Tjerk Ridder mit „Anhängerkupplung Gesucht!“ im Herman-van-Veen-Artscenter

BildTjerk Ridder am Schluss seines multimedialen Bühnenprogramms „Trekhaak Gezocht!“ am vergangenen Sonnabend auf der Bühne des Herman-van-Veen-Artscenter; Foto: Stille

De Paltz. Mitten im Wald. In einem Park, mit einer alten Villa aus dem Jahre 1867 darin. Zu welcher durchs Grüne ein langer Weg führt, der  auf einer aus knirschendem Kies bestehenden Hausvorfahrt vor einem herrschaftlichen Treppenaufgang ausläuft, taucht im Dunkel des Abends gleich linker Hand ein kleiner Kulturtempel – transparent mit seitlichen großen Glascheiben – auf. Dass das Gebäude früher eine Scheune war, ist höchstens noch zu erahnen. Das hundertfünzig Jahre alte einstige Landgut liegt in Soestduinen, unweit von Soest (Niederlande). Etwa 25 Kilometer von Utrecht entfernt beherbergt es seit Kurzem erst das „Herman van Veen Arts Center“. Kein Schild weist daraufhin. Weder am zweiflügeligen Haupttor, noch am hinteren. Selbst der Taxifahrer ist zunächst ahnungslos. Was dem Rezensenten etwas kostet: Taxen sind nicht gerade billig in Holland. Nach einem Anruf öffnet sich das gusseiserne Haupttor von unsichtbarer Hand gesteuert lautlos und geheimnisvoll. Fast wie im Film …

Betreffs der Kultureinrichtung und dessen einstiger Funktion, kommt mir der Begriff „Kunstscheune“ in den Sinn. Der Vorgängerbau des Stadttheaters meiner Heimatstadt Halle trug einmal diesen Namen.

Das Herman-van-Veen-Artscenter möchte Talente fördern

Nette, ehrenamtlich tätige Frauen und Männer – die guten Geister des Abenddienstes auf De Paltz – erkären mir in der Küche im Keller der früheren hochherrschaftlichen Villa bei Kaffee und Spekulatius die Idee, die hinter dem Herman-van-Veen-Artscenter steckt. Der großartige, vielseitige und auch in Deutschland seit Jahrzehnten bekannte und beliebte niederländische Künstler Herman van Veen hat gemeinsam mit der Gitarristin Edith Leerkes, die Villa, umliegende kleinere Gebäude und ein großes Arreal Land von der Provinz gekauft. Das Landgut De Paltz soll jungen Künstlerinnen und Künstlern als Podium dienen. Herman van Veen möchte Talente fördern. Einen freien Verkauf für Veranstaltungen im Kunstzentrum gib es indes nicht. Interessierte können sich einen Stuhl für drei Jahre und zum Preis von 1200 Euro kaufen. Womit das Recht erworben wird, alle Vorstellungen oder Ausstellungen welche dort veranstaltet werden, zu besuchen. Stuhlbesitzer können aber ihren Platz auch an andere verschenken. Stück für Stück soll das Herman-van-Veen-Artscenter weiter renoviert und ausgebaut werden.

„Anhängerkupplung Gesucht!“ und die damit verbundene Metapher

Letzten Sonnabend spielte der Niederländer Tjerk Ridder im Herman-van-Veen-Artscenter. Im Jahre 2010 ging Ridder mit dem Projekt „Trekhaak Gezocht!“ („Anhängerkupplung Gesucht!“) von Utrecht aus auf eine ganz besondere Tour. Mit einem Campinganhänger. Ohne Zugmaschine. Die musste er sich jeweils unterwegs suchen. Und somit Leute finden, die ihn und seinen Eriba-Campingwagen anhaken und ein Stück des Wegs ziehen. Dem Ziel, Istanbul, entgegen. Dieses Projekt sollte die Metapher „Man braucht andere, um voranzukommen.“, transportieren. Ich schrieb damals darüber (hier).

Tjerk Ridder, zusammen mit seinem Freund Peter Bijl, erlebten eine Menge kleinerer und größerer Abenteuer auf dem Weg von Utrecht nach Istanbul und zurück. Die Erfahrungen waren im Nachinein betrachtet rundum positiv. Natürlich gab es hier und da auch mal Schwierigkeiten. Manchmal schien es nicht weiter zu gehen. Dennoch trafen die beiden Niederländer – nicht zu vergessen Hundchen Dachs! – viele interessante und hilfsbereite Menschen und lernten gleich mehrere Länder sowie viele Städte und Dörfer kennen. Musiker und Theatermacher Tjerk Ridder verarbeitete das Abenteuer in Liedern und Texten. Auch ein Buch entstand zum und übers Projekt. Vergangenes Jahr kam es auch auf Deutsch heraus (hier).Herman van Veen schrieb das Vorwort dazu. Wer eine Reise tut, kann etwas erzählen, sagt der Volksmund.

Multimediales Bühnenprogramm „Trekhaak Gezocht!“

Tjerk Ridder tut das seit einiger Zeit auch mittels eines multimedialen Bühnenprogramms. Nun stand es auf dem Programm vom Herman-van-Veen-Artscenter. Warmes Licht empfängt die Zuschauer, die auf transparenten Plastiksesseln im Innern der „Kunstscheune“ platzgenommen haben. Alle Plätze sind besetzt. Auf die Leinwand ist das Coverfoto des Buches „Trekhaak Gezocht!“ projiziert. Es zeigt den Wohnwagen und Tjerk Ridder, welcher an einer Chaussee die Hand trampen ausgestreckt hat.

Matthijs Spek begleitet einfühlsam auf der Gitarre

Dann betritt Tjerk Ridder mit Dackel Dachs auf dem Arm von hinten durch eine Gasse neben den Stuhlreihen den Theaterraum. Dachs wird in ein Körbchen im hinteren Bereich der Bühne gesetzt. Ridder ergreift die Gitarre. Die Reise von Utrecht nach Istanbul kann losgehen. Einfühlsam wird Ridder vom Gitarristen Matthijs Spek begleitet. Wenn Tjerk Ridder von einer Situation auf der Reise berichtet, wenn eine Videosequenz auf der Leinwand zu sehen ist, illustriert dies Spek musikalisch sanft aber dennoch ausdrucksvoll akzentuiert auf seinem Instrument. Es ist wie bei einer guten Filmmusik, die den jeweiligen Szenen ein ganz bestimmtes Fluidum verleiht. Eine Musik, die gar nicht da zu sein scheint, aber dennoch eine unverzichtbare Rolle spielt, ohne die der Film die Wirkung, die er mit ihr hat eben nicht hätte. Vergleichbar vielleicht mit einem vorsichtig eingesetzem Gewürz in einer Speise, das nicht vordergründig herauszuschmecken ist, das Gericht aber erst zu einer ganz besonderen Gaumenfreude werden läßt.

Unterwegs kann zu Hause sein

Das Bühnenprogramm an diesem 22. Februar 2014 inmitten von Herman van Veens Kunst- und Gartenreich ist auf Niederländisch. Ihm zu folgen fällt mir dennoch nicht schwer. Zumal ich viel über dieses Projekt weiß und die Lieder auch auf Deutsch kenne. „Unterwegs“, singt Ridder als einziges Lied an diesem Abend auf Deutsch. Fast mochte ich mitsingen. Weil es so stimmig ist. Der Inhalt in Kürze auf einen Nenner gebracht: Unterwegs kann zu Hause sein. Unterwegs ins Leben hinein. („Unterwegs“, gesungen von Tjerk Ridder; via Youtube/Peter Bijl) Wie einfach. Wie passend zugleich. Auf die Anhängerkupplung-Gesucht!-Tour, wie aufs Leben eines Menschen im Speziellen.

Träume in Dosen und die „Zerschossene Stadt“

Orte der Reise scheinen in bewegten und und unbewegten Bildern auf. Tjerk erzählt die erlebten Geschichten dazu. Menschengesichter tauchen auf. Leute sind zu sehen, die von Ridder während der Tour aufgefordert werden ihre Träume aufschreiben. Ridder dost sie ein, versieht die Konserven mit einem Haltbarkeitsdatum. Dieses signalisiert den Tag an welchem die Menschen hoffen, ihr Traum könnte in Erfüllung gegangen sein. Dann sollen sie die Dose öffnen und ein Fazit ziehen. Immer wieder gibt Tjerk Erlebnisse zum Besten, die das Publikum zum Schmunzeln aber auch zum Lachen bringen. Dann wieder wird es still und die Menschen machen nachdenkliche Gesichter. Da, etwa, wenn in einem von Tjerk und Peter besuchten Ort auf dem Balkan die Spuren von Einschüssen in Fassaden einst so schöner Häuser, wenn Ruinen, zu sehen sind aus Zeiten des jugoslawischen Bürgerkrieges („Zerschossene Stadt“) zu sehen sind. An den wir uns erinnern. Natürlich fragten sich Tjerk und Peter: Was hat dieser Krieg mit den Menschen in diesen Orten, in diesen Häusern gemacht? Häuser sind kaputt oder renoviert. Die Menschen leben – müssen mit ihrem schlimmen Erlebnissen weiter leben. Wie sang doch einst Udo Lindenberg: Ein Herz kann man nicht reparieren. Erst recht nicht eine verwundete Seele! Waren die Menschen aus diesen Städten und Dörfern Täter oder Opfer? Oder sogar beides?

Man braucht andere, um voranzukommen. Auch auf der Straße des Lebens

Ein Filmstück – die Szene da Tjerk Ridder des Abends oder nachts an einer Tankstelle auf dem Balkan steht und sich offensichtlich niemanden findet, der sie an sein Auto haken will – bekommt man momentan das Gefühl, das sei zu lang geraten. Aber schon bald – und wieder ist es auch die untermalende, die Situation skizzierende, musikalische Begleitung des Matthijs Spek, die einen nur Minuten später zu einer wieder ganz anderen Bewertung kommen läßt. Hierin und im abgefilmten Gesichtsausdruck Tjerk Ridders bekommt der Betrachter nämlich einen gewissen Begriff davon, wie sich dieser in jener Situation wohl gefühlt haben muss. Schließlich ist es ein schrecklicher Gedanke womöglich nicht mitgenommen zu werden. Dass sich da vielleicht im Bauch ein Gefühl der Entmutigung breitzumachen versucht. Da ist es wieder: Man braucht andere, um voranzukommen. Wie sehr stimmt das erst auf der Straße des Lebens!

Das multimediale Bühnenprogramm macht die dem Projekt zugrunde liegende Idee förmlich erfahrbar. Auch weil man selbst gar nicht dabei, unterwegs, mit Tjerk Ridder, Peter Bijl und Dachs war. Die Hauptfrage der Protagonisten während ihrer Reise: „Entschuldigen Sie, haben sie vielleicht eine Anhängerkupplung?“ Hinter der „Wohnwagenmetapher“ steht ja immer auch die Frage: „Bist du offen dafür, deinen Weg zu ändern?“

Mit dem Herzen sehen

Nur die jeweilige Landessprache hält – das Teil betreffend, worauf es ankommt, um weiter zu kommen – immer andere Worte bereit. Der Gedanke dahinter bleibt der gleiche. Trekhaak. Anhängerkupplung. Kuka. Das sind ja nur technische Begriffe jeweils anderer Zunge. Der springende Punkt ist jedoch: Man braucht andere, um voranzukommen. Wichtig ist das Menschliche. Es gilt das eigene Herz und andere Herzen für Neues zu öffnen. Wie schrieb doch Antoine de Saint-Exupéry in „Der kleine Prinz“ so einfach wie richtig: „Man sieht nur mit dem Herzen gut“ und beklagte damit das einseitige Denken der „Großen Leute“.

Das großartige Projekt „Anhängerkupplung Gesucht!“ führt uns vor – auch wenn wir selbst nicht dabei „on the road“ waren: Mögliche Vorurteile abbauen, Grenzen überwinden (nicht nur im geografischem Sinne) ist machbar. Etwas lernen von anderen und über andere, ist bereichernd. Seine Träume zu leben beginnt damit, sie zu formulieren. Tjerk Ridder spricht am vergangenen Sonnabend auf De Paltz von einen Franzosen, dessen Foto in dem Moment auf der Leinwand eingeblendet wird, welchen sie auf der Tour trafen. Der hat sich nach der Pensionierung als Erstes ein Fahrrad gekauft. In ihrem Buch bezeichnen ihn Ridder und Bijl als „Seelenverwandter Zweiradfahrer“. Guy, so der Name des Franzosen, wollte von der Quelle der Donau bis zur deren Mündung ins Schwarze Meer strampeln.

Der europäische Gedanke wohnt in „Anhängerkupplung Gesucht!“

Man muss überhaupt nicht bescheiden sein: Was das Projekt „Anhängerkupplung Gesucht!“ in praxi lebte, dürfte sehr in Übereinstimmung stehen mit dem eigentlichen europäischen Gedanken. Dieser Grundgedanke wohnt quasi in Ridders Idee. Dem wir uns wieder oder endlich einmal wirklich zu eigen machen sollten. Jetzt wo die Finanzmärkte die EU beuteln, Austeritäspolitik Armut verursacht und Demokratieabbau zu befürchten ist. Gerade da sollte doch mehr denn je gelten: Zusammenstehen, den Nachbarn mitnehmen: Einander an- und unterhaken! Jeder braucht andere, um im Leben voranzukommen. Simpel und doch so wahr! Das zu leben, heißt nicht zuletzt Verständnis für die Verhältnisse des jeweilig anderen Mitmenschen aufbringen. Gemeinsam friedlich leben. Und den Frieden bewahren. Und Tjerk Ridder hat es selbst erlebt: So verschieden sind die Menschen in unterschiedlichen Ländern gar nicht. Auf der Bühne vom Herman van Veen Artscenter musste er abermals daran denken, wie Manche ihm vor der Reise hatten Ängste einreden wollen. Vor dem Balkan. Und den schlimmen Sachen, die ihm da geschehen könnten. Heute kann er darüber nur noch schmunzeln. Es geschah ja gerade das Gegenteil. Viele herzliche, warme Begegnungen wurden den Protagonisten des Projektes auf der Reise zuteil, erzählt der Utrechter seinem Publikum. Und Tjerks Augen strahlen dabei.

Ridders Programm machte Tour und dahinter stehendem Gedanken nacherlebbar

Eine schöne Erfahrung, dieses mulitmediale Bühnenprogramm im gemütlichen Herman-van-Veen-Artscenter unweit des niederländischen Soest. Die Wärme, die Tjerk Ridder und Matthijs Spek von der Szene ausstrahlten, hatte das Publikum ergriffen. Ab und an las man in deren Gesichtern aber auch ein Anflug von Nachdenklichkeit, wenn Ridder Geschichten von der Reise vortrug, die zu Herzen gingen oder in denen Melancholie mitschwang.

Um zu Herzen zu gehen, meine ich, ist dieses einzigartige Projekt – das es in Buchform (mit beilegter DVD) und multimedial als Bühnenprogramm (auch auf Deutsch) gibt – geradezu geeignet. „Man braucht andere, um voranzukommen“ – das macht auch das Bühnenprogramm auf sympathische Weise unaufdringlich deutlich und vor allem: Im Nachhinein nacherlebbar.

Die Zeit vergeht während der Aufführung wie im Fluge. Die Reise mit Tjerk Ridder und Matthijs Spek von Utrecht bis nach Istanbul und wieder zurück, wird fesselnd erzählt. Tausende Kilometer im Nu zurückgelegt. Zum Schluss meldet sich dann Hundchen Dachs mit lautem Gebell aus seinem Körbchen in der Ecke hinten auf der Bühne zu Wort: Er musste wohl eine „Wurst“ machen. Matthijs Spek tauscht seine Gitarre, die er virtuos beherrscht, gegen den Dackel und trägt ihn hinaus aus Herman van Veens „Kunstscheune“ ins Dunkel der Nacht und dessen Naturreich. Das Multitalent Van Veen, so war zu hören, konnte zur Aufführung leider nicht da sein. Er weilte zu einem Gastspiel in Belgien. Van Veen will einen Besuch des Programms aber wohl bald nachholen. Tjerk Ridder beschließt den unterhaltsamen wie nachdenklich machenden Abend, indem er sich den Fragen der Zuschauerinnen und Zuschauer stellt.

Gastspiele in Deutschland, Österreich und der Schweiz wären dem Programm zu wünschen

Übrigens soll es bereits auch in Deutschland Interesse am von mir in den Niederlanden gesehenem Bühnenprogramm geben. Freilich müsste sich hierzulande erst einmal eine Agentur finden, die das organisierte. Dem potentiellen Publikum wie auch den Akteuren von „Anhängerkupplung Gesucht!“ wären Gastspiele hierzulande oder auch in Österreich und der Schweiz zu wünschen.

Zu seinem Aufenthalt im Ruhrgebiet im Kulturhauptstadtjahr 2010 und auf der Essener Zeche Zollverein schrieb Tjerk Ridder kürzlich den Text „Tief-be-Ruhr-t“.

Kontakt zum Management von „Trekhaak Gezocht!“ in den Niederlanden: boekingen@trekhaakgezocht.com

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