Georg Ringsgwandl beglänzte die Ruhrfestspiele Recklinghausen

BildGeorg Ringsgwandl bei seinem Auftritt in Recklinghausen; Fotos: C.-D. Stille

Kabarett hat neben der Theaterkunst stets einen festen Platz bei den Ruhrfestspielen. So auch in diesem Jahr. Dass sich die Leitung der Ruhrfestspiele immer auch um Brettl-Künstler bemüht, die noch nicht auf dem Grünen Hügel der Stadt Recklinghausen im blauen Kabarettzelt hinter dem Festspielhaus aufgetreten sind, ist dankens- und äußerst lobenswert. Vergangene Woche hatte man das Vergnügen mit dem Liedermacher Georg Ringsgwandl.

Der promovierte Mediziner, einst als Oberarzt in der Kardiologie tätig, gab sein Debüt bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen. Und er kam hochmotiviert, begleitet von Top-Musikern nach Recklinghausen. Was die Profis auf den jeweiligen Instrumenten an Tönen zum Klingen brachten – Daniel Stelter (Jazz-Gitarre, spielte im Bundesjugendjazzorchester, für Till Brönner, Helen Schneider, Lena Meyer-Landruth), Tommy Baldu (Schlagzeug, u.a. für Triband, Sebastian Studnitzky) und Christian Diener (Bassist, spielte für Wolfgang Haffner, Pee Wee Ellis, Chuck Loeb) – war echt sensationell.

Georg Ringswandl will es nach wie vor wissen

BildDass der inzwischen 64 Jahre alte Barde nun weitaus weniger schrill daherkommt wie einst, hat nichts mit seinem Alter zutun: Georg Ringsgwandl ist topfit. Und zeigt: Etwas, das man gern und immer wieder mit Freude macht hält körperlich und geistig jung.

Einleitend spricht Ringsgwandl vom Imagewandel, den ihn das Musikmanagement für die neue Scheibe sozusagen verschrieb. Das war amüsant. Die Erzählung des in der Heimat Murnau vorgenommenen Klamotteneinkaufs. Auch die Seitenhiebe auf die Schnodderigkeit des jugendlichen Verkäufers erntete zahlreiche Lacher. Nicht, dass es ein Beinbruch gewesen wäre: dieser Einstieg geriet ein wenig zu lang. Schwamm drüber!

Die Unsicherheiten des Künstlerlebens halten wach

Ringsgwandl will es nach wie vor wissen. Obzwar ihm seine ärztliche Tätigkeit Freude und Genugtuung brachte, trauert er dieser offenbar nicht nach. Vor Jahren war er noch einmal an seinen früheren Arbeitsplatz im Krankenhaus zurückkehrt. Als Aushilfsarzt. Doch abermaligen Appetit auf die Arbeit als Doktor  machte das nicht. Dieser ganze  bürokratische Apparat Gesundheitswesen! Damit, so Ringsgwandl, kann er nichts mehr anfangen.

Lieber dann die Unsicherheiten des Künstlerslebens. Einmal sagt Georg Ringsgwandl: „Wenn mir jemand jeden Monat 10000 Euro überweisen würde, das wäre ganz schlecht für mich. Meine finanzielle Unsicherheit hält mich wach.“

Das „Dschungel-Gewächs aus dem Glasscherben-Viertel“

Geboren in Bad Reichenhall nennt sich Ringsgwandl selbst ein „Dschungel-Gewächs aus dem Glasscherben-Viertel“. Sein Jugend war nicht einfach. Die Familie war arm. Der Vaters, einen Granatsplitter aus dem Zweiten Weltkrieg im Kopf behalten habend, war nicht einfach zu ertragen. In diesen „kleinen“ und wohl die Seele eines jungen Menschens berührenden und dessen Leben (vor-)zeichnenden Verhältnissen wuchs Ringsgwandl zu dem heran, was ihn heute ausmacht. Mit Humor meisterte er schwierige Lebensabschnitte. Er studierte Anfang der 1970er Jahre. Wurde später ein guter Oberarzt. Heute proftieren wir davon, dass er schlussendlich ganz zum Liedermacher wurde. Reminisenzen an frühere Aufritte: Er machte ziemliche Krachmusik, Punk, der ordendlich die Ohren wackeln ließ, also reinhaute und eckte – noch dazu in Bayern – nicht selten an. Grell geschminkt und auch mal in Frauenkleidern auftretend. Georg Ringswandl: „Nur Irre haben mein Zeug im Plattenschrank.“ – So what?

„Hühnerarsch sei wachsam!“

Gemessen an den einstigen Aufritten kommt Ringsgwandl heute beinahe serös daher. Was jedoch nicht heißt: langweilig. Im Gegenteil! Ringsgwandl ist einer geblieben, der durchaus weiter gegen den Stachel löckt. Sein Aufreten ist nach wie vor clownesk. Das Publikum hat seine Freude. Nicht nur, wenn er singt „Hühnerarsch sei wachsam!“ (vor dem was sich von hinten anschleicht) und die Band mitsingend einfällt: „Chicken Ass be watchful!“

Selbstironie

Georg Ringsgwandl nimmt sich gern auch selbst auf die Schippe. Nach dem bekannten Goethe-Satz handelnd „Wer sich selbst nicht zum Besten haben kann, der zählt gewiß nicht zu den Besten:  „Für die wirklich hohe Kunst bin ich zu primitiv, für die Popmusik zu kompliziert.“

Fluffiger Glanz

Die neue CD, das Programm auch, das es in Recklinghausen zu erleben gab, trägt den Titel „Mehr Glanz!“. Es kommt geradezu fluffig daher. Funk vom Feinsten. Die Instrumentalisten, die mit Ringsgwandl musizieren, sind ein wahrer Glücksfall für ihn und’s Publikum! Groovig verbreitet sich schallwellenartig der  im Programmtitel versprochenen Glanz im Theaterzelt der Ruhrfestspiele. „Mehr Glanz!“ lässt jedoch auch auf aufscheinen, dass in unserer Welt Glück und Leid verdammt dicht beisammen zu passieren pflegen. „Ruhm und Glanz sind öffentlich, nur das Elend ist privat.“ – Wie wahr!

Einmal mehr der berüchtigte Pfau

Wie konnte es anders sein: Auch der schon berüchtigte Pfau, im kleinen Tierpark hinterm blauen Chapiteau, schreit einmal mehr durchdringend in die Pause zwischen zwei Liedern. Ringsgwandl um eine Erklärung nicht verlegen: „Was ist das denn? Wird da jemand missbraucht?“

Betreffs der eignen Wirkung selbstironisch

Von Anfang an ist Ringsgwandl hörbar gemüht, das bayrische Idiom zu bezähmen – schad‘ für Bayrischfans. Gut für Menschen aus dem Ruhrpott.

Immer wieder Tragikomisches in seinen Liedern. Oder wieder Selbstironie betreffs der eignen Wirkung respektive Vermarktung: „Nicht mal die kleinste Brauerei int‘ressiert mein Konterfei.“ Und: „Nicht mal der Pferdemetzger glaubt, dass ich ihm Kunden zieh.“ Auch das: „Nicht mal die Linke freut sich, wenn ich Wahlkampf mach für sie. Mit mir, da krieg’n sie nicht mal vier Prozent.“

Gesellschaftskritisch: „So geht’s net!“

BildIm leichten Gewand kommt bissige Gesellschaftskritik im Titel „So geht’s net“ von der Brettl-Bühne herunter. Sie zielt auf die kriminellen Finanzjongleure unserer Tage: „Im warmen Büro sitzen, und fremdes Geld verblitzen, doch wenn die Kurse stürzen, dann wollns vom Staat a Spritzen, was sind denn das für Sitten: So geht’s net!“

Auch der „Gartennazi“ darf im Repertoire nicht fehlen: Das Denzunziantentum beißend geißelnd.

Herrlich skurril kommen einige der Texte daher. Sie lassen einen schallend lachen und bald darauf manches Mal beinahe an jenem Lachen fast ersticken. Zumindest aber machen sie Schlucken.

Zither statt Smartphone

Im zweiten Teil kommt dann auch die rechts auf der Bühne im Fastdunkeln „geparkte“ Zither zu Ehren. Augenzwinkernd empfiehlt Ringsgwandl Eltern heute auf ihren Smartphones allgegegenwärtig herumwischenden Kindern, zum Erlernen dieses Instrumentes zu ermuntern.

Bravo! Spitzentexte

13 Lieder beglänzten vergangene Woche die Ruhrfeststpiele Recklinghausen. Bravo! Spitzentexte, musikalisch hervorragend instrumentiert. Welch Liebeserklärung hier: „Ich habe keinen Sponsor, mich stützt keine Industrie. Ich steh mit dem Rücken an der Wand. Ich hab nur di.“

Mehr von diesem Glanz!

Fast vermisste ich den weitaus skurrileren, schrilleren, mit verrückten Kleidern und irre anmutenden Performances natürlich provozieren wollenden Georg Ringsgwandl der früheren Jahre ein bisschen. Doch bedenkt man’s ganz genau, ist Ringsgwandl sich im Innersten treu geblieben, nur eben ein wenig anders. Man mag es seriös nennen, gefällig ist sein Vortrag auch heute nicht. Ringsgwandl ist romantisch, bissig, gesellschaftskritisch und wie früher auch heute etwas ganz außergewöhnlich Spitzenmäßiges. Mehr davon, von diesem Glanz!

Wer Georg Ringsgwandl irgendwo erwischen kann: Nix wie hin! (Tourdaten) Diesen Tragikomik und viel Humor versprühenden bayrischen Philosophen sollte man erlebt haben. – Ein schöner Abend. Alles passte auf so wundervolle Weise.

Beschwingt, im Herzen berührt und geistig befeuert – nicht zuletzt auch nachdenklich – rauschte ich mit der Eisenbahn durch die westfälische Nacht über das für mich – aus hier nicht näher zu bezeichnen wollenden Gründen – unvermeidliche Wanne-Eickel zurück nach Dortmund. Glänzend!

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