Chefredakteurin Veye Tatah: endlich Zeit, die Länder Afrikas mit differenzierten Blick zu betrachten

Afrika ist schwarz und arm. So meist unser Eindruck von diesem Kontinent; Foto: Dieter Schütz via Pixelio.de

Afrika ist schwarz und arm. So meist unser Eindruck von diesem Kontinent; Foto: Dieter Schütz via Pixelio.de

Ich veröffentliche den folgenden Kommentar auf meinem Blog mit ausdrücklicher Genehmigung von Veye Tatah. Er nimmt zwar im Wesentlichen Bezug auf das gestrige Fußballspiel Deutschland – Kamerun, offenbart aber in zweiter – keineswegs aber unwichtigerer Linie – kritisch unsere meist sehr einseitige und auch von Vorurteilen geprägte Sicht auf den Kontinent Afrika. Und diese, sage ich einmal, sehr eingeschränkte Sicht, bestimmt auch unser Bild von diesem Kontinent. Kaum jemand bemüht sich um eine differenzierende Wahrnehmung Afrikas und der Afrikaner. Immerhin gibt es auf diesem Kontinent 54 Staaten. Wir aber sprechen zumeist schablonenhaft meist nur von „Afrika“. Und wenn von Afrika gesprochen oder geschrieben wird, erfahren wir in aller Regel Negatives. Der Verein „Africa Positive e. V.“ wurde gegründet, um ein differenzierteres Bild von Afrika und seinen Menschen zu zeichnen.  Das in Dortmund produzierte Magazin „Africa Positive“  arbeitet in eben diesem Sinne. Nicht etwa um Afrika pauschal rosig zu malen, sondern um Unterschiede sichtbar zu machen. Dass die meisten von uns in puncto Afrika pauschalisieren, geht nicht zuletzt (auch) auf die Kappe vieler unserer Medien zurück, die über die Jahre kaum etwas unternahmen, um das zu ändern. Veye Tatah macht den kritikwürdigen Umgang mit dem Thema Afrika u.a. am Beispiel des gestrigen Fußballspieles deutlich. Wenn der Kommentar zu einem Umdenken beitrüge, wäre das sehr zu begrüßen. (Claus-Dieter Stille)

Das Spiel Deutschland – Kamerun
Ein Kommentar von Veye Tatah, Chefredakteurin des Africa Positive- Magazines

Was hat uns dieses Spiel wieder einmal gezeigt? Das sich viele Deutsche mit den afrikanischen Kontinent nicht wirklich auskennen. Wie sonst ist es zu erklären, das der Bundestrainer Löw mit offensichtlichem Stolz erklärt, dass Kamerun genau so ist wie Ghana. Ja, stimmt, Kameruner und Ghanaer haben beide schwarze Haut, da kann man schon mal durcheinanderkommen…

Okay, Schwarze werden meist mit Sport in Verbindung gebracht (vor allem in den USA), in dieser Hinsicht liegen Sie schon mal richtig, Herr Bundestrainer. Nur beim Erkennen der klitzekleinen Menge an Unterschieden zwischen den Bewohnern der beiden westafrikanischen Nationen hapert es noch ein bisschen.

Weil ich so eine ganz nette Afrikanerin bin (übrigens, wir afrikanischen Frauen sind immer nett, wir kochen, tanzen, singen…), gebe ich mal ein bisschen Nachhilfe zum Thema interkulturelle Kompetenz.

Lieber Jogi, die Kameruner sind in erste Linie bissiger (wie man es von Löwen auch erwartet), die Ghanaer sind sanfter – und meistens religiöser (meistens Christen, das paßt doch gut zum christlichen Abendland, oder?).

Kulinarische Unterschiede: Die Ghanaer essen KenKey, Jelofrice, Banku, rote Bohnen und trinken Palmwein. Die Kameruner essen gegrillten Fisch, „Bâton de Manioc“, Ndolé, Sauce de Gombo und trinken viel Bier oder Rotwein – also wie die Deutschen und Franzosen.

Kulturelle Unterschiede: Die Ghanaer sind zwar gut im Azonto-tanzen, aber die Kameruner sind Weltmeister in Ndombolo, Bikutsi, Makossa, aber auch Azonto.

Die Ghanaer verbringen viel Zeit damit, mit ihren Ahnen ins Gespräch zu kommen. Ein Grund dafür, wieso in die dortigen Beerdigungszeremonien („Befitting Burial“) mehr Geld investiert wird als in lebende Menschen und laufende Geschäfte – also fast wie beim Sport…

Namensunterschied: Die Fußballmannschaft Ghanas heißt „Black Stars“, die Nationalmannschaft Kameruns heißt dagegen „Die Unbezähmbaren Löwen“.

Lieber Jogi Löw, Sie dachten, die deutsche Elf würde die „Unbezähmbaren Löwen“ genauso leicht wegpusten wie die „Black Stars“ aus Ghana? Sind denn diese Namen nicht eindeutig genug? Wie heißt es noch so schön: Nomen est omen (oder: Wer nach oben in die Sterne schaut, sieht nicht, wie ihn von unten die Löwen beißen…).

Nicht vergessen, Kamerun wird seit über 30 Jahren von einem „starken Mann“ regiert und ein Nachbarn Nigeria, welches die bevölkerungsreichste Nation des Kontinentes ist. Ja, und das ist das Land, von dem man zurzeit soviel von seiner größten menschlichen Waffe, „Boko Haram“, hört. Weitere kulturelle Einflüsse erhält Kamerun auch durch Zentralafrika, Tschad, Niger und Gabun.

Im Vergleich dazu ist Ghana eine aufstrebende Demokratie, doch mit Nachbarn wie Togo, Burkina Faso und der vibrierenden Elfenbeinküste, die auf dem Spielfeld schon ihren Mann stehen können.

Lieber Jogi Löw, wieso haben Sie mich denn nicht vorher gefragt, welche Nationen für das Deutsche Elf-Team passende Gegner abgäben?

Welche, die die Deutschen z. B. mit 5 zu 1 wegputzen könnten, hätte ich Ihnen schon empfehlen können. Es gibt da Länder, die liegen ganz weit von Ghana und Kamerun entfernt. Meine persönlichen Favoriten wären Süd Sudan oder Somalia. Diese Länder haben bisher andere Sorgen, als sich mit der Fußball-WM zu beschäftigen, sind also wohl auch nicht so in Übung. Als Gegner leicht genug für Ihre Jungs.

Liebe Journalisten, wer ein Fußballspiel gewinnen will, muss einfach mehr Tore schießen als der Gegner. Dieses Mal hatten wir ein schönes, ausgewogenes Spiel ohne Gewinner, die Jungs der Nationalelf haben also eigentlich noch Glück gehabt. Aber wenn sie sich mehr anstrengen, dann sind sie beim nächsten Mal nach dem Spiel nicht mehr so enttäuscht.

Gründe gibt es genug, warum die Deutschen nicht gewonnen haben. Manchmal ist das Fernsehen richtig lustig: Man kann sich zurücklehnen und die Meinungen der Kommentatoren genießen. Da war beispielsweise die Rede davon, das die Kameruner aggressiv waren und foulten, die Deutschen jedoch taktisch spielten – was wahrscheinlich soviel heißen wie planvoll, überlegen und einfach besser.

Die Deutschen haben auch nicht gewonnen, weil…

– das deutsche Trainingslager so unruhig war
– wegen des Unfalles mit dem Mercedes
– wegen des vielen Regens
– weil die Spielern psychisch angeschlagen waren
– und natürlich, ganz wichtig, weil ihnen die Beine noch vom Training wehtaten.

Lieber Jogi Löw, liebe Sportkommentatoren, es lohnt sich schon, sich mit den Ländern der sogenannter „schwarzen Kontinent“ zu beschäftigen. Afrika ist ein Kontinent im Wandel mit 54 Ländern, und es ist endlich Zeit, die  54 Länder Afrikas mit einem differenzierten Blick zu betrachten.

Auch die europäischen Fußballmannschaften sind nicht alle gleich. Spanier, Italien, Polen, Schweizer, Franzosen, Briten bilden zwar die Bevölkerung des sogenannten „weißen Kontinentes“, aber jede ihrer Mannschaften hat ihre eigene Art und ihren eigenen Stil, Fußball zu spielen.

Durch Fußball kann man eben auch etwas Geografie und Geschichte lernen. Mein heutiges Fazit lautet daher: Fußball verbindet!“

Information:

Africa Positive e. V. und Magazin „Africa Positive“

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