außenpolitik zu beenden“.

Günter Gaus‘ Einschätzung bleibt gültig: (…) „dies ist eine Klassengesellschaft. Außer dem Bewußtsein davon fehlt ihr keines der einschlägigen Kriterien“

Dazu gehöre auch, die „Macht der medialen Meinungsmache“ zu durchbrechen.

Freilich stünden dann – wie am Ende der Broschüre ausgeführt – auch „Fragen der Ausbruchsstrategie aus der kapitalistischen Produktionsweise sowie einer überzeugenden Konzeption für einen zukünftigen Sozialismus“ auf der Tagesordnung.

Doch dies,fürchte ich, dürfte erst einmal noch einige Zeit schön klingende Zukunftsmusik bleiben.

Die Klassenbegriffe sind noch verwischt. Hier und da ist ein zartes Erwachen widerstrebender Kräft zu erwachen.

Als Fazit ist dem im  Verlagstext zitiertem Günter Gaus  zuzustimmen:

„Auch wenn die Solidarisierung der von dauerhafter Ausgrenzung Betroffener von vorherrschenden gesellschaftlichen Denkweisen noch erschwert wird, gilt ‚dies ist eine Klassengesellschaft. Außer dem Bewußtsein davon fehlt ihr keines der einschlägigen Kriterien“.

Diese Worte haben weiter Gültigkeit. Die Klassengesellschaft existiert. Es gilt nur, sie zu entdecken und die nötigen Schlüsse daraus zu ziehen. Ekkehard Lieberams Buch ist dabei sehr hilfreich.

Eine weitere empfehlenswerte Broschüre im Rahmen des pad-Projektes „Ökonomisches Alphabetisierungsprogramm“.

Es passt treffend in die Zeit. Und sollte daher im Buchregal interessierter Leserinnen und Leser nicht fehlen.

Ekkehard Lieberam

Die Wiederentdeckung der Klassengesellschaft

Klassenohnmacht, Klassenmobilisierung und Klassenkampf von oben

78 Seiten, 5 Euro

pad-Verlag/Bergkamen; pad-Verlag@gmx.net

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Kirchentag „Mensch und Tier“: Eugen Drewermann wirbt für Mitleid und mahnt neue Ethik an

Eugen Drewermann während seines Vortrages in der Dortmunder Pauluskirche; Fotos: C.-D. Stille

Eugen Drewermann während seines Vortrages in der Dortmunder Pauluskirche; Fotos: C.-D. Stille

Der Theologe, suspendierte katholische Priester, Psychoanalytiker und Schriftsteller Eugen Drewermann kommt von hinten durchs Kirchenschiff der evangelischen Pauluskirche zu Dortmund. Er nimmt das vorbereitete Handmikrofon vom Rednerpult auf der „Bühne“.

Zum Soundcheck hatte er sich schon einmal kurz vorher eingefunden. Mikrofonabstand zum Mund, Tonhöhe gab er professionell vor. Spricht: „Westfälischer Dialekt dürfte keine Schwierigkeit sein, komme ja von hier.“ Die Technik korrigiert. Drewermann fragt das Publikum, ob alles in Ordnung ist. Es müsse ja in dessen eignen Interesse liegen, alles deutlich zu verstehen. Ein Zischen hört er. Es wird abgestellt.

Wie ausprobiert, hält Eugen Drewermann das Mikrofon. Seine Worte sind deutlich zu verstehen. Der gebürtige Bergkamener hat sich neben das Rednerpult gestellt. Hinter eine weiße Skulptur, welche einen sitzenden Hund darstellt. „Eigentlich“, so hebt Drewermann an, müsste ich jetzt über das Schreckliche reden, was in der Ukraine, in Gaza und anderswo passiert …“ Aber ja, gewiss: er ist da, um zum Thema „Ich bin Leben inmitten von Leben, das leben will“ (Albert Schweitzer) zu sprechen.

Lebewesen, viel stärker als der Mensch bringen sich gewissermaßen dem Menschen zum Opfer

Ideologen sähen ein Problem, in der Verbreitung des menschlichen Speisezettels von pflanzlicher zu tierischer Nahrung. In den hunderttausenden Jahren „der Eiszeit vor allem auf der Nordhalbkugel hätten wir keine Überlebenschance gehabt, ohne auf die Jagd zu gehen. Unter Lebensgefahr.“ Zur Erhaltung der Art habe da Fleisch gegessen werden müssen. Man verwertete die Knochen und anderes. Essentiell zum Leben. Fast religiös das Gefühl: „Lebewesen, gewissermaßen viel stärker als der Mensch bringen sich „gewissermaßen zum Opfer, damit die Menschen leben können.“

Drewermann spricht vom Bär. Der könne auf zwei Beinen gehen. Er wurde noch im 20. Jahrhundert von sibirischen Stämmen wie ein göttliches Wesen verehrt. „Wenn wir sie schon töten, dann nicht ohne sie an den Himmel zu setzen“: Das Sternbild Großer Bär. Göttliches zu töten, verursachte Schuldgefühle. Bei bestimmten Stämmen, etwa in Afrika, pflege man noch heute durch eigene Versöhnungsriten, wenn man Tiere hat töten müssen. „Man möge ihnen die Entnahme von Lebensnotwendigen nicht verargen.“

Hemingway: „Man kann einen Menschen vernichten oder ihn nicht mehr lieben“

Dann kommt Eugen Drewermann auf Hemingways „Der alte Mann und das Meer“ zu sprechen. Nie hatte der alte Mann so einen mächtigen Fisch an der Leine, den er drillt, bis dieser sich aus dem Wasser heraus in die Sonne hebt. Der alte Mann fragt sich, welches Recht er habe, das zu tun.

Dann erlebe der Mann die Unbarmherzigkeit der Natur. Nachdem er den Fisch erlegt hat, sammeln sich die Haie. Fressen ihn bis aufs Skelett ab. So kommt der Mann mit der nach langer Fahrt mit der leeren Fracht im Hafen an. Die Formel Hemingways sei, so Drewermann: „Man kann einen Menschen vernichten oder nicht mehr lieben. Vom Kampf ums Dasein.“

Kulturen, die buchstäblich noch von der Jagd auf Tiere leben und leben müssen, brächten ein ungleich intensiveres, innigeres, sensibleres, respektvolleres Verhältnis zu den an unserer Seite lebenden Arten“ auf, als „wir Bewohner der Wohlstädte“. In späteren Zeiten – „seit 6000 Jahren, seit dem Beginn des Ackerbaus“ hätten wir zunehmend die Notwendigkeit zunehmend entbehren können, Tiere zu erlegen. Nur sie als Speise zu verwerten.“

Und Drewermann wirft die Frage in den Raum: „Was verbindet uns mit einem lebenden Tier?“

Gewiss sei es selbstverständlich, dass die Anwesenden für den Tierschutz eintreten. Wären sie sonst gekommen?

Jeden Tag werden auf der Erde etwa 150 Tier- und Pflanzenarten ausgerottet

Drewermann: „Es ist gar nicht mehr nötig, dass wir auf die Tiere Jagd machen.“ Die Jäger aber würden ihre Existenzberechtigung mit der Hege und Pflege des Tierbestandes beschwören, mit dem Artengleichgewicht. Natürliche Gegner existierten nicht, man müsse sie kurzhalten. Ihr Ersatz seien die Jäger. „Ob die Begründung zutrifft, stehe dahin.“

Für das Artengleichgewicht dürften sie von Nutzen sein und als Waldschützer notwendig. Stichwort: Verbiss durch Tiere. Aber das Töten dieser Tiere, so Drewermann, sei im Grund fast marginal im Gegensatz zu dem Schicksal, was wir allein durch die Tatsache, dass wir so existieren wie wir existieren den Tieren auferlegen. „Auch der heutige Tag wird nicht zu Ende gehen, ohne das im Durchschnitt etwa 150 Tier- und Pflanzenarten auf dieser Erde ausgerottet sein werden. Das geht seit etwa 30, 40 Jahren so.“

Das Zauberwort „Wachstum“ – „Der Druck, der dahintersteht ist die Bevölkerungsexplosion

All das interessiere so gut wie Niemanden. „Dass wir dabei sind, die uns am nächsten stehenden Artgenossen, biologische betrachtet: unsere Vettern auszurotten …“

All dies scheine den Regierenden egal zu sein. .„Der Druck, der dahintersteht ist die Bevölkerungsexplosion.“ Als Lösung für scheinbar alles fungiere stattdessen das uns gut bekannte, der wie ein Zauberwort Wort verwendet Begriff „Wachstum“. „Arbeitsplätze generieren, die Wirtschaftskrise lösen: Wachstum soll die Lösung sein. Für das Wachstum brauchen wir eine wachsende Zahl von Konsumenten.“

„Die Wirtschaft hat immer mehr an Wünschen.“

Zur Zeit seiner Geburt, 1940, sagt Drewermann, habe man noch bei 3,5 Millionen Erdbewohnern gestanden.

Fruchtbarkeit predigt die Kirche – Wir haben das kultiviert

Zu Jesus von Nazareths Zeiten – vor 2000 Jahren – leben auf der Welt 250.000 Millionen Menschen. Zu Luthers Zeit schon eine halbe Milliarde. In der Goethe-Zeit um 1800 leben

80 Prozent der Menschen auf dem Lande. Bis zu zwölf Kinder gebar eine Frau damals. „Die Hälfte starb vor der Zeit.“ Schreckensausblick: Im Jahre 2050 könnten 9 Milliarden Menschen unseren blauen Planeten bevölkern..

Diese Tatsache habe man kultiviert: Fruchtbar sein. Die katholische Kirche predigt das.

So habe Papst Johannes Paul II. noch vor Jahr und Tag in Nigeria erklären können, es sei „die Warnung vor der Bevölkerungsexplosion ein übertriebener Pessimismus“.

Ab welcher Größenordnung soll denn der reale Pessimismus einsetzen?“

„Eure Heiligkeit“, ruft Eugen Drewermann dem gewesenen Papst nach: „Es sterben auf der Welt jedes Jahr 50 Millionen Menschen. Das ist so viel wie im Zweiten Weltkrieg, in 6 Jahren. Absichtliche Vernichtung in Europa und Ostasien hat Menschenmassen gefressen. Krankheiten, Seuchen und Hunger lassen die Menschen heute sterben. Ja, auch Kriege. „Ab welcher Größenordnung. wann soll denn der reale Pessimismus einsetzen? Ab einer Milliarde Verhungernder? Ab 3 Milliarden Verhungernder? Die wir haben werden, wenn wir so weiter machen.“ Mit Blick auf den Menschen sollten wir das vermeiden können.

Drewermann erinnert: Eine Bevölkerungskontrollkommission und Konferenz hat zuletzt 1995 (!) in Kairo stattgefunden. „Der Vatikan, die Ayatollahs und der amerikanische Bibelgürtel hat Beschlüssen verhindert. Seit dem denkt niemand mehr daran.“ Wachstum muss als zentrales Problem begriffen werden.

Im Mittelmeer lassen wir jährlich 3000 Flüchtlinge ertrinken. Was wird erst für eine Rücksicht den Tieren gegenüber herrschen?

„Sollen wir Südgrenze Europas einfach absprengen“ Eugen Drewermann die Menschen im Kirchenschiff. „Aus dem Mittelmeer einfach ein Massengrab machen? 3000 Tote im Jahr. Frontex ist da, um „sie abzutreiben“. „Was wird erst für eine Rücksicht den Tieren gegenüber herrschen?“

Im Flächen zu gewinnen werde weiter Urwald gerodet, verbrannt. Die Menschen werden erst wach, wenn das Smog in Singapur auslöst. Tiere. Können Menschen wirklich auf sie Rücksicht nehmen? Wie mit dem Messer schneide man Straßen in die Natur. „Vom Wattenmeer bis zu den Hochalpen gibt es das, was man Natur nennt, gar nicht mehr. Renaturierung wird versucht.

Horrorvision für 2050

Der Referent spricht Stuttgart 21 an. Wir erinnern uns: ein seltener Käfer ist in Gefahr. „Was wird passieren?“ so Drewermann nüchtern, realistisch.

„Es gibt ein Moratorium. Aber kein Gericht wendet sich gegen die Interessen des Kapitals.“

„2050“, entwirft Eugen Drewermann eine Horrorvision, „werden wir nur noch das von der Natur sehen, was eigenen Überlebensinteressen dient. Was Unterhaltungswert besitzt. Parklandschaften. Krickenten in einem Teich.“

Die Menschheit vernichte heute Pflanzen, die wir nicht einmal kennen. „Vielleicht enthalten sie ein Pharmakon? „Helmut Kohl, als er noch regierte, konnte einmal sagen Man kann den Urwald ja wieder aufforsten.“ Gelächter. Drewermann gibt zu bedenken: Das ist ein so komplexes Ökosystem. Das kann man nicht nachbauen.

Und gesteht zu:

„Vieles geschieht aus Blindheit, ist nicht einmal böser Wille.“

Hintergrund unserer Ethik habe sehr viel – fast immer – mit Religiosität zu tun. Verantwortung aber müsse generell übernommen werden. Ein rechter Umgang mit Leben vermittelt werden. Doch es läuft anders: „Schützenswert sind im Zweifelsfall nicht die Tiere, einzig die Menschen. Das verstünde man unter Verantwortung.

Gegen Tiere immer. Gegen die heilige Kuh Auto nimmer

Nun werden die Anwesenden an die 1990er Jahre erinnert. Haben wir es schon vergessen? Die Krankheit BSE machte in Großbritannien und der ganzen Welt Schlagzeilen. In der Tat: Warum ging damals kein Aufschrei anderer Natur durch die Welt? Der alleinige Verdacht, dass durch den Verzehr von Rindfleisch auch menschliches Gehirn befallen könnte, reichte aus! Keinen einzigen Nachweis hatte es dafür gegeben. Es reichte, um die Gesundheitsminister Europas zu Krisensitzungen einzuberufen. Ganze Rinderbestände Großbritanniens beschloss man zu töten.

Viele Millionen Tiere töten und verbrennen. „Wenn Sie Holocaust einen wörtlichen Sinn geben: Die Ganzkörperverbrennung. Man hat die Tiere krankgemacht. Durch falsche Ernährung. Rinder sind Pflanzenfresser. Ihnen verabreichte man Tiermehl. So fraßen die Tiere Ihresgleichen. Warum? Weil es billiger ist, Tiere mit Tieren füttern.

„Der bloße Verdacht, ein unschuldiges Tier könnte Menschen krankmachen, reicht, es auszurotten“, klagt Eugen Drewermann an.

Nicht so bei des Deutschen heiliger Kuh, dem Auto. Jeden Tag stürben auf deutschen Straßen „nur“ noch 10 Personen. Zirka 3500 im Jahresdurchschnitt. Glaubten wir denn, wenn die Verkehrspolizei an Weihnachten, auch auf Grund schlechter Wetterprognosen, Grund zur Annahme hätte, dass enorme Unfallraten drohten – mit mehreren 100 Toten -, dass man da Autos von den Straßen nähme, um Menschen zu schützen? „Autoindustrie und die Wirtschaft schrien wie am Spieße.“

Gegen Tiere ginge man ohne Skrupel unbedingt vor. Beispiel Vogelgrippe.

„Sofort mussten wir Millionen Tiere töten. Vergasen am Besten. Nur die Möglichkeit, die Krankheit könne sich auf den Menschen übertragen, langte. Man schießt die Vögel vom Himmel ab, wenn ihr Kot schädlich wäre für die Menschen. Rottet aus die Vögel, sobald sie gefährlich werden!“

Der Mensch soll herrschen über die Tiere.“ (Gen 1, 27)

Das ist unsere Ethik. Sie kann es nicht besser. Weil sie im Kreis eines selbst geschaffenen Gefängnisses, denke.

Richard Dawkins, ein atheistischer Biologe, erwähnt Drewermann. Dawkins, liebe es den amerikanischen Bibelgürtel mit seinen Vorträgen aufzumischen. Die Ethik eigene Art wende sich gegen den Rest der Welt. Der Vatikan sei gegen jegliche Vernunft dafür die Abtreibung zu verhüten.

Es stimmt: Wir brauchen ein andere Ethik!

Die eigene Religion wirkt stark fehlerhaft. „Wie verkehrt die ganze Einstellung der Bibel zu den Tieren ist. Keine einzige Stelle, die günstig gegenüber den Tieren wäre“, weiß Eugen Drewermann. Unter den zahlreichen mosaischen Gesetzen findet sich auch nichst. Nur wie man schlachten soll, steht dort. Erwähnt was unrein ist. Respekt, dahingehend, weil sie Tiere sind, finde man absolut nicht.

Dagegen lese man: „Der Mensch soll herrschen über die Tiere.“ (Gen 1, 27) Radah heiße herrschen auf Hebräisch. Das könne auch auf das Treten, keltern von Trauben passen. Und auf das Niederhalten eben auch von Menschen. Im neunten Kapitel Genesis (Sintflut) steht zu lesen: „Schrecken soll sein den Tieren vor den Menschen.“

Eugen Drewermann: Kurzsichtig und eng ist die Weltbetrachtung in der Bibel

Ein Bischof habe einmal gesagt: Tiere können keine Rechte haben, weil sie keine Pflichten haben. „Aber haben Vögel keine Pflichten?“, fragt der suspendierte Priester. „Nester bauen. Jungen großziehen endlos Futter suchen.“

Man brauchte es den Vögeln „nicht von außen auf steinernen Tafeln verkünden. Sie folgen eine innerem Antrieb.

Anders andere Kulturen. Indianerkulturen beispielsweise. Die Achtung vor Natur, ist ihnen eingeschrieben. Wir jedoch setzen unser Wissen um Tiere ein, um sie immer besser auszubeuten. Ja, man erinnert sich durch Drewermanns Worte: Wie lehrreich war damals die Radiosendung „Der Tierfreund erzählt“. Man erfuhr etwa, warum eine Katze den Nachwuchs erst einmal geheim hält, versteckt. Wir lernten mit den Tieren zu fühlen.

Tierfilme heute sind mit einer Spitzentechnik aufgenommen, die es damals nicht gab. Wir wissen von den Tieren mehr als je zuvor. Etwa, dass Wale über tausende Kilometermiteinander kommunizieren. Doch dann kam das Dampfschiff. Und deren Lärm. Heute schlimmer als je zuvor. Begehen Wale deswegen massenhaft Selbstmord? Ist es der Dauerlärm? Drewermann: „Es ist uns egal“.

Veterinär-Studium ohne Vermittlung von Verhaltenforschung

„Was machen Leute, die durch das eigne Studium mit Tieren beschäftigt sind? Zum Beispiel Tierärzte.“ Wie können sich manche von ihnen nur in den Dienst von der nicht artgerechten Massentierhaltung stellen und den Tieren mit Medikamenten vollpumpen.

Erst wenn Pharmaka über das Fleisch Menschen in Gefahr bringt, reagieren zuständige Stellen. Vor dem Vortrag hat Eugen Drewermann eine Tierärztin gesprochen. Sie wies ihn daraufhin, im gesamten Studium (!) nichts über Verhaltensforschung gelehrt bekommen zu haben.

Tierschützer sollen sich strategisch gegen Massentierhaltung wenden

Tierschützer kämpfen für viele einzelne Zielen. Das sei nicht grundsätzlich falsch, sagt Drewermann. „Doch wenn wir Interessen der Tiere schützen wollen müssen wir strategisch denken.“ Da könne man sogar einmal vom Militär lernen. Von Clausewitz: Werde an einem einzigen Punkt der Durchbruch erzielt wird, bewege sich alles andere. Konzentrisch von früh bis spät müsse demzufolge gegen die Massentierhaltung angegangen werden.

Nicht generell müsse man gegen Fleischgenuss sein. Grüne Landwirtschaft könne sein. Früher war Fleisch viel zu teuer. Einmal die Woche kam es in der Regel auf den Teller. „Als die Amerikaner mit ihrer neuen Kultur kamen“, sei das vorbei gewesen. Warum sollen wie die Trapper leben, die nach schwerer Arbeit abendlich Steaks verzehren? Eugen Drewermann: „Wir sind keine Trapper.“

Nicht auf der Basis eines gemachten schlechten Gewissens agieren

Nachdenken sei angesagt. Nahrungsgewohnheiten müssten geändert. Aber nicht auf Basis eines gemachten schlechten Gewissens. Da wird auf den Philosoph Schopenhauer verwiesen, der durchaus für jeden nachvollziehbar meinte: Man kann den Glauben so wenig erzwingen wie die Liebe. Wenn man es versucht, erzielt man Atheismus oder Hass.

Also dessen eingedenk: „Du bist ein schlechter Mensch. Ich hab dich ertappt, wie du eine Wurst ist. Das geht gar nicht. Das ist eine Schweinerei. Ich bin gut.“ So ist es nach Drewermann garantiert falsch.

Eine neue Ethik – auch nach Schopenhauer – gelte es aufzubauen.

Mitleid ist das Gegenteil von Herablassung

Eugen Drewermann fordert eindringlich Mitleid mit Mensch und Tier, sowie eine neue Ethik.

Eugen Drewermann fordert eindringlich Mitleid mit Mensch und Tier, sowie eine neue Ethik.

Tiere verstehen sofort. Die Katze tue das, egal ob man Deutsch oder Französisch redet. Es sei der Tonfall. Die Katze ist verführerisch. Nicht die Herrin herrscht über die Katze, sondern die über Herrin.

Unsere Gefühle müssten sich mit den Tieren verbinden. Vernunft allein reiche nicht. Starke Gefühle sind es, die nötig seien. Mitleid wäre entscheidend, nicht wie Viele meinen: Mitgefühl. Schließlich bedeute Sympathie im Griechischen genau das: Mitleid.

Schon Schopenhauer habe das betont: Mitleid sei das Gegenteil von Herablassung. Vielmehr sei es eine Identifikation mit anderen. Drewermann bringt als Beispiel das des auf der Straße sitzenden Bettlers. Dächten nicht wenige Zeitgenossen: Der ist selbst schuld. Hätte besser aufpassen sollen, in der Schule. Und nach Alkohol riecht er auch! „Um dann selbst im nächsten Kaufhaus verschwinden.“ Man kann allerdings auch sagen, begreifen. Aber das mir selber auch geschehen.

„Irgendetwas kann im nächsten Moment zwischen meinen beiden Schläfen passieren.“ Und dann: Krankheit, Hartz IV. „Wenn ich aus der Kirchentür rausgehe, kann es passieren“, gemahnt der Referent.

Mitgefühl heiße etwa mit anderen zu lachen. Mitleid ist etwas, das einem etwas kostet.

Auch die Tiere können leiden. Ihnen müssten wir beistehen. Wenn wir Zahnschmerzen bekämen, könnten wir Medizin einnehmen, den Schmerz bekämpfen, bis der Zahnarzt 9 Uhr montags öffnet. Eine Tier habe keine Ahnung wie lange ein Schmerz anhalten. Ob er jemals wieder verginge. „Das Tier weiß nichts und liegt still in der Ecke.

Angriffsziel müsse die Massentierhaltung sein. Noch einmal Schopenhauer: Was wir den Tieren antun, tun wir uns an.

Eugen Drewermann ruft die Atomversuche der Amerikaner auf: 40 000 Tiere nimmt man damals mit. Herauszufinden, wann Trommelfelle platzen. Was effizient zum Tode führt.Mitleid kommt da nicht vor

„Glauben Sie man könnte den Gazastreifen bombardieren wie in dieser Stunde, wenn es ein Mitleid mit den Menschen die da getötet und verkrüppelt werden, gäbe?

Tiere erhalten, schon aus eigenen Gründen. Wunden in der Landschaft an anderer Stelle wieder schließen

Indianer feierten eine Zeremonie ähnlich dem Erntedankfest. „Sie wissen, dass man den Tieren nichts wegnehmen kann ohne einen Diebstahl an ihnen zu begehen.“ Ein Stamm mache sich die Bohnenmaus zunutze. Er bete zu ihnen, um ihnen Weisheit zu geben. „Man muss erhalten schon aus eigenen Gründen. Die kleinen Tierchen lagern Bohnen ein. Die Indianer entnehmen Bohnen aus deren Lagern. Aber eben nur so viel wie sie brauchen. Wir vergasen die Hamster, Weizen sammeln. Wir haben riesige Überproduktion. Aber die Hamster müssen wir als Schädlinge ausrotten.“

Dass Tiere eine Seele haben, wird immer noch bezweifelt. Wer so etwas sagt zeige eigentlich nur, dass er selber keine hätte.

Sähen wir die Tiere von innen her, könnten wir durch eine Schule der Weisheit gehen.

Gleichgewicht zwischen Natur und Kultur ist dringend herzustellen.

Und wenn wie mit dem Messer Straßen in die Landschaft geschnitten sein, müsse dem Minister gesagt werden: „Das muss du wieder ersetzen. Die Wunden wieder schließen an anderer Stelle.“

In 30 Jahren könne es durchaus so sein, dass wir Vögel nur noch in den Lautsprechern der Kaufhäusern zwitschern hören, wir ins Museum gehen, um die Schönheit eines Kolibris zu betrachten …

Und noch einmal ernstlich zu Bedenkendes. Man habe gehört, Obama wolle die IS ausrotten wie eine Geschwulst. „Das Böse töten. Dann ist die Welt besser? Können dann nicht auch die Hungernden töten, dann ist sie satter vielleicht. Oder die Traurigen töten?

Fazit des interessanten Abend mit Eugen Drewermann:

Mitleid verdienen die Menschen. Die Tiere ebenso. Ein anderes Menschenbild ist vonnöten, eine andere Verantwortung gefragt. Es gilt unsere eigene Liebe zu retten.

Schaden, den wir der Natur zufügen wird linear unmittelbar uns schaden. Dies muss uns im Hinterkopf sein. Es bedarf unbedingt einer neuen Ethik.

Eugen Drewermann blickt auf seine Armbanduhr. Anderthalb Stunden hat er geredet. Davon ist einem fast alles fest im Sinn. Sein ganz besonderer Sprachduktus macht es möglich. Es ist zu spät für eine Teilnahme an der nachfolgend geplanten Podiumsdiskussion geworden. Mit einer leichten Kopfbewegung signalisiert Eugen Drewermann dies Pfarrer Friedrich Laker, der den Kirchenkritiker herzlich dankt. Langer, verdient Applaus für den Referenten. Ein Vortrag, von dem gewiss viel hängen bleibt in den Köpfen der Leute. Womöglich nicht nur bei denen, die ohnehin für Tierschutz erwärmt sind.

Durch die Kirchentür Richtung Paderborn

Dann geht Eugen Drewermann mit seiner Aktentasche durch die Kirchentür hinaus auf die Dortmunder Schützenstraße. Möge lange nichts zwischen seinen beiden Schläfen geschehen, dass diesen großen Geist beeinträchtigt. Wir brauchen ihn noch lange. Zielstrebig, gewiss die frische Abendluft genießend, schritt er Richtung Hauptbahnhof. Wohl um den Zug nach Paderborn,  wo der Schriftsteller, Psychoanalytiker und suspendierte Priester Eugen Drewermann lebt und arbeitet, zu erreichen.

Lesen Sie zum Kirchentag „Mensch & Tier“  in Dortmund auch diesen Beitrag.

Kirchentag „Mensch & Tier“ in Dortmund: Für eine „Theologie des Lebens“

Pfarrer Friedrich Laker (links) in der Dortmunder Pauluskirche begrüßt Eugen Drewermann (rechts im Bild); Fotos: C.-D. Stille

Pfarrer Friedrich Laker (links) in der Dortmunder Pauluskirche begrüßt Eugen Drewermann (rechts im Bild); Fotos: C.-D. Stille

Haben Tiere eine Seele? Der evangelische Pfarrer Friedrich Laker der Lydia-Gemeinde in Dortmund dürfte der festen Überzeugung sein, dass dem so ist. Das bundesdeutsche Tierschutzgesetz, heißt es zur Erklärung auf Wikipedia, sei zum Zweck erlassen worden „aus der Verantwortung des Menschen für das Tier als Mitgeschöpf dessen Leben und Wohlbefinden zu schützen”. Um die Kirche im Dorf zu lassen: Was tut sie eigentlich dafür – für unsere Mitgeschöpfe?

Pfarrer Friedrich Laker: Die Kirche vernachlässigt die Tiere

Friedlich Laker gab es diesbezüglich bei seinem „Verein“ offenbar – und das ist wohl noch sehr euphemistisch ausgedrückt – nicht allzu viel zu entdecken. Laker wirft der Kirche vor, zu wenig für den Tierschutz zu tun.

Dem Evangelischen Pressedienst (epd) sagte der Theologe Laker: „In der kirchlichen Lehre würden Tiere meist nur als Nutztiere für den Menschen und selten als Wesen mit eigenem Wert angesehen.“

„Die Kirche habe in den 80er Jahren zwar die Bewahrung der Schöpfung als Aufgabe entdeckt, die Tiere aber weiterhin vernachlässigt, kritisierte Laker gegenüber dem Portal „evangelisch.de“. „Es gab da keine Tradition innerhalb der Kirche.“

Bewusstsein für ein neues Menschen- und Weltbild“ wächst

In seinem Kommentar für „dieKirche“ (Druckausgabe) übte Laker ebenfalls Kritik. Jedoch konzediert er auch mit einem inzwischen auch öffentlich geschärften Blick auf Tiere als Mitgeschöpfe, das „Bewusstsein für ein neues Menschen- und Weltbild“ wachse. Das geschieht gewiss auch im Wissen um die gestiegene Massentierhaltung und dem nicht artgerechten Ausbau von Schlachthofgiganten.

Für den Gottesdienst gilt: „Tiere müssen draußen bleiben!“, aber „kein Gemeindefest“ kommt „ohne Bratwurst, kein Martinsfest ohne Gans“ aus

Pfarrer Laker kritisiert, im Umgang mit Tieren sei „vielfach Überheblichkeit, Ignoranz und ein längst überholtes Menschenbild“ zu konstatieren. Was nicht zuletzt auch der Institution Kirche anzukreiden ist. Die, so Friedrich Laker, habe den Tieren schon früh die Seele abgesprochen. Wen man von menschlicher Verantwortung rede, ende die „vielfach vor Tierställen und Schlachthöfen“. Für den Gottesdienst gelte: „Tiere müssen draußen bleiben!“. Dagegen komme „kein Gemeindefest ohne Bratwurst, kein Martinsfest ohne Gans“ aus.

Längst nicht ausgemacht, dass der Mensch „Die Krone der Schöpfung“ ist

Tiere scheinen also ein blinder Fleck in der christlichen Religion und ihrer Moral zu sein. Fast singulär der „Ausnahmetheologe Albert Schweitzer“ habe ganz anders auf Tiere geblickt. Und diesen emphatischen Blick auch im Umgang mit ihnen gelebt. Schweitzer hatte sich u.a. auch mit Tieren und Tierschutz befasst.

Friedrich Laker schreibt an Schweitzer angelehnt, dass „längst nicht ausgemacht sei, ob der Mensch Die Krone der Schöpfung sei. Der Dortmunder Pfarrer gibt zu bedenken, die Schöpfung sei nicht auf den Menschen angewiesen. Benötigt werde längst eine „Theologie des Lebens“, die anstelle einer Theologie des Menschen treten müsse.

Harte Kritik an den Zuständen und ein engagiertes Plädoyer für mehr Mitgefühl mit den Tieren

Um gehört zu werden bedarf es mitunter knackiger Worte, die ungeschönt ein Bild von der Wirklichkeit zeichnen. Nur so kann es womöglich gelingen, alte Denkmuster zu hinterfragen. Und bestenfalls aufzubrechen. So nimmt denn auch Friedrich Laker in seinem Kommentar für das Kirchenzeitung kein Blatt vor den Mund. Indem er betreffs des Umgangs mit unseren im Gesetzestext als „Mitgeschöpfe“ bezeichneten Tieren gegenüber von „Vergewaltigung des Lebens“, der „Verhöhnung der Schöpfung“ und der „Ignoranz der Kirche“ gegenüber unseren „Mitgeschöpfen“, den Tieren.

Aus der zunächst hart tönenden Kirchen-Kritik, spricht ein engagiertes Plädoyer für mehr Mitgefühl mit den Tieren, ergeben sich mindestens diese Fragen: „Kann man mit Tieren machen was man will? Haben sie eine Würde oder eine Seele?“

Zweiter „Kirchentag für Mensch und Tier“ in Dortmund

Pfarrer Lakers Handeln kann man getrost mit dem Satz „Tiere haben eine Seele“ überschreiben. Erstmals 2010 unternahm es Friedrich Laker einen Kirchentag „Mensch und Tier“ ins Werk zu setzen. Staub wirbelte dabei ein Gottesdienst unter Einbeziehung von Tieren auf. Hunde, Katzen, Vögel, Mäuse und auch eine Ratte kamen – wie Friedrich Laker kürzlich im WDR-Lokalfernsehen erzählte – mit den Menschen, die sie als Gefährten erkoren hatten, ins Kirchenschiff. Ein weibliches Gemeindemitglied erinnerte daran, dass damals aus dem Kirchenvorstand nicht nur Kritik sondern zunächst auch Ablehnung geäußert wurde. Doch der Kirchentag fand statt. Stieß auf Zustimmung.

Ambitioniertes Kirchentagsprogramm

20140823_172925Vom 22. bis zum 24. August fand nun der zweiter Kirchentag „Mensch und Tier“ in und um die Dortmunder Pauluskirche auf der Schützenstraße statt. Mit einem ambitionierten Programm. Nämlich einer Kulturveranstaltung mit Konzerten (Auftaktkonzert mit der Band EXTRABREIT), Kunst rund um das Tier und die Beziehung von Mensch und Tier (Kunstausstellung von und mit den Künstlerinnen Heike Fischer und Verena Schuh) sowie eine Podiumsdiskussion über industrielle (Massen-)Tierhaltung und mögliche Alternativen mit Vertretern aus Politik, Tierschutz, Kirche und Wirtschaft. Im Kirchgarten informierten Tierschützer über ihre Arbeit. Es wurden vegane und vegetarische Erzeugnisse angeboten.  Ein Stand bot vegetarische Speisen, Kuchen und Torten an.

Nina Hagen wegen Peta-Unterstützung ausgeladen

Für Kritik im Vorfeld des Kirchentages für „Mensch und Tier“ hatte die Absage des geplanten Auftritts der Musikerin Nina Hagen seitens der Veranstalter „wegen Hagens Unterstützung der Tierschutzorganisation Peta“ gesorgt: „Peta ist innerhalb der Tierschutzszene umstritten, weil sie den Fokus auf provokante Aktionen legen“, erklärte Pfarrer Laker.

Der prominente Kirchenkritiker, Psychoanalytiker und Schriftsteller Eugen Drewermann als ein Höhepunkt

Eugen Drewermann hielt einen spannenden Vortrag, welcher nicht nur fesselnde, sondern auch zum  Nachdenken anregte.

Eugen Drewermann hielt einen spannenden Vortrag, welcher nicht nur fesselnde, sondern auch zum Nachdenken anregte.

Als ein Höhepunkt gab es am Freitagabend ein Vortrag des prominenten Kirchenkritikers, Psychoanalytikers und Schriftstellers Eugen Drewermann zum Thema „Ich bin Leben inmitten von Leben, das leben will“ (Albert Schweitzer). Mein Bericht darüber hier in Kürze.

Gottesdienst für Mensch und Tier

Über Tierschutz, vegetarische und vegane Produkte informierten Vereine.

Über Tierschutz, vegetarische und vegane Produkte informierten Vereine.

Für den Sonntag war abermals ein „Gottesdienst für Mensch & Tier“ geplant.

Der kleine, aber feine Kirchentag drehte sich ausschließlich rund um den Tierschutz.

Er war nicht nur eine Protestveranstaltung gegen die industrielle (Massen)-Tierhaltung, sondern auch ein Fest des Tierschutzes in Zusammenarbeit mit dem Tierschutzverein Dortmund und anderen Initiativen und Organisationen. Und last but not least ein weiterer kultureller Höhepunkt an diesem Wochenausgang nicht nur in der Paulus-Kulturkirche, sondern darüber hinaus auch der Stadt Dortmund. Haben Tiere ein Seele? Diese Frage dürften viele Besucher des Kirchentages in Dortmund für sich wohl mit einem Ja beantwortet haben.

Heinz Ratz macht mit der Aktion „Fluchtschiff“ auf die Situation von Flüchtlingsfrauen aufmerksam

Heinz Ratz mit Band "Strom & Wasser" und den Flüchtlingsfrauen; Fotos: C.-D. Stille

Heinz Ratz mit Band „Strom & Wasser“ und den Flüchtlingsfrauen; Fotos: C.-D. Stille

Den Musiker und Schriftsteller Heinz Ratz traf ich erstmals im März 2011 im Bahnhof Langendreer in Bochum. Dort trat er im Rahmen der „Tour der 1000 Brücken“ auf. Ratz, der sich selbst als “Liedermacher und Radikalpoet” bezeichnet, trat damals zusammen mit seiner Band “Strom & Wasser” für eine menschliche Flüchtlingspolitik in die Pedalen.

Heinz Ratz: “Ich möchte, dass sich beide Seiten kennen- und schätzen lernen. Und zwar unabhängig von “Kultur, Sprache, Hautfarbe und Religion…”

Über seine Motivation und die Situation von Flüchtlingen in Deutschland stand mir Heinz Ratz seinerzeit in einem Interview, das ich mit ihm im Bahnhof Langendreer führte, Rede und Antwort. Ratz forderte, wir sollten die hier lebenden Flüchtlinge so behandeln, wie wir in ähnlich prekärer oder auch in der Situation eines Reisenden in anderen Ländern behandelt werden wollen. Brücken zum Herzen bauen war damals das Hauptanliegen des Liedermachers. Ratz sagte:

“Ich möchte, dass sich beide Seiten kennen- und schätzen lernen. Und zwar unabhängig von “Kultur, Sprache, Hautfarbe und Religion…”

Das Anliegen ist geblieben. Auch das Engagement des Heinz Ratz für Flüchtlinge. Ebenfalls weiter existent sind leider die Probleme der Flüchtlinge und deren prekäre Lebenssituation vielerorts in Deutschland.

Fluchtschiff“ gastiert heute im Bahnhof Langendreer

Am heutigen Abend wird Heinz Ratz mit seiner Band wieder im Bahnhof Langendreer auftreten. Diesmal allerdings ist er nicht mit dem Rad zu Lande, sondern mit zwei Flössen zu Wasser unterwegs. Die neueste Aktion trägt den Titel „Fluchtschiff“. Nicht zufällig ruft dieser Titel Assoziationen zu den Flüchtlingsschiffen im Mittelmeer hervor, die rappelvoll mit Flüchtlingen besetzt aus Afrika kommen und Asyl in der EU zu nehmen gedenken. Für viele von ihnen ist das Mittelmeer bekanntlich zum nassen Grab geworden. Eine Schande für die EU. Doch immer kommen Flüchtlinge auch durch. Gelangen unter Umständen auch zu uns nach Deutschland.

Das Unmögliche möglich gemacht

Die wohl bislang spektakulärste Tour absolvierte Heinz Ratz und seine Band

„Strom & Wasser“ im vergangenen Jahr. Das Unmögliche gelang ihnen möglich zu machen. Trotz Reise- und Arbeitsverbote (für Flüchtlinge besteht die sogenannte Residenzpflicht) ging Ratz mit Band und Musikern aus Flüchtlingslagern dank Sondergenehmigungen,, die im Ermessen der zuständigen Behörden stehen auf Tour.

Heim? Lager!

Heinz Ratz nennt die Asylantenheime übrigens ganz bewusst „Lager“. Denn, so meint er: Suggeriere der Begriff „Heim“, nicht, dass man sich dort „heimisch“ fühlen könne? Dies ist aber sehr oft überhaupt nicht der Fall. Vielmehr würden die hier Hilfe und Zuflucht suchenden Menschen aus aller Welt und unterschiedlichen Kulturkreise in diversen Unterbringungen förmlich „abgelagert“. Weshalb seiner Meinung nach der Begriff „Lager“ eben schlagender wäre.

In Bayern steht einem Hund mehr Platz zu als einem Flüchtling

Und in der Paulus-Kultur-Kirche auf der Dortmunder Schützenstraße, wo die Band gestern Station machte, erklärte Ratz auch warum er das so sieht. Immerhin hat der Künstler und Aktivist bisher 150 Flüchtlingslager besucht (was im Übrigen nicht so einfach ist) und weiß wovon er redet. Nur zur Orientierung: Einem Hund, so Ratz, stünden in Bayern laut Tierschutzgesetz acht, einem Flüchtling jedoch nur 5,5 Quadratmeter Fläche zu.

Die „Männerlastigkeit“ wurmte Ratz – Frauen in den Fokus!

Ein weltweites Medienecho fand eine Kinodokumentation über das Musikprojekt „Heinz Ratz & The Refugees“(Quelle: 3sat-Kulturzeit) von 2013, welches mehr als 200.000 Zuschauer erreichte. Eine große öffentliche Sympathie begleitete die Musiker. Hunderte von ehrenamtlichen Helfern konnten für die Flüchtlingshilfe konnten nicht zuletzt auch dank steigenden Medieninteresses gewonnen und viele regionale und sogar bundesweite politische Entscheidungen positiv für Flüchtlinge beeinflusst werden. Ein Punkt allerdings wurmte Ratz immer sehr: Die Männerlastigkeit des Projektes.

Während seiner Besuche in den Flüchtlingslagern und in Gesprächen, die er dort u.a. auch mit Frauen führen konnte, musste Ratz feststellen, dass die Hauptleidtragenden sehr oft die alleine oder mit ihren Kindern fliehenden Frauen sind, „die jedoch gleichzeitig eine große Scheu haben, an die Öffentlichkeit zu treten.“

Das war der Grund, weshalb Heinz Ratz auf der Tour 2014 unter dem Motto „Fluchtschiff“ nicht nur noch einmal die Situation der Flüchtlinge, sondern explizit die Flüchtlingsfrauen in den Fokus rückte.

Mit zwei Flössen von Nürnberger gen Norden

Am 14. Juli brach er mit zwei großen Flößen, umgestaltet zu Flüchtlingsbooten, in Nürnberg auf. Es ging Main-, Neckar und Rheinabwärts. Und soll dann entlang des Mittellandkanals u.a. bis nach Berlin führen. Die Verletzlichkeit dieser Transportmittel in

direktem Kontrast zu den Luxusjachten und Ausflugsdampfern der touristisch genutzten Binnengewässer soll auf die dramatische Situation von Flüchtlingen allgemein, die abendlich stattfindenden Konzerte auf die besonders tragische und bedrohliche Situation von fliehenden Frauen und Kindern aufmerksam machen.

Heinz Ratz‘ Begleitcrew setzt sich aus Flüchtlingen und deutschen Unterstützerinnen und Unterstützern, zum Beispiel vom Potsdamer Verein „Women in Exile e.V. zusammen. Am 27. August machen die Flösse in Berlin (SO 36) fest. Die Aktion wird am 31. August in Bremen (Lagerhalle) enden. Tagsüber reist man mit den auffälligen Flössen, abends finden die gemeinsamen Auftritte auf den jeweiligen Bühnen statt.

Am Donnerstag machten die Flösse im Dortmunder Stadthafen fest

Die Flösse machten gestern im Dortmunder Stadthafen fest; alle Fotos: Claus-Dieter Stille

Die Flösse machten gestern im Dortmunder Stadthafen fest; alle Fotos: Claus-Dieter Stille

Heinz Ratz beim WDR-Interview

Heinz Ratz beim WDR-Interview

An diesem Donnerstag nun liegen die „Fluchtschiff“-Flösse im Dortmunder Stadthafen gegenüber dem Alten Hafenamt fest. Nur etwas mehr als einen Steinwurf entfernt, in der Pauluskirche, geht das Konzert über die Bühne. Die WDR-Lokalzeit Dortmund ist zugegen. Es gibt sogar eine Lifeschalte mit einem Kurzinterview, das die Außenreporterin mit Heinz Ratz in der Kirche geführt wird. (Quelle: WDR-Lokalzeit, ab Minute 17:10)

Konzert in der Paulus-Kultur-Kirche

Zu Beginn des Konzerts erläutert Ratz noch einmal die Fokussierung auf die Situation von Frauen. Nicht selten seien diese ja vor und auch während der Flucht Gewalt und auch sexuellen Übergriffen ausgesetzt. Leider seien Flüchtlingsfrauen auch im Lager solchen Gefahren ausgesetzt. Die Frauen trauen sich in der Regel nicht die Polizei zu rufen. Schließlich ist die Polizei in ihren jeweiligen Herkunftsländern oft negativ besetzt. Über verantwortlichen Politikern hierzulande äußert sich Ratz enttäuscht.

Politische „Entscheidungsträger“ haben oft kein Kontakt zur Wirklichkeit

Die meisten von denen – in Gesprächen habe er das feststellt haben in ihrem Leben noch keines dieser Flüchtlingslager besucht. Sie reden demzufolge wie der Blinde von der Farbe.

Und selten, erlebte  Heinz Ratz, habe er einen der Bürgermeister – die manchmal seine Veranstaltungen besuchten und Grußworte sprächen – erlebt, der bis zum Schluss der Veranstaltung geblieben sei. Sprechblasen, das bleibe zumeist von ihnen, die noch zerplatzt sind, bevor der Redner das Podium verlassen hat. Gestern in Essen habe der Sozialdezernent die Flüchtlingsarbeit seiner Stadt gelobt. Ratz habe ihn gefragt, wie viele Stellen sie denn dafür zusätzlich geschaffen habe, die Stadt. „Vier“, habe er zur Antwort erhalten. Ratz: „Die Stadt dürfte mindestens 1000 Flüchtlinge haben. Wo bleiben denn Psychologen, Bildungsangebote?“

Von diesen „Entscheidungsträgern“, die oft kein Kontakt zur Wirklichkeit haben, hält Heinz Ratz daher nicht viel.

Schmähmails

Kaum, so Ratz weiter, war die neue Aktion gestartet, da seien auch schon die ersten Schmähmails bei ihm eingegangen. Insgesamt 200 dieser Beschimpfungen habe er erhalten. Einer dieser Schmierfinken hat die Flüchtlinge „Todbringenden Menschenmüll“ genannt.

Soziales Denken am Wertegerüst indianischer Völker orientieren

Heinz Ratz sagte mir 2011 betreffs diverser, vielen Menschen Leid zufügenden inhumanen Zuständen:

“Diese Welt wurde von uns so gestaltet. Sie zu verändern liegt ebenfalls in unserer Macht.”

Heinz Ratz tut mit seinen unterschiedlichen Aktionen seinen Teil dazu.

Es komme darauf an, unser Verhältnis zur Welt und speziell der Gesellschaft nicht nur zu reflektieren, sondern auch gesellschaftliche Werte zu verändern. Demzufolge gelte: „nicht Gier und Besitz sollten den Menschen bestimmen, sondern soziales Denken“. Soziales Denken, weiß der Sohn einer peruanischen Indigina und eines deutschen Arztes, könne sich im Idealfall am Wertegerüst indianischer Völker orientieren: „Angesehen ist dort, wer abgibt, nicht wer besitzt”.

Musik aus Kenia, Somalia, dem Sudan und von Luca Seitz alias Graf Itty

Eine der Flüchtlingssfrauen musiziert mit Heinz Ratz

Eine der Flüchtlingssfrauen musiziert mit Heinz Ratz

Musik, kündigt der Aktivist an, aus Kenia, Somalia und dem Sudan komme zur Aufführung. Ein bunter Mix traditioneller Musik, Reggae, Ska und Tango erklingt an diesem tollen, tief berührenden Abend in der Dortmunder Pauluskirche. Spontan habe sich ein 15-Jähriger Kieler Musiker seiner Tour angeschlossen und 50 Tage seiner Ferien gern dafür genutzt. Wie sich herausstellt, ein aufgeweckter, talentierter Bursche. Sein Name: Luca Seitz alias Graf Itty. Rapper Seitz gilt bereits jetzt als „vielleicht jüngste politische Stimme in Deutschland“. Luca spielt Bass und Schlagzeug. Die Texte seiner Titel schreibt er selbst. Die Aktivistin Eva Weber unterstützt die Band spontan im Ruhrgebiet, indem sie bei einigen Titel die Geige spielt.

Heiteres, Besinnliches und ein teuflisch-gruseliges Lied

Es gibt an diesen Abend eine Menge heiterer aber auch sehr besinnlicher Momente. Und dazu zwischendurch allerhand zu Herzen gehender Informationen aus dem Leben der Flüchtlingsfrauen. Da ist das Lied „Träumerchen“ über ein behindertes Kind. Dieses ansonsten von einem Äthiopier – der keine Reisegenehmigung mehr erhalten hat – gesungene Lied weiter im Programm zu bringen, diesem Wunsch kommt Ratz gerne nach.

Ratz stülpt die Kapuze seines Hoodies über den Kopf. Es ist die Kostümierung für das teuflisch-gruselige Schlaflied für die Innenminister. Das sollte einmal verboten werden. Weil es so treffend ist? Innenminister kommen ob ihrer Möglichkeiten für Heinz Ratz „kurz vor Gott“. Die brennende Frage im Lied: „Warum schauen Sie nicht hin, Herr Minister?“ Es heiße, die Selbstmordrate bei permanent von Abschiebung bedrohten Flüchtlingen ist groß. Können sie noch gut schlafen, die Innenminister?

Flüchtlingsfrau fordert Bewegungsfreiheit

Zwischen zwei Musiktiteln spricht eine Flüchtlingsfrau, die im einzigen Aufnahmelager von NRW, in Dortmund-Hacheney, untergebracht ist über die Angst mancherorts nachts über den Hof zur Toilette zu gehen, über unpassende Esspakete, die Flüchtlinge in Bayern erhalten oder Gutscheine und Gewalt, von der Frauen zuweilen in Lagern bedroht sind. Und auf ihrem orangenen T-Shirt steht, was die Flüchtlinge vermissen: „Bewegungsfreiheit“. Die Frau fordert Bildung für die Kinder. Und sie beklagt das Arbeitsverbot für Flüchtlinge.

Napuli ging für ihren Kampf auf den Baum

Napuli ist eine Kämpferin. Man kennt sie aus den Medien. Es ist die Frau, welche bei den Refugee-Protesten in Berlin nicht vom Oranienplatz weichen wollte. Die Frau aus dem Sudan kletterte auf einen Baum. Dort harrte sie drei Tage aus. (Quelle: Tagesspiegel). „Alles klar?“, fragt sie das Publikum forsch. „Mein Deutsch kaputt.“ In Englisch sagt sie, was Flüchtlingen wie ihr auf dem Herzen liegt. „I’m not come to pleasure here!“ – Ich bin nicht zu meinen Vergnügen hierhergekommen, ruft sie in die Kirche hinein. Und sie sagt deutlich, Flüchtlingssein darf nicht als Verbrechen behandelt werden!

„No tolerance for intolerance!“ Eine Individuum könne viel tun. Sie hat es bewiesen, indem sie auf die Berliner Platane stieg und die Welt auf die Probleme der Flüchtlinge aufmerksam machte. Und bevor auch sie beeindrucked sang, wendet sich die selbstbewusste Frau noch gegen das allgemeine „Blabla“, das nichts verändere. Sie als Christin vermisse oft wirklich christliches Handeln.

Fatuma kämpft für ihr Recht mit einer Ausstrahlung, die die Herzen der Menschen wärmt

Fatuma erzählt im Kirchhof ihre Geschichte

Fatuma erzählt im Kirchhof ihre Geschichte

Auch ihre „Sister“ Fatuma wird singen. Ein wunderschönes Liebeslied. Fatuma Musa ist mir schon schon draußen vor dem Konzert im Kirchhof sympathisch aufgefallen. Hereinkommenden Gästen reichte sie freundlich offen lächelnd die Hand und stellte sich geduldig deren Fragen. Oder bringt ihr Anliegen mit einer selten zu erlebenden strahlenden Natürlichkeit zum Ausdruck. Heinz Ratz im Hof zu mir:“Fatuma ist ganz gut ansprechbar“. In der Tat.

Die 24-jährige Fatuma aus Somalia ist erst seit März in Deutschland. Rasch engagierte sie sich bei „Women in Exile“. Ihr droht die Abschiebung nach dem Dublin-III-Abkommen. Es bedeutet, dass sie jederzeit nach Italien abgeschoben werden kann. Dort würde sie auf der Straße leben müssen. Aber Fatuma glüht optimistisch durch und durch. Vom Kopf bis zu den Zehen, wie es scheint. Für ihre Rechte wird sie kämpfen.

Fatuma singt von Heinz Ratz begleitet

Fatuma singt von Heinz Ratz begleitet

Was für eine Frau! Fatuma verströmt so viel Lebensfreude. Obwohl sie doch von Abschiebung bedroht ist. Als Muslima, sagt sie mit Blick hoch ins Kirchenschiff in englischer Sprache, freue sie sich sehr in diesem christlichen Gotteshaus auftreten zu können. Eine Welt ohne Grenzen wäre der Wunsch der 24-Jährigen. Wo waren wir noch gestern, fragt sie sich selbst. „Ah food … Essen!“

Und Fatumas  leuchtende Augen, ihr ganzes Gesicht strahlt wie ein starker Scheinwerfer dessen Licht durch einen natürlichen Weichzeichner fällt und so das ganze Publikum in seinen Bann zieht. Woher kommt diese Energie? Fatuma, die in jungen Jahren viel Leid bereits erfahren haben mag sendet so viel Menschlichkeit aus, dass sie auch die Herzen des Publikums wärmt und Vielen ein Lächeln aufs Gesicht zaubert.

Eine Fremde in einem ihr fremden Land. Mit welcher Zukunft? Plötzlich kommen mir die oft grimmigen, ernsten oder verbissenen Gesichter mancher Passanten in unseren Fußgängerzonen in den Sinn. Fatuma denkt, man müsse Talente fördern und Türen öffnen. Ja …

Tolles Konzert. Tief berührend

Schlussapplaus

Schlussapplaus

Dann kamen auch schon die letzten drei Lieder des Abend. Luca Seitz brachte noch seinen „Überwachungskamerad“. Und auch Heinz Ratz nahm noch einmal Fahrt auf, um dann mit einem leisen Titel zu schließen.

Ein tolles, außergewöhnliches und tief berührendes Konzert der Flüchtlingsfrauen, Heinz Ratz und seiner Band „Strom & Wasser“. Apropos Wasser: Ich schäme mich mancher Tränen nicht, die mir angesichts der Berichte der Flüchtlingsfrauen da und dort aus den Augen rollten. Aber welch Freude die Darbietung der von ihnen gesungenen Lieder verströmten, war wiederum so erbaulich schön, dass man selber übers ganze Gesicht zu strahlen begann. In den Gängen neben den Kirchenbänken tanzten wildfremde Menschen verschiedener Hautfarbe im Takte der Musik mit. Kinder tollten quietschend durch die Kirche.

Damla, damla göl olur – Aus Tropfen wird ein See

Was aber am meisten hervorgehobenen werden muss: Diese neue Aktion des umtriebigen Heinz Ratz gibt Flüchtlingen im Allgemeinen – hier den Flüchtlingsfrauen im Speziellen – ein Gesicht! Sonst ist ja immer nur von den Flüchtlingen die Rede. Da hören ja Viele gleich wieder weg. Wieder Flüchtlinge in Lampedusa gestrandet oder gar im Mittelmeer jämmerlich ersoffen. Jeder dieser Menschen hat ein Gesicht und eine Geschichte. Heinz Ratz macht ein paar von ihnen sichtbar und ihre Geschichte erzählen die Flüchtlingsfrauen selbst.

Auf der Bühne. Oder vorher und in der Pause im Kirchhof wie gestern oder anderswo vielleicht in einem Foyer. Ein Tropfen auf einen heißen Stein nur? Natürlich. Es gibt ein türkisches Sprichwort. Es lautet: Damla, damla göl olur – Aus Tropfen wird ein See. Das ist es. Mehr von diesen Tropfen! Heinz Ratz hat nun schon die dritte der Aktionen für Flüchtlinge ins Werk gesetzt. Ich fürchte, es wird nicht die Letzte sein. Man muss sich nur einmal anschauen, was derzeit in der Welt passiert.  Heinz Ratz sagte mir 2011: Eigentlich müsste für Flüchtlinge nur unser Grundgesetz gelten. Dem ist nichts hinzufügen.

Wie am Anfang erwähnt: Heinz Ratz mit „Strom & Wasser“ und die Flüchtlingsfrauen sind heute Abend in Bochum. Im Bahnhof Langendreer. Wer in der Nähe ist: Hin! Es ist ein Erlebnis, das einem nicht alle Tage geboten wird.

Über Heinz Ratz via laut.de

Flüchtlingsfrauen werden laut! Logbuch